Mensch ist das schön geworden!

Prallvolles Programm, prallvolles Zimmer 16 – das zehnjährige Jubiläum von So noch nie machte seinem Motto alle Ehre. Und zum besonderen Anlass sind sogar die Fotos prallvoll Farbe.

Wo fange ich bloß an … Zehn Jahre Offene Lesebühne Pankow, die fast von Anfang an SO NOCH NIE heißt und seit ebenfalls fast von Anfang an im ZIMMER 16 stattfindet, an jedem vierten Montag im Monat, die mit nicht mal einer Handvoll Teilnehmer begann (Stefan Greitzke hatte die Idee und die Leitung des Abends, Frank Georg Schlosser und Leovinus machten mit und Angela Bernhardt gesellte sich sofort dazu) und die seit geraumer Zeit das Zimmer 16 beinahe an seine Kapazitätsgrenzen bringt, mit der Hingabe an Literatur und Diskussion, verkörpert von all den Menschen, die sich zu uns auf den Weg machen und lesen, sprechen und zuhören. Was, wenn nicht dies ist ein Grund zum Feiern?! Der Vollständigkeit halber: Ich stieß 2011 zu diesem Kernteam, gefolgt von Ulrike Lynn, womit wir fünf Schreibende/Organisierende waren und sind, die auch das Entdecken, Zuhören und Reflektieren an diesen Abenden sehr schätzen, das es so bei kaum einer anderen Lesebühne Berlins gibt. Wir haben über die Jahre viel Zutrauen in einander und in uns gefunden, gerade weil wir und die anderen Lesebühnenteilnehmer offen, aber fair, zu diskutieren versuchen. (Und den Moment der Ermutigung haben vermutlich auch viele andere Schreibende bei SNN erfahren.) Deshalb präsentierte unser Moderator und Mit-Kernautor Leovinus auch als ersten literarischen Programmpunkt: Jede/r von uns fünf hatte einen Text der letzten Jahre von einer/einem von uns fünf „gecovert“ – neu geschrieben, sich davon inspirieren lassen, nachempfunden … Vorher aber lauschten alle dem initialen rbb-Radiobericht über SNN, und dann Ute Danielzik, die ihre „Hymne“ auf So noch nie für uns und für alle sang und auf dem Piano begleitete – wir verdrücken eine Träne vor Rührung. Und ab jetzt, versprochen, mache ich es kurz:

Frank hatte sich gleich zwei meiner Geschichten rausgepickt und Motive/Figuren daraus zu einer ganz neuen Geschichte gemacht, Hendrik, der explodiert (am Ende, im übertragenen Sinn), die dicke schwarze Frau, die zum Objekt wilder Sexfantasien wird und zum Auslöser von Hendriks mörderischer, feuriger  Affekthandlung.

Leovinus bemächtigte sich eines Bildes aus einer von Ulrikes Geschichten – der fragile Turm aus Strandkieseln am Meeresufer wurde zu einer Art Lebensaufgabe der Hauptfigur, die einen Turm nach dem anderen errichtet, neben denen, die schon da waren, bevor sie aus dem Meer an Land kam – um dann doch dem Strand zu entwachsen.

Angela lieferte in ihrer Coverversion von Leovinus‘ Text endlich die Erklärung, was da eigentlich vorging beim Weltuntergang und warum so viel Shampoo und Harken gekauft werden mussten, sobald das nahende Ende feststand. Und natürlich lag es im Grunde an so einem Beziehungsding, das in Händen höherer Mächte mächtig ausuferte. Kapiert?!

Ulrike transormierte eine Musiker-Geschichte von Angela sanft, aber bestimmt in eine Sprachmenschen-Geschichte. Wo der eine sich in seinem Instrument auflöste, mit  ihm eins wurde, zerfiel der andere in seine unsterbliche Essenz, nämlich einzelne Worte, die von seiner ehemaligen Schülerin aufgelesen und in die Tasche gesteckt werden wollten – und wurden.

Michaels Musik aus Franks Geschichte spielte sich originalgetreu oral ab: Zwei Chormitglieder verhakten sich in einen Streit, der von dem einen nur als Scherz gemeint war, wonach einer sich am Ende aber mit einer Kugel im Leib auf dem Küchenboden des anderen wiederfindet und nunmehr die Engel Samuel Barber singen hört.

Bevor wir die Pause einläuteten, überreichte Leovinus dem guten Ralf vom Zimmer 16 unsere Sonder-Ehrenurkunde für die jahrelange Gastfreundschaft des Zimmer 16 und Angela trug die Geburtstagstorte, gebacken von unserer Ehren-Kernteam-Autorin Petra Lohan, zur Bühne und feierlichen Kerzenausblasung. Danke Ralf, danke Zimmer 16, danke Petra!

Die süße Pflicht jedes SNN-Abends: die Bestimmung der/des Themenbeauftragten! Es hob sich die Hand von Ulrike Günther, sie wird sich mutig bis zur Mai-Lesebühne dem gelosten Themenvorschlag aus dem Publikum stellen: „Sieben Streiche Leben“. Wieder einmal ein Beauftragten-Debüt! Wir freuen uns und erwarten gespannt den Mai.

Angela ließ es sich – und uns – nicht nehmen, Stefan Greitzke in Abwesenheit zu grüßen, zu ehren und zu danken – er gründete unsere Lesebühne mit, lenkte und moderierte sie den größten Teil der zehn Jahre über. Von dieser Stelle auch nochmal: Danke Stefan, bis bald und schade, dass du nicht mitfeiern konntest!

Nun wurde es eilig: Zur Stoppuhr-Staffellesung bildete sich eine Schreiberschlange bis zur Rückwand des Zimmer 16 – derer zwölf hatten Texte zum Thema „Mensch ist die groß geworden!“ vorbereitet und im Anschlag. Nun durften diese maximal drei Minuten dauern, weshalb ich sie hier nicht einzeln wiedergeben kann – es ging zu schnell hintereinander weg! (Schauen Sie die Fotos an!) Es war ganz und gar überwältigend, wie einfallsreich, lustig, poetisch, irre und freigeistig es zuging, jeder Beitrag eine Perle auf der Kette. Vielen vielen Dank an alle!!!

Der Augenblick, auf den sicher ALLE mit schweißnassem Rücken gewartet haben, kam: Das Los für unsere SNN-Zaubertasse wurde gezogen (nachdem die Echtheit der Losnummern notariell geprüft und das tadellose Funktionieren des Farbzaubers der Tasse demonstriert worden war)! Der stolze Gewinner wird nun bei jedem Heißgetränk unsere fünf Lieblingssätze lesen können.

Was für ein Jubiläum, was für ein Abend, was für Autorinnen und Autoren, was fürein Publikum, was für eine Freude – für diesmal, bis zum 22. April um 19.30 Uhr, Ende derGeschichte!

P.S. Danke an alle, alle, alle die bei den Vorbereitungen geholfen haben, die Leckereien beigesteuert und am Abend tatkräftig Hand angelegt haben. Tausend Dank von Angela, Frank, Leovinus, Michael und Ulrike.

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Reife Liebe

An diesem vierten Februar-Montagabend im Zimmer 16 gab es bemerkenswerte Beginner-Zahlen: 1 Themenbeauftragten-Debütantin, 1 Moderations-Debütantin, 2 komplette SNN-Frischlinge, 1 Prosa-Beginnerin, außerdem wieder weit mehr als 8 Lesewillige im Lostopf und: volle, volle Stuhlreihen im Zuschauerraum. Und um es vorwegzunehmen: Vergesst die Zahlen, lauscht den Worten – es gab wieder vielfältigste Wortkunst zu vernehmen und ebenso engagierte Wortmeldungen.

