Remember (September)

Wundertüte. So darf man die September-Lesebühne wohl nennen. Nicht nur, dass mal wieder das Kontingent von acht Lesenden und noch mehr (!) Texten voll ausgeschöpft wurde, es gab sogar zwei musikalische Darbietungen obendrauf, ganz überraschend. Aber eins nach dem anderen:

Wo der Moderator (diesmal wieder Frank) sonst zu Anfang den Themenbeauftragten ansagt, sagte er diesmal Ute Danielzik an, die uns das „So noch nie-Lied“ darbot, das sie uns zur 99. Lesebühne komponiert hatte. Sie moderiert nämlich auch die Offene Bühne im Zimmer 16, und für die wollte sie ein Wenig die Werbetrommel rühren, was wir gerne hier wiederholen (offen für alles, was man auf einer Bühne darbieten kann – hingehen!).

Klaus J. Lais, der Themenbeauftragte dieses Monats, hatte im Juli „mondsüchtig“ vom Publikum aufbekommen. Nun eröffnete er nach guter Tradition den Leseabend, warnte aber schon vorher, dass ihm so richtig nichts zum Thema eingefallen war. Stattdessen hatte er aber immerhin eine Geschichte dabei, in der es Nacht war und der Mond vorkam, und, wie sich dann herausstellte, auch verschiedene Drogen. Na bitte. Zwei (sehr) junge Männer rocken, kiffen und saufen sich (vermutlich irgendwann in den Achtzigern) durch eine Jango-Edwards-Show und haben danach Mühe, ihre Fahrräder wiederzufinden. Der eine, der vom Ich-Erzähler nur „der Metzger“ genannt wird, greift sich eins, dass gar nicht seins ist, muss es zurückgeben und findet dann doch seins, doch beide werden ihre Räder los, weil „die Grünen“ – das waren damals noch die Bullen – sie ihnen abnehmen, worauf sie sich in einem Wienerwald ein Grillhendl reinziehen – so gut es noch eben geht. Ich hoffe, die Handlung im Groben wiedergegeben zu haben. Klaus hängte flugs einen zweiten Text an, ebenfalls eine Art Erinnerungstext, eine Anekdote, über einen brav aussehenden Schuljungen, der einer unfreiwilligen Hobby-Pantomimin eine echte Bananenschale in den Spießer-Vorgarten pantomimisiert. Diskutieren mochte aber keiner darüber.

Frank Georg Schlosser trug ein weiteres Kapitel aus seinem entstehenden Roman vor. Darin kam nicht der Protagonist, sondern drei Nebenfiguren vor, die an einem einsamen See ein einigermaßen übernatürliches Geschehen in Gang setzen bzw. erleiden. Dieser Text erinnerte gleichermaßen an die Bundestagswahl, an Stephen King und an die Geister vom Mummelsee (der tatsächlich gespenstisch sein kann). Eine zwar unangenehme, aber nicht unmögliche berufliche Begegnung des Polit-Bloggers Norbert mit einem skrupellosen, rechtslastigen Politiker wandelt sich da erst zu einer definitiv unmöglichen und dann zu einer finalen. Da Franks Text noch im Entstehen ist, kamen neben Lob und Fragen auch Vorschläge auf den Tisch, die er als Anregungen mitnehmen konnte.

Sein SNN-Debüt gab Jörg Sader mit zwei Texten, die beide in der DDR angesiedelt waren. Der erste beschrieb am Beispiel des Schwimmbadbesuchs einer Provinzjugendclique am 13. August 1961, wie sich das Klima im Land mit dem Mauerbau schlagartig verändert. Die unbekannten, bekleideten Schwimmbadgäste auf einer Sitzbank in der Nähe werden auf einmal zu einer bedrohlichen Kraft, der man nun kaum noch ausweichen kann, wo es heißt, da sei eine Mauer gebaut worden im fernen Berlin.

Der zweite Text erzählte von den wortwörtlich hochfliegenden Phantasien eines Mannes aus der DDR im Angesicht des Brandenburger Tores und der nun schon existenten Mauer. Er stellt sich vor, wie ein Stabhochspringer darüber hinweg zu schnellen in Richtung der Siegessäule, die über die Mauer hinweg noch gerade so zu sehen ist, erinnert sich, wie es war, bevor dort eine Mauer alles blockierte, sieht sich „am Ende der Welt“. Das Publikum zeigte sich berührt vom Vortrag und dem sprachlichen und erzählerischen Gehalt dieser beiden Texte. Wir wollen hoffen, dass wir ihm bald wieder im Zimmer 16 zuhören dürfen.

