In sieben Schritten aus dem Jenseits und wieder zurück – und alles ohne Fahrschein

Satirisch und böse begann der Abend direkt aus dem Jenseits, versuchte sich mit durchaus grenzwertigen Themen, wie nur das Leben sie stellt, um dann am Ende wieder ebendort an zu landen. Humorvoll, poetisch, prosaisch, tragisch und absurd präsentierten sich unsere Geschichten.

Ohne Fahrschein“ war das Thema von Matthias Rische, des Themenbeauftragen des heutigen Abends der, wie er ausdrücklich versicherte, keine BVG-Geschichten schreibt. Zwei zwielichte Herren haben sich in einen hitzigem Dialog verstrickt, der eine sehr betagt, ein Greis, der andere sein Supervisor, Vedil. Die wahre Identität der beiden erschloss sich erst später im Text. Auf dem Weg dahin waren wir hochkonzentriert damit beschäftigt, die jeweiligen Befindlichkeiten der entsprechenden Person zuzuordnen, und es war nicht leicht, ihrer Auseinandersetzung zu folgen. Offensichtlich sich beklagend forderte der Alte einen Hinweis vom Supervisor, von dem er sich in einem fort verhöhnt glaubte. Es schien, als habe Vedil bis zum Schluß die Oberhand: Einen Fahrschein zurück ins Leben gibt es eben nicht, wenn man sich für den endgültigsten aller Berufe entschieden hat. Da hilft dann auch Supervision nicht weiter.

Katharina Körting brachte ein Text-Gefüge mit, das sie als „Meine innere Leistungsgesellschaft“ bezeichnete. Es sind dies ein Brief, ein Prolog, dann 48-Seiten Maschienengeschriebenes, was natürlich nicht vorgetragen werden konnte – wegen der Sanduhr. Sie las, bzw. sang uns einen „Brief an Tinka“ vor, ein Brief, in dem sie in Dialog mit sich selbst tritt, sich selbst als Kind, später als junges Mädchen, immer auf der Suche nach dem „Wer bin ich?“. Es machte Spaß, der kleinen Tinka beim größer werden zuzuschauen. Im folgenden Prolog „Das kaputte Heldentum“, tritt eine andere Frage in den Vordergrund:Es ist die Frage nach dem „Wie bin ich? – In der Welt?“ Nicht weniger interessant als die erste, sprachlich sehr schön und dicht formuliert, aber viel schwerer zu beantworten. Viele Themen drängen sich auf, jedes will das wichtigste sein, jedes schreit nach Aufmerksamkeit. Und dann gibt es da noch weitere 48 Seiten….

Klaus J. Lais, zu finden unter: www.wasissn.de las drei Texte: Eine Jobgeschichte, ein Gedicht und eine Schlagzeilen-Geschichte. Wir bringens“ zeigt einen seiner Lebensabschnitte auf, von denen es viele gab, in dem er sich als Selbstständiger im Bringe-Service versuchte. Es muß wohl schon ein Weilchen her sein, denn die Bringe-Dienst-Leute kauften Bier, Nüsse, Chips bei der Tanke ein und bezahlten in Mark, um sie nächtens auszuliefern. Eine Tätigkeit, die, wie wir erfuhren, viele Überraschungen birgt. Im Gedicht geht es um den angestauten Ärger im Stadtverkehr, der sich hier endlich einmal Luft machen kann. „Fürchte dich!“, der dritte Text, eine Auseinandersetzung des Autors mit dieser real existierenden Schlagzeile, die doch tatsächlich nahelegt, Berlin sei eine der kriminellsten Städte Deutschlands. Der Autor weiß, dass das nicht sein kann, denn er hat hier noch nie selbst ein Verbrechen gesehen.

Angela Bernhardt stellte uns „Hämmer im Kopf“ vor. Im Prolog lernen wir den mittlerweile fast erwachsenen Protagonisten kennen, der sich fragt, wie es dazu kam, dass sein Leben eine solch schmerzliche Wende erfahren konnnte. Dazu muß er tief in Erinnerungen abtauchen, die sich mit Erfundenem verbinden, um die fehlenden Teilchen im Puzzle zu ersetzen. Dem Problemkind Hugo erfährt eines der schrecklichsten Dinge, die ein Kind erfahren kann: er wird weggegeben. Vermutlich, weil seine Eltern fürchten, dass er seiner kleinen Schwester Lena etwas antun könnte, sich keinen Rat mehr wissen und der Vater schließlich eine Entscheidung trifft. Und weil die Mutter zu schwach ist, für ihn einzustehen. Es sind die Schreie, die ihm zum Verhängnis werden: das Schreien der Schwester, das er nicht aushalten kann und unterbinden möchte, und der Schock-Schrei der Mutter, die glaubt, er habe vor, Lena aus dem Fenster zu schmeissen. Die Geschichte beginnt im Jahr 1930, und ich hoffe sehr, dass aus dem Prolog und dem ersten Kapitel und der Idee einmal ein Roman werden wird.

Alessandro, an diesem Abend das erste Mal auf der Lesebühne, las uns seinen „Brief an Fabia“. Er lebt erst seit drei Wochen in Berlin, und der eigentliche Anlass seines Besuchs der Lesebühne war Bella, eine uns unbekannte Schöne, die auf jeden Fall sein Leben veränderte und ihn dazu brachte, am ersten nicht gemeinsam verbrachten Abend den Weg nach Pankow zu machen um uns an diesem wunderbaren Ereignis teilhaben zu lassen.Der Autor schreibt seit vielen Jahren Briefe in Chat-Form, und zwar an alle seine FreundInnen.Das erklärt vermutlich die etwas seltsame Art dessen, was er uns fortrug. Der Brief des heutigen Abends war an Fabia gerichtet und hatte all das zum Inhalt, was den Autor durch die Stadt trieb. Locker erzählt und aneinander gereiht, kamen viele der Orte vor, die uns allen so bekannt sind, das Erlebte als Erlebnis blieb unwichtig im Hintergrund. Die Frage: Wer ist Fabia? , mündete in die Frage: Wer ist Bella? Und genau das schien mir die Essenz seines Textes zu sein.

