Französisch-grimmiges Fünf-Kammer-Flimmern oder: Die Zeit, als der römische Rebell in die Wriezener Backstube schiss

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Lesende,

wenn du dies hier liest, ist die 122. Offene Lesebühne „So Noch Nie“ Geschichte. Tut mir leid. Aber hier gibt es als kleines Trostpflaster: DAS PROTOKOLL!

Den Abend zu eröffnen hatte wie immer ich (Leovinus) die Ehre. Jedoch sputete ich mich, denn es waren, nicht zum ersten Male, volle acht Autorinnen und Autoren zu erwarten. Zu Beginn bat ich den Themenbeauftragten Matthias Rische auf die Bühne. Sein Text zum Thema „Rebellion“ hieß „In deiner Haut“. Dem Protagonisten mit dem sprechenden Namen Mousse wird im Laufe des Heranwachsens klar, dass seine (dunkle) Haut offenbar ein Problem für seine Umwelt, im speziellen seine Mitschüler, darstellt. Also kommt er zu der Erkenntnis, die dunkle Oberfläche mittels Rasiermesser abzuschaben, dies Problem aus der Welt schaffen könnte. An dieser Stelle endete Matthias‘ Geschichte, die vom Publikum größtenteils lobend aufgenommen wurde. Mein Lieblingssatz daraus: „Der innere Rebell rückt die Welt gerade.“ Die Ehrenurkunde war ihm sicher.

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Unfisch auf dem Mars

 

Wieder so eine gut gefüllte Lesebühne an diesem eisigen 26. Februar 2018. Neben Stammpublikum auch eine Reihe neuer Gesichter. Scheint seinen festen Platz in der Berliner Kulturszene gefunden zu haben, unser vielseitiger literarischer Abend mit Senf dazu. Obwohl Senf diesmal streckenweise rar war. Stimmlippen eingefroren? Scheinwerfer zu grell? Zu viel Input? Fassungsvermögen des Abends mit acht Lesenden wieder mal voll ausgeschöpft. Inzwischen fast Standard. Das bunte Paket professionell zusammengehalten von Leovinus in der ersten Hälfte und Frank Georg Schlosser in der zweiten. Wichtig dabei: ein starker Einstieg. Den hatten wir.

UnfischMichael Wäsers Beauftragtenthema. Ein Unfisch auf dem Mars. Gehört nicht dahin. Kann nicht mal scheißen, wenn‘s dran ist. Aber wohin mit 250 Billionen Eiern? Fett Party, ist ja wohl klar. Nur für die Besten, versteht sich. Raumschiff gebaut, die komplette Ausrüstung an Bord und ab zum roten Nachbarn. Spitzenalternative zu unserem abgeranzten Planeten. Nur blöderweise: Dixi-Klos vergessen. Dabei geht‘s letztlich immer ans Eingemachte. Hätte man vorher wissen können. Hosen runterlassen ist in dieser Gegend lebensgefährlich. Also doch ein Fehler, die Erde so leichtfertig aufzugeben? War ja nicht alles schlecht. Die Straßennutten in Bangkok zum Beispiel entwickeln sich prächtig. – Cooler zeitgemäßer Text, passend ruppige Sprache, viel Beifall, danke, Michael!

Danach Frank Georg Schlosser. Romanauszug. Kapitel: AVM Dienstag Nachmittag. Neu dabei: Ariane von Malotky, orangefarbene Sonnenbrille plus Strohhut, seit ein Fremder sie vor die Berliner U-Bahn stoßen wollte. In der Hand einen USB-Stick von Nob, dessen Inhalt ich nicht erinnere. Vor ihr liegt ein Interview mit Politiker Krampitz, von zwei Stunden auf eine verkürzt. Stress ist angesagt, Professionalität gefragt. Wie sie das meistert, erfahren wir vielleicht im März. Gut zuhören ließ sich dem Text. Flüssige Sprache, wie immer bei Frank.

