Ein irrer Duft von frischen Zwiebeln

Die 144. Offene Lesebühne SoNochNie!, zugleich die 2. Lesebühne im Shutdown, Lockdown, die ich persönlich diesmal von meinem Hochbett aus verfolgte, hat der vorbildlich verhüllte Moderator Leovinus in den Kontext des hundertsten Jahrestages der Verabschiedung des Gesetzes, das Pankow zu einem Stadtteil Berlins machte, gestellt. Irgendwer warf die Frage in den Raum, ob auch Spandau … ja, auch Spandau seit 1920. Obwohl ich von Pankow aus nicht das Gefühl habe, dass mich mit Spandau was verbindet.

Themenbeauftragter war der Matthias Rische. Thema: Genderwahn. Eine grundsätzlich gut ausgehende Geschichte von Kim (gebürtig Emil), einem Menschen, der sich über die Erfindung des Unisexklos gefreut hat. (Ich habe bis heute keines gesehen, außer in so Kneipen, in denen sie eh nur eine Toilette haben). Es ging um einen Menschen, der es von früh auf blöd fand sich entscheiden zu müssen, ob er Emil heiße oder Sarah? Das ist wie gute und schlechte Laune haben. Whats the difference. Über die sexuelle Revolution hat diesem Menschen der Großvater berichtet, in die Welt seiner Eltern passte das alles eher nicht. Er/sie kam deshalb in ein Krankenhaus, aber er (der Vater) hatte darauf schon keinen Einfluss mehr und auch keine Ahnung, was da geschah. Er/sie wurde dort nämlich nicht „geheilt“ (im Sinne des Vaters), sondern gefestigt. Rache brauche ich nicht, die hat er nicht verdient. Es gab eine Phase des Kunst Machens mit vielen Geschlechtsmerkmalen. Riesige begehbare Schwänze und Brüste, eine weit offene Vulva als Eingangstor zu irgendwas, wahrscheinlich dem Paradies.

In der Diskussion fand Gudrun, dass es etwas glatt geht, alles viel zu gut läuft, während Katharina Klug meinte, eine solche Geschichte über Geschlechtsdysphorie könne auch zur Abwechslung einfach einen guten Ausgang haben. Jetzt habe ich das Wort Dysphorie nachgesehen, das bislang nicht zu meinem Sprachschatz gehörte, was mich eine Stunde gekostet hat, weil ich mich über Klick Klick Klick bei Youtube und dem Verschwörungssender KenFM wiederfand, … okay, Frank, komm zurück: Dysphorie kann man sich gut merken – ist einfach nur das Gegenteil von Euphorie.

Matthias bekam dann per Bildschirm die Urkunde überreicht. Leovinus verlieh der Hoffnung Ausdruck, das im analogen Leben eines Tages nachholen zu können.

Dann las Gudrun, das erste Mal, eher eine Kolumne, wie sie selbst sagte mit dem Titel Fallenlassen. Sie war einkaufen, es gab Hefe, sie machte den Vorschlag, Masken aus Unterhosen zu verwenden – verweise diesbezüglich auf meinen auch abgekupferten Vorschlag mit den String-Tangas – man sitzt zu Hause, es gibt nicht genug zu erzählen, so stellt sie sich Leben auf dem Dorf vor. Dann fällt Alexis Sorbas aus dem Fenster. Es handelte sich dabei um ein Buch, nicht um die Katze, wie Leovinus vermutete, mit dem sie das Fenster vor dem Zufallen schützte. Angst, dem Buch nachzuschauen, weil jemand sehen könnte, dass es aus ihrem Fenster gefallen ist, was ja zu Strafanzeigen u.ä. führen könnte, wenn es im ungünstigen Winkel einen Schädelknochen spaltete. Währenddessen spielte ihr Mitbewohner auf dem Computer ein Knallerballerspiel. Sie fragte sich, ob sie die Zeit nutzen solle, Marcel Proust zu lesen, oder zu hören (20 Stunden nur der erste Teil – und der ist nicht der längste), aber allein die Gedanken, ob sie es tun soll, dauerten länger als das Buch zu hören. Aber dann keimt Hoffnung. Der Computer spielende Mitbewohner fragte sie nach ihren Französischbüchern, er überlege, ob er französisch lernen solle (wahrscheinlich genauso lange wie sie überlegt, ob sie Marcel Proust lesen soll). Aber allein die Frage bringt in ihr Hoffnung auf, dass die Menschheit doch nicht untergehen muss, wenn Computerspieler französisch lernen wollen.

Dann war Pause. Wir tauschten uns über die unterschiedlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie aus (ich bin mal gespannt, was es für eine Steigerung zum Wort Pandemie geben wird, wenn es mal wirklich ernst wird, so „The Stand“-ernst)[1]. Heidi berichtete aus der Normandie, dass es (allerdings in Südfrankreich) Festnahmen wegen des Aufhängens kritischer Plakate gegeben haben soll; und dass sie, wenn sie rausgeht, einen selbst ausgestellten Passierschein mit sich führen muss, auf dem sie ihre Ausgehzeiten protokolliert.

Heidi stellte sich dann auch als Themenbeauftragte für den Monat Juni zur Verfügung – die am weitesten entfernte Themenbeauftragte, die wir je hatten. Vermutlich werden wir aber auch im Juni noch online konferieren. Sie nahm gleich das erste Thema, das Leovinus aus seiner Müslischüssel zog: „Entzaubern“. Da sind wir sehr gespannt, was Heidi dann entzaubern wird.

Heidi las auch als Nächste einen Text mit dem Titel „Leere Seite“. Es ging um einen Mann, der ein paar Wochen nach ihr (nicht Heidi, sondern der Partnerin des Protagonisten) auch mit dem Rauchen aufhörte. Der das erste Mal seit 23 Jahren weinte, keinen Kaffee mehr getrunken hat, sich mit Lakritz eindeckte, heftig zu träumen begann. Der einen Küchentisch baute, obwohl er kein Handwerker ist. Die leere Seite, die sich mit dem Rot des Blutes füllen wird.

Offenbar hatte ich die Quintessenz der Geschichte nicht erfasst, wie ich in der Diskussion merkte, was aber daran lag, dass mein Kugelschreiber nicht mehr schrieb, und ich von meinem Hochbett herunter ins Arbeitszimmer … und zurück. In der Diskussion merkte ich erst, dass die leere Seite für ein Leben stand, das noch gar nicht da ist. Es ging also um das Erleben eines Mannes, um Geburtsbeobachtung.

Als Letzte las Katharina Körting einen Text in Arbeit. Ein notorischer Einbrecher U in Coronazeiten. Zuhause hält er es nicht aus. Einbrechen ist seine Form der Kontaktaufnahme. Ist aber kein triftiger Grund rauszugehen. Im Gefängnis erholt er sich von der Strukturlosigkeit draußen. Er ist ein Profi darin Dilettant zu sein. Sein Arbeitgeber stellt ihn nach jeder Haftstrafe wieder ein. Die Beute ist nur hundertdreiundsechzig Euro. U bricht ein um aus sich auszubrechen. Nur im Gefängnis funktioniert er. Als er verurteilt wird zur Gnade von vierzehn Monaten, achtet er darauf, dass auf seinem Gesicht keine Regung zu sehen ist. In der Diskussion wurde die Vermutung geäußert, dass er sich seine Freude nicht anmerken lassen will. Ein Artikel im Tagesspiegel hat Katharina zu der Geschichte angeregt.

