Vegansexuell

Was für eine wunderbare Lesebühne diese 126. doch war. Zum einen freute mich natürlich der Zuspruch, den mein eigener Text erhielt, zum anderen freut mich der wachsende Zuspruch der Lesebühne selbst. Herzlichen Dank an dieser Stelle ans Zimmer 16 und all die Helfer, die diesen Abend erst möglich machen. Dank aber auch an all die Lesenden und Zuhörer. Zwölf Bewerber gab es für einen Platz am Tisch. Da inklusive Themenbeauftragtem aber nur acht lesen können, musste das Los entscheiden, und Eva, Petra, Steffen und Wolfgang hatten diesmal kein Glück bei unserer Lottofee, die Leovinus hieß und uns charmant durch den Abend geleitete, auch wenn er genderkonform eher ein Feenrich war. Da Micha im Urlaub weilte, übernahm ich auch die Fotografie. Bitte also um Verzeihung, habe nur mit dem Handy geknipst; auch wenn es ein gylaxa 8 ist, sind natürlich die Fotos niemals so schön wie Michas.
Der Abend begann mit der Themenbeauftragten Vera Fang zum Thema „Stoppschild“. Wir erfuhren, dass das Stoppschild in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, jedenfalls in Deutschland. Vera begann mit der Art, wie sie sich dem Thema genähert hat, nämlich ungewöhnlicherweise über google, um uns am Ende eine kleine Geschichte vom Traum nach der Recherche zu präsentieren, in dem ein Stoppschild u.a. traurig darüber ist, dass kein Kind sich zu Halloween (oder war es Fasching) als solches verkleidet. Auf die Kritik, dass der Rechercheweg an sich nicht zur Geschichte gehört, reagierte Vera mit dem bis zu diesem Zeitpunkt vorenthaltenen Titel: „Wie eine Geschichte entsteht“.
Danach kam der Stefan und las seine poetischen Kleinodien. „muss irgendwer im Süden hocken mit meinem Schal und dicken Socken“ schaffte ich mir zu notieren „und ist das µ auf seine Weise Pantoffeltierchens größte Reise“. Ich kann zu Stefans Gedichten nicht allzu viel sagen außer, dass ich sie liebe. Sie geben den Kleinigkeiten einen gefälligen Rhythmus, der mir unwillkürlich ein freudiges Gefühl verschafft, mich ein bisschen glücklicher macht, meinen Wert auf der Glücksskala unmittelbar um ein bis zwei Punkte hebt. Was ein mehr oder weniger eleganter Übergang zum nächsten Lesenden,

nämlich
mir, ist. Frank Georg Schlosser (ich stelle mich mal neben mich) las die Geschichte „Glücksskala“ und sie ist, scheint mir, gut angekommen. Es gab eine lebhafte Diskussion und verschiedene Vorschläge, wie die unvollendete Geschichte enden könnte. Dafür dankt der Autor, weil wirklich bedenkenswerte Ideen darunter waren, wie er findet.
Der letzte Lesende vor der Pause war der Max. Er las aus seinem Werk „53 verdammt gute Tipps“, in dem er seine eigenen Probleme, wie er sagte, einer Lösung zuführte und es hätte geholfen, ihm ginge es schon viel besser. Zum Beispiel gab er sich den Rat, die verzweifelte Suche nach dem perfekten Platz im Kino aufzugeben und sich hinten an den Rand zu setzen, weil das der einzige Platz ist, wo ein Typ wie er (Perfektionist) den Film genießen kann. Oder noch besser: der ewige Kampf mit den Gästen, dass sie den Designerteppich nicht vollkrümeln, bekleckern, mit ihren Schuhen verhunzen, dadurch aufzulösen, dass er mit der Zigarette selbst ein Brandloch hineinzaubert, welchselbiges übrigens der schwarze Punkt auf der weißen Fläche des Jin und Jang-Symbols ist. Wusste ich nicht, fand ich aber sehr interessant und passend.
Dann gab es die Pause. Nach der Pause wurde der Themenbeauftragte für den Monat November gesucht und es meldete sich Steffen Meyer. Ein Tusch für Steffen. All unsere guten Wünsche begleiten dich für das Thema „Wie lernt man fliegen?“ Bin sehr gespannt, kann man bestimmt auch was googeln 😉
Dann las die Barbara kleine Miniaturen aus der täglichen Welt der U-Bahn, der Kaufhallen, der Taxis. Es war eine Eloge auf das aufmerksame tägliche Hinsehen, was um uns herum so geschieht. Sie setzt mit ihren Geschichtchen kleine Denkmäler für die Helden und Antihelden des Alltags: der MOZ-Verkäufer, der kein Geld will, sondern ein Lächeln und Beides bekommt; zwei kleine alte Damen, die sich an einem Einkaufswagen festhaltend durch den Supermarkt (wollte schon wieder Kaufhalle schreiben) schieben und in wortloser Einigkeit beschließen, was sie wollen und was sie sich leisten können; der Taxifahrer, der nichts gegen Flüchtlinge hat, sich aber schon wundert, wie die vierundzwanzig Euro für eine Taxifahrt ausgeben können; und eine Frau, die ihre Pflanze in der U-Bahn spazieren fährt und zu einem wildfremden Mann sagt: „Ich wusste schon immer, dass ich verloren bin.“ Ihre Geschichten kann man nachlesen in „b.geschichten.myblog.de“. Hoffe, ich habe das richtig aufgenommen.
Wolfgang Ebel „Sprache und Realität“ trug seine Geschichte sehr vehement vor, und ich muss gestehen, dass die Heftigkeit des Vortrages es mir schwer machte, inhaltlich bei ihm zu bleiben. Das tut mir leid, obwohl ich das Abschlussbild sehr schön fand, wie sie ohne Sauerstoffgerät den Achttausender bezwingt und am Gipfelkreuz ihrem Führer die Maske vom Gesicht reißt um ihn zu küssen, was dazu führt, dass er, plötzlich des Sauerstoffs beraubt, taumelt und über verschiedene Klippen und Spalten in die Tiefe stürzt. Sie streichelte das Kreuz der Realität, es lastet auf ihrer Seele, die achttausend Meter auf dem Grund des Ozeans liegt, was eine Entfernung von 16.000 Meter zwischen Körper und Seele schafft. In der Diskussion verwies der Wolfgang auf den Essay „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Kleist, was wohl die rasanten Sprünge in seinem Text erklären sollte.
Als siebter las der Matthias, der mich mit einer alten Geschichte wieder sehr froh machte. Es ging um den luziden Zustand zwischen Wachen und Schlafen und das Gefühl, neue Körperteile an Stellen zu haben, wo sie nicht hingehören. Es gab so sinnige Sätze wie „Ich hasse Kinder, schon gleich meine eigenen.“ Oder: „Ich schlafe nie nackt, dafür bin ich viel zu hässlich.“ Oder ähnlich: „Die Suche nach einem Spiegel gebe ich auf. Habe sie alle mit Rücksicht auf mein Wohlbefinden zugehängt.“ Irgendwer sagte in der Diskussion, der Matthias dürfe auch wieder traurig werden, meinetwegen, solange er nur jedes vierte bis siebte Mal so etwas drastisch Lustiges raushaut. U.a. gab es einen Baumstamm im Bett, was Leovinus in der Abmoderation zu dem Begriff „vegansexuell“ verführte. Siehste! Kennt er nicht. Macht er mir eine rote Kringellinie drunter. Aber „Siehste“ kennt er auch nicht, und das hat doch Pittiplatsch immer gesagt, oder?
Als Letzter des Abends wurde der Ralf gelost, der eine Geschichte aus seinem Grimmatorium las. Sie spielte in einem Plattenbau, der als Auffangstation für aus ihrer Heimat geflohene Wörter diente. Die Zeit des Brauchens ist vorbei, sagte einer der Protagonisten, der als Polizist auf den Namen Räuber hörte. Es gab die Richterin Eiserne Jungfrau, die einzige, die Sexist die Stirn bietet. In der Diskussion wurde viel darüber gesprochen, ob die Geschichte das Thema nicht ein bisschen verschenkt, weil sie zu sehr an der Oberfläche bleibt (was immer das ist), und nicht die Frage beantwortet, warum ausgerechnet diese Wörter da sind. Ich persönlich denke auch, dass die Idee Potenzial hat, die Protagonisten aber mehr Persönlichkeit bräuchten. Ich glaube, es steckt zu sehr im Wortwitz fest und nicht im Schicksal oder der Not der Mitwirkenden. Aber damit müssen wir den Ralf jetzt allein lassen, denn nur im Alleinsein kann der Autor die Wunder schaffen, von denen wir auf der nächsten offenen Lesebühne SoNochNie! viele neue zu hören hoffen. Am 22. Oktober ist es wieder soweit, wenn die einzige Lesebühne mit einer Hymne erneut an der Eieruhr dreht.
Bis dahin: gehabt euch wohl.
Euer