Matthias Rische erzählte in Spiel mit der Erinnerung vom Brainscanner, den Professor Momhard voller Enthusiasmus an einem Patienten mit impulsgesteuerter Kontrollstörung testet. Ziel: die Ursache der Störung finden. Verschiedene Erinnerungen werden abgerufen, enden beim Bild eines traurigen siebenjährigen Clowns mit toten Augen. Momhards Begeisterung schlägt unvermittelt in Betroffenheit um. Das will er niemandem zumuten. Er zerschlägt das teure Gerät. – Die Grundidee, gar nicht so fantastisch, kam gut an beim Publikum. Nur die Wandlung des Professors überzeugte nicht ganz und die Perspektive der aufgezeichneten Erinnerungen wurde hinterfragt.

Vor der Pause Wolfgang Weber kurz und kurios: Schreib deinen Text! „Es ist wie verhext. Du bist stets in irgendeinem Kontext. Schreib deinen Text! Schreib‘s auf. Schicksal nimmt seinen Lauf. Glück auf beim Nudelauflauf. Sei exzentrisch und konzentrisch. Mach‘s wie Kisch: Leg deinen Text auf‘n Tisch! Schreib deinen Text. Alle sind perplext.“ – Schräge Reime, vom Lineal als Taktstock rhythmisiert – das Publikum dankte für die unterhaltsame Auflockerung.

Nach der Pause heftiges Gerangel um den Platz des Themenbeauftragten im April. Nein, Wunschvorstellung. Eine Bewerberin immerhin. Wir freuen uns auf Diana-Dana Möller mit dem von ihr gewählten ersten Thema: Mensch in seiner Zelle.

Dann ich, Angela Bernhardt. Mit einem möglichen Romananfang. Arbeitstitel: Niemand ist schneller. Eine junge Frau auf Städtetrip in Rom. Ihr Freund verschwindet urplötzlich aus dem antiken Forum Romanum. Keine Spur, keine Nachricht, nicht mal ein Duft bleibt zurück. Nur die bange Frage: Gab es ihn wirklich? – Kam gut an, war laut Publikum spannend, temporeich erzählt, Sprache prägnant. Etwas langsamer hätte ich wohl lesen können. Ich werde weiter schreiben.

Diana-Dana Möller brachte Gedichte mit. Ein Stern wird geboren – „in einem Millimoment der Zeit“. Im Reich des Regenbogens – „Farben begleiten, berühren das Leben, so war‘s, so wird es bleiben.“ Das Tegeler Fließ – „macht das Herze weit“. Wasser – „… bringt Spaß und Blumen zum blüh‘n, und kein Mensch kann sich dem Zauber des Wassers entzieh‘n.“ Die Pracht der Bäume – „In ihrem Leben werden Bäume viel verletzt, Sturm, Blitz und Menschenart haben ihnen hart zugesetzt.“ – In den Reimen eher holprig, in den nach Dianas Aussage umfangreich recherchierten naturwissenschaftlichen Aspekten zu einfach gemacht stieß ihre Lyrik nur teilweise auf Zuspruch.

Im Anschluss noch mehr Gedichte, jetzt von Stefan Franken. Rache, Libelle, Hut, Beine, Zwiebel und Blümelein – allesamt scharfsinnig und pointiert gereimt – ein Hörgenuss. Beispiel gefällig? „Es sucht eine gläubige Zwiebel in ihrem Leben nach Sinn. Sie sucht den Sinn in der Bibel, doch steht über Zwiebeln nichts drin.“ – Immer wieder gern mehr davon.

Daniel Marschall, SoNochNie-Neuling, gab uns den Rest. Mit einem Auszug aus seinem veröffentlichten Roman Der Denunziant. Anmoderation und Hinführung zur Lesestelle im Sprechgesang präsentiert mit Gitarre, Verstärker und einiger Technik mehr. Die Grundidee gleich im ersten Satz: „Ich, IM Schriftsteller, wurde enttarnt.“ Zum Verhängnis wird ihm nicht ein Lügendetektor, sondern die eigene Panik davor. – Das musikalisch unterlegte Intro sorgte zum Teil für Verwirrung, der Text selbst für positive Resonanz.

