Berliner Ironie verwandelt das Herz in einen angeschwemmten toten Fisch

Die 140. Lesebühne begann wie immer der Themenbeauftragte, in diesem Falle ich, Frank Georg Schlosser, mit dem Thema Kirsch. Die Geschichte hieß Die Kündigung und handelte davon, dass man sofort gekündigt werden kann, wenn man von den Kirschen des Baumes im Hinterhof isst. Adam hatte von den Kirschen nicht gegessen, aber er hatte sie in Wodka ersäuft und Kirsch daraus gemacht. Von dem seine Freundin Jenny nun trank, um den Schock mit der Kündigung zu lindern. Plötzlich sah sie alles ganz klar. Er hatte es getan, um sich auf diese Weise von ihr zu trennen. Aber der Kirsch macht sie nicht nur klug, sondern auch zu Superwoman, die den beiden Vollziehungsbeamten ordentlich eine auf die Nuss gibt. So dass nur Adam das Paradies verlassen muss. „Die Kündigung“ gibt es hier zum Nachlesen:

https://frankgeorgschlosser.de/geschriebenes/kurzgeschichten

Der zweite Lesende war Matthias Rische. Titel der Geschichte: Alberts Spinnerei. Ari bespricht seine sexuellen Jungs-Nöte mit dem in seinen Augen weisen Albert, der seiner Weisheit mit regelmäßigem Drogenkonsum nachhilft. Es geht um Lana mit den engen Tops. Um Ari weiterzuhelfen, spielen sie Robin Hood und Marian, was Ari gefällt, weil er schon immer gerne Kleider getragen hat. Er träumte, wenn meine Notizen mich nicht trügen, dass er Lana an einer Leine hinter sich herführt, und sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „please enter penis here!“. Als er Lanas allerdings ansichtig wird, rennt er doch zurück zu Albert. Man kann für ihn hoffen: wer Robin Hood und Marian im Wald spielt, ist nicht gefährdet, ein Nerd zu werden.

Der dritte Lesende, den Leovinus, der in gewohnt souveräner Art durch den Abend führte, aus dem Lostopf zog, war Arved Wolf, der das erste Mal Prosa las. Es ging um einen Mann, der neu in einer Stadt ist, und den es auf der Suche nach Orten, die Heimat werden könnten, ins Freibad zieht. Wärme der Steine – unruhige tanzende Helligkeit. Er schwimmt, hauptsächlich Brust, bis er müde wird. Und es scheint beim Blick aufs Wasser auch eine Todessehnsucht auf, eins zu werden mit dem Nass. Wütendes Schwimmen, müdes Wanken nach Hause. Aufschließen der neuen Wohnung. Das ist meine Wohnung, hier sind meine Sachen, bei ihnen will ich bleiben.

Der Vierte war Herr Metzger. Er kommt von der Comedy, ist 75 Jahre und las aus einem Stück. Es war sehr pointiert und bitterlustig. Woran merkt man, dass man älter wird? Man kann sich seine Freunde nicht mehr aussuchen. Früher ging man zum Fußball, heute zu Beerdigungen. Man hörte ihm hier und da seine südwestdeutsche Herkunft an, wenn er von zwei alten Freunden, von denen sich der eine Sorgen gemacht hatte, dass „er“ schon seit Wochen tot in dem anonymen Berlin in seiner Wohnung vermodern könnte, sagte: Eine Zeitlang haben wir uns die Gisela geteilt. Er schrieb von der uralten Kultur des Anstehens, während er mit einem Bratwurstzettelchen in der Sparkasse darauf wartete dranzukommen. Wir freuen uns mehr davon zu hören.

Dann war Pause. Und nach der Pause meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den 24. Februar 2020. Und Premiere für mich: mein Thema, gespeist aus der aufwühlende Lektüre von Edward Snowdens Autobiografie: Vollüberwachung wurde als Thema für den Februar auserkoren.

Die nächste Lesende war Silke aus Eberswalde. Sie begann mit kindlichen Erinnerungen an die Briketts ihrer Großeltern, auf denen Union stand, das war 1986, da war sie vier in Leverkusen … kann das stimmen? … da kam das große Unglück mit den kleinen Teilchen über uns. Es schloss sich ein Text an, der sich in eher protokollarischer Form mit den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst beschäftigte, um den NRWE-Filz, um Baumhäuser mit Fenstern aus den abgerissenen Häusern, um Höheninterventionsteams, die diese Baumhäuser räumen sollten. Es war ein Text, gespickt mit Fakten, schnell gelesen, damit möglichst viel Information in die fünfzehn Minuten passte. Es wurde viel darüber diskutiert – und die Quintessenz in meiner Wahrnehmung: für einen emotionalen Prosatext zu viel Sachinformation, für ein Sachbuch zu emotional. Ich musste an die aufwühlende Sachlichkeit in Edward Snowdens Autobiografie denken. Aber wem das Herz voll ist … dem geht der Mund über, so ist das nun einmal.

Der sechste Lesende des Abends war Michael Wiedorn. Ein brüchiger Text mit dem Titel Der kahle Schädel, mit vielen Ecken und Kanten, aber ergreifend. Junge – Weg – cremefarbener Trabant – regloser Kinderkörper in Blutlache. Erich, wie er mich anstarrte – Krankheiten lauern unauffällig, bis ihre Stunde schlägt. Der leichte Ekel, wenn man in einer fremden Wohnung in etwas Feuchtes greift. Kuss, der nach Bier schmeckt. Kessel Buntes – dem Wessi was von der reichhaltigen DDR-Kultur zeigen. Dann Hape Kerkeling und Loriot. Schnittwunden auf glattrasiertem Schädel. Logopädische Behandlung. Als Kind brüllte er eine Wand an. Der Bettnässer, der Stotterer, der Schwule, vom Funktionärsvater verachtet. Am Ende das gelb verfärbte Weiß der Augen. Selbst jetzt, da ich nur meine Notiz-Fetzen abschreibe, empfinde ich die Kraft des Textes.