Petra Lohan, also ich, las „Das Interview“. Ein dreißigjähriger Medienbeschäftigter hat den Auftrag, eine Hundertjährige zu interviewen. Er ist sich ziemlich sicher, die Sache schnell im Kasten zu haben, doch die Dinge gestalten sich nicht in seinem Sinne. In dem Maß, in dem er feststellt, dass es ihm einfach nicht gelingen will, einen Kontakt zu ihr herzustellen, gewinnt die Alte Macht über ihn. Er verliert sich zunehmend in Unsicherheiten und Angstzuständen, so dass ihm nur noch die Flucht bleibt. Selbst, als er schon über alle Berge ist, behält sie das letzte Wort.

 

 

Wolfgang Weber besiegelte schließlich mit “Stürzdenbecher“ die Endgültigkeit des Abends. Der berühmtberüchtigte Freibeuter Störtebecker also, der so manchen Becher stürzte, bevor er keinen mehr stürzen konnte. Und so ließ uns Wolfgang Anteil nehmen an seiner abenteuerlustigen Lebensgeschichte und dem grausigen Ende: 73 Piraten soll der Enthaupter Rosenfeld an jenem Tag im Jahre 1401 enthauptet haben, und es hätten auch gerne mehr sein können. Dann war Schluß mit Stürz den Becher! Ob Störtebecker, frisch enthauptet, allerdings tatsächlich noch an einigen seiner Mannen vorbeigerannt ist und sie somit gerettet hat, ließ Wolfgang unerwähnt. Magisch untermauert wurde sein sehr rythmisch vorgetragener Text diesmal mit einem „Donnermacher“. Das stellte zumindest sicher, dass keiner der 73 aus dem Jenseits zu uns zurück kommen würde.

Vielen Dank an alle Zuhörer, besonders an die, die bis zum Schluß ausgeharrt haben, danke an Michael für die Moderation und die Fotos, Zimmer 16, für die Existenz, Danke an das Wetter für den nachlassenden Regen zum Schluß und danke an Klaus Lais, der den Themenbeauftragten im September machen wird, und zwar zu Thema: „Mondsüchtig“ – weil er „Nagelbrett“ nicht wollte.

Heute mal kein Fußball

Am 26.Juni 2017 gab es wieder ein kleines Jubiläum für unsere feine Offene Lesebühne, die diesmal gar nicht so klein war. Die „Hard Facts“: Etwa 30 Zuhörer besuchten die 111. Veranstaltung (helau!), sieben Lesewillige trugen sich in die Lostrommel ein, von denen vier erstmals auf unserem Podium saßen. Über Nachwuchsmangel können wir uns also nicht beklagen. Den Beginn machte Themenbeauftragte Cordula Warmuth, die ebenfalls ihre Premiere bei uns feierte.

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Schwimmen, Zug um Zug

Wenn ich jetzt schreibe, die Mai-Lesebühne diesen Montag war eine 100%ige SNN-Lesebühne, dann erkläre ich besser, was ich damit meine:

  1. Die Bude war voll. Vornehmer ausgedrückt: Im Zimmer 16 saß auf beinahe jedem der vorbereiteten Stühle jemand, um den Texten zu lauschen, zu diskutieren und evtl. auch um sich zu erheben und selbst am Lesetisch Platz zu nehmen.
  2. Es lasen acht AutorInnen, also das Maximum, das wir für einen Abend setzen.
  3. Die Texte deckten von Lyrik bis Prosa, von gereimt zu experimentell ein äußerst großes Spektrum ab.
  4. Wir bekamen erste Versuche und Durchgearbeitetes, bereits gedruckte und gerade aufgeschriebene Texte zu hören.
  5. Die Diskussionen gerieten interessiert und auch kontrovers, mal so, mal so.

Silke, unsere Mai-Themenbeauftragte, eröffnete in dieser Eigenschaft traditionsgemäß den Abend, den Frank moderierte. Sie saß zum ersten Mal am SNN-Lesetisch, und las, speziell zu ihrem Publikumsthema „Auf der Suche“, geschrieben, ihre allererste Kurzgeschichte, ohne Titel. Mutig – und mutig handelte auch ihre Protagonistin, obwohl sie eigentlich nur aus der Berliner Ring-S-Bahn ausstieg, Station Sonnenallee. Doch war sie bis dahin schon drei Mal im Kreis um die ganze Stadt herum gefahren, obwohl sie eigentlich schon längst auf Arbeit sein müsste, und ihr Aussteigen war kein einfaches Aussteigen, sondern ein (möglicherweise) grundsätzliches, aus ihrer alten Arbeit, ihrem alten Leben, und wohin ihr neuer Weg (möglicherweise) führt, blieb eine Andeutung.

Matthias dürfte SNN-Besuchern schon bekannt sein, doch die Themen seiner Geschichten überraschen immer wieder. Diesmal begleitete er den Jugendlichen Amir aus Algier bei einem Lebensumbruch. Der begeisterte Sportschwimmer nimmt die politischen Umstände seines Lebens hauptsächlich über seinen Trainer und Vater wahr, welcher weder mit seinem Schwimmen noch der politischen Situation zufrieden ist. Am Schwimmstil seines Sohnes arbeitet er mit strenger Konsequenz, an der unerträglichen politischen Situation kann er nichts ändern. Weshalb sich der Junge eines Nachts im Bauch eines Seelenverkäufers wiederfindet, auf hoher See auf dem Weg nach Europa, und getrennt von seiner Familie, die irgendwo auf dem Schiff sein muss. Auch Amir kommt plötzlich die Idee, auszusteigen, und auch bei ihm bleibt offen, wo sein Entschluss den geübten Schwimmer hinführt – ob an ein rettendes, fernes Ufer oder auf den Grund des Mittelmeers.

