7 auf einen Streich – Hallelujah!

… aber lasst uns das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Leerreich war dieser Jubiläumsabend zum 50. Themenbeauftragten am 24. April 2017 im Zimmer 16 allemal, und er gehört nicht weggekärchert aus der nach vorn offenen Geschichte von SoNochNie. Geflucht wurde weder auf der Bühne noch im Publikum, was dem feierlichen Anlass nur angemessen war, und auch die sonst gelegentlich zu beobachtende Pausenflucht blieb trotz einer textlichen Leerstelle unmittelbar davor erfreulicherweise aus. Nachdem im zweiten Teil geklärt wurde, wer wen im Bus gesehen hatte und ob Wunderwerke der Technik wirklich immer so wunderbar sind, entfuhr uns allen ein erleichterter Stoßseufzer: Geschafft – Hallelujah!

Das war’s schon? Halt, dazu gibt’s doch noch viel mehr zu sagen! Zum Beispiel, dass unser treues Publikum das Zimmer 16 gut gefüllt und uns die Crew des Hauses mit Licht, Tontechnik und Getränken kraftvoll unterstützt hat – besten Dank dafür noch mal an dieser Stelle! Auch unser Moderator Leovinus ist zu erwähnen. Er hat nicht nur unterhaltsam durch den Abend geführt, sondern zu jedem Text sogar eigens einen Limerick verfasst und vorgetragen. Zwischendichtungen gewissermaßen, die für einige Heiterkeit sorgten. Dokumentiert wurde unser Jubiläum auch: fotografisch von Michael und Ulrike und darüber hinaus erstmals zeichnerisch – eine Premiere, die uns ehrt – vom bekannten Pankower Illustrator Christian Badel – danke sehr! Und schließlich: Was wäre dieser Abend ohne unsere sieben Themenbeauftragten gewesen? Bühne frei – hier sind sie mit ihren ganz unterschiedlichen Texten:

Frank machte wie schon so oft den Anfang. Leerreich lautete sein Thema und Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug der Titel seines Textes. Der Ich-Erzähler trifft in der Oper – Wagners Parsifal wird gezeigt – einen älteren Herrn, der ihm sogleich sein familiäres Problem überstülpt: Die Enkelin Querida will von ihm ein Auslandsjahr finanziert bekommen. Eine Unverschämtheit! Der Erzähler sieht das anders. Er würde Querida das Geld geben, denn allein ihr Bittbrief sei eine Form von Zuwendung und da müsse man mit wachsenden Jahren vom Nachwuchs nehmen, was man eben kriege. Das Argument stützte Parsifal höchstselbst: „Er berührte die Wunde mit dem Speer, der sie einst schlug, und sie heilte.“ Ob das für’s Publikum lehrreich war? Aufgepasst: Leerreich hieß das Thema, und der Hintersinn war durchaus ehrenurkundenwürdig.

Maik fühlte sich vor zwei Monaten mit dem Thema Kärcher gut versorgt und brachte mit zwei kurzen Gedichten unsere 15-Minuten-Literat-Uhr nicht mal ansatzweise in Sandnot. Das erste, schlicht Kärcher genannt, begann „Signalgelb auf Schwarz“ und befasste sich mit der von eben jenem Gerät unterstützten beruflichen Reinigung. Privat zog der Dichter allerdings den guten alten Scheuerlappen vor. Aber Kinder müssen doch … raus, sagst du, stellte das zweite Gedicht fest, in dem gefährliche Autos auf der Straße als kärchernde Kinderfresser lauern und der Dichter sich besorgt an gute alte Sicherheiten erinnert: „Zu meiner Zeit wurden wir als Kinder noch an ganz kurzer Leine gehalten.“ Auch an Maik ging dafür die Ehrenurkunde.

Ulrike, extra aus Chemnitz angereist, hat sich beim Thema Fluch und Flucht für die präzise Seelenerkundung einer Juliane entschieden, die sich von klein an innerlich als Julius fühlt und nach einem langen, schwierigen Weg per Geschlechtsumwandlung auch äußerlich zu ihrer wahren Identität – nun als Julian – findet. „Juliane, das ist mein erster Name. Der erste Vorname meines ersten, falschen Lebens“, lud Ulrike uns in ihren Text ein. Von einer Kindheit voller Schreie, erst lauter, später stummer, war die Rede, von mit Binden abgeschnürten Brüsten und Eltern, die ihre Tochter für lesbisch hielten. Vom Fluch, im falschen Körper zu stecken und der Frage, wann die Flucht begann: als sie ihre Puppe vernachlässigte, im Kindergarten den Jungs nacheiferte, die ersten Tabletten schluckte? Und schließlich die Erkenntnis, dass es eben doch keine Flucht war, sondern eine Befreiung. „Und zum ersten Mal kann ich mir selbst in die Augen schauen und Ich sagen. … Eine Vergangenheit habe ich nicht, aber ich habe mich, und das hat ja wohl lange genug gedauert.“ Danke, Ulrike, für diesen berührenden Text! Die Ehrenurkunde versteht sich von selbst.

