Gedichte, Gedichte, Gedichte

Die 118. Lesebühne SoNochNie! am 22.Januar 2018 – die beste Lesebühne des Jahres, wie Leovinus in seinem launigen Einleitungsvortrag feststellte – wurde wie immer eingeläutet vom Themenbeauftragten, in diesem Falle Wolfgang Weber. Thema: „An der Wegkreuzung“. Untertitel „Me & the devil“ oder „Icke und der Deibel“

Das ist das Schöne an Wolfgang, man lernt immer was dazu – letztens über Mödlareuth – obwohl ich das auch beim ZDF hätte lernen können, aber ich höre lieber Wolfgang Weber zu. Diesmal ging es um Robert Johnson. No Robert, no Rock’n Roll. Standing at the crossroads – daher die Verbindung zum Thema.  Robert gehört zum Club der mit siebenundzwanzig Verstorbenen. Es geht das Gerücht, ein eifersüchtiger Ehemann habe ihn vergiftet. Naja, wenn so einem Gitarrenspieler das Herz der eigenen Frau zufliegt … da lebt man halt gefährlich. Herzlichen Dank, Wolfgang. Links das Foto der feierlichen Verleihung der Ehrenurkunde.

Anschließend las Anne K(reativ) – Debütantin auf unserer Lesebühne – einen autobiografischen Text „Das fängt ja schon gut an“. Sie entführte uns in die Platte WBS 70 mit 60 m2, beschrieb die rücksichtslose morgendliche Dynamik der Eltern – es ging schon mit schlechten Energien in die Schule, entsprechend waren die Ergebnisse – eine Katastrophe für die systemtreuen Eltern. Wenn die Noten schlecht ausfielen oder gar ein roter Eintrag das Hausaufgabenheft zierte, ersann das Kind Ablenkungsstrategien – deckte den Abendbrottisch besonders liebevoll. Aber irgendwann kam es doch heraus – das wie auch immer geartete Schlimme und dann gab es des Öfteren Schläge, mit der flachen Hand oder auch dem Gürtel, einem Latschen. Die Mutter stand „singend“ daneben ohne einzugreifen. Das Kind legte sich den Slogan „Schlag zu, aber meine Tränen kriegst du nicht“ zu. Deshalb fällt es ihr heute noch schwer zu weinen. Der Text erfuhr sehr viel Zuspruch wegen des Mutes sich diesem Thema zu nähern. Es gab aber auch den Wunsch, mehr ins Detail, in die konkrete Situation zu gehen und vielleicht eine wirkliche Erzählung daraus zu machen.

Dann las Matthias Rische eine seiner Phantasien. Erst versuchte Kalmus Luna zu retten, aber ein großer Vogel stieß immer wieder auf ihn herunter. Der Vogel fordert: „Gib auf!“, „Niemals!“ – „Sie gehört mir, hat sich verpflichtet für zwei Jahre“ – „Nicht Luna! Nicht meine Tochter!“ Da fährt ein Schwert auf ihn herab – der Kopf wird vom Rumpf getrennt … „Mission failed“ – erst an dieser Stelle erfahren wir, dass wir uns in einem Computerspiel befinden. Der Hauptheld sitzt vor dem Computer, heißt Henrik und ist online auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Maria, Nickname Luna. Sie hat ihr Handy zurückgelassen als Zeichen, dass es ihr ernst ist. Er streitet sich mit Emma, seiner Frau, die Fotos von Maria in der Nachbarschaft klebt. Sie macht ihm Vorwürfe. Er aber hofft, nachdem er ihren Laptop durchstöbert hat, sie online zu finden, bis er begreifen muss, dass er zu schwach ist – als Spieler, als Ehemann und als Vater. Er sucht Emmas Nähe. „Die Vögel am Himmel ziehen ihre Kreise, mal flügelschlagend, mal gleitend.“ Und dann war die Geschichte zu Ende. In der Diskussion wurde die Sprache gelobt, aber bemängelt, dass es schwer sei, sich in der Geschichte zurechtzufinden. Und wieso gibt es kein Happyend wenigstens dergestalt, dass er sie online findet. Matthias konnte dazu auch nicht viel sagen. Happy End, was ist das und er kommt selber mit dem Computer nicht so gut zurecht, er kennt nur ein paar Jugendliche, die Computer spielen, das muss reichen.

Und dann gab es vor der Pause noch einen Neuling auf unserer Lesebühne, Stefan Franken. Er erfreute uns mit gut durchdachten und gereimten Gedichtminiaturen, und hatte ob der sauber gezirkelten Wortkreise immer wieder die Lacher auf seiner Seite. „Kuckuck“ hieß das erste Stück, das beschrieb, wie des Buchfinken Eier entsorgt werden, um ihm die eigene Brut unterzuschieben. Verzeihung kam daher, dass die Tat instinktbedingt war. Es folgte der „Akt“ – Kunstkenner bezahlt astronomische Preise für Punkte und für Kreise … ein weiteres Gedicht hieß „Freiheit“ – mit dem schönen Reim „Es hat die Pflicht fast absolviert, da schwant dem Pferd, es sei dressiert“. „Pediküre“ beschreibt die Privatinsolvenz einer Tausendfüßlerin. Leovinus sah Heinz Erhardt aufpoppen. Das Publikum saß starr vor Hochachtung – Stefan gab noch bekannt dass er derzeit an einem Krimi arbeitet – in Versform.

Dann war Pause und nach der Pause wurde der neue Themenbeauftragte beauftragt. Es meldeten sich zwei Interessenten und so musste das Los entscheiden, wer im März die Lesebühne eröffnet – und es wird Elmar Grüber sein – mit dem Thema „Liebe, Tod und Teufel“.

Den Reigen nach der Pause eröffnete Diana-Dana Möller mit dem launigen Satz, sie sei der geborene Sohn und die heutige Tochter ihrer Mutter – und seitdem sie Tochter wäre, schreibe sie auch. Sie las ebenfalls eher Lyrik – beginnend mit „Befreit von mächtiger Hand“ – eine kurze Geschichte der Wendezeiten – „Volk und Land an der Mächtigen Gängelband“ bis zum „Ende unhaltbarer Zustände“.  Während dieser Text eher ein historischer Abriss war – in der Diskussion wurde der Text mit Homerschen Gesängen verglichen – beschäftigte sich der zweite mit „Freiheit“, was nach Meinung der Autorin im Endeffekt die Identifikation mit eigenem Tun und Handeln bedeutet. Mir gefiel am besten die „Stimmung“ – Stimme, Stimmklang, Stimmung, Übereinstimmung – für eine Stimmung entscheiden – ja, Gefühle können trügen – Stimme klingt bestimmt – bestimmt meine Stimme mein Sein? – Vibrieren im Inneren – Harmonie – Symphonie ; und zum Abschluss „Vom Nichtstun ausruhen“ frei nach Zille „Wie herrlich ist es nichts zu tun und dann vom Nichtstun auszuruhn“ – und hinterher gut essen gehen.