Brunhild wurde persönlich. Sie setzt sich in ihren meist gereimten Gedichten ausdrücklich und zumeist mit Stationen oder Situationen ihres Lebens auseinander. „Bestandsaufnahme“ machte eine Inventur ihrer Körpermaße und -teile, ihres Zustandes und ihrer Anzahl. Aus dem darauf folgenden Gedicht über ihr früheres Leben als „Bankerin“ blieb mir in Erinnerung: „Ein Gewissen wird zerschlissen“. Dies führte zum Zustand der (und zum Gedicht über) Krankheit/Krank-Zeit. „Ein Gedicht entsteht“ erklärte, wie sie an solchen immer wieder schwanger geht und sie am Ende irgendwann entbunden werden. Einer Nach-Bank-Zeit als Betreuerin einer dementen Person entsprang das nächste Gedicht und deren Aussage: „Ich bin in einer fremden Welt nur zu Gast“. Ein nächtlicher Schwimmausflug in einem See war das Thema in ihrem abschließenden Text – ohne Reim. Von diesem Ausflug ist sie nachweislich ans rettende Ufer zurückgekehrt!

Wolfgang blieb gleich am Ufer, d.h. am Strand: „Stranded In Strandville“ saugte uns in einen großen Popcornautomaten, in dem wir mit Alphaville und Emund Spencer, Shakespeare und Roxy Music als bunte Maiskörner in Gemälden von Mondrian und jemandem, dessen Namen ich leider nicht aufgeschrieben habe, aufpoppten zum Rhythmus des Boogie Woogie – dies als sein Beitrag zu einem Ausschreibungsthema: „gestrandet“. Collage, Assoziations- und kultureller Bezugsgenerator – das haben wohl alle seine Performances gemeinsam.

Nach der Pause hielt Frank die Schale mit den gesammelten Themenvorschlägen des Publikums hoch: TB-Wahl! Matthias ließ sich bitten – nein, er meldete sich, um am 24. Juli die Lesebühne als Themenbeauftragter zu eröffnen, und er zog „liebevoll“ aus der Schale, welches er umgehend ablehnte, nun musste er also nehmen: „Ohne Fahrschein“. Danke Matthias! Wir erwarten dich und deinen Text im Juli!

Katharina brachte uns wieder auf den S-Bahn-Ring zurück – Bahnhof Südkreuz, aber wahrscheinlich war eher doch die Fern- oder Regionalbahn gemeint, die vom selben Bahnhof fährt wie die S-Bahn. Die S-Bahn führt ja nicht durch einen Ort namens „Wüst“, in einem ihrer Texte mit den Schildern „Wüst Anfang“ und „Wüst Ende“ begrenzt, und wo ich schon so wüst schreibe, will ich gar nicht wieder ordnen, was Katharina vortrug, nur nennen: Diebe, die Zeit stehlen, Am Bahngleis ohne die Luft zum Schreiben, das Schreibtier („ich“), der Penner am Bahnhof Salzwedel, schläft, bekommt von ihr einen Kaffee ausgegeben, „Mein Mörder ist er nicht“, seinen angefangenen Kaffee trinkt sie aus. Das waren Phantasien, die nicht von Erlebnissen zu unterscheiden waren und umgekehrt, und ihre Sprache war klar und poetisch, ein Glitzern am Bahngleis.

Sigrid Maria: Debüt bei SNN. Das Reisen, Fahren, Rollen blieb Thema, bei ihr: Pendeln. Darüber hat sie sogar ein ganzes Buch mit Gedichten geschrieben und daraus vorgelesen. „Sie Pendeln. Sie Pendeln.“ blieb hängen. Einfach und eindrücklich, zwei Worte, wiederholt. Das ist Pendeln. Satirische Texte über ihre ehemalige Lehrerinnenexistenz, den Kampf der S- gegen die P-Schulen, der wirklich stattgefunden haben soll nach der Wende, im Osten, vielleicht auch im Westen, Ich-Botschaften, die auf ganzer Linie scheitern vor Ich-resistenten Klassen/Schülern, ein Lehreralptraum, – vorbei, sie ist Pensionärin.

Frank tischte (!) gleich einen kompletten Traum auf – ein Alptraum? Irgendwie schon, denn sein Traum konnte sich nicht wirklich gut angefühlt haben. Scheitern, wollen, aber gehindert werden, von einem Zug (schon wieder!) mitten in der REWE-Filiale Kulturbrauerei, die Kasse zu erreichen, und das eigene verschuldlose Versagen findet sich in nullkommanix gedruckt (!) in einer Zeitung, in den Einkaufswagen geschmissen von einer vorbei stürmenden Polizeieinheit! Ja, ein Traumprotokoll hat er mitgebracht, möglichst zusammenhängend aufgeschrieben, und vielleicht wird ja eine Geschichte daraus. Schreib weiter, Frank, bevor der Zug wieder abgefahren ist aus dem REWE.

Clemens erschien erst kurz vor Schluss und bekam ausnahmsweise noch den achten Platz auf der Leseliste. „Schnitt“ las er. Keine Strände, keine Züge. Schmerzen, die die Freundin ins Krankenhaus zwingen, im Bauch, und keiner findet was. Ungewissheit, starke Schmerzen, und keiner findet was. „Aufschneiden“ steht im Raum, gefunden muss werden, vielleicht nach dem Schnitt. Vielleicht. Dann sind sie weg, die Schmerzen, und keiner hat was gefunden. Ohne Schnitt ist sie nach zwei Tagen wieder zurück, unversehrt. Aber nicht unverändert.

See you bei der 111. Lesebühne am 26. Juni, Themenbeauftragte ist SNN-Debütantin Cordula mit dem Thema „Augenaufschlag“.

7 auf einen Streich – Hallelujah!

… aber lasst uns das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Leerreich war dieser Jubiläumsabend zum 50. Themenbeauftragten am 24. April 2017 im Zimmer 16 allemal, und er gehört nicht weggekärchert aus der nach vorn offenen Geschichte von SoNochNie. Geflucht wurde weder auf der Bühne noch im Publikum, was dem feierlichen Anlass nur angemessen war, und auch die sonst gelegentlich zu beobachtende Pausenflucht blieb trotz einer textlichen Leerstelle unmittelbar davor erfreulicherweise aus. Nachdem im zweiten Teil geklärt wurde, wer wen im Bus gesehen hatte und ob Wunderwerke der Technik wirklich immer so wunderbar sind, entfuhr uns allen ein erleichterter Stoßseufzer: Geschafft – Hallelujah!

