Ein irrer Duft von frischen Zwiebeln

Die 144. Offene Lesebühne SoNochNie!, zugleich die 2. Lesebühne im Shutdown, Lockdown, die ich persönlich diesmal von meinem Hochbett aus verfolgte, hat der vorbildlich verhüllte Moderator Leovinus in den Kontext des hundertsten Jahrestages der Verabschiedung des Gesetzes, das Pankow zu einem Stadtteil Berlins machte, gestellt. Irgendwer warf die Frage in den Raum, ob auch Spandau … ja, auch Spandau seit 1920. Obwohl ich von Pankow aus nicht das Gefühl habe, dass mich mit Spandau was verbindet.

Themenbeauftragter war der Matthias Rische. Thema: Genderwahn. Eine grundsätzlich gut ausgehende Geschichte von Kim (gebürtig Emil), einem Menschen, der sich über die Erfindung des Unisexklos gefreut hat. (Ich habe bis heute keines gesehen, außer in so Kneipen, in denen sie eh nur eine Toilette haben). Es ging um einen Menschen, der es von früh auf blöd fand sich entscheiden zu müssen, ob er Emil heiße oder Sarah? Das ist wie gute und schlechte Laune haben. Whats the difference. Über die sexuelle Revolution hat diesem Menschen der Großvater berichtet, in die Welt seiner Eltern passte das alles eher nicht. Er/sie kam deshalb in ein Krankenhaus, aber er (der Vater) hatte darauf schon keinen Einfluss mehr und auch keine Ahnung, was da geschah. Er/sie wurde dort nämlich nicht „geheilt“ (im Sinne des Vaters), sondern gefestigt. Rache brauche ich nicht, die hat er nicht verdient. Es gab eine Phase des Kunst Machens mit vielen Geschlechtsmerkmalen. Riesige begehbare Schwänze und Brüste, eine weit offene Vulva als Eingangstor zu irgendwas, wahrscheinlich dem Paradies.

In der Diskussion fand Gudrun, dass es etwas glatt geht, alles viel zu gut läuft, während Katharina Klug meinte, eine solche Geschichte über Geschlechtsdysphorie könne auch zur Abwechslung einfach einen guten Ausgang haben. Jetzt habe ich das Wort Dysphorie nachgesehen, das bislang nicht zu meinem Sprachschatz gehörte, was mich eine Stunde gekostet hat, weil ich mich über Klick Klick Klick bei Youtube und dem Verschwörungssender KenFM wiederfand, … okay, Frank, komm zurück: Dysphorie kann man sich gut merken – ist einfach nur das Gegenteil von Euphorie.

Matthias bekam dann per Bildschirm die Urkunde überreicht. Leovinus verlieh der Hoffnung Ausdruck, das im analogen Leben eines Tages nachholen zu können.

Dann las Gudrun, das erste Mal, eher eine Kolumne, wie sie selbst sagte mit dem Titel Fallenlassen. Sie war einkaufen, es gab Hefe, sie machte den Vorschlag, Masken aus Unterhosen zu verwenden – verweise diesbezüglich auf meinen auch abgekupferten Vorschlag mit den String-Tangas – man sitzt zu Hause, es gibt nicht genug zu erzählen, so stellt sie sich Leben auf dem Dorf vor. Dann fällt Alexis Sorbas aus dem Fenster. Es handelte sich dabei um ein Buch, nicht um die Katze, wie Leovinus vermutete, mit dem sie das Fenster vor dem Zufallen schützte. Angst, dem Buch nachzuschauen, weil jemand sehen könnte, dass es aus ihrem Fenster gefallen ist, was ja zu Strafanzeigen u.ä. führen könnte, wenn es im ungünstigen Winkel einen Schädelknochen spaltete. Währenddessen spielte ihr Mitbewohner auf dem Computer ein Knallerballerspiel. Sie fragte sich, ob sie die Zeit nutzen solle, Marcel Proust zu lesen, oder zu hören (20 Stunden nur der erste Teil – und der ist nicht der längste), aber allein die Gedanken, ob sie es tun soll, dauerten länger als das Buch zu hören. Aber dann keimt Hoffnung. Der Computer spielende Mitbewohner fragte sie nach ihren Französischbüchern, er überlege, ob er französisch lernen solle (wahrscheinlich genauso lange wie sie überlegt, ob sie Marcel Proust lesen soll). Aber allein die Frage bringt in ihr Hoffnung auf, dass die Menschheit doch nicht untergehen muss, wenn Computerspieler französisch lernen wollen.

Dann war Pause. Wir tauschten uns über die unterschiedlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie aus (ich bin mal gespannt, was es für eine Steigerung zum Wort Pandemie geben wird, wenn es mal wirklich ernst wird, so „The Stand“-ernst)[1]. Heidi berichtete aus der Normandie, dass es (allerdings in Südfrankreich) Festnahmen wegen des Aufhängens kritischer Plakate gegeben haben soll; und dass sie, wenn sie rausgeht, einen selbst ausgestellten Passierschein mit sich führen muss, auf dem sie ihre Ausgehzeiten protokolliert.

Heidi stellte sich dann auch als Themenbeauftragte für den Monat Juni zur Verfügung – die am weitesten entfernte Themenbeauftragte, die wir je hatten. Vermutlich werden wir aber auch im Juni noch online konferieren. Sie nahm gleich das erste Thema, das Leovinus aus seiner Müslischüssel zog: „Entzaubern“. Da sind wir sehr gespannt, was Heidi dann entzaubern wird.

Heidi las auch als Nächste einen Text mit dem Titel „Leere Seite“. Es ging um einen Mann, der ein paar Wochen nach ihr (nicht Heidi, sondern der Partnerin des Protagonisten) auch mit dem Rauchen aufhörte. Der das erste Mal seit 23 Jahren weinte, keinen Kaffee mehr getrunken hat, sich mit Lakritz eindeckte, heftig zu träumen begann. Der einen Küchentisch baute, obwohl er kein Handwerker ist. Die leere Seite, die sich mit dem Rot des Blutes füllen wird.

Offenbar hatte ich die Quintessenz der Geschichte nicht erfasst, wie ich in der Diskussion merkte, was aber daran lag, dass mein Kugelschreiber nicht mehr schrieb, und ich von meinem Hochbett herunter ins Arbeitszimmer … und zurück. In der Diskussion merkte ich erst, dass die leere Seite für ein Leben stand, das noch gar nicht da ist. Es ging also um das Erleben eines Mannes, um Geburtsbeobachtung.

Als Letzte las Katharina Körting einen Text in Arbeit. Ein notorischer Einbrecher U in Coronazeiten. Zuhause hält er es nicht aus. Einbrechen ist seine Form der Kontaktaufnahme. Ist aber kein triftiger Grund rauszugehen. Im Gefängnis erholt er sich von der Strukturlosigkeit draußen. Er ist ein Profi darin Dilettant zu sein. Sein Arbeitgeber stellt ihn nach jeder Haftstrafe wieder ein. Die Beute ist nur hundertdreiundsechzig Euro. U bricht ein um aus sich auszubrechen. Nur im Gefängnis funktioniert er. Als er verurteilt wird zur Gnade von vierzehn Monaten, achtet er darauf, dass auf seinem Gesicht keine Regung zu sehen ist. In der Diskussion wurde die Vermutung geäußert, dass er sich seine Freude nicht anmerken lassen will. Ein Artikel im Tagesspiegel hat Katharina zu der Geschichte angeregt.

In der Diskussion habe ich dann auch noch gelernt, dass die Formulierung „der Geruch nach Zwiebeln“ bedeutet, der Geruch könne auch woanders herrühren, während es „der Geruch von Zwiebeln“ heißt, wenn Zwiebeln die Verursacher des Geruchs sind. Ich weiß aber nicht mehr, wo in Katharinas Text dieser Geruch aufgetaucht ist.

Ute Danielzick, die sich später dazu schaltete, dankte im Namen des Zimmers 16 für die Spenden. Wir (die Lesebühne) sind die Guten, sagte sie. Ich habe auch wieder gespendet. Mitglied des Fördervereins zu werden, sei aber auch eine Option, sagte sie.