Danach las der frisch gekürte Themenbeauftragte selbst Gedichte wie „Der alte Wasserhahn“. Elmar las leider so schnell, dass ich nur wenige Bonmots mitschreiben konnte. Jedenfalls wurde der alte tropfende Wasserhahn irgendwie mit Hesses Dichtung (tata tata tata) Stufen repariert – der Querflötist braucht für schmale Gage eine Massage – da waren wir dann schon in dem Tiergedicht „Elefant, Eisbär, Querflöte“ – der Eisbär z.B. hat kleine Ohren (damit er nicht zu viel Wärme abgibt in der Kälte im Gegensatz zum deutschen Teddybären in überheizten Wohnstuben). Außerdem gab er uns Einblick in seine Arbeit für die CIA – Umdichtung von Kinderliedern „Drei Muslime mit dem Pulverfass, saßen auf der Straße, denn sie planten da was …“ Er schloss dann die erotische Abteilung auf und strich irgendwem mit einer Hühnerfeder über irgendwelche Körperteile, wo man in der Eifel noch das ganze (lebende) Huhn bevorzugt. Dann klappte er die erotische Abteilung zu. Und verabschiedete uns mit dem Sinnspruch „Es steckt in jedem alt gewordenen Mann ein Bursche, der’s nicht fassen kann. Sehr launig, gekonnt und amüsant.

Es folgte als Debütantin unserer Lesebühne Christina Bauer mit Gedichten, die sehr viel besinnlicher waren. Es ging ums Reisen auf Gleisen, die nicht parallel verlaufen und doch alle hier münden, um Süchte, um Begegnungen – sie kam von oben, ich von unten – als wir uns begegneten – Chance vertan – verschwunden, ich nach oben, sie nach unten. Es ging um die Lüge – Ich habe sie schön ausstaffiert, Kleidchen angezogen, Parfüm gekauft, eins für die Nacht, eins für den Tag – und schlussendlich um die Wahrheit – was ich seh und was ich nicht zeig: ich bin die Vollkommenheit. In der Diskussion wurde gesagt, dass es zu komplex sei, um es nur vom Hören zu erfassen. Ich kann das nur bestätigen: mir fällt es schwer, weiteres darüber zu schreiben. Die Künstlerin sagte dazu: Sie könne gut lange Texte schreiben, aber da steht dann auch nichts drin.

Den Abend beschloss Erik Ahrens mit … Gedichten (nicht gereimt) „Charakteristik einer Gegend“ – da ging es um Beobachtungen aus einschlägigen Berliner Stadtbezirken (kann mittlerweile überall sein) „Kinder proklamieren: Nehmen ist besser als Geben – Eltern widersprechen nicht“ – „Im Supermarkt Lache Buttermilch – Keiner will es gewesen sein, aber amüsieren, wenn jemand Chianti falsch ausspricht“ – „Ach, das war hier mal anders – kann sich keiner dran erinnern“. Dann „Produktbeschreibung“ – „Der Stoff aus dem die Träume sind … in Bangladesch von kleinen Kinderhänden produziert …. Passt nicht zu deinem Profil … ist ein Schmetterlingsflügel, berührst du ihn, zerfällt er zu Staub“ – und schlussendlich: „Kein Einzelfall: Schnappschuss von Katastrophe … Männer im Feinripp weg vom Fernseher auf den Balkon – getuschelt, gegafft und Bier vom Späti mitgebracht“ – da reimte sich doch mal was – „Erst als der Rettungswagen davonrast – endlich mal wieder was passiert“. Der Erik war schon immer so wütend, verkündete seine Mutter von der Bar, wo alle brav ihr Bargeld hintrugen, hoffe ich.

Das war die gedichtlastige 118. Lesebühne. Mir hat sie ausnehmend gut gefallen. Und sie war gut besucht. Die 119. folgt im Februar – bis dahin – nie die Tinte trockenwerden lassen.

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Jahresendflaute? Doppeldebüt!

Vor dem Ersten Weihnachtstag als Lesebühnenmontag hatten alle gewarnt – Da kommt doch keiner! Nun, anscheinend hat ausgerechnet keiner verpennt und ist wirklich zuhause geblieben, aber außer ihm waren ziemlich viele da.

JAPLUAP nennt sich der Dezember-Themenbeauftragte. Er las zum ersten Mal bei So noch nie, und, wie er sagte, überhaupt zum ersten Mal Selbstgeschriebenes. Doch mit Doppeldebüt war nicht dieses zweifache erste Mal gemeint. „Alzheimer“ war das Thema, das Japluap vor zwei Monaten aus den Zuschauervorschlägen gelost hatte, und er präsentierte eine Handvoll (5) Gedichte, die um die Alzheimererkrankung eines alten Vaters und die schwierige Beziehung zu dessen Frau und erwachsenen Kindern kreisten. Die Gedichte, teils in Reimen, waren Reflexionen, Standortbestimmungs-Versuche, auch Versuche in Lyrik. Da wurde der Vater von „Herrn Heimer“ heimgesucht und von der restlichen Welt abgeschnitten. Der Sohn sucht Haltung, Grenze, Zugang, Heimat – ein einflussreicher Mann, dieser Herr Heimer.  Japluap hatte sich was getraut und sich den Meinungen gestellt, vielleicht bleibt er ja am Ball und nimmt Anregungen mit für seine nächsten Arbeiten!

Frank Georg Schlosser nahm nun den Platz hinter dem Lesetisch ein. „Omas Teppich“ seine schwarzhumorige Geschichte von einer zwar unblutigen, aber doch tödlichen Beendigung einer Ehe durch den Ehemann und der seltsam bereitwilligen Beseitigung der Leiche durch dessen ebenfalls (lebendig) geschiedene Eltern. Dabei spielte wiederum der Teppich der dritten beteiligten Generation (verstorben) eine wichtige Rolle. Ob Oma Alzheimer hatte, war allerdings nicht zu erfahren.

