Von wegen grau!

 

Der November kann diese Farbe traditionell für sich beanspruchen – die offene Lesebühne SoNochNie vom 26.11.2018 dagegen keineswegs. Leovinus, unser geschätzter Moderator, war leider verhindert, und so begann vertretungsweise Frank seine beherzte Moderation mit einer Überraschung: Steffen, der Themenbeauftragte des Monats, muss beim Fliegen Lernen entweder ins Straucheln gekommen oder weit übers Ziel hinaus geschossen sein, jedenfalls hat er uns versetzt. Dafür sprang – zweite Überraschung – Lucie ein, die Themenbeauftragte vom Juni, die uns ihrerzeit wegen einer Fußverletzung spontan abhanden gekommen war. Aber ich will nicht vorgreifen, den ersten Leseplatz am schlichten Holztisch besetzte nämlich Jane, die wiederum im Oktober infolge übermäßigen Autorenandrangs nicht mehr zum Zuge kam. So viel zum unterhaltsamen Bühnenreigen.

Jane also berichtete in ihrem Text „Der blinde Fleck“ von einem Autor, der sich an Thomas Mann misst und kein Wort aufs Papier bekommt, obwohl er unumstößlich weiß: „Ich muss schreiben!“ Nur um einen Schriftstellerkollegen zu beeindrucken, bringt er zum Jahresende dann doch ein Werk heraus, hinter dem er nicht steht, und hat sogar Erfolg damit. Als er stirbt, sagt man, er war ein schrecklicher Mensch. Die Diskussion entzündete sich an der Frage, warum Jane über so ein Arschloch geschrieben habe und ob ihr Text thematisch zu vollgestopft sei für eine Kurzgeschichte. Die einen sahen Ansatzpunkte zur Romantrilogie, die anderen plädierten für noch stärkere Verdichtung. Sprache und Vortrag des Textes fanden jedenfalls Anklang.

Dann bat Lucie das Publikum, die Augen zu schließen bevor sie – mehr assoziativ als analytisch – in eine veritable Feinstaubbelastung abtauchte. „Ich sehe nichts, höre nur das feine Rauschen der Stille …“, beginnt sie und fährt fort mit altem Dreck, der schwer lastet und einem Lichtstrahl, der an ihrer Fingerkuppe leckt, bevor erst sie im Text, dann auch wir im Publikum die Augen wieder öffnen. Der kurze, stimmungsvolle Vortrag hätte ein wenig kraftvoller und langsamer gesprochen noch stärker wirken können.

Marcel las Lyrik. In „Treibsand oder Alles ist gut“ (nach dem Film „Alles ist gut“) versucht eine Frau, sich nach einer Vergewaltigung nicht unterkriegen zu lassen. „Begegnung mit Sankt Dementia“ basiert auf einem realen Erlebnis des Autors mit seiner Tochter vor einem Seniorenheim. „Ich will nach Berlin, da, wo noch Weihnachten ist“, erklärt eine alte Dame melancholisch. Sein letztes Gedicht „Rabenliebe“ beruht auf Peter Wawerzineks gleichnamigem Roman und endet mit dem Satz des Erzählers an seine Mutter: „Ich bin dein Kind, ich dien‘ dir als Krücke, du brütest mich aus und lässt mich zurück.“ Die Lyrik kam an, nur über die Notwendigkeit der Vorgeschichte zum zweiten Text gingen die Meinungen auseinander.

Octavia hatte drei Kurzgeschichten dabei. Eine „Alte Frau am Fenster“ beobachtet eine junge Frau, die täglich am Meer auf den geheimnisvollen Geliebten wartet und enthüllt dessen Identität erst, als die junge Frau in weißem Kleid und mit Taucherbrille auf eine Delphinflosse zuschwimmt. „Die Prophezeiung“ erzählt von Tante Hermine, der ein früher Tod vorhergesagt wird, weshalb sie weder heiraten noch Kinder bekommen will. Doch zum Erstaunen der erst mitleidigen, später vorwurfsvollen Verwandtschaft sieht man sie selbst mit 84 Jahren noch auf einem Kamel in der Wüste. In „Fifty-fifty“ sorgt ein bärtiger junger Mann mit arabischen Zügen im Nahverkehr spätestens als sein Handy klingelt für latenten Generalverdacht. Doch nichts passiert. Mit ihren leisen, nachdenklichen Beobachtungen entließ uns Octavia fast in die Pause.

Zuvor meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den Monat Februar und wählte gleich das erste Losthema: Der Aufbruch.

Nach der Pause gab’s von mir, Angela, eine brandneue halbe Geschichte mit dem scheinbar eindeutigen Titel „G-Punkt“. Eine Frau, die gerade sämtliche Brücken hinter sich abbricht, wird von ihrer Vergangenheit in Gestalt eines älteren Mannes überraschend eingeholt und mit sanftem Nachdruck zur Änderung ihrer Pläne genötigt. Wer wissen will, wie es weitergeht, komme am 15. Dezember 2018 um 19 Uhr zur traditionellen ADVENTSLESUNG der KernautorInnen von SoNochNie unter dem Motto „ALTE BEKANNTE“ in den Jugendclub M24 in Berlin-Pankow (siehe Flyer in meiner Hand). Nur so viel sei noch gesagt: Es war wohl die längste und spekulativste Diskussion über einen halben Text in der Geschichte unserer Lesebühne.

Der unnachahmliche Wolfgang W. brachte uns mit seinem Text „Was ist eine Rhythmusmaschine?“ weniger zum Nachdenken als zum entspannten Mitschwingen und verwies in Sachen Antwort auf den amerikanischen Jazz-Saxophonisten Phil Woods, der die Rhythmusmaschine im Bandnamen trug, auf den Drummer Buddy Rich, mit dem Woods kurzzeitig spielte und auf Iggy Pop mit seinem Hit „The Passenger“ in einem neuen Werbespot der Deutschen Bahn.

