Vegansexuell

Was für eine wunderbare Lesebühne diese 126. doch war. Zum einen freute mich natürlich der Zuspruch, den mein eigener Text erhielt, zum anderen freut mich der wachsende Zuspruch der Lesebühne selbst. Herzlichen Dank an dieser Stelle ans Zimmer 16 und all die Helfer, die diesen Abend erst möglich machen. Dank aber auch an all die Lesenden und Zuhörer. Zwölf Bewerber gab es für einen Platz am Tisch. Da inklusive Themenbeauftragtem aber nur acht lesen können, musste das Los entscheiden, und Eva, Petra, Steffen und Wolfgang hatten diesmal kein Glück bei unserer Lottofee, die Leovinus hieß und uns charmant durch den Abend geleitete, auch wenn er genderkonform eher ein Feenrich war. Da Micha im Urlaub weilte, übernahm ich auch die Fotografie. Bitte also um Verzeihung, habe nur mit dem Handy geknipst; auch wenn es ein gylaxa 8 ist, sind natürlich die Fotos niemals so schön wie Michas.
Der Abend begann mit der Themenbeauftragten Vera Fang zum Thema „Stoppschild“. Wir erfuhren, dass das Stoppschild in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, jedenfalls in Deutschland. Vera begann mit der Art, wie sie sich dem Thema genähert hat, nämlich ungewöhnlicherweise über google, um uns am Ende eine kleine Geschichte vom Traum nach der Recherche zu präsentieren, in dem ein Stoppschild u.a. traurig darüber ist, dass kein Kind sich zu Halloween (oder war es Fasching) als solches verkleidet. Auf die Kritik, dass der Rechercheweg an sich nicht zur Geschichte gehört, reagierte Vera mit dem bis zu diesem Zeitpunkt vorenthaltenen Titel: „Wie eine Geschichte entsteht“.
Danach kam der Stefan und las seine poetischen Kleinodien. „muss irgendwer im Süden hocken mit meinem Schal und dicken Socken“ schaffte ich mir zu notieren „und ist das µ auf seine Weise Pantoffeltierchens größte Reise“. Ich kann zu Stefans Gedichten nicht allzu viel sagen außer, dass ich sie liebe. Sie geben den Kleinigkeiten einen gefälligen Rhythmus, der mir unwillkürlich ein freudiges Gefühl verschafft, mich ein bisschen glücklicher macht, meinen Wert auf der Glücksskala unmittelbar um ein bis zwei Punkte hebt. Was ein mehr oder weniger eleganter Übergang zum nächsten Lesenden,