Und das war sie, die 144. Lesebühne. Bis zum nächsten Mal, dann hoffentlich wieder in größerer Runde. Euer

[1] Schöne Leseempfehlung für Pandemiezeiten: Stephen King „Das letzte Gefecht“ – besonders der erste Teil.

Und es hat Zoom gemacht

So ist die 143. Lesebühne, die ziemlich genau ein Jahr nach dem zehnten Jahrestag stattgefunden hat, und mit einigem Fug und ein bisschen Recht also auch als Lesebühne des 11. Jahrestages bezeichnet werden darf (Hurra! Hurra! Hurra!), über die Bühne gegangen, obwohl da gar keine Bühne war, denn: Premiere!

Trilliarden von frei flottierenden kleinen DNA-Trägern zwangen uns Abstand zu halten und zuhause zu bleiben. Und da Computerviren noch nicht die Maschine-Mensch-Barriere übersprungen haben, durften wir uns unter Aufsicht jeweils eines Bundesvirenbeauftragten vor unsere Endgeräte setzen, diese sich miteinander verbinden lassen und uns gegenseitig mehr oder weniger klar erkennbar zusehen, wie wir uns so einrichten, wenn wir uns vor den Bildschirm setzen.

Allerdings gab es da schon wieder Klassenunterschiede, die an anderen Grenzlinien verliefen als in der analogen Welt. Während Matthias es sich vor seiner Wohnzimmer- oder Küchenwand bzw. –decke gemütlich gemacht hatte, stand Leovinus wie so ein zugeschalteter Außenreporter am Strand von … also Usedom, sage ich mal, war es nicht … und hinter ihm brach sich die immer gleiche Welle.

Micha saß auf dem Mond oder dem Mars oder auf Fuerteventura vor unbewegter, gnadenloser Gesteinslandschaft, woraufhin ich mich, nach mehreren Versuchen, was zu meinem Hemd passt, für ein Wasserbecken in der Alhambra entschied, aus Solidarität mit dem spanischen Volk, dessen Ausgangssperren teilweise militärisch, wie ich heute hörte, durchgesetzt werden.

Pünktlich zehn nach halb acht, als die Teilnehmerzahl auf 18 Leute angewachsen war (in der Spitze waren es irgendwann mehr als 20), eröffnete Leovinus gewohnt launig den Abend.

Der Jahrestag des Abends war nicht unser elfter, sondern der 163. Jahrestag der Inbetriebnahme des ersten Fahrstuhles mit Absturzsicherung durch den Herrn Otis, dessen Namen wir auch in moderneren Liften lesen können.

Beneidenswert nach anderthalb Jahrhunderten. Von solchen Halbwertszeiten träumen die meisten Autoren, wahrscheinlich nur nicht der Themenbeauftragte des Abends, Klaus Kleinmann, denn er schaltete sich uns nicht zu und verpasste damit seine oneandonly Chance, in die Annalen und so weiter einzugehen, und seiner Unsterblichkeit einen Dienst zu erweisen.

Vermutlich lag es am Thema „Faulheit“, das nun unbearbeitet darniederliegen muss für alle Zeiten.

Nachdem Leovinus uns die technische Ordnungsmäßigkeit des Ziehungsgerätes demonstriert hatte, indem er seinen Müslibecher (Ikea?) in die Kamera hielt, konnte es losgehen.

 

Den Abend eröffnete Ulrike Günther mit zwei Gedichten, wovon das erste sich gleich mit dem einzigen Thema beschäftigte, das uns ununterbrochen beschäftigt: es hieß „ambivalenter Abstand“ und stellte sich heraus als eine Hyperalliteration mit A.

Areal in Abschnitte

Alarm aus aufgerissenen Augen

Analysen anschauen und Anschauungen analysieren

Alles auf die schwere Schulter nehmen.

Ulrikes zweites Gedicht kam fast als Rätsel daher, hieß „Sie“ und meinte „die Zeit“. Hättest sie gerne allein, musst sie aber teilen. Naja, sage ich als alter Einsamer in der Menge: Mal so, mal so.

 

Nach Ulrike zog Leo den Joachim aus seiner Plasteschüssel.

Für den war es eine Premiere, die wegen eher technischer Gründe missglückte. Seine Geschichte hieß „Der Auftrag“. Was ich verstehen konnte, war, dass es um einen Tag im Büro ging, etwas ausgeschmückt, aber doch auch nach wahren Begebenheiten. Verlagsmitarbeiter stritten sich, ob da ein Buch veröffentlicht werden soll, dass offenbar von einem Nazi stammte. Die Lösung schien zu lauten: warten bis der Chef wieder da ist. Irgendwann hat Leo den Vortrag unterbrochen, weil Joachims Endgerät und/oder seine Leitung eine Entzündung hatten. Gute Besserung.

 

Dann las Michael Wäser, der schon bei Beginn seines Vortrages ankündigte, ihn nach der Hälfte abbrechen zu wollen, weil wir dann nicht mehr gewillt sein würden ihm zuzuhören. Und tatsächlich erinnerte mich sein Experiment an ein Buch, das ich auch nie weiter als bis auf Seite 20 gelesen habe, Georges Perecs „Das Leben – eine Gebrauchsanweisung“.

Michael beschrieb die ersten 37 Minuten vom Aufstehen bis zum Haus verlassen. Die meisten Sätze begannen mit „Ich habe … mit der rechten Hand, … dem linken Zeigefinger … das Handtuch, ohne den Ständer zu berühren … usw. alle Verrichtungen, die äußerlich wahrnehmbar diese Zeit ausfüllen, ohne Dramaturgie oder Spannungsbogen, wie so ein Wirklichkeitsprotokoll – und man mag sich gar nicht vorstellen, was aus dem Text werden würde, wenn wir noch tiefer eindringen würden, welche Hormone ausgeschüttet, welche Synapsenverknüpfungen aktiviert, welche Erinnerungen hochgespült werden bei dieser oder jener Verrichtung, welche Viren an welche Zellen andocken und sie entern, wie Magen oder Bauchspeicheldrüse … oh Gott …

Aber es ging ja primär um die Hände und was sie alles so anfassen.

Vor Corona – wurde dann in der Diskussion folgerichtig angemerkt – haben wir nie darüber nachgedacht, wo überall unsere Hände sind.

Heidi hatte sich bei dem Text eingesperrt gefühlt. Womit, fragte sie, fühle ich Zeit, und was machen wir, um nicht verrückt zu werden. Aber das gefällt ihr an der deutschen Sprache, sagte sie auch noch, dass durch Sachlichkeit etwas Emotionales entsteht. Michas Text gibt es hier .

 

Die vierte Lesende war dann Katharina Körting, sie, wie Ulrike am Beginn, eher lyrisch zum aktuellen Thema Corona, Fetzen aus ihrem Vortrag:

Wie geht es mir – ist vorerst untersagt…

Hänge vor dem Rechner, hänge durch.

Ich bin nicht systemrelevant (Willkommen im Club ;-))

Fühlt sich an wie eine Bombe, die nicht fällt, weil sie’s nicht nötig hat.

Niemandem darf ich (nicht) nahekommen

Es gilt Leben zu retten, nicht die Liebe.

Klopapier habe ich genug.

Im Café sitzen und nichts Böses denken

Das Gefühl, dass Freude ansteckend ist, nicht ein Virus

Leide ohne krank zu sein

Makulatur gewordene Plakate – wir gehen prüden Zeiten entgegen.

Was wir jetzt mal nicht hoffen wollen …

Was machen die Alkis jetzt … mit ihrer Sucht allein.

Es war der Punkt, an dem ich mir das dritte Glas Weißwein eingoss. Kostet ja zuhause nicht die Welt.

 

Aber ich habe an das Zimmer 16 gespendet – wer noch nicht daran gedacht hat … das als kleiner Einschub.