Die dritte Überraschung des vielseitigen Abends gelang Richard, der seinen Vortrag gleich selbst mit Kamera und Mikro aufnahm, um ihn den Cohen-Brüdern nach Hollywood schicken zu können. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Tatsächlich gehörte seine alten Sagen entlehnte historisch-fantastische Geschichte um einen Kriegsheimkehrer, der in den Zwanziger Jahren die negative Masse von Basaltsplittern entdeckt und mittels ihrer Tragkraft und einer Fluggerätattrappe dem Streit mit seiner Frau in die Rhönberge entschwebt, vielleicht gerade wegen ihrer dokumentarischen Anmutung zu den schrägsten Beiträgen des Abends.

Den Abschluss bildete Wolfgang E. mit zwei Witzen aus dem semitischen Volksmund, die er zu erheiternden Geschichten ausgebaut und auf jeden Fall bühnenreif vorgetragen hat. In der ersten wird Gott seine Gesetzestafeln nach mehreren Fehlversuchen nur deshalb bei Moses los, weil sie nix kosten, im zweiten soll ausgerechnet „es Davidle“ mal was werden und hat‘s alles andere als leicht.

Beschwingt ging diese 128. SoNochNie-Lesebühne zu Ende. ACHTUNG: Der Dezembertermin fällt, weil auf den 24., leider aus. Wir sehen uns erst am 28. Januar 2019 wieder, wenn Wolfgang W. zu themenbeauftragten und garantiert rhythmischen Spekulationen ansetzt. Bis dahin kommt gut durch den Advent, die Festtage und ins neue Jahr!

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Die Welt ist eine Erzählbar

Sagen wir einfach mal, die unscharfe Notierung des diesmaligen Beauftragtenthemas vor zwei Monaten lag am stetig wachsenden Zuschauer- und Teilnehmerstrom von SoNochNie: Statt des angekündigten „Die Erzählbarkeit der Welt“ hatte Octavia Wolle eigentlich den Zuschauervorschlag „Ist die Welt erzählbar?“ gelost – und hernach auftragsgemäß zu einem Text wachsen lassen. Und auch heute stapelten sich die Namen der Lesewilligen geradezu auf der Liste des Moderators, sodass wieder ausgelost werden musste. Menge also wie immer auf acht begrenzt, Vielseitigkeit der Texte dagegen MEGA.

Themenbeauftragte Octavia ließ uns in ihrer gedanklich glasklaren und zugleich humorvoll-warmen Sprache in Form eines erzählerischen Essays am Schöpfungsprozess ihres Textes teilnehmen – wie die Frage sie umtreibt, wie sie sie mit ihrer Tochter am Telefon wieder und wieder bekakelt: Ist die Welt erzählbar? Wie sie Wikipedia befragt, das moderne Orakel, wie die Philosophie, Kant, Klopse, Chatwyn, daraus hinauslaufen, mit der Frage vor einem Ozean zu stehen, den man nun mit einem Kochlöffel auslöffeln soll. Wo doch eigentlich alles ganz einfach ist, wie die Aborigines wissen: Die Welt wird erzählt, erzählenderweise erschaffen, genauer gesagt, in Gesängen, welche, wie wir seit Homer wissen, auch Erzählungen sind. Für die Erschaffung aus der Erzählung gibt es weitere Beispiele: „Erzähl mich doch nichts“ heißt, mach mir doch keine Erfindung weis, Erzähltes wird mitunter wirklich Welt. Das war ein erhellender Gedankenausflug.

Wie um genau diese Macht der Erzählung zu bekräftigen, zog Petra Lohan uns mit ihrem Text „Pinakothek der Begegnungen“ in eine ganz eigene Welt. Eine Sammlerin von a) flüchtigen und b) folgenreichen Begegnungen hält vor genau einem Zuhörer einen Vortrag über ihre Sammlung und den Gegenstand derselben. Erstere hat sie tatsächlich, und zwar mittels eines Fotoapparates, festgehalten und eine Auswahl davon in der Ausstellung, letztere, tja, wie nur konserviert, verewigt, ausgestellt, da sie sich ja eben nicht auf einen Augenblick beschränken. Der Zuhörer erweist sich im Anschluss als eine jener folgenreicheren Begegnungen, die Geschichte als eine Art perpetuum mobile des Erzählens und des Lebens …

Wolfgang Weber erzählt so gut wie nie. Er wirbelt auf. Worte, Titel, Verkettungen, Verbindungen, sprachlich, bildlich, gestisch, musikalisch. „Animalisch“ hieß sein Text, und als er darin ein ums andere Mal die Zeile „I’m an animal“ von Eric Burdon zitierte, verschmolz er mit seinem wüsten Haar in seinen Perkussionsbewegungen mit Kalebasse tatsächlich in der Assoziationswelt zu dem Muppet-Schlagzeuger „Animal“ – was ich ausdrücklich als Kompliment gemeint haben will. Ich bin ein Tier! „Ich habe keine Fragen mehr an die Sache“, sagte eine Zuschauerin anschließend.

Der Notdienst-Arzt, der sich in meiner anschließenden Geschichte „Oeverdings Sammlung“ auf den nächtlichen Weg zu einem Patienten macht, betritt wiederum auch eine fremde Welt, in der ihn allerdings ein sehr, sehr alter Bekannter erwartet. (S)ein ehemaliger Professor von der Kunstakademie benötigt ärztliche Hilfe, der ehemalige abgebrochene Kunststudent und nachfolgende Mediziner eine gewaltige Portion Selbstbeherrschung, als er sieht, woraus die sagenumwobene Sammlung seines alten Profs besteht. Sehr berührt haben mich die mannigfaltigen Sichtweisen des Publikums auf die Geschichte, was sie in ihnen ausgelöst hat, woran sie dabei gedacht haben. Herzlichen Dank!