Barbara Schwittmann hatte sich im November mutig zur Themenbeauftragten küren lassen und „Der Aufbruch“ als Thema gelost, „ein hartes Wort“, wie sie sagt. In ihrer charakteristischen schlanken, äußerst genauen Sprache beschrieb sie die letzten Minuten einer jahrzehntelangen Ehe, die eigentlich nicht anders verlaufen als beliebige andere Minuten zuvor – und was der Grund dafür ist, dass es der Protagonistin endgültig reicht. Sie vollzieht, hart und für ihren Gatten vollkommen überraschend, ihren Aufbruch in ein neues, selbstbestimmtes, eigenes Leben. Ihre hochverdiente Themenbeauftragten-Urkunde händigte ihr unsere erstmalige Moderatorin Angela Bernhardt mit großer Freude aus.

Marcel Kröhner liebt es noch kürzer als für gewöhnlich Barbara – er schreibt gedankentiefe, aber meist humorvolle Lyrik: „Rabenliebe“, in der man nicht zwischen symbiotischen Vogel- und Menschenbeziehungen unterscheiden kann, „Da komm ich her“, Preisung einer himmlischen Liebe, „Blaues Wunder“, wo Liebe unterscheidungslos macht, „Reife Liebe“, ein Aufruf, die Äpfel der Lust zu genießen, solange sie noch kein Fallobst sind, „Bildnisse der Geliebten“, aufgebaut aus modifizierten FAZ (!)-Kopfzeilen, „Abendlied“, Portrait einer sehr körperlichen amour fou – „du fällst zu oft vom Küchentisch“.

Jana Franke, zum zweiten Mal bei SNN, präsentierte ein Märchen, in dem Obst ebenfalls eine Rolle spielte, nämlich als Objekt der Begierde eines nahe dem Garten lebenden Regenten, der sich gern den ganzen Garten unter den Nagel gerissen hätte und dafür auch nicht vor der Zerstörung der ganzen zugehörigen Ortschaft zurückschreckt. Der Garten aber gehört der Mondkönigin, was der Regent nie erfährt, auch nicht nach dem Verlust selbst der zweiten Armee, die er zum Garten schickt. Der Text schien mehr ein sprachlicher Versuch mit Märchenmotiven zu sein denn eine runde Erzählung, im Publikum ließ er Fragen aufkommen zu Erzählperspektiven und Deutungen – und der Blutrunst!

Stefan Franken beehrte uns wieder mit ausgefeilten, urkomischen Gedichten. Er schreckt nicht vor den absurdesten Erfindungen zurück, kennt sich im wahren Leben aber genauso aus, was (bei ihm und vermutlich nicht nur bei ihm) oft ein und dasselbe ist: Das „Ömchen“, das vom eilfertigen Passanten über die Straße und weg von ihrer Bushaltestelle getragen wird, weshalb sie den Bus auch verpasst, die Nacherzählung der Krösus-Geschichte und seiner gierigen Nachkommenschaft in boshaft-witzigen Reimen, der Liebessänger, der wegen Dunkelheit die Falsche verführt und fortan lieber tagsüber singt, die Exzesse Berliner Hipster-Gastronomie, riskanter Blumen-Philosophie und musikalischen Lurchen mit Alkoholproblem … ja, ich schwör!

Nach der Pause bekamen wir einen neuen Themenbeauftragten: Matthias Rische hob mutig die Hand und senkte sie sodann in den Lostopf der Zuschauerthemen: „Bei mir“ lehnte er ab, musste daher „Sommerzeitumstellung“ nehmen. Am 22. April erfahren wir, was ihm dazu eingefallen ist.

SNN-Debütant Bernd Daschek erzählte in seinem Text, der Teil eines zukünftigen Romans ist, vom wilden West-Berlin der 80er Jahre-Hausbesetzerszene: Häuserkampf und Kalter Krieg! Zwei alte Hausbestzer-Recken treffen sich zufällig wieder und Erinnerungen kommen auf an die frühen Achtziger, an die schöne Freundin, das Moped und die Prügeleien mit den Bullen, an Liebe, Blut und achtundsechziger-Ärzte im Urban. Warum sich beide Kämpfer für Verräter halten, beantwortete der Ausschnitt nicht – warten wir auf weitere Besuche Bernds bei SNN oder den Roman. Auch hier wurde über Erzählperspektive diskutiert, über die in diesem Fall unterschiedliche Wahrnehmungen existierten.

SNN-Debütantin No. 2: Gabi Petrich. „Ich beobachte gerne“, sagte sie eingangs ihrer Lesung von „Handyman und weitere Unwegsamkeiten“, doch ihr atemloser Bericht ließ erst gar keine Beschaulichkeiten aufkommen. Auto „sehr, sehr krank“, also BVG. Die U-Bahn ist voll. Sehr voll. Ungeheuer voll! Sardinenbüchsenvoll. Fahrräder im Kreuz, Kinderwägen wie Dampframmen, lautstarke Beziehungsverhandlungen am Handy („Du Opfer! Du Tod!“), an denen irgendwann der halbe Waggon lebhaft teilnimmt, es bilden sich Fraktionen pro ER und pro SIE, dazu kommen Bettelmusikanten mit elektrischen Boxen in die Bahn – wie aussteigen? Nichts geht mehr, wenn nicht alle gehen. Zum Glück gehen alle, inklusive der Freundin des Handymannes, der jetzt wieder solo ist. Sie schreibt sonst wissenschaftliche Texte, versucht sich nun in Prosa, sagte Gabi. Bitte weitermachen.

Wolfgang Eubel befasste sich mit der Frage aller Fragen: Was ist es? Wie immer gestisch-philosophisch, machte er „es“ aus in der Ursache des ewigen Konfliktes zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, besser, dem Mann und der Frau. Welche er in ihrem Hormonhaushalt lokalisiert, besser dem Testosteron und dem Östrogen, dem m und w jeweils ausgesetzt, ja ausgeliefert seien wie Drogenabhängige ihrer Droge oder Fische ihrem Wasser – „Zwangschemikalisierung“ wie bei Steinzeitmenschen, oder wie man sie sich vielleicht vorstellen mag. Das trug er wieder sehr lebhaft und mit kräftigen Sprachfarben vor. Unterhaltsam fanden es etliche, manche zu holzschnittartig dem Gedanken des Geschlechterkampfs anhängend.

Matthias Rische tauchte ein weiteres Mal in menschliche Abgründe ein – ein junger Mann, Sproß einer Akademikerfamilie, hat wohl gerade einen Nebenbuhler umgebracht – zumindest aber zusammengeschlagen, man weiß es nicht genau, aber es ist bei weitem nicht sein erster Gewaltausbruch gewesen. Genug Unheil jedenfalls, um sein persönliches Fass zum Überlaufen zu bringen – und ähnlich wie die Ehefrau zu Beginn des Abends entschließt er sich zu einem „Aufbruch“, Ausbruch, aber Total-Exit aus seinem unerträglichen Leben: Er legt sich in den Schnee vor seinem Elternhaus und schließt die Augen. Jemand im Publikum rief da am Ende: „Ich hab alles verstanden!“ Na bitte! Wir wünschen Matthias, der mehrere eigene Lesebühnen leitet, für das fünfjährige Jubiläum der Lesbühne Für_Wort am 28. Februar viele gut gelaunte Zuschauer!

Damit sind wir beim Thema: Die März-Lesebühne SoNochNie wird eine Sonder-Lesebühne, denn wir werden zehn Jahre alt. Bitte lest dazu die Beiträge und das Programm hier und auf unserer facebookseite, einfach alles, was noch bis zum 25. März dazu erscheint! Danke Angela für deine wunderbare Moderation des Abends und wir sehen uns hoffentlich alle wieder zur „Geburtstagsparty“ am 25. März im Zimmer 16.