nämlich
mir, ist. Frank Georg Schlosser (ich stelle mich mal neben mich) las die Geschichte „Glücksskala“ und sie ist, scheint mir, gut angekommen. Es gab eine lebhafte Diskussion und verschiedene Vorschläge, wie die unvollendete Geschichte enden könnte. Dafür dankt der Autor, weil wirklich bedenkenswerte Ideen darunter waren, wie er findet.
Der letzte Lesende vor der Pause war der Max. Er las aus seinem Werk „53 verdammt gute Tipps“, in dem er seine eigenen Probleme, wie er sagte, einer Lösung zuführte und es hätte geholfen, ihm ginge es schon viel besser. Zum Beispiel gab er sich den Rat, die verzweifelte Suche nach dem perfekten Platz im Kino aufzugeben und sich hinten an den Rand zu setzen, weil das der einzige Platz ist, wo ein Typ wie er (Perfektionist) den Film genießen kann. Oder noch besser: der ewige Kampf mit den Gästen, dass sie den Designerteppich nicht vollkrümeln, bekleckern, mit ihren Schuhen verhunzen, dadurch aufzulösen, dass er mit der Zigarette selbst ein Brandloch hineinzaubert, welchselbiges übrigens der schwarze Punkt auf der weißen Fläche des Jin und Jang-Symbols ist. Wusste ich nicht, fand ich aber sehr interessant und passend.
Dann gab es die Pause. Nach der Pause wurde der Themenbeauftragte für den Monat November gesucht und es meldete sich Steffen Meyer. Ein Tusch für Steffen. All unsere guten Wünsche begleiten dich für das Thema „Wie lernt man fliegen?“ Bin sehr gespannt, kann man bestimmt auch was googeln 😉
Dann las die Barbara kleine Miniaturen aus der täglichen Welt der U-Bahn, der Kaufhallen, der Taxis. Es war eine Eloge auf das aufmerksame tägliche Hinsehen, was um uns herum so geschieht. Sie setzt mit ihren Geschichtchen kleine Denkmäler für die Helden und Antihelden des Alltags: der MOZ-Verkäufer, der kein Geld will, sondern ein Lächeln und Beides bekommt; zwei kleine alte Damen, die sich an einem Einkaufswagen festhaltend durch den Supermarkt (wollte schon wieder Kaufhalle schreiben) schieben und in wortloser Einigkeit beschließen, was sie wollen und was sie sich leisten können; der Taxifahrer, der nichts gegen Flüchtlinge hat, sich aber schon wundert, wie die vierundzwanzig Euro für eine Taxifahrt ausgeben können; und eine Frau, die ihre Pflanze in der U-Bahn spazieren fährt und zu einem wildfremden Mann sagt: „Ich wusste schon immer, dass ich verloren bin.“ Ihre Geschichten kann man nachlesen in „b.geschichten.myblog.de“. Hoffe, ich habe das richtig aufgenommen.
Wolfgang Ebel „Sprache und Realität“ trug seine Geschichte sehr vehement vor, und ich muss gestehen, dass die Heftigkeit des Vortrages es mir schwer machte, inhaltlich bei ihm zu bleiben. Das tut mir leid, obwohl ich das Abschlussbild sehr schön fand, wie sie ohne Sauerstoffgerät den Achttausender bezwingt und am Gipfelkreuz ihrem Führer die Maske vom Gesicht reißt um ihn zu küssen, was dazu führt, dass er, plötzlich des Sauerstoffs beraubt, taumelt und über verschiedene Klippen und Spalten in die Tiefe stürzt. Sie streichelte das Kreuz der Realität, es lastet auf ihrer Seele, die achttausend Meter auf dem Grund des Ozeans liegt, was eine Entfernung von 16.000 Meter zwischen Körper und Seele schafft. In der Diskussion verwies der Wolfgang auf den Essay „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Kleist, was wohl die rasanten Sprünge in seinem Text erklären sollte.
Als siebter las der Matthias, der mich mit einer alten Geschichte wieder sehr froh machte. Es ging um den luziden Zustand zwischen Wachen und Schlafen und das Gefühl, neue Körperteile an Stellen zu haben, wo sie nicht hingehören. Es gab so sinnige Sätze wie „Ich hasse Kinder, schon gleich meine eigenen.“ Oder: „Ich schlafe nie nackt, dafür bin ich viel zu hässlich.“ Oder ähnlich: „Die Suche nach einem Spiegel gebe ich auf. Habe sie alle mit Rücksicht auf mein Wohlbefinden zugehängt.“ Irgendwer sagte in der Diskussion, der Matthias dürfe auch wieder traurig werden, meinetwegen, solange er nur jedes vierte bis siebte Mal so etwas drastisch Lustiges raushaut. U.a. gab es einen Baumstamm im Bett, was Leovinus in der Abmoderation zu dem Begriff „vegansexuell“ verführte. Siehste! Kennt er nicht. Macht er mir eine rote Kringellinie drunter. Aber „Siehste“ kennt er auch nicht, und das hat doch Pittiplatsch immer gesagt, oder?
Als Letzter des Abends wurde der Ralf gelost, der eine Geschichte aus seinem Grimmatorium las. Sie spielte in einem Plattenbau, der als Auffangstation für aus ihrer Heimat geflohene Wörter diente. Die Zeit des Brauchens ist vorbei, sagte einer der Protagonisten, der als Polizist auf den Namen Räuber hörte. Es gab die Richterin Eiserne Jungfrau, die einzige, die Sexist die Stirn bietet. In der Diskussion wurde viel darüber gesprochen, ob die Geschichte das Thema nicht ein bisschen verschenkt, weil sie zu sehr an der Oberfläche bleibt (was immer das ist), und nicht die Frage beantwortet, warum ausgerechnet diese Wörter da sind. Ich persönlich denke auch, dass die Idee Potenzial hat, die Protagonisten aber mehr Persönlichkeit bräuchten. Ich glaube, es steckt zu sehr im Wortwitz fest und nicht im Schicksal oder der Not der Mitwirkenden. Aber damit müssen wir den Ralf jetzt allein lassen, denn nur im Alleinsein kann der Autor die Wunder schaffen, von denen wir auf der nächsten offenen Lesebühne SoNochNie! viele neue zu hören hoffen. Am 22. Oktober ist es wieder soweit, wenn die einzige Lesebühne mit einer Hymne erneut an der Eieruhr dreht.
Bis dahin: gehabt euch wohl.
Euer

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Björn ist ein schwäbischer Name

Am Montag war der Feind im Zimmer 16. Und es stellte sich wieder einmal heraus: Er ist gar nicht feindlich, man versteht bloß seine Sprache nicht.

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Eine Beauftragtengeschichte komplett auf Schwäbisch! Ja weiß denn dieser Björn Reich nicht, wo er ist? Pankow! Gut, Schwaben werden in Pankow, anders als in Prenzlauer Berg, von den nicht schwäbischen EinwohnerInnen nicht ganz so wie einst die Wehrmacht von den Holländern angesehen, aber trotzdem … Mut hat er also, sogar doppelt, immerhin gab er sein Beauftragtendebüt bei SoNochNie. Wir hatten schon Dänisch und andere wild-exotische Zungen auf der Lesebühne, aber so viel wurde über die (Un)Verständlichkeit einer Sprache noch nie diskutiert! Doch ein heimseliges Geschwärme wurde er nicht, sein Text zum Publikumsthema „Was ist Heimat“, sondern ein leise ironischer Erinnerungsspaziergang durch die Untiefen des Provinzlebens.
Warmbronn, Ort seiner Kindheit, lauschiges Plätzchen bei Leonberg, Heimat auch des Dichters Christian Wagner, welcher von den Warmbronnern erst posthum u.a. mit einem Brunnen geehrt wurde, weil er ihnen zu Lebzeiten wohl doch zu viel unnütz herumgesessen haben muss, statt „zu schaffe“ bloß gedichtet hat. Die 20 Pfennige pro Tag für den Schulweg, die für saure Schlangen „Schlotzer“ (Lutscher) draufgingen. Auf dem heimatlichen Hof ein Massenmord an sämtlichen 92 „Hase“ (bestimmt Kaninchen), weil eben dieser Hof vom Opa aufgegeben wurde und niemand weitermachen wollte, sondern lieber schnell, schnell raus mit dem eigenen Auto, das jeder haben musste. In der Rückschau auf die heute eher verwaisten Pfade zur alten Schule und durch das Dorf vorbei am Wagner-Brunnen erscheint das Leben nun trotzdem „oifach, aber doch schee“.
„Ich habe nur fünfzig Prozent verstanden!“ war die erste Reaktion aus dem Publikum, die zweite, sich darauf beziehende: „Glückwunsch!“ – welche aber nicht hieß, es sei gut, nur die Hälfte verstanden zu haben, sondern ehrliche Bewunderung für die Übersetzungsleistung ausdrückte. Ich war, ich gebe es zu, etwas stolz darauf, quasi alles von Björns Text verstanden zu haben, was an meiner südwestdeutschen Teilbiografie liegt, und was mir das Vergnügen an den hintergründigen Schilderungen aus dem Ländle nur noch vergrößert hat. Danke, Herr Themenbeauftragter, die Urkunde ist mehr als verdient.