Der zweite Teil des Abends bescherte uns mit der Geburtshilfe unseres geschätzten Moderators Leovinus einen neuen Themenbeauftragten, und zwar für Januar 2019 – weil der Dezembertermin auf Heiligabend und damit aus – fällt. Wolfgang Weber wird das Thema „Spekulationen“ aufwirbeln. Wir warten gespannt!

Marcel Kröner – in seinem SNN-Debüt – las den zweiten Teil an und präsentierte einige lyrische Ausflüge – oder sagen wir Törns/Tauchgänge/Bahnen – um das Schwimmen und seine weiten Assoziationsfelder. „Freischwimmen“ – der Aufbruch zu neuen Ufern, „Stunde der Heimkehr“ – um den Ur-Helden des Homer, „Vom Schwimmen in der Blase“ – die, in der wir alle einmal schwammen, „Acheron“ – unter Verwendung „geliehener Zeilen“ und „Nichtschwimmerin Ophelia“ – zu der jemand anmerkte, es sei eine „literarische Charade“. Auf jeden Fall schwimmfähig und weit davon entfernt, abzusaufen, diese Lyrik, die wieder neue Türen aufmachte auf der Lesebühne.

Alltäglichstes, ja beinahe Nichtiges, so würden manche das nennen, worüber Barbara schreibt. Und sie hätten wohl Recht damit. ABER: Im Kleinsten, Unscheinbarsten das Besondere, das Auffällige und Bedeutsame zu erkennen, das ist eine echte Kunst. Und das dann so lakonisch, knapp und treffend erzählen zu können wie Barbara, das macht sie zu einer echten Künstlerin. Bei ihrem heutigen Besuch hatte sie von Begegnungen mit Berliner Taxifahrern zu erzählen – „Der Braune“ (Farbige), „Hodensack wie ein Bulle“ (genau das), „Die Leiden eines sportlichen Taxifahrers“ (wenn man sich die Schambeinentzündung mit einem Top-Sportler wie Reus zuteilen glaubt), „Der Pakistani“ (der ohne jede Orientierung arbeitet – was er wiederum mit vielen Berufstätigen gemeinsam hat) – höchst unterhaltsam und berührend.

Oliver – ein weiterer Wiederkehrer – legte uns mit seiner knappen, genauen Lyrik „Biografien von Idioten“ auf den Tisch. Vom Einstecker „Stefan Stamm“, von der „Morgenandacht“ in der Kneipe mit den Müllmännern, von Jugendfreund „Rolfi“ mit zu großen Schneidezähnen, von Bolt (hoffentlich richtg geschrieben), der irgendwo in Asien oder Osteuropa Brückenbauten betreut. Was manche (nicht alle!) als Spott ansahen, kam mir doch eher vor wie eine Würdigung von Menschen, die es eben nicht ganz auf die Reihe kriegen: eine kleine Galerie von pointierten Loser-Portraits.

Das zweite Debüt dieses Abends: Ava Sergeeva. Sie stellte uns einen Auszug aus ihrem ersten Roman „Ich bin Merkur“, der bei Periplaneta erschienen ist. (Irgendwo muss es einen unterirdischen Gang zwischen Periplaneta und dem Zimmer 16 geben, es tauchen immer wieder neue, interessante Autor*innen von dort auf.) Es war/ist wohl ein biografischer Roman, also eine Lebensgeschichte – ob fiktiv oder nicht, spielt keine große Rolle – erzählt aus der Perspektive eines männlichen Protagonisten (oder vielleicht auch nicht?) mit Vorliebe für multipersonale Rollenexistenzen, Pen & Paper und echte Fantasy-Rollenspiele. Worauf alles hinausläuft, war in diesem kurzen Ausschnitt naturgemäß nicht zu erfahren, aber beziehungsdynamisch scheint einiges Schwarzpulver drin zu stecken – also Amulette und Zauberschwerter bereithalten und auf in den Kampf.

Wir sehen uns am 26. November zur letzten Lesebühne 2018. Bis dahin: schreibt, was das Zeug hält!

Vegansexuell

Was für eine wunderbare Lesebühne diese 126. doch war. Zum einen freute mich natürlich der Zuspruch, den mein eigener Text erhielt, zum anderen freut mich der wachsende Zuspruch der Lesebühne selbst. Herzlichen Dank an dieser Stelle ans Zimmer 16 und all die Helfer, die diesen Abend erst möglich machen. Dank aber auch an all die Lesenden und Zuhörer. Zwölf Bewerber gab es für einen Platz am Tisch. Da inklusive Themenbeauftragtem aber nur acht lesen können, musste das Los entscheiden, und Eva, Petra, Steffen und Wolfgang hatten diesmal kein Glück bei unserer Lottofee, die Leovinus hieß und uns charmant durch den Abend geleitete, auch wenn er genderkonform eher ein Feenrich war. Da Micha im Urlaub weilte, übernahm ich auch die Fotografie. Bitte also um Verzeihung, habe nur mit dem Handy geknipst; auch wenn es ein gylaxa 8 ist, sind natürlich die Fotos niemals so schön wie Michas.
Der Abend begann mit der Themenbeauftragten Vera Fang zum Thema „Stoppschild“. Wir erfuhren, dass das Stoppschild in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, jedenfalls in Deutschland. Vera begann mit der Art, wie sie sich dem Thema genähert hat, nämlich ungewöhnlicherweise über google, um uns am Ende eine kleine Geschichte vom Traum nach der Recherche zu präsentieren, in dem ein Stoppschild u.a. traurig darüber ist, dass kein Kind sich zu Halloween (oder war es Fasching) als solches verkleidet. Auf die Kritik, dass der Rechercheweg an sich nicht zur Geschichte gehört, reagierte Vera mit dem bis zu diesem Zeitpunkt vorenthaltenen Titel: „Wie eine Geschichte entsteht“.
Danach kam der Stefan und las seine poetischen Kleinodien. „muss irgendwer im Süden hocken mit meinem Schal und dicken Socken“ schaffte ich mir zu notieren „und ist das µ auf seine Weise Pantoffeltierchens größte Reise“. Ich kann zu Stefans Gedichten nicht allzu viel sagen außer, dass ich sie liebe. Sie geben den Kleinigkeiten einen gefälligen Rhythmus, der mir unwillkürlich ein freudiges Gefühl verschafft, mich ein bisschen glücklicher macht, meinen Wert auf der Glücksskala unmittelbar um ein bis zwei Punkte hebt. Was ein mehr oder weniger eleganter Übergang zum nächsten Lesenden,