Als siebente las Gabi Petrich eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2050. Kein gutes Wetter. Seit dem 1.1.2033 gibt es nur noch ein Jahresendfest, der Kühlschrank sucht selber aus, was er bestellen will (ob wir noch selber essen müssen, hat sie nicht erwähnt) – da tauscht er schon mal Fleisch gegen Sojafrikadellen aus. Jede Aktion lädt Akkus auf. Wahrscheinlich selbst das Schreiben dieses Textes. Für einen Tee muss man 30 Minuten auf einem Ergometer strampeln. Ich fühlte mich an solche Zukunftsnaivitäten aus den Siebzigern erinnert. Das Internet und das Smartphone hatten sie damals nicht auf dem Schirm – und für alle, die es erleben werden: mal sehen, was die Autorin nicht auf dem Schirm hatte.

Der letzte Lesende des Abends war David. Sein Text hieß In anderen Umständen. Es ging wieder um einen Mann, der sich fremd fühlt in dieser Welt. Weihnachtseinkäufe, weicher Boden – er versackt buchstäblich, steckt bis zum Hals im Modder, schaut den Leuten von Ferne zu, wie sie ihre Einkaufswagen holen und wieder zurückbringen. Wann hatte er das je so intensiv getan. Die Frau des Mannes heißt Hertha, das fand ich komisch. Er sollte Blumen fürs Grab der Mutter mitbringen. Ein Rabe hüpft auf ihn zu, ich denke schon an Game of thrones, wo die Krähen immer die Augäpfel rauspicken – der hier findet Gott sei Dank einen Regenwurm. Hoffnung keimt auf, als sein Handy klingelt, aber es steckt in der Arschtasche … Hast du etwas Zeit für mich …, aber er kommt da nicht ran. Liebe … Beischlaf … Einkaufen mit dem Zettel in der Fresse – das ist der Gesamtzusammenhang, den der Autor herstellt. Bald würde sich die to-do-Liste in ein Aquarell verwandelt haben.

Mit diesem schönen Satz schließt dieses „Protokoll“. Bis zum nächsten Mal. Euer

November: eight points, novembre: huit points

Wie schade, Leovinus hatte sein Gedicht vergessen – besser gesagt, das Blatt Papier mit dem Gedicht, an das Gedicht konnte er sich noch halbwegs erinnern, weshalb wir trotzdem in den Genuss seiner Jahrestageserklärung und besagten Gedicht-Fragments kamen. Der Friede von Stargard (oder die Schlacht? oder ein anderer Ort in Mecklenburg? MEIN Gedächtnis ist jedenfalls dahin …) jährte sich zum soundsovielhundertsten Mal an diesem Montag. (Das Gedicht kann, nein, muss mittlerweile jeder auf unserer Facebookseite nachlesen.) Und schon ging’s los mit dem November-Themenbeauftragten!

 

„Vorhang“ war Wolfgang Webers Thema, und ein bisschen sah er auch aus wie ein wandelnder offener Bühnen-Vorhang mit seiner offenen roten Strickweste. Seine Assoziationsketten schlangen sich diesmal vornehmlich um das Theater: Vorhang-Rekorde (89, Wiener Staatsoper), Vorhang-Verschollene, die abgemagert nach Tagen dahinter aufgefunden werden (Legende), Shakespeare in 15 Minuten, alle Königsdramen am Stück, sämtliche Shakespeare-Stücke am Stück, in ein paar Minuten/Stunden, alle Sonette am Stück auf vielen Bühnen weltweit. Angesprochen auf seine Auswahl: „Das, was ich ausgesucht habe, passt besser zueinander als das, was ich weggelassen habe.“

Wolfgang Nr. 2 folgte sogleich (Eubel) und trug seine satirischen Betrachtungen zum Weihnachtsfest/-brauch/-datum vor, verglich die Situation des besetzten Palästina im Jahr Null mit der besetzter Länder/Völker anderer Zeiten, die Zuschreibung der Jungfrauenempfängnis zu Maria einem Übersetzungsfehler, den andere Frauen, die sich mit Besatzern eingelassen haben, nicht für sich in Anspruch nehmen konnten/können und andere überraschend hergestellte Verbindungen. Diese trafen auf ein ausgesprochen geteiltes Echo im Publikum. Dass ich selbst ungewohnt scharf mit Text und Vortrag ins Gericht ging, hatte gute Gründe, aber auch manche/n vielleicht überrascht. Eine ehrliche Meinung darf bei SNN sehr euphorisch wie auch scharf kritisch geäußert werden, solange sie nicht persönlich verletzend und/oder abseits des Gegenstandes formuliert wird.

„Eine Rekrutierung“ ließ uns dann Frank Georg Schlosser miterleben, und zwar aus der Perspektive des Rekrutierers. Der rekrutierte, wie sich langsam herauskristallisierte, einfach irgendwelche Auffälligen im Alltag, Leute, die wütend sind und nicht klar kommen damit. Er spricht sie an, verwickelt sie vielleicht in eine Auseinandersetzung, in diesem Fall landen beide in einem Café, dort, wo der Rekrutierer sein Opfer haben will. Etwas Diabolisches hat er, dieser Rekrutierer, behauptet, viele Tausend rekrutiert zu haben für etwas, was noch kommt. Ein Text, der zur Prüfung und Vertiefung eines bereits geschriebenen anderen Textes diente und doch neugierig macht.

Catri, Catriona Fadke, debütierte gleich doppelt, und das auch noch mit Erkältungs-Handicap: Zum ersten Mal überhaupt las sie eigene Texte vor Publikum, und zum ersten Mal natürlich bei SNN. Es waren Miniaturen über Alltagssituationen, Mitzwanziger, die ihr Leben leben und genießen wollen, auch wenn es sich nicht so entwickelt, wie sie (und wir) es vielleicht erwarten oder sich wünschen. Poetische Vergößerung könnte man das Prinzip ihrer Miniaturen auch nennen, wo das Warten an der Ampel zum Lebensstil, die Freundschaft im Wirbel des Jungseins festzuhalten versucht wird, Film-Bohemiens auf dem Fahrrad nach Hause fahren und vielleicht nicht mal wissen: „Sie werden nie wieder so sehr Mitte Zwanzig sein“.

Cati war es auch, die sich mutig als Themenbeauftragte des Januar meldete, und mutig (und riskant) überließ sie es dem Publikum auszuwählen, welches Thema sie dazu bekommt – „Physalis und Eiskristall“ wollte es nämlich NICHT, das zweite Los musste es nun sein, und das lautete: „Kotzbeutel“. Good luck, Cati!