Als dritter las ich meinen Text „Down In The Hole“ über einen ungebetenen nächtlichen Besuch, der den Erzähler in ein Streitgespräch über das Verhältnis Mann/Frau und die aktuellen Diskussionen um dessen Belastungen verwickelt – ausgerechnet während der Gute auf dem Klo sitzt. Mir war das Wort nicht eingefallen, mit dem ich diesen Text – eine echte Geschichte ist es eigentlich nicht – bezeichnen konnte, Polemik traf es nicht ganz, aber: Streitschrift. So ist er also „etwas“ zwischen Geschichte und Streitschrift und stieß tatsächlich ein paar Gedanken an – merci.

Den ersten Teil vor der Pause schloss unsere zweite Debütantin des Abends ab: Magda Brandau. Mit doppelter Brille und sechssaitiger Gitarre gewährte sie uns Einblick in ein laufendes Projekt. Ausgehend von der Übersetzung eines Gedichts des kapverdischen Lyrikers Louis Philippe (?) – „Erfindung der Liebe mit dem Charakter einer dringenden Notwendigkeit“ geht es darin um eine verbotene Liebe in der Zeit der portugiesischen Militärdiktatur, die sogar per Fahndungsplakat denunziert wird. Zwei Schwestern erkennen auf ihre alten Tage ihre Verbindung zu jenem berühmten Gedicht. Das Projekt ist noch im Entstehen, sagt Magda, und insofern blieb ihr Wort-Musik-Vortrag fragmentarisch. Aus dem Publikum gab es dazu die Anmerkung, es müsse ja noch eine Geschichte daraus werden, ein Roman vielleicht. Ich fand das Unzusammenhängende, Suchende in dieser „Collage“ dagegen reizvoll und dem Gegenstand angemessen. Vielleicht hält uns Magda ja bei künftigen Lesebühnen auf dem Laufenden!

Der zweite Teil begann wie immer mit der Bestimmung des Themenbeauftragten für die übernächste Lesebühne. Um es kurz zu machen: Das bin ich geworden, und mein Thema im Februar wird sein: „Unfisch“. Petri Heil, sage ich da.

Heiko Heller sah sich anschließend, erst nur in der U-Bahn, dann überall, von umprogrammierten Klonen in Menschengestalt umgeben. Eine Entdeckung, die zwar durchaus furchterregend sein mag, ihm aber außerdem eine ganze Menge plausibler Erklärungen über die Beschaffenheit und das Funktionieren der modernen Welt und des Lebens inklusive Trump und der AfD lieferte. Die Verschwörungstheoretiker haben also doch recht, ich hab es immer gewusst!
Seine zweite Geschichte kann man nur als tragische Liebesgeschichte bezeichnen. Wir durften teilhaben an den ersten zarten Banden, die sich zwischen dem Erzähler und einer Stubenfliege in seiner Wohnung knüpften und sich zu einer veritablen Liebe entwickelten, samt Besuch bei den Schwiegereltern und der Beziehungskrise, die sich nicht mehr umbiegen ließ – Zerrüttung, Aus, Ende.

Maik Lippert ließ darauf einige im Vergleich dazu sehr strenge lyrische Texte folgen: „Ständig auf dem Weg“, „Drontheimer Straße“, „Hafermastgänse“ z.B. So kurz gefasst und minimalistisch war selbst Maik wohl noch nie bei So noch nie. Eine Herausforderung und zum einmaligen Hören doch sehr komprimiert – Dichtung eben. Zum Glück bringt er immer ein paar Kopien seiner Texte fürs Publikum mit – und zum Glück gibt es seine Lyrik auch hier und da in Büchern zu lesen – was ich allen Lyrikfreunden nur empfehlen kann.

Matthias Rische zog uns „ohne Ich“ in einen inneren Strudel des Bewusstseinsverlustes und der Ausweglosigkeit – oder besser gesagt des einen, letzten Ausweges, eines Strickes am Fensterkreuz, nicht ohne dem vorausgegangen Versuch, das eigene Ich doch irgendwie zu bewahren, und sei es mit Hilfe von Spickzetteln, die daran erinnern sollen. Da Matthias aber lebendig und ohne erkennbare Persönlichkeitsstörung vor uns saß, musste man sich wieder einmal fragen: woher nimmt der Kerl nur seine abgrundtiefen Stoffe?

Das Team von So noch nie bedankt sich beim Publikum des Jahres 2017 für tolle Begegnungen und Entdeckungen, bei allen, die sich gewagt haben, für viele, viele hoch interessante Texte, außerdem für die höchsten Besucherzahlen eines Jahres ever. Wir bedanken uns bei den FreundInnen und GastgeberInnen vom Zimmer 16 für ihren unermüdlichen Einsatz für ein lebendiges kulturelles Leben in Pankow und bei allen, die uns hier auf der website und/oder auf facebook mit Interesse folgen.

Allen einen guten Rutsch und ein wunderbares, kreatives und produktives Neues Jahr!

Déjà-Vu

Das war sie, unsere traditionelle Dezemberlesung in der Janusz-Korczak-Bibliothek in Pankow am 14.12.2017, musikalisch eingeleitet von der zauberhaften Ute Danielzick.

Sie trug die von ihr geschriebenen Lieder „So noch nie“, die Hymne unserer Lesebühne vor und ein Lied zum Thema Déjà-Vu – jedes Jahr die gleiche Versuchsanordnung mit den gleichen Personen, nur ein Jahr älter, genannt „Weihnachten“ – da möchte sie lieber nach Hawaii. Danke, liebe Ute.

Die zu Gehör gebrachten Geschichten waren ein guter Jahrgang, wie ich fand, denen leider nur wenige Zuschauer ihre Aufmerksamkeit schenkten, die aber dafür besonders intensiv zuhörten und es klang in den Nachgesprächen, als könne da neues Stammpublikum für die Lesebühne gewonnen worden sein.

Michael Wäser begann mit „Down in the hole“, einer sehr amüsanten Auseinandersetzung mit einem zwergenhaften Wesen, das einer tiefnächtlichen Sitzung präsidierte und dem Haupthelden (dem Sitzenden) allerhand Vorhaltungen machte.