Beim Kürzen werden die Texte länger

Diese 129. Lesebühne SoNochNie! vom 28.1.2019 war eine besondere, fühlte sich so an, vielleicht weil „das Radio“ da war, versteckt im Publikum; vielleicht weil da zwei Mikrofone waren, eins für den Lesenden, eins für den Moderator und die Zuhörer; nicht direkt eine Premiere, aber doch wegweisend für die Zukunft, da immer mehr andächtig Lauschende auch die hinteren Reihen füllen; und natürlich wegen des großen Ereignisses, das seinen Schatten vorauswarf. Aber der Reihe nach.

Norbert Leovinus Wurzel führte launig durch den Abend, erklärte die Lesebühne zur dreitausendsiebenhundertneunundachtzigsten (wenn ich richtig mitgeschrieben habe), die (wenn ich richtig gerechnet habe) erst im Jahr 2324 sein wird. Weiß nicht, welche Urnachkommenschaft von Leo da moderieren wird und wo. Und diese Frage führt uns stante pede zum Thema des Abends:

Spekulationen.

Themenbeauftragter war unser allen ans Herz gewachsener Wolfgang Weber, der in bewährt assoziativ-rhythmischer Weise dem Thema zu Leibe rückte, wie immer unmöglich in drei Sätzen zusammenzufassen, aber ein paar Fetzen kann ich am geneigten Leser vorbeirauschen lassen: Er kündigte 99 Sätze an und warf Fragen auf: Wie spekuliere ich mit Geld, das ich gar nicht habe? Bekam James Brown seine Sex machine zum Laufen? Er brachte John Maynard und John Maynard Keynes zusammen, weil sie beide irgendwie Steuermänner waren; eröffnete uns seine Entdeckung des Volkes der Kraten, namentlich erwähnte er die Unterstämme der Büro- und der Autokraten. Zwischendurch fragte er, ob wir auch spekulierten, nämlich, wie viele von seinen 99 Sätzen schon vorbei wären. Ich käme nie auf die Idee diesbezüglich zu spekulieren, weil ich Anfang und Ende seiner Sätze nicht genau ausmachen kann. Als dann der 99. Satz dran war, beschäftigte ihn, was Goethe zu all dem sagen würde, wenn er noch lebte. Antwort: Nichts, denn er ist schon tot. In der Diskussion kam die Bemerkung, dass es diesmal schon seine Längen gehabt hätte, da sagte Wolfgang den bemerkenswerten Satz: Beim Kürzen werden die Texte länger. Und rasselte dazu mit seinen Rhythmuseiern.

Die zweite Vortragende war ein Gast aus Hamburg, Andrea Schomburg. Sie konnte ihre Texte alle auswendig und benutzte Leos Mikrofon, weil sie wanderte. Es handelte sich um zauberhafte lyrische Miniaturen, alle mit feinem Witz versehen, u.a. von einem Rotfuchs und einem Hühnchen; der Fuchs beeindruckte das dumme Huhn, aber am Ende des Abends war sein Portemonnaie weg und es folgte die Moral von der Geschicht: Noch nicht mal einem dummen Huhn kann man als Fuchs noch trauen. Der zweite Text handelte vom Großstadtparadies, das kommen wird, wenn das Rahm-Vitello wieder zum Kälbchen wird. Dann ging es um die Libido der Kartoffelchips (gehaucht (oder doch geknistert?): Komm, du willst es doch auch!); dann kam Parzival auf der Suche nach dem Gral in das Dörfchen Wuppertal und wurde von einer ansässigen Hausfrau beschieden: Das ist doch Quatsch mit dem Gral, das lassen se mal – sie machte ihn zum Schüsselverkäufer in … habe ich vergessen … Minden? Dort denkt er nur noch selten an das Generve mit dem Gral. Andrea beschloss ihren Vortrag mit einem neuen Text auf das berühmte Lied von Tevje „Wenn ich noch einmal jung wär…“ um zu schließen: „Manchmal ist’s mir ein Genuss, dass ich nicht mehr jung sein muss.“ Was mich an den schönen Hannes-Wader-Text erinnerte: „Schön ist die Jugend, so sorglos und frei, Gott sei Dank ist sie endlich vorbei, und sie kommt zum Glück nie mehr zurück.“

Leovinus zog danach Jana Franke (das erste Mal auf unserer Bühne) aus dem Lostöpfchen mit dem ernsthaften Text „Schwesterherz“. Es geht um einen Selbstmord und handelt von den unerbittlichen Kriegen auf den geschwisterlichen Schlachtfeldern. Dem Vorwurf: …Mich damit zu behelligen, dass ich dich abschneiden muss!“, dem linken Turnschuh, der gegen die Schläfe des literarischen Ich stieß. Es wird die Geschichte einer symbiotischen Geschwisterbeziehung erzählt, die andere Kinder teils ausschloss („Sprüche von den anderen Kindern erreichten mich nicht, von dir waren sie vernichtend…“). Schön fand ich den Satz von einem Ringelpullover, der kratzte, als wäre er mit Brennnesseln gestrickt. In der Diskussion wurde klargestellt, dass es sich nicht um eigenes Erleben handelt („Ich bin ein Einzelkind!“ – zwischen eigenem Erleben und Literatur sollte eine Distanz bestehen, erklärte die Autorin) und sie erwähnte, dass der Text einen Preis bekommen hat und schon zwei Mal verlegt wurde. Das Publikum war jedenfalls beeindruckt.

Als Letzter vor der Pause las Matthias Rische den Text „Freigang“ mit der Ankündigung: Richtig lustig wird es nicht. Da wandert einer und denkt: Der Weg ist das Ziel, so’n Scheiß! Das fand ich schon mal ziemlich lustig. Ein dystopisch gestimmter Mann sieht identische Familien mit identischen Lebensplänen, die diese hinter zugezogenen Gardinen verbergen. Er lechzt nach etwas Abweichendem. Aber er sieht nur einen Hügel, der keinen Zweck erfüllt, als irgendwann ein anderes Irgendwo hinabzufallen. Ein Fernglas ist seine Hoffnung auf eine Verbindung zum realen Leben. Ein Kaiman taucht auf mit faulig fischigem Atem. Die Berührung seiner Schuppen das einzig intensive Erleben. Bin ich meinem Kopf entflohen? Ist das noch Realität? Sind unvorhergesehene Dinge, die in einer öden Welt passieren, eine Form der Gewalt? Was werde ich sehen, wenn ich die Augen wieder öffne? Sei achtsam, sagte der Kaiman. Micha erinnerte der Text an Hertha Müllers Texte über das Rumänien der Ceausescu-Zeit. In der Diskussion wurde sich darauf geeinigt (?), dass der Text nicht zu einem depressiven Kopf gehört, sondern zu einem, der die Welt ablehnt und Angst hat, doch hineinwachsen zu müssen.

Dann war Pause und Leovinus kündigte unser zehnjähriges Jubiläum am 25. März 2019 an, zu dem jeder aufgefordert ist, einen Text zu verfassen zum Thema „Mensch, ist die groß geworden“ (maximal drei Minuten) und diesen in einer Stoppuhr-Staffel (gibt’s sowas überhaupt?) vorzutragen. Man darf auch ohne Text kommen, muss aber dann drei Euro Eintritt zahlen. Außerdem covern die Stammautoren der Lesebühne sich gegenseitig und schreiben je eine Geschichte eines anderen neu unter dem Motto „geschickt gecovert“. Darauf freue ich mich schon sehr. Deshalb wurde für den März auch kein Themenbeauftragter gewählt. Wer Themenbeauftragter für April werden will, muss am 25. Februar wiederkommen.