Matthias Rische folgte einer von der Sommerhitze gestressten Laborantin auf den Heimweg in die Trambahn, die vor der Schule des Laborantinnensohns Roa nicht mehr weiterkommt, weil dieser den Verkehr blockiert, indem er mit einer Pistole vor den angststarren Mitschülern und Lehrern fuchtelt – mitten auf der Straße. Die Mutter versucht den eigenen Schock zu überwinden und zum Sohn durchzudringen, doch vor ihr dringt ein Polizeigeschoss zum Sohn durch. Effektvoll bis effekthascherisch fanden das die Zuhörer und beides bestätigte Matthias umgehend. Ein paar Haken sahen manche in der Logik des Erzählens, die durch die Dramatik zwar überdeckt, aber nicht gelöst wurden.

Gabi Petrich kündigte einen Text zur Unterhaltung an und: lieferte. Aus der Perspektive der Rückschau eines Schuhes (!), genauer High-Heels und seines Gegenstücks, in einem Altkleidercontainer entfaltete sich nicht nur ein ganzes Schuh-Leben, sondern auch ein großer Teil des Trägerinnen-Lebens, von der Partyzeit über die Beziehung und Heirat zur Schwangerschaft und Familienzeit, bis die edlen Schuhe nur noch vom Nachwuchs zum Spielen aus dem Schrank geholt werden. Gefolgt von einem zweiten Leben im Second Hand. Das war stilsicher und wie angekündigt unterhaltsam – ein „Toy Story“ mit Schuhen, wie jemand treffend sagte.

SNN-Debüt Nummer 2 und nicht mal das letzte dieses Abends (!): Thon. Seinen Kurztrip von Bruchsal zu Berliner Lesebühnen nutzte der erfahrene Lesebühnenmatador, um auch bei SNN vorbeizuschauen – danke für die Ehre! „Sex ist Opfer, ey!“ drehte sich um die drei wichtigsten Nebensachen der Welt: 1. Handy, 2. WLAN, 3. Sex. Er erzählte von nicht enden wollenden Hindernissen im modernen Leben, die entweder von einem (oder mehereren) der Nebensachen her rühren oder sich auf diese auswirken. Die eigene Unfähigkeit, mit einer und oder allen dieser Nebensachen klarzukommen, spielt allerdings eine nicht unwesentliche Rolle dabei und sorgt dafür, dass man – Text 2: „Date mit Kaffee“ – Kaffe bekommt, wenn man Sex will oder umgekehrt.

Das Leser*innenpensum von 8 füllte SNN-Debütant Nummer drei (!): Maik Fagin. Sein dahineilender bis -taumelnder Text begann mit der unfreiwilligen Begegnung des Erzählers mit einem Pitbull in der Hauseinfahrt („Nachbarschaftsbestie“), um sehr schnell und hart auf dem Steinboden des Alexanderplatzes aufzuschlagen, wo der Erzähler nach einem Schwächeanfall (liegt es an den schlechten Augen? der schlechten Brille?) und heftigem Erbrechen über die eigene Kleidung von Herrn Fielmann höchstpersönlich aufgelesen, vollgequatscht und in die nahe Filiale geschleift wird. Das war kurios, krass, etwas durcheinander und nicht gerade stringent erzählt – „eigentlich zwei Geschichten“ sagten mehrere, aber auch interessant und von ehrlicher Härte.

Dieses prallvolle Leseerlebnis konnten nun alle mitnehmen, und es wird sicher helfen, die Wartezeit bis zur Dezember-Lesebühne zu überbrücken. Am 23. 12. um 19.30 Uhr erwarten uns und euch neue Überraschungen und Frank Georg Schlosser als Themenbeauftragter mit einem Text zum Zuschauerthema „Kirsch“.

Irgendwie ist doch immer Geburtstag

 

Jedenfalls bei SoNochNie. Am 28. Oktober 2019 haben wir dank Leovinus den 782. Geburtstag von Cölln an der Spree gefeiert, denn „In Berlin vor langer Zeit machten sich die Cöllner breit“, so dichtete er. Und was reimt sich besser auf „Gefluche“ als die themenbeauftragte „Wohnraumsuche“? Danke, Leo! Für diese elegante Einleitung gibt‘s auf jeden Fall eine ohrgepinselte Moderatorenurkunde.

Matthias übernahm den Staffelstab und berichtete unter dem Titel „Vom Suchen und Vergessen“ mit leiser Melancholie, aber keineswegs schwermütig von den Nöten seiner ersten jugendlichen Wohnraumsuche. Das war 1983 im mauergeschützten Westberlin. Mit der Morgenpost unterm Arm und klammheimlich. Die fürsorglich-dominanten Eltern (oder war es nur die Mutter?) hätten wenig Verständnis aufgebracht für seinen Ausbruchsversuch aus dem trauten Lankwitzer Heim. Doch unterwegs zum Besichtigungstermin befällt ihn Panik: Würde er nicht – sowie einmal ausgezogen – im Handumdrehen vergessen werden? (Denn: „Wer solche Eltern hat, der hat auch keine Freunde.“) Und dafür, so traf ihn brutal die Erkenntnis, war er dann doch noch nicht bereit. Also husch, zurück ins Körbchen und aufgeschoben den vorwitzigen Plan. Nach Abschluss seiner Tischlerlehre würde die Welt bestimmt schon ganz anders aussehen … Viel positives Feedback gab‘s für diesen Beitrag und natürlich die berühmte Ehrenurkunde.

Dann betrat der Elmar – Premiere, hört, hört! – die Bühne mit Gitarre und trug Lyrisch-Prosaisches in der Tonart „Pullmoll“ zum Thema „November“ vor: „Lausiges Novembernass sickert ins Gemüt …“ Da ist Oma Fähnchen mit einem Blumenstrauß unterwegs zum Grab ihres verblichenen Heinrich und wird – das Leben steckt voller Widrigkeiten – von den frechen Blütenstängeln „in die Titten“ gepikst. Vielleicht ist sie so alt wie Pippi Langstrumpf jetzt wäre, die womöglich als Pippi Strützstrumpf im Altersheim von Taka-Tuka-Land lebt, sinnierte der Autor. Bezüglich Oma Fähnchen schloss er mit den Zeilen: „… und sie sehnt herbei voll Schmerz a) die Weihnacht, b) den März.“ Als wäre das nicht Unterhaltung genug, gab‘s noch ein Chanson über einen Torero ohne Tiefsinn obendrauf. Immer wieder gern, durchaus auch singend, Elmar!