SNN-Debütant Henrik Lode las Hochdeutsch. Einen Auszug aus seinem Buch (Roman?) „Laotse im Schlaraffenland“, in dem es um zwei Gewinner je eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ geht. Eine Szene führte in ein Büro in einem Job-Center, in dem der eine Gewinner seinen Businessplan für Vollkorn-Döner anzubringen versucht – was nicht einfach ist, u. a. weil die Vermittlerin zu vielem eine Meinung, aber keine klare Vorstellung der eigenen Kompetenzen hat – was eine Entscheidung seitens des Job-Centers deutlich erschwert. Oder lag es doch an der Geschäftsidee, irgendeinen „Türkendaddy mit Plautze“ hinter den Tresen zu stellen und dies der türkischstämmigen Vermittlerin auch mit genau diesen Worten mitzuteilen? Im Publikum wollte man dann gerne mehr erfahren über die Geschichte und fand, einen Protagonisten zu schreiben, der nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, zeugt von einem gewissen Mut.

Hinaus aus Berlin zog es/uns dann wieder Octavia Wolle mit ihrem Essay über Erinnerungen an die Uckermark, für sie zweite Heimat nach oder neben Berlin-Mitte. Mehrere Jahre, noch vor dem Mauerfall, lebte sie dort, beobachtete Wildgänse auf dem See, hörte Hundekonzerte in den Dörfern, fing die Stimmen wachsamer Gänse ein, ließ sich von einem Fasan begrüßen, betrachtete Störche und Kraniche. Sie zitierte für uns aber auch Wikipedia, Bernhard Schlink und die Bibel, sodass es kein rein melancholisches Abtauchen wurde in eine Zeit und Gegend, die wirkte „als stünde die Erschaffung des Menschen noch bevor“. Und sie zitierte „Hänschen klein“: und zwar alle Strophen, unverkürzt/-verfälscht, denn in der Langfassung kehrt Hänschen nicht auf dem Absatz um, sondern erst nach sieben Jahren, als Hans, und wird nur von der Mutter noch erkannt. Was das nun zu bedeuten hat, darüber wurde kräftig diskutiert. Der geschliffene Text Octavias und die genauen Beobachtungen darin war manchen genug, auch ohne Wikipedia, und manche schätzten gerade die Mischung.

Ebenfalls erinnern mochte sich Elmar Grüber, allerdings an seine Heimat, die Eifel. Den Text hatte er, so sagte Elmar, noch niemals vor Publikum gelesen, obwohl er aus den Neunzigern stammt (der Text, nicht Elmar). „Der erste Kuss“ hieß seine absurd-hochkomische Episode, die, na? vom allerersten Kuss handelte, wie es dazu kam, was davor und dabei und danach schiefging (so einiges – wir sind in der stockkatholischen EIFEL!) und wer da noch mit zu tun hatte (dito). Das Ganze erzählte er mit immer wieder verblüffenden und wunderhübschen Verdrehungen, Wortumstellungen, Neuwendungen, die mehr sagten und witziger waren als plumpes Deutsch: „Ich verliebte dich in mich“ – noch Fragen?

Die Rückkehr aus der PAUSE brachte uns ein weiteres Debüt: Octavia Wolle erklärte sich bereit, am 22. Oktober unsere übernächste Themenbeauftragte zu werden, und loste  aus den Publikumsvorschlägen ihr Thema: „Die Erzählbarkeit der Welt“ – Wir werden alle da sein und lauschen!

Matthias Rische reimte. Und wer Matthias kennt, der kann sich denken, dass es keine süßen Reime waren. Er reimte von einem Schul-Amokläufer und von einem psychisch Kranken, der erst zum Mörder und dann zum Selbstmörder wird. Wir diskutierten, ob es mehr Wilhelm Busch oder Struwwelpeter-Reime waren. Das ist gruselig, oder?!? Das IST gruselig! Aber echt spannend. Der dritte seiner Texte war nicht einfach zu verstehen, denn es sprachen – wie er hinterher enthüllte – mehrere innere Stimmen einer gefährdeten Person, genauer gesagt, eines Missbrauchsopfers. Letzteres haben wir kapiert, ersteres eher nicht, vermuteten WG-GenossInnen oder Therapeuten, was dem Text aber kaum schadete.

Nun folgte mit Wolfgang Eubel eher eine Art Performance: „Movens!“ rief er noch aus dem Zuschauerraum, rezitierte sich bis zum Tisch vor und ließ an Wort – und Klangspieler denken wie Jandl. Doch das setzte er nicht ganz so fort, blieb jedoch beim humoristisch-wortspielerischen Vortrag – erst über Vampire, dann über die „Wende“, endend mit dem Ausruf: „Duck – mäu – ser!“ An die „Erzählbarkeit der Welt“ mag er ja nicht glauben (von ihm stammte das Thema, gab er zu), an ihre Eignung als Darstellungs- und Echoraum muss er glauben, sonst hätte er nicht diese gestische, rhythmische Art des Vortrags gewählt.

