Ein irrer Duft von frischen Zwiebeln

Die 144. Offene Lesebühne SoNochNie!, zugleich die 2. Lesebühne im Shutdown, Lockdown, die ich persönlich diesmal von meinem Hochbett aus verfolgte, hat der vorbildlich verhüllte Moderator Leovinus in den Kontext des hundertsten Jahrestages der Verabschiedung des Gesetzes, das Pankow zu einem Stadtteil Berlins machte, gestellt. Irgendwer warf die Frage in den Raum, ob auch Spandau … ja, auch Spandau seit 1920. Obwohl ich von Pankow aus nicht das Gefühl habe, dass mich mit Spandau was verbindet.

Themenbeauftragter war der Matthias Rische. Thema: Genderwahn. Eine grundsätzlich gut ausgehende Geschichte von Kim (gebürtig Emil), einem Menschen, der sich über die Erfindung des Unisexklos gefreut hat. (Ich habe bis heute keines gesehen, außer in so Kneipen, in denen sie eh nur eine Toilette haben). Es ging um einen Menschen, der es von früh auf blöd fand sich entscheiden zu müssen, ob er Emil heiße oder Sarah? Das ist wie gute und schlechte Laune haben. Whats the difference. Über die sexuelle Revolution hat diesem Menschen der Großvater berichtet, in die Welt seiner Eltern passte das alles eher nicht. Er/sie kam deshalb in ein Krankenhaus, aber er (der Vater) hatte darauf schon keinen Einfluss mehr und auch keine Ahnung, was da geschah. Er/sie wurde dort nämlich nicht „geheilt“ (im Sinne des Vaters), sondern gefestigt. Rache brauche ich nicht, die hat er nicht verdient. Es gab eine Phase des Kunst Machens mit vielen Geschlechtsmerkmalen. Riesige begehbare Schwänze und Brüste, eine weit offene Vulva als Eingangstor zu irgendwas, wahrscheinlich dem Paradies.

In der Diskussion fand Gudrun, dass es etwas glatt geht, alles viel zu gut läuft, während Katharina Klug meinte, eine solche Geschichte über Geschlechtsdysphorie könne auch zur Abwechslung einfach einen guten Ausgang haben. Jetzt habe ich das Wort Dysphorie nachgesehen, das bislang nicht zu meinem Sprachschatz gehörte, was mich eine Stunde gekostet hat, weil ich mich über Klick Klick Klick bei Youtube und dem Verschwörungssender KenFM wiederfand, … okay, Frank, komm zurück: Dysphorie kann man sich gut merken – ist einfach nur das Gegenteil von Euphorie.

Matthias bekam dann per Bildschirm die Urkunde überreicht. Leovinus verlieh der Hoffnung Ausdruck, das im analogen Leben eines Tages nachholen zu können.

Dann las Gudrun, das erste Mal, eher eine Kolumne, wie sie selbst sagte mit dem Titel Fallenlassen. Sie war einkaufen, es gab Hefe, sie machte den Vorschlag, Masken aus Unterhosen zu verwenden – verweise diesbezüglich auf meinen auch abgekupferten Vorschlag mit den String-Tangas – man sitzt zu Hause, es gibt nicht genug zu erzählen, so stellt sie sich Leben auf dem Dorf vor. Dann fällt Alexis Sorbas aus dem Fenster. Es handelte sich dabei um ein Buch, nicht um die Katze, wie Leovinus vermutete, mit dem sie das Fenster vor dem Zufallen schützte. Angst, dem Buch nachzuschauen, weil jemand sehen könnte, dass es aus ihrem Fenster gefallen ist, was ja zu Strafanzeigen u.ä. führen könnte, wenn es im ungünstigen Winkel einen Schädelknochen spaltete. Währenddessen spielte ihr Mitbewohner auf dem Computer ein Knallerballerspiel. Sie fragte sich, ob sie die Zeit nutzen solle, Marcel Proust zu lesen, oder zu hören (20 Stunden nur der erste Teil – und der ist nicht der längste), aber allein die Gedanken, ob sie es tun soll, dauerten länger als das Buch zu hören. Aber dann keimt Hoffnung. Der Computer spielende Mitbewohner fragte sie nach ihren Französischbüchern, er überlege, ob er französisch lernen solle (wahrscheinlich genauso lange wie sie überlegt, ob sie Marcel Proust lesen soll). Aber allein die Frage bringt in ihr Hoffnung auf, dass die Menschheit doch nicht untergehen muss, wenn Computerspieler französisch lernen wollen.

Dann war Pause. Wir tauschten uns über die unterschiedlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie aus (ich bin mal gespannt, was es für eine Steigerung zum Wort Pandemie geben wird, wenn es mal wirklich ernst wird, so „The Stand“-ernst)[1]. Heidi berichtete aus der Normandie, dass es (allerdings in Südfrankreich) Festnahmen wegen des Aufhängens kritischer Plakate gegeben haben soll; und dass sie, wenn sie rausgeht, einen selbst ausgestellten Passierschein mit sich führen muss, auf dem sie ihre Ausgehzeiten protokolliert.

Heidi stellte sich dann auch als Themenbeauftragte für den Monat Juni zur Verfügung – die am weitesten entfernte Themenbeauftragte, die wir je hatten. Vermutlich werden wir aber auch im Juni noch online konferieren. Sie nahm gleich das erste Thema, das Leovinus aus seiner Müslischüssel zog: „Entzaubern“. Da sind wir sehr gespannt, was Heidi dann entzaubern wird.

Heidi las auch als Nächste einen Text mit dem Titel „Leere Seite“. Es ging um einen Mann, der ein paar Wochen nach ihr (nicht Heidi, sondern der Partnerin des Protagonisten) auch mit dem Rauchen aufhörte. Der das erste Mal seit 23 Jahren weinte, keinen Kaffee mehr getrunken hat, sich mit Lakritz eindeckte, heftig zu träumen begann. Der einen Küchentisch baute, obwohl er kein Handwerker ist. Die leere Seite, die sich mit dem Rot des Blutes füllen wird.

Offenbar hatte ich die Quintessenz der Geschichte nicht erfasst, wie ich in der Diskussion merkte, was aber daran lag, dass mein Kugelschreiber nicht mehr schrieb, und ich von meinem Hochbett herunter ins Arbeitszimmer … und zurück. In der Diskussion merkte ich erst, dass die leere Seite für ein Leben stand, das noch gar nicht da ist. Es ging also um das Erleben eines Mannes, um Geburtsbeobachtung.

Als Letzte las Katharina Körting einen Text in Arbeit. Ein notorischer Einbrecher U in Coronazeiten. Zuhause hält er es nicht aus. Einbrechen ist seine Form der Kontaktaufnahme. Ist aber kein triftiger Grund rauszugehen. Im Gefängnis erholt er sich von der Strukturlosigkeit draußen. Er ist ein Profi darin Dilettant zu sein. Sein Arbeitgeber stellt ihn nach jeder Haftstrafe wieder ein. Die Beute ist nur hundertdreiundsechzig Euro. U bricht ein um aus sich auszubrechen. Nur im Gefängnis funktioniert er. Als er verurteilt wird zur Gnade von vierzehn Monaten, achtet er darauf, dass auf seinem Gesicht keine Regung zu sehen ist. In der Diskussion wurde die Vermutung geäußert, dass er sich seine Freude nicht anmerken lassen will. Ein Artikel im Tagesspiegel hat Katharina zu der Geschichte angeregt.