Frank Georg Schlosser setzte fort mit „Paul geht nach Amerika“, einer problematischen Ankunft in einer neuen Heimat mit heftigen Déjà-Vus, einer Fingerübung im gruseligen Genre.

Danach las Angela Bernhardt eine Geschichte (die erste des Abends ohne runtergelassene Hosen) darüber, dass späte Liebe es möglich macht, Abba und Spliff abwechselnd auf einen MP3-Player zu kopieren und shufflefrei abzuspielen, ohne dass die Technik streikt, weshalb die Geschichte ursprünglich „Wunderwerk der Technik“ hieß.

Den Abend beschloss unsere Norbert „Leovinus“ Wurzel mit Halleluja, einem wunderbaren Kleinod darüber, was einem passieren kann, wenn man im Fahrstuhl der Galeria Kaufhof den von einer alten Dame angebotenen Kirschkuchen verschmäht. Tu es nicht. Nimm ihn. Iss ihn. Sonst kriegst Du das Halleluja nicht los.

Es war ein wunderbarer Abend, den wir mit einer kleinen Weihnachtsfeier im Alassio II, wo sie uns um zwölf rauswarfen, beschlossen haben. Da gehen wir nicht wieder hin. Um zwölf!

Wir danken allen Beteiligten der Janusz-Korczak-Bibliothek, allen voran Frau Breuer, für die herzliche Organisation des Abends.

So Gott will dann auf ein Neues im nächsten Dezember.

Euer

Würfelquall‘ und Weihnachtsmann tanzen wild auf dem Vulkan

Ja, der Bogen dieser November-Lesebühne war in der Tat weit gespannt und das Publikum zu unserer Freude auch reichlich erschienen.

Locker anmoderiert von Leovinus übernahm unser Themenbeauftragter Dimitri die erste Reim- und Tanzposition: poetische Sprachbilder in mehreren Gedichten, denen er mit vollem Körpereinsatz zusätzlich Ausdruck verlieh. Das Thema ausgesetzt mäanderte darin recht lose von ausgesetzt werden zu etwas ausgesetzt sein. In Die Baumdeutung war da zunächst ganz allein in einer Hausecke ein Baum, dem es wohl an Verwurzelung fehlte. „Trösterchen: Wer keine Wurzel hat im Boden, den kann keiner jemals roden.“ Wie wahr. Und auch wie traurig. Heiter ging’s weiter mit einer Rhapsodie in Grün auf die oft geschmähte Leuchtstoffröhre, die auch bei Dimitri nicht gut wegkam: „das Ohr durchsticht es, der Schrei des Lichtes“. Vom dritten Gedicht topfit houserunning ist mir der Schluss hängengeblieben: „Die Römer haben Asterix am Ende besiegt. Gott segne Amorika.“ Im vierten und letzten Gedicht ging es um Unendliche Aufwachungen: „Visionen vertonen, verfließen, verblassen, als qualvoll im Schallwall die Hellsicht ertrinkt.“ Ich kann nicht behaupten, dass sich mir inhaltlich alles erschlossen hat, aber darum geht es Dimitri nach eigener Aussage auch nicht, wichtig sei eher der Rhythmus, der Sog der Sprache, das Gesamtkunstwerk. Und das kam – auf seine exzentrische Art – beim Publikum sehr gut an. Die Themenbeauftragten-Urkunde war ihm jedenfalls sicher.

Das Los wollte mich, Angela, schon als Zweite am Lesetisch sehen. Mitgebracht hatte ich diesmal den Anfang eines neuen Kinderbuchs, in dem Vulkane eine besondere Rolle spielen. Mehr will ich hier inhaltlich gar nicht verraten. Zu meiner Freude fand das Publikum den Text spannend genug, um sich für die Fortsetzung zu interessieren. Ein paar interessante Hinweise durfte ich außerdem mitnehmen.

Als letzter Lesender vor der Pause trug Herr Schmidt, Bühnendebütant, nicht nur bei uns, seinen Text vor. Einigkeit, die war im Stil eines inneren Dialogs verfasst und eher für die Leserbriefecke in der Zeitung gedacht denn als literarischer Text. Ausgehend von der Krux eines Bewerbungsgesprächs, in dem sich jeder verstellen müsse, gelangte der Autor zu einer persönlichen Abrechnung mit allen machtsüchtigen Herrschern im Allgemeinen und Robert Mugabe im Besonderen. Das Publikum fand die Argumentation mehrheitlich nicht so ganz schlüssig.

Nach eindringlicher Werbung für den Posten des Themenbeauftragten im Januar entließ Leovinus uns in die Pause. – Sein Aufruf zeigte im Anschluss auch gleich Wirkung, denn es meldeten sich sogar zwei Anwärter. Nicht ein Bewerbungsgespräch, sondern das Los entschied. Es fiel auf Wolfgang, der nun bis Januar thematisch An der Wegkreuzung steht. Mario darf sich gern wieder um den Februar bewerben.

Matthias setzte die Leserunde mit einem todtraurigen Freeze fort. Eine Frau, deren Sohn vor acht Jahren ermordet wurde, streift seitdem ruhelos durch Berlin, um den Mörder zu finden. Im Kopf immer die Vorstellung: „Dieser Mann lebt wahrscheinlich ein ganz normales Leben in der Stadt.“ Doch statt des Mörders findet sie in ihrer wirren Fantasie nur noch einmal den toten Sohn am damaligen Tatort. Aus der Endlosschleife des Verlusts scheint es kein Entrinnen zu geben. Das Publikum war größtenteils sehr berührt. Bei aller Anerkennung für den flüssigen Erzählton fühlte ich mich selbst zu betroffenheitsdrüsengedrückt. Für mich blieb der Text – auch weil bar jeder Recherche – an der Oberfläche dieses tiefgreifenden Themas.

Mario alias Herr Rauschebart gab zwei Anekdoten aus seinem geheimen Leben als Weihnachtsmann zum besten. In Kufenbruch im Bürgerpark entspinnt sich zwischen ihm und dem Vater des zu bescherenden dreijährigen Dustin anhand des Weihnachtsmannschlittens ein handfester Streit über seine, also des Weihnachtsmannes, Echtheit. Was macht der Weihnachtsmann im Sommer? Schlitten reparieren, unersättliche Rentiere durchfüttern und Urlaub natürlich. Vielleicht sogar auf dem Campingplatz um die Ecke. Falls er dort erkannt würde, verbat er sich vorsorglich schon mal dumme Fragen. Tiefgang war hier gar nicht angestrebt, vielmehr kurzweilige Unterhaltung. Und das hat gut geklappt, fand das Publikum.