Und das war‘s auch schon. Besten Dank ans Zimmer 16 für die tatkräftige Unterstützung. Wir freuen uns auf die 120. SoNochNie-Lesebühne am 26. März 2018. Elmar Grüber wird uns dann wissen lassen, was es mit Liebe, Tod und Teufel so auf sich hat. Bis dahin: schreiben, schreiben, schreiben …

Déjà-Vu

Das war sie, unsere traditionelle Dezemberlesung in der Janusz-Korczak-Bibliothek in Pankow am 14.12.2017, musikalisch eingeleitet von der zauberhaften Ute Danielzick.

Sie trug die von ihr geschriebenen Lieder „So noch nie“, die Hymne unserer Lesebühne vor und ein Lied zum Thema Déjà-Vu – jedes Jahr die gleiche Versuchsanordnung mit den gleichen Personen, nur ein Jahr älter, genannt „Weihnachten“ – da möchte sie lieber nach Hawaii. Danke, liebe Ute.

Die zu Gehör gebrachten Geschichten waren ein guter Jahrgang, wie ich fand, denen leider nur wenige Zuschauer ihre Aufmerksamkeit schenkten, die aber dafür besonders intensiv zuhörten und es klang in den Nachgesprächen, als könne da neues Stammpublikum für die Lesebühne gewonnen worden sein.

Michael Wäser begann mit „Down in the hole“, einer sehr amüsanten Auseinandersetzung mit einem zwergenhaften Wesen, das einer tiefnächtlichen Sitzung präsidierte und dem Haupthelden (dem Sitzenden) allerhand Vorhaltungen machte.

Frank Georg Schlosser setzte fort mit „Paul geht nach Amerika“, einer problematischen Ankunft in einer neuen Heimat mit heftigen Déjà-Vus, einer Fingerübung im gruseligen Genre.

Danach las Angela Bernhardt eine Geschichte (die erste des Abends ohne runtergelassene Hosen) darüber, dass späte Liebe es möglich macht, Abba und Spliff abwechselnd auf einen MP3-Player zu kopieren und shufflefrei abzuspielen, ohne dass die Technik streikt, weshalb die Geschichte ursprünglich „Wunderwerk der Technik“ hieß.

Den Abend beschloss unsere Norbert „Leovinus“ Wurzel mit Halleluja, einem wunderbaren Kleinod darüber, was einem passieren kann, wenn man im Fahrstuhl der Galeria Kaufhof den von einer alten Dame angebotenen Kirschkuchen verschmäht. Tu es nicht. Nimm ihn. Iss ihn. Sonst kriegst Du das Halleluja nicht los.

Es war ein wunderbarer Abend, den wir mit einer kleinen Weihnachtsfeier im Alassio II, wo sie uns um zwölf rauswarfen, beschlossen haben. Da gehen wir nicht wieder hin. Um zwölf!

Wir danken allen Beteiligten der Janusz-Korczak-Bibliothek, allen voran Frau Breuer, für die herzliche Organisation des Abends.

So Gott will dann auf ein Neues im nächsten Dezember.

Euer

7 auf einen Streich – Hallelujah!

… aber lasst uns das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Leerreich war dieser Jubiläumsabend zum 50. Themenbeauftragten am 24. April 2017 im Zimmer 16 allemal, und er gehört nicht weggekärchert aus der nach vorn offenen Geschichte von SoNochNie. Geflucht wurde weder auf der Bühne noch im Publikum, was dem feierlichen Anlass nur angemessen war, und auch die sonst gelegentlich zu beobachtende Pausenflucht blieb trotz einer textlichen Leerstelle unmittelbar davor erfreulicherweise aus. Nachdem im zweiten Teil geklärt wurde, wer wen im Bus gesehen hatte und ob Wunderwerke der Technik wirklich immer so wunderbar sind, entfuhr uns allen ein erleichterter Stoßseufzer: Geschafft – Hallelujah!