Das war’s schon? Halt, dazu gibt’s doch noch viel mehr zu sagen! Zum Beispiel, dass unser treues Publikum das Zimmer 16 gut gefüllt und uns die Crew des Hauses mit Licht, Tontechnik und Getränken kraftvoll unterstützt hat – besten Dank dafür noch mal an dieser Stelle! Auch unser Moderator Leovinus ist zu erwähnen. Er hat nicht nur unterhaltsam durch den Abend geführt, sondern zu jedem Text sogar eigens einen Limerick verfasst und vorgetragen. Zwischendichtungen gewissermaßen, die für einige Heiterkeit sorgten. Dokumentiert wurde unser Jubiläum auch: fotografisch von Michael und Ulrike und darüber hinaus erstmals zeichnerisch – eine Premiere, die uns ehrt – vom bekannten Pankower Illustrator Christian Badel – danke sehr! Und schließlich: Was wäre dieser Abend ohne unsere sieben Themenbeauftragten gewesen? Bühne frei – hier sind sie mit ihren ganz unterschiedlichen Texten:

Frank machte wie schon so oft den Anfang. Leerreich lautete sein Thema und Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug der Titel seines Textes. Der Ich-Erzähler trifft in der Oper – Wagners Parsifal wird gezeigt – einen älteren Herrn, der ihm sogleich sein familiäres Problem überstülpt: Die Enkelin Querida will von ihm ein Auslandsjahr finanziert bekommen. Eine Unverschämtheit! Der Erzähler sieht das anders. Er würde Querida das Geld geben, denn allein ihr Bittbrief sei eine Form von Zuwendung und da müsse man mit wachsenden Jahren vom Nachwuchs nehmen, was man eben kriege. Das Argument stützte Parsifal höchstselbst: „Er berührte die Wunde mit dem Speer, der sie einst schlug, und sie heilte.“ Ob das für’s Publikum lehrreich war? Aufgepasst: Leerreich hieß das Thema, und der Hintersinn war durchaus ehrenurkundenwürdig.

Maik fühlte sich vor zwei Monaten mit dem Thema Kärcher gut versorgt und brachte mit zwei kurzen Gedichten unsere 15-Minuten-Literat-Uhr nicht mal ansatzweise in Sandnot. Das erste, schlicht Kärcher genannt, begann „Signalgelb auf Schwarz“ und befasste sich mit der von eben jenem Gerät unterstützten beruflichen Reinigung. Privat zog der Dichter allerdings den guten alten Scheuerlappen vor. Aber Kinder müssen doch … raus, sagst du, stellte das zweite Gedicht fest, in dem gefährliche Autos auf der Straße als kärchernde Kinderfresser lauern und der Dichter sich besorgt an gute alte Sicherheiten erinnert: „Zu meiner Zeit wurden wir als Kinder noch an ganz kurzer Leine gehalten.“ Auch an Maik ging dafür die Ehrenurkunde.

Ulrike, extra aus Chemnitz angereist, hat sich beim Thema Fluch und Flucht für die präzise Seelenerkundung einer Juliane entschieden, die sich von klein an innerlich als Julius fühlt und nach einem langen, schwierigen Weg per Geschlechtsumwandlung auch äußerlich zu ihrer wahren Identität – nun als Julian – findet. „Juliane, das ist mein erster Name. Der erste Vorname meines ersten, falschen Lebens“, lud Ulrike uns in ihren Text ein. Von einer Kindheit voller Schreie, erst lauter, später stummer, war die Rede, von mit Binden abgeschnürten Brüsten und Eltern, die ihre Tochter für lesbisch hielten. Vom Fluch, im falschen Körper zu stecken und der Frage, wann die Flucht begann: als sie ihre Puppe vernachlässigte, im Kindergarten den Jungs nacheiferte, die ersten Tabletten schluckte? Und schließlich die Erkenntnis, dass es eben doch keine Flucht war, sondern eine Befreiung. „Und zum ersten Mal kann ich mir selbst in die Augen schauen und Ich sagen. … Eine Vergangenheit habe ich nicht, aber ich habe mich, und das hat ja wohl lange genug gedauert.“ Danke, Ulrike, für diesen berührenden Text! Die Ehrenurkunde versteht sich von selbst.

Michael, mit zehn Einsätzen der Rekordhalter unter den Themenbeauftragten – Glückwunsch dazu! – lieferte, mit der Vorbemerkung, er probiere gern neue Sachen aus, in lyrischer Prosa eine Leerstelle. „Fast ist es noch Nacht heute Morgen“, begann sein Text. „Wir sind nicht zu Hause angekommen. Ich nicht und du nicht.“ Und da deutete sich schon an, welch bedrückendes Thema er gewählt hatte: den plötzlichen Tod. Lebend zur diesseitigen Tür des Krankenhauses hinein, tot zur jenseitigen hinaus. Dazwischen die unfassbare Feststellung „Du bist verschwunden. Ist das alles, was du bist?“ Wie kann ein Abschied gelingen, wo man doch nur mal eben kurz auf den Schlüssel aufpassen sollte? „Was mache ich … … … mit dem Schlüssel?“, bleibt der Erzähler rat- und fassungslos zurück. Das Experiment? Die Pausen, die Michael beim Lesen ließ. Inhalt und Form Hand in Hand. Gut, das du gern Neues probierst und uns daran teilhaben lässt! Die Ehrenurkunde ist dein.