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Der April macht was wir wollen

Diana-Dana Möller machte es sich schwer, und das auch noch ausgerechnet als Themenbeauftragte des Monats. „Der Mensch in seiner Zelle“ war ihr vor zwei Monaten geloster Publikumsauftrag. Wochenlange Blockade folgte auf ihre Wahl, wie sie nachher verriet, und so war nur das erste, kürzeste ihrer präsentierten Gedichte tatsächlich für diesen Abend geschrieben – aber immerhin. Der Beauftragtenstuhl ist ein Ehrenstuhl, und jede und jeder, der sich darauf traut, verdient Anerkennung und Applaus für diesen Mut. (Zwei ihrer Vorgänger hatten diesen Schneid nicht und ließen uns am Abend mit leerem Stuhl sitzen.) Die Menschwerdung aus der Zelle war der Gegenstand dieses ersten Gedichts, kein leichter Stoff, und erst die folgenden, die sich um 9/11 drehten, um persönliche Reife, Trauer und die Asche der Vergangenheit. Die Machart und die Zugangsweise aber trafen auf wenig Gegenliebe, ersteres, weil die Reime, wenn schon gereimt, oft als bemüht oder verfehlt angesehen wurden, letzteres, weil darin eher allgemein Bekanntes angesammelt als Überraschendes oder Unerwartetes aufgedeckt wurde. Die SNN-Ehrenurkunde gab es selbstverständlich anschließend aus den Händen des Moderators Leovinus!

Regina Gröning machte es kurz. Fünf aphorismenhafte Sprüche/Miniaturen über das Altern, jede würde locker in einem Atemzug gelesen werden können, wenn man es drauf anlegte. Jede ein ganz persönliches Vergrößerungsglas, gerichtet auf ein kleines Ereignis, eine scheinbar unbedeutende Beobachtung, welche die Tragikomödie des Lebens unübersehbar und pointiert ans Licht bringen- großer Humor auf kleinstem Raum. (Gestanksfreie Füße, anhängliche Morgenfalte, haltlose Brüste u.a.) Wir sehen Sie hoffentlich bald wieder bei SNN, Frau Gröning?!

Matthias Rische machte eine vollgepisste Pampers zur Todesursache, allerdings nicht am Popo eines unschuldigen Babys, sondern auf dem Haupt seiner unglücklichen jungen, Mutter, welche die Einmalwindel über Kopf und Atemwegen gezogen hatte wie andere Leute Plastiktüten übergezogen bekommen, wenn sie „reden“ sollen oder einfach bloß sterben. Letzteres hatte die Mutter getan und wurde in einem spießigen Vorgarten vom Streifenpolizisten aufgefunden, nebst hilflosem Kleinkind an ihrer Seite. Der teilnahmslose Kommissar, der gerufen worden war, der Szenerie irgendeine nützliche Information abzugewinnen, hatte nicht die geringste Motivation, diesen Fall zu lösen. Aber Matthias vielleicht, den seltsamen Kommissar noch öfter in Erscheinung treten zu lassen?

Nach der Pause hieß es: Wer möchte sich für den Juni beauftragen lassen? Luci reckte ihre Hand hoch und lehnte ihr erstes Los („verteufelt“) ab, musste also nun das zweite annehmen: „Feinstaubbelastung“. Wir erwarten atemlos ihr SNN-Debüt am 25. Juni im Zimmer 16!