Mit rhythmischem Vortrag kennt sich Wolfgang Weber auch aus – auf seine unverwechselbare, etwas anarchische Art allerdings. Die „intergalaktische Schönheit“ hatte es ihm angetan, und mit der „Augenbrauenrakete“ zischte er durch Beauty-Slogans, Popmusikgeschichte und freie Wortassoziationen, dass ich hier und da sogar den Maulwurf zu hören glaubte („Tschüssn!“), der irgendwo zwischen Wolfgangs mitgebrachten Utensilien (Mini-Schultüte, Kinder-Mikrofon, Beauty-Prospekt, Rhythmus-Döschen) versteckt sein musste, aber nicht war. Wozu braucht Wolfgang auch einen Maulwurf!

Ein weiteres SNN-Debüt schloss den Abend ab: Dschamilja schreibt (auch im eigenen Blog) „a Nonsens, b Lyrik, c deep stuff“. Aus der ersten Rubrik trug sie „Gestern Nacht“ vor, welche nur wegen falsch gedrehter Bettdecke eine schlaflose geworden war. Aus der zweiten „1 Tag, 2 Gesichter“, eine Art gereimter Selbstzweifel, und aus der dritten „Wenn dich der Tango küsst“, ein emotionales Transkript, entstanden während eines Konzertbesuches. Ihre Texte riefen gemischte Reaktionen hervor, auf jeden Fall kurze, was wohl auch der fortgeschrittenen Zeit zuzurechnen war, denn wieder einmal war unsere Leseliste voll bis auf den letzten, ihren, den achten Platz geworden und auch die Reihen der Zuschauer/Mitreder/Selbstleser/Schreiber noch gefüllt zu dieser späten Stunde. Eine hochinteressante Offene Lesebühne, diese 125. von allen. Zur 126. am 24. September erwarten wir Sie wieder im Zimmer 16!

Wenn Worte um Asyl bitten

So oft in einem Beauftragtentext wie diesem kam ein Thema bei So noch nie sicher noch nie vor. Das lag vor allem daran, dass das Thema für den Juli-Beauftragten Ralph Mönius aus einem einzelnen Wort – Stehlampe – bestand und dieses Wort selbst die Hauptfigur seiner Geschichte war, welche verzweifelt versucht, sich nach überstandener Flucht aus einer Wort-Diktatur unter ihrem Namen – Stehlampe – beim Meldeamt registrieren zu lassen. So fällt sowohl die Bezeichnung als auch der Name dieser Hauptfigur praktisch unentwegt. Das Meldeamt hat natürlich Probleme mit einem Namen ohne Vor- und Nachnamen, weshalb man sich bis zu Bundeskanzlerin und EU-Präsident durchtelefoniert und schließlich zur allerhöchsten Instanz – der IT. (Ralph siedelte seine Geschichte in seinem höchsteigenen „Grimmatorium„-Universum an, in dem noch eine ganze Reihe anderer humoristischer Geschichten zu Hause sind.) Eine skurrile, originelle Story, ein würdiger Empfänger der Themenbeauftragten-Ehrenurkunde von So noch nie!

Das Foto in diesem Bericht, das Joachim Wolter beim Vortrag seiner Geschichte „Ikarus“ zeigt, ist nicht zufällig etwas unscharf, bzw. auf eine Nebensächlichkeit fokussiert. Denn ebenso erschien sein Text allzu oft, in dem er den Blick auf Unwichtiges wie Hotelzimmer und Tischdecken lenkte und dem Eigentlichen dadurch zu wenig Raum – und Tiefe – überließ. Ein Mann reist auf eine griechische Insel und hadert dort mit einer vergangenen Liebe, die durch seinen eigenen Verrat ein Ende fand. Ein wahrhaftiger Alphornspieler reißt ihn aus seinem Verdruss und gibt seinen Gedanken eine neue, positive Richtung. Das intensive innere Erleben, die Not, Verzweiflung und Erleichterung des Protagonisten waren zwar zu erahnen, gestaltet hat Joachim sie aber nicht so konsequent wie es die Geschichte verdient gehabt hätte.

Japluap legte wieder einmal eine mehrminütige Windows-XP-Stromanschluss-und-Start-Performance mit seinem prähistorischen Laptop hin, bevor wir seinem durchaus gedankentiefen Text lauschen durften, was allerdings nicht wenigen der Anwesenden von seinem leisen und oft undeutlichen Vortrag erschwert wurde. Dass trotzdem die lyrischen und inhaltlichen Qualitäten des assoziativ-sprachspielerischen Gedichtes erkannt wurden, spricht ohne Zweifel für den Autor und sein Werk, das, Achtung: „trotzdem“ hieß und sich dem Trotz, bzw. dem „Leben im Trotz“ aus mehreren Richtungen näherte. (So wie der trotzige Laptop auch …)

Die Wahl des/der nächsten Themenbeauftragten folgte und konfrontierte uns alle mit einem seltenen Ereignis (dies schreibe ich am Abend der weniger seltenen Mondfinsternis!): ZWEI BERWERBERINNEN! GLEICHZEITIG! KAMPFKANDIDATUR! LOSENTSCHEID! Um es kurz zu machen: Vera Fang machte das Rennen und loste auch gleich ihr Thema aus den Publikumsvorschlägen: „Stoppschild“. Am 24. September wird sie es auf der Bühne im Zimmer 16 auf – bzw. – vorstellen. Wir sind flitzbogengespannt! (Es war – nicht nur für diesen drückend heißen Ferien-Sommerabend – pickepackevoll im Zimmer 16, und wenn das dann bedeutet, dass sich gleich mehrere als TB bewerben, dann soll das gern alles so bleiben!)