nämlich
mir, ist. Frank Georg Schlosser (ich stelle mich mal neben mich) las die Geschichte „Glücksskala“ und sie ist, scheint mir, gut angekommen. Es gab eine lebhafte Diskussion und verschiedene Vorschläge, wie die unvollendete Geschichte enden könnte. Dafür dankt der Autor, weil wirklich bedenkenswerte Ideen darunter waren, wie er findet.
Der letzte Lesende vor der Pause war der Max. Er las aus seinem Werk „53 verdammt gute Tipps“, in dem er seine eigenen Probleme, wie er sagte, einer Lösung zuführte und es hätte geholfen, ihm ginge es schon viel besser. Zum Beispiel gab er sich den Rat, die verzweifelte Suche nach dem perfekten Platz im Kino aufzugeben und sich hinten an den Rand zu setzen, weil das der einzige Platz ist, wo ein Typ wie er (Perfektionist) den Film genießen kann. Oder noch besser: der ewige Kampf mit den Gästen, dass sie den Designerteppich nicht vollkrümeln, bekleckern, mit ihren Schuhen verhunzen, dadurch aufzulösen, dass er mit der Zigarette selbst ein Brandloch hineinzaubert, welchselbiges übrigens der schwarze Punkt auf der weißen Fläche des Jin und Jang-Symbols ist. Wusste ich nicht, fand ich aber sehr interessant und passend.
Dann gab es die Pause. Nach der Pause wurde der Themenbeauftragte für den Monat November gesucht und es meldete sich Steffen Meyer. Ein Tusch für Steffen. All unsere guten Wünsche begleiten dich für das Thema „Wie lernt man fliegen?“ Bin sehr gespannt, kann man bestimmt auch was googeln 😉
Dann las die Barbara kleine Miniaturen aus der täglichen Welt der U-Bahn, der Kaufhallen, der Taxis. Es war eine Eloge auf das aufmerksame tägliche Hinsehen, was um uns herum so geschieht. Sie setzt mit ihren Geschichtchen kleine Denkmäler für die Helden und Antihelden des Alltags: der MOZ-Verkäufer, der kein Geld will, sondern ein Lächeln und Beides bekommt; zwei kleine alte Damen, die sich an einem Einkaufswagen festhaltend durch den Supermarkt (wollte schon wieder Kaufhalle schreiben) schieben und in wortloser Einigkeit beschließen, was sie wollen und was sie sich leisten können; der Taxifahrer, der nichts gegen Flüchtlinge hat, sich aber schon wundert, wie die vierundzwanzig Euro für eine Taxifahrt ausgeben können; und eine Frau, die ihre Pflanze in der U-Bahn spazieren fährt und zu einem wildfremden Mann sagt: „Ich wusste schon immer, dass ich verloren bin.“ Ihre Geschichten kann man nachlesen in „b.geschichten.myblog.de“. Hoffe, ich habe das richtig aufgenommen.
Wolfgang Ebel „Sprache und Realität“ trug seine Geschichte sehr vehement vor, und ich muss gestehen, dass die Heftigkeit des Vortrages es mir schwer machte, inhaltlich bei ihm zu bleiben. Das tut mir leid, obwohl ich das Abschlussbild sehr schön fand, wie sie ohne Sauerstoffgerät den Achttausender bezwingt und am Gipfelkreuz ihrem Führer die Maske vom Gesicht reißt um ihn zu küssen, was dazu führt, dass er, plötzlich des Sauerstoffs beraubt, taumelt und über verschiedene Klippen und Spalten in die Tiefe stürzt. Sie streichelte das Kreuz der Realität, es lastet auf ihrer Seele, die achttausend Meter auf dem Grund des Ozeans liegt, was eine Entfernung von 16.000 Meter zwischen Körper und Seele schafft. In der Diskussion verwies der Wolfgang auf den Essay „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Kleist, was wohl die rasanten Sprünge in seinem Text erklären sollte.
Als siebter las der Matthias, der mich mit einer alten Geschichte wieder sehr froh machte. Es ging um den luziden Zustand zwischen Wachen und Schlafen und das Gefühl, neue Körperteile an Stellen zu haben, wo sie nicht hingehören. Es gab so sinnige Sätze wie „Ich hasse Kinder, schon gleich meine eigenen.“ Oder: „Ich schlafe nie nackt, dafür bin ich viel zu hässlich.“ Oder ähnlich: „Die Suche nach einem Spiegel gebe ich auf. Habe sie alle mit Rücksicht auf mein Wohlbefinden zugehängt.“ Irgendwer sagte in der Diskussion, der Matthias dürfe auch wieder traurig werden, meinetwegen, solange er nur jedes vierte bis siebte Mal so etwas drastisch Lustiges raushaut. U.a. gab es einen Baumstamm im Bett, was Leovinus in der Abmoderation zu dem Begriff „vegansexuell“ verführte. Siehste! Kennt er nicht. Macht er mir eine rote Kringellinie drunter. Aber „Siehste“ kennt er auch nicht, und das hat doch Pittiplatsch immer gesagt, oder?
Als Letzter des Abends wurde der Ralf gelost, der eine Geschichte aus seinem Grimmatorium las. Sie spielte in einem Plattenbau, der als Auffangstation für aus ihrer Heimat geflohene Wörter diente. Die Zeit des Brauchens ist vorbei, sagte einer der Protagonisten, der als Polizist auf den Namen Räuber hörte. Es gab die Richterin Eiserne Jungfrau, die einzige, die Sexist die Stirn bietet. In der Diskussion wurde viel darüber gesprochen, ob die Geschichte das Thema nicht ein bisschen verschenkt, weil sie zu sehr an der Oberfläche bleibt (was immer das ist), und nicht die Frage beantwortet, warum ausgerechnet diese Wörter da sind. Ich persönlich denke auch, dass die Idee Potenzial hat, die Protagonisten aber mehr Persönlichkeit bräuchten. Ich glaube, es steckt zu sehr im Wortwitz fest und nicht im Schicksal oder der Not der Mitwirkenden. Aber damit müssen wir den Ralf jetzt allein lassen, denn nur im Alleinsein kann der Autor die Wunder schaffen, von denen wir auf der nächsten offenen Lesebühne SoNochNie! viele neue zu hören hoffen. Am 22. Oktober ist es wieder soweit, wenn die einzige Lesebühne mit einer Hymne erneut an der Eieruhr dreht.
Bis dahin: gehabt euch wohl.
Euer