Wolfgang Weber zog die Versammelten mit „Du bist verrückt mein Kind“ in einen Strudel aus Erinnerungen, Reflexionen und recherchierten Tatsachen, die sich genau darum drehten: verrückt sein/werden, psychisch aus der Bahn geraten und was das Schreiben damit zu tun haben bzw. wie es da wieder raus führen kann. Ein Meta-Text. Gespaltene, mehrfache, gar keine Persönlichkeiten, Doppelgänger, Kopien und Variationen von Menschen und Liedern. Gemerkt: If I don’t go crazy, I’ll surely lose my mind.“ Gesehen/gehört: ein Wanderstock mit typischen Abzeichen (jemand sagte, es sei ein Spazierstock). Pause.

Ute gab einen „Schlager“ übers Spargel-Stechen eines Mannes und einer Frau zu besten, um uns nach der Pause wieder auf Temperatur zu bringen, aber wenn das ein Schlager war, was sie da gedichtet und gesungen hat, dann ist ein „Massagestab“ aus einem alten Otto-Katalog wirklich nur ein Massagestab! Danke, Ute!

Frank vollzog nun den allmonatlichen Ritus des Themenbeauftragten. Er besteht darin, eine/n Freiwillige/n zu finden und diese/n sodann ein Thema aus den Publikumsvorschlägen losen zu lassen, zu dem er etwas schreiben muss – also eine Art kultischer Opferung. Beides gelang! Dimitri Rameau wird für die Lesebühne im November etwas zum Thema „ausgesetzt“ schreiben. Kommet und lauschet!

Eine alte Frau nimmt Abschied – so könnte man den Inhalt von Matthias Risches Geschichte beschreiben und damit womöglich auf eine ganz falsche Fährte führen (was ihm bestimmt nicht ganz unrecht ist), denn was auf einen Alters-Suizid in der Badewanne hinauszulaufen scheint, entpuppt sich sehr wirkungsvoll als Beendigung einer Lebensphase, nicht des Lebens, als erneute Hochzeit mit und Abschied vom längst verstorbenen Gatten, als, ja, Neustart dieser alten Dame. Auch hier ein Ritus, dieser mit Asche und Wasser und Hochzeitskleid. „Beeindruckend“ sagte jemand.

Dimitri Rameau erschien zum zweiten Mal auf der SNN-Bühne, und obwohl hier eigentlich nie über „Äußerlichkeiten“ geschrieben wird – hier muss ich eine Ausnahme machen, denn Dimitri setzt seine Erscheinung und seine Körpersprache ganz bewusst für seine Texte ein, ist manchmal geradezu Darsteller seiner Gedichte. Das Foto mag davon einen Eindruck geben. Nur so lässt sich wohl auch erklären, dass ein Gedicht, das er vollständig auf Dänisch geschrieben und vorgetragen hat, als „schön“ aufgenommen wurde, obwohl niemand jenseits des Tisches Dänisch sprach. Gedichte bestehen eben aus mehr als nur Worten, die einen „Sinn“ haben. Seine auf Deutsch und in freierer Form als das dänische Poem geschriebenen Gedichte hießen Himmelsbestattung, Sommerweise (ein „Hassgedicht“) und Trübbirne und ließen kaum weniger Spielraum zum Interpretieren und Assoziieren als das dänische. Wir dürfen auf seine Themenbeauftragten-Texte im November gespannt sein!

Das zweite SNN-Debüt an diesem Abend: Gabriele Lederle. Sie hatte sich vom Thema „mondsüchtig“ inspirieren lassen und einige Gedichte mitgebracht, die in die Tiefen der Identität/ssuche, des Traums und der Sucht führten. Da kam auch die SehnSUCHT ins Spiel, die nach dem Paradies. Da war das Individuum im Herbst am Meer, war geborgen und doch gefährdet. Die Natur (und das vertraute Beieinander) waren Schutz und Bedrohung zugleich: „In der Einheit vergehen wir“, hieß es in ihrem letzten Gedicht. Auch Gabriele soll uns bitte wieder beehren, damit wir mehr von ihrer tiefgründigen Lyrik kennenlernen dürfen.