Wolfgang Weber machte eine Lesung zum Thema seiner Lesung. „Poesie Global Nr. 15“ hatte er besucht und darüber einen Bericht verfasst, wo jemand aus Island, jemand aus Algerien, jemand mit eigenem Festival, jemand aus Syrien und jemand aus den USA gelesen hatte. Selbstverständlich tat er das nicht ganz frei von W.W.-ischer Assoziationskettenkunst. Eine META-Lesung. Wann liest jemand noch METAer auf SNN über SNN?

Michael Wäser machte es spontan. Ich entschied erst nach der Pause, ein Kapitel aus meinem neuen Romanprojekt zur Diskussion zu stellen, weil noch Platz war auf der Leseliste. Die Milieuschilderung einer Provinzsiedlung der 70er Jahre durch die Augen eines Außenseiters erbrachte das (für mich) erfreuliche Ergebnis, dass sie sich wohl anhörte, als erzähle da jemand jemandem von Ich zu du, und genau das soll es ja auch sein.

Petra Lohan machte mit dem Ex-Papst einen Ausflug nach Rom. Wo er ein Paar seiner maßgefertigten roten Schuhe in der Auslage seines EX-Leibschusters stehen und gleich darauf geklaut werden sieht. Er folgt der jungen Diebin bis in eine Kirche, wo er sich im Beichtstuhl ausruht und sie sich umzieht. Eine vielschichtige Fantasie entfaltete Petra wieder einmal, inklusive der Fantasie des emeritierten Papstes um seine Schuhe, die sein Nachfolger verschmähte, weil er lieber einfache Straßenschuhe trägt. Noch ein-, zweimal Nachlesen würde man gerne, um der bedächtig erzählten, traumähnlichen Geschichte noch mehr zu entlocken, was sie ohne Zweifel bereithält.

Andrea Maluga machte den Abschluss des Abends und erinnerte in einer eindringlichen Story an die Situation derer, die den Tag des Aufstands am 17. Juni 1953 zwar in der DDR, aber sicherheitshalber am Radio verbrachten, beim Programm des RIAS Berlin. Dies bewahrte jedenfalls vor Verhaftung oder Schlimmerem, im Falle dieser Geschichte einen Elektro-Lehrling nach der Warnung durch seinen Chef. Nicht jedoch bewahrt ihn die Live-Berichterstattung des RIAS davor, am Radio das Trauma seiner eigenen Nachkriegs-Flucht aus den Ostgebieten wieder zu erleben.

Bleibt noch eins, damit wir es nicht schion wieder vergessen, bei der kommenden Lesebühne am 28. Mai die Beleuchtung auf „Diskussion“ und nicht auf „Bühne“ einzustellen, denn alle sollen ja alle sehen können, nicht nur hören. Im Mai übrigens heißt der Themenbeauftragte Matthias Rische und sein Publikumsthema: REBELLION. Wir sehen uns!

Liebe, Tod und Teufel

Der Elmar Grüber war der Themenbeauftragte der 120. Lesebühne SoNochNie!.

Sein Thema lautete „Lieb, Tod und Teufel“ – und er schrieb einen in meinen Augen sehr, wie soll ich es sagen?, wirksamen, treffenden, gut aufgebauten, nebenbei auch witzigen Text zum Thema „Im Hier und Jetzt leben“. Liebe ist eine geile Sache, so begann es, wie Fußball: jeder weiß Bescheid. Niemals überfordert uns der Fußball. Mit der Liebe ist es ähnlich, nur dass man dazu lieber Rotwein statt Bier trinkt. Oder Gott: Jeder modelliert ihn wie es ihm passt.

Aber zur Liebe: Es gibt die Liebe zum Fußballverein; die Liebe zu den Kindern, die man (und die Stelle fand ich besonders treffend) trotzdem jeden Morgen zur Schule schickt – das „trotzdem“ kam im Text nicht vor, aber in mir schon – die Liebe, die mit ficken zu tun hat oder neuerdings auch die Liebe zu sich selbst. Er, der Autor, habe die Liebe zur Göttin der Zukunft, zu Futura, für sich entdeckt. Er zählte eine Reihe von Dingen auf, die ihm in der Zukunft ein schönes Leben bescheren würden, ein Traumhaus, ein Traumauto, eine Traumfrau, eine Traumkarriere.

Der frühe Tod seiner Eltern, die selbst kurz davor noch die verzichtenden Leidensminen ihres Lebens nicht ablegen konnten, beendete dieses Spiel. Diese ewige Weigerung sich etwas zu gönnen, dieses ewige „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Er erkannte, dass seine Göttin Futura ihm mit Sicherheit nur den Tod bringt. Das Leben ist banal, es sei denn, man wendet sich der Gegenwart zu.

Ein wunderbares Plädoyer. Danke, Elmar.

Als zweiter wurde Matthias Rische aus dem Lostopf gezogen. Er las eine Geschichte „Glashaus“. Es ging um einen Menschen, der in einem Callcenter sich Sätze anhören muss wie „Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel“.  Namen tun nichts zur Sache, weil sie dort sowieso Decknamen haben. Pause ist von 12 Uhr 39 bis 13 Uhr 11. In dieser Zeit ist die Beschwerdeaktivität niedrig, weil die Kunden auch zu Tisch gehen. Pause macht er auf dem gläsernen Innenhof, wo sich drehende Bänke zum Verweilen einladen. Dort tauchte dann das literarische „Du“ auf, ein schelmischer Buchhalter mit Bügelfalte in der Jeans, die vom Blick auf das Genital ablenkt. Dieser Buchhalter fährt nach der Pause mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, weil auch hier die Finanzwelt über allem thront. Am Ende passiert, was der Hauptakteur sich erträumt: der schelmische Buchhalter kommt in so einer Pause auf ihn zu, aber aus seinem Mund purzeln die Worte (hatte er geschrieben „tourettiert es“? – nein, hatte er nicht, sh. weiter unten): Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel.  Die Idee war, das verriet uns der Autor, eine Geschichte über Kommunikationsstörungen zu schreiben.

