Feinstaubbelastung

gab es nicht zur 123. Lesebühne SoNochNie! am 25.6.2018 im Zimmer 16, da die Themenbeauftragte sich entschuldigen ließ. Feinstaubbelastung wäre ihr Thema gewesen. Vielleicht erreicht uns der Text ja zu einer späteren Lesebühne.

Aus dem Lostopf zog eine Lottofee aus dem Publikum zuerst ein neues Gesicht auf unsere Bühne. Es war der Björn Reich, der eine Geschichte über Heiligsprechungen erzählte, die uns alle in ihren Bann zog. Es ging um die Heilige Barbara im Himmel, die für einen Haufen Berufe zuständig ist. Und um einen Auftrag an Pabst Julius II., wieder mal jemanden heilig zu sprechen. Die Wahl fiel auf einen Fischer, der einen Zitteraal sein eigen nannte. Dafür müsste er aber erst mal getötet werden, der Fischer. Der das erledigen sollte, fand ihn aber nicht vor, stattdessen geriet er an den Zitteraal und eine Lampe fiel um, das Haus brannte ab und der Mann kam dabei zu Tode und wurde statt des Fischers heiliggesprochen, was der Plan des Papstes von Anfang an gewesen sein soll. Es war eine sehr charmante Geschichte, die uns alle in ihren Bann zog, halb Krimi, halb historische Reminiszenz. Danke Björn.

Danach durfte ich dank dem Lostopf schon als Zweiter ein weiteres Kapitel aus meinem im Werden begriffenen Roman lesen. Für alle Anmerkungen dazu bin ich sehr dankbar.

Vor der Pause las als Dritter der Maik Lippert Gedichte: Herbert Wehner für immer. Für Maiks Vater war Herbert Wehner der einzige, der glaubwürdig die Faust ballen konnte. Es kam die Zeile vor: hinterließ Kohlenstaub zwischen Strittmatterbänden. So schaffte es die Feinstaubbelastung doch noch in den Abend. Vatertag mit der Reichsbahn hieß ein zweites Gedicht, das uns an alte Lieder wie Alle Zinnsoldaten müssen in den Schützengraben erinnerte. Arachnophobia beschäftigte sich mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass schon ein drei Monate altes Kind sich vor einer Spinne fürchtet. Maik verteilte nach der Lesung wie immer ein paar ausgedruckte Exemplare seiner Gedichte, was die Diskussion sehr belebte.

Dann war Pause. Nach der Pause stand die Wahl des Themenbeauftragten an. Nach einiger Bedenkzeit meldete sich der Björn Reich für den 27. August. Darüber freue ich mich sehr und hoffe, dann dabei sein zu können. Sein Thema lautet „Was ist Heimat“.

Wolfgang Weber las  einen Text, der Mojo hieß und sich, glaube ich, mit der Frage beschäftigte: „Was ist Budenzauber?“. Alles was sich reimte, fand sich darin friedlich zusammen. Es war verrucht, kein Raum für Eifersucht. Ein Besoffener lallt: wird’s bald. Hokuspokus auf dem Lokus. Die Hauptfiguren waren Bruno, Agathe und der Baum. Dazu gab es diesmal eine Art Rassel mit einer Geisel dran.

Als Letzte las ebenfalls eine Neuerscheinung auf unserer Lesebühne: Octavia Wolle, die unter ihrem Mädchennamen Winkler veröffentlicht. Sie las aus ihrem Buch „Oranienburger 32 oder Die unterirdische Tante“. Octavia widmet sich der schriftlichen Bewahrung von Erinnerung, eigener wie fremder, was sehr unterhaltsam ist. Besonders die Gegend um die Oranienburger Straße, wo sie aufgewachsen ist, hat es ihr angetan, die Heckmann-Höfe. Es handelt sich um eine literarische Reportage, die bewahren will, was im Modernisierungswahn verloren zu gehen droht: das Wissen darum, wie es hier mal ausgesehen hat und wie es „lang ging“. Ich habe mir ein Exemplar ihre Buches zugelegt und kann das jedem auch nur empfehlen.

Die nächste Lesebühne gibt es am 23. Juli. Themenbeauftragter ist dann Ralph Mönius und das interessante Thema lautet „Stehlampe“. Damit kann wohl jeder was anfangen.

Euer

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Französisch-grimmiges Fünf-Kammer-Flimmern oder: Die Zeit, als der römische Rebell in die Wriezener Backstube schiss

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Lesende,

wenn du dies hier liest, ist die 122. Offene Lesebühne „So Noch Nie“ Geschichte. Tut mir leid. Aber hier gibt es als kleines Trostpflaster: DAS PROTOKOLL!

Den Abend zu eröffnen hatte wie immer ich (Leovinus) die Ehre. Jedoch sputete ich mich, denn es waren, nicht zum ersten Male, volle acht Autorinnen und Autoren zu erwarten. Zu Beginn bat ich den Themenbeauftragten Matthias Rische auf die Bühne. Sein Text zum Thema „Rebellion“ hieß „In deiner Haut“. Dem Protagonisten mit dem sprechenden Namen Mousse wird im Laufe des Heranwachsens klar, dass seine (dunkle) Haut offenbar ein Problem für seine Umwelt, im speziellen seine Mitschüler, darstellt. Also kommt er zu der Erkenntnis, die dunkle Oberfläche mittels Rasiermesser abzuschaben, dies Problem aus der Welt schaffen könnte. An dieser Stelle endete Matthias‘ Geschichte, die vom Publikum größtenteils lobend aufgenommen wurde. Mein Lieblingssatz daraus: „Der innere Rebell rückt die Welt gerade.“ Die Ehrenurkunde war ihm sicher.