Das Lese-Los bestimmte Rowena Schöning auf Startplatz Nummer acht, den Abschluss des Abends. Was gar nicht so unpassend war, denn sie reflektierte in sensiblem und sprachgewandtem Deusch aus der Perspektive einer non-native-speaker (sie stammt, sagte sie, aus Sri Lanka) über die Schönheiten und Vorzüge der deutschen Sprache. Eine „Schöpfungsgeschichte“, in der ein Sprachschöpfer aus der Ursuppe schöpft und die Eigenheiten des Deutschen sichtbar macht, nicht Skurrilitäten – die es zur Genüge gibt – weil er sie genau so haben will. Da die Suppe aber allzu überbordend zu geraten droht, gesellt sich dem Schöpfer ein Assistent hinzu, der die Grammatik dazugibt, welche das Ganze im Zaum hält. Wir Deutschsprachigen, die wir als so rational gelten, staunten nicht schlecht darüber, dass jemand aus Asien unsere Sprache für so bildhaft und assoziationsreich ansieht („ent-falten“, „gleich-gültig“, „ent-decken“). Danke dafür!

Damit war die September-Lesebühne zu Ende. Wir sehen uns hoffentlich alle wieder am 23. Oktober zur Lesebühne Nummer 115!

Advertisements

Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch

Die 113. Lesebühne fand vor gut gefüllten Stuhlreihen statt, was uns sehr froh macht und auch das Zimmer 16, weil volle Stuhlreihen meist einen signifikanten Beitrag zur Miete leisten.

Es gab aber auch eine Enttäuschung. Der Themenbeauftragte, der Martin, Nachname unbekannt, ist nicht erschienen. Unentschuldigt. Es ist erst das zweite Mal in der langen Geschichte der Themenbeauftragten vorgekommen, aber natürlich ist es eine Erschütterung der Macht. Wird die dunkle Seite stärker? Es entgingen uns die „Exzesse“. Ist ihm bei den Recherchen für die Geschichte etwas zugestoßen, ein autoerotischer Unfall vielleicht?    … bei eigenen Recherchen habe ich mich in meinem Staubsauger verloren. Bin aus der Notaufnahme zurück und schreibe unter Schmerzen weiter. Martin, meine Gedanken sind bei dir. Die Urkunde mussten wir allerdings einbehalten.

Dafür kam – mindestens für mich unerwartet – Norbert Leovinus und übernahm die Moderation, was mich zum Protokollanten erhob. Danke, Norbert, dafür 😉

Mangels Themenbeauftragtem musste bereits der erste Lesende ausgelost werden, und das Maskulinum ist an der Stelle korrekt, denn es befanden sich nur Männer im Lostopf.

Es begann der Dimitri Rameau, ein neues Gesicht bei unserer Lesebühne und er las eine Mischung aus Prosa und Lyrik und im Nachgang sagte er mir, es ginge ihm oft hauptsächlich um den Klang der Wortaneinanderreihung.  Sein erstes Stück hieß „Ode an Ronk“. Ich habe nicht viel verstanden, also die Worte schon, aber den Sinn der Zusammenstellung nicht, war aber ganz begeistert, als er in der folgenden Diskussion erwähnte, dass Ronk (gespielt von Milan Beli) eine Hauptfigur aus „Im Staub der Sterne“ sei, einem DEFA-Science-Fiction-Film von 1976. Das rührte mich doch sehr an. Der Film war damals (ich war vierzehn) ziemlich angesagt.

Als zweiten Text las Dimitri einen Kinderreim „Teufelsküche“, aus dem mir die durchaus relevante Frage, ob der Teufel Dinkelbrot fräße, erinnerlich ist und ich finde, da könnte sich mal jemand mit beschäftigen.  Der dritte Text hieß „Keine Feen im Kaff“ – „Wir rosten im Osten, im Westen nichts Neues“; „Schleimaal im Kronsaal“; „Bücher bei Büchner, Gedichte bei Fichte“ und Dimitri sagte, er habe darstellen wollen, wie es sich anfühlt, wenn man ganz, ganz müde sei und kein Kaffee da wäre. „Ich lasse die Wörter mich führen, aber ich weiß schon, wohin ich mich bewege.“ Dimitri spricht ein ganz zauberhaftes Deutsch, aber man hört schon, dass er aus einer anderen Sprachwelt stammt. Gefragt, was seine Muttersprache wäre, sagte er: Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch.