Das war’s schon? Halt, dazu gibt’s doch noch viel mehr zu sagen! Zum Beispiel, dass unser treues Publikum das Zimmer 16 gut gefüllt und uns die Crew des Hauses mit Licht, Tontechnik und Getränken kraftvoll unterstützt hat – besten Dank dafür noch mal an dieser Stelle! Auch unser Moderator Leovinus ist zu erwähnen. Er hat nicht nur unterhaltsam durch den Abend geführt, sondern zu jedem Text sogar eigens einen Limerick verfasst und vorgetragen. Zwischendichtungen gewissermaßen, die für einige Heiterkeit sorgten. Dokumentiert wurde unser Jubiläum auch: fotografisch von Michael und Ulrike und darüber hinaus erstmals zeichnerisch – eine Premiere, die uns ehrt – vom bekannten Pankower Illustrator Christian Badel – danke sehr! Und schließlich: Was wäre dieser Abend ohne unsere sieben Themenbeauftragten gewesen? Bühne frei – hier sind sie mit ihren ganz unterschiedlichen Texten:

Frank machte wie schon so oft den Anfang. Leerreich lautete sein Thema und Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug der Titel seines Textes. Der Ich-Erzähler trifft in der Oper – Wagners Parsifal wird gezeigt – einen älteren Herrn, der ihm sogleich sein familiäres Problem überstülpt: Die Enkelin Querida will von ihm ein Auslandsjahr finanziert bekommen. Eine Unverschämtheit! Der Erzähler sieht das anders. Er würde Querida das Geld geben, denn allein ihr Bittbrief sei eine Form von Zuwendung und da müsse man mit wachsenden Jahren vom Nachwuchs nehmen, was man eben kriege. Das Argument stützte Parsifal höchstselbst: „Er berührte die Wunde mit dem Speer, der sie einst schlug, und sie heilte.“ Ob das für’s Publikum lehrreich war? Aufgepasst: Leerreich hieß das Thema, und der Hintersinn war durchaus ehrenurkundenwürdig.

Maik fühlte sich vor zwei Monaten mit dem Thema Kärcher gut versorgt und brachte mit zwei kurzen Gedichten unsere 15-Minuten-Literat-Uhr nicht mal ansatzweise in Sandnot. Das erste, schlicht Kärcher genannt, begann „Signalgelb auf Schwarz“ und befasste sich mit der von eben jenem Gerät unterstützten beruflichen Reinigung. Privat zog der Dichter allerdings den guten alten Scheuerlappen vor. Aber Kinder müssen doch … raus, sagst du, stellte das zweite Gedicht fest, in dem gefährliche Autos auf der Straße als kärchernde Kinderfresser lauern und der Dichter sich besorgt an gute alte Sicherheiten erinnert: „Zu meiner Zeit wurden wir als Kinder noch an ganz kurzer Leine gehalten.“ Auch an Maik ging dafür die Ehrenurkunde.

Ulrike, extra aus Chemnitz angereist, hat sich beim Thema Fluch und Flucht für die präzise Seelenerkundung einer Juliane entschieden, die sich von klein an innerlich als Julius fühlt und nach einem langen, schwierigen Weg per Geschlechtsumwandlung auch äußerlich zu ihrer wahren Identität – nun als Julian – findet. „Juliane, das ist mein erster Name. Der erste Vorname meines ersten, falschen Lebens“, lud Ulrike uns in ihren Text ein. Von einer Kindheit voller Schreie, erst lauter, später stummer, war die Rede, von mit Binden abgeschnürten Brüsten und Eltern, die ihre Tochter für lesbisch hielten. Vom Fluch, im falschen Körper zu stecken und der Frage, wann die Flucht begann: als sie ihre Puppe vernachlässigte, im Kindergarten den Jungs nacheiferte, die ersten Tabletten schluckte? Und schließlich die Erkenntnis, dass es eben doch keine Flucht war, sondern eine Befreiung. „Und zum ersten Mal kann ich mir selbst in die Augen schauen und Ich sagen. … Eine Vergangenheit habe ich nicht, aber ich habe mich, und das hat ja wohl lange genug gedauert.“ Danke, Ulrike, für diesen berührenden Text! Die Ehrenurkunde versteht sich von selbst.