 

Mir hat Katharinas Vortrag sehr gut gefallen – ich mag Texte, bei denen ich so wunderbare kleine sprachliche Überraschungen erlebe, von denen ich glaube, sie noch nie gehört zu haben. Und hier sind sie nochmal nachzulesen.

 

Leo machte dann tatsächlich eine Viertelstunde Pause, während der wir launig schwatzten. Diese App (zoom) ist tatsächlich ziemlich cool.

Nach der Pause gab es das Küren des Themenbeauftragten für den Monat Mai – mein Mut und mein Drang waren nach dem dritten Glas Wein ordentlich gestiegen und so meldete ich mich.

Da wir keine Themenzettel einsammeln konnten, hatte Leo meinen Themenvorschlag „Der Einfluss der wachsenden UV-Strahlung auf die Hautbräune kleiner Stinktiere, wenn sie mindestens zwei Meter Abstand halten“ dankenswerterweise dekonstruiert, und mir wurde das Thema „Stinktiere“ für den Monat Mai zugelost. Tja. Händewaschen, Duschen, Desinfizieren, kann ich da nur sagen.

 

Der nächste Lesende war Matthias Rische. Sein Text hieß „Das Treppenhaus“. Marko, begann der Text, wollte so viel Feuchtigkeit wie möglich aus seiner Wohnung fernhalten. Aber es gab einen Geruch nach feuchten Schuhen im Treppenhaus. Er schrieb eine Kolumne über die Kommunikation von Bäumen, so zwang er sich, hin und wieder die Wohnung zu verlassen. Allerdings ist das Alter der Bäume schwer zu schätzen (genau wie das von Südländern oder Arabern). Der Regen wird die Antwort beeinflussen. Es ist ein Abbruchhaus, obere Etage – er arbeitet da allein für mehrere Zeitungen.

Ute fasste es in der Diskussion so zusammen: Zeit der Romantik – man weiß nicht wo’s herkommt und wo’s hingeht, aber toll.

 

Antonia spielte mit einer anderen Variante der Auswirkungen der Krise in der Zukunft. Sie stellte sich eine alle Jahre wiederkehrende Corona-Pause vor.

Bitte gehen Sie nach Hause,

es beginnt die Corona-Pause.

Wer nicht auf dem Heimweg ist, wird die Zeit in Containern verbringen.

Es ist eine Tradition geworden.

Ich war abgelenkt, weil die Rechentechnik ständig Blumenmuster auf Antonias rechte Gesichtshälfte zauberte, was ihr sehr gut stand.

Irgendwann waren rein rechnerisch zwei Millionen infiziert. Berge von Klopapier, Nudeln und Bierkästen versperrten den Flur. Wir haben Sehnsucht, deshalb feiern wir Corona-Pause. Wir arbeiten nicht, wir spielen und stopfen Strümpfe, reparieren die Dinge.

Weiß nicht warum, ich musste ständig an den Film „The purge“ denken. Wahrscheinlich wegen des geplanten Ausnahmezustandes, obwohl die Corona-Pause deutlich verführerischer und auch irgendwie erstrebenswert klang. Einen der Zuhörer erinnerte sie sogar an das österliche Geschehen. Was mich gerade zu dem Gedanken bringt, das es ja auch etwas mit Fasten zu tun hat.

 

Nun befanden sich noch zwei Zettel in der Müslischale und es erhob sich die Frage, welcher Frank gezogen wird … danke, Leo, für den zauberhaften Kalauer … Frankreich oder Frank Georg und es wurde Heidi aus der Normandie zugeschaltet gezogen. Heidi trug ebenfalls eher Lyrik vor mit der Vorbemerkung, dass man etwas verlöre, wenn man etwas übersetzt, deshalb habe der Micha ihr bei der Übertragung geholfen. Hier die kleinen Schnipsel, die ich mitschreiben konnte:

Verbotene Sonne und als zweites Ekliptia

Auf dem rostigen Boden wimmelt es. …

Ich werde wachsen, ohne dass mich ein Perverser mit Dünger erstickt. …

Die Sonne wärmt immer den Rücken dessen der versteht.

Am Ende aber, enttäuscht und bis ins Rückenmark getroffen, erlischt sie (die Sonne).

Füße haben lange Gespräche mit dem Kopfsteinpflaster geführt.

Lange hält man einen Koffer geschlossen, die Stadt gibt die Möglichkeit ihn zu öffnen. Und auch wenn man seine Koffer gepackt hat, einen lässt man immer. 

Auch Heidis Texte sind nachzulesen.

 

Als Letzter durfte ich meine Geschichte „Teure Metallzäune“ lesen, in der es um zwei Frauen ging, deren einer Ehemann sich um nichts kümmert, nur zockt – und der zweite geht fremd. Und das Happy End sozusagen bestand darin, dass die Hauptfigur die Idee nicht schlecht fand, mit der anderen Frau zusammenzuziehen. Ausgerechnet mei Fraa meinte, sie habe die Figuren nur schwer auseinanderhalten können. Schluchz.

Ute hat es dagegen gut verstanden und meinte, so wäre nun mal der ganz normale Berliner Einfamilienhauswahnsinn. Als Service des Hauses gibt es die Geschichte auf meiner Homepage zum Nachlesen, bis zu den Stinktieren im Mai, oder auch nur bis April, falls es da schon wieder was Neues aus meiner „Feder“ gibt.

 

Und das war sie, die 143. Offene Lesebühne SoNochNie!, bin mal gespannt, ob wir nach Ostern schon wieder analog im Zimmer 16 hocken dürfen. Bis dahin bx, wie meine Schwester immer schreibt. Bleibt xund.

Berliner Ironie verwandelt das Herz in einen angeschwemmten toten Fisch

Die 140. Lesebühne begann wie immer der Themenbeauftragte, in diesem Falle ich, Frank Georg Schlosser, mit dem Thema Kirsch. Die Geschichte hieß Die Kündigung und handelte davon, dass man sofort gekündigt werden kann, wenn man von den Kirschen des Baumes im Hinterhof isst. Adam hatte von den Kirschen nicht gegessen, aber er hatte sie in Wodka ersäuft und Kirsch daraus gemacht. Von dem seine Freundin Jenny nun trank, um den Schock mit der Kündigung zu lindern. Plötzlich sah sie alles ganz klar. Er hatte es getan, um sich auf diese Weise von ihr zu trennen. Aber der Kirsch macht sie nicht nur klug, sondern auch zu Superwoman, die den beiden Vollziehungsbeamten ordentlich eine auf die Nuss gibt. So dass nur Adam das Paradies verlassen muss. „Die Kündigung“ gibt es hier zum Nachlesen:

https://frankgeorgschlosser.de/geschriebenes/kurzgeschichten

Der zweite Lesende war Matthias Rische. Titel der Geschichte: Alberts Spinnerei. Ari bespricht seine sexuellen Jungs-Nöte mit dem in seinen Augen weisen Albert, der seiner Weisheit mit regelmäßigem Drogenkonsum nachhilft. Es geht um Lana mit den engen Tops. Um Ari weiterzuhelfen, spielen sie Robin Hood und Marian, was Ari gefällt, weil er schon immer gerne Kleider getragen hat. Er träumte, wenn meine Notizen mich nicht trügen, dass er Lana an einer Leine hinter sich herführt, und sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „please enter penis here!“. Als er Lanas allerdings ansichtig wird, rennt er doch zurück zu Albert. Man kann für ihn hoffen: wer Robin Hood und Marian im Wald spielt, ist nicht gefährdet, ein Nerd zu werden.

Der dritte Lesende, den Leovinus, der in gewohnt souveräner Art durch den Abend führte, aus dem Lostopf zog, war Arved Wolf, der das erste Mal Prosa las. Es ging um einen Mann, der neu in einer Stadt ist, und den es auf der Suche nach Orten, die Heimat werden könnten, ins Freibad zieht. Wärme der Steine – unruhige tanzende Helligkeit. Er schwimmt, hauptsächlich Brust, bis er müde wird. Und es scheint beim Blick aufs Wasser auch eine Todessehnsucht auf, eins zu werden mit dem Nass. Wütendes Schwimmen, müdes Wanken nach Hause. Aufschließen der neuen Wohnung. Das ist meine Wohnung, hier sind meine Sachen, bei ihnen will ich bleiben.