In der wohlverdienten PAUSE wurden fleißig Themenzettel beschrieben, aus denen anschließend nur ein einziger gezogen wurde. Augenaufschlag wird das Juni-Thema von Cordula sein, die sich zum ersten Mal mutig dem Auftrag stellt. Im Lostopf blieben folgende Themen zur freien Inspiration für alle anderen (in Original-Schreibweise übernommen!): Ein echter Fiesling, FUSSSTAPFEN, Lichtgestalten, STEINLAND, Schneckentempo, Joachim, Heilbronn, Kiez König for ever!, Tee-Nager, Das Gummiband, Stadien der Wehmut, Zieh ihn bitte wieder raus!, SCHEE IM JUNI, Sturzgeburt, Kontrollverlust, Themenbeauftragte., Buttersäure.

Auch nach der Pause erwartete uns ein Experiment: Max wurde per Handy live aus Braunschweig zugeschaltet, während sein zweidimensionales Konterfei hinterm Lesetisch posierte. Passend zum Thema Ich habe dich im Bus gesehen untersuchte Max Sehgewohnheiten: „Ich habe mich im Spiegel gesehen. Ich habe mich im Schaufenster gesehen. Ich habe mich in der S-Bahn-Scheibe gesehen.“ Auch bei ihm eine Erkundung zwischen Ich und Du. „Ich habe mich verpasst. Wir trafen uns nicht in der Mitte“, schloss er seinen vieldeutigen, melancholischen Text und bekam dafür … na? … eine Ehrenurkunde.

Wunderwerk der Technik war Thema und Titel meiner (Angelas) Geschichte. Isa, die sich in ihrem überschaubaren Leben als Lokalredakteurin eingerichtet und darüber vergessen hat, dass sie mal eine berühmte Radiojournalistin werden wollte, erinnert sich dank einer SPLIFF-Schallplatte auf dem Flohmarkt ihrer ersten großen Liebe Philipp, seinerzeit E-Gitarrist mit dem Zeug zum Star. Nicht nur die große Liebe, schon der erste Kuss scheiterte an unüberbrückbaren Differenzen im Musikgeschmack, denn Isa stand auf ABBA. Aus einer Laune heraus schickt sie Philipp die Platte und … bekommt einen MP3-Player zurück, auf dem sich ABBA und SPLIFF im trauten Duett finden. Wäre das nicht auch eine Option für sie beide?, stellt Philipp in den Raum, als er vor ihrer Tür auftaucht. Nein, er ist kein Rockstar geworden. Und nein, sie hat den Pulitzer-Preis noch nicht gewonnen. Aber … ist es wirklich schon zu spät für ihren alten Traum? Isa verzichtet auf das Wunderwerk der Technik, das sie beide vielleicht doch noch hätte vereinen können und wagt ein ganz untechnisches Wunder: den Neuanfang. Auch dafür gab’s die Ehrenurkunde.

Zuletzt entführte uns Leovinus mit Hallelujah ins Reich seiner schrägen Phantasie. „Sagen Sie, junger Mann, wo drücke ich denn, wenn ich in den Fünften will?“, erkundigt sich ein mysteriöses altes Mütterchen im Kaufhaus und bietet dem Erzähler Kirschkuchen an. Weil der ablehnt, wünscht sie ihm ein Halleluja in den Bauch. Das muss rausgeschnitten werden, sagt der Arzt. Der Erzähler sträubt sich, denn die Alte hatte ihn gewarnt: Wenn Sie es rausschneiden lassen, holt Sie mein Sohn! Als der Geplagte aus der Narkose erwacht, ist er wieder im Fahrstuhl. Neben ihm ein Junge mit leuchtend blauen Augen, der die Sense schwingt. Auf alte Mütterchen ist eben Verlass. Und auf die Ehrenurkunde auch.

So, das war’s jetzt aber wirklich zu diesem rundum gelungenen Jubiläumsabend! Nein, doch noch nicht ganz? Ich höre, da freut sich schon die nächste offene Lesebühne SoNochNie am 22. Mai 2017 auf frische Texte und reichlich Publikum. Also: Seid wieder dabei!

Wortmeister!

Sieben Schreibende/Lesende, das klingt wie ein Vorgeschmack auf unser TB#50-Jubiläum im April, wo ebenfalls (glorreiche) sieben auftreten werden, war aber durchaus mehr als das: ein thematisch und stilistisch äußerst vielfältiger Abend. Ein Spielbericht:

Wolfgang Weber bekam als Themenbeauftragter des Monats den Anstoß und legte, das war zu erwarten, von Anfang an ein enormes Tempo vor, seine erste Ehrenurkunde fest im Blick. Sein Text „Masterpiece #40“ wirbelte von den Seiten durchs Zentrum seines Themas Zwischen den Stühlen, welches er auch vergegenständlichte: Er stellte zwei winzige Stühle auf den Tisch, er dazwischen. Enormen Wumms entwickelte er aus der Tiefe des Raumes, einer Dylan-Übersetzung von Durs Grünbein („Masterpiece…“), welcher eine inakzeptable Anzahl wichtiger Satzzeichen unterschlagen hatte und setzte selbst über die durchgehende Nummerierung seiner assoziativ-philosophisch-kulturhistorischen Bruchstücke eigene dagegen – starker Antritt! Wer außer Wolfgang dribbelt so unvorhersehbar zwischen Popmusik(geschichte), Lesebühnengedanken, Wortspielereien, freier Assoziation und überraschendem Schweigen über den Platz? Auch das Antäuschen beherrscht er: „Eines Tages wird alles wie eine Rhapsodie dahinfließen“ – während die Abwehrspieler noch an diesem Satz herumkauten, hatte er das Leder schon längst mit präziser Flanke im kurzen Eck versenkt. Die TB-Urkunde ging also verdient an diesen langjährigen Teilnehmer unserer Lesebühne.