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Der April macht was wir wollen

Diana-Dana Möller machte es sich schwer, und das auch noch ausgerechnet als Themenbeauftragte des Monats. „Der Mensch in seiner Zelle“ war ihr vor zwei Monaten geloster Publikumsauftrag. Wochenlange Blockade folgte auf ihre Wahl, wie sie nachher verriet, und so war nur das erste, kürzeste ihrer präsentierten Gedichte tatsächlich für diesen Abend geschrieben – aber immerhin. Der Beauftragtenstuhl ist ein Ehrenstuhl, und jede und jeder, der sich darauf traut, verdient Anerkennung und Applaus für diesen Mut. (Zwei ihrer Vorgänger hatten diesen Schneid nicht und ließen uns am Abend mit leerem Stuhl sitzen.) Die Menschwerdung aus der Zelle war der Gegenstand dieses ersten Gedichts, kein leichter Stoff, und erst die folgenden, die sich um 9/11 drehten, um persönliche Reife, Trauer und die Asche der Vergangenheit. Die Machart und die Zugangsweise aber trafen auf wenig Gegenliebe, ersteres, weil die Reime, wenn schon gereimt, oft als bemüht oder verfehlt angesehen wurden, letzteres, weil darin eher allgemein Bekanntes angesammelt als Überraschendes oder Unerwartetes aufgedeckt wurde. Die SNN-Ehrenurkunde gab es selbstverständlich anschließend aus den Händen des Moderators Leovinus!

Regina Gröning machte es kurz. Fünf aphorismenhafte Sprüche/Miniaturen über das Altern, jede würde locker in einem Atemzug gelesen werden können, wenn man es drauf anlegte. Jede ein ganz persönliches Vergrößerungsglas, gerichtet auf ein kleines Ereignis, eine scheinbar unbedeutende Beobachtung, welche die Tragikomödie des Lebens unübersehbar und pointiert ans Licht bringen- großer Humor auf kleinstem Raum. (Gestanksfreie Füße, anhängliche Morgenfalte, haltlose Brüste u.a.) Wir sehen Sie hoffentlich bald wieder bei SNN, Frau Gröning?!

Matthias Rische machte eine vollgepisste Pampers zur Todesursache, allerdings nicht am Popo eines unschuldigen Babys, sondern auf dem Haupt seiner unglücklichen jungen, Mutter, welche die Einmalwindel über Kopf und Atemwegen gezogen hatte wie andere Leute Plastiktüten übergezogen bekommen, wenn sie „reden“ sollen oder einfach bloß sterben. Letzteres hatte die Mutter getan und wurde in einem spießigen Vorgarten vom Streifenpolizisten aufgefunden, nebst hilflosem Kleinkind an ihrer Seite. Der teilnahmslose Kommissar, der gerufen worden war, der Szenerie irgendeine nützliche Information abzugewinnen, hatte nicht die geringste Motivation, diesen Fall zu lösen. Aber Matthias vielleicht, den seltsamen Kommissar noch öfter in Erscheinung treten zu lassen?

Nach der Pause hieß es: Wer möchte sich für den Juni beauftragen lassen? Luci reckte ihre Hand hoch und lehnte ihr erstes Los („verteufelt“) ab, musste also nun das zweite annehmen: „Feinstaubbelastung“. Wir erwarten atemlos ihr SNN-Debüt am 25. Juni im Zimmer 16!

Wolfgang Weber machte eine Lesung zum Thema seiner Lesung. „Poesie Global Nr. 15“ hatte er besucht und darüber einen Bericht verfasst, wo jemand aus Island, jemand aus Algerien, jemand mit eigenem Festival, jemand aus Syrien und jemand aus den USA gelesen hatte. Selbstverständlich tat er das nicht ganz frei von W.W.-ischer Assoziationskettenkunst. Eine META-Lesung. Wann liest jemand noch METAer auf SNN über SNN?

Michael Wäser machte es spontan. Ich entschied erst nach der Pause, ein Kapitel aus meinem neuen Romanprojekt zur Diskussion zu stellen, weil noch Platz war auf der Leseliste. Die Milieuschilderung einer Provinzsiedlung der 70er Jahre durch die Augen eines Außenseiters erbrachte das (für mich) erfreuliche Ergebnis, dass sie sich wohl anhörte, als erzähle da jemand jemandem von Ich zu du, und genau das soll es ja auch sein.

Petra Lohan machte mit dem Ex-Papst einen Ausflug nach Rom. Wo er ein Paar seiner maßgefertigten roten Schuhe in der Auslage seines EX-Leibschusters stehen und gleich darauf geklaut werden sieht. Er folgt der jungen Diebin bis in eine Kirche, wo er sich im Beichtstuhl ausruht und sie sich umzieht. Eine vielschichtige Fantasie entfaltete Petra wieder einmal, inklusive der Fantasie des emeritierten Papstes um seine Schuhe, die sein Nachfolger verschmähte, weil er lieber einfache Straßenschuhe trägt. Noch ein-, zweimal Nachlesen würde man gerne, um der bedächtig erzählten, traumähnlichen Geschichte noch mehr zu entlocken, was sie ohne Zweifel bereithält.