Michael, mit zehn Einsätzen der Rekordhalter unter den Themenbeauftragten – Glückwunsch dazu! – lieferte, mit der Vorbemerkung, er probiere gern neue Sachen aus, in lyrischer Prosa eine Leerstelle. „Fast ist es noch Nacht heute Morgen“, begann sein Text. „Wir sind nicht zu Hause angekommen. Ich nicht und du nicht.“ Und da deutete sich schon an, welch bedrückendes Thema er gewählt hatte: den plötzlichen Tod. Lebend zur diesseitigen Tür des Krankenhauses hinein, tot zur jenseitigen hinaus. Dazwischen die unfassbare Feststellung „Du bist verschwunden. Ist das alles, was du bist?“ Wie kann ein Abschied gelingen, wo man doch nur mal eben kurz auf den Schlüssel aufpassen sollte? „Was mache ich … … … mit dem Schlüssel?“, bleibt der Erzähler rat- und fassungslos zurück. Das Experiment? Die Pausen, die Michael beim Lesen ließ. Inhalt und Form Hand in Hand. Gut, das du gern Neues probierst und uns daran teilhaben lässt! Die Ehrenurkunde ist dein.

In der wohlverdienten PAUSE wurden fleißig Themenzettel beschrieben, aus denen anschließend nur ein einziger gezogen wurde. Augenaufschlag wird das Juni-Thema von Cordula sein, die sich zum ersten Mal mutig dem Auftrag stellt. Im Lostopf blieben folgende Themen zur freien Inspiration für alle anderen (in Original-Schreibweise übernommen!): Ein echter Fiesling, FUSSSTAPFEN, Lichtgestalten, STEINLAND, Schneckentempo, Joachim, Heilbronn, Kiez König for ever!, Tee-Nager, Das Gummiband, Stadien der Wehmut, Zieh ihn bitte wieder raus!, SCHEE IM JUNI, Sturzgeburt, Kontrollverlust, Themenbeauftragte., Buttersäure.

Auch nach der Pause erwartete uns ein Experiment: Max wurde per Handy live aus Braunschweig zugeschaltet, während sein zweidimensionales Konterfei hinterm Lesetisch posierte. Passend zum Thema Ich habe dich im Bus gesehen untersuchte Max Sehgewohnheiten: „Ich habe mich im Spiegel gesehen. Ich habe mich im Schaufenster gesehen. Ich habe mich in der S-Bahn-Scheibe gesehen.“ Auch bei ihm eine Erkundung zwischen Ich und Du. „Ich habe mich verpasst. Wir trafen uns nicht in der Mitte“, schloss er seinen vieldeutigen, melancholischen Text und bekam dafür … na? … eine Ehrenurkunde.

Wunderwerk der Technik war Thema und Titel meiner (Angelas) Geschichte. Isa, die sich in ihrem überschaubaren Leben als Lokalredakteurin eingerichtet und darüber vergessen hat, dass sie mal eine berühmte Radiojournalistin werden wollte, erinnert sich dank einer SPLIFF-Schallplatte auf dem Flohmarkt ihrer ersten großen Liebe Philipp, seinerzeit E-Gitarrist mit dem Zeug zum Star. Nicht nur die große Liebe, schon der erste Kuss scheiterte an unüberbrückbaren Differenzen im Musikgeschmack, denn Isa stand auf ABBA. Aus einer Laune heraus schickt sie Philipp die Platte und … bekommt einen MP3-Player zurück, auf dem sich ABBA und SPLIFF im trauten Duett finden. Wäre das nicht auch eine Option für sie beide?, stellt Philipp in den Raum, als er vor ihrer Tür auftaucht. Nein, er ist kein Rockstar geworden. Und nein, sie hat den Pulitzer-Preis noch nicht gewonnen. Aber … ist es wirklich schon zu spät für ihren alten Traum? Isa verzichtet auf das Wunderwerk der Technik, das sie beide vielleicht doch noch hätte vereinen können und wagt ein ganz untechnisches Wunder: den Neuanfang. Auch dafür gab’s die Ehrenurkunde.

Zuletzt entführte uns Leovinus mit Hallelujah ins Reich seiner schrägen Phantasie. „Sagen Sie, junger Mann, wo drücke ich denn, wenn ich in den Fünften will?“, erkundigt sich ein mysteriöses altes Mütterchen im Kaufhaus und bietet dem Erzähler Kirschkuchen an. Weil der ablehnt, wünscht sie ihm ein Halleluja in den Bauch. Das muss rausgeschnitten werden, sagt der Arzt. Der Erzähler sträubt sich, denn die Alte hatte ihn gewarnt: Wenn Sie es rausschneiden lassen, holt Sie mein Sohn! Als der Geplagte aus der Narkose erwacht, ist er wieder im Fahrstuhl. Neben ihm ein Junge mit leuchtend blauen Augen, der die Sense schwingt. Auf alte Mütterchen ist eben Verlass. Und auf die Ehrenurkunde auch.

So, das war’s jetzt aber wirklich zu diesem rundum gelungenen Jubiläumsabend! Nein, doch noch nicht ganz? Ich höre, da freut sich schon die nächste offene Lesebühne SoNochNie am 22. Mai 2017 auf frische Texte und reichlich Publikum. Also: Seid wieder dabei!

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TB#50: Themen & Beauftragte des April, Teil1

Die Lesebühne im April wird keine Offene sein, denn zum – Achtung! – fünfzigsten Mal werden wir unser Alleinstellungsmerkmal auf die Bühne bringen: Themenbeauftragte. Zum besonderen Anlass hat unser Publikum im Februar statt einer/einem ganze SIEBEN davon mit je einem Thema für den 24. April beauftragt. Im Abstand einiger Tage stellen wir die sieben KünstlerInnen und ihre Themen vor.