Dann  gab es eine Pause und es wurde der Themenbeauftragte für den 28. Mai 2018 gesucht. Erst als ich drohte es selbst zu machen, fand sich Matthias Rische. Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch, lieber Matthias. Das erste Thema („WM in den Zeiten der Krim-Krise“) lehntest du ab. Zu Recht, wie ich fand, weil: was soll man darüber schreiben, außer dass sich der Westen die Krisen produziert bzw. aussucht, die er gerade braucht (uhh, jetzt bin ich aber aus der Rolle des neutralen Protokollanten herausgefallen – hoffentlich gibt das keinen Scheißsturm). Das zweite Thema, dass Du dann nehmen musstest, lautete „Rebellion“. Das ist wie Liebe, Tod und Teufel. Gegen was man alles rebellieren kann: gegen die Regierung, gegen den Chef, gegen die Frau oder die eigenen Kinder, wenn sie einen entmündigen wollen. Viel Spaß und wir freuen uns, lieber Matthias, mal wieder auf was Lustiges?

Der dritte Lesende war Wolfgang Weber. „Rap den Stress“. Ich kann an dieser Stelle wie eigentlich immer bei Wolfgang nur meine Notizen abschreiben.

You can make it if you try

Sei nicht faul

Gib dem Stress eins aufs Maul

Vorsicht ist die Mutter der Personalkiste

Such dir Unterstützung

Sei popopopopopulär

Sei autark

Zeig keine Schwäche

Frag Peter Rühmkorf (den musste ich googeln)

Pack die lange Bank weg.

Es stellte sich heraus, dass er einen Rap zu einem Seminar gemacht hat, dass er besuchte und dass die Papierrolle, mit der er seinen Vortrag rhythmisch begleitete, indem er immer wieder auf einen Stuhl, den er zu diesem Zwecke extra neben den Tisch gestellt hatte, schlug, die zusammengerollten Flipcharts dieses Seminars waren, die ihm der Seminarleiter überlassen hatte. Die Überschriften waren: Sei stark; sei beliebt; sei vorsichtig; sei perfekt; du kannst das nicht. Rap den Stress.

Dann gab es ein neues Gesicht auf der Lesebühne, den Matthias Peikert, der eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basierte, zum Besten gab. „Flüchtlingsentpathie“. Oberkörperfrei (also nicht ohne Oberkörper sondern eben oben ohne) liegt der Hauptheld (was das oberkörperfrei nun auch wieder etwas uninteressant macht – jedenfalls für mich) am Wasser und liest „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt. Weiß nicht, ob das Schleichwerbung ist. Wahrscheinlich schon. Es geht darum, dass die Nachbarschaft auf das Ruhebedürfnis wenig Rücksicht nimmt; um das Gesetz, dass Lärm Lärm anzieht, oder anders formuliert: das Gesetz der proportional steigenden Lautstärke. Die Nachbarn erobern den See („Nr. 5 lebt und feiert das mit einer Arschbombe“). Der Hund darf nicht ins Wasser („Bruno, bleib draußen“) und das Ende vom Lied ist, dass die Enten aus dem Wasser vertrieben werden und auf dem Bootssteg des lesenden Haupthelden um Asyl bitten. An der Stelle wurden mir der See zu Afrika und der Bootssteg zu Lampedusa. Selbst der Spruch „Wir schaffen das“ kam und der kaum noch lesende Hauptheld (übrigens las er eine Geschichte über seine Kindheit in Bonn!) wollte eine No-duck-area auf dem Steg. Getrocknete Entenkacke ist nämlich wie Beton. Schließlich wollte noch der jüngste Balg der Seetyrannen auf den Steg und da – ha – und hier kam der Satz: „tourettierte es aus mir heraus“, allerdings nur in der Phantasie. Zum auf die Matratzen gehen sind wir ja nicht mehr geeignet. Wir dulden und gehen weg. („Lässt die Lage eine Rückkehr auf den See zu?“).  Schade, aber besser fürs Karma.

Und das war sie, die 120. Lesebühne SoNochNie!

Die 121. gibt es am 23. April. Ich freu mich drauf.

Euer

Unfisch auf dem Mars

 

Wieder so eine gut gefüllte Lesebühne an diesem eisigen 26. Februar 2018. Neben Stammpublikum auch eine Reihe neuer Gesichter. Scheint seinen festen Platz in der Berliner Kulturszene gefunden zu haben, unser vielseitiger literarischer Abend mit Senf dazu. Obwohl Senf diesmal streckenweise rar war. Stimmlippen eingefroren? Scheinwerfer zu grell? Zu viel Input? Fassungsvermögen des Abends mit acht Lesenden wieder mal voll ausgeschöpft. Inzwischen fast Standard. Das bunte Paket professionell zusammengehalten von Leovinus in der ersten Hälfte und Frank Georg Schlosser in der zweiten. Wichtig dabei: ein starker Einstieg. Den hatten wir.

UnfischMichael Wäsers Beauftragtenthema. Ein Unfisch auf dem Mars. Gehört nicht dahin. Kann nicht mal scheißen, wenn‘s dran ist. Aber wohin mit 250 Billionen Eiern? Fett Party, ist ja wohl klar. Nur für die Besten, versteht sich. Raumschiff gebaut, die komplette Ausrüstung an Bord und ab zum roten Nachbarn. Spitzenalternative zu unserem abgeranzten Planeten. Nur blöderweise: Dixi-Klos vergessen. Dabei geht‘s letztlich immer ans Eingemachte. Hätte man vorher wissen können. Hosen runterlassen ist in dieser Gegend lebensgefährlich. Also doch ein Fehler, die Erde so leichtfertig aufzugeben? War ja nicht alles schlecht. Die Straßennutten in Bangkok zum Beispiel entwickeln sich prächtig. – Cooler zeitgemäßer Text, passend ruppige Sprache, viel Beifall, danke, Michael!