Anschließend wurde Angela Bernhardt gelost. Sie las erste Zeilen zu einem größeren Projekt, in dem es um das Verschwinden geht und um die Frage: kann ich mir sicher sein, dass da überhaupt jemals einer da war; an sich der Stoff zu einem Gruselfilm; meine Horrorvorstellung par excellence: wenn meine eigene Wahrnehmung keinen Spiegel in anderen Wahrnehmungen mehr findet. Den Leser beruhigte die Autorin schon mal damit, dass sie aus der Perspektive des Verschwundenen begann. Der Leser bekommt einige Andeutungen zu hören, warum es passiert, im Zentrum der verheerende Satz: von jedem bleibt etwas, noch mehr Fragen als Antworten – die „Verlassene“, aus deren Perspektive der zweite Teil erzählt wurde, hat ihre liebe Not, einen Beweis zu finden, dass ihr Begleiter in die ewige Stadt tatsächlich mit ihr dort war – und muss dafür eine Horde japanischer Touristen überzeugen, dass sie ihre Handyfotos sehen darf (und den Beweis ausdrucken). Angela erfuhr Zuspruch von Jana, der die neuen unverbrauchten Bilder gut gefallen haben und von Andrea, die fand, dass es gut gelungen ist Spannung zu erzeugen. Wir sind auf den Fortschritt des Projektes gespannt.

Die sechste Lesende des Abends war Margret Franzlik, die ebenfalls aus etwas Größerem vortrug über das Ding in meinem Kopf, ein Text, der sehr offen mit einer Erkrankung und deren Folgen umgeht, ohne eine allzu große Distanz zwischen persönlichem Erleben und Geschriebenem herzustellen. Aus der sitzenden Position wird sie das Schreiben, schreibt sie, jedenfalls nicht herausholen. Vom Sessel vor dem Fernseher direkt an den Schreibtisch. Um aufzuarbeiten was geschehen ist, bzw. was sie erfahren hat, dass da eine große glatt begrenzte Raumforderung in ihrem Kopf ist, dass sie möglicherweise nicht mehr lange zu leben hat, und doch ihren Enkel aufwachsen sehen will. Ich fühlte mich in Ähnlichkeit und starkem Unterschied erinnert an Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das ich der Autorin gerne empfehlen möchte. Auf alle Fälle hat der Text große Teile des Publikums stark bewegt.

Dann zog Leovinus mich aus der Lostrommel. Es gab einen kurzen Ausschnitt aus meinen Roman. Ich danke für die Anmerkungen, insbesondere zu der Frage der Reflexionen oder Erinnerungsfetzen einer handelnden Person, und wie einen das aus der Handlung und der Spannung reißen kann. Man soll doch darauf vertrauen, dass sich der Leser merkt, was er hundert Seiten zuvor schon mal gelesen hat. Aber weiß ich als Autor, was ich vor hundert Seiten schon mal geschrieben habe? Ich werde die Anregungen beherzigen. Schwöre.

Und zum Abschluss las Andrea Maluga über Martha und Ida, die vor hundert Jahren nach Berlin kamen, als Dienstmädchen im Grunewald, später als Büglerinnen der Spitzenkragen der feinen Damen im Prenzlauer Berg, mit Wohnung in einem kleinen Stübchen drei Stockwerke über der Wäscherei, wie es Malzkaffee und Brotsuppe gab und die Meisterin für das Wochenende auch mal ein Ei spendierte. Der Aufreger aber war ein grünes Kleid, das Martha Ida für den Samstagabendschwof schenkte, weil sie es von der Schillerschen, die es nicht mehr tragen konnte, ebenfalls geschenkt bekommen hatte. Ging darum, ob man das ausfüllt (das Wort Busenschönheit kannte ich noch gar nicht) und sich damit einen Galan angeln kann, in Potsdam auf der allwöchentlichen Brautschau. Sie kriegten auch Beide einen ab (obwohl Ida erst rummoserte, als Martha mit ihrem Husar knutschte), bekamen Kinder (Martha gab Ida eins ab) und einen Lungensteckschuss (der Husar) und an dem Punkt musste ich an Tucholsky denken „Warum wird beim Happyend im Film jewöhnlich abjeblendt“.  Die Geschichte lebte von der wunderbaren Beschreibung des Lokalkolorits einer untergegangenen Zeit, der wir (un)sinnigerweise manchmal hinterhertrauern.

Das war sie dann auch schon, die 129. Lesebühne SoNochNie! – bis zum 25. Februar – Euer

Von wegen grau!

 

Der November kann diese Farbe traditionell für sich beanspruchen – die offene Lesebühne SoNochNie vom 26.11.2018 dagegen keineswegs. Leovinus, unser geschätzter Moderator, war leider verhindert, und so begann vertretungsweise Frank seine beherzte Moderation mit einer Überraschung: Steffen, der Themenbeauftragte des Monats, muss beim Fliegen Lernen entweder ins Straucheln gekommen oder weit übers Ziel hinaus geschossen sein, jedenfalls hat er uns versetzt. Dafür sprang – zweite Überraschung – Lucie ein, die Themenbeauftragte vom Juni, die uns ihrerzeit wegen einer Fußverletzung spontan abhanden gekommen war. Aber ich will nicht vorgreifen, den ersten Leseplatz am schlichten Holztisch besetzte nämlich Jane, die wiederum im Oktober infolge übermäßigen Autorenandrangs nicht mehr zum Zuge kam. So viel zum unterhaltsamen Bühnenreigen.

Jane also berichtete in ihrem Text „Der blinde Fleck“ von einem Autor, der sich an Thomas Mann misst und kein Wort aufs Papier bekommt, obwohl er unumstößlich weiß: „Ich muss schreiben!“ Nur um einen Schriftstellerkollegen zu beeindrucken, bringt er zum Jahresende dann doch ein Werk heraus, hinter dem er nicht steht, und hat sogar Erfolg damit. Als er stirbt, sagt man, er war ein schrecklicher Mensch. Die Diskussion entzündete sich an der Frage, warum Jane über so ein Arschloch geschrieben habe und ob ihr Text thematisch zu vollgestopft sei für eine Kurzgeschichte. Die einen sahen Ansatzpunkte zur Romantrilogie, die anderen plädierten für noch stärkere Verdichtung. Sprache und Vortrag des Textes fanden jedenfalls Anklang.

Dann bat Lucie das Publikum, die Augen zu schließen bevor sie – mehr assoziativ als analytisch – in eine veritable Feinstaubbelastung abtauchte. „Ich sehe nichts, höre nur das feine Rauschen der Stille …“, beginnt sie und fährt fort mit altem Dreck, der schwer lastet und einem Lichtstrahl, der an ihrer Fingerkuppe leckt, bevor erst sie im Text, dann auch wir im Publikum die Augen wieder öffnen. Der kurze, stimmungsvolle Vortrag hätte ein wenig kraftvoller und langsamer gesprochen noch stärker wirken können.

Marcel las Lyrik. In „Treibsand oder Alles ist gut“ (nach dem Film „Alles ist gut“) versucht eine Frau, sich nach einer Vergewaltigung nicht unterkriegen zu lassen. „Begegnung mit Sankt Dementia“ basiert auf einem realen Erlebnis des Autors mit seiner Tochter vor einem Seniorenheim. „Ich will nach Berlin, da, wo noch Weihnachten ist“, erklärt eine alte Dame melancholisch. Sein letztes Gedicht „Rabenliebe“ beruht auf Peter Wawerzineks gleichnamigem Roman und endet mit dem Satz des Erzählers an seine Mutter: „Ich bin dein Kind, ich dien‘ dir als Krücke, du brütest mich aus und lässt mich zurück.“ Die Lyrik kam an, nur über die Notwendigkeit der Vorgeschichte zum zweiten Text gingen die Meinungen auseinander.