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Angela Bernhardt

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So-noch-nie-Aktivistin der ersten Stunde, Autorin von Kinderbüchern und Kurzgeschichten, stellt sie sich als erste in den Reihen des Kernteams ihrem Publikumsauftrag, welcher lautet: „Wunderwerk der Technik“. Da Wunderwerke unter Angelas Werken nicht gerade selten sind, dürfte ihr dieser Auftrag einigermaßen liegen.


In wenigen Tagen erfahren Sie hier, mit welchem Thema Leovinus beauftragt wurde. Und: Halten Sie sich den Abend des 24. April frei für TB#50!

TB#50: Die April-Lesebühne wird ein Jubiläumsfest

Sie schreiben im Auftrag des Publikums

An einem Montagabend Anfang 2013 sammelte der Moderator der Offenen Lesebühne im Zimmer 16 erstmals kleine Zettel vom Publikum ein und warf sie in eine Schale. Auf den Zetteln standen Worte wie: „Frühling“, „Droge“, „Eis am Stil“, „Hörprobe“, „Die Hüftgelenksprothese aushebeln“ oder „Fangzahn“. Aus diesen „Themen“ wurde eines gezogen und einem Freiwilligen in die Hand gedrückt. Der Auftrag: Schreibe bis zur übernächsten Lesebühne darüber einen Text! Seither wird das Ritual jeden Monat vollzogen, und was dabei an überraschenden, ergreifenden, experimentellen und witzigen Texten zwischen Prosa und Lyrik das Licht der Welt erblickte, macht die Organisatoren von So noch nie durchaus stolz. Besonders wenn in diesem April schon zum fünfzigsten Mal „Themenbeauftragte“ auf der kleinen Bühne in Pankow stehen werden.

Zum 50. gibt‘s 7

Zur Feier dieses Jubiläums wird es aber nicht eine oder einer sein, sondern ganze sieben Autorinnen und Autoren, die zwei Monate zuvor vom Publikum beauftragt wurden – die Kernautoren von So noch nie, Angela Bernhardt, Leovinus, Frank Georg Schlosser, Michael Wäser und Ulrike Warmuth, sowie die beiden Gäste Maik Lippert und Max Ludwig. Diese beiden allerdings hatten sich nicht freiwillig gemeldet, sondern waren – ausnahmsweise – ganz dreist ebenfalls ausgelost worden. Wie viele Besucher der monatlichen Werkstatt-Lesebühne sind sie selbst Autoren und Stammgäste bei So noch nie. Auf alle sieben wartet bei erfülltem Auftrag donnernder Applaus und eine der heiß begehrten Ehrenurkunden.

Überraschungen mit Ansage

So stehen zwar die Autorinnen und Autoren sowie ihre Themen schon fest – aber was ihnen einfällt zu „Wunderwerk der Technik“, „Halleluja“, „leerreich“, „Leerstelle“, „Fluch und Flucht“, „Kärcher“ und „Ich habe dich im Bus gesehen“, wird das literaturinteressierte Publikum erst am Abend des 24. April im Zimmer 16 erfahren.

Beginn: 20 Uhr (Einlass ab 19.30 Uhr, Eintritt: pay what you want, but pay) im Zimmer 16, Florastr. 16, Pankow. Bleiben Sie dran – in rascher Folge werden wir hier bis zur Lesebühne alle Themenbeauftragte des April und ihre jeweiligen Themen vorstellen.

… und dann so was!

Kein Trump, keine Merkel!, bat Moderator Leovinus zu Beginn unserer 104. offenen Lesebühne SoNochNie, die an diesem 28. November 2016 ungewohnt pünktlich begann. Sechs AutorInnen hielten sich strikt daran, die siebente nicht. Was für ein Schock!

02_s0056305Wie üblich begann alles mit dem Beauftragtenthema: „Kassenarzt“, von Petra fantasievoll ausgestaltet. „Überall Zahlen“ hieß ihr Text, in dem ein gewisser Dr. Stöhr von einer ebenso fischnamigen Patientin Frau Plötz dazu bewegt wird, sich wieder mehr den Menschen zu- und von den überall herumwabernden Zahlen abzuwenden. Zu diesem Zweck trägt er s04_s0146352eine Patientenzahlenregistrierkasse auf den Gehsteig und reinigt nebenbei seine Praxis mit einem ausgeklügelten System von der Zahlenflut. Die Herrschaft der allumfassenden Kasse stellt er nicht in Frage, doch der Versuch, den Menschen hinter den Zahlen wieder näher zu kommen, sei ihm hoch angerechnet. Ein Schelm, wer Parallelen zum realen System ausmacht. Alles in allem eine verblüffende, originelle Idee, mit dem Auftragsthema umzugehen, befand die anschließende Diskussion. Um unsere großartige neue Urkunde und das zugehörige Foto kam Petra natürlich nicht herum.05_s0166361

Auf Petra folgte Matthias mit „Begegnungen am Stadtrand“. Ein älterer Mann auf dem Weg zum regelmäßigen Golftraining, ein junger Rumäne, der von seiner anstrengenden ‚Dienst-am-Kunden‘-Nachtschicht zurückkehrt und ein sechsjähriges Mädchen auf der Suche nach einem Weggefährten. Kurze Begegnungen am Rande der Stadt. Stimmungsbilder wollte er zeichnen, sagt Matthias, und das ist ihm nach Meinung des Publikums auch gut gelungen.