Dritte im Lesereigen war Suse aus Neukölln, die einen „Goldenen Nachmittag ohne Nixe“ zum Besten gab. „Wir treffen uns beim Supermarkt. Rotze wartet bereits.“ So setzte sie von Anfang an treffsicher den Ton. Die Ich-Erzählerin der Milieustudie ist knapp 14, raucht und trinkt Goldkrone, um sich den Tag zu vergolden. Zum Geburtstag wünscht sie sich Torte, Sekt und „dass Muddern mal nüchtern ist“. Sie hat das Sagen in der Gang, zu der auch Zecke, Kay und Nixe gehören. Aber Nixe fehlt an dem Tag, und Zecke ist zu spät. Muss dafür Pizza klauen im Supermarkt. Erst läuft alles glatt, dann kommen „die schwarzen Ladenhüter“, und es wird eng für die Mädchen … Suse weiß, wovon sie redet und ist nicht nur sprachlich dicht dran an ihren Protagonisten. Das Publikum ging voll mit.

Nach der Pause ist vor der Wahl. Doch Überraschung: Nicht nur die von Leovinus beverste in Thüringen ist passé, sondern auch die zum Themenbeauftragten für Dezember – glücklicherweise mit besserem Ergebnis. Der abwesende Frank hatte sich darum beworben und muss sich nun zum Thema „Kirsch“ was einfallen lassen, nachdem „Sündenfall“ – Thema Nr. 1 – in der (erstmaligen) Publikumsabstimmung durchgefallen war.

Was wäre eine Lesebühne ohne Wolfgangs Assoziationsakrobatik? Kariert versus liniert – so lautete die Versuchsanordnung. Eine Recherche im Schreibwarenladen brachte die ganze Bandbreite an möglichen Lineaturen zutage: groß- oder kleinkariert, mit Rand oder ohne und wenn ja, wie breit. Der Transfer der Lineaturen ins wahre Leben gelang Wolfgang bei einem Punkkonzert auf dem Tempelhofer Feld mühelos, fand das geneigte Publikum. Eine Zuhörerin nahm die Frage mit, welches Teilchen oder Kästchen im großen Ganzen sie wohl sei und ob sie auch Ränder habe. Danke, Wolfgang, für diesen erfrischenden Denkanstoß!

Eigentlich zu spät erschienen, weil in Unkenntnis unserer neuen Anfangszeit (19.30 Uhr), bekam Oliver doch noch die Chance zum Vortrag. „Part of missing man“, lautete der Titel, wenn ich das richtig notiert habe. Es ging um Kurt Cubain, den 1994 mit 27 jungen Jahren selbstgemordeten Sänger und Gitarristen der Band Nirvana, um sein Album „Never Mind“, seine schwierige Kindheit, die quälende Monotonie seines Rockstarlebens, seine Depressionen. Ein langes Gedicht nannte Oliver den sprachlich dichten, inhaltlich schwebenden Text, dem wir gern zuhörten. Nach eigener Aussage ging es ihm um Konformismus, Wahrhaftigkeit und wie Kreativität auch in einem brutalen Arbeiterumfeld an Gestalt gewinnen kann. Cubains Geist traf das jedenfalls ganz gut, fand nicht nur Wolfgang.

Mit „Die Wohnung“, einem Auszug aus etwas Längerem, beschloss Barbara diesen abwechslungsreichen Abend. Ihr Text knüpfte direkt an ihre Älteres-Ehepaar-Geschichte an, in der die Frau auf den richtigen Moment zum endgültigen Gehen wartet. Jetzt ist sie wirklich fort, allein in der im Stillen gekauften Zweieinhalbzimmerwohnung. Es klingelt an der Tür, sie muss eine allzu neugierige Nachbarin abwimmeln, bevor sie sich ein Glas Wein gönnt. Das soll ihr helfen, „den Mann zu vergessen, der sie 35 Jahre lang zu seiner Haushälterin gemacht hat“. Eine sehr geradlinig erzählte Episode, merkte Suse an, und tatsächlich könnte das Gesamtprojekt durch mehr Gestaltungsfreude noch gewinnen. Erzählenswert fanden wir die Geschichte allemal.

Das war sie auch schon wieder, die etwa 182. offene Lesebühne SoNochNie. Die schönen Fotos stammen wie immer von Michael – danke! Unser Dank geht natürlich auch an das Team vom Zimmer 16. Am 25. November wird uns dann Wolfgang als Themenbeauftragter verraten, was es mit einem „Vorhang“ auf sich hat, vielleicht gehabt hätte oder künftig würde haben können. Wir sehen uns!

Spätsommersehnsucht

 

Ein Virus streckt den Berichterstatter nieder, bevor er erstatten kann, jetzt aber wenigstens in Kürze: der Bericht (Fotos diesmal von zwei Knipsern auf demselben Instrument: Frank machte die meisten davon, weil ich notierte).

Spätsommersehnsucht hieß das Zuschauerthema (und sein Text) für unseren September-Themenbeauftragten Frank Georg Schlosser. Er ließ zwei Personen in einem Restaurant Platz nehmen, einen Mann und eine Frau, ein Date? nein, ein Treffen zweier gegnerischer Anwälte. Eine Zivilrechtssache, Belästigung, Stalking, eigentlich, so scheint es, juristisch eindeutig, der Stalker soll sich an das Urteil halten, tut es aber nicht und hat – hat die nicht jeder Stalker? – Gründe dafür. Eine Aussöhnung wäre doch schön, zwei, die sich nahestanden, keine Fremden. Verbunden durch eine dunkle Familiengeschichte, ein Vater, eine Tochter. „Alle Geschichten sind wahr, wenigstens für den, der sie erzählt“, sagt der Anwalt des Stalkers. Damit eine Einigung zu erzielen, dürfte aber für ihn und seinen Mandanten eine Sehnsucht bleiben.