Der Vierte war Herr Metzger. Er kommt von der Comedy, ist 75 Jahre und las aus einem Stück. Es war sehr pointiert und bitterlustig. Woran merkt man, dass man älter wird? Man kann sich seine Freunde nicht mehr aussuchen. Früher ging man zum Fußball, heute zu Beerdigungen. Man hörte ihm hier und da seine südwestdeutsche Herkunft an, wenn er von zwei alten Freunden, von denen sich der eine Sorgen gemacht hatte, dass „er“ schon seit Wochen tot in dem anonymen Berlin in seiner Wohnung vermodern könnte, sagte: Eine Zeitlang haben wir uns die Gisela geteilt. Er schrieb von der uralten Kultur des Anstehens, während er mit einem Bratwurstzettelchen in der Sparkasse darauf wartete dranzukommen. Wir freuen uns mehr davon zu hören.

Dann war Pause. Und nach der Pause meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den 24. Februar 2020. Und Premiere für mich: mein Thema, gespeist aus der aufwühlende Lektüre von Edward Snowdens Autobiografie: Vollüberwachung wurde als Thema für den Februar auserkoren.

Die nächste Lesende war Silke aus Eberswalde. Sie begann mit kindlichen Erinnerungen an die Briketts ihrer Großeltern, auf denen Union stand, das war 1986, da war sie vier in Leverkusen … kann das stimmen? … da kam das große Unglück mit den kleinen Teilchen über uns. Es schloss sich ein Text an, der sich in eher protokollarischer Form mit den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst beschäftigte, um den NRWE-Filz, um Baumhäuser mit Fenstern aus den abgerissenen Häusern, um Höheninterventionsteams, die diese Baumhäuser räumen sollten. Es war ein Text, gespickt mit Fakten, schnell gelesen, damit möglichst viel Information in die fünfzehn Minuten passte. Es wurde viel darüber diskutiert – und die Quintessenz in meiner Wahrnehmung: für einen emotionalen Prosatext zu viel Sachinformation, für ein Sachbuch zu emotional. Ich musste an die aufwühlende Sachlichkeit in Edward Snowdens Autobiografie denken. Aber wem das Herz voll ist … dem geht der Mund über, so ist das nun einmal.

Der sechste Lesende des Abends war Michael Wiedorn. Ein brüchiger Text mit dem Titel Der kahle Schädel, mit vielen Ecken und Kanten, aber ergreifend. Junge – Weg – cremefarbener Trabant – regloser Kinderkörper in Blutlache. Erich, wie er mich anstarrte – Krankheiten lauern unauffällig, bis ihre Stunde schlägt. Der leichte Ekel, wenn man in einer fremden Wohnung in etwas Feuchtes greift. Kuss, der nach Bier schmeckt. Kessel Buntes – dem Wessi was von der reichhaltigen DDR-Kultur zeigen. Dann Hape Kerkeling und Loriot. Schnittwunden auf glattrasiertem Schädel. Logopädische Behandlung. Als Kind brüllte er eine Wand an. Der Bettnässer, der Stotterer, der Schwule, vom Funktionärsvater verachtet. Am Ende das gelb verfärbte Weiß der Augen. Selbst jetzt, da ich nur meine Notiz-Fetzen abschreibe, empfinde ich die Kraft des Textes.

Als siebente las Gabi Petrich eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2050. Kein gutes Wetter. Seit dem 1.1.2033 gibt es nur noch ein Jahresendfest, der Kühlschrank sucht selber aus, was er bestellen will (ob wir noch selber essen müssen, hat sie nicht erwähnt) – da tauscht er schon mal Fleisch gegen Sojafrikadellen aus. Jede Aktion lädt Akkus auf. Wahrscheinlich selbst das Schreiben dieses Textes. Für einen Tee muss man 30 Minuten auf einem Ergometer strampeln. Ich fühlte mich an solche Zukunftsnaivitäten aus den Siebzigern erinnert. Das Internet und das Smartphone hatten sie damals nicht auf dem Schirm – und für alle, die es erleben werden: mal sehen, was die Autorin nicht auf dem Schirm hatte.

Der letzte Lesende des Abends war David. Sein Text hieß In anderen Umständen. Es ging wieder um einen Mann, der sich fremd fühlt in dieser Welt. Weihnachtseinkäufe, weicher Boden – er versackt buchstäblich, steckt bis zum Hals im Modder, schaut den Leuten von Ferne zu, wie sie ihre Einkaufswagen holen und wieder zurückbringen. Wann hatte er das je so intensiv getan. Die Frau des Mannes heißt Hertha, das fand ich komisch. Er sollte Blumen fürs Grab der Mutter mitbringen. Ein Rabe hüpft auf ihn zu, ich denke schon an Game of thrones, wo die Krähen immer die Augäpfel rauspicken – der hier findet Gott sei Dank einen Regenwurm. Hoffnung keimt auf, als sein Handy klingelt, aber es steckt in der Arschtasche … Hast du etwas Zeit für mich …, aber er kommt da nicht ran. Liebe … Beischlaf … Einkaufen mit dem Zettel in der Fresse – das ist der Gesamtzusammenhang, den der Autor herstellt. Bald würde sich die to-do-Liste in ein Aquarell verwandelt haben.

Mit diesem schönen Satz schließt dieses „Protokoll“. Bis zum nächsten Mal. Euer

Irgendwie ist doch immer Geburtstag

 

Jedenfalls bei SoNochNie. Am 28. Oktober 2019 haben wir dank Leovinus den 782. Geburtstag von Cölln an der Spree gefeiert, denn „In Berlin vor langer Zeit machten sich die Cöllner breit“, so dichtete er. Und was reimt sich besser auf „Gefluche“ als die themenbeauftragte „Wohnraumsuche“? Danke, Leo! Für diese elegante Einleitung gibt‘s auf jeden Fall eine ohrgepinselte Moderatorenurkunde.

Matthias übernahm den Staffelstab und berichtete unter dem Titel „Vom Suchen und Vergessen“ mit leiser Melancholie, aber keineswegs schwermütig von den Nöten seiner ersten jugendlichen Wohnraumsuche. Das war 1983 im mauergeschützten Westberlin. Mit der Morgenpost unterm Arm und klammheimlich. Die fürsorglich-dominanten Eltern (oder war es nur die Mutter?) hätten wenig Verständnis aufgebracht für seinen Ausbruchsversuch aus dem trauten Lankwitzer Heim. Doch unterwegs zum Besichtigungstermin befällt ihn Panik: Würde er nicht – sowie einmal ausgezogen – im Handumdrehen vergessen werden? (Denn: „Wer solche Eltern hat, der hat auch keine Freunde.“) Und dafür, so traf ihn brutal die Erkenntnis, war er dann doch noch nicht bereit. Also husch, zurück ins Körbchen und aufgeschoben den vorwitzigen Plan. Nach Abschluss seiner Tischlerlehre würde die Welt bestimmt schon ganz anders aussehen … Viel positives Feedback gab‘s für diesen Beitrag und natürlich die berühmte Ehrenurkunde.

Dann betrat der Elmar – Premiere, hört, hört! – die Bühne mit Gitarre und trug Lyrisch-Prosaisches in der Tonart „Pullmoll“ zum Thema „November“ vor: „Lausiges Novembernass sickert ins Gemüt …“ Da ist Oma Fähnchen mit einem Blumenstrauß unterwegs zum Grab ihres verblichenen Heinrich und wird – das Leben steckt voller Widrigkeiten – von den frechen Blütenstängeln „in die Titten“ gepikst. Vielleicht ist sie so alt wie Pippi Langstrumpf jetzt wäre, die womöglich als Pippi Strützstrumpf im Altersheim von Taka-Tuka-Land lebt, sinnierte der Autor. Bezüglich Oma Fähnchen schloss er mit den Zeilen: „… und sie sehnt herbei voll Schmerz a) die Weihnacht, b) den März.“ Als wäre das nicht Unterhaltung genug, gab‘s noch ein Chanson über einen Torero ohne Tiefsinn obendrauf. Immer wieder gern, durchaus auch singend, Elmar!