07_s0246400Mit Anita begann der Advent im Zimmer 16. Ihr gleichnamiger Text erzählte ganz aus der Perspektive einer alten, vermutlich dementen Frau auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Einfühlsam und stimmig, wie die Mehrheit der Zuhörer fand. Ob es die Auflösung mit dem Tod der Dame und damit den Sprung aus der Subjektiven gebraucht hätte, blieb allerdings umstritten.

Kurios, dass sich das Los gleich darauf noch einmal für den Advent und damit für meine11_s0346461a Kurzgeschichte entschied, in der eine Zehnjährige in der Vorweihnachtszeit versucht, einen Zugang zu ihrem depressiven Vater zu finden. Ein schweres Thema, das ich dennoch gern für Kinder erzählen wollte. Die große Mehrheit der Zuhörenden hielt das für zumutbar und – gerade wegen der poetischen Bilder – auch für gelungen.

Dann war erst mal Pause. Wie üblich wählten wir unmittelbar davor den Themenbeauftragten, und zwar für die Januar-Lesebühne. Glückwunsch, Frank, du wirst ein weiteres Mal in die Annalen der SoNochNie-Geschichte eingehen. (Vermutlich hat dich die Urkunde gelockt.) Wir sind gespannt, was du aus Thema Nummer eins: „Ausgebrochen“ machen wirst.

Wer noch eine Anregung für den nächsten eigenen Text sucht – wie wär’s mit: „Banderole“, „In eine Melancholie muss man sich fallen lassen“, „Lawine“, „Rachebeschleunigung“, „Kurzschrift“, „Ja!Jaguar Jan!UAR!“, „Tortenschlacht“, „Das … Ende guter Vorsätze“, „Leichtmetall und Schwermut“ und „Aufweichung“. Los geht’s!

Im April 2017 feiern wir übrigens schon wieder ein Jubiläum: den 50. Themenbeauftragten. Dazu werden wir uns natürlich etwas ganz Besonderes einfallen lassen und euch an dieser Stelle weiter auf dem Laufenden halten.

13_s0516602Nach der Pause hat uns Frank wieder einmal in seinen Roman „Der Richter und der Fluch der Furie“ hineingezogen. Der Ausschnitt begann ein wenig trocken, weil schwarz- und rothaarlastig, entwickelte sich aber zunehmend konfliktreich und spannend. Die junge Tadschikin Summaya, die sehr erfolgreich Kleider entwirft, erzählt ihrer Kollegin und Freundin Marjorie auf dem Weg zum Markt aus ihrem früheren Bürgerkriegsleben und wartet dringend auf einen Anruf. Doch auf einmal muss sie umkehren und sich, so die Vermutung, den Geistern ihrer Vergangenheit stellen. Das Publikum war voll dabei.

Ungewöhnliches bot diesmal Wolfgang mit einer echten Geschichte, die uns anfangs alle zu Lachstürm15_s0566656en hinriss, im zweiten Teil aber etwas zerfaserte. Es ging um einen Autor, der, weil die angepeilte Lesebühne nicht stattfand, ersatzweise im Supermarkt vorlas – mit durchschlagendem Erfolg. Gute Unterhaltung, fanden wir, aber für die Wirkung bis zum Schluss: entweder früher raus oder nochmal überraschend drehen.

Zuletzt betrat Katharina die Bühne mit ihrem „Text zur (Rücken-)Lage“. „Wenn ich sterbe, möchte ich warme Hände und Füße haben“, so der private Rahmen zur öffentlichen Hinterfragung. In w18_s0666770as für Zeiten leben wir eigentlich? Warum gehen uns die Despoten und Schwarzweißlinge nicht endlich mal aus, im Gegenteil? Und da platzte er dann tatsächlich in den Abend, Donald Trump. Schreckensstarr beobachteten wir Leovinus. Würde er das überleben? Er tat’s. So konnten wir uns entspannt auf diesen doch auch sehr persönlicher Text einlassen. Vielleicht hätte Caligula als Dämon genügt und Trump wäre verzichtbar gewesen, denn beide ähneln sich im nicht Ertragen eines jeden „Dazwischen“, das uns Autoren praktisch die Luft zum Atmen ist. In diesem Sinne: Auf das Dazwischen und alle zukünftigen Lesebühnentexte die ihm weiter nachspüren!

Danke wieder einmal, Michael, für die Fotos zu diesem feinen Abend!

Leovinus machte abschließend Werbung für unsere SoNochNie-Kerngruppenlesung am 8. Dezember 2016 um 19.30 Uhr in der Janusz-Korczak-Bibliothek Berlin-Pankow. Kommt am besten alle dort hin und brecht mit uns zu neuen Ufern auf!

Und am 26. Dezember (ja, ganz richtig, das ist der zweite Weihnachtsfeiertag) sehen wir uns dann wieder im Zimmer 16 und freuen uns auf unseren Themenbeauftragten Matthias.

Neun Anfänge

Willkommen in Schulau! Eine alte Schwarzweißfotografie, entstanden vermutlich in den frühen 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Sommer nahm in diesem Jahr kein Ende. Erwachen, Augen auf, Füße kalt. Sie begegneten sich nackt im Flur vor der Wand, an der die Marionetten aufgehängt waren. Meine vermeintliche oder wahrscheinliche große Liebe, das hier schrieb ich nur für sie. Kommst du? Ich habe ein unzerstörbares T-Shirt. Jetzt ziehen wir ans Meer.