Michael, mit zehn Einsätzen der Rekordhalter unter den Themenbeauftragten – Glückwunsch dazu! – lieferte, mit der Vorbemerkung, er probiere gern neue Sachen aus, in lyrischer Prosa eine Leerstelle. „Fast ist es noch Nacht heute Morgen“, begann sein Text. „Wir sind nicht zu Hause angekommen. Ich nicht und du nicht.“ Und da deutete sich schon an, welch bedrückendes Thema er gewählt hatte: den plötzlichen Tod. Lebend zur diesseitigen Tür des Krankenhauses hinein, tot zur jenseitigen hinaus. Dazwischen die unfassbare Feststellung „Du bist verschwunden. Ist das alles, was du bist?“ Wie kann ein Abschied gelingen, wo man doch nur mal eben kurz auf den Schlüssel aufpassen sollte? „Was mache ich … … … mit dem Schlüssel?“, bleibt der Erzähler rat- und fassungslos zurück. Das Experiment? Die Pausen, die Michael beim Lesen ließ. Inhalt und Form Hand in Hand. Gut, das du gern Neues probierst und uns daran teilhaben lässt! Die Ehrenurkunde ist dein.

In der wohlverdienten PAUSE wurden fleißig Themenzettel beschrieben, aus denen anschließend nur ein einziger gezogen wurde. Augenaufschlag wird das Juni-Thema von Cordula sein, die sich zum ersten Mal mutig dem Auftrag stellt. Im Lostopf blieben folgende Themen zur freien Inspiration für alle anderen (in Original-Schreibweise übernommen!): Ein echter Fiesling, FUSSSTAPFEN, Lichtgestalten, STEINLAND, Schneckentempo, Joachim, Heilbronn, Kiez König for ever!, Tee-Nager, Das Gummiband, Stadien der Wehmut, Zieh ihn bitte wieder raus!, SCHEE IM JUNI, Sturzgeburt, Kontrollverlust, Themenbeauftragte., Buttersäure.

Auch nach der Pause erwartete uns ein Experiment: Max wurde per Handy live aus Braunschweig zugeschaltet, während sein zweidimensionales Konterfei hinterm Lesetisch posierte. Passend zum Thema Ich habe dich im Bus gesehen untersuchte Max Sehgewohnheiten: „Ich habe mich im Spiegel gesehen. Ich habe mich im Schaufenster gesehen. Ich habe mich in der S-Bahn-Scheibe gesehen.“ Auch bei ihm eine Erkundung zwischen Ich und Du. „Ich habe mich verpasst. Wir trafen uns nicht in der Mitte“, schloss er seinen vieldeutigen, melancholischen Text und bekam dafür … na? … eine Ehrenurkunde.

Wunderwerk der Technik war Thema und Titel meiner (Angelas) Geschichte. Isa, die sich in ihrem überschaubaren Leben als Lokalredakteurin eingerichtet und darüber vergessen hat, dass sie mal eine berühmte Radiojournalistin werden wollte, erinnert sich dank einer SPLIFF-Schallplatte auf dem Flohmarkt ihrer ersten großen Liebe Philipp, seinerzeit E-Gitarrist mit dem Zeug zum Star. Nicht nur die große Liebe, schon der erste Kuss scheiterte an unüberbrückbaren Differenzen im Musikgeschmack, denn Isa stand auf ABBA. Aus einer Laune heraus schickt sie Philipp die Platte und … bekommt einen MP3-Player zurück, auf dem sich ABBA und SPLIFF im trauten Duett finden. Wäre das nicht auch eine Option für sie beide?, stellt Philipp in den Raum, als er vor ihrer Tür auftaucht. Nein, er ist kein Rockstar geworden. Und nein, sie hat den Pulitzer-Preis noch nicht gewonnen. Aber … ist es wirklich schon zu spät für ihren alten Traum? Isa verzichtet auf das Wunderwerk der Technik, das sie beide vielleicht doch noch hätte vereinen können und wagt ein ganz untechnisches Wunder: den Neuanfang. Auch dafür gab’s die Ehrenurkunde.