Wolfgang Endler, ein Wiedergänger bei SoNochNie, ließ gleich beim ersten Ballkontakt seinen Manndecker stehen. Seine zwischen Aphorismus und Gedicht angesiedelten Texte pflügen sich durch jede konventionelle Spieltaktik einfach hindurch, unterlaufen sie und zeigen unvermittelt neue Verbindungen. Gedanken über Grenzen (des Geschmacks), Dinge, die er SO NOCH NIE getan hat, Entdeckungen auf dem Tempelhofer Feld im Frühling, das „Morgenblauen“ und Sommersprossen, die verstohlen mit Altersflecken schäkern (auf ein und demselben Gesicht!), die Gefahr, wenn man zu weit geht, im 10. Stock eines fünfstöckigen Hauses zu landen – da musste die gegnerische Elf jeden einzelnen Moment auf der Hut sein, eine Konterchance ließ er ihnen kaum. Eine Drehung und der Ball ging scharf gepasst zur nächsten Station. Ballbesitzspiel par excellence.

Brunhild zog mit ihren gereimten Gedichten erst einmal ums Zentrum herum, mal von dieser („Wehrt euch!“), mal von der anderen Seite („Neue Seuchen braucht das Land“), immer dran am Thema „Zwischen den Stühlen“, das von ihr als Debütantin auf dem Platz ja eigentlich gar nicht verlangt war. Sei’s drum, ihre Texte dennoch aufmerksam und wach am Puls der Zeit, und sie leistete sich mit „Märzenbecherduft“ und Eindrücken von einer Demenzkranken auch ein paar Kunstschüsse, nicht hart ins Tor, aber paradentauglich. Es war nicht das Spiel der großen, einheitlichen Taktik, das war nach drei Ballkontakten mittlerweile klar – man spielte hier variabel und mit schnellen, kurzen Pässen!

Clemens reduzierte die Spielzüge zwar nun, lief aber immhin noch zwei getrennte Angriffe aufs Tor, ein Text beschrieb einen (Mit)Bewohner eines viele Wohneinheiten zählenden hochsozialistischen Hochhauses in Berlin, welcher mehr und mehr in Zufriedenheit und dem eigenen Müll zu versinken scheint, der zweite erzählte vom Verwesungsgeruch in selbigem Hochhaus, der sich nach dem unentdeckten Ableben eines anderen Bewohners überall breitmacht und sich nicht einmal durch das Eintauchen in das Stadtleben Berlins abschütteln lässt – denn er ist bereits ins Denken eingedrungen. Bevor sich seine bekannte Fahrigkeit negativ auf sein Spiel auswirken konnte, pfiff der Schiedsrichter ab. Stand zur Halbzeitpause: 1:0 für die Gastgeber.

Vor dem Wiederanpfiff ließ der Unparteiische die übernächste Partie auslosen – Themenbeauftragte/r für den Mai gesucht! Silke Maschinger hob die Hand und wird mit ihrem Text ihr SNN-Debüt geben! Sie wählte „Amtliche Veröffentlichung“ NICHT und musste daher „Auf der Suche“ als Publikumsthema akzeptieren. Am 22. Mai wird sie damit die Lesebühne eröffnen.

Die zweite Halbzeit ließ sich, vorerst, kompakter, einheitlicher an: Max Ludwig, einer unserer beiden Themenbeauftragten-Gäste bei TB#50 im April, überraschte die gegnerische Abwehr mit einer schwer durchschaubaren Selbstbetrachtung eines Menschen, der aus dem Leiden eine Kunstform oder, ja, einen Sport gemacht hat: „Normal leiden“ hieß sein Text. Schwer durchschaubar, weil hier jemand über sein tatsächliches Leiden kaum ein Wort verliert, über die Art und Weise aber sehr genau und stilbewusst reflektiert – und sich selbst dafür eine gute B-Note gibt. Aussagen wie „Leid darf nicht zur Gewohnheit werden“ und „Man muss wissen, wann man genug gelitten hat“ lockten die Angreifer in die Abseitsfalle und eröffneten die Chance zum entscheidenden Konter!

Den übernahm Dave, der zweite Debütant dieses Spiels, wieder mit anspruchsvollem Kurzpassspiel und unterstützt durch modernste Handy-Technik – seine ultrakurzen Aphorismen, Limericks, Zweizeiler, insgesamt „sechseinhalb Texte“ vom Touchscreen blitzen schnell, hell, leuchteten nach, witzig, wortspielerisch, jagten ein Frettchen über den Platz, spiegelten sich selbst auf dem Bildschirm, der von Gevatter Tod in der S-Bahn mit Knochenfingerspitzen hin und her gewischt wird (löschen – für später behalten) und bestätigte das Vorurteil, dass das englische Spiel kompakter ist als das deutsche – die Übersetzung seines sechsten Textes, der sechseinhalbte Text also, fiel noch kürzer aus als das kurze Original: „I lost all my friends facebooking“. Zwei zu Null.

Petra Lohan übernahm es, den Sieg zu ungefährdet nach Hause zu holen. „Du mir gegenüber“ war unüberwindbare Defensivkunst, an der sich auch ein Weltklassesturm die Zähne ausbeißt. Eine Frau verliert den Faden zu sich selbst, sieht in ihrem Körper, ihrer eigentlichen Person, eine Fremde. Sie tritt zwar mit ihr in Kontakt, hält Zwiesprache, wie das wohl jeder mit sich tut, sie aber spricht mit einer Unbekannten. Das war eindringlich und wieder einmal war kaum zu ergründen, wie sie es schaffte, diese Erfahrung so plastisch werden zu lassen. Abpfiff. Wir sind Wortmeister! Endstand: ein verdientes 2:0. (Und Danke an Petra für’s Fotografieren!)

Zum Abschluss zwei ANKÜNDIGUNGEN:

  • Am Donnerstag dem 20. April feiert unser Heimstadion, das ZIMMER 16, sein 15jähriges Bestehen mit einer Gala ab 18 Uhr. Wir freuen uns über diese gelungene, langjährige Kulturarbeit in und für Pankow und mit unseren Freunden und Gastgebern wie Bolle. Kommt frühzeitig, denn es wird ganz sicher ziemlich voll (und ziemlich toll) werden!
  • Vier Tage später, am 24. April am selben Ort, steigt TB#50, unser Jubiläumsabend der Themenbeauftragten. Mehr Info findet ihr ab sofort und fortlaufend (am Ball bleiben!) auf dieser website und unserer facebookseite. TB#50 – Sieben auf einen Streich!