In der Diskussion habe ich dann auch noch gelernt, dass die Formulierung „der Geruch nach Zwiebeln“ bedeutet, der Geruch könne auch woanders herrühren, während es „der Geruch von Zwiebeln“ heißt, wenn Zwiebeln die Verursacher des Geruchs sind. Ich weiß aber nicht mehr, wo in Katharinas Text dieser Geruch aufgetaucht ist.

Ute Danielzick, die sich später dazu schaltete, dankte im Namen des Zimmers 16 für die Spenden. Wir (die Lesebühne) sind die Guten, sagte sie. Ich habe auch wieder gespendet. Mitglied des Fördervereins zu werden, sei aber auch eine Option, sagte sie.

Und das war sie, die 144. Lesebühne. Bis zum nächsten Mal, dann hoffentlich wieder in größerer Runde. Euer

[1] Schöne Leseempfehlung für Pandemiezeiten: Stephen King „Das letzte Gefecht“ – besonders der erste Teil.

Und es hat Zoom gemacht

So ist die 143. Lesebühne, die ziemlich genau ein Jahr nach dem zehnten Jahrestag stattgefunden hat, und mit einigem Fug und ein bisschen Recht also auch als Lesebühne des 11. Jahrestages bezeichnet werden darf (Hurra! Hurra! Hurra!), über die Bühne gegangen, obwohl da gar keine Bühne war, denn: Premiere!

Trilliarden von frei flottierenden kleinen DNA-Trägern zwangen uns Abstand zu halten und zuhause zu bleiben. Und da Computerviren noch nicht die Maschine-Mensch-Barriere übersprungen haben, durften wir uns unter Aufsicht jeweils eines Bundesvirenbeauftragten vor unsere Endgeräte setzen, diese sich miteinander verbinden lassen und uns gegenseitig mehr oder weniger klar erkennbar zusehen, wie wir uns so einrichten, wenn wir uns vor den Bildschirm setzen.

Allerdings gab es da schon wieder Klassenunterschiede, die an anderen Grenzlinien verliefen als in der analogen Welt. Während Matthias es sich vor seiner Wohnzimmer- oder Küchenwand bzw. –decke gemütlich gemacht hatte, stand Leovinus wie so ein zugeschalteter Außenreporter am Strand von … also Usedom, sage ich mal, war es nicht … und hinter ihm brach sich die immer gleiche Welle.

Micha saß auf dem Mond oder dem Mars oder auf Fuerteventura vor unbewegter, gnadenloser Gesteinslandschaft, woraufhin ich mich, nach mehreren Versuchen, was zu meinem Hemd passt, für ein Wasserbecken in der Alhambra entschied, aus Solidarität mit dem spanischen Volk, dessen Ausgangssperren teilweise militärisch, wie ich heute hörte, durchgesetzt werden.

Pünktlich zehn nach halb acht, als die Teilnehmerzahl auf 18 Leute angewachsen war (in der Spitze waren es irgendwann mehr als 20), eröffnete Leovinus gewohnt launig den Abend.

Der Jahrestag des Abends war nicht unser elfter, sondern der 163. Jahrestag der Inbetriebnahme des ersten Fahrstuhles mit Absturzsicherung durch den Herrn Otis, dessen Namen wir auch in moderneren Liften lesen können.

Beneidenswert nach anderthalb Jahrhunderten. Von solchen Halbwertszeiten träumen die meisten Autoren, wahrscheinlich nur nicht der Themenbeauftragte des Abends, Klaus Kleinmann, denn er schaltete sich uns nicht zu und verpasste damit seine oneandonly Chance, in die Annalen und so weiter einzugehen, und seiner Unsterblichkeit einen Dienst zu erweisen.

Vermutlich lag es am Thema „Faulheit“, das nun unbearbeitet darniederliegen muss für alle Zeiten.

Nachdem Leovinus uns die technische Ordnungsmäßigkeit des Ziehungsgerätes demonstriert hatte, indem er seinen Müslibecher (Ikea?) in die Kamera hielt, konnte es losgehen.

 

Den Abend eröffnete Ulrike Günther mit zwei Gedichten, wovon das erste sich gleich mit dem einzigen Thema beschäftigte, das uns ununterbrochen beschäftigt: es hieß „ambivalenter Abstand“ und stellte sich heraus als eine Hyperalliteration mit A.

Areal in Abschnitte

Alarm aus aufgerissenen Augen

Analysen anschauen und Anschauungen analysieren

Alles auf die schwere Schulter nehmen.

Ulrikes zweites Gedicht kam fast als Rätsel daher, hieß „Sie“ und meinte „die Zeit“. Hättest sie gerne allein, musst sie aber teilen. Naja, sage ich als alter Einsamer in der Menge: Mal so, mal so.

 

Nach Ulrike zog Leo den Joachim aus seiner Plasteschüssel.

Für den war es eine Premiere, die wegen eher technischer Gründe missglückte. Seine Geschichte hieß „Der Auftrag“. Was ich verstehen konnte, war, dass es um einen Tag im Büro ging, etwas ausgeschmückt, aber doch auch nach wahren Begebenheiten. Verlagsmitarbeiter stritten sich, ob da ein Buch veröffentlicht werden soll, dass offenbar von einem Nazi stammte. Die Lösung schien zu lauten: warten bis der Chef wieder da ist. Irgendwann hat Leo den Vortrag unterbrochen, weil Joachims Endgerät und/oder seine Leitung eine Entzündung hatten. Gute Besserung.

 

Dann las Michael Wäser, der schon bei Beginn seines Vortrages ankündigte, ihn nach der Hälfte abbrechen zu wollen, weil wir dann nicht mehr gewillt sein würden ihm zuzuhören. Und tatsächlich erinnerte mich sein Experiment an ein Buch, das ich auch nie weiter als bis auf Seite 20 gelesen habe, Georges Perecs „Das Leben – eine Gebrauchsanweisung“.

Michael beschrieb die ersten 37 Minuten vom Aufstehen bis zum Haus verlassen. Die meisten Sätze begannen mit „Ich habe … mit der rechten Hand, … dem linken Zeigefinger … das Handtuch, ohne den Ständer zu berühren … usw. alle Verrichtungen, die äußerlich wahrnehmbar diese Zeit ausfüllen, ohne Dramaturgie oder Spannungsbogen, wie so ein Wirklichkeitsprotokoll – und man mag sich gar nicht vorstellen, was aus dem Text werden würde, wenn wir noch tiefer eindringen würden, welche Hormone ausgeschüttet, welche Synapsenverknüpfungen aktiviert, welche Erinnerungen hochgespült werden bei dieser oder jener Verrichtung, welche Viren an welche Zellen andocken und sie entern, wie Magen oder Bauchspeicheldrüse … oh Gott …

Aber es ging ja primär um die Hände und was sie alles so anfassen.

Vor Corona – wurde dann in der Diskussion folgerichtig angemerkt – haben wir nie darüber nachgedacht, wo überall unsere Hände sind.

Heidi hatte sich bei dem Text eingesperrt gefühlt. Womit, fragte sie, fühle ich Zeit, und was machen wir, um nicht verrückt zu werden. Aber das gefällt ihr an der deutschen Sprache, sagte sie auch noch, dass durch Sachlichkeit etwas Emotionales entsteht. Michas Text gibt es hier .

 

Die vierte Lesende war dann Katharina Körting, sie, wie Ulrike am Beginn, eher lyrisch zum aktuellen Thema Corona, Fetzen aus ihrem Vortrag:

Wie geht es mir – ist vorerst untersagt…

Hänge vor dem Rechner, hänge durch.