Dritte im Lesereigen war Suse aus Neukölln, die einen „Goldenen Nachmittag ohne Nixe“ zum Besten gab. „Wir treffen uns beim Supermarkt. Rotze wartet bereits.“ So setzte sie von Anfang an treffsicher den Ton. Die Ich-Erzählerin der Milieustudie ist knapp 14, raucht und trinkt Goldkrone, um sich den Tag zu vergolden. Zum Geburtstag wünscht sie sich Torte, Sekt und „dass Muddern mal nüchtern ist“. Sie hat das Sagen in der Gang, zu der auch Zecke, Kay und Nixe gehören. Aber Nixe fehlt an dem Tag, und Zecke ist zu spät. Muss dafür Pizza klauen im Supermarkt. Erst läuft alles glatt, dann kommen „die schwarzen Ladenhüter“, und es wird eng für die Mädchen … Suse weiß, wovon sie redet und ist nicht nur sprachlich dicht dran an ihren Protagonisten. Das Publikum ging voll mit.

Nach der Pause ist vor der Wahl. Doch Überraschung: Nicht nur die von Leovinus beverste in Thüringen ist passé, sondern auch die zum Themenbeauftragten für Dezember – glücklicherweise mit besserem Ergebnis. Der abwesende Frank hatte sich darum beworben und muss sich nun zum Thema „Kirsch“ was einfallen lassen, nachdem „Sündenfall“ – Thema Nr. 1 – in der (erstmaligen) Publikumsabstimmung durchgefallen war.

Was wäre eine Lesebühne ohne Wolfgangs Assoziationsakrobatik? Kariert versus liniert – so lautete die Versuchsanordnung. Eine Recherche im Schreibwarenladen brachte die ganze Bandbreite an möglichen Lineaturen zutage: groß- oder kleinkariert, mit Rand oder ohne und wenn ja, wie breit. Der Transfer der Lineaturen ins wahre Leben gelang Wolfgang bei einem Punkkonzert auf dem Tempelhofer Feld mühelos, fand das geneigte Publikum. Eine Zuhörerin nahm die Frage mit, welches Teilchen oder Kästchen im großen Ganzen sie wohl sei und ob sie auch Ränder habe. Danke, Wolfgang, für diesen erfrischenden Denkanstoß!

Eigentlich zu spät erschienen, weil in Unkenntnis unserer neuen Anfangszeit (19.30 Uhr), bekam Oliver doch noch die Chance zum Vortrag. „Part of missing man“, lautete der Titel, wenn ich das richtig notiert habe. Es ging um Kurt Cubain, den 1994 mit 27 jungen Jahren selbstgemordeten Sänger und Gitarristen der Band Nirvana, um sein Album „Never Mind“, seine schwierige Kindheit, die quälende Monotonie seines Rockstarlebens, seine Depressionen. Ein langes Gedicht nannte Oliver den sprachlich dichten, inhaltlich schwebenden Text, dem wir gern zuhörten. Nach eigener Aussage ging es ihm um Konformismus, Wahrhaftigkeit und wie Kreativität auch in einem brutalen Arbeiterumfeld an Gestalt gewinnen kann. Cubains Geist traf das jedenfalls ganz gut, fand nicht nur Wolfgang.

Mit „Die Wohnung“, einem Auszug aus etwas Längerem, beschloss Barbara diesen abwechslungsreichen Abend. Ihr Text knüpfte direkt an ihre Älteres-Ehepaar-Geschichte an, in der die Frau auf den richtigen Moment zum endgültigen Gehen wartet. Jetzt ist sie wirklich fort, allein in der im Stillen gekauften Zweieinhalbzimmerwohnung. Es klingelt an der Tür, sie muss eine allzu neugierige Nachbarin abwimmeln, bevor sie sich ein Glas Wein gönnt. Das soll ihr helfen, „den Mann zu vergessen, der sie 35 Jahre lang zu seiner Haushälterin gemacht hat“. Eine sehr geradlinig erzählte Episode, merkte Suse an, und tatsächlich könnte das Gesamtprojekt durch mehr Gestaltungsfreude noch gewinnen. Erzählenswert fanden wir die Geschichte allemal.

Das war sie auch schon wieder, die etwa 182. offene Lesebühne SoNochNie. Die schönen Fotos stammen wie immer von Michael – danke! Unser Dank geht natürlich auch an das Team vom Zimmer 16. Am 25. November wird uns dann Wolfgang als Themenbeauftragter verraten, was es mit einem „Vorhang“ auf sich hat, vielleicht gehabt hätte oder künftig würde haben können. Wir sehen uns!

Sechs Streiche Lesen

Georg V., letzter König von Hannover, wäre an diesem 27. Mai 2019 ganze 200 Jahre alt geworden, verriet uns Moderator Leovinus eingangs launig. Diesem bedeutenden Anlass nicht ganz entsprechend ging‘s mit ‚nur‘ sechs Lesenden auf unserer 133sten SoNochNie-Bühne eher übersichtlich zu. Ob das Relegationsspiel von Union Berlin gegen den VfB Stuttgart mit folgendem Union-Aufstieg in die erste Bundesliga daran irgendwie beteiligt war, bleibt allerdings reine Spekulation. An Spannung hat es an diesem Abend im Zimmer 16 dennoch selten gefehlt.

Unsere Themenbeauftragte Ulrike Günther schaffte es trotz gegenteiliger Ankündigung pünktlich zu 19.30 Uhr auf die Bühne und fing uns mit ihrem vom Handy gelesenen bild- und metaphernreichen Text zum Thema „Sieben Streiche Leben“ mühelos ein. Ihr Protagonist Moritz bekommt in einem Berliner Straßencafé die Aufsicht über ein Paket übertragen, das, wie sich herausstellt, an ihn adressiert ist und ihm – nach Kündigung im Büro – mit (zu engen) blauen Schuhen den Weg in eine lichtvolle südfranzösische Zukunft weist. Der Text ist in sieben Tageskapitel unterteilt, jeweils gekrönt von einer Überschrift aus der gut durchgemixten Sprücheküche. Von „Müßiggang ist so alt wie die Zeitung von gestern“ bis „Das blaue Wunder pfeift von den Dächern“ – alles dabei. Die Sprache kam gut an, die Spannung stieg von Tag zu Tag. Verdientermaßen gab‘s dafür die Ehrenurkunde. Danke, Ulrike!

Richard Hebstreit, unser zweiter Lesender, hatte gleich seinen Lektor und den Protagonisten seines „Ludendorf“-Textes aus der Sammlung „Berlin – Komische Geschichten“ mitgebracht und zeichnete die Lesung wohl auch auf. Der Ich-Erzähler bewirbt sich wie der titelgebende Ludendorf um einen ABM-Job als Hilfstarif- bzw. Hilfsexistenzgründungsberater. Beide werden eingestellt und erleben Anekdotisches mit den übrigen 40 Mitarbeitern. Gegen Ende wird der Erzähler von einem Klienten namens Hassan, von dem er finanzielles Unheil abwenden soll, zur Hochzeit eingeladen, woraus wohl nichts werden wird, wie Ludendorf unkt. Das Feedback aus dem Publikum war eher kritisch. Der rote Spannungsfaden wurde in dieser episodischen Reihung mehrheitlich vermisst.