Andrea Maluga machte den Abschluss des Abends und erinnerte in einer eindringlichen Story an die Situation derer, die den Tag des Aufstands am 17. Juni 1953 zwar in der DDR, aber sicherheitshalber am Radio verbrachten, beim Programm des RIAS Berlin. Dies bewahrte jedenfalls vor Verhaftung oder Schlimmerem, im Falle dieser Geschichte einen Elektro-Lehrling nach der Warnung durch seinen Chef. Nicht jedoch bewahrt ihn die Live-Berichterstattung des RIAS davor, am Radio das Trauma seiner eigenen Nachkriegs-Flucht aus den Ostgebieten wieder zu erleben.

Bleibt noch eins, damit wir es nicht schion wieder vergessen, bei der kommenden Lesebühne am 28. Mai die Beleuchtung auf „Diskussion“ und nicht auf „Bühne“ einzustellen, denn alle sollen ja alle sehen können, nicht nur hören. Im Mai übrigens heißt der Themenbeauftragte Matthias Rische und sein Publikumsthema: REBELLION. Wir sehen uns!

Liebe, Tod und Teufel

Der Elmar Grüber war der Themenbeauftragte der 120. Lesebühne SoNochNie!.

Sein Thema lautete „Lieb, Tod und Teufel“ – und er schrieb einen in meinen Augen sehr, wie soll ich es sagen?, wirksamen, treffenden, gut aufgebauten, nebenbei auch witzigen Text zum Thema „Im Hier und Jetzt leben“. Liebe ist eine geile Sache, so begann es, wie Fußball: jeder weiß Bescheid. Niemals überfordert uns der Fußball. Mit der Liebe ist es ähnlich, nur dass man dazu lieber Rotwein statt Bier trinkt. Oder Gott: Jeder modelliert ihn wie es ihm passt.

Aber zur Liebe: Es gibt die Liebe zum Fußballverein; die Liebe zu den Kindern, die man (und die Stelle fand ich besonders treffend) trotzdem jeden Morgen zur Schule schickt – das „trotzdem“ kam im Text nicht vor, aber in mir schon – die Liebe, die mit ficken zu tun hat oder neuerdings auch die Liebe zu sich selbst. Er, der Autor, habe die Liebe zur Göttin der Zukunft, zu Futura, für sich entdeckt. Er zählte eine Reihe von Dingen auf, die ihm in der Zukunft ein schönes Leben bescheren würden, ein Traumhaus, ein Traumauto, eine Traumfrau, eine Traumkarriere.

Der frühe Tod seiner Eltern, die selbst kurz davor noch die verzichtenden Leidensminen ihres Lebens nicht ablegen konnten, beendete dieses Spiel. Diese ewige Weigerung sich etwas zu gönnen, dieses ewige „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Er erkannte, dass seine Göttin Futura ihm mit Sicherheit nur den Tod bringt. Das Leben ist banal, es sei denn, man wendet sich der Gegenwart zu.

Ein wunderbares Plädoyer. Danke, Elmar.

Als zweiter wurde Matthias Rische aus dem Lostopf gezogen. Er las eine Geschichte „Glashaus“. Es ging um einen Menschen, der in einem Callcenter sich Sätze anhören muss wie „Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel“.  Namen tun nichts zur Sache, weil sie dort sowieso Decknamen haben. Pause ist von 12 Uhr 39 bis 13 Uhr 11. In dieser Zeit ist die Beschwerdeaktivität niedrig, weil die Kunden auch zu Tisch gehen. Pause macht er auf dem gläsernen Innenhof, wo sich drehende Bänke zum Verweilen einladen. Dort tauchte dann das literarische „Du“ auf, ein schelmischer Buchhalter mit Bügelfalte in der Jeans, die vom Blick auf das Genital ablenkt. Dieser Buchhalter fährt nach der Pause mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, weil auch hier die Finanzwelt über allem thront. Am Ende passiert, was der Hauptakteur sich erträumt: der schelmische Buchhalter kommt in so einer Pause auf ihn zu, aber aus seinem Mund purzeln die Worte (hatte er geschrieben „tourettiert es“? – nein, hatte er nicht, sh. weiter unten): Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel.  Die Idee war, das verriet uns der Autor, eine Geschichte über Kommunikationsstörungen zu schreiben.

Dann  gab es eine Pause und es wurde der Themenbeauftragte für den 28. Mai 2018 gesucht. Erst als ich drohte es selbst zu machen, fand sich Matthias Rische. Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch, lieber Matthias. Das erste Thema („WM in den Zeiten der Krim-Krise“) lehntest du ab. Zu Recht, wie ich fand, weil: was soll man darüber schreiben, außer dass sich der Westen die Krisen produziert bzw. aussucht, die er gerade braucht (uhh, jetzt bin ich aber aus der Rolle des neutralen Protokollanten herausgefallen – hoffentlich gibt das keinen Scheißsturm). Das zweite Thema, dass Du dann nehmen musstest, lautete „Rebellion“. Das ist wie Liebe, Tod und Teufel. Gegen was man alles rebellieren kann: gegen die Regierung, gegen den Chef, gegen die Frau oder die eigenen Kinder, wenn sie einen entmündigen wollen. Viel Spaß und wir freuen uns, lieber Matthias, mal wieder auf was Lustiges?