Norbert zog als zweiten den Wolfgang Weber aus der Lostrommel, der diesmal zwei Tennisbälle dabeihatte, um sein Anliegen zu verdeutlichen. Zwei Teilchen, die getrennt sind und doch gleichzeitig das Gleiche tun müssen, in dem Falle von Wolfgang zu Demonstrationszwecken hochgehoben werden. Sein Thema war „Mittendrin“ für eine andere Lesebühne. Es ging darin um den Ort Mödlareuth, den es tatsächlich gibt, durch den die innerdeutsche Grenze verlief und außerdem noch an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen. Die zwei Tennisbälle verkörperten mal Ost und West, mal Christo und Jean Claude und es ging um ein großes Ding: the mighty wolf in the middle hat einen großen Deal eingefädelt. Die Schotten verkaufen Loch Ness an Mödlareuth. Der See wurde dahin gebracht. Die Fische spielen die Kosten wieder ein. Monster Projects Crowdfunding. Das Monster vom Loch Nes musste allerdings oben bleiben. Ich glaube, weil ihm in seinem Alter nicht mehr zuzumuten war, nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch noch fränkisch, thüringisch und sächsisch zu erlernen. Wolfgang regte auch noch ein Treffen zwischen Ramelow und Seehofer an. Aber wozu sollte der Ramelow sich das antun?

Als Dritter trat ebenfalls ein neues Gesicht auf: Richard Hebstreit, der erstmal Pralinen verteilte an die Damen und er baute eine Kamera auf, um sich selbst beim Lesen zu filmen. Das ist wahrscheinlich gar keine schlechte Idee.  Er las eine Geschichte mit dem Titel „Fasan im Wintermantel“ und sie handelte zunächst davon, dass die Hauptfigur es als Autor geschafft hat: es werden ein Buch und ein Fotoband von ihm veröffentlicht. Der Verlag hat zur Vertragsunterzeichnung in ein feines Restaurant geladen und die Frau beschäftigt die Frage: Was zieh ich an. Er schickt sie ins KdW, wo sie sich für unglaubliche Summen einkleidet. Aber der Vorschuss macht‘s möglich. Es folgen lange Beschreibungen des Restaurants, der Zigarren (Cohiba Esplendidor), des Menüs. Alles was in dieser Phase der Geschichte an Konflikt aufkommt, ist der Ausschnitt einer fremden Frau, den der Autor aber nicht weiter verfolgt, den Ausschnitt schon, den Konflikt nicht. Dann sollen die Verträge unterzeichnet werden und die Frau zieht ihren Mann beiseite und sagt ihm, dass er lt. Vertrag den Vorschuss nicht bekäme, sondern zahlen müsse, weil es ein Druckkostenzuschussverlag ist. Eine Pointengeschichte.

Da Richard noch Zeit hatte, las er aus seinem Buch „Salzinge“, was thüringisch für Bad Salzungen steht, eine Geschichte von 1958 über eine verschwundene Frau, einen saufenden Mann und eine abgeschnittene Nasenspitze. Am meisten vermisste der verlassene Mann die perfekt gekochten Frühstückseier.

Dann war Pause, dann wurde der Themenbeauftragte gekürt. Nach dem Schock mit Martin meldete sich keiner, also erbarmte ich mich und bekam für den Oktober das Thema „Warmduscher“ zugelost. Da ich einer bin, sollte es mir nicht allzu schwer fallen. 😉

Ich war dann auch der nächste Lesende und las aus meinem im Entstehen begriffenen Roman mit dem Arbeitstitel „Der Richter und der Fluch der Furie“ die Einführung einer neuen Person, einer Journalistin, die den Bösen (Parteivorsitzenden) interviewt, aber scheitert, weil er sie vorführt und nicht zu Wort kommen lässt. Ich wurde sehr freundlich besprochen und danke für alle Anregungen und den Zuspruch.

Zuletzt lag noch der Klaus-Jörg im Lostopf. Er las als erstes „Weil du es bist“, ein wunderschön geschriebenes Hohelied auf den handgeschriebenen und mit der DHL verschickten Brief (Umschlag, Briefmarke usw.). Er las die Geschichte vom IPad ab, was ich lustig fand. Er zürnte der hingeworfenen WhatsApp- „Kultur“ der unüberlegt hingerotzten Nachricht, an deren Ende man nie vergessen dürfe, lieb zu grüßen oder wenigstens LG zu schreiben. Andere Abkürzungen blieben unerwähnt wie Hdl, Hdgdl, GlG, xoxo, oder HAK … gut – ich gebe zu, habe ein bisschen gegoogelt. Aber ich gestehe, LG auch schon mehrfach verwendet zu haben. Mildernde Umstände bekomme ich, weil ich wirklich noch ein Briefeschreiber bin, mit Glasfeder und Tintenfass. Der Autor meint, in zwei Generationen würde es keine Handschrift mehr geben. So pessimistisch bin ich nicht. Noch bringen sie den Kindern ja Schreiben in der Schule bei und sie tun es auch, zumindest manche und wenn es Zettel auf dem Küchentisch sind, die man nach einem Kinobesuch vorfindet: Schlaft schön, träumt süß, hegdl.