In der Diskussion habe ich dann auch noch gelernt, dass die Formulierung „der Geruch nach Zwiebeln“ bedeutet, der Geruch könne auch woanders herrühren, während es „der Geruch von Zwiebeln“ heißt, wenn Zwiebeln die Verursacher des Geruchs sind. Ich weiß aber nicht mehr, wo in Katharinas Text dieser Geruch aufgetaucht ist.

Ute Danielzick, die sich später dazu schaltete, dankte im Namen des Zimmers 16 für die Spenden. Wir (die Lesebühne) sind die Guten, sagte sie. Ich habe auch wieder gespendet. Mitglied des Fördervereins zu werden, sei aber auch eine Option, sagte sie.

Und das war sie, die 144. Lesebühne. Bis zum nächsten Mal, dann hoffentlich wieder in größerer Runde. Euer

[1] Schöne Leseempfehlung für Pandemiezeiten: Stephen King „Das letzte Gefecht“ – besonders der erste Teil.

Und es hat Zoom gemacht

So ist die 143. Lesebühne, die ziemlich genau ein Jahr nach dem zehnten Jahrestag stattgefunden hat, und mit einigem Fug und ein bisschen Recht also auch als Lesebühne des 11. Jahrestages bezeichnet werden darf (Hurra! Hurra! Hurra!), über die Bühne gegangen, obwohl da gar keine Bühne war, denn: Premiere!

Trilliarden von frei flottierenden kleinen DNA-Trägern zwangen uns Abstand zu halten und zuhause zu bleiben. Und da Computerviren noch nicht die Maschine-Mensch-Barriere übersprungen haben, durften wir uns unter Aufsicht jeweils eines Bundesvirenbeauftragten vor unsere Endgeräte setzen, diese sich miteinander verbinden lassen und uns gegenseitig mehr oder weniger klar erkennbar zusehen, wie wir uns so einrichten, wenn wir uns vor den Bildschirm setzen.

Allerdings gab es da schon wieder Klassenunterschiede, die an anderen Grenzlinien verliefen als in der analogen Welt. Während Matthias es sich vor seiner Wohnzimmer- oder Küchenwand bzw. –decke gemütlich gemacht hatte, stand Leovinus wie so ein zugeschalteter Außenreporter am Strand von … also Usedom, sage ich mal, war es nicht … und hinter ihm brach sich die immer gleiche Welle.

Micha saß auf dem Mond oder dem Mars oder auf Fuerteventura vor unbewegter, gnadenloser Gesteinslandschaft, woraufhin ich mich, nach mehreren Versuchen, was zu meinem Hemd passt, für ein Wasserbecken in der Alhambra entschied, aus Solidarität mit dem spanischen Volk, dessen Ausgangssperren teilweise militärisch, wie ich heute hörte, durchgesetzt werden.

Pünktlich zehn nach halb acht, als die Teilnehmerzahl auf 18 Leute angewachsen war (in der Spitze waren es irgendwann mehr als 20), eröffnete Leovinus gewohnt launig den Abend.

Der Jahrestag des Abends war nicht unser elfter, sondern der 163. Jahrestag der Inbetriebnahme des ersten Fahrstuhles mit Absturzsicherung durch den Herrn Otis, dessen Namen wir auch in moderneren Liften lesen können.

Beneidenswert nach anderthalb Jahrhunderten. Von solchen Halbwertszeiten träumen die meisten Autoren, wahrscheinlich nur nicht der Themenbeauftragte des Abends, Klaus Kleinmann, denn er schaltete sich uns nicht zu und verpasste damit seine oneandonly Chance, in die Annalen und so weiter einzugehen, und seiner Unsterblichkeit einen Dienst zu erweisen.

Vermutlich lag es am Thema „Faulheit“, das nun unbearbeitet darniederliegen muss für alle Zeiten.

Nachdem Leovinus uns die technische Ordnungsmäßigkeit des Ziehungsgerätes demonstriert hatte, indem er seinen Müslibecher (Ikea?) in die Kamera hielt, konnte es losgehen.

 

Den Abend eröffnete Ulrike Günther mit zwei Gedichten, wovon das erste sich gleich mit dem einzigen Thema beschäftigte, das uns ununterbrochen beschäftigt: es hieß „ambivalenter Abstand“ und stellte sich heraus als eine Hyperalliteration mit A.

Areal in Abschnitte

Alarm aus aufgerissenen Augen

Analysen anschauen und Anschauungen analysieren

Alles auf die schwere Schulter nehmen.

Ulrikes zweites Gedicht kam fast als Rätsel daher, hieß „Sie“ und meinte „die Zeit“. Hättest sie gerne allein, musst sie aber teilen. Naja, sage ich als alter Einsamer in der Menge: Mal so, mal so.

 

Nach Ulrike zog Leo den Joachim aus seiner Plasteschüssel.

Für den war es eine Premiere, die wegen eher technischer Gründe missglückte. Seine Geschichte hieß „Der Auftrag“. Was ich verstehen konnte, war, dass es um einen Tag im Büro ging, etwas ausgeschmückt, aber doch auch nach wahren Begebenheiten. Verlagsmitarbeiter stritten sich, ob da ein Buch veröffentlicht werden soll, dass offenbar von einem Nazi stammte. Die Lösung schien zu lauten: warten bis der Chef wieder da ist. Irgendwann hat Leo den Vortrag unterbrochen, weil Joachims Endgerät und/oder seine Leitung eine Entzündung hatten. Gute Besserung.

 

Dann las Michael Wäser, der schon bei Beginn seines Vortrages ankündigte, ihn nach der Hälfte abbrechen zu wollen, weil wir dann nicht mehr gewillt sein würden ihm zuzuhören. Und tatsächlich erinnerte mich sein Experiment an ein Buch, das ich auch nie weiter als bis auf Seite 20 gelesen habe, Georges Perecs „Das Leben – eine Gebrauchsanweisung“.

Michael beschrieb die ersten 37 Minuten vom Aufstehen bis zum Haus verlassen. Die meisten Sätze begannen mit „Ich habe … mit der rechten Hand, … dem linken Zeigefinger … das Handtuch, ohne den Ständer zu berühren … usw. alle Verrichtungen, die äußerlich wahrnehmbar diese Zeit ausfüllen, ohne Dramaturgie oder Spannungsbogen, wie so ein Wirklichkeitsprotokoll – und man mag sich gar nicht vorstellen, was aus dem Text werden würde, wenn wir noch tiefer eindringen würden, welche Hormone ausgeschüttet, welche Synapsenverknüpfungen aktiviert, welche Erinnerungen hochgespült werden bei dieser oder jener Verrichtung, welche Viren an welche Zellen andocken und sie entern, wie Magen oder Bauchspeicheldrüse … oh Gott …

Aber es ging ja primär um die Hände und was sie alles so anfassen.

Vor Corona – wurde dann in der Diskussion folgerichtig angemerkt – haben wir nie darüber nachgedacht, wo überall unsere Hände sind.

Heidi hatte sich bei dem Text eingesperrt gefühlt. Womit, fragte sie, fühle ich Zeit, und was machen wir, um nicht verrückt zu werden. Aber das gefällt ihr an der deutschen Sprache, sagte sie auch noch, dass durch Sachlichkeit etwas Emotionales entsteht. Michas Text gibt es hier .