Ja, das sind sie, die ersten Sätze aller neun Texte unserer 102. offenen Lesebühne SoNochNie, wenn auch in veränderter Reihenfolge! Stimmt, sie passen nicht wirklich zusammen und doch war das ein wunderbar reicher, runder Geschichtenabend. Stimmt auch: Wir haben eine Ausnahme gemacht. Mehr als acht Texte sind streng genommen nicht zulässig, aber sogar der Sommer lehnt sich in diesen Tagen noch einmal weit aus dem Fenster. Warum sollten wir da nicht ebenso großzügig sein?

Alles begann mit Leovinus‘ charmanter Anmoderation (zwei Stichworte zu jedem Text lieferten das Material), kleineren Stoßseufzern wegen der Lichttechnik, vielen vertrauten und einigen neuen Gesichtern.

Dann sang Michael als Themenbeauftragter seine kraftvolle Hymne aufs Trennungsglück. Nein, nicht auf das klassische am Ende einer quälenden Beziehung. Seine Protagonisten waren zwei unzerstörbare T-Shirts, ein blaues und ein graues, mit denen er seit zwanzig Jahren sein Leben teilt. Da kommen zwangsläufig Fragen an die gemeinsame Zukunft auf. Wann werden sich ihre Wege trennen? Was gar, wenn die beiden ihn überleben und beispielsweise im 73. Jahrhundert von fassungslosen Archäologen wie neu aus einer meterdicken Sedimentschicht geborgen werden? Aber vielleicht, vielleicht gehen sie bis dahin ja doch noch kaputt. Witzig und dennoch von existenzieller Tragweite – das Publikum war begeistert und machte sich höchstens ein paar untergeordnete Sorgen über die Gleichberechtigung von Blau und Grau. Vom angekündigten „kontrollierten Absturz“ konnte keine Rede sein.

Katharina, inzwischen schon Wiederholungstäterin, fand im sanften Sanduhrrieseln sogar Platz für zwei Geschichten. Und in denen ging es nun ganz explizit um Beziehungen. Sie wird von ihm zu einem konspirativen Treffen in eine leere WG gelotst und erfährt dort, dass er auf keinen Fall eine Beziehung will, aber dieses eine, eine Mal noch, das wäre doch schön. Ich habe Gefühle, er hat Bedingungen, stellt sie kritisch fest, bevor sie lustvoll für 45 Minuten in seinem Bett landet. Intensiv, fanden viele, während andere sich mit dem beurteilenden Ton nicht wohlfühlten und eine Diskrepanz zur behaupteten Leidenschaft ausmachten. Gut, wenn man über Texte streiten kann.

Tim, der mit vollem Namen Tim Kölling heißt, schrieb seine poetryslamige „Letzte Chance“ nicht zum Selbstzweck, sondern um eine junge Frau zu erobern, die er nur einmal bei Radio Bremen 1 gesehen hat und die seine ganz große Liebe werden könnte. Das allerschönste Mädchen sei sie, die „Abrissbirne für’s heruntergekommene Manegenlicht“. Mutig, befand das Publikum. Wer weiß, vielleicht liest sie das ja und meldet sich?

Petra erzählt in „Der rote Mantel“ die Geschichte über die Ränder einer alten Schwarzweißfotografie hinaus, auf der ein Mädchen mit eben jenem Mantel sich aus einer Schlange von Wartenden löst und dadurch vermutlich ihr Leben rettet, aber nicht nur das. Geheimnisvoll fließend und voller Assoziationen – einige hätten den Text gern ein zweites Mal gehört. Anderen fiel der Zugang eben wegen dieser Rätselhaftigkeit schwer und sie wünschten sich am Ende mehr Aufklärung.

„Ans Meer“ habe ich, Angela, meinen eigenen Text genannt, in dem eine 14jährige ums Weiterleben ringt, nachdem ihr Vater den Notausgang aus seinem Leben gewählt hat. Authentisch, bewegend und in der Sprache erfindungsreich, befand das Publikum. Ob noch mehr Trotz und Härte im Ton nötig gewesen wäre, darüber gingen die Meinungen auseinander.

In der Pause meldete sich Petra freiwillig als Themenbeauftragte für den November. Das erste Los-Thema „Fantasie und Wirklichkeit“ lehnte sie dankend ab, weshalb sie sich nun mit dem „Kassenarzt“ herumschlagen muss.

Frank setzte die Leserunde mit dem neuen ersten Kapitel aus seinem Roman fort. Klaus und Diana nackt im Flur unter aufgehängten Marionetten im Streitgespräch. Atmosphärisch dicht und das umfangreiche Personal mit den Puppen geschickt vordeutend fing Frank sein Publikum ein, auch wenn manche erst im Lauf der Zeit Fuß fassten im Gehörten.

Clemens sorgte mit CD-Player, Kerze und „Grenzwertigkeiten“ für eine besondere Stimmung, obwohl und gerade weil ihn die Tücken der Technik vorübergehend unter den Tisch trieben. Sein Text handelte von Birken, „bekanntlich den Mädchen unter den Bäumen“, Neubaublocks im Osten Berlins mit viel Grün dazwischen und einer Ljuba, die in ihrer Abwesenheit beim Ich-Erzähler melancholische Schwere erzeugt. „Wenn es soweit ist, werden wir es wissen: Es kommt immer anders als gedacht.“, intoniert „Die Heiterkeit“ zum Schluss eindringlich. Ein Text mit starken Bildern. Nur langsamer vorlesen hätte ihm gut getan.