David führte uns ganz dicht dran an einen Securitytypen vom Flugplatz, wo er am Laufband steht und kontrolliert. Eintönige Tätigkeit, lebhafte Gedankenwelt. „Keys, case, coins …“ ist sein Mantra und der Titel des Textes. Sein Leben hat ihn nicht auf geradem Weg an diesen Platz geführt, er hatte Größeres im Sinn, früher einmal. Nun ist er mit sich, seinem Dasein und seiner Ehe an einer Art toten Punkt angelangt, seine Fantasie, die einmal Gedichte hervorbrachte, lässt ihn nun imaginieren, wie seine eigene Frau durch seine Kontrolle geht und sich für den Plunder, den sie einfach auf dem Band liegenlässt, gar nicht mehr interessiert.

Wolfgang Weber fasste sich kurz: 2 Gedichte brachte er mit. 13. Herbst benutzte das Verlautbarungssprech aus 13 Jahren BER-Farce und endete ironisch mit „Das lässt hoffen“. „Häuser im Schatten“ aus seinem Band „Haus und Straße“, ein Haiku-ähnliches Gedicht: keiner sieht sie – sie sind da.

Wolfgang Weber hob auch mutig den Arm, als Leovinus eine/n Themenbeauftragte/n für November suchte. Sein geloster Publikumsvorschlag: Vorhang.

Arved Wolff stellte drei Gedichte vor: „Herbstgedicht“ – Regen bleib hier wo willst du denn hin? – „Motorischer Irrtum“ – So breite Schultern sind irgendwie lächerlich – „An meinen Vater“ –  … lege dir eine Wildblume aufs Grab. Was im Wort „Gedicht“ steckt, kann man bei Arved live erfahren: Verdichtung. Melancholie und/als Trost, Wahrnehmung und/als Vorurteil, Erinnerung und/als liebevolles Heraufbeschwören.

„Der Bruch“ hieß die Geschichte von Matthias Rische, wo der Erzähler darüber nachdenkt, ob sein Leben anders verlaufen wäre, hätte man (insbesondere seine Mutter)  ihn nicht belogen, als sein Vater plötzlich und endgültig verschwand – und er die Lüge bald darauf entlarvte. „Von da an hatte ich keine Mutter mehr“, heißt es darin.

Es war eine konzentrierte Lesebühne mit engagierten Beiträgen und Diskussionen – vielen Dank allen Beteiligten! Wir sehen uns wieder am 28. Oktober um 19.30 Uhr im Zimmer 16, das Thema des Oktober-Themenbeauftragten Matthias Rische heißt: „Wohnungssuche“.

 

Man taucht niemals in dasselbe Ohr

Die Lesebühne, die zwei Geburtstage feierte, nämlich den 110. Napoleons, hier legte Leovinus eine Kunstpause ein, um irgendwann den Nachnamen Nolsøe anzufügen, damit jeder genügend Zeit hatte sich zu wundern. Napoleon? 110. Geburtstag? Häh?

Man lernt an diesen Stellen immer Dinge, die man nie zu brauchen glaubte. Nolsøe war ein färöischer Arzt, der sich darum verdient gemacht hat, die färöische Sprache am Leben zu erhalten, indem er alte färöische Dichtungen sammelte, zum Beispiel die Sigurdslieder. Jedenfalls gab es da noch Sigmund Jähn, der vor 41 Jahren mir meinen Kampf zwischen Karat und den Puhdys um den Platz eins versaute, indem er ins All flog, dazu ließ Leo eine färöische Heavy Metal Band „Tyr“ laufen, was eine Anspielung auf den Kriegsgott nicht zu verwechseln mit Thor ist, der war ein Wettergott (schreibe ich mich jetzt um Kopf und Kragen bei allen Avengers-Fans) und hatte einen Hammer und dieser Hammer hatte ein …

 

Wurfgewicht

Und damit hatte Leo den Übergang zum Thema des Abends erzwungen, aber die Themenbeauftragte Petra Lohan war noch nicht erschienen, über Pankow war ein Unwetter niedergegangen. Ein heftiger Regen spülte viele vertrocknete Blätter von den Bäumen und gemahnte uns an die Klimakatastrophe, aber der stellte sich Wolfgang Weber in den Weg. Er hatte für eine seiner anderen Bühnen oder online-Wettbewerbe das Thema „Das Orakel“ zu bearbeiten und sich für das „Wattestäbchenorakel“ entschieden. Man taucht niemals in dasselbe Ohr. Wolfgang sammelte alle möglichen Wortpaare, z.B. gluten und lügenfrei, wobei man das Wort Lügen auf dem e betonen muss, damit es wirkt. Galgen oder Guillotine, Knirps oder Schirm. Es ging um scheinbar gleiche Enden.

Nun gut. Der Donnergott hatte ein Einsehen und Petra tauchte doch noch auf und präsentierte uns ihre Geschichte zum Thema mit dem Titel „Abwürfe“. Ein Dreier, der sich einst gefunden hatte, um eine im Eis Grönlands verschwundene Atombombe aufzuspüren. Sie hatten sie nicht gefunden, Natalia, Piet und Helena. Aber jetzt bekommt Natalia eigenartige Post mit Fotos, die sie an die alten Zeiten erinnert. Der Schmerz wird neu, wie Goethe sagt. Es wiederholt die Klage des Lebens labyrinthisch irren Lauf. Kleinzitat, ist auch egal, Goethe ist länger als 75 Jahre tot. Das Eis schmilzt. Die Atombombe taucht wieder auf und mit ihr die Möglichkeit, alte Freundschaften aufleben zu lassen, mit Geld und Kampf. Schön, wenn Beides zusammen kommt. Aber vielleicht will ja auch unser aller peinlicher US-Präsident die Bombe zurückhaben.