Ich bin nicht systemrelevant (Willkommen im Club ;-))

Fühlt sich an wie eine Bombe, die nicht fällt, weil sie’s nicht nötig hat.

Niemandem darf ich (nicht) nahekommen

Es gilt Leben zu retten, nicht die Liebe.

Klopapier habe ich genug.

Im Café sitzen und nichts Böses denken

Das Gefühl, dass Freude ansteckend ist, nicht ein Virus

Leide ohne krank zu sein

Makulatur gewordene Plakate – wir gehen prüden Zeiten entgegen.

Was wir jetzt mal nicht hoffen wollen …

Was machen die Alkis jetzt … mit ihrer Sucht allein.

Es war der Punkt, an dem ich mir das dritte Glas Weißwein eingoss. Kostet ja zuhause nicht die Welt.

 

Aber ich habe an das Zimmer 16 gespendet – wer noch nicht daran gedacht hat … das als kleiner Einschub.

 

Mir hat Katharinas Vortrag sehr gut gefallen – ich mag Texte, bei denen ich so wunderbare kleine sprachliche Überraschungen erlebe, von denen ich glaube, sie noch nie gehört zu haben. Und hier sind sie nochmal nachzulesen.

 

Leo machte dann tatsächlich eine Viertelstunde Pause, während der wir launig schwatzten. Diese App (zoom) ist tatsächlich ziemlich cool.

Nach der Pause gab es das Küren des Themenbeauftragten für den Monat Mai – mein Mut und mein Drang waren nach dem dritten Glas Wein ordentlich gestiegen und so meldete ich mich.

Da wir keine Themenzettel einsammeln konnten, hatte Leo meinen Themenvorschlag „Der Einfluss der wachsenden UV-Strahlung auf die Hautbräune kleiner Stinktiere, wenn sie mindestens zwei Meter Abstand halten“ dankenswerterweise dekonstruiert, und mir wurde das Thema „Stinktiere“ für den Monat Mai zugelost. Tja. Händewaschen, Duschen, Desinfizieren, kann ich da nur sagen.

 

Der nächste Lesende war Matthias Rische. Sein Text hieß „Das Treppenhaus“. Marko, begann der Text, wollte so viel Feuchtigkeit wie möglich aus seiner Wohnung fernhalten. Aber es gab einen Geruch nach feuchten Schuhen im Treppenhaus. Er schrieb eine Kolumne über die Kommunikation von Bäumen, so zwang er sich, hin und wieder die Wohnung zu verlassen. Allerdings ist das Alter der Bäume schwer zu schätzen (genau wie das von Südländern oder Arabern). Der Regen wird die Antwort beeinflussen. Es ist ein Abbruchhaus, obere Etage – er arbeitet da allein für mehrere Zeitungen.

Ute fasste es in der Diskussion so zusammen: Zeit der Romantik – man weiß nicht wo’s herkommt und wo’s hingeht, aber toll.

 

Antonia spielte mit einer anderen Variante der Auswirkungen der Krise in der Zukunft. Sie stellte sich eine alle Jahre wiederkehrende Corona-Pause vor.

Bitte gehen Sie nach Hause,

es beginnt die Corona-Pause.

Wer nicht auf dem Heimweg ist, wird die Zeit in Containern verbringen.

Es ist eine Tradition geworden.

Ich war abgelenkt, weil die Rechentechnik ständig Blumenmuster auf Antonias rechte Gesichtshälfte zauberte, was ihr sehr gut stand.

Irgendwann waren rein rechnerisch zwei Millionen infiziert. Berge von Klopapier, Nudeln und Bierkästen versperrten den Flur. Wir haben Sehnsucht, deshalb feiern wir Corona-Pause. Wir arbeiten nicht, wir spielen und stopfen Strümpfe, reparieren die Dinge.

Weiß nicht warum, ich musste ständig an den Film „The purge“ denken. Wahrscheinlich wegen des geplanten Ausnahmezustandes, obwohl die Corona-Pause deutlich verführerischer und auch irgendwie erstrebenswert klang. Einen der Zuhörer erinnerte sie sogar an das österliche Geschehen. Was mich gerade zu dem Gedanken bringt, das es ja auch etwas mit Fasten zu tun hat.

 

Nun befanden sich noch zwei Zettel in der Müslischale und es erhob sich die Frage, welcher Frank gezogen wird … danke, Leo, für den zauberhaften Kalauer … Frankreich oder Frank Georg und es wurde Heidi aus der Normandie zugeschaltet gezogen. Heidi trug ebenfalls eher Lyrik vor mit der Vorbemerkung, dass man etwas verlöre, wenn man etwas übersetzt, deshalb habe der Micha ihr bei der Übertragung geholfen. Hier die kleinen Schnipsel, die ich mitschreiben konnte:

Verbotene Sonne und als zweites Ekliptia

Auf dem rostigen Boden wimmelt es. …

Ich werde wachsen, ohne dass mich ein Perverser mit Dünger erstickt. …

Die Sonne wärmt immer den Rücken dessen der versteht.

Am Ende aber, enttäuscht und bis ins Rückenmark getroffen, erlischt sie (die Sonne).

Füße haben lange Gespräche mit dem Kopfsteinpflaster geführt.

Lange hält man einen Koffer geschlossen, die Stadt gibt die Möglichkeit ihn zu öffnen. Und auch wenn man seine Koffer gepackt hat, einen lässt man immer. 

Auch Heidis Texte sind nachzulesen.

 

Als Letzter durfte ich meine Geschichte „Teure Metallzäune“ lesen, in der es um zwei Frauen ging, deren einer Ehemann sich um nichts kümmert, nur zockt – und der zweite geht fremd. Und das Happy End sozusagen bestand darin, dass die Hauptfigur die Idee nicht schlecht fand, mit der anderen Frau zusammenzuziehen. Ausgerechnet mei Fraa meinte, sie habe die Figuren nur schwer auseinanderhalten können. Schluchz.

Ute hat es dagegen gut verstanden und meinte, so wäre nun mal der ganz normale Berliner Einfamilienhauswahnsinn. Als Service des Hauses gibt es die Geschichte auf meiner Homepage zum Nachlesen, bis zu den Stinktieren im Mai, oder auch nur bis April, falls es da schon wieder was Neues aus meiner „Feder“ gibt.

 

Und das war sie, die 143. Offene Lesebühne SoNochNie!, bin mal gespannt, ob wir nach Ostern schon wieder analog im Zimmer 16 hocken dürfen. Bis dahin bx, wie meine Schwester immer schreibt. Bleibt xund.

Irgendwie ist doch immer Geburtstag

 

Jedenfalls bei SoNochNie. Am 28. Oktober 2019 haben wir dank Leovinus den 782. Geburtstag von Cölln an der Spree gefeiert, denn „In Berlin vor langer Zeit machten sich die Cöllner breit“, so dichtete er. Und was reimt sich besser auf „Gefluche“ als die themenbeauftragte „Wohnraumsuche“? Danke, Leo! Für diese elegante Einleitung gibt‘s auf jeden Fall eine ohrgepinselte Moderatorenurkunde.