Zuletzt entführte uns Leovinus mit Hallelujah ins Reich seiner schrägen Phantasie. „Sagen Sie, junger Mann, wo drücke ich denn, wenn ich in den Fünften will?“, erkundigt sich ein mysteriöses altes Mütterchen im Kaufhaus und bietet dem Erzähler Kirschkuchen an. Weil der ablehnt, wünscht sie ihm ein Halleluja in den Bauch. Das muss rausgeschnitten werden, sagt der Arzt. Der Erzähler sträubt sich, denn die Alte hatte ihn gewarnt: Wenn Sie es rausschneiden lassen, holt Sie mein Sohn! Als der Geplagte aus der Narkose erwacht, ist er wieder im Fahrstuhl. Neben ihm ein Junge mit leuchtend blauen Augen, der die Sense schwingt. Auf alte Mütterchen ist eben Verlass. Und auf die Ehrenurkunde auch.

So, das war’s jetzt aber wirklich zu diesem rundum gelungenen Jubiläumsabend! Nein, doch noch nicht ganz? Ich höre, da freut sich schon die nächste offene Lesebühne SoNochNie am 22. Mai 2017 auf frische Texte und reichlich Publikum. Also: Seid wieder dabei!

TB#50: Themen & Beauftragte des April, Teil1

Die Lesebühne im April wird keine Offene sein, denn zum – Achtung! – fünfzigsten Mal werden wir unser Alleinstellungsmerkmal auf die Bühne bringen: Themenbeauftragte. Zum besonderen Anlass hat unser Publikum im Februar statt einer/einem ganze SIEBEN davon mit je einem Thema für den 24. April beauftragt. Im Abstand einiger Tage stellen wir die sieben KünstlerInnen und ihre Themen vor.

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Angela Bernhardt

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So-noch-nie-Aktivistin der ersten Stunde, Autorin von Kinderbüchern und Kurzgeschichten, stellt sie sich als erste in den Reihen des Kernteams ihrem Publikumsauftrag, welcher lautet: „Wunderwerk der Technik“. Da Wunderwerke unter Angelas Werken nicht gerade selten sind, dürfte ihr dieser Auftrag einigermaßen liegen.


In wenigen Tagen erfahren Sie hier, mit welchem Thema Leovinus beauftragt wurde. Und: Halten Sie sich den Abend des 24. April frei für TB#50!

TB#50: Die April-Lesebühne wird ein Jubiläumsfest

Sie schreiben im Auftrag des Publikums

An einem Montagabend Anfang 2013 sammelte der Moderator der Offenen Lesebühne im Zimmer 16 erstmals kleine Zettel vom Publikum ein und warf sie in eine Schale. Auf den Zetteln standen Worte wie: „Frühling“, „Droge“, „Eis am Stil“, „Hörprobe“, „Die Hüftgelenksprothese aushebeln“ oder „Fangzahn“. Aus diesen „Themen“ wurde eines gezogen und einem Freiwilligen in die Hand gedrückt. Der Auftrag: Schreibe bis zur übernächsten Lesebühne darüber einen Text! Seither wird das Ritual jeden Monat vollzogen, und was dabei an überraschenden, ergreifenden, experimentellen und witzigen Texten zwischen Prosa und Lyrik das Licht der Welt erblickte, macht die Organisatoren von So noch nie durchaus stolz. Besonders wenn in diesem April schon zum fünfzigsten Mal „Themenbeauftragte“ auf der kleinen Bühne in Pankow stehen werden.

Zum 50. gibt‘s 7

Zur Feier dieses Jubiläums wird es aber nicht eine oder einer sein, sondern ganze sieben Autorinnen und Autoren, die zwei Monate zuvor vom Publikum beauftragt wurden – die Kernautoren von So noch nie, Angela Bernhardt, Leovinus, Frank Georg Schlosser, Michael Wäser und Ulrike Warmuth, sowie die beiden Gäste Maik Lippert und Max Ludwig. Diese beiden allerdings hatten sich nicht freiwillig gemeldet, sondern waren – ausnahmsweise – ganz dreist ebenfalls ausgelost worden. Wie viele Besucher der monatlichen Werkstatt-Lesebühne sind sie selbst Autoren und Stammgäste bei So noch nie. Auf alle sieben wartet bei erfülltem Auftrag donnernder Applaus und eine der heiß begehrten Ehrenurkunden.