Dann trat der uns allen ans Herz gewachsene Matthias Rische auf. Ich bin da an was dran, sagte er, noch ohne Titel. Der Sohn einer Mutter, die früher Barrikaden angezündet hat, hat sich eine Bannmeile aus Kuscheltieren gebaut. Er – im Gegensatz zu ihr (?) – weiß nur nicht, wer der Gegner ist. Sie, fand er, hätte Rücksicht nehmen können. Freiheit, weiß der Junge, ist das wichtigste. Es ist ein Irrtum, dass man sie sich erkämpfen muss, man kann sie nur einbüßen. Den Satz finde ich so gut, dass ich glaube, den hast du geklaut, lieber Matthias. Wenn nicht: Chapeau. Eine Flunder taucht auf, seinen Bannkreis zu durchbrechen, die sich für einen Frosch hält. Der Junge will sie nicht küssen, da sagt sie: Nicht? Na, dann mach‘s gut, du Arschloch. Auch der Piranha, der an seinem Strahl hinaufklettern könnte, macht ihm Angst. Erinnert mich an das Wildfeuer aus Game of thrones, das angeblich auch an einem Pissstrahl nach oben klettern kann – männliche Urängste.

Nach der Pause mochte Matthias neben Barbara auch den Themenbeauftragten für den Monat Oktober geben. Er erloste sich das Thema „Wohnungssuche“. Wird wohl was ordentlich Deprimierendes werden. Der Hauptheld landet wahrscheinlich in Pasewalk.

Außerdem las noch Barbara über eine kleine eher wenig geschichtliche, eher protokollarische Familienepisode, die sich wohl genau so zugetragen hat. So richtig dicker Besuch. Selbst der Freund der jüngeren Tochter ist schon verfettet. Und es gibt Buttercremetorte und schokoladige Sachertorte. Nur für die Ich-Erzählerin hat man, weil man die schon kennt, bei Aldi oder wo auch immer eine tiefgefrorene Obsttorte gekauft. Es wird geschwafelt und der Vater lässt sich das Wort nicht entziehen. Selbst als die Ich-Erzählerin persönlich von dem perspektivisch adipösen Schwiegerneffen etwas über dessen Leben erfahren will, antwortet dessen Schwiegervater in spe. Der Text endete mit dem Satz: Erstaunlich, wie langsam so viele Kilos die Treppe runterschleichen können.

Auch bei mir hat der Text ambivalente Gefühle ausgelöst. Unser Dauergast Martin formulierte es so: Dann benennen wir uns um und machen therapeutisches Schreiben daraus. Ein bisschen dramaturgische und literarische Gestaltung hätte das Ganze schon vertragen, auch wenn jeder sich in die Situation ganz gut hineinversetzen konnte.

So. Das war der verspätete Bericht über die 136. Lesebühne SoNochNie!. Wir hoffen auf reichlicheren Besuch, wenn erst die Tage wieder kürzer und hoffentlich auch kühler werden. Nächstes Mal bin ich höchstselbst der Themenbeauftragte mit dem Thema: Spätsommersehnsucht. Gibt drei mögliche Geschichten. Als ich den einen Protagonisten gefragt habe, was er sich wünsche, wenn ich über ihn schreibe, hat er so eine Rappergeste gemacht und gerufen: Ich will eine coole Sehnsucht, okay. Als ich dann noch fragte, was er sich da vorstelle, hat er gesagt: Du bist der Schriftsteller. Denk dir was aus! Eine coole Sehnsucht. Eine kühle Sehnsucht sozusagen. Gibt es das überhaupt? Ist eine Sehnsucht nicht immer schwer und unerfüllbar? Und heiß sowieso.

Übrigens: Der zweite zu feiernde Geburtstag war der der Themenbeauftragten Petra Lohan. Herzlichen Glückwunsch nachträglich von dieser Stelle. Sie wurde 29 …..   ….. f?

Bis dahin, Euer

Netto-Service-Center

Der 22. Juli 1711 war der Geburtstag von Georg Wilhelm Richmann, der zu Blitzableitern forschte und deshalb von einem Blitz getötet wurde. Er starb, damit wir heute entspannt auf unseren Balkonen den häufiger werdenden Unwettern zusehen und uns wohlig gruseln können.

308 Jahre später findet die 135. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow statt. Diesen Zusammenhang stellte der Moderator des Abends, bewährt und lecker, unser Leovinus her. Bevor er selbst zur Tat schritt und sich als Themenbeauftragter auf den gefährlichen Stuhl setzte (dazu später mehr).

Sein Thema lautete „Wundheilung“, und die Moral von der Geschicht war, dass jeder Penner dein Wundheiler sein kann. Man muss ihm nur eine Chance geben. Wenn er, wie im vorliegenden Fall aus dem Ostblock stammend, nach der Wende vom System ausgespuckt, früher mal ein erfolgreicher Wissenschaftler war, der statt einer Wunderwaffe (Giftgas), wie eigentlich sein Auftrag lautete, eine Wundermedizin erfand, die jedes Wehwehchen im Handumdrehen heilt. Die Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit, zumindest was die Begegnung mit dem Penner betrifft. Mein Lieblingssatz war: alles streng geheim, schließlich könnte man jeden verwundeten Soldaten heilen, wenn das in die Hände des Feindes fällt! Der Penner suchte nach einem Netto-Servicecenter. Kennen Netto? Netto-Servicecenter? Es stellte sich heraus, dass Netto ein früherer Kollege des Penners war, der die Restbestände der Wundermedizin mitgehen lassen hatte, und der ihn nun heilen sollte. Was er am Ende (gut, alles gut) auch tat.

Nach Leovinus führte uns Ute Danielzick in die Welt der albanischen Märchen ein. „Märchen aus Omas Truhe“ heißt die Sammlung, die sie damit bewarb. „Das magische Becherlein“ brachte sie zu Gehör. Ein Junge, der mit fünf Franken böse Jungs davon abbrachte, Tiere zu quälen, diese stattdessen mit nach Hause nahm, eine Katze, einen Hund und eine Schlange. Zur Belohnung geriet er an ein magisches Becherlein, das er unter der Zunge halten musste oder so, jedenfalls hatte er dann immer genug Gold. Das Becherlein wurde ihm gestohlen, mithilfe der Tiere findet er es wieder, muss zum König, der ihn um seine Paläste beneidet. Die Königstochter wird schwanger, der König schmeißt sie in einer Truhe in den Fluss, in der Truhe (das hat mich sehr beeindruckt) gebärt sie das Kind, der König lädt den erwachsen gewordenen Jungen und die Tochter doch wieder ein, der Hauptheld verpasst ihm mit einem glühenden Hufeisen einen Denkzettel. An Wendepunkten hat es der Geschichte nicht gemangelt. Is aber allet noch ma jod jejange, wie der Albaner sagt.