Wolfgang beschloss den Abend mit Käpt’n Sharky, dessen Büro nur zehn Sekunden pro Woche besetzt ist. Der rhythmisierte Text: eine wilde Tour de Force durch die Vergnügungen der Unterwasserwelt mit ihren skurrilen Charakteren, allen voran die Würfelqualle. Trotz kleiner Längen war das Ganze so absurd, dass es schon wieder cool war, bemerkte eine Dame aus dem Publikum sehr treffend.

Die nächste offene Lesebühne SoNochNie wird übrigens am ersten Weihnachtsfeiertag – ja, wirklich! – also am 25. Dezember 2017, wie üblich um 20 Uhr im Zimmer 16 stattfinden.  Bei der Gelegenheit: Danke an das Team vom Zimmer 16 für alle Unterstützung! Themenbeauftragter im Dezember wird der freundliche Japluap sein, das Thema … ähm … Moment mal, hab’s gleich … ach ja, Alzheimer.

Wer sonst noch einen illustren Themenvorschlag sucht, wird vielleicht in der November-Trommel der ausgesetzten Lose fündig: rumkugeln mit Rumkugeln, Fremd gehen, Extreme, La Palma, Toilettengesang, Krach, Verfrauen, Exklusivität, eine kontraprekäre Situation, Familie/Freunde, COOL, Zeitkrümmung, Die Kranke und der Beschützer, Wasserstoffperoxyd und – nicht zuletzt – Wolfgang. Vergnügt euch!

Einen stimmungsvollen Advent und kommt zahlreich wieder, wenn der zweite Festtag ruft!

 

 

 

 

 

Tradition und Überraschung

Ich gebe zu, dass ich mich für die Niederlegung dieses Protokolls vor allem auf karge Notizen stützen muss, die ich mir im Laufe des Abends machte, bei dem trotz gut gefülltem Haus sich nur vier Lesende einfanden. Eventuelle Erinnerungslücken könnte ich leichtfertig mit dem Dezember-Thema begründen. Tue ich aber nicht.

Die erwähnten Lesenden aber – soviel sei verraten – enttäuschten das Publikum keineswegs.

Unser Themenbeauftragter Frank eröffnete das bunten Potpourri mit seiner Geschichte „Die Deutsche“ zum Thema „Warmduscher“. Jeff ist der Überzeugung, dass sein übergewichtiger Freund Bob eine Chance bei der deutschen Gastschülerin hat. Also beschließt er, dem Schicksal etwas nachzuhelfen, indem er ihr kurzerhand das Handy klaut. „Ein Schwarzer sieht für die eh aus wie der andere.“ Aber Bob will gar nicht als der Held da stehen, als den Jeff ihn verkaufen will. So endet die erste Geschichte des Abends zwar für die Protagonisten tragisch, für Frank jedoch glücklich, da seine Short Story, die ganz der amerikanischen Tradition folgte („nicht zuviel, dies aber präzise“), vom Publikum zu Recht sehr wohlwollend aufgenommen wurde.

Anschließend bezauberte uns Dimitri Rameau mit der pathetisch-melancholisch-fröhlichen Nachtschwärmerei einer einzelgängerischen Biene, einer einfachen Nektarsammlerin, die es in die große Stadt verschlagen hat. Das Publikum war nicht zum ersten Male angetan, sowohl von seinem Text als auch von seinen untermalenden tänzerisch anmutenden Bewegungen.

Nummer Drei war ein gern gesehener Stammgast nicht nur auf unserer Offenen Lesebühne. Wolfgang Webers Text jagte mit Hilfe von neun Kastanien auf den Spuren von Stanislaw Lems Ijon Tichy quer durchs Universum. Dabei nahm er Erich von Däniken und Uri Geller an die Hand, ließ sie wieder los, streifte den Knall vom Wedding ebenso wie die polnische Bloggerin und Romanautorin Dorota Masłowska. Wie immer irrwitzig, wie immer nur zum Teil verständlich, möglicherweise nicht jedermanns Geschmack. Ich aber stehe dazu: Wolfgang ist ein Unikat, das ich auf unserer Lesebühne nicht mehr missen möchte.

Nach der Pause stand traditionell die Wahl des Themenbeauftragten an. Da sich auf meine Frage, wer denn schreiben könne, nur eine einzige Person meldete, wurde eben diese, nämlich der freundliche Japluap zum Themenbeauftragten des Monats Dezember gekürt. Er zog – Zufälle gibt es – das Thema, das er selbst in die Lostrommel geworfen hatte: „Alzheimer“. Wir freuen uns also auf den 25.Dezember! Die weiteren Themen stelle ich am Ende dieses Artikels zur freien Verfügung.

Den Abschluss des Abends bildete Matthias mit dem überraschend lustigen Text „Mann ohne Frau“. Nachdem der Ich-Erzähler eine Frau namens Silke an der Edeka-Frischetheke kennengelernt hat, lädt er sie zu sich zum Essen ein, wo schief geht, was nur schief gehen kann. Spätestens als er feststellt, dass sich ein Brat-Hühnchen nur bedingt zur Verführung einer Vegetarierin eignet, ist auch dem letzten im Publikum klar: Das kann nur schief gehen. Eine gelungene Geschichte, bei der sich jeder fragte, warum Matthias nicht schon früher mit seiner heiteren Seite um die Ecke gekommen ist.

Vielleicht ja schon beim nächsten Mal, wenn am 27.November „So Noch Nie“, die einzige Offene Lesebühne mit einer eigenen Hymne, wieder ins Zimmer 16 lädt.

Und hier – wie versprochen – für alle Schreibblockade-Geplagten die übrig gebliebenen Themen in der Original-Schreibweise: Adventskerze, Bushaltestelle, Das rote Tuch, Du hast wohl Tinte getrunken!, Hasenscharte, Jameika, Kirschblütenzauber, Liebe & Leidenschaft, Mäander, Rührei mit Schafskäse, Schule, Schwarze Johannisbeeren, Sendepause, Supernova, Tecklenburg, Teezeremonie, Thermostat, Ulknudel

Es dankt für die freundliche Aufmerksamkeit der Moderator des Abends
Leovinus.