Überraschungen mit Ansage

So stehen zwar die Autorinnen und Autoren sowie ihre Themen schon fest – aber was ihnen einfällt zu „Wunderwerk der Technik“, „Halleluja“, „leerreich“, „Leerstelle“, „Fluch und Flucht“, „Kärcher“ und „Ich habe dich im Bus gesehen“, wird das literaturinteressierte Publikum erst am Abend des 24. April im Zimmer 16 erfahren.

Beginn: 20 Uhr (Einlass ab 19.30 Uhr, Eintritt: pay what you want, but pay) im Zimmer 16, Florastr. 16, Pankow. Bleiben Sie dran – in rascher Folge werden wir hier bis zur Lesebühne alle Themenbeauftragte des April und ihre jeweiligen Themen vorstellen.

… und dann so was!

Kein Trump, keine Merkel!, bat Moderator Leovinus zu Beginn unserer 104. offenen Lesebühne SoNochNie, die an diesem 28. November 2016 ungewohnt pünktlich begann. Sechs AutorInnen hielten sich strikt daran, die siebente nicht. Was für ein Schock!

02_s0056305Wie üblich begann alles mit dem Beauftragtenthema: „Kassenarzt“, von Petra fantasievoll ausgestaltet. „Überall Zahlen“ hieß ihr Text, in dem ein gewisser Dr. Stöhr von einer ebenso fischnamigen Patientin Frau Plötz dazu bewegt wird, sich wieder mehr den Menschen zu- und von den überall herumwabernden Zahlen abzuwenden. Zu diesem Zweck trägt er s04_s0146352eine Patientenzahlenregistrierkasse auf den Gehsteig und reinigt nebenbei seine Praxis mit einem ausgeklügelten System von der Zahlenflut. Die Herrschaft der allumfassenden Kasse stellt er nicht in Frage, doch der Versuch, den Menschen hinter den Zahlen wieder näher zu kommen, sei ihm hoch angerechnet. Ein Schelm, wer Parallelen zum realen System ausmacht. Alles in allem eine verblüffende, originelle Idee, mit dem Auftragsthema umzugehen, befand die anschließende Diskussion. Um unsere großartige neue Urkunde und das zugehörige Foto kam Petra natürlich nicht herum.05_s0166361

Auf Petra folgte Matthias mit „Begegnungen am Stadtrand“. Ein älterer Mann auf dem Weg zum regelmäßigen Golftraining, ein junger Rumäne, der von seiner anstrengenden ‚Dienst-am-Kunden‘-Nachtschicht zurückkehrt und ein sechsjähriges Mädchen auf der Suche nach einem Weggefährten. Kurze Begegnungen am Rande der Stadt. Stimmungsbilder wollte er zeichnen, sagt Matthias, und das ist ihm nach Meinung des Publikums auch gut gelungen.

07_s0246400Mit Anita begann der Advent im Zimmer 16. Ihr gleichnamiger Text erzählte ganz aus der Perspektive einer alten, vermutlich dementen Frau auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Einfühlsam und stimmig, wie die Mehrheit der Zuhörer fand. Ob es die Auflösung mit dem Tod der Dame und damit den Sprung aus der Subjektiven gebraucht hätte, blieb allerdings umstritten.

Kurios, dass sich das Los gleich darauf noch einmal für den Advent und damit für meine11_s0346461a Kurzgeschichte entschied, in der eine Zehnjährige in der Vorweihnachtszeit versucht, einen Zugang zu ihrem depressiven Vater zu finden. Ein schweres Thema, das ich dennoch gern für Kinder erzählen wollte. Die große Mehrheit der Zuhörenden hielt das für zumutbar und – gerade wegen der poetischen Bilder – auch für gelungen.