 

Die vierte Lesende war dann Katharina Körting, sie, wie Ulrike am Beginn, eher lyrisch zum aktuellen Thema Corona, Fetzen aus ihrem Vortrag:

Wie geht es mir – ist vorerst untersagt…

Hänge vor dem Rechner, hänge durch.

Ich bin nicht systemrelevant (Willkommen im Club ;-))

Fühlt sich an wie eine Bombe, die nicht fällt, weil sie’s nicht nötig hat.

Niemandem darf ich (nicht) nahekommen

Es gilt Leben zu retten, nicht die Liebe.

Klopapier habe ich genug.

Im Café sitzen und nichts Böses denken

Das Gefühl, dass Freude ansteckend ist, nicht ein Virus

Leide ohne krank zu sein

Makulatur gewordene Plakate – wir gehen prüden Zeiten entgegen.

Was wir jetzt mal nicht hoffen wollen …

Was machen die Alkis jetzt … mit ihrer Sucht allein.

Es war der Punkt, an dem ich mir das dritte Glas Weißwein eingoss. Kostet ja zuhause nicht die Welt.

 

Aber ich habe an das Zimmer 16 gespendet – wer noch nicht daran gedacht hat … das als kleiner Einschub.

 

Mir hat Katharinas Vortrag sehr gut gefallen – ich mag Texte, bei denen ich so wunderbare kleine sprachliche Überraschungen erlebe, von denen ich glaube, sie noch nie gehört zu haben. Und hier sind sie nochmal nachzulesen.

 

Leo machte dann tatsächlich eine Viertelstunde Pause, während der wir launig schwatzten. Diese App (zoom) ist tatsächlich ziemlich cool.

Nach der Pause gab es das Küren des Themenbeauftragten für den Monat Mai – mein Mut und mein Drang waren nach dem dritten Glas Wein ordentlich gestiegen und so meldete ich mich.

Da wir keine Themenzettel einsammeln konnten, hatte Leo meinen Themenvorschlag „Der Einfluss der wachsenden UV-Strahlung auf die Hautbräune kleiner Stinktiere, wenn sie mindestens zwei Meter Abstand halten“ dankenswerterweise dekonstruiert, und mir wurde das Thema „Stinktiere“ für den Monat Mai zugelost. Tja. Händewaschen, Duschen, Desinfizieren, kann ich da nur sagen.

 

Der nächste Lesende war Matthias Rische. Sein Text hieß „Das Treppenhaus“. Marko, begann der Text, wollte so viel Feuchtigkeit wie möglich aus seiner Wohnung fernhalten. Aber es gab einen Geruch nach feuchten Schuhen im Treppenhaus. Er schrieb eine Kolumne über die Kommunikation von Bäumen, so zwang er sich, hin und wieder die Wohnung zu verlassen. Allerdings ist das Alter der Bäume schwer zu schätzen (genau wie das von Südländern oder Arabern). Der Regen wird die Antwort beeinflussen. Es ist ein Abbruchhaus, obere Etage – er arbeitet da allein für mehrere Zeitungen.

Ute fasste es in der Diskussion so zusammen: Zeit der Romantik – man weiß nicht wo’s herkommt und wo’s hingeht, aber toll.

 

Antonia spielte mit einer anderen Variante der Auswirkungen der Krise in der Zukunft. Sie stellte sich eine alle Jahre wiederkehrende Corona-Pause vor.

Bitte gehen Sie nach Hause,

es beginnt die Corona-Pause.

Wer nicht auf dem Heimweg ist, wird die Zeit in Containern verbringen.

Es ist eine Tradition geworden.

Ich war abgelenkt, weil die Rechentechnik ständig Blumenmuster auf Antonias rechte Gesichtshälfte zauberte, was ihr sehr gut stand.

Irgendwann waren rein rechnerisch zwei Millionen infiziert. Berge von Klopapier, Nudeln und Bierkästen versperrten den Flur. Wir haben Sehnsucht, deshalb feiern wir Corona-Pause. Wir arbeiten nicht, wir spielen und stopfen Strümpfe, reparieren die Dinge.

Weiß nicht warum, ich musste ständig an den Film „The purge“ denken. Wahrscheinlich wegen des geplanten Ausnahmezustandes, obwohl die Corona-Pause deutlich verführerischer und auch irgendwie erstrebenswert klang. Einen der Zuhörer erinnerte sie sogar an das österliche Geschehen. Was mich gerade zu dem Gedanken bringt, das es ja auch etwas mit Fasten zu tun hat.

 

Nun befanden sich noch zwei Zettel in der Müslischale und es erhob sich die Frage, welcher Frank gezogen wird … danke, Leo, für den zauberhaften Kalauer … Frankreich oder Frank Georg und es wurde Heidi aus der Normandie zugeschaltet gezogen. Heidi trug ebenfalls eher Lyrik vor mit der Vorbemerkung, dass man etwas verlöre, wenn man etwas übersetzt, deshalb habe der Micha ihr bei der Übertragung geholfen. Hier die kleinen Schnipsel, die ich mitschreiben konnte:

Verbotene Sonne und als zweites Ekliptia

Auf dem rostigen Boden wimmelt es. …

Ich werde wachsen, ohne dass mich ein Perverser mit Dünger erstickt. …

Die Sonne wärmt immer den Rücken dessen der versteht.

Am Ende aber, enttäuscht und bis ins Rückenmark getroffen, erlischt sie (die Sonne).

Füße haben lange Gespräche mit dem Kopfsteinpflaster geführt.

Lange hält man einen Koffer geschlossen, die Stadt gibt die Möglichkeit ihn zu öffnen. Und auch wenn man seine Koffer gepackt hat, einen lässt man immer. 

Auch Heidis Texte sind nachzulesen.

 

Als Letzter durfte ich meine Geschichte „Teure Metallzäune“ lesen, in der es um zwei Frauen ging, deren einer Ehemann sich um nichts kümmert, nur zockt – und der zweite geht fremd. Und das Happy End sozusagen bestand darin, dass die Hauptfigur die Idee nicht schlecht fand, mit der anderen Frau zusammenzuziehen. Ausgerechnet mei Fraa meinte, sie habe die Figuren nur schwer auseinanderhalten können. Schluchz.

Ute hat es dagegen gut verstanden und meinte, so wäre nun mal der ganz normale Berliner Einfamilienhauswahnsinn. Als Service des Hauses gibt es die Geschichte auf meiner Homepage zum Nachlesen, bis zu den Stinktieren im Mai, oder auch nur bis April, falls es da schon wieder was Neues aus meiner „Feder“ gibt.

 

Und das war sie, die 143. Offene Lesebühne SoNochNie!, bin mal gespannt, ob wir nach Ostern schon wieder analog im Zimmer 16 hocken dürfen. Bis dahin bx, wie meine Schwester immer schreibt. Bleibt xund.

Voll krasse Texte, Brudi

Sehr geehrte Damen und Herren draußen an den Bildschirmen,

herzlich willkommen zur völlig subjektiven und unvollständigen Zusammenfassung der 142. Offenen Lesebühne am 24.Februar 2020 im wie immer gut geheizten Zimmer 16.
Bei der Eröffnung hatte ich (Leovinus) die Ehre, das Publikum mit einer gereimten Zusammenfassung des von Goethe gelobten Schicksalsdramas „Der 24.Februar“ zu belästigen.