Anschließend las Wolfgang Weber einen Text von 2013 „Feiertaxi oder Wasser trinken in Pankow“ – es ging um ein Festival im Bürgerpark, das heißt Fayatak oder hieß so und gehörte zu dem schon eingeführten Festival Rakatak. Jedenfalls durfte Wolfgang seine Wasserflasche nicht mit aufs Gelände nehmen. Oder ist sie doch noch mitgekommen? Habe mir notiert: Meine Wasserflasche ist doch noch mit aufs Gelände gekommen, wahrscheinlich hat er sie geschmuggelt. Jemand sollte drei Wasserflaschen in sieben Minuten leeren und gleichzeitig einen Text lesen, hat aber nur zweieinhalb Liter geschafft. Wolfgang machte sich Gedanken um den Einfluss der störenden Musik auf den Leserhythmus. Beim Rausgehen war der Wachposten, der ihm seine Wasserflasche nicht durchgehen lassen wollte, nicht mehr da. In der Diskussion wurde gewarnt, dass beim Karneval der Kulturen auch keine Wasserflasche mehr zulässig wären.

Dann gab es die Pause und der Themenbeauftragte für den Monat September wurde gekürt. Ich hatte wieder mal Lust und habe das Thema „Spätsommer-Sehnsucht“ gezogen. Eine Geschichte ist mir schon begegnet. Mitten im heißesten Berlin. Aber was im Juli passiert, kann für den Spätsommer erzählt werden. Da sollte ein Autor frei sein.

Es las nach der Pause Ulrike Günt(h?)er eine Geschichte über Rebecca oder Rebekka, deren Ex-Mann zur Kindstaufe lud. Clown oder Seiltänzerin, das war hier die Frage, was sollte es als Taufgeschenk sein? Jens, der Verkäufer diskutiert mit der Protagonistin, ist aber eigentlich von der Frau genervt, die sich Gedanken darüber macht, warum es die Männer sind, für die es einen zweiten oder sogar auch einen dritten Frühling gibt. Wird es ein Junge, soll es der Clown sein, bei einem Mädchen die Seiltänzerin. Für Informationen diesbezüglich (als Ex erfährt sie ja nichts mehr, nicht mal von ihren Kindern) steht Doa, die Putzfrau, zur Verfügung, die für beide Haushalte zuständig ist und die gerne schwatzt und sich durch Berge von Blusen dabei bügelt. Rebekka denkt an ihre Kindheit, dass für ihren Traum, Ballettunterricht zu nehmen, kein Geld da war, nur für ein Karnevalskostüm hat es gereicht, ein Tutu, das ihre Mutter irgendwann einfach wegwarf. Sie erinnert sich an Pfefferminzküsse – jetzt sind es Ralfs Erdnussküsse. Es wird immer melancholischer, bis Doa am Ende die Puppe im Haus des Exmannes und seiner neuen Frau platziert und der Leser erfährt, dass die Seiltänzerin eine Spionin ist, die statt eines Glasauges nun eine Kamera hat. Zurück im kleinsten Kreis der Familie. Happy end geht anders, finde ich, aber das war wohl auch nicht beabsichtigt.

Dann durfte ich selbst lesen, but the freaking furniture attacked me und Leovinus reichte mir ein Tempo, womit ich meine rasant wachsende Blutblase unter Kontrolle halten und kühlen konnte, danke, Leo. Ich las eine Sage, ein Märchen, die/das ich für meinen Roman erfunden habe, um den phantastischen Geistergeschichten einen weit in die Vergangenheit reichenden Bezug zu verschaffen. Die Geschichte handelte von Hagir, dem Schrecklichen, der sich eine Armee aus von Geistern besessenen Krüppeln und Aussätzigen schafft, die sich alle an ihren Verderbern rächen bis sie zurück in den Geistersee müssen. Die Geschichte wurde sehr freundlich aufgenommen. Kritisch wurde angemerkt, dass ich in der Sprache nicht konsequent wäre, weil es mal nach altem Deutsch und mal nach neuem Deutsch klingt. Da werde ich nochmal rangehen und hoffentlich mit (m)einem Lektor eines Tages diskutieren.

Schlussendlich erfreute uns der Matthias Rische mit einer Geschichte über „Zwei Blatt Papier“. Es handelt sich um eine Lehrerin, Frau Herrschel, die wegzieht und Abschied nimmt von einer Klasse, die sie fünf Jahre lang unterrichtet hat und besonders von Ramon, von dem sie zwei Blätter Gedichte in die Hand bekommen hat. Freiheit, konterkariert von Schwertern in den Himmel. Ramon ist ärgerlich, sie hat nicht das Recht, diese Gedichte zu lesen. Sie fragt sich, was sie von ihm weiß. Er schimpft, dass sie nun die Wörter befreit hat. Sie sind persönlich, gingen niemanden etwas an. Schreiben wäre schließlich wie Splitter aus einem Körper ziehen – Körperverletzung an dir selbst – Wunden in Narben verwandeln. An der Stelle, fand ich, schloss sich thematisch der Kreis des Abends. Sie darf ihn nicht berühren, aber sie sagt ihm, dass sie erkennen kann, ob der Schreibende sich zeigt. Am Schluss berührt er sie, weil sie es nicht durfte. Eine sehr berührende Geschichte. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob eine solche Geschichte auch mit umgekehrter Geschlechterverteilung (Herr Herrschel und Ramona) hätte geschrieben werden können. Ich finde, das wäre für den Autor doch eine schöne Herausforderung. Vorzutragen auf der 136. Lesebühne am 26. August. 😉

Oder es könnte für den 23. September ein schöner Sidekick für die Spätsommer-Sehnsucht werden. Nun. #meetoo… immer schön vorsichtig sein. Nabokov ist nicht mehr. Heute ist Houellebeqc. Euer

Wenn ich dich nicht sehen will, komm zu mir!

Es ist sooooooo heiß … Dies wird evtl. ein kurzer Bericht über unsere Juni-Lesebühne –  Verzeihung.