Als erster Leser nach der Pause durfte ich – endlich, nach einer langwierigen Verlagssuche – meinen soeben erschienenen neuen Roman „In uns ist Licht“ vorstellen, der schon während seiner Entstehung das eine oder andere Mal auf der Lesebühne zu hören gewesen war und den Bemerkungen der Kollegen und des Publikums auch etliche Anregungen verdankt – also danke auch hier nochmal von Herzen. Ich wählte drei Teile aus, die für den Inhalt exemplarisch stehen können, ein erzählender Prosatext des heutigen Protagonisten und zwei Briefe der beiden Charaktere aus dem 19. Jahrhundert. Zu meiner Freude schien die scheinbar unzusammenhängende Auswahl und die Themen (Asyl, Porzellan, Frauenrechte) die Zuhörer nicht zu irritieren, sondern eher neugierig auf mehr zu machen. Wer also mehr erfahren oder lesen will, findet das wunderschön gestaltete Buch überall im Buchhandel, ich empfehle diesen autorenfreudlichen Shop (same price, more money for the artist)

„Sommer mit Libellen“ nannte Matthias Rische seinen atmosphärisch und emotional außerordentlich dichten Text über einen Jugendlichen, der unter der allzu körperlichen und sexuell aufgeladenen Beziehung leidet, die seine – alleinstehende – Mutter zu ihm pflegt. Er sucht einen Ausweg, findet ihn erst im Zeichnen von Insekten, dann aber, aus der Hilflosigkeit heraus, im Versuch, den vielen einst in einem See verschwundenen Kindern zu folgen – der glücklicherweise scheitert. Dass die Diskussion, ausgehend von einem Publikumsbeitrag, zeitweise darum ging, sexuelle Beziehungen zwischen Müttern und ihren Kindern doch bitte positiver darzustellen als im vorliegenden Fall, verblüffte sicher nicht nur mich.

Wolfgang Weber improvisierte zu Notaten: „Blueprint – Blaupause“ hieß sein … Vortrag, den er, wie die meisten seiner anderen Werke, als „rhythmischen Text“ bezeichnet – was zweifellos eine treffende Wahl ist. Um das Album „Blueprint“ von Rory Gallagjher herum entrollte sich hier eine Wortspirale um Blaupausen, Schultüten, Schulpausen, Rockmusik, assoziativ und – rhythmisch. Ein echter Weber eben, notiert anlässlich eines Aufrufs im Internet zum Thema „Pause“. Hier war nun aber keine Pause, sondern SCHLUSS.

Wir sehen uns wieder am 27. August im Zimmer 16, wenn der Themenbeauftragte Björn Reich seinen Text zu „was ist heimat“ vorstellt!

Feinstaubbelastung

gab es nicht zur 123. Lesebühne SoNochNie! am 25.6.2018 im Zimmer 16, da die Themenbeauftragte sich entschuldigen ließ. Feinstaubbelastung wäre ihr Thema gewesen. Vielleicht erreicht uns der Text ja zu einer späteren Lesebühne.

Aus dem Lostopf zog eine Lottofee aus dem Publikum zuerst ein neues Gesicht auf unsere Bühne. Es war der Björn Reich, der eine Geschichte über Heiligsprechungen erzählte, die uns alle in ihren Bann zog. Es ging um die Heilige Barbara im Himmel, die für einen Haufen Berufe zuständig ist. Und um einen Auftrag an Pabst Julius II., wieder mal jemanden heilig zu sprechen. Die Wahl fiel auf einen Fischer, der einen Zitteraal sein eigen nannte. Dafür müsste er aber erst mal getötet werden, der Fischer. Der das erledigen sollte, fand ihn aber nicht vor, stattdessen geriet er an den Zitteraal und eine Lampe fiel um, das Haus brannte ab und der Mann kam dabei zu Tode und wurde statt des Fischers heiliggesprochen, was der Plan des Papstes von Anfang an gewesen sein soll. Es war eine sehr charmante Geschichte, die uns alle in ihren Bann zog, halb Krimi, halb historische Reminiszenz. Danke Björn.

Danach durfte ich dank dem Lostopf schon als Zweiter ein weiteres Kapitel aus meinem im Werden begriffenen Roman lesen. Für alle Anmerkungen dazu bin ich sehr dankbar.

Vor der Pause las als Dritter der Maik Lippert Gedichte: Herbert Wehner für immer. Für Maiks Vater war Herbert Wehner der einzige, der glaubwürdig die Faust ballen konnte. Es kam die Zeile vor: hinterließ Kohlenstaub zwischen Strittmatterbänden. So schaffte es die Feinstaubbelastung doch noch in den Abend. Vatertag mit der Reichsbahn hieß ein zweites Gedicht, das uns an alte Lieder wie Alle Zinnsoldaten müssen in den Schützengraben erinnerte. Arachnophobia beschäftigte sich mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass schon ein drei Monate altes Kind sich vor einer Spinne fürchtet. Maik verteilte nach der Lesung wie immer ein paar ausgedruckte Exemplare seiner Gedichte, was die Diskussion sehr belebte.