Der dritte Lesende war Wolfgang Weber. „Rap den Stress“. Ich kann an dieser Stelle wie eigentlich immer bei Wolfgang nur meine Notizen abschreiben.

You can make it if you try

Sei nicht faul

Gib dem Stress eins aufs Maul

Vorsicht ist die Mutter der Personalkiste

Such dir Unterstützung

Sei popopopopopulär

Sei autark

Zeig keine Schwäche

Frag Peter Rühmkorf (den musste ich googeln)

Pack die lange Bank weg.

Es stellte sich heraus, dass er einen Rap zu einem Seminar gemacht hat, dass er besuchte und dass die Papierrolle, mit der er seinen Vortrag rhythmisch begleitete, indem er immer wieder auf einen Stuhl, den er zu diesem Zwecke extra neben den Tisch gestellt hatte, schlug, die zusammengerollten Flipcharts dieses Seminars waren, die ihm der Seminarleiter überlassen hatte. Die Überschriften waren: Sei stark; sei beliebt; sei vorsichtig; sei perfekt; du kannst das nicht. Rap den Stress.

Dann gab es ein neues Gesicht auf der Lesebühne, den Matthias Peikert, der eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basierte, zum Besten gab. „Flüchtlingsentpathie“. Oberkörperfrei (also nicht ohne Oberkörper sondern eben oben ohne) liegt der Hauptheld (was das oberkörperfrei nun auch wieder etwas uninteressant macht – jedenfalls für mich) am Wasser und liest „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt. Weiß nicht, ob das Schleichwerbung ist. Wahrscheinlich schon. Es geht darum, dass die Nachbarschaft auf das Ruhebedürfnis wenig Rücksicht nimmt; um das Gesetz, dass Lärm Lärm anzieht, oder anders formuliert: das Gesetz der proportional steigenden Lautstärke. Die Nachbarn erobern den See („Nr. 5 lebt und feiert das mit einer Arschbombe“). Der Hund darf nicht ins Wasser („Bruno, bleib draußen“) und das Ende vom Lied ist, dass die Enten aus dem Wasser vertrieben werden und auf dem Bootssteg des lesenden Haupthelden um Asyl bitten. An der Stelle wurden mir der See zu Afrika und der Bootssteg zu Lampedusa. Selbst der Spruch „Wir schaffen das“ kam und der kaum noch lesende Hauptheld (übrigens las er eine Geschichte über seine Kindheit in Bonn!) wollte eine No-duck-area auf dem Steg. Getrocknete Entenkacke ist nämlich wie Beton. Schließlich wollte noch der jüngste Balg der Seetyrannen auf den Steg und da – ha – und hier kam der Satz: „tourettierte es aus mir heraus“, allerdings nur in der Phantasie. Zum auf die Matratzen gehen sind wir ja nicht mehr geeignet. Wir dulden und gehen weg. („Lässt die Lage eine Rückkehr auf den See zu?“).  Schade, aber besser fürs Karma.

Und das war sie, die 120. Lesebühne SoNochNie!

Die 121. gibt es am 23. April. Ich freu mich drauf.

Euer

Unfisch auf dem Mars

 

Wieder so eine gut gefüllte Lesebühne an diesem eisigen 26. Februar 2018. Neben Stammpublikum auch eine Reihe neuer Gesichter. Scheint seinen festen Platz in der Berliner Kulturszene gefunden zu haben, unser vielseitiger literarischer Abend mit Senf dazu. Obwohl Senf diesmal streckenweise rar war. Stimmlippen eingefroren? Scheinwerfer zu grell? Zu viel Input? Fassungsvermögen des Abends mit acht Lesenden wieder mal voll ausgeschöpft. Inzwischen fast Standard. Das bunte Paket professionell zusammengehalten von Leovinus in der ersten Hälfte und Frank Georg Schlosser in der zweiten. Wichtig dabei: ein starker Einstieg. Den hatten wir.

UnfischMichael Wäsers Beauftragtenthema. Ein Unfisch auf dem Mars. Gehört nicht dahin. Kann nicht mal scheißen, wenn‘s dran ist. Aber wohin mit 250 Billionen Eiern? Fett Party, ist ja wohl klar. Nur für die Besten, versteht sich. Raumschiff gebaut, die komplette Ausrüstung an Bord und ab zum roten Nachbarn. Spitzenalternative zu unserem abgeranzten Planeten. Nur blöderweise: Dixi-Klos vergessen. Dabei geht‘s letztlich immer ans Eingemachte. Hätte man vorher wissen können. Hosen runterlassen ist in dieser Gegend lebensgefährlich. Also doch ein Fehler, die Erde so leichtfertig aufzugeben? War ja nicht alles schlecht. Die Straßennutten in Bangkok zum Beispiel entwickeln sich prächtig. – Cooler zeitgemäßer Text, passend ruppige Sprache, viel Beifall, danke, Michael!

Danach Frank Georg Schlosser. Romanauszug. Kapitel: AVM Dienstag Nachmittag. Neu dabei: Ariane von Malotky, orangefarbene Sonnenbrille plus Strohhut, seit ein Fremder sie vor die Berliner U-Bahn stoßen wollte. In der Hand einen USB-Stick von Nob, dessen Inhalt ich nicht erinnere. Vor ihr liegt ein Interview mit Politiker Krampitz, von zwei Stunden auf eine verkürzt. Stress ist angesagt, Professionalität gefragt. Wie sie das meistert, erfahren wir vielleicht im März. Gut zuhören ließ sich dem Text. Flüssige Sprache, wie immer bei Frank.