Der Abend begann hochklassig mit der Themenbeauftragten Barbara Schwittmann – „Vollüberwachung“. Überraschenderweise befasste sich ihr Text weniger mit digitaler Spionage via Facebook etc. als vielmehr mit der guten alten analogen, weil sozialen Kontrolle via Wecker, Ehemann, Kollegium, Wachmann im Supermarkt, Mutter und vielen anderen Menschen, die es vermeintlich oder tatsächlich gut mit uns meinen und manchmal einfach nur wissen wollen, wie unser Tag war. Beim Publikum stieß Barbara inhaltlich durchaus auf Zustimmung, in der Form gab es leichte Kritik an den etwas zu hölzern geratenen Dialogen.

Gleich drei Premieren auf einmal bescherte uns anschließend Maria T. Sie las nicht nur zum ersten Mal bei „So Noch Nie“, sondern überhaupt das erste Mal öffentlich und machte zudem direkt vor Ort offiziell von ihrem Foto-Veröffentlichungs-Veto Gebrauch. (Dabei kannte sie meine, mittlerweile gelöschten, Bilder nicht einmal.) Ihre Geschichte „Winter in Berlin“ entsprach – so versprach sie – voll und ganz der Wahrheit. So folgten wir unter anderem ihrer Schilderung eines original „türkisch-berlinerischen“ Telefonats in der Universitätsbibliothek. „Isch tue Uni, Brudi!“, versuchten mit ihr zu leiden, wenn sie ihr Mittagessen an die Pausenscheiben-Zeit anpassen muss und begleiteten sie bis an die Tür ihres Therapeuten Wilfried. Mit hinein durften wir allerdings nicht. Schade, das wäre spannend gewesen. Das Publikum beklagte „zu viele Situationen“, lobte aber das Lesen in der Bibliothek.

Als Nummer Drei beglückte Matthias Rische das Publikum mit dem Text „Gino/Gina“, einer berührenden Transgender-Geschichte, die wie so oft bei Matthias auch sehr beklemmend wirkte. Gino fühlte sich schon als kleines Kind mehr als wohl, wenn er beim Fasching als Ballerina mit Tutu, Schminke und Kajal verkleidet mitfeiern wollte.
Das SoNochNie-Publikum war beeindruckt und freute sich über das engagierte Statement. Da es aber wie immer auch konstruktiv-kritisch zuging, gab es zu bedenken, dass der hergestellte Zusammenhang einer Vergewaltigung als Teil des Wandels nicht ganz geglückt war.

Auch Michael Wiedorn las nicht zum ersten Mal bei unserer Offenen Lesebühne. „Die Sonne entzündet die Erde“ war in knappen Sätzen die surreale Geschichte eines Nachmittags in Berlin. Leider war das Publikum teilweise überfordert von den – wie ebenfalls gelobt wurde – „vielen starken Bildern“. Ein Schuh, der zum Herzen wird, gefressen von einem Hund – das funktionierte nicht bei jedem. Muss ja auch nicht – finde ich ganz subjektiv.

In der Pause tauschten viele der Gäste brav ihr Geld in Getränke um und legten ihre Themenvorschläge für den Monat April auf den Tisch.
Auf die Frage, wer denn Themenbeauftragter sein wolle, hob Matthias Rische behutsam den Arm (oder reckte er sich nur?) und nach Anwendung von nur sehr wenig körperlicher Gewalt erklärte er sich bereit, den ehrenvollen Dienst zu übernehmen. Er zog im zweiten Versuch sein eigenes Thema „Genderwahn“ und war darüber nicht einmal glücklich. Matthias – du schaffst das!

Der erste Lesende nach der Pause war Robin, ebenfalls ein Neuling auf unserer heiligen Bühne. Leider ist meine Notiz zu seinem ersten Gedicht selbst für mich unleserlich, es sei denn es handelte von „der Liebe Legenden mit Spaten“, aber immerhin kann ich meinen Aufzeichnungen entnehmen, dass sein zweites Gedicht den Titel „Zeit“ trug und zu der Quintessenz kommt: „Zeit ist das, was wir draus machen“. Dieses und weitere Bestandteile erschienen manchem im Publikum zu sehr als Allgemeinplatz. Es gab auch die Ansicht, die „Liebe“ hätte nur „Mittelfinger“ und „Zeit“ wäre demokratischer, was Matthias R. allerdings genau umgekehrt sah. So ist das in der Kunst – nicht einmal Goethe konnte es allen recht machen.

Arved Wolff präsentierte ebenfalls Gedichte, deren drittes, „Atme nur“, vom Publikum als „sehr sexy“ bezeichnet wurde. Einem Urteil, dem ich mich in aller Subjektivität durchaus anschließen mochte. Es wurde betont, dass oft ja auch wichtig wäre, was eben nicht gesagt werde – im Leben wie in der Literatur.

Den Abschluss des Abends gestaltete mit einem sehr dadaistischen rhythmischen Text Wolfgang Weber, diesmal unterstützt von zwei „Donnermachern“, die dem Werk „Dada Pastiche“, je nach Sichtweise, entweder Struktur gaben oder aber nahmen. Wir genossen ein sehr lautmalerisches Mosaik inspiriert von Cpt. Beefhart, Iron Butterfly („In A Gadda Da Vida“!), Loriot, 2RaumWohnung, Muddy Waters und vielen anderen von Wolfgangs Helden der Musik-Geschichte.

Alles in allem war es ein runder Abend, abwechslungsreich, jeder einzelne Beitrag auf eigene Weise spannend und unterhaltsam. So kann’s gern immer wieder weitergehen.
Zum Beispiel beim nächsten Mal am 23.März. Bis dahin wird Klaus das Thema „Faulheit“ recht fleißig bearbeiten.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Bitte bleiben Sie gesund!
Ihr Leovinus.

Worte kann man nicht kotzen

Die erste Lesebühne SoNochNie im neuen Jahrzehnt enttäuscht – diejenigen, die wegen Überfüllung nicht mehr lesen konnten.

Catriona Fadke, erste Themenbeauftragte des Jahrzehnts, überließ es den beiden Hauptfiguren ihrer Geschichte ohne Titel, das Thema „Kotzbeutel“ anzusprechen. Kleiner Bruder und große Schwester, die schon allein wohnt, sind sich irgendwie nicht mehr grün, als sie im Museum vor impressionistischen Bildern sitzen, selbst ein Bild sich ausbreitender Entfremdung. Sie ringen um Worte mehr als um ihre Verbindung, scheint es – heißt es Kotzbeutel oder Kotzbrocken, das, was er sagen will? Egal, er ist schlecht drauf, bei ihr, wo sie ihn hingeschleppt hat, den Jugendlichen – ist zu vermuten. Die ganze Familie scheint nicht gerade Harmonie-vorzeigbar zu sein. Und sie, sie nimmt sein Wort, Worte könne man doch nicht kotzen, doch, sie fühlt sich wie der Kotzbeutel für die verdorbenen Gedanken ihrer Familie, und der ist jetzt endgültig voll. Ein Streit auf dem Heimweg in der S-Bahn, sie trennen sich. So vielschichtig aufmerksam kann selbst dieses Thema umgesetzt werden.