Dann war Pause. Nach der Pause stand die Wahl des Themenbeauftragten an. Nach einiger Bedenkzeit meldete sich der Björn Reich für den 27. August. Darüber freue ich mich sehr und hoffe, dann dabei sein zu können. Sein Thema lautet „Was ist Heimat“.

Wolfgang Weber las  einen Text, der Mojo hieß und sich, glaube ich, mit der Frage beschäftigte: „Was ist Budenzauber?“. Alles was sich reimte, fand sich darin friedlich zusammen. Es war verrucht, kein Raum für Eifersucht. Ein Besoffener lallt: wird’s bald. Hokuspokus auf dem Lokus. Die Hauptfiguren waren Bruno, Agathe und der Baum. Dazu gab es diesmal eine Art Rassel mit einer Geisel dran.

Als Letzte las ebenfalls eine Neuerscheinung auf unserer Lesebühne: Octavia Wolle, die unter ihrem Mädchennamen Winkler veröffentlicht. Sie las aus ihrem Buch „Oranienburger 32 oder Die unterirdische Tante“. Octavia widmet sich der schriftlichen Bewahrung von Erinnerung, eigener wie fremder, was sehr unterhaltsam ist. Besonders die Gegend um die Oranienburger Straße, wo sie aufgewachsen ist, hat es ihr angetan, die Heckmann-Höfe. Es handelt sich um eine literarische Reportage, die bewahren will, was im Modernisierungswahn verloren zu gehen droht: das Wissen darum, wie es hier mal ausgesehen hat und wie es „lang ging“. Ich habe mir ein Exemplar ihre Buches zugelegt und kann das jedem auch nur empfehlen.

Die nächste Lesebühne gibt es am 23. Juli. Themenbeauftragter ist dann Ralph Mönius und das interessante Thema lautet „Stehlampe“. Damit kann wohl jeder was anfangen.

Euer

Französisch-grimmiges Fünf-Kammer-Flimmern oder: Die Zeit, als der römische Rebell in die Wriezener Backstube schiss

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Lesende,

wenn du dies hier liest, ist die 122. Offene Lesebühne „So Noch Nie“ Geschichte. Tut mir leid. Aber hier gibt es als kleines Trostpflaster: DAS PROTOKOLL!

Den Abend zu eröffnen hatte wie immer ich (Leovinus) die Ehre. Jedoch sputete ich mich, denn es waren, nicht zum ersten Male, volle acht Autorinnen und Autoren zu erwarten. Zu Beginn bat ich den Themenbeauftragten Matthias Rische auf die Bühne. Sein Text zum Thema „Rebellion“ hieß „In deiner Haut“. Dem Protagonisten mit dem sprechenden Namen Mousse wird im Laufe des Heranwachsens klar, dass seine (dunkle) Haut offenbar ein Problem für seine Umwelt, im speziellen seine Mitschüler, darstellt. Also kommt er zu der Erkenntnis, die dunkle Oberfläche mittels Rasiermesser abzuschaben, dies Problem aus der Welt schaffen könnte. An dieser Stelle endete Matthias‘ Geschichte, die vom Publikum größtenteils lobend aufgenommen wurde. Mein Lieblingssatz daraus: „Der innere Rebell rückt die Welt gerade.“ Die Ehrenurkunde war ihm sicher.

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Der April macht was wir wollen

Diana-Dana Möller machte es sich schwer, und das auch noch ausgerechnet als Themenbeauftragte des Monats. „Der Mensch in seiner Zelle“ war ihr vor zwei Monaten geloster Publikumsauftrag. Wochenlange Blockade folgte auf ihre Wahl, wie sie nachher verriet, und so war nur das erste, kürzeste ihrer präsentierten Gedichte tatsächlich für diesen Abend geschrieben – aber immerhin. Der Beauftragtenstuhl ist ein Ehrenstuhl, und jede und jeder, der sich darauf traut, verdient Anerkennung und Applaus für diesen Mut. (Zwei ihrer Vorgänger hatten diesen Schneid nicht und ließen uns am Abend mit leerem Stuhl sitzen.) Die Menschwerdung aus der Zelle war der Gegenstand dieses ersten Gedichts, kein leichter Stoff, und erst die folgenden, die sich um 9/11 drehten, um persönliche Reife, Trauer und die Asche der Vergangenheit. Die Machart und die Zugangsweise aber trafen auf wenig Gegenliebe, ersteres, weil die Reime, wenn schon gereimt, oft als bemüht oder verfehlt angesehen wurden, letzteres, weil darin eher allgemein Bekanntes angesammelt als Überraschendes oder Unerwartetes aufgedeckt wurde. Die SNN-Ehrenurkunde gab es selbstverständlich anschließend aus den Händen des Moderators Leovinus!

Regina Gröning machte es kurz. Fünf aphorismenhafte Sprüche/Miniaturen über das Altern, jede würde locker in einem Atemzug gelesen werden können, wenn man es drauf anlegte. Jede ein ganz persönliches Vergrößerungsglas, gerichtet auf ein kleines Ereignis, eine scheinbar unbedeutende Beobachtung, welche die Tragikomödie des Lebens unübersehbar und pointiert ans Licht bringen- großer Humor auf kleinstem Raum. (Gestanksfreie Füße, anhängliche Morgenfalte, haltlose Brüste u.a.) Wir sehen Sie hoffentlich bald wieder bei SNN, Frau Gröning?!