Danach Frank Georg Schlosser. Romanauszug. Kapitel: AVM Dienstag Nachmittag. Neu dabei: Ariane von Malotky, orangefarbene Sonnenbrille plus Strohhut, seit ein Fremder sie vor die Berliner U-Bahn stoßen wollte. In der Hand einen USB-Stick von Nob, dessen Inhalt ich nicht erinnere. Vor ihr liegt ein Interview mit Politiker Krampitz, von zwei Stunden auf eine verkürzt. Stress ist angesagt, Professionalität gefragt. Wie sie das meistert, erfahren wir vielleicht im März. Gut zuhören ließ sich dem Text. Flüssige Sprache, wie immer bei Frank.

Matthias Rische erzählte in Spiel mit der Erinnerung vom Brainscanner, den Professor Momhard voller Enthusiasmus an einem Patienten mit impulsgesteuerter Kontrollstörung testet. Ziel: die Ursache der Störung finden. Verschiedene Erinnerungen werden abgerufen, enden beim Bild eines traurigen siebenjährigen Clowns mit toten Augen. Momhards Begeisterung schlägt unvermittelt in Betroffenheit um. Das will er niemandem zumuten. Er zerschlägt das teure Gerät. – Die Grundidee, gar nicht so fantastisch, kam gut an beim Publikum. Nur die Wandlung des Professors überzeugte nicht ganz und die Perspektive der aufgezeichneten Erinnerungen wurde hinterfragt.

Vor der Pause Wolfgang Weber kurz und kurios: Schreib deinen Text! „Es ist wie verhext. Du bist stets in irgendeinem Kontext. Schreib deinen Text! Schreib‘s auf. Schicksal nimmt seinen Lauf. Glück auf beim Nudelauflauf. Sei exzentrisch und konzentrisch. Mach‘s wie Kisch: Leg deinen Text auf‘n Tisch! Schreib deinen Text. Alle sind perplext.“ – Schräge Reime, vom Lineal als Taktstock rhythmisiert – das Publikum dankte für die unterhaltsame Auflockerung.

Nach der Pause heftiges Gerangel um den Platz des Themenbeauftragten im April. Nein, Wunschvorstellung. Eine Bewerberin immerhin. Wir freuen uns auf Diana-Dana Möller mit dem von ihr gewählten ersten Thema: Mensch in seiner Zelle.

Dann ich, Angela Bernhardt. Mit einem möglichen Romananfang. Arbeitstitel: Niemand ist schneller. Eine junge Frau auf Städtetrip in Rom. Ihr Freund verschwindet urplötzlich aus dem antiken Forum Romanum. Keine Spur, keine Nachricht, nicht mal ein Duft bleibt zurück. Nur die bange Frage: Gab es ihn wirklich? – Kam gut an, war laut Publikum spannend, temporeich erzählt, Sprache prägnant. Etwas langsamer hätte ich wohl lesen können. Ich werde weiter schreiben.

Diana-Dana Möller brachte Gedichte mit. Ein Stern wird geboren – „in einem Millimoment der Zeit“. Im Reich des Regenbogens – „Farben begleiten, berühren das Leben, so war‘s, so wird es bleiben.“ Das Tegeler Fließ – „macht das Herze weit“. Wasser – „… bringt Spaß und Blumen zum blüh‘n, und kein Mensch kann sich dem Zauber des Wassers entzieh‘n.“ Die Pracht der Bäume – „In ihrem Leben werden Bäume viel verletzt, Sturm, Blitz und Menschenart haben ihnen hart zugesetzt.“ – In den Reimen eher holprig, in den nach Dianas Aussage umfangreich recherchierten naturwissenschaftlichen Aspekten zu einfach gemacht stieß ihre Lyrik nur teilweise auf Zuspruch.

Im Anschluss noch mehr Gedichte, jetzt von Stefan Franken. Rache, Libelle, Hut, Beine, Zwiebel und Blümelein – allesamt scharfsinnig und pointiert gereimt – ein Hörgenuss. Beispiel gefällig? „Es sucht eine gläubige Zwiebel in ihrem Leben nach Sinn. Sie sucht den Sinn in der Bibel, doch steht über Zwiebeln nichts drin.“ – Immer wieder gern mehr davon.

Daniel Marschall, SoNochNie-Neuling, gab uns den Rest. Mit einem Auszug aus seinem veröffentlichten Roman Der Denunziant. Anmoderation und Hinführung zur Lesestelle im Sprechgesang präsentiert mit Gitarre, Verstärker und einiger Technik mehr. Die Grundidee gleich im ersten Satz: „Ich, IM Schriftsteller, wurde enttarnt.“ Zum Verhängnis wird ihm nicht ein Lügendetektor, sondern die eigene Panik davor. – Das musikalisch unterlegte Intro sorgte zum Teil für Verwirrung, der Text selbst für positive Resonanz.

Und das war‘s auch schon. Besten Dank ans Zimmer 16 für die tatkräftige Unterstützung. Wir freuen uns auf die 120. SoNochNie-Lesebühne am 26. März 2018. Elmar Grüber wird uns dann wissen lassen, was es mit Liebe, Tod und Teufel so auf sich hat. Bis dahin: schreiben, schreiben, schreiben …

Déjà-Vu

Das war sie, unsere traditionelle Dezemberlesung in der Janusz-Korczak-Bibliothek in Pankow am 14.12.2017, musikalisch eingeleitet von der zauberhaften Ute Danielzick.

Sie trug die von ihr geschriebenen Lieder „So noch nie“, die Hymne unserer Lesebühne vor und ein Lied zum Thema Déjà-Vu – jedes Jahr die gleiche Versuchsanordnung mit den gleichen Personen, nur ein Jahr älter, genannt „Weihnachten“ – da möchte sie lieber nach Hawaii. Danke, liebe Ute.

Die zu Gehör gebrachten Geschichten waren ein guter Jahrgang, wie ich fand, denen leider nur wenige Zuschauer ihre Aufmerksamkeit schenkten, die aber dafür besonders intensiv zuhörten und es klang in den Nachgesprächen, als könne da neues Stammpublikum für die Lesebühne gewonnen worden sein.