Dann war erst mal Pause. Wie üblich wählten wir unmittelbar davor den Themenbeauftragten, und zwar für die Januar-Lesebühne. Glückwunsch, Frank, du wirst ein weiteres Mal in die Annalen der SoNochNie-Geschichte eingehen. (Vermutlich hat dich die Urkunde gelockt.) Wir sind gespannt, was du aus Thema Nummer eins: „Ausgebrochen“ machen wirst.

Wer noch eine Anregung für den nächsten eigenen Text sucht – wie wär’s mit: „Banderole“, „In eine Melancholie muss man sich fallen lassen“, „Lawine“, „Rachebeschleunigung“, „Kurzschrift“, „Ja!Jaguar Jan!UAR!“, „Tortenschlacht“, „Das … Ende guter Vorsätze“, „Leichtmetall und Schwermut“ und „Aufweichung“. Los geht’s!

Im April 2017 feiern wir übrigens schon wieder ein Jubiläum: den 50. Themenbeauftragten. Dazu werden wir uns natürlich etwas ganz Besonderes einfallen lassen und euch an dieser Stelle weiter auf dem Laufenden halten.

13_s0516602Nach der Pause hat uns Frank wieder einmal in seinen Roman „Der Richter und der Fluch der Furie“ hineingezogen. Der Ausschnitt begann ein wenig trocken, weil schwarz- und rothaarlastig, entwickelte sich aber zunehmend konfliktreich und spannend. Die junge Tadschikin Summaya, die sehr erfolgreich Kleider entwirft, erzählt ihrer Kollegin und Freundin Marjorie auf dem Weg zum Markt aus ihrem früheren Bürgerkriegsleben und wartet dringend auf einen Anruf. Doch auf einmal muss sie umkehren und sich, so die Vermutung, den Geistern ihrer Vergangenheit stellen. Das Publikum war voll dabei.

Ungewöhnliches bot diesmal Wolfgang mit einer echten Geschichte, die uns anfangs alle zu Lachstürm15_s0566656en hinriss, im zweiten Teil aber etwas zerfaserte. Es ging um einen Autor, der, weil die angepeilte Lesebühne nicht stattfand, ersatzweise im Supermarkt vorlas – mit durchschlagendem Erfolg. Gute Unterhaltung, fanden wir, aber für die Wirkung bis zum Schluss: entweder früher raus oder nochmal überraschend drehen.

Zuletzt betrat Katharina die Bühne mit ihrem „Text zur (Rücken-)Lage“. „Wenn ich sterbe, möchte ich warme Hände und Füße haben“, so der private Rahmen zur öffentlichen Hinterfragung. In w18_s0666770as für Zeiten leben wir eigentlich? Warum gehen uns die Despoten und Schwarzweißlinge nicht endlich mal aus, im Gegenteil? Und da platzte er dann tatsächlich in den Abend, Donald Trump. Schreckensstarr beobachteten wir Leovinus. Würde er das überleben? Er tat’s. So konnten wir uns entspannt auf diesen doch auch sehr persönlicher Text einlassen. Vielleicht hätte Caligula als Dämon genügt und Trump wäre verzichtbar gewesen, denn beide ähneln sich im nicht Ertragen eines jeden „Dazwischen“, das uns Autoren praktisch die Luft zum Atmen ist. In diesem Sinne: Auf das Dazwischen und alle zukünftigen Lesebühnentexte die ihm weiter nachspüren!

Danke wieder einmal, Michael, für die Fotos zu diesem feinen Abend!

Leovinus machte abschließend Werbung für unsere SoNochNie-Kerngruppenlesung am 8. Dezember 2016 um 19.30 Uhr in der Janusz-Korczak-Bibliothek Berlin-Pankow. Kommt am besten alle dort hin und brecht mit uns zu neuen Ufern auf!

Und am 26. Dezember (ja, ganz richtig, das ist der zweite Weihnachtsfeiertag) sehen wir uns dann wieder im Zimmer 16 und freuen uns auf unseren Themenbeauftragten Matthias.