Als Stammleserin stellte nun Petra Lohan ihren neuen Text „Ohne Gesicht“ vor. Die schreibwillige Ich-Erzählerin beobachtet auf einem großen Platz in der Stadt die Begegnung eines sehr, sehr alten Mannes (mindestens 200 Jahre – eine Wiedergeburt Georg V. von Hannover?), der anfangs reglos wie eine Skulptur erscheint und sein Gesicht hinter einem Tuch verbirgt, mit einem jungen Mann, der als Clown verkleidet vom Junggesellenabschied kommt. Alkohol ist beteiligt und Scham. Die rote Clownsnase, vom Wind als Spielball zwischen den beiden und der Erzählerin benutzt, schafft Raum für Assoziationen. Es ist ein leiser Text mit melodischer Sprache. Jemand meinte, Clowns seien als Motiv zu abgenutzt, um noch darüber schreiben zu können, eine andere, dass die Erzählerin verzichtbar sei, ein Dritter empfand gerade im Figurendreieck Spannung. Das Uneindeutige, Unfertige an diesem Text forderte heraus – ganz im Sinne unserer Werkstattbühne.

Auch Matthias Rische gehört schon länger zu unseren Wiederholungstätern. Mit „Der Wandler“ bot er diesmal die feinfühlig erzählte Geschichte eines Jungen, der dem Vergleich mit dem verschwundenen älteren Bruder in den Augen der Mutter nie Stand halten konnte und daran leidet, aber nicht zerbricht. „Wo ist Massimo?“ – Die Frage bestimmt sein Denken und Tun. Mit der Energie des Forschers legt er im Garten ein Rohr frei, das andeutet, was mit dem Bruder passiert sein könnte. Im Rohr findet er die Eier von Schmetterlingen, luftigen Flugwesen als Metapher für eine andere Welt. Er sei ein Träumer, sagt die Mutter, doch er widerspricht: „Ein Wandler, Mutter, ein Wandler.“ Berührend und trotz der schweren Thematik von Hoffnung getragen hat der Text das Publikum überzeugt.

Vor der Pause sprang Leovinus mutig in die Bresche, als niemand freiwillig den Juli-Themenbeauftragten geben wollte. Das erste Thema „Wahrnehmungsillusionen“ lehnte er aus purer Neugier ab und muss sich deshalb nun mit „Wundheilung“ beschäftigen. Wir sind gespannt.

Heiko Heller beehrte uns nach längerer Pause mal wieder mit einem Vortrag, in dem er seine Erfahrungen nach einem anaphylaktischen Schock aufgrund übermäßigen Pfirsichverzehrs verarbeitet. „Der Tod hat eine Pfirsischhaut“, so der Titel. Dem ernsten Anlass trotzend rang er der Situation jede Menge Komik ab. „Ein Ossi, der an Südfrüchten stirbt. Das wäre mir in der DDR nicht passiert.“ Oder: „In Krankenhäusern bekommt man oft Indianernamen. ‚Der lange Schock‘ aus Zimmer 13…“ Oder: „Ich sollte Krankenhausserien schreiben. Am Ende jeder Folge wären bei mir alle tot. Das wäre ein völlig neues Konzept.“ Das Publikum ging voll mit. Jemand regte sogar an, den Text an den Eulenspiegel Verlag zu schicken. Es lebe die pointierte Unterhaltung!

Zuletzt – wie schon so oft – entführte uns Wolfgang Weber mit drei Texten, die er in verschiedenen Ausgaben des Kunstmagazins ‚Innenwelten‘ veröffentlichte, ins Jahr 1969. Genauer gesagt auf eine subventionierte Reise, die er 16jährig mit dem Kreisjugendring nach Berlin unternahm. In 14 Streiflichtern lässt er die Stadt und seine Erinnerungen aufblitzen, die Grenzkontrollen, das Jugendzentrum Marienfelde, das Haus der Kulturen der Welt, das sowjetische Ehrenmal, das ‚Big Eden‘, die Pfaueninsel, das Sechs-Tage-Rennen, den Fernsehturm, aber auch die Mondlandung, die Willy-Brandt-Wahl, den berühmten Africola-Slogan. „Es passierte so viel, dass es für mehrere Jahre gereicht hätte. Ein Kaleidoskop. Ein Kessel Buntes. Und heute? Und ich? Bin wieder in Berlin. Schon seit 30 Jahren“, schließt er. Nicht ganz so wild assoziativ wie sonst war sein Text diesmal eine leisere, persönlichere Zeitreise in historisch bewegte Tage.

Zum frühen Abschluss des Leseabends gegen 22 Uhr stand es bei Union zwar immer noch 0:0, auf dem Lesbühnenspielfeld konnten wir aber durchaus ein paar Tore verbuchen. Danke an alle Autorinnen und Autoren, an das Publikum, an Moderator Leovinus, an Fotograf Michael Wäser und an unsere Gastgeber im Zimmer 16! Bis zum nächsten Mal bei SoNochNie am 24. Juni 2019, wenn Michael Wäser als Themenbeauftragter uns Schockierendes rund um die „ZIGARRETE“ (echt wahr) enthüllt …

Beim Kürzen werden die Texte länger

Diese 129. Lesebühne SoNochNie! vom 28.1.2019 war eine besondere, fühlte sich so an, vielleicht weil „das Radio“ da war, versteckt im Publikum; vielleicht weil da zwei Mikrofone waren, eins für den Lesenden, eins für den Moderator und die Zuhörer; nicht direkt eine Premiere, aber doch wegweisend für die Zukunft, da immer mehr andächtig Lauschende auch die hinteren Reihen füllen; und natürlich wegen des großen Ereignisses, das seinen Schatten vorauswarf. Aber der Reihe nach.

Norbert Leovinus Wurzel führte launig durch den Abend, erklärte die Lesebühne zur dreitausendsiebenhundertneunundachtzigsten (wenn ich richtig mitgeschrieben habe), die (wenn ich richtig gerechnet habe) erst im Jahr 2324 sein wird. Weiß nicht, welche Urnachkommenschaft von Leo da moderieren wird und wo. Und diese Frage führt uns stante pede zum Thema des Abends:

Spekulationen.

Themenbeauftragter war unser allen ans Herz gewachsener Wolfgang Weber, der in bewährt assoziativ-rhythmischer Weise dem Thema zu Leibe rückte, wie immer unmöglich in drei Sätzen zusammenzufassen, aber ein paar Fetzen kann ich am geneigten Leser vorbeirauschen lassen: Er kündigte 99 Sätze an und warf Fragen auf: Wie spekuliere ich mit Geld, das ich gar nicht habe? Bekam James Brown seine Sex machine zum Laufen? Er brachte John Maynard und John Maynard Keynes zusammen, weil sie beide irgendwie Steuermänner waren; eröffnete uns seine Entdeckung des Volkes der Kraten, namentlich erwähnte er die Unterstämme der Büro- und der Autokraten. Zwischendurch fragte er, ob wir auch spekulierten, nämlich, wie viele von seinen 99 Sätzen schon vorbei wären. Ich käme nie auf die Idee diesbezüglich zu spekulieren, weil ich Anfang und Ende seiner Sätze nicht genau ausmachen kann. Als dann der 99. Satz dran war, beschäftigte ihn, was Goethe zu all dem sagen würde, wenn er noch lebte. Antwort: Nichts, denn er ist schon tot. In der Diskussion kam die Bemerkung, dass es diesmal schon seine Längen gehabt hätte, da sagte Wolfgang den bemerkenswerten Satz: Beim Kürzen werden die Texte länger. Und rasselte dazu mit seinen Rhythmuseiern.