Michael Wäser begann mit „Down in the hole“, einer sehr amüsanten Auseinandersetzung mit einem zwergenhaften Wesen, das einer tiefnächtlichen Sitzung präsidierte und dem Haupthelden (dem Sitzenden) allerhand Vorhaltungen machte.

Frank Georg Schlosser setzte fort mit „Paul geht nach Amerika“, einer problematischen Ankunft in einer neuen Heimat mit heftigen Déjà-Vus, einer Fingerübung im gruseligen Genre.

Danach las Angela Bernhardt eine Geschichte (die erste des Abends ohne runtergelassene Hosen) darüber, dass späte Liebe es möglich macht, Abba und Spliff abwechselnd auf einen MP3-Player zu kopieren und shufflefrei abzuspielen, ohne dass die Technik streikt, weshalb die Geschichte ursprünglich „Wunderwerk der Technik“ hieß.

Den Abend beschloss unsere Norbert „Leovinus“ Wurzel mit Halleluja, einem wunderbaren Kleinod darüber, was einem passieren kann, wenn man im Fahrstuhl der Galeria Kaufhof den von einer alten Dame angebotenen Kirschkuchen verschmäht. Tu es nicht. Nimm ihn. Iss ihn. Sonst kriegst Du das Halleluja nicht los.

Es war ein wunderbarer Abend, den wir mit einer kleinen Weihnachtsfeier im Alassio II, wo sie uns um zwölf rauswarfen, beschlossen haben. Da gehen wir nicht wieder hin. Um zwölf!

Wir danken allen Beteiligten der Janusz-Korczak-Bibliothek, allen voran Frau Breuer, für die herzliche Organisation des Abends.

So Gott will dann auf ein Neues im nächsten Dezember.

Euer

Würfelquall‘ und Weihnachtsmann tanzen wild auf dem Vulkan

Ja, der Bogen dieser November-Lesebühne war in der Tat weit gespannt und das Publikum zu unserer Freude auch reichlich erschienen.

Locker anmoderiert von Leovinus übernahm unser Themenbeauftragter Dimitri die erste Reim- und Tanzposition: poetische Sprachbilder in mehreren Gedichten, denen er mit vollem Körpereinsatz zusätzlich Ausdruck verlieh. Das Thema ausgesetzt mäanderte darin recht lose von ausgesetzt werden zu etwas ausgesetzt sein. In Die Baumdeutung war da zunächst ganz allein in einer Hausecke ein Baum, dem es wohl an Verwurzelung fehlte. „Trösterchen: Wer keine Wurzel hat im Boden, den kann keiner jemals roden.“ Wie wahr. Und auch wie traurig. Heiter ging’s weiter mit einer Rhapsodie in Grün auf die oft geschmähte Leuchtstoffröhre, die auch bei Dimitri nicht gut wegkam: „das Ohr durchsticht es, der Schrei des Lichtes“. Vom dritten Gedicht topfit houserunning ist mir der Schluss hängengeblieben: „Die Römer haben Asterix am Ende besiegt. Gott segne Amorika.“ Im vierten und letzten Gedicht ging es um Unendliche Aufwachungen: „Visionen vertonen, verfließen, verblassen, als qualvoll im Schallwall die Hellsicht ertrinkt.“ Ich kann nicht behaupten, dass sich mir inhaltlich alles erschlossen hat, aber darum geht es Dimitri nach eigener Aussage auch nicht, wichtig sei eher der Rhythmus, der Sog der Sprache, das Gesamtkunstwerk. Und das kam – auf seine exzentrische Art – beim Publikum sehr gut an. Die Themenbeauftragten-Urkunde war ihm jedenfalls sicher.

Das Los wollte mich, Angela, schon als Zweite am Lesetisch sehen. Mitgebracht hatte ich diesmal den Anfang eines neuen Kinderbuchs, in dem Vulkane eine besondere Rolle spielen. Mehr will ich hier inhaltlich gar nicht verraten. Zu meiner Freude fand das Publikum den Text spannend genug, um sich für die Fortsetzung zu interessieren. Ein paar interessante Hinweise durfte ich außerdem mitnehmen.

Als letzter Lesender vor der Pause trug Herr Schmidt, Bühnendebütant, nicht nur bei uns, seinen Text vor. Einigkeit, die war im Stil eines inneren Dialogs verfasst und eher für die Leserbriefecke in der Zeitung gedacht denn als literarischer Text. Ausgehend von der Krux eines Bewerbungsgesprächs, in dem sich jeder verstellen müsse, gelangte der Autor zu einer persönlichen Abrechnung mit allen machtsüchtigen Herrschern im Allgemeinen und Robert Mugabe im Besonderen. Das Publikum fand die Argumentation mehrheitlich nicht so ganz schlüssig.

Nach eindringlicher Werbung für den Posten des Themenbeauftragten im Januar entließ Leovinus uns in die Pause. – Sein Aufruf zeigte im Anschluss auch gleich Wirkung, denn es meldeten sich sogar zwei Anwärter. Nicht ein Bewerbungsgespräch, sondern das Los entschied. Es fiel auf Wolfgang, der nun bis Januar thematisch An der Wegkreuzung steht. Mario darf sich gern wieder um den Februar bewerben.

Matthias setzte die Leserunde mit einem todtraurigen Freeze fort. Eine Frau, deren Sohn vor acht Jahren ermordet wurde, streift seitdem ruhelos durch Berlin, um den Mörder zu finden. Im Kopf immer die Vorstellung: „Dieser Mann lebt wahrscheinlich ein ganz normales Leben in der Stadt.“ Doch statt des Mörders findet sie in ihrer wirren Fantasie nur noch einmal den toten Sohn am damaligen Tatort. Aus der Endlosschleife des Verlusts scheint es kein Entrinnen zu geben. Das Publikum war größtenteils sehr berührt. Bei aller Anerkennung für den flüssigen Erzählton fühlte ich mich selbst zu betroffenheitsdrüsengedrückt. Für mich blieb der Text – auch weil bar jeder Recherche – an der Oberfläche dieses tiefgreifenden Themas.