Björn ist ein schwäbischer Name

Am Montag war der Feind im Zimmer 16. Und es stellte sich wieder einmal heraus: Er ist gar nicht feindlich, man versteht bloß seine Sprache nicht.

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Eine Beauftragtengeschichte komplett auf Schwäbisch! Ja weiß denn dieser Björn Reich nicht, wo er ist? Pankow! Gut, Schwaben werden in Pankow, anders als in Prenzlauer Berg, von den nicht schwäbischen EinwohnerInnen nicht ganz so wie einst die Wehrmacht von den Holländern angesehen, aber trotzdem … Mut hat er also, sogar doppelt, immerhin gab er sein Beauftragtendebüt bei SoNochNie. Wir hatten schon Dänisch und andere wild-exotische Zungen auf der Lesebühne, aber so viel wurde über die (Un)Verständlichkeit einer Sprache noch nie diskutiert! Doch ein heimseliges Geschwärme wurde er nicht, sein Text zum Publikumsthema „Was ist Heimat“, sondern ein leise ironischer Erinnerungsspaziergang durch die Untiefen des Provinzlebens.
Warmbronn, Ort seiner Kindheit, lauschiges Plätzchen bei Leonberg, Heimat auch des Dichters Christian Wagner, welcher von den Warmbronnern erst posthum u.a. mit einem Brunnen geehrt wurde, weil er ihnen zu Lebzeiten wohl doch zu viel unnütz herumgesessen haben muss, statt „zu schaffe“ bloß gedichtet hat. Die 20 Pfennige pro Tag für den Schulweg, die für saure Schlangen „Schlotzer“ (Lutscher) draufgingen. Auf dem heimatlichen Hof ein Massenmord an sämtlichen 92 „Hase“ (bestimmt Kaninchen), weil eben dieser Hof vom Opa aufgegeben wurde und niemand weitermachen wollte, sondern lieber schnell, schnell raus mit dem eigenen Auto, das jeder haben musste. In der Rückschau auf die heute eher verwaisten Pfade zur alten Schule und durch das Dorf vorbei am Wagner-Brunnen erscheint das Leben nun trotzdem „oifach, aber doch schee“.
„Ich habe nur fünfzig Prozent verstanden!“ war die erste Reaktion aus dem Publikum, die zweite, sich darauf beziehende: „Glückwunsch!“ – welche aber nicht hieß, es sei gut, nur die Hälfte verstanden zu haben, sondern ehrliche Bewunderung für die Übersetzungsleistung ausdrückte. Ich war, ich gebe es zu, etwas stolz darauf, quasi alles von Björns Text verstanden zu haben, was an meiner südwestdeutschen Teilbiografie liegt, und was mir das Vergnügen an den hintergründigen Schilderungen aus dem Ländle nur noch vergrößert hat. Danke, Herr Themenbeauftragter, die Urkunde ist mehr als verdient.

SNN-Debütant Henrik Lode las Hochdeutsch. Einen Auszug aus seinem Buch (Roman?) „Laotse im Schlaraffenland“, in dem es um zwei Gewinner je eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ geht. Eine Szene führte in ein Büro in einem Job-Center, in dem der eine Gewinner seinen Businessplan für Vollkorn-Döner anzubringen versucht – was nicht einfach ist, u. a. weil die Vermittlerin zu vielem eine Meinung, aber keine klare Vorstellung der eigenen Kompetenzen hat – was eine Entscheidung seitens des Job-Centers deutlich erschwert. Oder lag es doch an der Geschäftsidee, irgendeinen „Türkendaddy mit Plautze“ hinter den Tresen zu stellen und dies der türkischstämmigen Vermittlerin auch mit genau diesen Worten mitzuteilen? Im Publikum wollte man dann gerne mehr erfahren über die Geschichte und fand, einen Protagonisten zu schreiben, der nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, zeugt von einem gewissen Mut.