Die zweite Vortragende war ein Gast aus Hamburg, Andrea Schomburg. Sie konnte ihre Texte alle auswendig und benutzte Leos Mikrofon, weil sie wanderte. Es handelte sich um zauberhafte lyrische Miniaturen, alle mit feinem Witz versehen, u.a. von einem Rotfuchs und einem Hühnchen; der Fuchs beeindruckte das dumme Huhn, aber am Ende des Abends war sein Portemonnaie weg und es folgte die Moral von der Geschicht: Noch nicht mal einem dummen Huhn kann man als Fuchs noch trauen. Der zweite Text handelte vom Großstadtparadies, das kommen wird, wenn das Rahm-Vitello wieder zum Kälbchen wird. Dann ging es um die Libido der Kartoffelchips (gehaucht (oder doch geknistert?): Komm, du willst es doch auch!); dann kam Parzival auf der Suche nach dem Gral in das Dörfchen Wuppertal und wurde von einer ansässigen Hausfrau beschieden: Das ist doch Quatsch mit dem Gral, das lassen se mal – sie machte ihn zum Schüsselverkäufer in … habe ich vergessen … Minden? Dort denkt er nur noch selten an das Generve mit dem Gral. Andrea beschloss ihren Vortrag mit einem neuen Text auf das berühmte Lied von Tevje „Wenn ich noch einmal jung wär…“ um zu schließen: „Manchmal ist’s mir ein Genuss, dass ich nicht mehr jung sein muss.“ Was mich an den schönen Hannes-Wader-Text erinnerte: „Schön ist die Jugend, so sorglos und frei, Gott sei Dank ist sie endlich vorbei, und sie kommt zum Glück nie mehr zurück.“

Leovinus zog danach Jana Franke (das erste Mal auf unserer Bühne) aus dem Lostöpfchen mit dem ernsthaften Text „Schwesterherz“. Es geht um einen Selbstmord und handelt von den unerbittlichen Kriegen auf den geschwisterlichen Schlachtfeldern. Dem Vorwurf: …Mich damit zu behelligen, dass ich dich abschneiden muss!“, dem linken Turnschuh, der gegen die Schläfe des literarischen Ich stieß. Es wird die Geschichte einer symbiotischen Geschwisterbeziehung erzählt, die andere Kinder teils ausschloss („Sprüche von den anderen Kindern erreichten mich nicht, von dir waren sie vernichtend…“). Schön fand ich den Satz von einem Ringelpullover, der kratzte, als wäre er mit Brennnesseln gestrickt. In der Diskussion wurde klargestellt, dass es sich nicht um eigenes Erleben handelt („Ich bin ein Einzelkind!“ – zwischen eigenem Erleben und Literatur sollte eine Distanz bestehen, erklärte die Autorin) und sie erwähnte, dass der Text einen Preis bekommen hat und schon zwei Mal verlegt wurde. Das Publikum war jedenfalls beeindruckt.

Als Letzter vor der Pause las Matthias Rische den Text „Freigang“ mit der Ankündigung: Richtig lustig wird es nicht. Da wandert einer und denkt: Der Weg ist das Ziel, so’n Scheiß! Das fand ich schon mal ziemlich lustig. Ein dystopisch gestimmter Mann sieht identische Familien mit identischen Lebensplänen, die diese hinter zugezogenen Gardinen verbergen. Er lechzt nach etwas Abweichendem. Aber er sieht nur einen Hügel, der keinen Zweck erfüllt, als irgendwann ein anderes Irgendwo hinabzufallen. Ein Fernglas ist seine Hoffnung auf eine Verbindung zum realen Leben. Ein Kaiman taucht auf mit faulig fischigem Atem. Die Berührung seiner Schuppen das einzig intensive Erleben. Bin ich meinem Kopf entflohen? Ist das noch Realität? Sind unvorhergesehene Dinge, die in einer öden Welt passieren, eine Form der Gewalt? Was werde ich sehen, wenn ich die Augen wieder öffne? Sei achtsam, sagte der Kaiman. Micha erinnerte der Text an Hertha Müllers Texte über das Rumänien der Ceausescu-Zeit. In der Diskussion wurde sich darauf geeinigt (?), dass der Text nicht zu einem depressiven Kopf gehört, sondern zu einem, der die Welt ablehnt und Angst hat, doch hineinwachsen zu müssen.

Dann war Pause und Leovinus kündigte unser zehnjähriges Jubiläum am 25. März 2019 an, zu dem jeder aufgefordert ist, einen Text zu verfassen zum Thema „Mensch, ist die groß geworden“ (maximal drei Minuten) und diesen in einer Stoppuhr-Staffel (gibt’s sowas überhaupt?) vorzutragen. Man darf auch ohne Text kommen, muss aber dann drei Euro Eintritt zahlen. Außerdem covern die Stammautoren der Lesebühne sich gegenseitig und schreiben je eine Geschichte eines anderen neu unter dem Motto „geschickt gecovert“. Darauf freue ich mich schon sehr. Deshalb wurde für den März auch kein Themenbeauftragter gewählt. Wer Themenbeauftragter für April werden will, muss am 25. Februar wiederkommen.

Anschließend wurde Angela Bernhardt gelost. Sie las erste Zeilen zu einem größeren Projekt, in dem es um das Verschwinden geht und um die Frage: kann ich mir sicher sein, dass da überhaupt jemals einer da war; an sich der Stoff zu einem Gruselfilm; meine Horrorvorstellung par excellence: wenn meine eigene Wahrnehmung keinen Spiegel in anderen Wahrnehmungen mehr findet. Den Leser beruhigte die Autorin schon mal damit, dass sie aus der Perspektive des Verschwundenen begann. Der Leser bekommt einige Andeutungen zu hören, warum es passiert, im Zentrum der verheerende Satz: von jedem bleibt etwas, noch mehr Fragen als Antworten – die „Verlassene“, aus deren Perspektive der zweite Teil erzählt wurde, hat ihre liebe Not, einen Beweis zu finden, dass ihr Begleiter in die ewige Stadt tatsächlich mit ihr dort war – und muss dafür eine Horde japanischer Touristen überzeugen, dass sie ihre Handyfotos sehen darf (und den Beweis ausdrucken). Angela erfuhr Zuspruch von Jana, der die neuen unverbrauchten Bilder gut gefallen haben und von Andrea, die fand, dass es gut gelungen ist Spannung zu erzeugen. Wir sind auf den Fortschritt des Projektes gespannt.

Die sechste Lesende des Abends war Margret Franzlik, die ebenfalls aus etwas Größerem vortrug über das Ding in meinem Kopf, ein Text, der sehr offen mit einer Erkrankung und deren Folgen umgeht, ohne eine allzu große Distanz zwischen persönlichem Erleben und Geschriebenem herzustellen. Aus der sitzenden Position wird sie das Schreiben, schreibt sie, jedenfalls nicht herausholen. Vom Sessel vor dem Fernseher direkt an den Schreibtisch. Um aufzuarbeiten was geschehen ist, bzw. was sie erfahren hat, dass da eine große glatt begrenzte Raumforderung in ihrem Kopf ist, dass sie möglicherweise nicht mehr lange zu leben hat, und doch ihren Enkel aufwachsen sehen will. Ich fühlte mich in Ähnlichkeit und starkem Unterschied erinnert an Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das ich der Autorin gerne empfehlen möchte. Auf alle Fälle hat der Text große Teile des Publikums stark bewegt.

Dann zog Leovinus mich aus der Lostrommel. Es gab einen kurzen Ausschnitt aus meinen Roman. Ich danke für die Anmerkungen, insbesondere zu der Frage der Reflexionen oder Erinnerungsfetzen einer handelnden Person, und wie einen das aus der Handlung und der Spannung reißen kann. Man soll doch darauf vertrauen, dass sich der Leser merkt, was er hundert Seiten zuvor schon mal gelesen hat. Aber weiß ich als Autor, was ich vor hundert Seiten schon mal geschrieben habe? Ich werde die Anregungen beherzigen. Schwöre.

Und zum Abschluss las Andrea Maluga über Martha und Ida, die vor hundert Jahren nach Berlin kamen, als Dienstmädchen im Grunewald, später als Büglerinnen der Spitzenkragen der feinen Damen im Prenzlauer Berg, mit Wohnung in einem kleinen Stübchen drei Stockwerke über der Wäscherei, wie es Malzkaffee und Brotsuppe gab und die Meisterin für das Wochenende auch mal ein Ei spendierte. Der Aufreger aber war ein grünes Kleid, das Martha Ida für den Samstagabendschwof schenkte, weil sie es von der Schillerschen, die es nicht mehr tragen konnte, ebenfalls geschenkt bekommen hatte. Ging darum, ob man das ausfüllt (das Wort Busenschönheit kannte ich noch gar nicht) und sich damit einen Galan angeln kann, in Potsdam auf der allwöchentlichen Brautschau. Sie kriegten auch Beide einen ab (obwohl Ida erst rummoserte, als Martha mit ihrem Husar knutschte), bekamen Kinder (Martha gab Ida eins ab) und einen Lungensteckschuss (der Husar) und an dem Punkt musste ich an Tucholsky denken „Warum wird beim Happyend im Film jewöhnlich abjeblendt“.  Die Geschichte lebte von der wunderbaren Beschreibung des Lokalkolorits einer untergegangenen Zeit, der wir (un)sinnigerweise manchmal hinterhertrauern.