Remember (September)

Wundertüte. So darf man die September-Lesebühne wohl nennen. Nicht nur, dass mal wieder das Kontingent von acht Lesenden und noch mehr (!) Texten voll ausgeschöpft wurde, es gab sogar zwei musikalische Darbietungen obendrauf, ganz überraschend. Aber eins nach dem anderen:

Wo der Moderator (diesmal wieder Frank) sonst zu Anfang den Themenbeauftragten ansagt, sagte er diesmal Ute Danielzik an, die uns das „So noch nie-Lied“ darbot, das sie uns zur 99. Lesebühne komponiert hatte. Sie moderiert nämlich auch die Offene Bühne im Zimmer 16, und für die wollte sie ein Wenig die Werbetrommel rühren, was wir gerne hier wiederholen (offen für alles, was man auf einer Bühne darbieten kann – hingehen!).

Klaus J. Lais, der Themenbeauftragte dieses Monats, hatte im Juli „mondsüchtig“ vom Publikum aufbekommen. Nun eröffnete er nach guter Tradition den Leseabend, warnte aber schon vorher, dass ihm so richtig nichts zum Thema eingefallen war. Stattdessen hatte er aber immerhin eine Geschichte dabei, in der es Nacht war und der Mond vorkam, und, wie sich dann herausstellte, auch verschiedene Drogen. Na bitte. Zwei (sehr) junge Männer rocken, kiffen und saufen sich (vermutlich irgendwann in den Achtzigern) durch eine Jango-Edwards-Show und haben danach Mühe, ihre Fahrräder wiederzufinden. Der eine, der vom Ich-Erzähler nur „der Metzger“ genannt wird, greift sich eins, dass gar nicht seins ist, muss es zurückgeben und findet dann doch seins, doch beide werden ihre Räder los, weil „die Grünen“ – das waren damals noch die Bullen – sie ihnen abnehmen, worauf sie sich in einem Wienerwald ein Grillhendl reinziehen – so gut es noch eben geht. Ich hoffe, die Handlung im Groben wiedergegeben zu haben. Klaus hängte flugs einen zweiten Text an, ebenfalls eine Art Erinnerungstext, eine Anekdote, über einen brav aussehenden Schuljungen, der einer unfreiwilligen Hobby-Pantomimin eine echte Bananenschale in den Spießer-Vorgarten pantomimisiert. Diskutieren mochte aber keiner darüber.

Frank Georg Schlosser trug ein weiteres Kapitel aus seinem entstehenden Roman vor. Darin kam nicht der Protagonist, sondern drei Nebenfiguren vor, die an einem einsamen See ein einigermaßen übernatürliches Geschehen in Gang setzen bzw. erleiden. Dieser Text erinnerte gleichermaßen an die Bundestagswahl, an Stephen King und an die Geister vom Mummelsee (der tatsächlich gespenstisch sein kann). Eine zwar unangenehme, aber nicht unmögliche berufliche Begegnung des Polit-Bloggers Norbert mit einem skrupellosen, rechtslastigen Politiker wandelt sich da erst zu einer definitiv unmöglichen und dann zu einer finalen. Da Franks Text noch im Entstehen ist, kamen neben Lob und Fragen auch Vorschläge auf den Tisch, die er als Anregungen mitnehmen konnte.

Sein SNN-Debüt gab Jörg Sader mit zwei Texten, die beide in der DDR angesiedelt waren. Der erste beschrieb am Beispiel des Schwimmbadbesuchs einer Provinzjugendclique am 13. August 1961, wie sich das Klima im Land mit dem Mauerbau schlagartig verändert. Die unbekannten, bekleideten Schwimmbadgäste auf einer Sitzbank in der Nähe werden auf einmal zu einer bedrohlichen Kraft, der man nun kaum noch ausweichen kann, wo es heißt, da sei eine Mauer gebaut worden im fernen Berlin.

Der zweite Text erzählte von den wortwörtlich hochfliegenden Phantasien eines Mannes aus der DDR im Angesicht des Brandenburger Tores und der nun schon existenten Mauer. Er stellt sich vor, wie ein Stabhochspringer darüber hinweg zu schnellen in Richtung der Siegessäule, die über die Mauer hinweg noch gerade so zu sehen ist, erinnert sich, wie es war, bevor dort eine Mauer alles blockierte, sieht sich „am Ende der Welt“. Das Publikum zeigte sich berührt vom Vortrag und dem sprachlichen und erzählerischen Gehalt dieser beiden Texte. Wir wollen hoffen, dass wir ihm bald wieder im Zimmer 16 zuhören dürfen.

Wolfgang Weber zog die Versammelten mit „Du bist verrückt mein Kind“ in einen Strudel aus Erinnerungen, Reflexionen und recherchierten Tatsachen, die sich genau darum drehten: verrückt sein/werden, psychisch aus der Bahn geraten und was das Schreiben damit zu tun haben bzw. wie es da wieder raus führen kann. Ein Meta-Text. Gespaltene, mehrfache, gar keine Persönlichkeiten, Doppelgänger, Kopien und Variationen von Menschen und Liedern. Gemerkt: If I don’t go crazy, I’ll surely lose my mind.“ Gesehen/gehört: ein Wanderstock mit typischen Abzeichen (jemand sagte, es sei ein Spazierstock). Pause.

Ute gab einen „Schlager“ übers Spargel-Stechen eines Mannes und einer Frau zu besten, um uns nach der Pause wieder auf Temperatur zu bringen, aber wenn das ein Schlager war, was sie da gedichtet und gesungen hat, dann ist ein „Massagestab“ aus einem alten Otto-Katalog wirklich nur ein Massagestab! Danke, Ute!

Frank vollzog nun den allmonatlichen Ritus des Themenbeauftragten. Er besteht darin, eine/n Freiwillige/n zu finden und diese/n sodann ein Thema aus den Publikumsvorschlägen losen zu lassen, zu dem er etwas schreiben muss – also eine Art kultischer Opferung. Beides gelang! Dimitri Rameau wird für die Lesebühne im November etwas zum Thema „ausgesetzt“ schreiben. Kommet und lauschet!