Matthias übernahm den Staffelstab und berichtete unter dem Titel „Vom Suchen und Vergessen“ mit leiser Melancholie, aber keineswegs schwermütig von den Nöten seiner ersten jugendlichen Wohnraumsuche. Das war 1983 im mauergeschützten Westberlin. Mit der Morgenpost unterm Arm und klammheimlich. Die fürsorglich-dominanten Eltern (oder war es nur die Mutter?) hätten wenig Verständnis aufgebracht für seinen Ausbruchsversuch aus dem trauten Lankwitzer Heim. Doch unterwegs zum Besichtigungstermin befällt ihn Panik: Würde er nicht – sowie einmal ausgezogen – im Handumdrehen vergessen werden? (Denn: „Wer solche Eltern hat, der hat auch keine Freunde.“) Und dafür, so traf ihn brutal die Erkenntnis, war er dann doch noch nicht bereit. Also husch, zurück ins Körbchen und aufgeschoben den vorwitzigen Plan. Nach Abschluss seiner Tischlerlehre würde die Welt bestimmt schon ganz anders aussehen … Viel positives Feedback gab‘s für diesen Beitrag und natürlich die berühmte Ehrenurkunde.

Dann betrat der Elmar – Premiere, hört, hört! – die Bühne mit Gitarre und trug Lyrisch-Prosaisches in der Tonart „Pullmoll“ zum Thema „November“ vor: „Lausiges Novembernass sickert ins Gemüt …“ Da ist Oma Fähnchen mit einem Blumenstrauß unterwegs zum Grab ihres verblichenen Heinrich und wird – das Leben steckt voller Widrigkeiten – von den frechen Blütenstängeln „in die Titten“ gepikst. Vielleicht ist sie so alt wie Pippi Langstrumpf jetzt wäre, die womöglich als Pippi Strützstrumpf im Altersheim von Taka-Tuka-Land lebt, sinnierte der Autor. Bezüglich Oma Fähnchen schloss er mit den Zeilen: „… und sie sehnt herbei voll Schmerz a) die Weihnacht, b) den März.“ Als wäre das nicht Unterhaltung genug, gab‘s noch ein Chanson über einen Torero ohne Tiefsinn obendrauf. Immer wieder gern, durchaus auch singend, Elmar!

Dritte im Lesereigen war Suse aus Neukölln, die einen „Goldenen Nachmittag ohne Nixe“ zum Besten gab. „Wir treffen uns beim Supermarkt. Rotze wartet bereits.“ So setzte sie von Anfang an treffsicher den Ton. Die Ich-Erzählerin der Milieustudie ist knapp 14, raucht und trinkt Goldkrone, um sich den Tag zu vergolden. Zum Geburtstag wünscht sie sich Torte, Sekt und „dass Muddern mal nüchtern ist“. Sie hat das Sagen in der Gang, zu der auch Zecke, Kay und Nixe gehören. Aber Nixe fehlt an dem Tag, und Zecke ist zu spät. Muss dafür Pizza klauen im Supermarkt. Erst läuft alles glatt, dann kommen „die schwarzen Ladenhüter“, und es wird eng für die Mädchen … Suse weiß, wovon sie redet und ist nicht nur sprachlich dicht dran an ihren Protagonisten. Das Publikum ging voll mit.

Nach der Pause ist vor der Wahl. Doch Überraschung: Nicht nur die von Leovinus beverste in Thüringen ist passé, sondern auch die zum Themenbeauftragten für Dezember – glücklicherweise mit besserem Ergebnis. Der abwesende Frank hatte sich darum beworben und muss sich nun zum Thema „Kirsch“ was einfallen lassen, nachdem „Sündenfall“ – Thema Nr. 1 – in der (erstmaligen) Publikumsabstimmung durchgefallen war.

Was wäre eine Lesebühne ohne Wolfgangs Assoziationsakrobatik? Kariert versus liniert – so lautete die Versuchsanordnung. Eine Recherche im Schreibwarenladen brachte die ganze Bandbreite an möglichen Lineaturen zutage: groß- oder kleinkariert, mit Rand oder ohne und wenn ja, wie breit. Der Transfer der Lineaturen ins wahre Leben gelang Wolfgang bei einem Punkkonzert auf dem Tempelhofer Feld mühelos, fand das geneigte Publikum. Eine Zuhörerin nahm die Frage mit, welches Teilchen oder Kästchen im großen Ganzen sie wohl sei und ob sie auch Ränder habe. Danke, Wolfgang, für diesen erfrischenden Denkanstoß!

Eigentlich zu spät erschienen, weil in Unkenntnis unserer neuen Anfangszeit (19.30 Uhr), bekam Oliver doch noch die Chance zum Vortrag. „Part of missing man“, lautete der Titel, wenn ich das richtig notiert habe. Es ging um Kurt Cubain, den 1994 mit 27 jungen Jahren selbstgemordeten Sänger und Gitarristen der Band Nirvana, um sein Album „Never Mind“, seine schwierige Kindheit, die quälende Monotonie seines Rockstarlebens, seine Depressionen. Ein langes Gedicht nannte Oliver den sprachlich dichten, inhaltlich schwebenden Text, dem wir gern zuhörten. Nach eigener Aussage ging es ihm um Konformismus, Wahrhaftigkeit und wie Kreativität auch in einem brutalen Arbeiterumfeld an Gestalt gewinnen kann. Cubains Geist traf das jedenfalls ganz gut, fand nicht nur Wolfgang.

Mit „Die Wohnung“, einem Auszug aus etwas Längerem, beschloss Barbara diesen abwechslungsreichen Abend. Ihr Text knüpfte direkt an ihre Älteres-Ehepaar-Geschichte an, in der die Frau auf den richtigen Moment zum endgültigen Gehen wartet. Jetzt ist sie wirklich fort, allein in der im Stillen gekauften Zweieinhalbzimmerwohnung. Es klingelt an der Tür, sie muss eine allzu neugierige Nachbarin abwimmeln, bevor sie sich ein Glas Wein gönnt. Das soll ihr helfen, „den Mann zu vergessen, der sie 35 Jahre lang zu seiner Haushälterin gemacht hat“. Eine sehr geradlinig erzählte Episode, merkte Suse an, und tatsächlich könnte das Gesamtprojekt durch mehr Gestaltungsfreude noch gewinnen. Erzählenswert fanden wir die Geschichte allemal.

Das war sie auch schon wieder, die etwa 182. offene Lesebühne SoNochNie. Die schönen Fotos stammen wie immer von Michael – danke! Unser Dank geht natürlich auch an das Team vom Zimmer 16. Am 25. November wird uns dann Wolfgang als Themenbeauftragter verraten, was es mit einem „Vorhang“ auf sich hat, vielleicht gehabt hätte oder künftig würde haben können. Wir sehen uns!

Man taucht niemals in dasselbe Ohr

Die Lesebühne, die zwei Geburtstage feierte, nämlich den 110. Napoleons, hier legte Leovinus eine Kunstpause ein, um irgendwann den Nachnamen Nolsøe anzufügen, damit jeder genügend Zeit hatte sich zu wundern. Napoleon? 110. Geburtstag? Häh?