Octavia hatte drei Kurzgeschichten dabei. Eine „Alte Frau am Fenster“ beobachtet eine junge Frau, die täglich am Meer auf den geheimnisvollen Geliebten wartet und enthüllt dessen Identität erst, als die junge Frau in weißem Kleid und mit Taucherbrille auf eine Delphinflosse zuschwimmt. „Die Prophezeiung“ erzählt von Tante Hermine, der ein früher Tod vorhergesagt wird, weshalb sie weder heiraten noch Kinder bekommen will. Doch zum Erstaunen der erst mitleidigen, später vorwurfsvollen Verwandtschaft sieht man sie selbst mit 84 Jahren noch auf einem Kamel in der Wüste. In „Fifty-fifty“ sorgt ein bärtiger junger Mann mit arabischen Zügen im Nahverkehr spätestens als sein Handy klingelt für latenten Generalverdacht. Doch nichts passiert. Mit ihren leisen, nachdenklichen Beobachtungen entließ uns Octavia fast in die Pause.

Zuvor meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den Monat Februar und wählte gleich das erste Losthema: Der Aufbruch.

Nach der Pause gab’s von mir, Angela, eine brandneue halbe Geschichte mit dem scheinbar eindeutigen Titel „G-Punkt“. Eine Frau, die gerade sämtliche Brücken hinter sich abbricht, wird von ihrer Vergangenheit in Gestalt eines älteren Mannes überraschend eingeholt und mit sanftem Nachdruck zur Änderung ihrer Pläne genötigt. Wer wissen will, wie es weitergeht, komme am 15. Dezember 2018 um 19 Uhr zur traditionellen ADVENTSLESUNG der KernautorInnen von SoNochNie unter dem Motto „ALTE BEKANNTE“ in den Jugendclub M24 in Berlin-Pankow (siehe Flyer in meiner Hand). Nur so viel sei noch gesagt: Es war wohl die längste und spekulativste Diskussion über einen halben Text in der Geschichte unserer Lesebühne.

Der unnachahmliche Wolfgang W. brachte uns mit seinem Text „Was ist eine Rhythmusmaschine?“ weniger zum Nachdenken als zum entspannten Mitschwingen und verwies in Sachen Antwort auf den amerikanischen Jazz-Saxophonisten Phil Woods, der die Rhythmusmaschine im Bandnamen trug, auf den Drummer Buddy Rich, mit dem Woods kurzzeitig spielte und auf Iggy Pop mit seinem Hit „The Passenger“ in einem neuen Werbespot der Deutschen Bahn.

Die dritte Überraschung des vielseitigen Abends gelang Richard, der seinen Vortrag gleich selbst mit Kamera und Mikro aufnahm, um ihn den Cohen-Brüdern nach Hollywood schicken zu können. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Tatsächlich gehörte seine alten Sagen entlehnte historisch-fantastische Geschichte um einen Kriegsheimkehrer, der in den Zwanziger Jahren die negative Masse von Basaltsplittern entdeckt und mittels ihrer Tragkraft und einer Fluggerätattrappe dem Streit mit seiner Frau in die Rhönberge entschwebt, vielleicht gerade wegen ihrer dokumentarischen Anmutung zu den schrägsten Beiträgen des Abends.

Den Abschluss bildete Wolfgang E. mit zwei Witzen aus dem semitischen Volksmund, die er zu erheiternden Geschichten ausgebaut und auf jeden Fall bühnenreif vorgetragen hat. In der ersten wird Gott seine Gesetzestafeln nach mehreren Fehlversuchen nur deshalb bei Moses los, weil sie nix kosten, im zweiten soll ausgerechnet „es Davidle“ mal was werden und hat‘s alles andere als leicht.

Beschwingt ging diese 128. SoNochNie-Lesebühne zu Ende. ACHTUNG: Der Dezembertermin fällt, weil auf den 24., leider aus. Wir sehen uns erst am 28. Januar 2019 wieder, wenn Wolfgang W. zu themenbeauftragten und garantiert rhythmischen Spekulationen ansetzt. Bis dahin kommt gut durch den Advent, die Festtage und ins neue Jahr!

Die Welt ist eine Erzählbar

Sagen wir einfach mal, die unscharfe Notierung des diesmaligen Beauftragtenthemas vor zwei Monaten lag am stetig wachsenden Zuschauer- und Teilnehmerstrom von SoNochNie: Statt des angekündigten „Die Erzählbarkeit der Welt“ hatte Octavia Wolle eigentlich den Zuschauervorschlag „Ist die Welt erzählbar?“ gelost – und hernach auftragsgemäß zu einem Text wachsen lassen. Und auch heute stapelten sich die Namen der Lesewilligen geradezu auf der Liste des Moderators, sodass wieder ausgelost werden musste. Menge also wie immer auf acht begrenzt, Vielseitigkeit der Texte dagegen MEGA.

Themenbeauftragte Octavia ließ uns in ihrer gedanklich glasklaren und zugleich humorvoll-warmen Sprache in Form eines erzählerischen Essays am Schöpfungsprozess ihres Textes teilnehmen – wie die Frage sie umtreibt, wie sie sie mit ihrer Tochter am Telefon wieder und wieder bekakelt: Ist die Welt erzählbar? Wie sie Wikipedia befragt, das moderne Orakel, wie die Philosophie, Kant, Klopse, Chatwyn, daraus hinauslaufen, mit der Frage vor einem Ozean zu stehen, den man nun mit einem Kochlöffel auslöffeln soll. Wo doch eigentlich alles ganz einfach ist, wie die Aborigines wissen: Die Welt wird erzählt, erzählenderweise erschaffen, genauer gesagt, in Gesängen, welche, wie wir seit Homer wissen, auch Erzählungen sind. Für die Erschaffung aus der Erzählung gibt es weitere Beispiele: „Erzähl mich doch nichts“ heißt, mach mir doch keine Erfindung weis, Erzähltes wird mitunter wirklich Welt. Das war ein erhellender Gedankenausflug.

Wie um genau diese Macht der Erzählung zu bekräftigen, zog Petra Lohan uns mit ihrem Text „Pinakothek der Begegnungen“ in eine ganz eigene Welt. Eine Sammlerin von a) flüchtigen und b) folgenreichen Begegnungen hält vor genau einem Zuhörer einen Vortrag über ihre Sammlung und den Gegenstand derselben. Erstere hat sie tatsächlich, und zwar mittels eines Fotoapparates, festgehalten und eine Auswahl davon in der Ausstellung, letztere, tja, wie nur konserviert, verewigt, ausgestellt, da sie sich ja eben nicht auf einen Augenblick beschränken. Der Zuhörer erweist sich im Anschluss als eine jener folgenreicheren Begegnungen, die Geschichte als eine Art perpetuum mobile des Erzählens und des Lebens …

Wolfgang Weber erzählt so gut wie nie. Er wirbelt auf. Worte, Titel, Verkettungen, Verbindungen, sprachlich, bildlich, gestisch, musikalisch. „Animalisch“ hieß sein Text, und als er darin ein ums andere Mal die Zeile „I’m an animal“ von Eric Burdon zitierte, verschmolz er mit seinem wüsten Haar in seinen Perkussionsbewegungen mit Kalebasse tatsächlich in der Assoziationswelt zu dem Muppet-Schlagzeuger „Animal“ – was ich ausdrücklich als Kompliment gemeint haben will. Ich bin ein Tier! „Ich habe keine Fragen mehr an die Sache“, sagte eine Zuschauerin anschließend.