Mario alias Herr Rauschebart gab zwei Anekdoten aus seinem geheimen Leben als Weihnachtsmann zum besten. In Kufenbruch im Bürgerpark entspinnt sich zwischen ihm und dem Vater des zu bescherenden dreijährigen Dustin anhand des Weihnachtsmannschlittens ein handfester Streit über seine, also des Weihnachtsmannes, Echtheit. Was macht der Weihnachtsmann im Sommer? Schlitten reparieren, unersättliche Rentiere durchfüttern und Urlaub natürlich. Vielleicht sogar auf dem Campingplatz um die Ecke. Falls er dort erkannt würde, verbat er sich vorsorglich schon mal dumme Fragen. Tiefgang war hier gar nicht angestrebt, vielmehr kurzweilige Unterhaltung. Und das hat gut geklappt, fand das Publikum.

Wolfgang beschloss den Abend mit Käpt’n Sharky, dessen Büro nur zehn Sekunden pro Woche besetzt ist. Der rhythmisierte Text: eine wilde Tour de Force durch die Vergnügungen der Unterwasserwelt mit ihren skurrilen Charakteren, allen voran die Würfelqualle. Trotz kleiner Längen war das Ganze so absurd, dass es schon wieder cool war, bemerkte eine Dame aus dem Publikum sehr treffend.

Die nächste offene Lesebühne SoNochNie wird übrigens am ersten Weihnachtsfeiertag – ja, wirklich! – also am 25. Dezember 2017, wie üblich um 20 Uhr im Zimmer 16 stattfinden.  Bei der Gelegenheit: Danke an das Team vom Zimmer 16 für alle Unterstützung! Themenbeauftragter im Dezember wird der freundliche Japluap sein, das Thema … ähm … Moment mal, hab’s gleich … ach ja, Alzheimer.

Wer sonst noch einen illustren Themenvorschlag sucht, wird vielleicht in der November-Trommel der ausgesetzten Lose fündig: rumkugeln mit Rumkugeln, Fremd gehen, Extreme, La Palma, Toilettengesang, Krach, Verfrauen, Exklusivität, eine kontraprekäre Situation, Familie/Freunde, COOL, Zeitkrümmung, Die Kranke und der Beschützer, Wasserstoffperoxyd und – nicht zuletzt – Wolfgang. Vergnügt euch!

Einen stimmungsvollen Advent und kommt zahlreich wieder, wenn der zweite Festtag ruft!

 

 

 

 

 

Remember (September)

Wundertüte. So darf man die September-Lesebühne wohl nennen. Nicht nur, dass mal wieder das Kontingent von acht Lesenden und noch mehr (!) Texten voll ausgeschöpft wurde, es gab sogar zwei musikalische Darbietungen obendrauf, ganz überraschend. Aber eins nach dem anderen:

Wo der Moderator (diesmal wieder Frank) sonst zu Anfang den Themenbeauftragten ansagt, sagte er diesmal Ute Danielzik an, die uns das „So noch nie-Lied“ darbot, das sie uns zur 99. Lesebühne komponiert hatte. Sie moderiert nämlich auch die Offene Bühne im Zimmer 16, und für die wollte sie ein Wenig die Werbetrommel rühren, was wir gerne hier wiederholen (offen für alles, was man auf einer Bühne darbieten kann – hingehen!).

Klaus J. Lais, der Themenbeauftragte dieses Monats, hatte im Juli „mondsüchtig“ vom Publikum aufbekommen. Nun eröffnete er nach guter Tradition den Leseabend, warnte aber schon vorher, dass ihm so richtig nichts zum Thema eingefallen war. Stattdessen hatte er aber immerhin eine Geschichte dabei, in der es Nacht war und der Mond vorkam, und, wie sich dann herausstellte, auch verschiedene Drogen. Na bitte. Zwei (sehr) junge Männer rocken, kiffen und saufen sich (vermutlich irgendwann in den Achtzigern) durch eine Jango-Edwards-Show und haben danach Mühe, ihre Fahrräder wiederzufinden. Der eine, der vom Ich-Erzähler nur „der Metzger“ genannt wird, greift sich eins, dass gar nicht seins ist, muss es zurückgeben und findet dann doch seins, doch beide werden ihre Räder los, weil „die Grünen“ – das waren damals noch die Bullen – sie ihnen abnehmen, worauf sie sich in einem Wienerwald ein Grillhendl reinziehen – so gut es noch eben geht. Ich hoffe, die Handlung im Groben wiedergegeben zu haben. Klaus hängte flugs einen zweiten Text an, ebenfalls eine Art Erinnerungstext, eine Anekdote, über einen brav aussehenden Schuljungen, der einer unfreiwilligen Hobby-Pantomimin eine echte Bananenschale in den Spießer-Vorgarten pantomimisiert. Diskutieren mochte aber keiner darüber.

Frank Georg Schlosser trug ein weiteres Kapitel aus seinem entstehenden Roman vor. Darin kam nicht der Protagonist, sondern drei Nebenfiguren vor, die an einem einsamen See ein einigermaßen übernatürliches Geschehen in Gang setzen bzw. erleiden. Dieser Text erinnerte gleichermaßen an die Bundestagswahl, an Stephen King und an die Geister vom Mummelsee (der tatsächlich gespenstisch sein kann). Eine zwar unangenehme, aber nicht unmögliche berufliche Begegnung des Polit-Bloggers Norbert mit einem skrupellosen, rechtslastigen Politiker wandelt sich da erst zu einer definitiv unmöglichen und dann zu einer finalen. Da Franks Text noch im Entstehen ist, kamen neben Lob und Fragen auch Vorschläge auf den Tisch, die er als Anregungen mitnehmen konnte.

Sein SNN-Debüt gab Jörg Sader mit zwei Texten, die beide in der DDR angesiedelt waren. Der erste beschrieb am Beispiel des Schwimmbadbesuchs einer Provinzjugendclique am 13. August 1961, wie sich das Klima im Land mit dem Mauerbau schlagartig verändert. Die unbekannten, bekleideten Schwimmbadgäste auf einer Sitzbank in der Nähe werden auf einmal zu einer bedrohlichen Kraft, der man nun kaum noch ausweichen kann, wo es heißt, da sei eine Mauer gebaut worden im fernen Berlin.