Hinaus aus Berlin zog es/uns dann wieder Octavia Wolle mit ihrem Essay über Erinnerungen an die Uckermark, für sie zweite Heimat nach oder neben Berlin-Mitte. Mehrere Jahre, noch vor dem Mauerfall, lebte sie dort, beobachtete Wildgänse auf dem See, hörte Hundekonzerte in den Dörfern, fing die Stimmen wachsamer Gänse ein, ließ sich von einem Fasan begrüßen, betrachtete Störche und Kraniche. Sie zitierte für uns aber auch Wikipedia, Bernhard Schlink und die Bibel, sodass es kein rein melancholisches Abtauchen wurde in eine Zeit und Gegend, die wirkte „als stünde die Erschaffung des Menschen noch bevor“. Und sie zitierte „Hänschen klein“: und zwar alle Strophen, unverkürzt/-verfälscht, denn in der Langfassung kehrt Hänschen nicht auf dem Absatz um, sondern erst nach sieben Jahren, als Hans, und wird nur von der Mutter noch erkannt. Was das nun zu bedeuten hat, darüber wurde kräftig diskutiert. Der geschliffene Text Octavias und die genauen Beobachtungen darin war manchen genug, auch ohne Wikipedia, und manche schätzten gerade die Mischung.

Ebenfalls erinnern mochte sich Elmar Grüber, allerdings an seine Heimat, die Eifel. Den Text hatte er, so sagte Elmar, noch niemals vor Publikum gelesen, obwohl er aus den Neunzigern stammt (der Text, nicht Elmar). „Der erste Kuss“ hieß seine absurd-hochkomische Episode, die, na? vom allerersten Kuss handelte, wie es dazu kam, was davor und dabei und danach schiefging (so einiges – wir sind in der stockkatholischen EIFEL!) und wer da noch mit zu tun hatte (dito). Das Ganze erzählte er mit immer wieder verblüffenden und wunderhübschen Verdrehungen, Wortumstellungen, Neuwendungen, die mehr sagten und witziger waren als plumpes Deutsch: „Ich verliebte dich in mich“ – noch Fragen?

Die Rückkehr aus der PAUSE brachte uns ein weiteres Debüt: Octavia Wolle erklärte sich bereit, am 22. Oktober unsere übernächste Themenbeauftragte zu werden, und loste  aus den Publikumsvorschlägen ihr Thema: „Die Erzählbarkeit der Welt“ – Wir werden alle da sein und lauschen!

Matthias Rische reimte. Und wer Matthias kennt, der kann sich denken, dass es keine süßen Reime waren. Er reimte von einem Schul-Amokläufer und von einem psychisch Kranken, der erst zum Mörder und dann zum Selbstmörder wird. Wir diskutierten, ob es mehr Wilhelm Busch oder Struwwelpeter-Reime waren. Das ist gruselig, oder?!? Das IST gruselig! Aber echt spannend. Der dritte seiner Texte war nicht einfach zu verstehen, denn es sprachen – wie er hinterher enthüllte – mehrere innere Stimmen einer gefährdeten Person, genauer gesagt, eines Missbrauchsopfers. Letzteres haben wir kapiert, ersteres eher nicht, vermuteten WG-GenossInnen oder Therapeuten, was dem Text aber kaum schadete.

Nun folgte mit Wolfgang Eubel eher eine Art Performance: „Movens!“ rief er noch aus dem Zuschauerraum, rezitierte sich bis zum Tisch vor und ließ an Wort – und Klangspieler denken wie Jandl. Doch das setzte er nicht ganz so fort, blieb jedoch beim humoristisch-wortspielerischen Vortrag – erst über Vampire, dann über die „Wende“, endend mit dem Ausruf: „Duck – mäu – ser!“ An die „Erzählbarkeit der Welt“ mag er ja nicht glauben (von ihm stammte das Thema, gab er zu), an ihre Eignung als Darstellungs- und Echoraum muss er glauben, sonst hätte er nicht diese gestische, rhythmische Art des Vortrags gewählt.

Mit rhythmischem Vortrag kennt sich Wolfgang Weber auch aus – auf seine unverwechselbare, etwas anarchische Art allerdings. Die „intergalaktische Schönheit“ hatte es ihm angetan, und mit der „Augenbrauenrakete“ zischte er durch Beauty-Slogans, Popmusikgeschichte und freie Wortassoziationen, dass ich hier und da sogar den Maulwurf zu hören glaubte („Tschüssn!“), der irgendwo zwischen Wolfgangs mitgebrachten Utensilien (Mini-Schultüte, Kinder-Mikrofon, Beauty-Prospekt, Rhythmus-Döschen) versteckt sein musste, aber nicht war. Wozu braucht Wolfgang auch einen Maulwurf!

Ein weiteres SNN-Debüt schloss den Abend ab: Dschamilja schreibt (auch im eigenen Blog) „a Nonsens, b Lyrik, c deep stuff“. Aus der ersten Rubrik trug sie „Gestern Nacht“ vor, welche nur wegen falsch gedrehter Bettdecke eine schlaflose geworden war. Aus der zweiten „1 Tag, 2 Gesichter“, eine Art gereimter Selbstzweifel, und aus der dritten „Wenn dich der Tango küsst“, ein emotionales Transkript, entstanden während eines Konzertbesuches. Ihre Texte riefen gemischte Reaktionen hervor, auf jeden Fall kurze, was wohl auch der fortgeschrittenen Zeit zuzurechnen war, denn wieder einmal war unsere Leseliste voll bis auf den letzten, ihren, den achten Platz geworden und auch die Reihen der Zuschauer/Mitreder/Selbstleser/Schreiber noch gefüllt zu dieser späten Stunde. Eine hochinteressante Offene Lesebühne, diese 125. von allen. Zur 126. am 24. September erwarten wir Sie wieder im Zimmer 16!