Der Notdienst-Arzt, der sich in meiner anschließenden Geschichte „Oeverdings Sammlung“ auf den nächtlichen Weg zu einem Patienten macht, betritt wiederum auch eine fremde Welt, in der ihn allerdings ein sehr, sehr alter Bekannter erwartet. (S)ein ehemaliger Professor von der Kunstakademie benötigt ärztliche Hilfe, der ehemalige abgebrochene Kunststudent und nachfolgende Mediziner eine gewaltige Portion Selbstbeherrschung, als er sieht, woraus die sagenumwobene Sammlung seines alten Profs besteht. Sehr berührt haben mich die mannigfaltigen Sichtweisen des Publikums auf die Geschichte, was sie in ihnen ausgelöst hat, woran sie dabei gedacht haben. Herzlichen Dank!

Der zweite Teil des Abends bescherte uns mit der Geburtshilfe unseres geschätzten Moderators Leovinus einen neuen Themenbeauftragten, und zwar für Januar 2019 – weil der Dezembertermin auf Heiligabend und damit aus – fällt. Wolfgang Weber wird das Thema „Spekulationen“ aufwirbeln. Wir warten gespannt!

Marcel Kröner – in seinem SNN-Debüt – las den zweiten Teil an und präsentierte einige lyrische Ausflüge – oder sagen wir Törns/Tauchgänge/Bahnen – um das Schwimmen und seine weiten Assoziationsfelder. „Freischwimmen“ – der Aufbruch zu neuen Ufern, „Stunde der Heimkehr“ – um den Ur-Helden des Homer, „Vom Schwimmen in der Blase“ – die, in der wir alle einmal schwammen, „Acheron“ – unter Verwendung „geliehener Zeilen“ und „Nichtschwimmerin Ophelia“ – zu der jemand anmerkte, es sei eine „literarische Charade“. Auf jeden Fall schwimmfähig und weit davon entfernt, abzusaufen, diese Lyrik, die wieder neue Türen aufmachte auf der Lesebühne.

Alltäglichstes, ja beinahe Nichtiges, so würden manche das nennen, worüber Barbara schreibt. Und sie hätten wohl Recht damit. ABER: Im Kleinsten, Unscheinbarsten das Besondere, das Auffällige und Bedeutsame zu erkennen, das ist eine echte Kunst. Und das dann so lakonisch, knapp und treffend erzählen zu können wie Barbara, das macht sie zu einer echten Künstlerin. Bei ihrem heutigen Besuch hatte sie von Begegnungen mit Berliner Taxifahrern zu erzählen – „Der Braune“ (Farbige), „Hodensack wie ein Bulle“ (genau das), „Die Leiden eines sportlichen Taxifahrers“ (wenn man sich die Schambeinentzündung mit einem Top-Sportler wie Reus zuteilen glaubt), „Der Pakistani“ (der ohne jede Orientierung arbeitet – was er wiederum mit vielen Berufstätigen gemeinsam hat) – höchst unterhaltsam und berührend.

Oliver – ein weiterer Wiederkehrer – legte uns mit seiner knappen, genauen Lyrik „Biografien von Idioten“ auf den Tisch. Vom Einstecker „Stefan Stamm“, von der „Morgenandacht“ in der Kneipe mit den Müllmännern, von Jugendfreund „Rolfi“ mit zu großen Schneidezähnen, von Bolt (hoffentlich richtg geschrieben), der irgendwo in Asien oder Osteuropa Brückenbauten betreut. Was manche (nicht alle!) als Spott ansahen, kam mir doch eher vor wie eine Würdigung von Menschen, die es eben nicht ganz auf die Reihe kriegen: eine kleine Galerie von pointierten Loser-Portraits.

Das zweite Debüt dieses Abends: Ava Sergeeva. Sie stellte uns einen Auszug aus ihrem ersten Roman „Ich bin Merkur“, der bei Periplaneta erschienen ist. (Irgendwo muss es einen unterirdischen Gang zwischen Periplaneta und dem Zimmer 16 geben, es tauchen immer wieder neue, interessante Autor*innen von dort auf.) Es war/ist wohl ein biografischer Roman, also eine Lebensgeschichte – ob fiktiv oder nicht, spielt keine große Rolle – erzählt aus der Perspektive eines männlichen Protagonisten (oder vielleicht auch nicht?) mit Vorliebe für multipersonale Rollenexistenzen, Pen & Paper und echte Fantasy-Rollenspiele. Worauf alles hinausläuft, war in diesem kurzen Ausschnitt naturgemäß nicht zu erfahren, aber beziehungsdynamisch scheint einiges Schwarzpulver drin zu stecken – also Amulette und Zauberschwerter bereithalten und auf in den Kampf.

Wir sehen uns am 26. November zur letzten Lesebühne 2018. Bis dahin: schreibt, was das Zeug hält!

Vegansexuell

Was für eine wunderbare Lesebühne diese 126. doch war. Zum einen freute mich natürlich der Zuspruch, den mein eigener Text erhielt, zum anderen freut mich der wachsende Zuspruch der Lesebühne selbst. Herzlichen Dank an dieser Stelle ans Zimmer 16 und all die Helfer, die diesen Abend erst möglich machen. Dank aber auch an all die Lesenden und Zuhörer. Zwölf Bewerber gab es für einen Platz am Tisch. Da inklusive Themenbeauftragtem aber nur acht lesen können, musste das Los entscheiden, und Eva, Petra, Steffen und Wolfgang hatten diesmal kein Glück bei unserer Lottofee, die Leovinus hieß und uns charmant durch den Abend geleitete, auch wenn er genderkonform eher ein Feenrich war. Da Micha im Urlaub weilte, übernahm ich auch die Fotografie. Bitte also um Verzeihung, habe nur mit dem Handy geknipst; auch wenn es ein gylaxa 8 ist, sind natürlich die Fotos niemals so schön wie Michas.
Der Abend begann mit der Themenbeauftragten Vera Fang zum Thema „Stoppschild“. Wir erfuhren, dass das Stoppschild in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, jedenfalls in Deutschland. Vera begann mit der Art, wie sie sich dem Thema genähert hat, nämlich ungewöhnlicherweise über google, um uns am Ende eine kleine Geschichte vom Traum nach der Recherche zu präsentieren, in dem ein Stoppschild u.a. traurig darüber ist, dass kein Kind sich zu Halloween (oder war es Fasching) als solches verkleidet. Auf die Kritik, dass der Rechercheweg an sich nicht zur Geschichte gehört, reagierte Vera mit dem bis zu diesem Zeitpunkt vorenthaltenen Titel: „Wie eine Geschichte entsteht“.
Danach kam der Stefan und las seine poetischen Kleinodien. „muss irgendwer im Süden hocken mit meinem Schal und dicken Socken“ schaffte ich mir zu notieren „und ist das µ auf seine Weise Pantoffeltierchens größte Reise“. Ich kann zu Stefans Gedichten nicht allzu viel sagen außer, dass ich sie liebe. Sie geben den Kleinigkeiten einen gefälligen Rhythmus, der mir unwillkürlich ein freudiges Gefühl verschafft, mich ein bisschen glücklicher macht, meinen Wert auf der Glücksskala unmittelbar um ein bis zwei Punkte hebt. Was ein mehr oder weniger eleganter Übergang zum nächsten Lesenden,