Bianca Ierullo debütierte bei SNN, präsentierte ebenfalls zwei Geschwister, junge Frauen Schmiedin die eine, Kräuterfrau die andere – wir sind im Mittelalter, womöglich ein Fantasy-Roman, dessen Prolog sie vorlas. Der Prolog jedoch klang mehr wie Kapitel 1, es wurden erste Handlungslinien ausgelegt und ein verletzter Wolfswelpe gefunden, der später im Roman von Bedeutung sein wird. Doch auch dies war manchen im Publikum noch zu wenig Handlung und/oder Konflikt, was ich nicht so sehe. Ihre Erzählweise und ihre Sprache wirkten noch etwas ungeübt, aber die Figuren wurden schon sichtbar, und die weitere Handlung ist noch nicht in Stein gemeißelt, weshalb sie auch hören wollte, was den Zuhörern zu ihren ersten Seiten einfällt. Hoffentlich hält sie uns auf dem Laufenden!

Wenn Arved Wolff neue Gedichte vorstellt, erinnert er mich immer an einen Juwelier. Nicht weil seine Gedichte teuer glitzernde Klunkern wären, sondern weil er sie, eins nach dem anderen, wie mit Samthandschuhen anfasst – was sie verdienen. Drei brachte er mit: Der „Frankfurter Selbersager“ sagt sich alles, was er von anderen zu hören vermisst, eben selbst. „Anders“ ist ihm sein Gegenüber, sein „Du“, so ganz anders als er selbst, und ob er es trotzdem oder gerade deswegen liebt, das weiß er wirklich nicht. Das „Winterlied“ besingt Christiane Köhler, exakt benamt, die den Wald liebt und sich dort hinein flieht, und ihr Name, obwohl nicht erfunden, passt doch so gut.

Wolfgang Eubel verkündet 13 Epigramme zu Ehren eines Verstorbenen, an dessen 20. Todestag, vielmehr lässt verkünden, die, welche sich im Roseneck des Botanischen Gartens zu diesem Zweck zusammengefunden haben. So entsteht ein Bild des Abwesenden, der nicht mehr so abwesend ist. Kein klares, eindeutiges, denn es sind dreizehn Hinterbliebene, jede und jeder mit eigenem Akzent. Und unvollständig bleibt es sowieso, weshalb sie alle ein „auch“ vor ihren Gedanken setzen: „auch war er einer, der …“

Der zweite Teil des Abends brachte uns den (über)nächsten Themenbeauftragten: Klaus, neu bei SNN, hob die Hand und obsiegte per Abzählreim über Leovinus, der seine Schreiblust hoffentlich trotzdem behält. „Leider immer allein“, das erste Themenlos, fiel durch bei Klaus, und so musste es eben das zweite sein: „Faulheit“. Hauptsache, es kommt trotz Faulheit ein Text dabei raus.

Frank Georg Schlosser ließ in „Tusnelda oder: Eigentum verpflichtet“ drei Menschen auftreten, ein Ehepaar und „ihre“ Mutter, seine Schwiegermutter „Nelda“. Nach einem gemeinsamen Konzertbesuch will der Abend einfach nicht vorbeigehen, findet „er“. Man sitzt und redet über längst Bekanntes, d.h. er scheint eher die ganze Zeit nur zu schweigen und zu hören und sich genervte Gedanken zu machen, statt zu reden … das Haus, Wochenendhaus an der Ostsee, nur Tusnelda scheint es zu mögen, und sie will hingebracht werden, vielleicht ein letztes Mal – du musst nicht mitkommen, hört „er“ erleichtert. „Familie, das ist Diplomatie im Kleinformat.“ Also bleiben, hören, denken.

Barbara Schwittmann präsentierte einen Essay: „Ich möchte nicht Oma genannt werden“ nennt sie ihn und „ZeitOnline“ hat ihn schon veröffentlicht mit vielen hundert Kommentaren. Obwohl, worauf sie Wert legt, absolut subjektiv, führt sie auch Argumente an gegen ein allzu schnelles „Oma“ für quasi jede alte – ältere – Frau, die man nicht einfach als subjektiv beiseite legen kann. Die Diskussion im Zimmer 16 ist, es ist eben ein Essay und kein Prosatext, entsprechend inhaltlich gelagert, eigene Standpunkte werden lebhaft vorgetragen, und, das darf ich stolz berichten, anders als auf ZeitOnline, ohne eine einzige gallige Beschimpfung und üble Beleidigung. Irgendwas läuft anscheinend falsch bei SNN …

Klaus Kleinmann – der März-Themenbeauftragte – hatte noch einmal Losglück und bekam Gelegenheit, seine „Bilderzählung“ „Katz und Maus“ vorzutragen. Das Bild, wie oben zu sehen, zeigt einen belesenen? aristokratischen? Kater, die Geschichte erzählt von dessen Burg, seit Generationen auf Katzenfels und ebenfalls seit Generationen in schwieriger Nachbarschaft zu Burg Mausezahn. Weil der abgebildete „Graf Maunz“ ein Weiberheld und Kotzbeutel ist (ja, das hat Klaus noch rasch passend eingefügt), rächen sich die jungen Mäuse und hetzen ihm und seiner Burg die Feuerwehr auf den Hals, bis alles unter Wasser steht – für Katzen, wie man weiß, unerträglich. Klaus tritt am 27. Februar im Zimmer 16 mit einem Francois-Villon-Abend auf.

Wolfgang Weber beschloss – wieder einmal – den Leseabend. Der „Mozart der Lesebühne“ schleuderte den „Versäumnis-Rap“ über die Tischplatte, begleitete sich wie fast immer selbst, diesmal auf einer Handtrommel (oder wie man das nennt). „Versäumt nicht, zu versäumen“, ruft er, schlägt eine Bresche für „verpasste Gelegenheiten und Misserfolge“. Das ist gut. Das nimmt Druck raus. „Knallig und subtil. Pepperlepepp!“ Seine eigene Lesebühne „Kunstwelten“ geht auf Tour, am 22. Februar im Soleil du sud.

Das war sie, die141. Zur nächsten am 24. Februar haben alle wieder im Zimmer 16 zu erscheinen. Pepperlepepp!

Berliner Ironie verwandelt das Herz in einen angeschwemmten toten Fisch

Die 140. Lesebühne begann wie immer der Themenbeauftragte, in diesem Falle ich, Frank Georg Schlosser, mit dem Thema Kirsch. Die Geschichte hieß Die Kündigung und handelte davon, dass man sofort gekündigt werden kann, wenn man von den Kirschen des Baumes im Hinterhof isst. Adam hatte von den Kirschen nicht gegessen, aber er hatte sie in Wodka ersäuft und Kirsch daraus gemacht. Von dem seine Freundin Jenny nun trank, um den Schock mit der Kündigung zu lindern. Plötzlich sah sie alles ganz klar. Er hatte es getan, um sich auf diese Weise von ihr zu trennen. Aber der Kirsch macht sie nicht nur klug, sondern auch zu Superwoman, die den beiden Vollziehungsbeamten ordentlich eine auf die Nuss gibt. So dass nur Adam das Paradies verlassen muss. „Die Kündigung“ gibt es hier zum Nachlesen:

https://frankgeorgschlosser.de/geschriebenes/kurzgeschichten

Der zweite Lesende war Matthias Rische. Titel der Geschichte: Alberts Spinnerei. Ari bespricht seine sexuellen Jungs-Nöte mit dem in seinen Augen weisen Albert, der seiner Weisheit mit regelmäßigem Drogenkonsum nachhilft. Es geht um Lana mit den engen Tops. Um Ari weiterzuhelfen, spielen sie Robin Hood und Marian, was Ari gefällt, weil er schon immer gerne Kleider getragen hat. Er träumte, wenn meine Notizen mich nicht trügen, dass er Lana an einer Leine hinter sich herführt, und sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „please enter penis here!“. Als er Lanas allerdings ansichtig wird, rennt er doch zurück zu Albert. Man kann für ihn hoffen: wer Robin Hood und Marian im Wald spielt, ist nicht gefährdet, ein Nerd zu werden.