Matthias Rische erzählte in Spiel mit der Erinnerung vom Brainscanner, den Professor Momhard voller Enthusiasmus an einem Patienten mit impulsgesteuerter Kontrollstörung testet. Ziel: die Ursache der Störung finden. Verschiedene Erinnerungen werden abgerufen, enden beim Bild eines traurigen siebenjährigen Clowns mit toten Augen. Momhards Begeisterung schlägt unvermittelt in Betroffenheit um. Das will er niemandem zumuten. Er zerschlägt das teure Gerät. – Die Grundidee, gar nicht so fantastisch, kam gut an beim Publikum. Nur die Wandlung des Professors überzeugte nicht ganz und die Perspektive der aufgezeichneten Erinnerungen wurde hinterfragt.

Vor der Pause Wolfgang Weber kurz und kurios: Schreib deinen Text! „Es ist wie verhext. Du bist stets in irgendeinem Kontext. Schreib deinen Text! Schreib‘s auf. Schicksal nimmt seinen Lauf. Glück auf beim Nudelauflauf. Sei exzentrisch und konzentrisch. Mach‘s wie Kisch: Leg deinen Text auf‘n Tisch! Schreib deinen Text. Alle sind perplext.“ – Schräge Reime, vom Lineal als Taktstock rhythmisiert – das Publikum dankte für die unterhaltsame Auflockerung.

Nach der Pause heftiges Gerangel um den Platz des Themenbeauftragten im April. Nein, Wunschvorstellung. Eine Bewerberin immerhin. Wir freuen uns auf Diana-Dana Möller mit dem von ihr gewählten ersten Thema: Mensch in seiner Zelle.

Dann ich, Angela Bernhardt. Mit einem möglichen Romananfang. Arbeitstitel: Niemand ist schneller. Eine junge Frau auf Städtetrip in Rom. Ihr Freund verschwindet urplötzlich aus dem antiken Forum Romanum. Keine Spur, keine Nachricht, nicht mal ein Duft bleibt zurück. Nur die bange Frage: Gab es ihn wirklich? – Kam gut an, war laut Publikum spannend, temporeich erzählt, Sprache prägnant. Etwas langsamer hätte ich wohl lesen können. Ich werde weiter schreiben.

Diana-Dana Möller brachte Gedichte mit. Ein Stern wird geboren – „in einem Millimoment der Zeit“. Im Reich des Regenbogens – „Farben begleiten, berühren das Leben, so war‘s, so wird es bleiben.“ Das Tegeler Fließ – „macht das Herze weit“. Wasser – „… bringt Spaß und Blumen zum blüh‘n, und kein Mensch kann sich dem Zauber des Wassers entzieh‘n.“ Die Pracht der Bäume – „In ihrem Leben werden Bäume viel verletzt, Sturm, Blitz und Menschenart haben ihnen hart zugesetzt.“ – In den Reimen eher holprig, in den nach Dianas Aussage umfangreich recherchierten naturwissenschaftlichen Aspekten zu einfach gemacht stieß ihre Lyrik nur teilweise auf Zuspruch.

Im Anschluss noch mehr Gedichte, jetzt von Stefan Franken. Rache, Libelle, Hut, Beine, Zwiebel und Blümelein – allesamt scharfsinnig und pointiert gereimt – ein Hörgenuss. Beispiel gefällig? „Es sucht eine gläubige Zwiebel in ihrem Leben nach Sinn. Sie sucht den Sinn in der Bibel, doch steht über Zwiebeln nichts drin.“ – Immer wieder gern mehr davon.

Daniel Marschall, SoNochNie-Neuling, gab uns den Rest. Mit einem Auszug aus seinem veröffentlichten Roman Der Denunziant. Anmoderation und Hinführung zur Lesestelle im Sprechgesang präsentiert mit Gitarre, Verstärker und einiger Technik mehr. Die Grundidee gleich im ersten Satz: „Ich, IM Schriftsteller, wurde enttarnt.“ Zum Verhängnis wird ihm nicht ein Lügendetektor, sondern die eigene Panik davor. – Das musikalisch unterlegte Intro sorgte zum Teil für Verwirrung, der Text selbst für positive Resonanz.

Und das war‘s auch schon. Besten Dank ans Zimmer 16 für die tatkräftige Unterstützung. Wir freuen uns auf die 120. SoNochNie-Lesebühne am 26. März 2018. Elmar Grüber wird uns dann wissen lassen, was es mit Liebe, Tod und Teufel so auf sich hat. Bis dahin: schreiben, schreiben, schreiben …

Gedichte, Gedichte, Gedichte

Die 118. Lesebühne SoNochNie! am 22.Januar 2018 – die beste Lesebühne des Jahres, wie Leovinus in seinem launigen Einleitungsvortrag feststellte – wurde wie immer eingeläutet vom Themenbeauftragten, in diesem Falle Wolfgang Weber. Thema: „An der Wegkreuzung“. Untertitel „Me & the devil“ oder „Icke und der Deibel“

Das ist das Schöne an Wolfgang, man lernt immer was dazu – letztens über Mödlareuth – obwohl ich das auch beim ZDF hätte lernen können, aber ich höre lieber Wolfgang Weber zu. Diesmal ging es um Robert Johnson. No Robert, no Rock’n Roll. Standing at the crossroads – daher die Verbindung zum Thema.  Robert gehört zum Club der mit siebenundzwanzig Verstorbenen. Es geht das Gerücht, ein eifersüchtiger Ehemann habe ihn vergiftet. Naja, wenn so einem Gitarrenspieler das Herz der eigenen Frau zufliegt … da lebt man halt gefährlich. Herzlichen Dank, Wolfgang. Links das Foto der feierlichen Verleihung der Ehrenurkunde.