Eine alte Frau nimmt Abschied – so könnte man den Inhalt von Matthias Risches Geschichte beschreiben und damit womöglich auf eine ganz falsche Fährte führen (was ihm bestimmt nicht ganz unrecht ist), denn was auf einen Alters-Suizid in der Badewanne hinauszulaufen scheint, entpuppt sich sehr wirkungsvoll als Beendigung einer Lebensphase, nicht des Lebens, als erneute Hochzeit mit und Abschied vom längst verstorbenen Gatten, als, ja, Neustart dieser alten Dame. Auch hier ein Ritus, dieser mit Asche und Wasser und Hochzeitskleid. „Beeindruckend“ sagte jemand.

Dimitri Rameau erschien zum zweiten Mal auf der SNN-Bühne, und obwohl hier eigentlich nie über „Äußerlichkeiten“ geschrieben wird – hier muss ich eine Ausnahme machen, denn Dimitri setzt seine Erscheinung und seine Körpersprache ganz bewusst für seine Texte ein, ist manchmal geradezu Darsteller seiner Gedichte. Das Foto mag davon einen Eindruck geben. Nur so lässt sich wohl auch erklären, dass ein Gedicht, das er vollständig auf Dänisch geschrieben und vorgetragen hat, als „schön“ aufgenommen wurde, obwohl niemand jenseits des Tisches Dänisch sprach. Gedichte bestehen eben aus mehr als nur Worten, die einen „Sinn“ haben. Seine auf Deutsch und in freierer Form als das dänische Poem geschriebenen Gedichte hießen Himmelsbestattung, Sommerweise (ein „Hassgedicht“) und Trübbirne und ließen kaum weniger Spielraum zum Interpretieren und Assoziieren als das dänische. Wir dürfen auf seine Themenbeauftragten-Texte im November gespannt sein!

Das zweite SNN-Debüt an diesem Abend: Gabriele Lederle. Sie hatte sich vom Thema „mondsüchtig“ inspirieren lassen und einige Gedichte mitgebracht, die in die Tiefen der Identität/ssuche, des Traums und der Sucht führten. Da kam auch die SehnSUCHT ins Spiel, die nach dem Paradies. Da war das Individuum im Herbst am Meer, war geborgen und doch gefährdet. Die Natur (und das vertraute Beieinander) waren Schutz und Bedrohung zugleich: „In der Einheit vergehen wir“, hieß es in ihrem letzten Gedicht. Auch Gabriele soll uns bitte wieder beehren, damit wir mehr von ihrer tiefgründigen Lyrik kennenlernen dürfen.

Das Lese-Los bestimmte Rowena Schöning auf Startplatz Nummer acht, den Abschluss des Abends. Was gar nicht so unpassend war, denn sie reflektierte in sensiblem und sprachgewandtem Deusch aus der Perspektive einer non-native-speaker (sie stammt, sagte sie, aus Sri Lanka) über die Schönheiten und Vorzüge der deutschen Sprache. Eine „Schöpfungsgeschichte“, in der ein Sprachschöpfer aus der Ursuppe schöpft und die Eigenheiten des Deutschen sichtbar macht, nicht Skurrilitäten – die es zur Genüge gibt – weil er sie genau so haben will. Da die Suppe aber allzu überbordend zu geraten droht, gesellt sich dem Schöpfer ein Assistent hinzu, der die Grammatik dazugibt, welche das Ganze im Zaum hält. Wir Deutschsprachigen, die wir als so rational gelten, staunten nicht schlecht darüber, dass jemand aus Asien unsere Sprache für so bildhaft und assoziationsreich ansieht („ent-falten“, „gleich-gültig“, „ent-decken“). Danke dafür!

Damit war die September-Lesebühne zu Ende. Wir sehen uns hoffentlich alle wieder am 23. Oktober zur Lesebühne Nummer 115!

Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch

Die 113. Lesebühne fand vor gut gefüllten Stuhlreihen statt, was uns sehr froh macht und auch das Zimmer 16, weil volle Stuhlreihen meist einen signifikanten Beitrag zur Miete leisten.

Es gab aber auch eine Enttäuschung. Der Themenbeauftragte, der Martin, Nachname unbekannt, ist nicht erschienen. Unentschuldigt. Es ist erst das zweite Mal in der langen Geschichte der Themenbeauftragten vorgekommen, aber natürlich ist es eine Erschütterung der Macht. Wird die dunkle Seite stärker? Es entgingen uns die „Exzesse“. Ist ihm bei den Recherchen für die Geschichte etwas zugestoßen, ein autoerotischer Unfall vielleicht?    … bei eigenen Recherchen habe ich mich in meinem Staubsauger verloren. Bin aus der Notaufnahme zurück und schreibe unter Schmerzen weiter. Martin, meine Gedanken sind bei dir. Die Urkunde mussten wir allerdings einbehalten.

Dafür kam – mindestens für mich unerwartet – Norbert Leovinus und übernahm die Moderation, was mich zum Protokollanten erhob. Danke, Norbert, dafür 😉

Mangels Themenbeauftragtem musste bereits der erste Lesende ausgelost werden, und das Maskulinum ist an der Stelle korrekt, denn es befanden sich nur Männer im Lostopf.

Es begann der Dimitri Rameau, ein neues Gesicht bei unserer Lesebühne und er las eine Mischung aus Prosa und Lyrik und im Nachgang sagte er mir, es ginge ihm oft hauptsächlich um den Klang der Wortaneinanderreihung.  Sein erstes Stück hieß „Ode an Ronk“. Ich habe nicht viel verstanden, also die Worte schon, aber den Sinn der Zusammenstellung nicht, war aber ganz begeistert, als er in der folgenden Diskussion erwähnte, dass Ronk (gespielt von Milan Beli) eine Hauptfigur aus „Im Staub der Sterne“ sei, einem DEFA-Science-Fiction-Film von 1976. Das rührte mich doch sehr an. Der Film war damals (ich war vierzehn) ziemlich angesagt.

Als zweiten Text las Dimitri einen Kinderreim „Teufelsküche“, aus dem mir die durchaus relevante Frage, ob der Teufel Dinkelbrot fräße, erinnerlich ist und ich finde, da könnte sich mal jemand mit beschäftigen.  Der dritte Text hieß „Keine Feen im Kaff“ – „Wir rosten im Osten, im Westen nichts Neues“; „Schleimaal im Kronsaal“; „Bücher bei Büchner, Gedichte bei Fichte“ und Dimitri sagte, er habe darstellen wollen, wie es sich anfühlt, wenn man ganz, ganz müde sei und kein Kaffee da wäre. „Ich lasse die Wörter mich führen, aber ich weiß schon, wohin ich mich bewege.“ Dimitri spricht ein ganz zauberhaftes Deutsch, aber man hört schon, dass er aus einer anderen Sprachwelt stammt. Gefragt, was seine Muttersprache wäre, sagte er: Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch.