nämlich
mir, ist. Frank Georg Schlosser (ich stelle mich mal neben mich) las die Geschichte „Glücksskala“ und sie ist, scheint mir, gut angekommen. Es gab eine lebhafte Diskussion und verschiedene Vorschläge, wie die unvollendete Geschichte enden könnte. Dafür dankt der Autor, weil wirklich bedenkenswerte Ideen darunter waren, wie er findet.
Der letzte Lesende vor der Pause war der Max. Er las aus seinem Werk „53 verdammt gute Tipps“, in dem er seine eigenen Probleme, wie er sagte, einer Lösung zuführte und es hätte geholfen, ihm ginge es schon viel besser. Zum Beispiel gab er sich den Rat, die verzweifelte Suche nach dem perfekten Platz im Kino aufzugeben und sich hinten an den Rand zu setzen, weil das der einzige Platz ist, wo ein Typ wie er (Perfektionist) den Film genießen kann. Oder noch besser: der ewige Kampf mit den Gästen, dass sie den Designerteppich nicht vollkrümeln, bekleckern, mit ihren Schuhen verhunzen, dadurch aufzulösen, dass er mit der Zigarette selbst ein Brandloch hineinzaubert, welchselbiges übrigens der schwarze Punkt auf der weißen Fläche des Jin und Jang-Symbols ist. Wusste ich nicht, fand ich aber sehr interessant und passend.
Dann gab es die Pause. Nach der Pause wurde der Themenbeauftragte für den Monat November gesucht und es meldete sich Steffen Meyer. Ein Tusch für Steffen. All unsere guten Wünsche begleiten dich für das Thema „Wie lernt man fliegen?“ Bin sehr gespannt, kann man bestimmt auch was googeln 😉
Dann las die Barbara kleine Miniaturen aus der täglichen Welt der U-Bahn, der Kaufhallen, der Taxis. Es war eine Eloge auf das aufmerksame tägliche Hinsehen, was um uns herum so geschieht. Sie setzt mit ihren Geschichtchen kleine Denkmäler für die Helden und Antihelden des Alltags: der MOZ-Verkäufer, der kein Geld will, sondern ein Lächeln und Beides bekommt; zwei kleine alte Damen, die sich an einem Einkaufswagen festhaltend durch den Supermarkt (wollte schon wieder Kaufhalle schreiben) schieben und in wortloser Einigkeit beschließen, was sie wollen und was sie sich leisten können; der Taxifahrer, der nichts gegen Flüchtlinge hat, sich aber schon wundert, wie die vierundzwanzig Euro für eine Taxifahrt ausgeben können; und eine Frau, die ihre Pflanze in der U-Bahn spazieren fährt und zu einem wildfremden Mann sagt: „Ich wusste schon immer, dass ich verloren bin.“ Ihre Geschichten kann man nachlesen in „b.geschichten.myblog.de“. Hoffe, ich habe das richtig aufgenommen.
Wolfgang Ebel „Sprache und Realität“ trug seine Geschichte sehr vehement vor, und ich muss gestehen, dass die Heftigkeit des Vortrages es mir schwer machte, inhaltlich bei ihm zu bleiben. Das tut mir leid, obwohl ich das Abschlussbild sehr schön fand, wie sie ohne Sauerstoffgerät den Achttausender bezwingt und am Gipfelkreuz ihrem Führer die Maske vom Gesicht reißt um ihn zu küssen, was dazu führt, dass er, plötzlich des Sauerstoffs beraubt, taumelt und über verschiedene Klippen und Spalten in die Tiefe stürzt. Sie streichelte das Kreuz der Realität, es lastet auf ihrer Seele, die achttausend Meter auf dem Grund des Ozeans liegt, was eine Entfernung von 16.000 Meter zwischen Körper und Seele schafft. In der Diskussion verwies der Wolfgang auf den Essay „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Kleist, was wohl die rasanten Sprünge in seinem Text erklären sollte.
Als siebter las der Matthias, der mich mit einer alten Geschichte wieder sehr froh machte. Es ging um den luziden Zustand zwischen Wachen und Schlafen und das Gefühl, neue Körperteile an Stellen zu haben, wo sie nicht hingehören. Es gab so sinnige Sätze wie „Ich hasse Kinder, schon gleich meine eigenen.“ Oder: „Ich schlafe nie nackt, dafür bin ich viel zu hässlich.“ Oder ähnlich: „Die Suche nach einem Spiegel gebe ich auf. Habe sie alle mit Rücksicht auf mein Wohlbefinden zugehängt.“ Irgendwer sagte in der Diskussion, der Matthias dürfe auch wieder traurig werden, meinetwegen, solange er nur jedes vierte bis siebte Mal so etwas drastisch Lustiges raushaut. U.a. gab es einen Baumstamm im Bett, was Leovinus in der Abmoderation zu dem Begriff „vegansexuell“ verführte. Siehste! Kennt er nicht. Macht er mir eine rote Kringellinie drunter. Aber „Siehste“ kennt er auch nicht, und das hat doch Pittiplatsch immer gesagt, oder?
Als Letzter des Abends wurde der Ralf gelost, der eine Geschichte aus seinem Grimmatorium las. Sie spielte in einem Plattenbau, der als Auffangstation für aus ihrer Heimat geflohene Wörter diente. Die Zeit des Brauchens ist vorbei, sagte einer der Protagonisten, der als Polizist auf den Namen Räuber hörte. Es gab die Richterin Eiserne Jungfrau, die einzige, die Sexist die Stirn bietet. In der Diskussion wurde viel darüber gesprochen, ob die Geschichte das Thema nicht ein bisschen verschenkt, weil sie zu sehr an der Oberfläche bleibt (was immer das ist), und nicht die Frage beantwortet, warum ausgerechnet diese Wörter da sind. Ich persönlich denke auch, dass die Idee Potenzial hat, die Protagonisten aber mehr Persönlichkeit bräuchten. Ich glaube, es steckt zu sehr im Wortwitz fest und nicht im Schicksal oder der Not der Mitwirkenden. Aber damit müssen wir den Ralf jetzt allein lassen, denn nur im Alleinsein kann der Autor die Wunder schaffen, von denen wir auf der nächsten offenen Lesebühne SoNochNie! viele neue zu hören hoffen. Am 22. Oktober ist es wieder soweit, wenn die einzige Lesebühne mit einer Hymne erneut an der Eieruhr dreht.
Bis dahin: gehabt euch wohl.
Euer

Björn ist ein schwäbischer Name

Am Montag war der Feind im Zimmer 16. Und es stellte sich wieder einmal heraus: Er ist gar nicht feindlich, man versteht bloß seine Sprache nicht.

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Eine Beauftragtengeschichte komplett auf Schwäbisch! Ja weiß denn dieser Björn Reich nicht, wo er ist? Pankow! Gut, Schwaben werden in Pankow, anders als in Prenzlauer Berg, von den nicht schwäbischen EinwohnerInnen nicht ganz so wie einst die Wehrmacht von den Holländern angesehen, aber trotzdem … Mut hat er also, sogar doppelt, immerhin gab er sein Beauftragtendebüt bei SoNochNie. Wir hatten schon Dänisch und andere wild-exotische Zungen auf der Lesebühne, aber so viel wurde über die (Un)Verständlichkeit einer Sprache noch nie diskutiert! Doch ein heimseliges Geschwärme wurde er nicht, sein Text zum Publikumsthema „Was ist Heimat“, sondern ein leise ironischer Erinnerungsspaziergang durch die Untiefen des Provinzlebens.
Warmbronn, Ort seiner Kindheit, lauschiges Plätzchen bei Leonberg, Heimat auch des Dichters Christian Wagner, welcher von den Warmbronnern erst posthum u.a. mit einem Brunnen geehrt wurde, weil er ihnen zu Lebzeiten wohl doch zu viel unnütz herumgesessen haben muss, statt „zu schaffe“ bloß gedichtet hat. Die 20 Pfennige pro Tag für den Schulweg, die für saure Schlangen „Schlotzer“ (Lutscher) draufgingen. Auf dem heimatlichen Hof ein Massenmord an sämtlichen 92 „Hase“ (bestimmt Kaninchen), weil eben dieser Hof vom Opa aufgegeben wurde und niemand weitermachen wollte, sondern lieber schnell, schnell raus mit dem eigenen Auto, das jeder haben musste. In der Rückschau auf die heute eher verwaisten Pfade zur alten Schule und durch das Dorf vorbei am Wagner-Brunnen erscheint das Leben nun trotzdem „oifach, aber doch schee“.
„Ich habe nur fünfzig Prozent verstanden!“ war die erste Reaktion aus dem Publikum, die zweite, sich darauf beziehende: „Glückwunsch!“ – welche aber nicht hieß, es sei gut, nur die Hälfte verstanden zu haben, sondern ehrliche Bewunderung für die Übersetzungsleistung ausdrückte. Ich war, ich gebe es zu, etwas stolz darauf, quasi alles von Björns Text verstanden zu haben, was an meiner südwestdeutschen Teilbiografie liegt, und was mir das Vergnügen an den hintergründigen Schilderungen aus dem Ländle nur noch vergrößert hat. Danke, Herr Themenbeauftragter, die Urkunde ist mehr als verdient.