Anschließend las Anne K(reativ) – Debütantin auf unserer Lesebühne – einen autobiografischen Text „Das fängt ja schon gut an“. Sie entführte uns in die Platte WBS 70 mit 60 m2, beschrieb die rücksichtslose morgendliche Dynamik der Eltern – es ging schon mit schlechten Energien in die Schule, entsprechend waren die Ergebnisse – eine Katastrophe für die systemtreuen Eltern. Wenn die Noten schlecht ausfielen oder gar ein roter Eintrag das Hausaufgabenheft zierte, ersann das Kind Ablenkungsstrategien – deckte den Abendbrottisch besonders liebevoll. Aber irgendwann kam es doch heraus – das wie auch immer geartete Schlimme und dann gab es des Öfteren Schläge, mit der flachen Hand oder auch dem Gürtel, einem Latschen. Die Mutter stand „singend“ daneben ohne einzugreifen. Das Kind legte sich den Slogan „Schlag zu, aber meine Tränen kriegst du nicht“ zu. Deshalb fällt es ihr heute noch schwer zu weinen. Der Text erfuhr sehr viel Zuspruch wegen des Mutes sich diesem Thema zu nähern. Es gab aber auch den Wunsch, mehr ins Detail, in die konkrete Situation zu gehen und vielleicht eine wirkliche Erzählung daraus zu machen.

Dann las Matthias Rische eine seiner Phantasien. Erst versuchte Kalmus Luna zu retten, aber ein großer Vogel stieß immer wieder auf ihn herunter. Der Vogel fordert: „Gib auf!“, „Niemals!“ – „Sie gehört mir, hat sich verpflichtet für zwei Jahre“ – „Nicht Luna! Nicht meine Tochter!“ Da fährt ein Schwert auf ihn herab – der Kopf wird vom Rumpf getrennt … „Mission failed“ – erst an dieser Stelle erfahren wir, dass wir uns in einem Computerspiel befinden. Der Hauptheld sitzt vor dem Computer, heißt Henrik und ist online auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Maria, Nickname Luna. Sie hat ihr Handy zurückgelassen als Zeichen, dass es ihr ernst ist. Er streitet sich mit Emma, seiner Frau, die Fotos von Maria in der Nachbarschaft klebt. Sie macht ihm Vorwürfe. Er aber hofft, nachdem er ihren Laptop durchstöbert hat, sie online zu finden, bis er begreifen muss, dass er zu schwach ist – als Spieler, als Ehemann und als Vater. Er sucht Emmas Nähe. „Die Vögel am Himmel ziehen ihre Kreise, mal flügelschlagend, mal gleitend.“ Und dann war die Geschichte zu Ende. In der Diskussion wurde die Sprache gelobt, aber bemängelt, dass es schwer sei, sich in der Geschichte zurechtzufinden. Und wieso gibt es kein Happyend wenigstens dergestalt, dass er sie online findet. Matthias konnte dazu auch nicht viel sagen. Happy End, was ist das und er kommt selber mit dem Computer nicht so gut zurecht, er kennt nur ein paar Jugendliche, die Computer spielen, das muss reichen.

Und dann gab es vor der Pause noch einen Neuling auf unserer Lesebühne, Stefan Franken. Er erfreute uns mit gut durchdachten und gereimten Gedichtminiaturen, und hatte ob der sauber gezirkelten Wortkreise immer wieder die Lacher auf seiner Seite. „Kuckuck“ hieß das erste Stück, das beschrieb, wie des Buchfinken Eier entsorgt werden, um ihm die eigene Brut unterzuschieben. Verzeihung kam daher, dass die Tat instinktbedingt war. Es folgte der „Akt“ – Kunstkenner bezahlt astronomische Preise für Punkte und für Kreise … ein weiteres Gedicht hieß „Freiheit“ – mit dem schönen Reim „Es hat die Pflicht fast absolviert, da schwant dem Pferd, es sei dressiert“. „Pediküre“ beschreibt die Privatinsolvenz einer Tausendfüßlerin. Leovinus sah Heinz Erhardt aufpoppen. Das Publikum saß starr vor Hochachtung – Stefan gab noch bekannt dass er derzeit an einem Krimi arbeitet – in Versform.

Dann war Pause und nach der Pause wurde der neue Themenbeauftragte beauftragt. Es meldeten sich zwei Interessenten und so musste das Los entscheiden, wer im März die Lesebühne eröffnet – und es wird Elmar Grüber sein – mit dem Thema „Liebe, Tod und Teufel“.