Matthias Rische machte eine vollgepisste Pampers zur Todesursache, allerdings nicht am Popo eines unschuldigen Babys, sondern auf dem Haupt seiner unglücklichen jungen, Mutter, welche die Einmalwindel über Kopf und Atemwegen gezogen hatte wie andere Leute Plastiktüten übergezogen bekommen, wenn sie „reden“ sollen oder einfach bloß sterben. Letzteres hatte die Mutter getan und wurde in einem spießigen Vorgarten vom Streifenpolizisten aufgefunden, nebst hilflosem Kleinkind an ihrer Seite. Der teilnahmslose Kommissar, der gerufen worden war, der Szenerie irgendeine nützliche Information abzugewinnen, hatte nicht die geringste Motivation, diesen Fall zu lösen. Aber Matthias vielleicht, den seltsamen Kommissar noch öfter in Erscheinung treten zu lassen?

Nach der Pause hieß es: Wer möchte sich für den Juni beauftragen lassen? Luci reckte ihre Hand hoch und lehnte ihr erstes Los („verteufelt“) ab, musste also nun das zweite annehmen: „Feinstaubbelastung“. Wir erwarten atemlos ihr SNN-Debüt am 25. Juni im Zimmer 16!

Wolfgang Weber machte eine Lesung zum Thema seiner Lesung. „Poesie Global Nr. 15“ hatte er besucht und darüber einen Bericht verfasst, wo jemand aus Island, jemand aus Algerien, jemand mit eigenem Festival, jemand aus Syrien und jemand aus den USA gelesen hatte. Selbstverständlich tat er das nicht ganz frei von W.W.-ischer Assoziationskettenkunst. Eine META-Lesung. Wann liest jemand noch METAer auf SNN über SNN?

Michael Wäser machte es spontan. Ich entschied erst nach der Pause, ein Kapitel aus meinem neuen Romanprojekt zur Diskussion zu stellen, weil noch Platz war auf der Leseliste. Die Milieuschilderung einer Provinzsiedlung der 70er Jahre durch die Augen eines Außenseiters erbrachte das (für mich) erfreuliche Ergebnis, dass sie sich wohl anhörte, als erzähle da jemand jemandem von Ich zu du, und genau das soll es ja auch sein.

Petra Lohan machte mit dem Ex-Papst einen Ausflug nach Rom. Wo er ein Paar seiner maßgefertigten roten Schuhe in der Auslage seines EX-Leibschusters stehen und gleich darauf geklaut werden sieht. Er folgt der jungen Diebin bis in eine Kirche, wo er sich im Beichtstuhl ausruht und sie sich umzieht. Eine vielschichtige Fantasie entfaltete Petra wieder einmal, inklusive der Fantasie des emeritierten Papstes um seine Schuhe, die sein Nachfolger verschmähte, weil er lieber einfache Straßenschuhe trägt. Noch ein-, zweimal Nachlesen würde man gerne, um der bedächtig erzählten, traumähnlichen Geschichte noch mehr zu entlocken, was sie ohne Zweifel bereithält.

Andrea Maluga machte den Abschluss des Abends und erinnerte in einer eindringlichen Story an die Situation derer, die den Tag des Aufstands am 17. Juni 1953 zwar in der DDR, aber sicherheitshalber am Radio verbrachten, beim Programm des RIAS Berlin. Dies bewahrte jedenfalls vor Verhaftung oder Schlimmerem, im Falle dieser Geschichte einen Elektro-Lehrling nach der Warnung durch seinen Chef. Nicht jedoch bewahrt ihn die Live-Berichterstattung des RIAS davor, am Radio das Trauma seiner eigenen Nachkriegs-Flucht aus den Ostgebieten wieder zu erleben.

Bleibt noch eins, damit wir es nicht schion wieder vergessen, bei der kommenden Lesebühne am 28. Mai die Beleuchtung auf „Diskussion“ und nicht auf „Bühne“ einzustellen, denn alle sollen ja alle sehen können, nicht nur hören. Im Mai übrigens heißt der Themenbeauftragte Matthias Rische und sein Publikumsthema: REBELLION. Wir sehen uns!

Liebe, Tod und Teufel

Der Elmar Grüber war der Themenbeauftragte der 120. Lesebühne SoNochNie!.

Sein Thema lautete „Lieb, Tod und Teufel“ – und er schrieb einen in meinen Augen sehr, wie soll ich es sagen?, wirksamen, treffenden, gut aufgebauten, nebenbei auch witzigen Text zum Thema „Im Hier und Jetzt leben“. Liebe ist eine geile Sache, so begann es, wie Fußball: jeder weiß Bescheid. Niemals überfordert uns der Fußball. Mit der Liebe ist es ähnlich, nur dass man dazu lieber Rotwein statt Bier trinkt. Oder Gott: Jeder modelliert ihn wie es ihm passt.

Aber zur Liebe: Es gibt die Liebe zum Fußballverein; die Liebe zu den Kindern, die man (und die Stelle fand ich besonders treffend) trotzdem jeden Morgen zur Schule schickt – das „trotzdem“ kam im Text nicht vor, aber in mir schon – die Liebe, die mit ficken zu tun hat oder neuerdings auch die Liebe zu sich selbst. Er, der Autor, habe die Liebe zur Göttin der Zukunft, zu Futura, für sich entdeckt. Er zählte eine Reihe von Dingen auf, die ihm in der Zukunft ein schönes Leben bescheren würden, ein Traumhaus, ein Traumauto, eine Traumfrau, eine Traumkarriere.

Der frühe Tod seiner Eltern, die selbst kurz davor noch die verzichtenden Leidensminen ihres Lebens nicht ablegen konnten, beendete dieses Spiel. Diese ewige Weigerung sich etwas zu gönnen, dieses ewige „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Er erkannte, dass seine Göttin Futura ihm mit Sicherheit nur den Tod bringt. Das Leben ist banal, es sei denn, man wendet sich der Gegenwart zu.