Der dritte Lesende, den Leovinus, der in gewohnt souveräner Art durch den Abend führte, aus dem Lostopf zog, war Arved Wolf, der das erste Mal Prosa las. Es ging um einen Mann, der neu in einer Stadt ist, und den es auf der Suche nach Orten, die Heimat werden könnten, ins Freibad zieht. Wärme der Steine – unruhige tanzende Helligkeit. Er schwimmt, hauptsächlich Brust, bis er müde wird. Und es scheint beim Blick aufs Wasser auch eine Todessehnsucht auf, eins zu werden mit dem Nass. Wütendes Schwimmen, müdes Wanken nach Hause. Aufschließen der neuen Wohnung. Das ist meine Wohnung, hier sind meine Sachen, bei ihnen will ich bleiben.

Der Vierte war Herr Metzger. Er kommt von der Comedy, ist 75 Jahre und las aus einem Stück. Es war sehr pointiert und bitterlustig. Woran merkt man, dass man älter wird? Man kann sich seine Freunde nicht mehr aussuchen. Früher ging man zum Fußball, heute zu Beerdigungen. Man hörte ihm hier und da seine südwestdeutsche Herkunft an, wenn er von zwei alten Freunden, von denen sich der eine Sorgen gemacht hatte, dass „er“ schon seit Wochen tot in dem anonymen Berlin in seiner Wohnung vermodern könnte, sagte: Eine Zeitlang haben wir uns die Gisela geteilt. Er schrieb von der uralten Kultur des Anstehens, während er mit einem Bratwurstzettelchen in der Sparkasse darauf wartete dranzukommen. Wir freuen uns mehr davon zu hören.

Dann war Pause. Und nach der Pause meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den 24. Februar 2020. Und Premiere für mich: mein Thema, gespeist aus der aufwühlende Lektüre von Edward Snowdens Autobiografie: Vollüberwachung wurde als Thema für den Februar auserkoren.

Die nächste Lesende war Silke aus Eberswalde. Sie begann mit kindlichen Erinnerungen an die Briketts ihrer Großeltern, auf denen Union stand, das war 1986, da war sie vier in Leverkusen … kann das stimmen? … da kam das große Unglück mit den kleinen Teilchen über uns. Es schloss sich ein Text an, der sich in eher protokollarischer Form mit den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst beschäftigte, um den NRWE-Filz, um Baumhäuser mit Fenstern aus den abgerissenen Häusern, um Höheninterventionsteams, die diese Baumhäuser räumen sollten. Es war ein Text, gespickt mit Fakten, schnell gelesen, damit möglichst viel Information in die fünfzehn Minuten passte. Es wurde viel darüber diskutiert – und die Quintessenz in meiner Wahrnehmung: für einen emotionalen Prosatext zu viel Sachinformation, für ein Sachbuch zu emotional. Ich musste an die aufwühlende Sachlichkeit in Edward Snowdens Autobiografie denken. Aber wem das Herz voll ist … dem geht der Mund über, so ist das nun einmal.

Der sechste Lesende des Abends war Michael Wiedorn. Ein brüchiger Text mit dem Titel Der kahle Schädel, mit vielen Ecken und Kanten, aber ergreifend. Junge – Weg – cremefarbener Trabant – regloser Kinderkörper in Blutlache. Erich, wie er mich anstarrte – Krankheiten lauern unauffällig, bis ihre Stunde schlägt. Der leichte Ekel, wenn man in einer fremden Wohnung in etwas Feuchtes greift. Kuss, der nach Bier schmeckt. Kessel Buntes – dem Wessi was von der reichhaltigen DDR-Kultur zeigen. Dann Hape Kerkeling und Loriot. Schnittwunden auf glattrasiertem Schädel. Logopädische Behandlung. Als Kind brüllte er eine Wand an. Der Bettnässer, der Stotterer, der Schwule, vom Funktionärsvater verachtet. Am Ende das gelb verfärbte Weiß der Augen. Selbst jetzt, da ich nur meine Notiz-Fetzen abschreibe, empfinde ich die Kraft des Textes.

Als siebente las Gabi Petrich eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2050. Kein gutes Wetter. Seit dem 1.1.2033 gibt es nur noch ein Jahresendfest, der Kühlschrank sucht selber aus, was er bestellen will (ob wir noch selber essen müssen, hat sie nicht erwähnt) – da tauscht er schon mal Fleisch gegen Sojafrikadellen aus. Jede Aktion lädt Akkus auf. Wahrscheinlich selbst das Schreiben dieses Textes. Für einen Tee muss man 30 Minuten auf einem Ergometer strampeln. Ich fühlte mich an solche Zukunftsnaivitäten aus den Siebzigern erinnert. Das Internet und das Smartphone hatten sie damals nicht auf dem Schirm – und für alle, die es erleben werden: mal sehen, was die Autorin nicht auf dem Schirm hatte.

Der letzte Lesende des Abends war David. Sein Text hieß In anderen Umständen. Es ging wieder um einen Mann, der sich fremd fühlt in dieser Welt. Weihnachtseinkäufe, weicher Boden – er versackt buchstäblich, steckt bis zum Hals im Modder, schaut den Leuten von Ferne zu, wie sie ihre Einkaufswagen holen und wieder zurückbringen. Wann hatte er das je so intensiv getan. Die Frau des Mannes heißt Hertha, das fand ich komisch. Er sollte Blumen fürs Grab der Mutter mitbringen. Ein Rabe hüpft auf ihn zu, ich denke schon an Game of thrones, wo die Krähen immer die Augäpfel rauspicken – der hier findet Gott sei Dank einen Regenwurm. Hoffnung keimt auf, als sein Handy klingelt, aber es steckt in der Arschtasche … Hast du etwas Zeit für mich …, aber er kommt da nicht ran. Liebe … Beischlaf … Einkaufen mit dem Zettel in der Fresse – das ist der Gesamtzusammenhang, den der Autor herstellt. Bald würde sich die to-do-Liste in ein Aquarell verwandelt haben.

Mit diesem schönen Satz schließt dieses „Protokoll“. Bis zum nächsten Mal. Euer

November: eight points, novembre: huit points

Wie schade, Leovinus hatte sein Gedicht vergessen – besser gesagt, das Blatt Papier mit dem Gedicht, an das Gedicht konnte er sich noch halbwegs erinnern, weshalb wir trotzdem in den Genuss seiner Jahrestageserklärung und besagten Gedicht-Fragments kamen. Der Friede von Stargard (oder die Schlacht? oder ein anderer Ort in Mecklenburg? MEIN Gedächtnis ist jedenfalls dahin …) jährte sich zum soundsovielhundertsten Mal an diesem Montag. (Das Gedicht kann, nein, muss mittlerweile jeder auf unserer Facebookseite nachlesen.) Und schon ging’s los mit dem November-Themenbeauftragten!