Man lernt an diesen Stellen immer Dinge, die man nie zu brauchen glaubte. Nolsøe war ein färöischer Arzt, der sich darum verdient gemacht hat, die färöische Sprache am Leben zu erhalten, indem er alte färöische Dichtungen sammelte, zum Beispiel die Sigurdslieder. Jedenfalls gab es da noch Sigmund Jähn, der vor 41 Jahren mir meinen Kampf zwischen Karat und den Puhdys um den Platz eins versaute, indem er ins All flog, dazu ließ Leo eine färöische Heavy Metal Band „Tyr“ laufen, was eine Anspielung auf den Kriegsgott nicht zu verwechseln mit Thor ist, der war ein Wettergott (schreibe ich mich jetzt um Kopf und Kragen bei allen Avengers-Fans) und hatte einen Hammer und dieser Hammer hatte ein …

 

Wurfgewicht

Und damit hatte Leo den Übergang zum Thema des Abends erzwungen, aber die Themenbeauftragte Petra Lohan war noch nicht erschienen, über Pankow war ein Unwetter niedergegangen. Ein heftiger Regen spülte viele vertrocknete Blätter von den Bäumen und gemahnte uns an die Klimakatastrophe, aber der stellte sich Wolfgang Weber in den Weg. Er hatte für eine seiner anderen Bühnen oder online-Wettbewerbe das Thema „Das Orakel“ zu bearbeiten und sich für das „Wattestäbchenorakel“ entschieden. Man taucht niemals in dasselbe Ohr. Wolfgang sammelte alle möglichen Wortpaare, z.B. gluten und lügenfrei, wobei man das Wort Lügen auf dem e betonen muss, damit es wirkt. Galgen oder Guillotine, Knirps oder Schirm. Es ging um scheinbar gleiche Enden.

Nun gut. Der Donnergott hatte ein Einsehen und Petra tauchte doch noch auf und präsentierte uns ihre Geschichte zum Thema mit dem Titel „Abwürfe“. Ein Dreier, der sich einst gefunden hatte, um eine im Eis Grönlands verschwundene Atombombe aufzuspüren. Sie hatten sie nicht gefunden, Natalia, Piet und Helena. Aber jetzt bekommt Natalia eigenartige Post mit Fotos, die sie an die alten Zeiten erinnert. Der Schmerz wird neu, wie Goethe sagt. Es wiederholt die Klage des Lebens labyrinthisch irren Lauf. Kleinzitat, ist auch egal, Goethe ist länger als 75 Jahre tot. Das Eis schmilzt. Die Atombombe taucht wieder auf und mit ihr die Möglichkeit, alte Freundschaften aufleben zu lassen, mit Geld und Kampf. Schön, wenn Beides zusammen kommt. Aber vielleicht will ja auch unser aller peinlicher US-Präsident die Bombe zurückhaben.

Dann trat der uns allen ans Herz gewachsene Matthias Rische auf. Ich bin da an was dran, sagte er, noch ohne Titel. Der Sohn einer Mutter, die früher Barrikaden angezündet hat, hat sich eine Bannmeile aus Kuscheltieren gebaut. Er – im Gegensatz zu ihr (?) – weiß nur nicht, wer der Gegner ist. Sie, fand er, hätte Rücksicht nehmen können. Freiheit, weiß der Junge, ist das wichtigste. Es ist ein Irrtum, dass man sie sich erkämpfen muss, man kann sie nur einbüßen. Den Satz finde ich so gut, dass ich glaube, den hast du geklaut, lieber Matthias. Wenn nicht: Chapeau. Eine Flunder taucht auf, seinen Bannkreis zu durchbrechen, die sich für einen Frosch hält. Der Junge will sie nicht küssen, da sagt sie: Nicht? Na, dann mach‘s gut, du Arschloch. Auch der Piranha, der an seinem Strahl hinaufklettern könnte, macht ihm Angst. Erinnert mich an das Wildfeuer aus Game of thrones, das angeblich auch an einem Pissstrahl nach oben klettern kann – männliche Urängste.

Nach der Pause mochte Matthias neben Barbara auch den Themenbeauftragten für den Monat Oktober geben. Er erloste sich das Thema „Wohnungssuche“. Wird wohl was ordentlich Deprimierendes werden. Der Hauptheld landet wahrscheinlich in Pasewalk.

Außerdem las noch Barbara über eine kleine eher wenig geschichtliche, eher protokollarische Familienepisode, die sich wohl genau so zugetragen hat. So richtig dicker Besuch. Selbst der Freund der jüngeren Tochter ist schon verfettet. Und es gibt Buttercremetorte und schokoladige Sachertorte. Nur für die Ich-Erzählerin hat man, weil man die schon kennt, bei Aldi oder wo auch immer eine tiefgefrorene Obsttorte gekauft. Es wird geschwafelt und der Vater lässt sich das Wort nicht entziehen. Selbst als die Ich-Erzählerin persönlich von dem perspektivisch adipösen Schwiegerneffen etwas über dessen Leben erfahren will, antwortet dessen Schwiegervater in spe. Der Text endete mit dem Satz: Erstaunlich, wie langsam so viele Kilos die Treppe runterschleichen können.

Auch bei mir hat der Text ambivalente Gefühle ausgelöst. Unser Dauergast Martin formulierte es so: Dann benennen wir uns um und machen therapeutisches Schreiben daraus. Ein bisschen dramaturgische und literarische Gestaltung hätte das Ganze schon vertragen, auch wenn jeder sich in die Situation ganz gut hineinversetzen konnte.

So. Das war der verspätete Bericht über die 136. Lesebühne SoNochNie!. Wir hoffen auf reichlicheren Besuch, wenn erst die Tage wieder kürzer und hoffentlich auch kühler werden. Nächstes Mal bin ich höchstselbst der Themenbeauftragte mit dem Thema: Spätsommersehnsucht. Gibt drei mögliche Geschichten. Als ich den einen Protagonisten gefragt habe, was er sich wünsche, wenn ich über ihn schreibe, hat er so eine Rappergeste gemacht und gerufen: Ich will eine coole Sehnsucht, okay. Als ich dann noch fragte, was er sich da vorstelle, hat er gesagt: Du bist der Schriftsteller. Denk dir was aus! Eine coole Sehnsucht. Eine kühle Sehnsucht sozusagen. Gibt es das überhaupt? Ist eine Sehnsucht nicht immer schwer und unerfüllbar? Und heiß sowieso.

Übrigens: Der zweite zu feiernde Geburtstag war der der Themenbeauftragten Petra Lohan. Herzlichen Glückwunsch nachträglich von dieser Stelle. Sie wurde 29 …..   ….. f?

Bis dahin, Euer

Netto-Service-Center

Der 22. Juli 1711 war der Geburtstag von Georg Wilhelm Richmann, der zu Blitzableitern forschte und deshalb von einem Blitz getötet wurde. Er starb, damit wir heute entspannt auf unseren Balkonen den häufiger werdenden Unwettern zusehen und uns wohlig gruseln können.

308 Jahre später findet die 135. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow statt. Diesen Zusammenhang stellte der Moderator des Abends, bewährt und lecker, unser Leovinus her. Bevor er selbst zur Tat schritt und sich als Themenbeauftragter auf den gefährlichen Stuhl setzte (dazu später mehr).

Sein Thema lautete „Wundheilung“, und die Moral von der Geschicht war, dass jeder Penner dein Wundheiler sein kann. Man muss ihm nur eine Chance geben. Wenn er, wie im vorliegenden Fall aus dem Ostblock stammend, nach der Wende vom System ausgespuckt, früher mal ein erfolgreicher Wissenschaftler war, der statt einer Wunderwaffe (Giftgas), wie eigentlich sein Auftrag lautete, eine Wundermedizin erfand, die jedes Wehwehchen im Handumdrehen heilt. Die Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit, zumindest was die Begegnung mit dem Penner betrifft. Mein Lieblingssatz war: alles streng geheim, schließlich könnte man jeden verwundeten Soldaten heilen, wenn das in die Hände des Feindes fällt! Der Penner suchte nach einem Netto-Servicecenter. Kennen Netto? Netto-Servicecenter? Es stellte sich heraus, dass Netto ein früherer Kollege des Penners war, der die Restbestände der Wundermedizin mitgehen lassen hatte, und der ihn nun heilen sollte. Was er am Ende (gut, alles gut) auch tat.

