Wir sind wieder (genau) da!

Seit langer Zeit die erste Offene Lesebühne So noch nie wieder offline und live im Zimmer 16! Ein tropisch warmer Sommerabend, nette Gäste, ein kühles Getränk und neue Texte – was will man mehr? Höchstens baldmöglichst die Befreiung von Testpflicht und Zuschauerbegrenzung, die vom Team des Zimmer 16 konsequent eingehalten wurden.

Die Freude über die Heimkehr aus dem unfreiwilligen Asyl bei „Zoom“ ins Zimmer 16 stand nicht nur Moderatorin Angela Bernhardt ins Gesicht geschrieben (siehe Foto). In Anlehnung an Leovinus, den sie heute vertrat, richtete sie die Aufmerksamkeit nicht auf Jubiläen, sondern auf Nicht-Jubiläen des Tages, also Dinge, die an einem 28. Juni noch nie passiert sind. Welche sie präsentiert hat, sei hier nicht verraten, aber vielleicht finden Sie ja selbst welche heraus und schreiben für die nächste Lesebühne eine epochale Geschichte darüber.

Der erste Lesende natürlich: der Themenbeauftragte. Der hieß Matthias Rische und sein Thema lautete: „Blitzkurs“. Der Erzähler trieb sich dafür auf einem Friedhof herum, dessen Namensgeberin ein heilig gesprochenes minderjähriges Vergewaltigungsopfer ist. Das klingt jetzt alles zusammen ziemlich gruselig, aber obwohl der Erzähler dort nur spaßeshalber herumlief, um eine Frau kennenzulernen, und die eine, die er ansprach, gerade Hochprozentiges zu sich nahm, nahm die Geschichte keine üble Wendung. Stattdessen war sie voller origineller Beobachtungen und Gedanken, und dass die Frau sich sehr bald vom (Gottes-)Acker machte, hinterließ keinen Gram: Der Blitzkurs im Flirten garantiert keinen schnellen Erfolg und das Leben, es geht weiter.

„Er ist noch oben“ hieß Gudrun Sonnenbergs Geschichte. Sie passte zu den Sommertemperaturen, denn eine Frau joggt trotz Hitze durch die Stadt, möglichst unter kühlenden Parkbäumen. Doch auf dem Heimweg, schon an der Grenze der Erschöpfung, muss sie erkennen, dass es in ihrer Straße brennt. In ihrem Haus? Ihrer Wohnung? Der Schrecken, der sie durchfährt, treibt sie wieder an, ihr erwachsener Sohn schläft noch, „oben“ in der Wohnung, und sie hat die Tür abgeschlossen, als sie zum Laufen ging. Doch ein anderes Haus brennt, ihre Sorge war unbegründet. Der Schrecken bei den Zuhörern aber legt sich erst, als der junge Mann auf ihr Klopfen an der Zimmertür reagiert.

Die erste Lesebühne im Zimmer 16 IN DIESEM JAHR (!) hatte nicht nur ein, sondern zwei Debüts zu bieten. Das erste: Petra Schick und ihr Langgedicht „Als ob der Tod nie kommt“. Wie meistens bei Lyrik, erschlossen sich ihre enorm assoziationsreichen und gedankentiefen Zeilen nicht beim einfachen, ersten Zuhören, darüber waren sich alle einig. Deshalb machten wir den Vorschlag, es auf unserer Website zu veröffentlichen, und Petra sagte zu. Hier können Sie sich in ihren kunstvollen Mental-Strom werfen und schauen, denken, assoziieren. Danke, Petra!

„30 Jahre Abitur“ war der Titel von Katharina Körtings Text, eine „Hommage an das bestandene Abi“ ihres Sohnes. Und eine Gedanken- und Erinnerungsverbindung an eigene Abi-Zeiten, wie auch die Anfänge des eigenen Schreibens. Denn aus der „Diktatur des Lesens“ hat sich die junge Abiturientin dereinst nur schreibend befreien können, Buchstabe für Buchstabe „zurück zu mir“. Und trotzdem stellte sich Scham ein über das Geschriebene – eine Erfahrung, die sicher viele kennen, die mit dem Schreiben beginnen. Doch ihr Schreiben hat auch „das Lesen gerettet“. Der Befreiungsakt des Schreibens, auch den kennen sicher viele, die sich den Worten anheimgeben. Entsprechend wurde im Publikum auch viel darüber diskutiert und von eigenen Erfahrungen berichtet.

Das nächste Lese-Los fiel auf mich, Michael Wäser. Da ich die Arbeit an einer Erzählung, aus der ich eigentlich vorlesen wollte, gerade unterbrochen habe, legte ich zur Entschuldigung den Grund für die Unterbrechung auf den Lese-Tisch: Mein neuer Roman ist nämlich gerade erschienen. „Das Wunder von Runxendorf“ erzählt eine grausame Geschichte in einem saarländischen Dorf während der Fußball-WM 1974. Zwischen all der Grausamkeit blühen nur wenige zarte Blumen und sogar das titelgebende Wunder ist eines von der dunklen Sorte. Hier verrate ich nicht, worin es besteht, am Abend las ich aber genau dieses zentrale Kapitel vor.

Gerhard Gruner war der zweite Debütant des Abends. Seine Geschichte „Der Schlüsselbund“ erzählte, wie ein verkaterter Student eine Eroberung macht, oder besser, gemacht hat, denn er erinnert sich am nächsten Morgen nicht daran. Nur der fremde Schlüsselbund in seiner Tasche macht ihn neugierig, und er fahndet nach der dazu passenden Tür. Die wird ihm dann auch weit und bereitwillig geöffnet. Aus dem Publikum kamen Lob für die Idee und Anregungen, die Sprache des Textes lebendiger zu gestalten, denn ein humoristischer Text lebt stark davon.

Siebter Lesender: Wolfgang Weber. „Die Konferenz“ war ein großer Wort-Spaß auf „-enz“. Eine Lawine von auf „-enz“ endenen Wörtern ergoss sich von Wolfgangs Tisch, locker geordnet um die Erzählung einer legendären Koblenzer „Konferenz zur Quintessenz„. Schwindelig wurde einem bei diesem Wirbel aus Enzen, lustig war’s außerdem, gewitzt und eigenwillig. Und damit ging diese schöne Juni-Lesebühne mit angemessener Eloquenz zuende.

Ach so: Niemand wollte August-Themenbeauftragte/r sein, also erklärte ich mich bereit. Mein gelostes Zuschauerthema, an dem ich vermutlich zu knabbern haben werde: „Schmerzruine“ (Ich hatte das erste Los „Prinzessin Lillifee“ verschmäht und musste nun das zweite annehmen). Wir danken dem Team des Zimmer 16 für sein Durchhaltevermögen im Lockdown und seine Gastfreundschaft und freuen uns auf den 26. Juli, wenn Frank Georg Schlosser als Themenbeauftragter seinen Text zum Zuschauerthema „Teufelskreis“ vorstellen wird.

Ein Kommentar zu “Wir sind wieder (genau) da!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s