SNN-Debütant Henrik Lode las Hochdeutsch. Einen Auszug aus seinem Buch (Roman?) „Laotse im Schlaraffenland“, in dem es um zwei Gewinner je eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ geht. Eine Szene führte in ein Büro in einem Job-Center, in dem der eine Gewinner seinen Businessplan für Vollkorn-Döner anzubringen versucht – was nicht einfach ist, u. a. weil die Vermittlerin zu vielem eine Meinung, aber keine klare Vorstellung der eigenen Kompetenzen hat – was eine Entscheidung seitens des Job-Centers deutlich erschwert. Oder lag es doch an der Geschäftsidee, irgendeinen „Türkendaddy mit Plautze“ hinter den Tresen zu stellen und dies der türkischstämmigen Vermittlerin auch mit genau diesen Worten mitzuteilen? Im Publikum wollte man dann gerne mehr erfahren über die Geschichte und fand, einen Protagonisten zu schreiben, der nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, zeugt von einem gewissen Mut.

Hinaus aus Berlin zog es/uns dann wieder Octavia Wolle mit ihrem Essay über Erinnerungen an die Uckermark, für sie zweite Heimat nach oder neben Berlin-Mitte. Mehrere Jahre, noch vor dem Mauerfall, lebte sie dort, beobachtete Wildgänse auf dem See, hörte Hundekonzerte in den Dörfern, fing die Stimmen wachsamer Gänse ein, ließ sich von einem Fasan begrüßen, betrachtete Störche und Kraniche. Sie zitierte für uns aber auch Wikipedia, Bernhard Schlink und die Bibel, sodass es kein rein melancholisches Abtauchen wurde in eine Zeit und Gegend, die wirkte „als stünde die Erschaffung des Menschen noch bevor“. Und sie zitierte „Hänschen klein“: und zwar alle Strophen, unverkürzt/-verfälscht, denn in der Langfassung kehrt Hänschen nicht auf dem Absatz um, sondern erst nach sieben Jahren, als Hans, und wird nur von der Mutter noch erkannt. Was das nun zu bedeuten hat, darüber wurde kräftig diskutiert. Der geschliffene Text Octavias und die genauen Beobachtungen darin war manchen genug, auch ohne Wikipedia, und manche schätzten gerade die Mischung.

Ebenfalls erinnern mochte sich Elmar Grüber, allerdings an seine Heimat, die Eifel. Den Text hatte er, so sagte Elmar, noch niemals vor Publikum gelesen, obwohl er aus den Neunzigern stammt (der Text, nicht Elmar). „Der erste Kuss“ hieß seine absurd-hochkomische Episode, die, na? vom allerersten Kuss handelte, wie es dazu kam, was davor und dabei und danach schiefging (so einiges – wir sind in der stockkatholischen EIFEL!) und wer da noch mit zu tun hatte (dito). Das Ganze erzählte er mit immer wieder verblüffenden und wunderhübschen Verdrehungen, Wortumstellungen, Neuwendungen, die mehr sagten und witziger waren als plumpes Deutsch: „Ich verliebte dich in mich“ – noch Fragen?

Die Rückkehr aus der PAUSE brachte uns ein weiteres Debüt: Octavia Wolle erklärte sich bereit, am 22. Oktober unsere übernächste Themenbeauftragte zu werden, und loste  aus den Publikumsvorschlägen ihr Thema: „Die Erzählbarkeit der Welt“ – Wir werden alle da sein und lauschen!

Matthias Rische reimte. Und wer Matthias kennt, der kann sich denken, dass es keine süßen Reime waren. Er reimte von einem Schul-Amokläufer und von einem psychisch Kranken, der erst zum Mörder und dann zum Selbstmörder wird. Wir diskutierten, ob es mehr Wilhelm Busch oder Struwwelpeter-Reime waren. Das ist gruselig, oder?!? Das IST gruselig! Aber echt spannend. Der dritte seiner Texte war nicht einfach zu verstehen, denn es sprachen – wie er hinterher enthüllte – mehrere innere Stimmen einer gefährdeten Person, genauer gesagt, eines Missbrauchsopfers. Letzteres haben wir kapiert, ersteres eher nicht, vermuteten WG-GenossInnen oder Therapeuten, was dem Text aber kaum schadete.

Nun folgte mit Wolfgang Eubel eher eine Art Performance: „Movens!“ rief er noch aus dem Zuschauerraum, rezitierte sich bis zum Tisch vor und ließ an Wort – und Klangspieler denken wie Jandl. Doch das setzte er nicht ganz so fort, blieb jedoch beim humoristisch-wortspielerischen Vortrag – erst über Vampire, dann über die „Wende“, endend mit dem Ausruf: „Duck – mäu – ser!“ An die „Erzählbarkeit der Welt“ mag er ja nicht glauben (von ihm stammte das Thema, gab er zu), an ihre Eignung als Darstellungs- und Echoraum muss er glauben, sonst hätte er nicht diese gestische, rhythmische Art des Vortrags gewählt.

Mit rhythmischem Vortrag kennt sich Wolfgang Weber auch aus – auf seine unverwechselbare, etwas anarchische Art allerdings. Die „intergalaktische Schönheit“ hatte es ihm angetan, und mit der „Augenbrauenrakete“ zischte er durch Beauty-Slogans, Popmusikgeschichte und freie Wortassoziationen, dass ich hier und da sogar den Maulwurf zu hören glaubte („Tschüssn!“), der irgendwo zwischen Wolfgangs mitgebrachten Utensilien (Mini-Schultüte, Kinder-Mikrofon, Beauty-Prospekt, Rhythmus-Döschen) versteckt sein musste, aber nicht war. Wozu braucht Wolfgang auch einen Maulwurf!

Ein weiteres SNN-Debüt schloss den Abend ab: Dschamilja schreibt (auch im eigenen Blog) „a Nonsens, b Lyrik, c deep stuff“. Aus der ersten Rubrik trug sie „Gestern Nacht“ vor, welche nur wegen falsch gedrehter Bettdecke eine schlaflose geworden war. Aus der zweiten „1 Tag, 2 Gesichter“, eine Art gereimter Selbstzweifel, und aus der dritten „Wenn dich der Tango küsst“, ein emotionales Transkript, entstanden während eines Konzertbesuches. Ihre Texte riefen gemischte Reaktionen hervor, auf jeden Fall kurze, was wohl auch der fortgeschrittenen Zeit zuzurechnen war, denn wieder einmal war unsere Leseliste voll bis auf den letzten, ihren, den achten Platz geworden und auch die Reihen der Zuschauer/Mitreder/Selbstleser/Schreiber noch gefüllt zu dieser späten Stunde. Eine hochinteressante Offene Lesebühne, diese 125. von allen. Zur 126. am 24. September erwarten wir Sie wieder im Zimmer 16!