Norbert zog als zweiten den Wolfgang Weber aus der Lostrommel, der diesmal zwei Tennisbälle dabeihatte, um sein Anliegen zu verdeutlichen. Zwei Teilchen, die getrennt sind und doch gleichzeitig das Gleiche tun müssen, in dem Falle von Wolfgang zu Demonstrationszwecken hochgehoben werden. Sein Thema war „Mittendrin“ für eine andere Lesebühne. Es ging darin um den Ort Mödlareuth, den es tatsächlich gibt, durch den die innerdeutsche Grenze verlief und außerdem noch an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen. Die zwei Tennisbälle verkörperten mal Ost und West, mal Christo und Jean Claude und es ging um ein großes Ding: the mighty wolf in the middle hat einen großen Deal eingefädelt. Die Schotten verkaufen Loch Ness an Mödlareuth. Der See wurde dahin gebracht. Die Fische spielen die Kosten wieder ein. Monster Projects Crowdfunding. Das Monster vom Loch Nes musste allerdings oben bleiben. Ich glaube, weil ihm in seinem Alter nicht mehr zuzumuten war, nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch noch fränkisch, thüringisch und sächsisch zu erlernen. Wolfgang regte auch noch ein Treffen zwischen Ramelow und Seehofer an. Aber wozu sollte der Ramelow sich das antun?

Als Dritter trat ebenfalls ein neues Gesicht auf: Richard Hebstreit, der erstmal Pralinen verteilte an die Damen und er baute eine Kamera auf, um sich selbst beim Lesen zu filmen. Das ist wahrscheinlich gar keine schlechte Idee.  Er las eine Geschichte mit dem Titel „Fasan im Wintermantel“ und sie handelte zunächst davon, dass die Hauptfigur es als Autor geschafft hat: es werden ein Buch und ein Fotoband von ihm veröffentlicht. Der Verlag hat zur Vertragsunterzeichnung in ein feines Restaurant geladen und die Frau beschäftigt die Frage: Was zieh ich an. Er schickt sie ins KdW, wo sie sich für unglaubliche Summen einkleidet. Aber der Vorschuss macht‘s möglich. Es folgen lange Beschreibungen des Restaurants, der Zigarren (Cohiba Esplendidor), des Menüs. Alles was in dieser Phase der Geschichte an Konflikt aufkommt, ist der Ausschnitt einer fremden Frau, den der Autor aber nicht weiter verfolgt, den Ausschnitt schon, den Konflikt nicht. Dann sollen die Verträge unterzeichnet werden und die Frau zieht ihren Mann beiseite und sagt ihm, dass er lt. Vertrag den Vorschuss nicht bekäme, sondern zahlen müsse, weil es ein Druckkostenzuschussverlag ist. Eine Pointengeschichte.

Da Richard noch Zeit hatte, las er aus seinem Buch „Salzinge“, was thüringisch für Bad Salzungen steht, eine Geschichte von 1958 über eine verschwundene Frau, einen saufenden Mann und eine abgeschnittene Nasenspitze. Am meisten vermisste der verlassene Mann die perfekt gekochten Frühstückseier.

Dann war Pause, dann wurde der Themenbeauftragte gekürt. Nach dem Schock mit Martin meldete sich keiner, also erbarmte ich mich und bekam für den Oktober das Thema „Warmduscher“ zugelost. Da ich einer bin, sollte es mir nicht allzu schwer fallen. 😉

Ich war dann auch der nächste Lesende und las aus meinem im Entstehen begriffenen Roman mit dem Arbeitstitel „Der Richter und der Fluch der Furie“ die Einführung einer neuen Person, einer Journalistin, die den Bösen (Parteivorsitzenden) interviewt, aber scheitert, weil er sie vorführt und nicht zu Wort kommen lässt. Ich wurde sehr freundlich besprochen und danke für alle Anregungen und den Zuspruch.

Zuletzt lag noch der Klaus-Jörg im Lostopf. Er las als erstes „Weil du es bist“, ein wunderschön geschriebenes Hohelied auf den handgeschriebenen und mit der DHL verschickten Brief (Umschlag, Briefmarke usw.). Er las die Geschichte vom IPad ab, was ich lustig fand. Er zürnte der hingeworfenen WhatsApp- „Kultur“ der unüberlegt hingerotzten Nachricht, an deren Ende man nie vergessen dürfe, lieb zu grüßen oder wenigstens LG zu schreiben. Andere Abkürzungen blieben unerwähnt wie Hdl, Hdgdl, GlG, xoxo, oder HAK … gut – ich gebe zu, habe ein bisschen gegoogelt. Aber ich gestehe, LG auch schon mehrfach verwendet zu haben. Mildernde Umstände bekomme ich, weil ich wirklich noch ein Briefeschreiber bin, mit Glasfeder und Tintenfass. Der Autor meint, in zwei Generationen würde es keine Handschrift mehr geben. So pessimistisch bin ich nicht. Noch bringen sie den Kindern ja Schreiben in der Schule bei und sie tun es auch, zumindest manche und wenn es Zettel auf dem Küchentisch sind, die man nach einem Kinobesuch vorfindet: Schlaft schön, träumt süß, hegdl.

Die zweite Geschichte handelte von einem Lied „Suzanne“ von Leonard Cohen.  Der Autor hat mit vierzehn den Vater besucht und der schenkte ihm fünfzig Platten – ein prägendes Geschenk für den Jungen und das erste Lied war Suzanne. Durch das Ohr dem Herzen zugeführt. Vertrauter blinder Passagier. Im Mittelpunkt stand das Lied und die vom Autoren selbst gefertigte Übersetzung, was zu ein paar Diskussionen beitrug.

Überhaupt wurde über Klaus-Jörgs Texte am längsten diskutiert.

Und da war sie vorüber, die 113. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow. Die 114. Lesebühne gibt es am 25. September. Danke, Micha für die Fotos. Danke, Norbert für die Moderation. Danke, Freddy für Licht und Stühle und da Sein. Und danke der Dame an der Bar (Namen weiß ich leider nicht) für den Ausschank und fürs Abwaschen. So long

 

fgs