Wolfgang nahm uns in „Willkommen Höft“ einmal mehr mit auf die Achterbahn seiner Assoziationen, denen eine improvisierte Minitrommel mal Rhythmus gab und mal Kontrapunkt war. Schön absurd die Schiffsbegrüßungsstation außerhalb von Hamburg, auf der in den 50ern bei jedem einlaufenden Schiff noch gesungen wurde. Begrüßungskapitäne, die in ihrer historischen Reihenfolge namentlich genannt wurden, ein Buddelschiffmuseum und Helmut Schmidt samt Lebensgefährtin bildeten die illustren Säulen dieses Textes.

Zuletzt Johanna. Sie las aus dem zweiten Kapitel ihres Romans. Ihre Protagonistin: eine Philosophin, die ihre Dissertation vor Kant, Hegel (mit der obligatorischen Rotweinflasche) und Fichte persönlich verteidigen muss. Erfolgreich, nebenbei bemerkt. Der anschließende, eigentlich banale Supermarkteinkauf gestaltet sich da um Längen schwieriger und die beste Freundin, Assistenzärztin, hat auch keine zusammenhängenden fünf Minuten fürs Telefon. Es knirscht also im Gebälk dieses Tages. Eine Stimme aus dem Publikum empfand den Text zu stark als Nacherzählung persönlichen Erlebens, andere wiederum schätzten genau das.

Und dann war sie auch schon zu Ende, die 102. offene Lesebühne SoNochNie. Mal heiter kurzweilig, mal ernst bis traurig und immer intensiv – besser können wir es uns nicht wünschen. Gespannt blicken wir nun schon mal Richtung 24. Oktober, wenn uns die Themenbeauftragte Katharina mit „Gift oder“ hoffentlich nicht kaltstellen wird. Wer noch Inspiration für einen eigenen Text sucht, der wird vielleicht unter den diesmal nicht gelosten Themen fündig: Auf den Spuren der Elche, Trunksucht, Gespenster, Zickenterror, spät dran, Leisesprecher, Unterwegs, Handlungsanweisung, ohne Fleiß kein Preis, Goldrausch, schweißtreiben(d). – Bedient euch und kommt wieder!

#99: SO voll wars NOCH NIE!

Gut sieben Jahre und genau 99 Mal gibt es nun die Lesebühne SoNochNie im Zimmer 16 Pankow. Sie ahnen es, der Titel und die ungewonhnten Fotomotive (nicht ausschließlich lesende Menschen!) lassen keinen anderen Schluss zu – die Jubiläumslesung sprengte alles bisher Dagewesene.

Kein einziger neuer Text (doch, ein klitzekleiner), kein Sonderthema, keine offene Bühne und dazu noch Fußball-EM (Island!), doch das Zimmer 16 platzte buchstäblich aus allen Nähten. Zeitweise mussten Besucher sogar auf dem Boden Platz nehmen, weil alle Stühle besetzt waren. So etwas hatten selbst die ältesten Lesebühnen-Haudegen im Zimmer 16 noch nie erlebt. Vielleicht lag es ja an den Schnittchen und dem Begrüßungssekt, an der angekündigten Bücher-Verlosung und der musikalischen Überraschung, dass die Luft zum Atmen zeitweise knapp wurde? Und ja, vielleicht auch an der Treue und Beharrlichkeit der Lesebühne selbst – Treue zu ihren Grundsätzen, Beharrlichkeit, seit Jahren wirklich jeden 4. Montag ein besonderer Literaturort zu sein und auch der Offenheit, immer wieder neue Ideen zu realisieren – vor allem natürlich, außer an diesem Abend, neue Texte und AutorInnen vorzustellen. Der beeindruckende Andrang der Zuschauer gab uns wohl die einfachste und überzeugendste Erklärung: ALLES ZUSAMMEN.

Was passierte bei der 99.?

Das erleben wir nicht oft bei SoNochNie, besser gesagt, das haben wir noch nie erlebt: Ute Daniezick hat zum Jubiläum ein Lied für uns geschrieben und trug es zum Auftakt des Abends mit E-Gitarre vor! Einen echten Ohrwurm hat sie da hingekriegt, der uns ganz verlegen machte und sicher ein paar Augen vor Rührung nass werden ließ. Der Refrain („So noch nie“) hat Fankurven-Feuerzeug-in-die-Höhe-Qualitäten) Danke, Ute! Gastgeber und Mit-Gründungsvater Stefan Greitzke führte fortan durch den Abend und erzählte, wie einst alles begann. Die einzelnen Texte des Abends werden nicht ausführlich besprochen, weil sie ja alle schon einmal bei SNN vorgestellt, teilweise speziell für die Lesebühne verfasst worden sind: Frank Georg Schlosser las „Kaukasus“, einen Kampf um Phantasie und Realität, Ulrike Warmuth „Ungleichung“, eine poetische und schonungslose Liebesanalyse, Angela Bernhardt „Draußen“, einen historisch-tragischen Monolog und Heiko Heller „Am Ende wirft man nur Sand“, das Bekenntnis eines Beerdigungs-Schmarotzers. Heiko schmuggelte jedoch tatsächlich einen taufrischen, noch nie gelesenen Text ein, und zwar ein Gedicht aus 99 Worten, eine wahre Dichterschelte vom begnadeten Schandmaul Heiko. (An dieser Stelle danken wir nochmals allen Fans, die uns vor dem Jubiläum 99-Worte-Texte geschickt haben. Wir hoffen, sie haben sie in den großen transparenten Luftballons entdeckt!).  Damit gingen die Teams in die Pause.