Den Reigen nach der Pause eröffnete Diana-Dana Möller mit dem launigen Satz, sie sei der geborene Sohn und die heutige Tochter ihrer Mutter – und seitdem sie Tochter wäre, schreibe sie auch. Sie las ebenfalls eher Lyrik – beginnend mit „Befreit von mächtiger Hand“ – eine kurze Geschichte der Wendezeiten – „Volk und Land an der Mächtigen Gängelband“ bis zum „Ende unhaltbarer Zustände“.  Während dieser Text eher ein historischer Abriss war – in der Diskussion wurde der Text mit Homerschen Gesängen verglichen – beschäftigte sich der zweite mit „Freiheit“, was nach Meinung der Autorin im Endeffekt die Identifikation mit eigenem Tun und Handeln bedeutet. Mir gefiel am besten die „Stimmung“ – Stimme, Stimmklang, Stimmung, Übereinstimmung – für eine Stimmung entscheiden – ja, Gefühle können trügen – Stimme klingt bestimmt – bestimmt meine Stimme mein Sein? – Vibrieren im Inneren – Harmonie – Symphonie ; und zum Abschluss „Vom Nichtstun ausruhen“ frei nach Zille „Wie herrlich ist es nichts zu tun und dann vom Nichtstun auszuruhn“ – und hinterher gut essen gehen.

Der Elmar, der als nächster las, bat mich, das, was ich über seine Gedichte geschrieben habe, aus diesem Beitrag herauszunehmen. So bleibt auch als Foto nur, wie er die Eieruhr umdreht. 

Es folgte als Debütantin unserer Lesebühne Christina Bauer mit Gedichten, die sehr viel besinnlicher waren. Es ging ums Reisen auf Gleisen, die nicht parallel verlaufen und doch alle hier münden, um Süchte, um Begegnungen – sie kam von oben, ich von unten – als wir uns begegneten – Chance vertan – verschwunden, ich nach oben, sie nach unten. Es ging um die Lüge – Ich habe sie schön ausstaffiert, Kleidchen angezogen, Parfüm gekauft, eins für die Nacht, eins für den Tag – und schlussendlich um die Wahrheit – was ich seh und was ich nicht zeig: ich bin die Vollkommenheit. In der Diskussion wurde gesagt, dass es zu komplex sei, um es nur vom Hören zu erfassen. Ich kann das nur bestätigen: mir fällt es schwer, weiteres darüber zu schreiben. Die Künstlerin sagte dazu: Sie könne gut lange Texte schreiben, aber da steht dann auch nichts drin.

Den Abend beschloss Erik Ahrens mit … Gedichten (nicht gereimt) „Charakteristik einer Gegend“ – da ging es um Beobachtungen aus einschlägigen Berliner Stadtbezirken (kann mittlerweile überall sein) „Kinder proklamieren: Nehmen ist besser als Geben – Eltern widersprechen nicht“ – „Im Supermarkt Lache Buttermilch – Keiner will es gewesen sein, aber amüsieren, wenn jemand Chianti falsch ausspricht“ – „Ach, das war hier mal anders – kann sich keiner dran erinnern“. Dann „Produktbeschreibung“ – „Der Stoff aus dem die Träume sind … in Bangladesch von kleinen Kinderhänden produziert …. Passt nicht zu deinem Profil … ist ein Schmetterlingsflügel, berührst du ihn, zerfällt er zu Staub“ – und schlussendlich: „Kein Einzelfall: Schnappschuss von Katastrophe … Männer im Feinripp weg vom Fernseher auf den Balkon – getuschelt, gegafft und Bier vom Späti mitgebracht“ – da reimte sich doch mal was – „Erst als der Rettungswagen davonrast – endlich mal wieder was passiert“. Der Erik war schon immer so wütend, verkündete seine Mutter von der Bar, wo alle brav ihr Bargeld hintrugen, hoffe ich.

Das war die gedichtlastige 118. Lesebühne. Mir hat sie ausnehmend gut gefallen. Und sie war gut besucht. Die 119. folgt im Februar – bis dahin – nie die Tinte trockenwerden lassen.

Jahresendflaute? Doppeldebüt!

Vor dem Ersten Weihnachtstag als Lesebühnenmontag hatten alle gewarnt – Da kommt doch keiner! Nun, anscheinend hat ausgerechnet keiner verpennt und ist wirklich zuhause geblieben, aber außer ihm waren ziemlich viele da.

JAPLUAP nennt sich der Dezember-Themenbeauftragte. Er las zum ersten Mal bei So noch nie, und, wie er sagte, überhaupt zum ersten Mal Selbstgeschriebenes. Doch mit Doppeldebüt war nicht dieses zweifache erste Mal gemeint. „Alzheimer“ war das Thema, das Japluap vor zwei Monaten aus den Zuschauervorschlägen gelost hatte, und er präsentierte eine Handvoll (5) Gedichte, die um die Alzheimererkrankung eines alten Vaters und die schwierige Beziehung zu dessen Frau und erwachsenen Kindern kreisten. Die Gedichte, teils in Reimen, waren Reflexionen, Standortbestimmungs-Versuche, auch Versuche in Lyrik. Da wurde der Vater von „Herrn Heimer“ heimgesucht und von der restlichen Welt abgeschnitten. Der Sohn sucht Haltung, Grenze, Zugang, Heimat – ein einflussreicher Mann, dieser Herr Heimer.  Japluap hatte sich was getraut und sich den Meinungen gestellt, vielleicht bleibt er ja am Ball und nimmt Anregungen mit für seine nächsten Arbeiten!