Wenn Worte um Asyl bitten

So oft in einem Beauftragtentext wie diesem kam ein Thema bei So noch nie sicher noch nie vor. Das lag vor allem daran, dass das Thema für den Juli-Beauftragten Ralph Mönius aus einem einzelnen Wort – Stehlampe – bestand und dieses Wort selbst die Hauptfigur seiner Geschichte war, welche verzweifelt versucht, sich nach überstandener Flucht aus einer Wort-Diktatur unter ihrem Namen – Stehlampe – beim Meldeamt registrieren zu lassen. So fällt sowohl die Bezeichnung als auch der Name dieser Hauptfigur praktisch unentwegt. Das Meldeamt hat natürlich Probleme mit einem Namen ohne Vor- und Nachnamen, weshalb man sich bis zu Bundeskanzlerin und EU-Präsident durchtelefoniert und schließlich zur allerhöchsten Instanz – der IT. (Ralph siedelte seine Geschichte in seinem höchsteigenen „Grimmatorium„-Universum an, in dem noch eine ganze Reihe anderer humoristischer Geschichten zu Hause sind.) Eine skurrile, originelle Story, ein würdiger Empfänger der Themenbeauftragten-Ehrenurkunde von So noch nie!

Das Foto in diesem Bericht, das Joachim Wolter beim Vortrag seiner Geschichte „Ikarus“ zeigt, ist nicht zufällig etwas unscharf, bzw. auf eine Nebensächlichkeit fokussiert. Denn ebenso erschien sein Text allzu oft, in dem er den Blick auf Unwichtiges wie Hotelzimmer und Tischdecken lenkte und dem Eigentlichen dadurch zu wenig Raum – und Tiefe – überließ. Ein Mann reist auf eine griechische Insel und hadert dort mit einer vergangenen Liebe, die durch seinen eigenen Verrat ein Ende fand. Ein wahrhaftiger Alphornspieler reißt ihn aus seinem Verdruss und gibt seinen Gedanken eine neue, positive Richtung. Das intensive innere Erleben, die Not, Verzweiflung und Erleichterung des Protagonisten waren zwar zu erahnen, gestaltet hat Joachim sie aber nicht so konsequent wie es die Geschichte verdient gehabt hätte.

Japluap legte wieder einmal eine mehrminütige Windows-XP-Stromanschluss-und-Start-Performance mit seinem prähistorischen Laptop hin, bevor wir seinem durchaus gedankentiefen Text lauschen durften, was allerdings nicht wenigen der Anwesenden von seinem leisen und oft undeutlichen Vortrag erschwert wurde. Dass trotzdem die lyrischen und inhaltlichen Qualitäten des assoziativ-sprachspielerischen Gedichtes erkannt wurden, spricht ohne Zweifel für den Autor und sein Werk, das, Achtung: „trotzdem“ hieß und sich dem Trotz, bzw. dem „Leben im Trotz“ aus mehreren Richtungen näherte. (So wie der trotzige Laptop auch …)

Die Wahl des/der nächsten Themenbeauftragten folgte und konfrontierte uns alle mit einem seltenen Ereignis (dies schreibe ich am Abend der weniger seltenen Mondfinsternis!): ZWEI BERWERBERINNEN! GLEICHZEITIG! KAMPFKANDIDATUR! LOSENTSCHEID! Um es kurz zu machen: Vera Fang machte das Rennen und loste auch gleich ihr Thema aus den Publikumsvorschlägen: „Stoppschild“. Am 24. September wird sie es auf der Bühne im Zimmer 16 auf – bzw. – vorstellen. Wir sind flitzbogengespannt! (Es war – nicht nur für diesen drückend heißen Ferien-Sommerabend – pickepackevoll im Zimmer 16, und wenn das dann bedeutet, dass sich gleich mehrere als TB bewerben, dann soll das gern alles so bleiben!)

Als erster Leser nach der Pause durfte ich – endlich, nach einer langwierigen Verlagssuche – meinen soeben erschienenen neuen Roman „In uns ist Licht“ vorstellen, der schon während seiner Entstehung das eine oder andere Mal auf der Lesebühne zu hören gewesen war und den Bemerkungen der Kollegen und des Publikums auch etliche Anregungen verdankt – also danke auch hier nochmal von Herzen. Ich wählte drei Teile aus, die für den Inhalt exemplarisch stehen können, ein erzählender Prosatext des heutigen Protagonisten und zwei Briefe der beiden Charaktere aus dem 19. Jahrhundert. Zu meiner Freude schien die scheinbar unzusammenhängende Auswahl und die Themen (Asyl, Porzellan, Frauenrechte) die Zuhörer nicht zu irritieren, sondern eher neugierig auf mehr zu machen. Wer also mehr erfahren oder lesen will, findet das wunderschön gestaltete Buch überall im Buchhandel, ich empfehle diesen autorenfreudlichen Shop (same price, more money for the artist)

„Sommer mit Libellen“ nannte Matthias Rische seinen atmosphärisch und emotional außerordentlich dichten Text über einen Jugendlichen, der unter der allzu körperlichen und sexuell aufgeladenen Beziehung leidet, die seine – alleinstehende – Mutter zu ihm pflegt. Er sucht einen Ausweg, findet ihn erst im Zeichnen von Insekten, dann aber, aus der Hilflosigkeit heraus, im Versuch, den vielen einst in einem See verschwundenen Kindern zu folgen – der glücklicherweise scheitert. Dass die Diskussion, ausgehend von einem Publikumsbeitrag, zeitweise darum ging, sexuelle Beziehungen zwischen Müttern und ihren Kindern doch bitte positiver darzustellen als im vorliegenden Fall, verblüffte sicher nicht nur mich.

Wolfgang Weber improvisierte zu Notaten: „Blueprint – Blaupause“ hieß sein … Vortrag, den er, wie die meisten seiner anderen Werke, als „rhythmischen Text“ bezeichnet – was zweifellos eine treffende Wahl ist. Um das Album „Blueprint“ von Rory Gallagjher herum entrollte sich hier eine Wortspirale um Blaupausen, Schultüten, Schulpausen, Rockmusik, assoziativ und – rhythmisch. Ein echter Weber eben, notiert anlässlich eines Aufrufs im Internet zum Thema „Pause“. Hier war nun aber keine Pause, sondern SCHLUSS.