Februar grün und das Geheimnis der rosa Lose – die 107. Lesebühne

Dieser Rosenmontags-Abend begann mit geheimnisvollem Tun. Noch vor dem eigentlichen Beginn bekam jeder der knapp 20 (unverkleideten) Besucher ungefragt einen rosafarbenen Loszettel in die Hand gedrückt, verbunden  mit der Auflage, diesen ja nicht zu verlieren. Die Aufklärung der tieferen Bewandtnis lassen wir auch hier zunächst im Ungewissen.

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Den lesenden Einstieg machte unser Themenbeauftrage Maik. Er wurde im Dezember mit dem schönen Thema „Februar grün“ beglückt und präsentierte erwartungsgemäß feine Poesie. Das themen-betitelte Gedicht beleuchtete die verschiedensten Daseinsformen von Pilzen und den Wissensdurst seines vor sechs Jahren dreijährigen Sohnes, der nie müde geworden war, sich die nicht ganz unwesentlichen Unterschiede zwischen essbar aussehenden und tatsächlich essbaren Pilzen erklären zu lassen. Ein weiteres Gedicht eröffnete die für mich durchaus helle Erkenntnis, dass ein Akademiker nicht notgedrungen ein Intellektueller sein muss. (Auch wenn viele dies vielleicht denken.) Neben der obligatorischen Ehren-Urkunde aus biologisch-anthroposophischem Anbau erhielt Maik ein Extra-Lob für Engagement, weil er für das Publikum extra Exemplare zwecks Diskussions-Erleichterung ausgedruckt hatte.

Was es mit den rosa Losen auf sich hatte, blieb nach wie vor ungeklärt.

s0147874Wolfgang Webers Werk offerierte uns eine Gedanken-Melange aus Herbstzeitlosen, dem sterbenden Fidel Castro und einem auf Barack Obama eifersüchtigen Mick Jagger. „Baby, Baby, Baby, you’re out of time“. Im Publikum wurde hernach philosophiert, ob Castro – ähnlich der Herbstzeitlosen – giftig gewesen sein könnte und ob Mick Jagger nicht auch eine Art herrschender und never ending Fidel wäre.

Eine Erklärung für die rosa Lose? Fehlanzeige!

s0217942Nach über anderthalb Jahren (eigene Auskunft) durften wir endlich wieder einmal Max auf der Bühne begrüßen. Die lange Abwesenheit lässt sich durch seinen jetzigen Wohnsitz in Braunschweig fast entschuldigen. Vor einiger Zeit musste er einarmig durchs Leben gehen und machte sich derweil Gedanken über Türen und deren tieferen Sinn. „Man schließt die Türen ab wegen der Versicherung“. Die eigentliche Beschaffenheit der Tür ist für das Sicherheitsgefühl viel weniger relevant als die des Schlosses. Dies verleitete auch das Publikum zu nachdenklichen Diskussionen über Türen für drei Hände, leicht zu bedienende Fahrstuhltüren und eine „gehässige Tür“, die es einem kaum erlaubt, ohne furchtbare Verrenkungen mit vollen Einkaufstaschen zu passieren.

Es folgte die Pause, vom Publikum brav genutzt, ihren Brieftascheninhalt an der Bar abzuliefern. Noch immer wusste, bis auf wenige Eingeweihte, niemand wozu man diese rosa Lose in den verschwitzten Händen halten sollte.

Auch nach der erneuten Begrüßung durfte ich als Moderator zunächst nur einen Teil des Geheimnisses lüften.

s0257985Am 24.April nämlich feiert die Offene Lesebühne ihren 50. Themenbeauftragten. Aber dabei belassen wir es nicht, denn wir werden sage und schreibe SIEBEN (in Zahlen: 7) fünfzigste Themenbeauftragte haben. Dies sind natürlich die Kernmitglieder Angela, Ulrike, Michael, Frank und ich. Da Ulrike nach wie vor im fernen Sachsen weilt, war sie per Telefon live ins Zimmer 16 geschaltet und entschied dich für das Thema „Fluch und Flucht“. Angela hingegen darf sich mit dem „Wunderwerk der Technik“ auseinandersetzen, was für Michael eine „Leerstelle“ (sic) bedeutet und für Frank „leerreich“ (doppel-sic!) ist. Ich schließlich schnappte mir das von Ulrike abgelehnte „Hallelujah“. Amen.

Wer brav mitgezählt hat bemerkt, dass noch zwei Themenbeauftragten fehlen, ehe es sieben sind. Hier nun kamen endlich die rosa Lose ins Spiel. Die glücklichen Gewinner und damit Anwärter auf a) eine Ehrenurkunde, b) ein Freigetränk und c) Aufnahme in den ewigen Pantheon der Themenbeauftragten sind: Maik und Max. Ersterer darf sich bis zum April mit dem „Kärcher“ beschäftigen und Max wird uns – voraussichtlich via Skype – sagen „Ich habe dich im Bus gesehen“.

s0028014Nach diesem Höhepunkt präsentierte uns unser lieber Frank einen Text, der volle vier Frauengenerationen umspannte. „Marta“ soll das noch ungeborene Kind Yolandas mit drittem Vornamen heißen, was dem Ich-Erzähler so ganz unverständlich ist, da Marta auch der Name von Yolandas – sagen wir: charakterlich schwierigen – Großmutter gewesen ist. Im Mittelteil der Geschichte differenziert sich das Bild der Oma tatsächlich, wenn wir Genaueres über sie und Wilhelmina, also Yolandas Mutter (ich weiß, es ist kompliziert), erfahren. Am Ende aber setzt sich dann doch die Erkenntnis durch: Arschloch bleibt Arschloch, auch wenn es Gründe dafür gibt. Dem konnte und wollte das Publikum letztendlich nicht widersprechen.

s0108096Zum Abschluss des verhältnismäßig kurzen Abends las Matthias die Geschichte der neunjährigen Mira, die das Sterben ihrer Großmutter im Krankenhaus behütet. Dass ihr apokalyptischer Traum mit einem Meer voller Leichen am Ende von ihr als „Alles Leben kommt aus dem Wasser“ gedeutet wurde, wollte nicht jeden im Publikum überzeugen. Aber dies ist ja das Schöne an unserer Offenen Lesebühne: Sie ist für die unfertigen und diskussionswürdigen Texte gedacht und soll jedem helfen, der offen für faire und konstruktive Kritik ist.