2. Halbzeit: Losen, wählen, wählen lassen

Die zweite Halbzeit begann mit Leovinus, der Bücher zu vergeben hatte. Die glücklichen GewinnerInnen der Bücher-Verlosung freuten sich über „Seitenblicke“ von Ulrike Warmuth, „Warum der stille Salvatore eine Rede hielt“ von Michael Wäser und „Wutsch“ von Angela Bernhardt (welche beidletzte an dieselbe, wahrhaftige Lottokönigin gingen! – siehe Fotogalerie) und der Hauptgewinn, ein Bücherpaket mit Werken von SNN (unsere Anthologie), Heiko Heller, Leovinus, Frank Georg Schlosser und Michael Wäser, fand ebenso einen hoch erfreuten Besitzer. Stefan übernahm, um sogleich eine/n Themenbeauftragte/n zu finden. Wie schön, dass sich als Themenbeauftragte für August beim heutigen Jubiläum ausgerechnet eine SNN-Debütantin der Herausforderung stellt. Ulrike Stockmann lehnte das erste Zuschauerthema „Von Wind und Sand“ ab und musste dann „kleiner Mann“ nehmen. Wir sind gespannt, was sie am 22. August bei der 101. Lesebühne dazu vorbringen wird!

Lesen und singen

Weiter ging es mit der Lesung: Michael Wäser trug „Alexander“ vor, eine verstörende Künstlergeschichte, Petra Lohan „Der Beamte und das Mädchen“, eine surreal-sensible Behördenfantasie, Leovinus „Was nach dem Clown kam“, ein mysteriöses Bahnreisen-Gleichnis mit roter Nase. Ute schenkte uns abschließend noch einmal ihr Lied, und wie bei „You never walk alone“ sang nun die Menge mit ihr den Refrain.
Wir bedanken uns bei Ute, bei allen, die mitgeholfen haben im und vom Zimmer 16, und natürlich bei allen, die den Abend zu so einem beeindruckenden Erlebnis gemacht haben – unserem Publikum! Wir jedenfalls haben uns in etwa so gefühlt, wie sich die Isländer nach ihrem Sieg gegen England gefühlt haben müssen – wahnsinnigglücklichsson! Und nicht zu vergessen: Der Erlös aus Eintritt und Bücher-Verlosung, den wir nun der Organisation „Autoren helfen“ für Flüchtlingsprojekte überweisen können, beläuft sich auf stramme 192,- Euro.

Wir sehen uns hoffentlich alle (!) wieder bei der nächsten, dann wieder regulären, einhundertsten offenen Lesebühne am 25. Juli im Zimmer 16 mit dem Themenbeauftragten Frank Georg Schlosser – AU REVOIR!

SNN 99 – Wir stellen vor: Angela Bernhardt

Vor dem großen, 99. Jubiläumsabend am 27. Juni stellen wir jeden Montag und Donnerstag eine/n der acht AutorInnen hier mit einem Fragebogen vor, den wir sie zu beantworten gezwungen haben.


Angela Bernhardt studierte u.a. Theater- und Filmwissenschaft, arbeitete als Filmdramaturgin und ist hauptberuflich Kinderbuchautorin. Ihre immer hoch spannenden Kurzgeschichten richten sich aber meist an Erwachsene und scheuen nicht vor schweren Lebensthemen zurück. Sie gehört seit Beginn zum Kernteam von SoNochNie.

Werden wir mal persönlich: Aus welcher Gegend stammst du überhaupt und würdest du unseren Lesern einen Wochenendtrip dorthin empfehlen?

Ich komme aus Halle an der Saale, einer Stadt, die schon zu meiner Zeit etwas verrucht Vitales hatte, auch wenn ganze Straßenzüge leerer Fensterhöhlen, der Duft nach faulen Leuna-Eiern und die gelblichen Schaumkämme auf der Saale einen eher morbiden Charme verbreiteten. Heute hat sich die Stadt fein herausgeputzt und ist auf jeden Fall eine Reise wert. Im Programm sollten eine kleine Klettertour zu Turnvater Jahns Felsenhöhle in den Klausbergen, eine Nacht im „Turm“ und eine Fahrt mit der alten Pioniereisenbahn über die Peißnitzinsel nicht fehlen.

Was hat dich ausgerechnet nach Berlin verschlagen?

Sagen wir, ich hatte die Wahl zwischen zwei äußerst lukrativen Studienangeboten: Brandschutz in Chemnitz (ja, liebe Ulrike, unser Kennenlernen war so oder so unausweichlich) und … verdammt! Wieso habe ich das eigentlich ausgeschlagen? Ich hätte mir heute hier in Berlin an der weiteren Verzögerung der Fertigstellung der größten Investruine Europas spielend mehrere goldene Nasen verdienen können … Ach, jetzt brauche ich doch glatt ein Taschentuch für meine einzige mausgraue Autorennase.