 

„Vorhang“ war Wolfgang Webers Thema, und ein bisschen sah er auch aus wie ein wandelnder offener Bühnen-Vorhang mit seiner offenen roten Strickweste. Seine Assoziationsketten schlangen sich diesmal vornehmlich um das Theater: Vorhang-Rekorde (89, Wiener Staatsoper), Vorhang-Verschollene, die abgemagert nach Tagen dahinter aufgefunden werden (Legende), Shakespeare in 15 Minuten, alle Königsdramen am Stück, sämtliche Shakespeare-Stücke am Stück, in ein paar Minuten/Stunden, alle Sonette am Stück auf vielen Bühnen weltweit. Angesprochen auf seine Auswahl: „Das, was ich ausgesucht habe, passt besser zueinander als das, was ich weggelassen habe.“

Wolfgang Nr. 2 folgte sogleich (Eubel) und trug seine satirischen Betrachtungen zum Weihnachtsfest/-brauch/-datum vor, verglich die Situation des besetzten Palästina im Jahr Null mit der besetzter Länder/Völker anderer Zeiten, die Zuschreibung der Jungfrauenempfängnis zu Maria einem Übersetzungsfehler, den andere Frauen, die sich mit Besatzern eingelassen haben, nicht für sich in Anspruch nehmen konnten/können und andere überraschend hergestellte Verbindungen. Diese trafen auf ein ausgesprochen geteiltes Echo im Publikum. Dass ich selbst ungewohnt scharf mit Text und Vortrag ins Gericht ging, hatte gute Gründe, aber auch manche/n vielleicht überrascht. Eine ehrliche Meinung darf bei SNN sehr euphorisch wie auch scharf kritisch geäußert werden, solange sie nicht persönlich verletzend und/oder abseits des Gegenstandes formuliert wird.

„Eine Rekrutierung“ ließ uns dann Frank Georg Schlosser miterleben, und zwar aus der Perspektive des Rekrutierers. Der rekrutierte, wie sich langsam herauskristallisierte, einfach irgendwelche Auffälligen im Alltag, Leute, die wütend sind und nicht klar kommen damit. Er spricht sie an, verwickelt sie vielleicht in eine Auseinandersetzung, in diesem Fall landen beide in einem Café, dort, wo der Rekrutierer sein Opfer haben will. Etwas Diabolisches hat er, dieser Rekrutierer, behauptet, viele Tausend rekrutiert zu haben für etwas, was noch kommt. Ein Text, der zur Prüfung und Vertiefung eines bereits geschriebenen anderen Textes diente und doch neugierig macht.

Catri, Catriona Fadke, debütierte gleich doppelt, und das auch noch mit Erkältungs-Handicap: Zum ersten Mal überhaupt las sie eigene Texte vor Publikum, und zum ersten Mal natürlich bei SNN. Es waren Miniaturen über Alltagssituationen, Mitzwanziger, die ihr Leben leben und genießen wollen, auch wenn es sich nicht so entwickelt, wie sie (und wir) es vielleicht erwarten oder sich wünschen. Poetische Vergößerung könnte man das Prinzip ihrer Miniaturen auch nennen, wo das Warten an der Ampel zum Lebensstil, die Freundschaft im Wirbel des Jungseins festzuhalten versucht wird, Film-Bohemiens auf dem Fahrrad nach Hause fahren und vielleicht nicht mal wissen: „Sie werden nie wieder so sehr Mitte Zwanzig sein“.

Cati war es auch, die sich mutig als Themenbeauftragte des Januar meldete, und mutig (und riskant) überließ sie es dem Publikum auszuwählen, welches Thema sie dazu bekommt – „Physalis und Eiskristall“ wollte es nämlich NICHT, das zweite Los musste es nun sein, und das lautete: „Kotzbeutel“. Good luck, Cati!

Matthias Rische folgte einer von der Sommerhitze gestressten Laborantin auf den Heimweg in die Trambahn, die vor der Schule des Laborantinnensohns Roa nicht mehr weiterkommt, weil dieser den Verkehr blockiert, indem er mit einer Pistole vor den angststarren Mitschülern und Lehrern fuchtelt – mitten auf der Straße. Die Mutter versucht den eigenen Schock zu überwinden und zum Sohn durchzudringen, doch vor ihr dringt ein Polizeigeschoss zum Sohn durch. Effektvoll bis effekthascherisch fanden das die Zuhörer und beides bestätigte Matthias umgehend. Ein paar Haken sahen manche in der Logik des Erzählens, die durch die Dramatik zwar überdeckt, aber nicht gelöst wurden.

Gabi Petrich kündigte einen Text zur Unterhaltung an und: lieferte. Aus der Perspektive der Rückschau eines Schuhes (!), genauer High-Heels und seines Gegenstücks, in einem Altkleidercontainer entfaltete sich nicht nur ein ganzes Schuh-Leben, sondern auch ein großer Teil des Trägerinnen-Lebens, von der Partyzeit über die Beziehung und Heirat zur Schwangerschaft und Familienzeit, bis die edlen Schuhe nur noch vom Nachwuchs zum Spielen aus dem Schrank geholt werden. Gefolgt von einem zweiten Leben im Second Hand. Das war stilsicher und wie angekündigt unterhaltsam – ein „Toy Story“ mit Schuhen, wie jemand treffend sagte.

SNN-Debüt Nummer 2 und nicht mal das letzte dieses Abends (!): Thon. Seinen Kurztrip von Bruchsal zu Berliner Lesebühnen nutzte der erfahrene Lesebühnenmatador, um auch bei SNN vorbeizuschauen – danke für die Ehre! „Sex ist Opfer, ey!“ drehte sich um die drei wichtigsten Nebensachen der Welt: 1. Handy, 2. WLAN, 3. Sex. Er erzählte von nicht enden wollenden Hindernissen im modernen Leben, die entweder von einem (oder mehereren) der Nebensachen her rühren oder sich auf diese auswirken. Die eigene Unfähigkeit, mit einer und oder allen dieser Nebensachen klarzukommen, spielt allerdings eine nicht unwesentliche Rolle dabei und sorgt dafür, dass man – Text 2: „Date mit Kaffee“ – Kaffe bekommt, wenn man Sex will oder umgekehrt.

Das Leser*innenpensum von 8 füllte SNN-Debütant Nummer drei (!): Maik Fagin. Sein dahineilender bis -taumelnder Text begann mit der unfreiwilligen Begegnung des Erzählers mit einem Pitbull in der Hauseinfahrt („Nachbarschaftsbestie“), um sehr schnell und hart auf dem Steinboden des Alexanderplatzes aufzuschlagen, wo der Erzähler nach einem Schwächeanfall (liegt es an den schlechten Augen? der schlechten Brille?) und heftigem Erbrechen über die eigene Kleidung von Herrn Fielmann höchstpersönlich aufgelesen, vollgequatscht und in die nahe Filiale geschleift wird. Das war kurios, krass, etwas durcheinander und nicht gerade stringent erzählt – „eigentlich zwei Geschichten“ sagten mehrere, aber auch interessant und von ehrlicher Härte.

Dieses prallvolle Leseerlebnis konnten nun alle mitnehmen, und es wird sicher helfen, die Wartezeit bis zur Dezember-Lesebühne zu überbrücken. Am 23. 12. um 19.30 Uhr erwarten uns und euch neue Überraschungen und Frank Georg Schlosser als Themenbeauftragter mit einem Text zum Zuschauerthema „Kirsch“.