Das war sie dann auch schon, die 129. Lesebühne SoNochNie! – bis zum 25. Februar – Euer

Von wegen grau!

 

Der November kann diese Farbe traditionell für sich beanspruchen – die offene Lesebühne SoNochNie vom 26.11.2018 dagegen keineswegs. Leovinus, unser geschätzter Moderator, war leider verhindert, und so begann vertretungsweise Frank seine beherzte Moderation mit einer Überraschung: Steffen, der Themenbeauftragte des Monats, muss beim Fliegen Lernen entweder ins Straucheln gekommen oder weit übers Ziel hinaus geschossen sein, jedenfalls hat er uns versetzt. Dafür sprang – zweite Überraschung – Lucie ein, die Themenbeauftragte vom Juni, die uns ihrerzeit wegen einer Fußverletzung spontan abhanden gekommen war. Aber ich will nicht vorgreifen, den ersten Leseplatz am schlichten Holztisch besetzte nämlich Jane, die wiederum im Oktober infolge übermäßigen Autorenandrangs nicht mehr zum Zuge kam. So viel zum unterhaltsamen Bühnenreigen.

Jane also berichtete in ihrem Text „Der blinde Fleck“ von einem Autor, der sich an Thomas Mann misst und kein Wort aufs Papier bekommt, obwohl er unumstößlich weiß: „Ich muss schreiben!“ Nur um einen Schriftstellerkollegen zu beeindrucken, bringt er zum Jahresende dann doch ein Werk heraus, hinter dem er nicht steht, und hat sogar Erfolg damit. Als er stirbt, sagt man, er war ein schrecklicher Mensch. Die Diskussion entzündete sich an der Frage, warum Jane über so ein Arschloch geschrieben habe und ob ihr Text thematisch zu vollgestopft sei für eine Kurzgeschichte. Die einen sahen Ansatzpunkte zur Romantrilogie, die anderen plädierten für noch stärkere Verdichtung. Sprache und Vortrag des Textes fanden jedenfalls Anklang.

Dann bat Lucie das Publikum, die Augen zu schließen bevor sie – mehr assoziativ als analytisch – in eine veritable Feinstaubbelastung abtauchte. „Ich sehe nichts, höre nur das feine Rauschen der Stille …“, beginnt sie und fährt fort mit altem Dreck, der schwer lastet und einem Lichtstrahl, der an ihrer Fingerkuppe leckt, bevor erst sie im Text, dann auch wir im Publikum die Augen wieder öffnen. Der kurze, stimmungsvolle Vortrag hätte ein wenig kraftvoller und langsamer gesprochen noch stärker wirken können.

Marcel las Lyrik. In „Treibsand oder Alles ist gut“ (nach dem Film „Alles ist gut“) versucht eine Frau, sich nach einer Vergewaltigung nicht unterkriegen zu lassen. „Begegnung mit Sankt Dementia“ basiert auf einem realen Erlebnis des Autors mit seiner Tochter vor einem Seniorenheim. „Ich will nach Berlin, da, wo noch Weihnachten ist“, erklärt eine alte Dame melancholisch. Sein letztes Gedicht „Rabenliebe“ beruht auf Peter Wawerzineks gleichnamigem Roman und endet mit dem Satz des Erzählers an seine Mutter: „Ich bin dein Kind, ich dien‘ dir als Krücke, du brütest mich aus und lässt mich zurück.“ Die Lyrik kam an, nur über die Notwendigkeit der Vorgeschichte zum zweiten Text gingen die Meinungen auseinander.

Octavia hatte drei Kurzgeschichten dabei. Eine „Alte Frau am Fenster“ beobachtet eine junge Frau, die täglich am Meer auf den geheimnisvollen Geliebten wartet und enthüllt dessen Identität erst, als die junge Frau in weißem Kleid und mit Taucherbrille auf eine Delphinflosse zuschwimmt. „Die Prophezeiung“ erzählt von Tante Hermine, der ein früher Tod vorhergesagt wird, weshalb sie weder heiraten noch Kinder bekommen will. Doch zum Erstaunen der erst mitleidigen, später vorwurfsvollen Verwandtschaft sieht man sie selbst mit 84 Jahren noch auf einem Kamel in der Wüste. In „Fifty-fifty“ sorgt ein bärtiger junger Mann mit arabischen Zügen im Nahverkehr spätestens als sein Handy klingelt für latenten Generalverdacht. Doch nichts passiert. Mit ihren leisen, nachdenklichen Beobachtungen entließ uns Octavia fast in die Pause.

Zuvor meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den Monat Februar und wählte gleich das erste Losthema: Der Aufbruch.

Nach der Pause gab’s von mir, Angela, eine brandneue halbe Geschichte mit dem scheinbar eindeutigen Titel „G-Punkt“. Eine Frau, die gerade sämtliche Brücken hinter sich abbricht, wird von ihrer Vergangenheit in Gestalt eines älteren Mannes überraschend eingeholt und mit sanftem Nachdruck zur Änderung ihrer Pläne genötigt. Wer wissen will, wie es weitergeht, komme am 15. Dezember 2018 um 19 Uhr zur traditionellen ADVENTSLESUNG der KernautorInnen von SoNochNie unter dem Motto „ALTE BEKANNTE“ in den Jugendclub M24 in Berlin-Pankow (siehe Flyer in meiner Hand). Nur so viel sei noch gesagt: Es war wohl die längste und spekulativste Diskussion über einen halben Text in der Geschichte unserer Lesebühne.

Der unnachahmliche Wolfgang W. brachte uns mit seinem Text „Was ist eine Rhythmusmaschine?“ weniger zum Nachdenken als zum entspannten Mitschwingen und verwies in Sachen Antwort auf den amerikanischen Jazz-Saxophonisten Phil Woods, der die Rhythmusmaschine im Bandnamen trug, auf den Drummer Buddy Rich, mit dem Woods kurzzeitig spielte und auf Iggy Pop mit seinem Hit „The Passenger“ in einem neuen Werbespot der Deutschen Bahn.

Die dritte Überraschung des vielseitigen Abends gelang Richard, der seinen Vortrag gleich selbst mit Kamera und Mikro aufnahm, um ihn den Cohen-Brüdern nach Hollywood schicken zu können. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Tatsächlich gehörte seine alten Sagen entlehnte historisch-fantastische Geschichte um einen Kriegsheimkehrer, der in den Zwanziger Jahren die negative Masse von Basaltsplittern entdeckt und mittels ihrer Tragkraft und einer Fluggerätattrappe dem Streit mit seiner Frau in die Rhönberge entschwebt, vielleicht gerade wegen ihrer dokumentarischen Anmutung zu den schrägsten Beiträgen des Abends.

Den Abschluss bildete Wolfgang E. mit zwei Witzen aus dem semitischen Volksmund, die er zu erheiternden Geschichten ausgebaut und auf jeden Fall bühnenreif vorgetragen hat. In der ersten wird Gott seine Gesetzestafeln nach mehreren Fehlversuchen nur deshalb bei Moses los, weil sie nix kosten, im zweiten soll ausgerechnet „es Davidle“ mal was werden und hat‘s alles andere als leicht.

Beschwingt ging diese 128. SoNochNie-Lesebühne zu Ende. ACHTUNG: Der Dezembertermin fällt, weil auf den 24., leider aus. Wir sehen uns erst am 28. Januar 2019 wieder, wenn Wolfgang W. zu themenbeauftragten und garantiert rhythmischen Spekulationen ansetzt. Bis dahin kommt gut durch den Advent, die Festtage und ins neue Jahr!