Wie bist du zum Schreiben gekommen, also außer dem Schreibenlernen in der Grundschule natürlich?

Die Nächte waren immer zu kurz, um all meine seltsamen Fantasien in Träumen auszuleben.

Wie würdest du dich als Autorin/Autor charakterisieren?

Vielseitig, spannend und … verloren ohne meine tausend Notizzettel.

Kannst du dich noch an deinen ersten SNN-Abend erinnern und wie du auf SNN aufmerksam geworden bist? Wenn ja: Gratuliere, du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis, denn das muss schon ein paar Jährchen her sein. Und jetzt: Bitte erzähl deine SNN-Geschichte.

April 2009. Ich war auf der Suche nach einem Ort, an dem ich das öffentliche Geschichtenerzählen doch irgendwie privat ausprobieren konnte und bin schnell auf die frisch gegründete Lesebühne im Studio 10 (früher zweiter Veranstaltungsort des Zimmer 16) gestoßen, die damals sogar zweimal monatlich abendete, aber noch namenlos war. Da habe ich ein paar andere Ausprobierer getroffen, genauer gesagt den Frank und den Leovinus. Und damit wir nicht so einsam vor uns hin probieren mussten, hat der Stefan das Ganze moderiert, was anfangs ein echt übersichtlicher Job war, denn wir haben uns unsere Geschichten praktisch gegenseitig vorgelesen. Gut so! Bis schließlich Publikum kam, hatten wir schon etwas festen Grund unter den Füßen, nicht zuletzt durch unsere wunderbaren, voll privaten gemeinsamen Schreibabende. Da habe ich mich dann auch getraut, den Michael anzuschleppen, der im Gegensatz zu uns immerhin schon einen richtigen Roman veröffentlicht hatte. Und als auch Ulrike den Weg ins Zimmer 16 fand und wir sogar in die Saarländische Landesvertretung eingeladen wurden, wollten wir auch einen Namen haben für das, was wir da einmal im Monat veranstalteten. Die Liste der Vorschläge erreichte beinahe Telefonbuchlänge, aber es gab keine Mehrheiten, bis „SoNochNie“ wie eine Sternschnuppe auf uns niederging. Das war’s dann. Seitdem hat sich unser Lesebühnenruf geradezu explosionsartig verbreitet, was man daran erkennt, dass jetzt nur noch die Autoren auf der Bühne sitzen und das Publikum im Saal.

Was unsere Leser ganz besonders interessiert: Hast du Lampenfieber, wenn du hinterm Lesetisch Platz nimmst???!!?

Wenn die Lampe zu dicht steht, schon. Ansonsten habe ich durch meine Lesungen als Kinderbuchautorin inzwischen einen Sack voll Bühnenerfahrung und genieße einfach die Chance, mein Publikum für fünfzehn Minuten mit einer druckfrischen Geschichte zu fesseln.

Das Zimmer 16 ist …

… ein wertvolles Kulturzentrum für Berlin, ein Ort abwechslungsreichsten kreativen Schaffens und ein beträchtliches Stück Autorenheimat für mich, wofür ich meinen Lesebühnenkolleginnen und -kollegen und unserem Moderator an dieser Stelle herzlichst danken möchte.

Nach dem Lesen wird bei uns über den Text diskutiert, manchmal ziemlich lebhaft. Ist dir dabei schon mal, innerlich oder äußerlich, der Kragen geplatzt – egal ob vor oder hinter dem Lesetisch? Warum, oder warum nicht? (Namen werden unkenntlich gemacht 😉 )

Meist sind diese Diskussionen sehr produktiv. Aber ich gestehe, ich reagiere allergisch auf Buchstabengestocher. Als alte Filmdramaturgin bin ich außerdem unbedingt dafür, zuerst etwas Positives rückzumelden. Das lässt sich in fast jedem Text finden. Danach sind die Ohren auch für Kritik offener. Der Kragen ist uns wohl schon mal gemeinschaftlich geplatzt, als eine Autorin enorm viel Lesezeit und guten Willen seitens der Zuhörer beanspruchte, anschließend aber die Diskussion verweigerte. Daraufhin haben wir die knallharte 15-Minuten-Sanduhr und die Wer-lesen-will-muss-hören-Regel eingeführt.

Was wir unbedingt wissen wollen (Hosen runter!): Warum kommst du immer wieder zu SoNochNie?

Na ja, ich besitze keinen Fernseher. Da muss ich jede Gelegenheit zu einem preiswerten Abendprogramm nutzen.

Zum Abschluss: Gibt es auch außerhalb des Zimmer 16 etwas von dir zu lesen/hören? Was? Wo? Wann?

Ganz knapp verpasst! Gestern habe ich im Berlin Pankower Kinderhospiz „Sonnenhof“ aus meinem ersten veröffentlichten Kinderbuch „WUTSCH – Der Innerirdische“ (Baumhaus Verlag 2015) gelesen. Die nächsten Lesungen in Schulen und Bibliotheken sind leider nicht öffentlich. Aber wer mich gern mal solo live erleben will, ist am 28. August um 14 Uhr herzlich zum radioeins Parkfest (Park am Gleisdreieck) eingeladen. Außerdem gibt’s demnächst am Erzähltag im Deutschlandradio Kultur eine Kindergeschichte von mir und hoffentlich auch bald weitere Bücher.


Am Donnerstag, dem 2. Juni stellen wir Clemens Franke vor.