Wir sehen uns wieder am 27. August im Zimmer 16, wenn der Themenbeauftragte Björn Reich seinen Text zu „was ist heimat“ vorstellt!

Feinstaubbelastung

gab es nicht zur 123. Lesebühne SoNochNie! am 25.6.2018 im Zimmer 16, da die Themenbeauftragte sich entschuldigen ließ. Feinstaubbelastung wäre ihr Thema gewesen. Vielleicht erreicht uns der Text ja zu einer späteren Lesebühne.

Aus dem Lostopf zog eine Lottofee aus dem Publikum zuerst ein neues Gesicht auf unsere Bühne. Es war der Björn Reich, der eine Geschichte über Heiligsprechungen erzählte, die uns alle in ihren Bann zog. Es ging um die Heilige Barbara im Himmel, die für einen Haufen Berufe zuständig ist. Und um einen Auftrag an Pabst Julius II., wieder mal jemanden heilig zu sprechen. Die Wahl fiel auf einen Fischer, der einen Zitteraal sein eigen nannte. Dafür müsste er aber erst mal getötet werden, der Fischer. Der das erledigen sollte, fand ihn aber nicht vor, stattdessen geriet er an den Zitteraal und eine Lampe fiel um, das Haus brannte ab und der Mann kam dabei zu Tode und wurde statt des Fischers heiliggesprochen, was der Plan des Papstes von Anfang an gewesen sein soll. Es war eine sehr charmante Geschichte, die uns alle in ihren Bann zog, halb Krimi, halb historische Reminiszenz. Danke Björn.

Danach durfte ich dank dem Lostopf schon als Zweiter ein weiteres Kapitel aus meinem im Werden begriffenen Roman lesen. Für alle Anmerkungen dazu bin ich sehr dankbar.

Vor der Pause las als Dritter der Maik Lippert Gedichte: Herbert Wehner für immer. Für Maiks Vater war Herbert Wehner der einzige, der glaubwürdig die Faust ballen konnte. Es kam die Zeile vor: hinterließ Kohlenstaub zwischen Strittmatterbänden. So schaffte es die Feinstaubbelastung doch noch in den Abend. Vatertag mit der Reichsbahn hieß ein zweites Gedicht, das uns an alte Lieder wie Alle Zinnsoldaten müssen in den Schützengraben erinnerte. Arachnophobia beschäftigte sich mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass schon ein drei Monate altes Kind sich vor einer Spinne fürchtet. Maik verteilte nach der Lesung wie immer ein paar ausgedruckte Exemplare seiner Gedichte, was die Diskussion sehr belebte.

Dann war Pause. Nach der Pause stand die Wahl des Themenbeauftragten an. Nach einiger Bedenkzeit meldete sich der Björn Reich für den 27. August. Darüber freue ich mich sehr und hoffe, dann dabei sein zu können. Sein Thema lautet „Was ist Heimat“.

Wolfgang Weber las  einen Text, der Mojo hieß und sich, glaube ich, mit der Frage beschäftigte: „Was ist Budenzauber?“. Alles was sich reimte, fand sich darin friedlich zusammen. Es war verrucht, kein Raum für Eifersucht. Ein Besoffener lallt: wird’s bald. Hokuspokus auf dem Lokus. Die Hauptfiguren waren Bruno, Agathe und der Baum. Dazu gab es diesmal eine Art Rassel mit einer Geisel dran.

Als Letzte las ebenfalls eine Neuerscheinung auf unserer Lesebühne: Octavia Wolle, die unter ihrem Mädchennamen Winkler veröffentlicht. Sie las aus ihrem Buch „Oranienburger 32 oder Die unterirdische Tante“. Octavia widmet sich der schriftlichen Bewahrung von Erinnerung, eigener wie fremder, was sehr unterhaltsam ist. Besonders die Gegend um die Oranienburger Straße, wo sie aufgewachsen ist, hat es ihr angetan, die Heckmann-Höfe. Es handelt sich um eine literarische Reportage, die bewahren will, was im Modernisierungswahn verloren zu gehen droht: das Wissen darum, wie es hier mal ausgesehen hat und wie es „lang ging“. Ich habe mir ein Exemplar ihre Buches zugelegt und kann das jedem auch nur empfehlen.

Die nächste Lesebühne gibt es am 23. Juli. Themenbeauftragter ist dann Ralph Mönius und das interessante Thema lautet „Stehlampe“. Damit kann wohl jeder was anfangen.

Euer

Französisch-grimmiges Fünf-Kammer-Flimmern oder: Die Zeit, als der römische Rebell in die Wriezener Backstube schiss

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Lesende,

wenn du dies hier liest, ist die 122. Offene Lesebühne „So Noch Nie“ Geschichte. Tut mir leid. Aber hier gibt es als kleines Trostpflaster: DAS PROTOKOLL!

Den Abend zu eröffnen hatte wie immer ich (Leovinus) die Ehre. Jedoch sputete ich mich, denn es waren, nicht zum ersten Male, volle acht Autorinnen und Autoren zu erwarten. Zu Beginn bat ich den Themenbeauftragten Matthias Rische auf die Bühne. Sein Text zum Thema „Rebellion“ hieß „In deiner Haut“. Dem Protagonisten mit dem sprechenden Namen Mousse wird im Laufe des Heranwachsens klar, dass seine (dunkle) Haut offenbar ein Problem für seine Umwelt, im speziellen seine Mitschüler, darstellt. Also kommt er zu der Erkenntnis, die dunkle Oberfläche mittels Rasiermesser abzuschaben, dies Problem aus der Welt schaffen könnte. An dieser Stelle endete Matthias‘ Geschichte, die vom Publikum größtenteils lobend aufgenommen wurde. Mein Lieblingssatz daraus: „Der innere Rebell rückt die Welt gerade.“ Die Ehrenurkunde war ihm sicher.

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