Ein wunderbares Plädoyer. Danke, Elmar.

Als zweiter wurde Matthias Rische aus dem Lostopf gezogen. Er las eine Geschichte „Glashaus“. Es ging um einen Menschen, der in einem Callcenter sich Sätze anhören muss wie „Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel“.  Namen tun nichts zur Sache, weil sie dort sowieso Decknamen haben. Pause ist von 12 Uhr 39 bis 13 Uhr 11. In dieser Zeit ist die Beschwerdeaktivität niedrig, weil die Kunden auch zu Tisch gehen. Pause macht er auf dem gläsernen Innenhof, wo sich drehende Bänke zum Verweilen einladen. Dort tauchte dann das literarische „Du“ auf, ein schelmischer Buchhalter mit Bügelfalte in der Jeans, die vom Blick auf das Genital ablenkt. Dieser Buchhalter fährt nach der Pause mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, weil auch hier die Finanzwelt über allem thront. Am Ende passiert, was der Hauptakteur sich erträumt: der schelmische Buchhalter kommt in so einer Pause auf ihn zu, aber aus seinem Mund purzeln die Worte (hatte er geschrieben „tourettiert es“? – nein, hatte er nicht, sh. weiter unten): Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel.  Die Idee war, das verriet uns der Autor, eine Geschichte über Kommunikationsstörungen zu schreiben.

Dann  gab es eine Pause und es wurde der Themenbeauftragte für den 28. Mai 2018 gesucht. Erst als ich drohte es selbst zu machen, fand sich Matthias Rische. Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch, lieber Matthias. Das erste Thema („WM in den Zeiten der Krim-Krise“) lehntest du ab. Zu Recht, wie ich fand, weil: was soll man darüber schreiben, außer dass sich der Westen die Krisen produziert bzw. aussucht, die er gerade braucht (uhh, jetzt bin ich aber aus der Rolle des neutralen Protokollanten herausgefallen – hoffentlich gibt das keinen Scheißsturm). Das zweite Thema, dass Du dann nehmen musstest, lautete „Rebellion“. Das ist wie Liebe, Tod und Teufel. Gegen was man alles rebellieren kann: gegen die Regierung, gegen den Chef, gegen die Frau oder die eigenen Kinder, wenn sie einen entmündigen wollen. Viel Spaß und wir freuen uns, lieber Matthias, mal wieder auf was Lustiges?

Der dritte Lesende war Wolfgang Weber. „Rap den Stress“. Ich kann an dieser Stelle wie eigentlich immer bei Wolfgang nur meine Notizen abschreiben.

You can make it if you try

Sei nicht faul

Gib dem Stress eins aufs Maul

Vorsicht ist die Mutter der Personalkiste

Such dir Unterstützung

Sei popopopopopulär

Sei autark

Zeig keine Schwäche

Frag Peter Rühmkorf (den musste ich googeln)

Pack die lange Bank weg.

Es stellte sich heraus, dass er einen Rap zu einem Seminar gemacht hat, dass er besuchte und dass die Papierrolle, mit der er seinen Vortrag rhythmisch begleitete, indem er immer wieder auf einen Stuhl, den er zu diesem Zwecke extra neben den Tisch gestellt hatte, schlug, die zusammengerollten Flipcharts dieses Seminars waren, die ihm der Seminarleiter überlassen hatte. Die Überschriften waren: Sei stark; sei beliebt; sei vorsichtig; sei perfekt; du kannst das nicht. Rap den Stress.

Dann gab es ein neues Gesicht auf der Lesebühne, den Matthias Peikert, der eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basierte, zum Besten gab. „Flüchtlingsentpathie“. Oberkörperfrei (also nicht ohne Oberkörper sondern eben oben ohne) liegt der Hauptheld (was das oberkörperfrei nun auch wieder etwas uninteressant macht – jedenfalls für mich) am Wasser und liest „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt. Weiß nicht, ob das Schleichwerbung ist. Wahrscheinlich schon. Es geht darum, dass die Nachbarschaft auf das Ruhebedürfnis wenig Rücksicht nimmt; um das Gesetz, dass Lärm Lärm anzieht, oder anders formuliert: das Gesetz der proportional steigenden Lautstärke. Die Nachbarn erobern den See („Nr. 5 lebt und feiert das mit einer Arschbombe“). Der Hund darf nicht ins Wasser („Bruno, bleib draußen“) und das Ende vom Lied ist, dass die Enten aus dem Wasser vertrieben werden und auf dem Bootssteg des lesenden Haupthelden um Asyl bitten. An der Stelle wurden mir der See zu Afrika und der Bootssteg zu Lampedusa. Selbst der Spruch „Wir schaffen das“ kam und der kaum noch lesende Hauptheld (übrigens las er eine Geschichte über seine Kindheit in Bonn!) wollte eine No-duck-area auf dem Steg. Getrocknete Entenkacke ist nämlich wie Beton. Schließlich wollte noch der jüngste Balg der Seetyrannen auf den Steg und da – ha – und hier kam der Satz: „tourettierte es aus mir heraus“, allerdings nur in der Phantasie. Zum auf die Matratzen gehen sind wir ja nicht mehr geeignet. Wir dulden und gehen weg. („Lässt die Lage eine Rückkehr auf den See zu?“).  Schade, aber besser fürs Karma.

Und das war sie, die 120. Lesebühne SoNochNie!

Die 121. gibt es am 23. April. Ich freu mich drauf.

Euer