Die Urlaubszeit war schuld, dass unsere Personaldecke dünner war als gewöhnlich, Angela und ich schmissen den SNN-Part (Moderation (Angela), Fotos (Angela, Anna, ich), Notizen für dies hier (ich)) zu zweit, das Team des Zimmer 16 war dagegen vollzählig, wir bedanken uns daher noch mehr als sonst für ihre Gastfreundschaft und Hilfe. Das Wichtigste aber war und bleibt: den Texten lauschen und sie diskutieren, Und davon gab’s reichlich – unsere 8 Listenplätze waren übererfüllt, der neunte Gelistete war irgendwann einfach nicht mehr da, so kamen alle anwesenden Lesewilligen dran. Und es gab dennoch drei Debüts!

Themenbeauftragter first! Wie immer. Diesmal war allerdingt ich selbst wieder derjenige welcher. „ZIGARRETE“ war das vor zwei Monaten geloste Thema. Mich regte das Wort bzw. seine Schreibweise zu einem Essay über das Denken in Worten an, das, so die These, vermutlich beim Menschen die einzige uns mögliche Art ist, einen Gedanken zu fassen, seit wir Worte und Sprache haben. Über den Text selbst konnte wohl wenig diskutiert werden, umso mehr um den Inhalt, und das machte das Publikum dann auch lebhaft – trotz der schon am Montagabend hohen Temperaturen. Merci!

SNN-Debüt Nr. 1: Micaela Daschek führte die Zuhörer*innen ins eisig kalte (DANKE!) Sankt Petersburg der frühen, chaotischen neunziger Jahre und bis zum Finale ihrer Geschichte hinters Licht. Denn wo wir dachten, eine Frau, Tonja, wartet auf ihren Gatten bzw. auf den Trolley-Bus, der sie zum Flughafen bringen soll, wo sie sich von ihm, Sergej, verabschieden will, bevor er nach Tel Aviv fliegt, hält Micaela in entscheidendes Detail so geschickt verborgen, das alles anders sein lässt, als  wir dachten. Als die Frau spät am Airport ankommt, wartet auf uns – nicht auf sie – eine traurige Überraschung.

Wolfgang Webers Texte zeihnen sich meistens sowieso durch eine gewisse Skurrilität aus (nicht nur!), aber diesmal besonders, weil „Alles Rhythmus“ schon einmal hier zu hören war und vom Besuch einer (anderen) Lesebühne berichtet. Das war wie Dr. Who begegnet sich selbst, wie er sich selbst begegnet, als er sich selbst begegnet … (Nicht wirklich nach unserem Motto „So Noch Nie!)

Irreal wurde es auch bei Matthias Rische, der in seiner Geschichte erzählte, wie ein Dreizehnjähriger unter „Retardin“ in seine neue Schulklasse kommt und, weil seine Psychologen-Eltern es besonders gut mit ihm meinen, die Pillen überdosieren und er munter halluziniert. Das führt zu erstaunlichen Wahrnehmungen seinerseits und seinem Sprung aus dem Fenster, welcher ihn ins Krankenhaus befördert. Die Eltern wiederum streiten alle Drogengaben ab und sind stolz auf sich.

Die zweite Hälfte des Abends eröfnete wieder traditionell die Themenbeauftragten-Wahl. Am 26. August dürfen wir uns demnach auf eine Auftrags-Geschichte zum Thema „Wurfgewicht“ von Petra Lohan freuen!

Barbara Schwittmann präsentierte drei Prosa-Miniaturen: „Selfie mit einer Nymphe“ beschrieb eine bunte Szene im Rosengarten des Humboldthain, „Küsse in der Tram“ in jugendliches Paar in der Straßenbahn, „Das Mädchen und der Hund“ eine junge Frau in auffälliger Kleidung mit „elegantem“ Hund. Prägnant und mit Blick für das wichtige Detail. Mein Lieblingssatz: „Er küsste sie  laut.“

SNN-Debüt Nr. 2: Mit Bernd Daschek – der nicht zum ersten Mal bei uns las – wurde aber nun das erste Ehepaar an einem Abend komplett. Das unaufgeregte multikulti-(West)-Berlin der 80er Jahre war sein Thema, und wie die „ethnische Vielfalt“ der Mauerstadt einer vermeintlich toleranten Landpflanze aus dem Westen doch ganz schön die Muffe gehen lässt – bis sie in einem politisch und genealogisch heillos ungeordneten Dönerladen eines Besseren belehrt wird.

SNN-Debüt Nr. 3: Arved Wolff. Der Lyrik-Part des Abends. Manche waren sich nicht so sicher, ob das Lyrik war, aber es war Lyrik. Drei Gedichte stellte er vor: „Frankfurter Bergpredigt“ als Sammlung mannigfaltiger Hoffnungen auf ein „Dereinst in einem fernen Land“ und auf ein geneigtes Urteil des/der Adressaten zum eigenen Schreiben. „Du weinst“ über die Konfrontation mit einer ausweglosen Diagnose deim „Du“, das sich und dem „Ich“ aber mit einem trotzig-mutigen „Leck mich“ weiterhilft. „Gleichgewicht“ über den labilen Zustand zwischen hartem Beton und Treibsand unter den Füßen: „Wenn ich dich nicht sehen will, (…) dann, bitte, komm zu mir!“ Wir wollen Arved ganz bestimmt wieder bei SNN sehen.

David Lode öffnete uns die Pforten zum „Paradies“, einem Garten hinterm Haus der Häuserzeile, in dem Hag sitzt, Pensionär und darauf wartend, dass sich endlich das paradiesische Gefühl einstelle, für das er diesen Garten, dieses Haus und sein Leben gebaut hat. Was sich stattdessen einstellt, sind imaginierte Kinder, die darin spielen, weil keine realen da sind, und Streit mit Nachbarn. Wenigstens fragt ihn „Simone“ aus dem Haus heraus „Alles gut?“. „Hoffnungsvoll ins Dunkel blicken“ ist wohl alles, was Hag in diesem Garten blüht.

Eine prallvolle, vielseitige, interessante Lesebühne ging damit zuende, die nächste erwartet uns und Euch am 22. Juli im Zimmer 16. Und jetzt: kaltes Wasser!!!