Irgendwie ist doch immer Geburtstag

 

Jedenfalls bei SoNochNie. Am 28. Oktober 2019 haben wir dank Leovinus den 782. Geburtstag von Cölln an der Spree gefeiert, denn „In Berlin vor langer Zeit machten sich die Cöllner breit“, so dichtete er. Und was reimt sich besser auf „Gefluche“ als die themenbeauftragte „Wohnraumsuche“? Danke, Leo! Für diese elegante Einleitung gibt‘s auf jeden Fall eine ohrgepinselte Moderatorenurkunde.

Matthias übernahm den Staffelstab und berichtete unter dem Titel „Vom Suchen und Vergessen“ mit leiser Melancholie, aber keineswegs schwermütig von den Nöten seiner ersten jugendlichen Wohnraumsuche. Das war 1983 im mauergeschützten Westberlin. Mit der Morgenpost unterm Arm und klammheimlich. Die fürsorglich-dominanten Eltern (oder war es nur die Mutter?) hätten wenig Verständnis aufgebracht für seinen Ausbruchsversuch aus dem trauten Lankwitzer Heim. Doch unterwegs zum Besichtigungstermin befällt ihn Panik: Würde er nicht – sowie einmal ausgezogen – im Handumdrehen vergessen werden? (Denn: „Wer solche Eltern hat, der hat auch keine Freunde.“) Und dafür, so traf ihn brutal die Erkenntnis, war er dann doch noch nicht bereit. Also husch, zurück ins Körbchen und aufgeschoben den vorwitzigen Plan. Nach Abschluss seiner Tischlerlehre würde die Welt bestimmt schon ganz anders aussehen … Viel positives Feedback gab‘s für diesen Beitrag und natürlich die berühmte Ehrenurkunde.

Dann betrat der Elmar – Premiere, hört, hört! – die Bühne mit Gitarre und trug Lyrisch-Prosaisches in der Tonart „Pullmoll“ zum Thema „November“ vor: „Lausiges Novembernass sickert ins Gemüt …“ Da ist Oma Fähnchen mit einem Blumenstrauß unterwegs zum Grab ihres verblichenen Heinrich und wird – das Leben steckt voller Widrigkeiten – von den frechen Blütenstängeln „in die Titten“ gepikst. Vielleicht ist sie so alt wie Pippi Langstrumpf jetzt wäre, die womöglich als Pippi Strützstrumpf im Altersheim von Taka-Tuka-Land lebt, sinnierte der Autor. Bezüglich Oma Fähnchen schloss er mit den Zeilen: „… und sie sehnt herbei voll Schmerz a) die Weihnacht, b) den März.“ Als wäre das nicht Unterhaltung genug, gab‘s noch ein Chanson über einen Torero ohne Tiefsinn obendrauf. Immer wieder gern, durchaus auch singend, Elmar!

Dritte im Lesereigen war Suse aus Neukölln, die einen „Goldenen Nachmittag ohne Nixe“ zum Besten gab. „Wir treffen uns beim Supermarkt. Rotze wartet bereits.“ So setzte sie von Anfang an treffsicher den Ton. Die Ich-Erzählerin der Milieustudie ist knapp 14, raucht und trinkt Goldkrone, um sich den Tag zu vergolden. Zum Geburtstag wünscht sie sich Torte, Sekt und „dass Muddern mal nüchtern ist“. Sie hat das Sagen in der Gang, zu der auch Zecke, Kay und Nixe gehören. Aber Nixe fehlt an dem Tag, und Zecke ist zu spät. Muss dafür Pizza klauen im Supermarkt. Erst läuft alles glatt, dann kommen „die schwarzen Ladenhüter“, und es wird eng für die Mädchen … Suse weiß, wovon sie redet und ist nicht nur sprachlich dicht dran an ihren Protagonisten. Das Publikum ging voll mit.

Nach der Pause ist vor der Wahl. Doch Überraschung: Nicht nur die von Leovinus beverste in Thüringen ist passé, sondern auch die zum Themenbeauftragten für Dezember – glücklicherweise mit besserem Ergebnis. Der abwesende Frank hatte sich darum beworben und muss sich nun zum Thema „Kirsch“ was einfallen lassen, nachdem „Sündenfall“ – Thema Nr. 1 – in der (erstmaligen) Publikumsabstimmung durchgefallen war.

Was wäre eine Lesebühne ohne Wolfgangs Assoziationsakrobatik? Kariert versus liniert – so lautete die Versuchsanordnung. Eine Recherche im Schreibwarenladen brachte die ganze Bandbreite an möglichen Lineaturen zutage: groß- oder kleinkariert, mit Rand oder ohne und wenn ja, wie breit. Der Transfer der Lineaturen ins wahre Leben gelang Wolfgang bei einem Punkkonzert auf dem Tempelhofer Feld mühelos, fand das geneigte Publikum. Eine Zuhörerin nahm die Frage mit, welches Teilchen oder Kästchen im großen Ganzen sie wohl sei und ob sie auch Ränder habe. Danke, Wolfgang, für diesen erfrischenden Denkanstoß!

Eigentlich zu spät erschienen, weil in Unkenntnis unserer neuen Anfangszeit (19.30 Uhr), bekam Oliver doch noch die Chance zum Vortrag. „Part of missing man“, lautete der Titel, wenn ich das richtig notiert habe. Es ging um Kurt Cubain, den 1994 mit 27 jungen Jahren selbstgemordeten Sänger und Gitarristen der Band Nirvana, um sein Album „Never Mind“, seine schwierige Kindheit, die quälende Monotonie seines Rockstarlebens, seine Depressionen. Ein langes Gedicht nannte Oliver den sprachlich dichten, inhaltlich schwebenden Text, dem wir gern zuhörten. Nach eigener Aussage ging es ihm um Konformismus, Wahrhaftigkeit und wie Kreativität auch in einem brutalen Arbeiterumfeld an Gestalt gewinnen kann. Cubains Geist traf das jedenfalls ganz gut, fand nicht nur Wolfgang.

Mit „Die Wohnung“, einem Auszug aus etwas Längerem, beschloss Barbara diesen abwechslungsreichen Abend. Ihr Text knüpfte direkt an ihre Älteres-Ehepaar-Geschichte an, in der die Frau auf den richtigen Moment zum endgültigen Gehen wartet. Jetzt ist sie wirklich fort, allein in der im Stillen gekauften Zweieinhalbzimmerwohnung. Es klingelt an der Tür, sie muss eine allzu neugierige Nachbarin abwimmeln, bevor sie sich ein Glas Wein gönnt. Das soll ihr helfen, „den Mann zu vergessen, der sie 35 Jahre lang zu seiner Haushälterin gemacht hat“. Eine sehr geradlinig erzählte Episode, merkte Suse an, und tatsächlich könnte das Gesamtprojekt durch mehr Gestaltungsfreude noch gewinnen. Erzählenswert fanden wir die Geschichte allemal.

Das war sie auch schon wieder, die etwa 182. offene Lesebühne SoNochNie. Die schönen Fotos stammen wie immer von Michael – danke! Unser Dank geht natürlich auch an das Team vom Zimmer 16. Am 25. November wird uns dann Wolfgang als Themenbeauftragter verraten, was es mit einem „Vorhang“ auf sich hat, vielleicht gehabt hätte oder künftig würde haben können. Wir sehen uns!