In diesem Sinne kann ich nur jedem Lesenden danken und freue mich darauf, am 27.März erneut die Vereinigten Staaten von Sonochnien mit neuen Geheimnissen zu eröffnen. Make Literatur great again!

die 106. Lesebühne „ausgebrochen“

Die 106. Lesebühne SoNochNie! fand statt am Montag, d. 23. Januar 2017, den der Herr werden ließ wie all die Tage und Jahre davor und wir haben gesehen, dass es gut war. Die Bude war ziemlich voll. Gut besucht. Ich hoffe, wir haben unseren Beitrag geleistet zum Erhalt des Zimmers, auch die Spendenbox fand Erwähnung, in der es rascheln sollte und soweit ich sehen konnte, hat es geraschelt und wir haben das Bargeld an die Bar getragen. Nach meinem Kopf zu urteilen habe ich eine halbe Monatsmiete eingetrunken.

Aber wir haben auch gelesen, denn dies war der Zweck unseres Erscheinens und zunächst erschien uns der Moderator Leovinus, der gestern so richtig gut in Form war und stimmte uns ein und dann erschien uns der Themenbeauftragte, nämlich ich, und las knirsch eine Minute überzogen eine Geschichte zum Thema „Ausgebrochen“. Sie fasste das Leben eines Getriebenen zusammen, der stufenweise seine Existenzgrundlagen fahren ließ, um in die Tiefen seiner selbst zu gelangen. Am Ende steht er ohne Geld und ohne Obdach da. Selbst der Ich-Erzähler wendet sich von ihm ab. Und erstaunlicherweise und auch zu meinem Pläsier kam jemandem aus dem Publikum der Gedanke, dass damit der Ich-Erzähler auch ausgebrochen ist.

Danach las Anne (annegretnill.wordpress.com) Gedichte. Den „Sonnengruß“ (ich trinke die Hitze deiner Strahlen), die „Schoßpreisung“ (Gebärmutter, Urschoß behütender), „Entgrenzung“ (Auflösung im Rhythmus des Universums), „Birkentanz“ (Haarzweige im Luftzug, Feenritt im wispelnden Galopp) und „Ave Mond“, ein älteres Werk von 1999, das sie wegen Trump wieder ausgegraben hat. In der Pause redeten wir darüber, ob es für Gedichte nicht besser wäre, nur eins zu lesen, davon ein paar gedruckte Exemplare im Publikum zu verteilen, um genauer diskutieren zu können.

Dann las der Wolfgang Weber über Chris, den jüngeren Bruder Franz Jarnachs, der letzte Woche gestorben ist. Feierabend für eine Schildkröte. Krokodillederimitatjacke, was für ein Wort. Sidekick Olli Ditsche Dietrichs („Halt die Klappe, ich hab Feierabend“). Es ging dann zum Vater der Beiden, den 1892 geborenen Komponisten Christoph Jarnach. Zeitgenössische Klassik – kann man wohl alles nachgoogeln. Es ging noch nach Guatemala, wo der Chris 2015 unter großer Teilnahme der guatemaltekischen Bevölkerung beigesetzt wurde.

Wolfgang stellte sich dann auch der großen Herausforderung und wird im März der Themenbeauftragte der 108. Lesebühne sein. Thema dann: „Zwischen den Stühlen“ – er hat gleich das erste genommen.[1]

Nach der Pause war die Andrea („andreamaluga.wordpress.com“) dran. Sie las zwei heitere Geschichten über den Handwerker Hannes. Sie leistete einen Beitrag zur Erhaltung der Berliner Schnauze. Ich glaube, sie liebt ihn (;-)), auch wenn sie ihn für einen Fall für den Frauenbeauftragten hält.

Und am Ende las die Petra Lohan „Pink“ – eine Geschichte über ein zufälliges Treffen an einem grauen Tag in der S-Bahn mit einem pinken geritzten Mädchen (ein Auge gelb, das andere pink), dem sie folgte (Gesammeltes Wissen über Mädchen, die sich schneiden – mir wird mütterlich) und mit dem sie eine Wand bemalte – graue schwarze Linien über die Wände. Es gab einen Wunsch nach grün – da oben muss mehr weiß. Malkampf – grelles Gelb durch rosa Flächen. Danke, dass sie mir geholfen haben, sagte das pinke Mädchen, was ich erstaunlich fand, denn an sich wurde ja der Mütterlichen geholfen (Es begann mit „Ich kann nicht sagen, worauf ich keine Lust habe, aber ich habe keine Lust.“) Und als die Mütterliche mit Kamera, Stativ und Licht anrückte, stand sie vor verschlossenen Türen.

Dem Publikum gefiel es. „Es ist für immer verloren, ich mag sowas.“

Auch die 108. Lesebühne wäre für immer verloren, würde sie nicht protokolliert und in Erinnerungsfetzen hier aufbewahrt im www, das nichts vergisst. Diesmal gibt es keine Fotos, weil der Fotograf krank war und ich mit meiner Spiegelreflex keinen Lärm machen wollte. Nächstes Mal wieder Euer

fgs-Signatur Stempel groß

[1] Sonstige Themen, die nicht ausgelost wurden und daran sieht man, dass die Bude voll war: Freitagabend, Septembermorgen, Sterben in allen Facetten, Tiger, Der ewige Bund, Respekt, endlich Frühling, Cocktailmarathon, Männerfreundschaft, Exotik, Genussmensch, In die Gänge kommen (wieder), im Kopf eines Tieres, ehrliche Begegnungen, Die Zeit vergeht, Geisterbahn, Umzug, Premium-account, Aufstehen und sechsundzwanzig Zeichen.