Frank Georg Schlosser nahm nun den Platz hinter dem Lesetisch ein. „Omas Teppich“ seine schwarzhumorige Geschichte von einer zwar unblutigen, aber doch tödlichen Beendigung einer Ehe durch den Ehemann und der seltsam bereitwilligen Beseitigung der Leiche durch dessen ebenfalls (lebendig) geschiedene Eltern. Dabei spielte wiederum der Teppich der dritten beteiligten Generation (verstorben) eine wichtige Rolle. Ob Oma Alzheimer hatte, war allerdings nicht zu erfahren.

Als dritter las ich meinen Text „Down In The Hole“ über einen ungebetenen nächtlichen Besuch, der den Erzähler in ein Streitgespräch über das Verhältnis Mann/Frau und die aktuellen Diskussionen um dessen Belastungen verwickelt – ausgerechnet während der Gute auf dem Klo sitzt. Mir war das Wort nicht eingefallen, mit dem ich diesen Text – eine echte Geschichte ist es eigentlich nicht – bezeichnen konnte, Polemik traf es nicht ganz, aber: Streitschrift. So ist er also „etwas“ zwischen Geschichte und Streitschrift und stieß tatsächlich ein paar Gedanken an – merci.

Den ersten Teil vor der Pause schloss unsere zweite Debütantin des Abends ab: Magda Brandau. Mit doppelter Brille und sechssaitiger Gitarre gewährte sie uns Einblick in ein laufendes Projekt. Ausgehend von der Übersetzung eines Gedichts des kapverdischen Lyrikers Louis Philippe (?) – „Erfindung der Liebe mit dem Charakter einer dringenden Notwendigkeit“ geht es darin um eine verbotene Liebe in der Zeit der portugiesischen Militärdiktatur, die sogar per Fahndungsplakat denunziert wird. Zwei Schwestern erkennen auf ihre alten Tage ihre Verbindung zu jenem berühmten Gedicht. Das Projekt ist noch im Entstehen, sagt Magda, und insofern blieb ihr Wort-Musik-Vortrag fragmentarisch. Aus dem Publikum gab es dazu die Anmerkung, es müsse ja noch eine Geschichte daraus werden, ein Roman vielleicht. Ich fand das Unzusammenhängende, Suchende in dieser „Collage“ dagegen reizvoll und dem Gegenstand angemessen. Vielleicht hält uns Magda ja bei künftigen Lesebühnen auf dem Laufenden!

Der zweite Teil begann wie immer mit der Bestimmung des Themenbeauftragten für die übernächste Lesebühne. Um es kurz zu machen: Das bin ich geworden, und mein Thema im Februar wird sein: „Unfisch“. Petri Heil, sage ich da.

Heiko Heller sah sich anschließend, erst nur in der U-Bahn, dann überall, von umprogrammierten Klonen in Menschengestalt umgeben. Eine Entdeckung, die zwar durchaus furchterregend sein mag, ihm aber außerdem eine ganze Menge plausibler Erklärungen über die Beschaffenheit und das Funktionieren der modernen Welt und des Lebens inklusive Trump und der AfD lieferte. Die Verschwörungstheoretiker haben also doch recht, ich hab es immer gewusst!
Seine zweite Geschichte kann man nur als tragische Liebesgeschichte bezeichnen. Wir durften teilhaben an den ersten zarten Banden, die sich zwischen dem Erzähler und einer Stubenfliege in seiner Wohnung knüpften und sich zu einer veritablen Liebe entwickelten, samt Besuch bei den Schwiegereltern und der Beziehungskrise, die sich nicht mehr umbiegen ließ – Zerrüttung, Aus, Ende.

Maik Lippert ließ darauf einige im Vergleich dazu sehr strenge lyrische Texte folgen: „Ständig auf dem Weg“, „Drontheimer Straße“, „Hafermastgänse“ z.B. So kurz gefasst und minimalistisch war selbst Maik wohl noch nie bei So noch nie. Eine Herausforderung und zum einmaligen Hören doch sehr komprimiert – Dichtung eben. Zum Glück bringt er immer ein paar Kopien seiner Texte fürs Publikum mit – und zum Glück gibt es seine Lyrik auch hier und da in Büchern zu lesen – was ich allen Lyrikfreunden nur empfehlen kann.

Matthias Rische zog uns „ohne Ich“ in einen inneren Strudel des Bewusstseinsverlustes und der Ausweglosigkeit – oder besser gesagt des einen, letzten Ausweges, eines Strickes am Fensterkreuz, nicht ohne dem vorausgegangen Versuch, das eigene Ich doch irgendwie zu bewahren, und sei es mit Hilfe von Spickzetteln, die daran erinnern sollen. Da Matthias aber lebendig und ohne erkennbare Persönlichkeitsstörung vor uns saß, musste man sich wieder einmal fragen: woher nimmt der Kerl nur seine abgrundtiefen Stoffe?

Das Team von So noch nie bedankt sich beim Publikum des Jahres 2017 für tolle Begegnungen und Entdeckungen, bei allen, die sich gewagt haben, für viele, viele hoch interessante Texte, außerdem für die höchsten Besucherzahlen eines Jahres ever. Wir bedanken uns bei den FreundInnen und GastgeberInnen vom Zimmer 16 für ihren unermüdlichen Einsatz für ein lebendiges kulturelles Leben in Pankow und bei allen, die uns hier auf der website und/oder auf facebook mit Interesse folgen.

Allen einen guten Rutsch und ein wunderbares, kreatives und produktives Neues Jahr!