Der zweite Text erzählte von den wortwörtlich hochfliegenden Phantasien eines Mannes aus der DDR im Angesicht des Brandenburger Tores und der nun schon existenten Mauer. Er stellt sich vor, wie ein Stabhochspringer darüber hinweg zu schnellen in Richtung der Siegessäule, die über die Mauer hinweg noch gerade so zu sehen ist, erinnert sich, wie es war, bevor dort eine Mauer alles blockierte, sieht sich „am Ende der Welt“. Das Publikum zeigte sich berührt vom Vortrag und dem sprachlichen und erzählerischen Gehalt dieser beiden Texte. Wir wollen hoffen, dass wir ihm bald wieder im Zimmer 16 zuhören dürfen.

Wolfgang Weber zog die Versammelten mit „Du bist verrückt mein Kind“ in einen Strudel aus Erinnerungen, Reflexionen und recherchierten Tatsachen, die sich genau darum drehten: verrückt sein/werden, psychisch aus der Bahn geraten und was das Schreiben damit zu tun haben bzw. wie es da wieder raus führen kann. Ein Meta-Text. Gespaltene, mehrfache, gar keine Persönlichkeiten, Doppelgänger, Kopien und Variationen von Menschen und Liedern. Gemerkt: If I don’t go crazy, I’ll surely lose my mind.“ Gesehen/gehört: ein Wanderstock mit typischen Abzeichen (jemand sagte, es sei ein Spazierstock). Pause.

Ute gab einen „Schlager“ übers Spargel-Stechen eines Mannes und einer Frau zu besten, um uns nach der Pause wieder auf Temperatur zu bringen, aber wenn das ein Schlager war, was sie da gedichtet und gesungen hat, dann ist ein „Massagestab“ aus einem alten Otto-Katalog wirklich nur ein Massagestab! Danke, Ute!

Frank vollzog nun den allmonatlichen Ritus des Themenbeauftragten. Er besteht darin, eine/n Freiwillige/n zu finden und diese/n sodann ein Thema aus den Publikumsvorschlägen losen zu lassen, zu dem er etwas schreiben muss – also eine Art kultischer Opferung. Beides gelang! Dimitri Rameau wird für die Lesebühne im November etwas zum Thema „ausgesetzt“ schreiben. Kommet und lauschet!

Eine alte Frau nimmt Abschied – so könnte man den Inhalt von Matthias Risches Geschichte beschreiben und damit womöglich auf eine ganz falsche Fährte führen (was ihm bestimmt nicht ganz unrecht ist), denn was auf einen Alters-Suizid in der Badewanne hinauszulaufen scheint, entpuppt sich sehr wirkungsvoll als Beendigung einer Lebensphase, nicht des Lebens, als erneute Hochzeit mit und Abschied vom längst verstorbenen Gatten, als, ja, Neustart dieser alten Dame. Auch hier ein Ritus, dieser mit Asche und Wasser und Hochzeitskleid. „Beeindruckend“ sagte jemand.

Dimitri Rameau erschien zum zweiten Mal auf der SNN-Bühne, und obwohl hier eigentlich nie über „Äußerlichkeiten“ geschrieben wird – hier muss ich eine Ausnahme machen, denn Dimitri setzt seine Erscheinung und seine Körpersprache ganz bewusst für seine Texte ein, ist manchmal geradezu Darsteller seiner Gedichte. Das Foto mag davon einen Eindruck geben. Nur so lässt sich wohl auch erklären, dass ein Gedicht, das er vollständig auf Dänisch geschrieben und vorgetragen hat, als „schön“ aufgenommen wurde, obwohl niemand jenseits des Tisches Dänisch sprach. Gedichte bestehen eben aus mehr als nur Worten, die einen „Sinn“ haben. Seine auf Deutsch und in freierer Form als das dänische Poem geschriebenen Gedichte hießen Himmelsbestattung, Sommerweise (ein „Hassgedicht“) und Trübbirne und ließen kaum weniger Spielraum zum Interpretieren und Assoziieren als das dänische. Wir dürfen auf seine Themenbeauftragten-Texte im November gespannt sein!

Das zweite SNN-Debüt an diesem Abend: Gabriele Lederle. Sie hatte sich vom Thema „mondsüchtig“ inspirieren lassen und einige Gedichte mitgebracht, die in die Tiefen der Identität/ssuche, des Traums und der Sucht führten. Da kam auch die SehnSUCHT ins Spiel, die nach dem Paradies. Da war das Individuum im Herbst am Meer, war geborgen und doch gefährdet. Die Natur (und das vertraute Beieinander) waren Schutz und Bedrohung zugleich: „In der Einheit vergehen wir“, hieß es in ihrem letzten Gedicht. Auch Gabriele soll uns bitte wieder beehren, damit wir mehr von ihrer tiefgründigen Lyrik kennenlernen dürfen.

Das Lese-Los bestimmte Rowena Schöning auf Startplatz Nummer acht, den Abschluss des Abends. Was gar nicht so unpassend war, denn sie reflektierte in sensiblem und sprachgewandtem Deusch aus der Perspektive einer non-native-speaker (sie stammt, sagte sie, aus Sri Lanka) über die Schönheiten und Vorzüge der deutschen Sprache. Eine „Schöpfungsgeschichte“, in der ein Sprachschöpfer aus der Ursuppe schöpft und die Eigenheiten des Deutschen sichtbar macht, nicht Skurrilitäten – die es zur Genüge gibt – weil er sie genau so haben will. Da die Suppe aber allzu überbordend zu geraten droht, gesellt sich dem Schöpfer ein Assistent hinzu, der die Grammatik dazugibt, welche das Ganze im Zaum hält. Wir Deutschsprachigen, die wir als so rational gelten, staunten nicht schlecht darüber, dass jemand aus Asien unsere Sprache für so bildhaft und assoziationsreich ansieht („ent-falten“, „gleich-gültig“, „ent-decken“). Danke dafür!

Damit war die September-Lesebühne zu Ende. Wir sehen uns hoffentlich alle wieder am 23. Oktober zur Lesebühne Nummer 115!