Nach Leovinus führte uns Ute Danielzick in die Welt der albanischen Märchen ein. „Märchen aus Omas Truhe“ heißt die Sammlung, die sie damit bewarb. „Das magische Becherlein“ brachte sie zu Gehör. Ein Junge, der mit fünf Franken böse Jungs davon abbrachte, Tiere zu quälen, diese stattdessen mit nach Hause nahm, eine Katze, einen Hund und eine Schlange. Zur Belohnung geriet er an ein magisches Becherlein, das er unter der Zunge halten musste oder so, jedenfalls hatte er dann immer genug Gold. Das Becherlein wurde ihm gestohlen, mithilfe der Tiere findet er es wieder, muss zum König, der ihn um seine Paläste beneidet. Die Königstochter wird schwanger, der König schmeißt sie in einer Truhe in den Fluss, in der Truhe (das hat mich sehr beeindruckt) gebärt sie das Kind, der König lädt den erwachsen gewordenen Jungen und die Tochter doch wieder ein, der Hauptheld verpasst ihm mit einem glühenden Hufeisen einen Denkzettel. An Wendepunkten hat es der Geschichte nicht gemangelt. Is aber allet noch ma jod jejange, wie der Albaner sagt.

Anschließend las Wolfgang Weber einen Text von 2013 „Feiertaxi oder Wasser trinken in Pankow“ – es ging um ein Festival im Bürgerpark, das heißt Fayatak oder hieß so und gehörte zu dem schon eingeführten Festival Rakatak. Jedenfalls durfte Wolfgang seine Wasserflasche nicht mit aufs Gelände nehmen. Oder ist sie doch noch mitgekommen? Habe mir notiert: Meine Wasserflasche ist doch noch mit aufs Gelände gekommen, wahrscheinlich hat er sie geschmuggelt. Jemand sollte drei Wasserflaschen in sieben Minuten leeren und gleichzeitig einen Text lesen, hat aber nur zweieinhalb Liter geschafft. Wolfgang machte sich Gedanken um den Einfluss der störenden Musik auf den Leserhythmus. Beim Rausgehen war der Wachposten, der ihm seine Wasserflasche nicht durchgehen lassen wollte, nicht mehr da. In der Diskussion wurde gewarnt, dass beim Karneval der Kulturen auch keine Wasserflasche mehr zulässig wären.

Dann gab es die Pause und der Themenbeauftragte für den Monat September wurde gekürt. Ich hatte wieder mal Lust und habe das Thema „Spätsommer-Sehnsucht“ gezogen. Eine Geschichte ist mir schon begegnet. Mitten im heißesten Berlin. Aber was im Juli passiert, kann für den Spätsommer erzählt werden. Da sollte ein Autor frei sein.

Es las nach der Pause Ulrike Günt(h?)er eine Geschichte über Rebecca oder Rebekka, deren Ex-Mann zur Kindstaufe lud. Clown oder Seiltänzerin, das war hier die Frage, was sollte es als Taufgeschenk sein? Jens, der Verkäufer diskutiert mit der Protagonistin, ist aber eigentlich von der Frau genervt, die sich Gedanken darüber macht, warum es die Männer sind, für die es einen zweiten oder sogar auch einen dritten Frühling gibt. Wird es ein Junge, soll es der Clown sein, bei einem Mädchen die Seiltänzerin. Für Informationen diesbezüglich (als Ex erfährt sie ja nichts mehr, nicht mal von ihren Kindern) steht Doa, die Putzfrau, zur Verfügung, die für beide Haushalte zuständig ist und die gerne schwatzt und sich durch Berge von Blusen dabei bügelt. Rebekka denkt an ihre Kindheit, dass für ihren Traum, Ballettunterricht zu nehmen, kein Geld da war, nur für ein Karnevalskostüm hat es gereicht, ein Tutu, das ihre Mutter irgendwann einfach wegwarf. Sie erinnert sich an Pfefferminzküsse – jetzt sind es Ralfs Erdnussküsse. Es wird immer melancholischer, bis Doa am Ende die Puppe im Haus des Exmannes und seiner neuen Frau platziert und der Leser erfährt, dass die Seiltänzerin eine Spionin ist, die statt eines Glasauges nun eine Kamera hat. Zurück im kleinsten Kreis der Familie. Happy end geht anders, finde ich, aber das war wohl auch nicht beabsichtigt.

Dann durfte ich selbst lesen, but the freaking furniture attacked me und Leovinus reichte mir ein Tempo, womit ich meine rasant wachsende Blutblase unter Kontrolle halten und kühlen konnte, danke, Leo. Ich las eine Sage, ein Märchen, die/das ich für meinen Roman erfunden habe, um den phantastischen Geistergeschichten einen weit in die Vergangenheit reichenden Bezug zu verschaffen. Die Geschichte handelte von Hagir, dem Schrecklichen, der sich eine Armee aus von Geistern besessenen Krüppeln und Aussätzigen schafft, die sich alle an ihren Verderbern rächen bis sie zurück in den Geistersee müssen. Die Geschichte wurde sehr freundlich aufgenommen. Kritisch wurde angemerkt, dass ich in der Sprache nicht konsequent wäre, weil es mal nach altem Deutsch und mal nach neuem Deutsch klingt. Da werde ich nochmal rangehen und hoffentlich mit (m)einem Lektor eines Tages diskutieren.

Schlussendlich erfreute uns der Matthias Rische mit einer Geschichte über „Zwei Blatt Papier“. Es handelt sich um eine Lehrerin, Frau Herrschel, die wegzieht und Abschied nimmt von einer Klasse, die sie fünf Jahre lang unterrichtet hat und besonders von Ramon, von dem sie zwei Blätter Gedichte in die Hand bekommen hat. Freiheit, konterkariert von Schwertern in den Himmel. Ramon ist ärgerlich, sie hat nicht das Recht, diese Gedichte zu lesen. Sie fragt sich, was sie von ihm weiß. Er schimpft, dass sie nun die Wörter befreit hat. Sie sind persönlich, gingen niemanden etwas an. Schreiben wäre schließlich wie Splitter aus einem Körper ziehen – Körperverletzung an dir selbst – Wunden in Narben verwandeln. An der Stelle, fand ich, schloss sich thematisch der Kreis des Abends. Sie darf ihn nicht berühren, aber sie sagt ihm, dass sie erkennen kann, ob der Schreibende sich zeigt. Am Schluss berührt er sie, weil sie es nicht durfte. Eine sehr berührende Geschichte. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob eine solche Geschichte auch mit umgekehrter Geschlechterverteilung (Herr Herrschel und Ramona) hätte geschrieben werden können. Ich finde, das wäre für den Autor doch eine schöne Herausforderung. Vorzutragen auf der 136. Lesebühne am 26. August. 😉

Oder es könnte für den 23. September ein schöner Sidekick für die Spätsommer-Sehnsucht werden. Nun. #meetoo… immer schön vorsichtig sein. Nabokov ist nicht mehr. Heute ist Houellebeqc. Euer

Sechs Streiche Lesen

Georg V., letzter König von Hannover, wäre an diesem 27. Mai 2019 ganze 200 Jahre alt geworden, verriet uns Moderator Leovinus eingangs launig. Diesem bedeutenden Anlass nicht ganz entsprechend ging‘s mit ‚nur‘ sechs Lesenden auf unserer 133sten SoNochNie-Bühne eher übersichtlich zu. Ob das Relegationsspiel von Union Berlin gegen den VfB Stuttgart mit folgendem Union-Aufstieg in die erste Bundesliga daran irgendwie beteiligt war, bleibt allerdings reine Spekulation. An Spannung hat es an diesem Abend im Zimmer 16 dennoch selten gefehlt.

Unsere Themenbeauftragte Ulrike Günther schaffte es trotz gegenteiliger Ankündigung pünktlich zu 19.30 Uhr auf die Bühne und fing uns mit ihrem vom Handy gelesenen bild- und metaphernreichen Text zum Thema „Sieben Streiche Leben“ mühelos ein. Ihr Protagonist Moritz bekommt in einem Berliner Straßencafé die Aufsicht über ein Paket übertragen, das, wie sich herausstellt, an ihn adressiert ist und ihm – nach Kündigung im Büro – mit (zu engen) blauen Schuhen den Weg in eine lichtvolle südfranzösische Zukunft weist. Der Text ist in sieben Tageskapitel unterteilt, jeweils gekrönt von einer Überschrift aus der gut durchgemixten Sprücheküche. Von „Müßiggang ist so alt wie die Zeitung von gestern“ bis „Das blaue Wunder pfeift von den Dächern“ – alles dabei. Die Sprache kam gut an, die Spannung stieg von Tag zu Tag. Verdientermaßen gab‘s dafür die Ehrenurkunde. Danke, Ulrike!

Richard Hebstreit, unser zweiter Lesender, hatte gleich seinen Lektor und den Protagonisten seines „Ludendorf“-Textes aus der Sammlung „Berlin – Komische Geschichten“ mitgebracht und zeichnete die Lesung wohl auch auf. Der Ich-Erzähler bewirbt sich wie der titelgebende Ludendorf um einen ABM-Job als Hilfstarif- bzw. Hilfsexistenzgründungsberater. Beide werden eingestellt und erleben Anekdotisches mit den übrigen 40 Mitarbeitern. Gegen Ende wird der Erzähler von einem Klienten namens Hassan, von dem er finanzielles Unheil abwenden soll, zur Hochzeit eingeladen, woraus wohl nichts werden wird, wie Ludendorf unkt. Das Feedback aus dem Publikum war eher kritisch. Der rote Spannungsfaden wurde in dieser episodischen Reihung mehrheitlich vermisst.

Als Stammleserin stellte nun Petra Lohan ihren neuen Text „Ohne Gesicht“ vor. Die schreibwillige Ich-Erzählerin beobachtet auf einem großen Platz in der Stadt die Begegnung eines sehr, sehr alten Mannes (mindestens 200 Jahre – eine Wiedergeburt Georg V. von Hannover?), der anfangs reglos wie eine Skulptur erscheint und sein Gesicht hinter einem Tuch verbirgt, mit einem jungen Mann, der als Clown verkleidet vom Junggesellenabschied kommt. Alkohol ist beteiligt und Scham. Die rote Clownsnase, vom Wind als Spielball zwischen den beiden und der Erzählerin benutzt, schafft Raum für Assoziationen. Es ist ein leiser Text mit melodischer Sprache. Jemand meinte, Clowns seien als Motiv zu abgenutzt, um noch darüber schreiben zu können, eine andere, dass die Erzählerin verzichtbar sei, ein Dritter empfand gerade im Figurendreieck Spannung. Das Uneindeutige, Unfertige an diesem Text forderte heraus – ganz im Sinne unserer Werkstattbühne.

Auch Matthias Rische gehört schon länger zu unseren Wiederholungstätern. Mit „Der Wandler“ bot er diesmal die feinfühlig erzählte Geschichte eines Jungen, der dem Vergleich mit dem verschwundenen älteren Bruder in den Augen der Mutter nie Stand halten konnte und daran leidet, aber nicht zerbricht. „Wo ist Massimo?“ – Die Frage bestimmt sein Denken und Tun. Mit der Energie des Forschers legt er im Garten ein Rohr frei, das andeutet, was mit dem Bruder passiert sein könnte. Im Rohr findet er die Eier von Schmetterlingen, luftigen Flugwesen als Metapher für eine andere Welt. Er sei ein Träumer, sagt die Mutter, doch er widerspricht: „Ein Wandler, Mutter, ein Wandler.“ Berührend und trotz der schweren Thematik von Hoffnung getragen hat der Text das Publikum überzeugt.

Vor der Pause sprang Leovinus mutig in die Bresche, als niemand freiwillig den Juli-Themenbeauftragten geben wollte. Das erste Thema „Wahrnehmungsillusionen“ lehnte er aus purer Neugier ab und muss sich deshalb nun mit „Wundheilung“ beschäftigen. Wir sind gespannt.

Heiko Heller beehrte uns nach längerer Pause mal wieder mit einem Vortrag, in dem er seine Erfahrungen nach einem anaphylaktischen Schock aufgrund übermäßigen Pfirsichverzehrs verarbeitet. „Der Tod hat eine Pfirsischhaut“, so der Titel. Dem ernsten Anlass trotzend rang er der Situation jede Menge Komik ab. „Ein Ossi, der an Südfrüchten stirbt. Das wäre mir in der DDR nicht passiert.“ Oder: „In Krankenhäusern bekommt man oft Indianernamen. ‚Der lange Schock‘ aus Zimmer 13…“ Oder: „Ich sollte Krankenhausserien schreiben. Am Ende jeder Folge wären bei mir alle tot. Das wäre ein völlig neues Konzept.“ Das Publikum ging voll mit. Jemand regte sogar an, den Text an den Eulenspiegel Verlag zu schicken. Es lebe die pointierte Unterhaltung!

Zuletzt – wie schon so oft – entführte uns Wolfgang Weber mit drei Texten, die er in verschiedenen Ausgaben des Kunstmagazins ‚Innenwelten‘ veröffentlichte, ins Jahr 1969. Genauer gesagt auf eine subventionierte Reise, die er 16jährig mit dem Kreisjugendring nach Berlin unternahm. In 14 Streiflichtern lässt er die Stadt und seine Erinnerungen aufblitzen, die Grenzkontrollen, das Jugendzentrum Marienfelde, das Haus der Kulturen der Welt, das sowjetische Ehrenmal, das ‚Big Eden‘, die Pfaueninsel, das Sechs-Tage-Rennen, den Fernsehturm, aber auch die Mondlandung, die Willy-Brandt-Wahl, den berühmten Africola-Slogan. „Es passierte so viel, dass es für mehrere Jahre gereicht hätte. Ein Kaleidoskop. Ein Kessel Buntes. Und heute? Und ich? Bin wieder in Berlin. Schon seit 30 Jahren“, schließt er. Nicht ganz so wild assoziativ wie sonst war sein Text diesmal eine leisere, persönlichere Zeitreise in historisch bewegte Tage.

Zum frühen Abschluss des Leseabends gegen 22 Uhr stand es bei Union zwar immer noch 0:0, auf dem Lesbühnenspielfeld konnten wir aber durchaus ein paar Tore verbuchen. Danke an alle Autorinnen und Autoren, an das Publikum, an Moderator Leovinus, an Fotograf Michael Wäser und an unsere Gastgeber im Zimmer 16! Bis zum nächsten Mal bei SoNochNie am 24. Juni 2019, wenn Michael Wäser als Themenbeauftragter uns Schockierendes rund um die „ZIGARRETE“ (echt wahr) enthüllt …

Von wegen grau!

 

Der November kann diese Farbe traditionell für sich beanspruchen – die offene Lesebühne SoNochNie vom 26.11.2018 dagegen keineswegs. Leovinus, unser geschätzter Moderator, war leider verhindert, und so begann vertretungsweise Frank seine beherzte Moderation mit einer Überraschung: Steffen, der Themenbeauftragte des Monats, muss beim Fliegen Lernen entweder ins Straucheln gekommen oder weit übers Ziel hinaus geschossen sein, jedenfalls hat er uns versetzt. Dafür sprang – zweite Überraschung – Lucie ein, die Themenbeauftragte vom Juni, die uns ihrerzeit wegen einer Fußverletzung spontan abhanden gekommen war. Aber ich will nicht vorgreifen, den ersten Leseplatz am schlichten Holztisch besetzte nämlich Jane, die wiederum im Oktober infolge übermäßigen Autorenandrangs nicht mehr zum Zuge kam. So viel zum unterhaltsamen Bühnenreigen.

Jane also berichtete in ihrem Text „Der blinde Fleck“ von einem Autor, der sich an Thomas Mann misst und kein Wort aufs Papier bekommt, obwohl er unumstößlich weiß: „Ich muss schreiben!“ Nur um einen Schriftstellerkollegen zu beeindrucken, bringt er zum Jahresende dann doch ein Werk heraus, hinter dem er nicht steht, und hat sogar Erfolg damit. Als er stirbt, sagt man, er war ein schrecklicher Mensch. Die Diskussion entzündete sich an der Frage, warum Jane über so ein Arschloch geschrieben habe und ob ihr Text thematisch zu vollgestopft sei für eine Kurzgeschichte. Die einen sahen Ansatzpunkte zur Romantrilogie, die anderen plädierten für noch stärkere Verdichtung. Sprache und Vortrag des Textes fanden jedenfalls Anklang.

Dann bat Lucie das Publikum, die Augen zu schließen bevor sie – mehr assoziativ als analytisch – in eine veritable Feinstaubbelastung abtauchte. „Ich sehe nichts, höre nur das feine Rauschen der Stille …“, beginnt sie und fährt fort mit altem Dreck, der schwer lastet und einem Lichtstrahl, der an ihrer Fingerkuppe leckt, bevor erst sie im Text, dann auch wir im Publikum die Augen wieder öffnen. Der kurze, stimmungsvolle Vortrag hätte ein wenig kraftvoller und langsamer gesprochen noch stärker wirken können.

Marcel las Lyrik. In „Treibsand oder Alles ist gut“ (nach dem Film „Alles ist gut“) versucht eine Frau, sich nach einer Vergewaltigung nicht unterkriegen zu lassen. „Begegnung mit Sankt Dementia“ basiert auf einem realen Erlebnis des Autors mit seiner Tochter vor einem Seniorenheim. „Ich will nach Berlin, da, wo noch Weihnachten ist“, erklärt eine alte Dame melancholisch. Sein letztes Gedicht „Rabenliebe“ beruht auf Peter Wawerzineks gleichnamigem Roman und endet mit dem Satz des Erzählers an seine Mutter: „Ich bin dein Kind, ich dien‘ dir als Krücke, du brütest mich aus und lässt mich zurück.“ Die Lyrik kam an, nur über die Notwendigkeit der Vorgeschichte zum zweiten Text gingen die Meinungen auseinander.

Octavia hatte drei Kurzgeschichten dabei. Eine „Alte Frau am Fenster“ beobachtet eine junge Frau, die täglich am Meer auf den geheimnisvollen Geliebten wartet und enthüllt dessen Identität erst, als die junge Frau in weißem Kleid und mit Taucherbrille auf eine Delphinflosse zuschwimmt. „Die Prophezeiung“ erzählt von Tante Hermine, der ein früher Tod vorhergesagt wird, weshalb sie weder heiraten noch Kinder bekommen will. Doch zum Erstaunen der erst mitleidigen, später vorwurfsvollen Verwandtschaft sieht man sie selbst mit 84 Jahren noch auf einem Kamel in der Wüste. In „Fifty-fifty“ sorgt ein bärtiger junger Mann mit arabischen Zügen im Nahverkehr spätestens als sein Handy klingelt für latenten Generalverdacht. Doch nichts passiert. Mit ihren leisen, nachdenklichen Beobachtungen entließ uns Octavia fast in die Pause.

Zuvor meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den Monat Februar und wählte gleich das erste Losthema: Der Aufbruch.

Nach der Pause gab’s von mir, Angela, eine brandneue halbe Geschichte mit dem scheinbar eindeutigen Titel „G-Punkt“. Eine Frau, die gerade sämtliche Brücken hinter sich abbricht, wird von ihrer Vergangenheit in Gestalt eines älteren Mannes überraschend eingeholt und mit sanftem Nachdruck zur Änderung ihrer Pläne genötigt. Wer wissen will, wie es weitergeht, komme am 15. Dezember 2018 um 19 Uhr zur traditionellen ADVENTSLESUNG der KernautorInnen von SoNochNie unter dem Motto „ALTE BEKANNTE“ in den Jugendclub M24 in Berlin-Pankow (siehe Flyer in meiner Hand). Nur so viel sei noch gesagt: Es war wohl die längste und spekulativste Diskussion über einen halben Text in der Geschichte unserer Lesebühne.

Der unnachahmliche Wolfgang W. brachte uns mit seinem Text „Was ist eine Rhythmusmaschine?“ weniger zum Nachdenken als zum entspannten Mitschwingen und verwies in Sachen Antwort auf den amerikanischen Jazz-Saxophonisten Phil Woods, der die Rhythmusmaschine im Bandnamen trug, auf den Drummer Buddy Rich, mit dem Woods kurzzeitig spielte und auf Iggy Pop mit seinem Hit „The Passenger“ in einem neuen Werbespot der Deutschen Bahn.

Die dritte Überraschung des vielseitigen Abends gelang Richard, der seinen Vortrag gleich selbst mit Kamera und Mikro aufnahm, um ihn den Cohen-Brüdern nach Hollywood schicken zu können. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Tatsächlich gehörte seine alten Sagen entlehnte historisch-fantastische Geschichte um einen Kriegsheimkehrer, der in den Zwanziger Jahren die negative Masse von Basaltsplittern entdeckt und mittels ihrer Tragkraft und einer Fluggerätattrappe dem Streit mit seiner Frau in die Rhönberge entschwebt, vielleicht gerade wegen ihrer dokumentarischen Anmutung zu den schrägsten Beiträgen des Abends.

Den Abschluss bildete Wolfgang E. mit zwei Witzen aus dem semitischen Volksmund, die er zu erheiternden Geschichten ausgebaut und auf jeden Fall bühnenreif vorgetragen hat. In der ersten wird Gott seine Gesetzestafeln nach mehreren Fehlversuchen nur deshalb bei Moses los, weil sie nix kosten, im zweiten soll ausgerechnet „es Davidle“ mal was werden und hat‘s alles andere als leicht.

Beschwingt ging diese 128. SoNochNie-Lesebühne zu Ende. ACHTUNG: Der Dezembertermin fällt, weil auf den 24., leider aus. Wir sehen uns erst am 28. Januar 2019 wieder, wenn Wolfgang W. zu themenbeauftragten und garantiert rhythmischen Spekulationen ansetzt. Bis dahin kommt gut durch den Advent, die Festtage und ins neue Jahr!