Die zweite Geschichte handelte von einem Lied „Suzanne“ von Leonard Cohen.  Der Autor hat mit vierzehn den Vater besucht und der schenkte ihm fünfzig Platten – ein prägendes Geschenk für den Jungen und das erste Lied war Suzanne. Durch das Ohr dem Herzen zugeführt. Vertrauter blinder Passagier. Im Mittelpunkt stand das Lied und die vom Autoren selbst gefertigte Übersetzung, was zu ein paar Diskussionen beitrug.

Überhaupt wurde über Klaus-Jörgs Texte am längsten diskutiert.

Und da war sie vorüber, die 113. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow. Die 114. Lesebühne gibt es am 25. September. Danke, Micha für die Fotos. Danke, Norbert für die Moderation. Danke, Freddy für Licht und Stühle und da Sein. Und danke der Dame an der Bar (Namen weiß ich leider nicht) für den Ausschank und fürs Abwaschen. So long

 

fgs

In sieben Schritten aus dem Jenseits und wieder zurück – und alles ohne Fahrschein

Satirisch und böse begann der Abend direkt aus dem Jenseits, versuchte sich mit durchaus grenzwertigen Themen, wie nur das Leben sie stellt, um dann am Ende wieder ebendort an zu landen. Humorvoll, poetisch, prosaisch, tragisch und absurd präsentierten sich unsere Geschichten.

Ohne Fahrschein“ war das Thema von Matthias Rische, des Themenbeauftragen des heutigen Abends der, wie er ausdrücklich versicherte, keine BVG-Geschichten schreibt. Zwei zwielichte Herren haben sich in einen hitzigem Dialog verstrickt, der eine sehr betagt, ein Greis, der andere sein Supervisor, Vedil. Die wahre Identität der beiden erschloss sich erst später im Text. Auf dem Weg dahin waren wir hochkonzentriert damit beschäftigt, die jeweiligen Befindlichkeiten der entsprechenden Person zuzuordnen, und es war nicht leicht, ihrer Auseinandersetzung zu folgen. Offensichtlich sich beklagend forderte der Alte einen Hinweis vom Supervisor, von dem er sich in einem fort verhöhnt glaubte. Es schien, als habe Vedil bis zum Schluß die Oberhand: Einen Fahrschein zurück ins Leben gibt es eben nicht, wenn man sich für den endgültigsten aller Berufe entschieden hat. Da hilft dann auch Supervision nicht weiter.

Katharina Körting brachte ein Text-Gefüge mit, das sie als „Meine innere Leistungsgesellschaft“ bezeichnete. Es sind dies ein Brief, ein Prolog, dann 48-Seiten Maschienengeschriebenes, was natürlich nicht vorgetragen werden konnte – wegen der Sanduhr. Sie las, bzw. sang uns einen „Brief an Tinka“ vor, ein Brief, in dem sie in Dialog mit sich selbst tritt, sich selbst als Kind, später als junges Mädchen, immer auf der Suche nach dem „Wer bin ich?“. Es machte Spaß, der kleinen Tinka beim größer werden zuzuschauen. Im folgenden Prolog „Das kaputte Heldentum“, tritt eine andere Frage in den Vordergrund:Es ist die Frage nach dem „Wie bin ich? – In der Welt?“ Nicht weniger interessant als die erste, sprachlich sehr schön und dicht formuliert, aber viel schwerer zu beantworten. Viele Themen drängen sich auf, jedes will das wichtigste sein, jedes schreit nach Aufmerksamkeit. Und dann gibt es da noch weitere 48 Seiten….

Klaus J. Lais, zu finden unter: www.wasissn.de las drei Texte: Eine Jobgeschichte, ein Gedicht und eine Schlagzeilen-Geschichte. Wir bringens“ zeigt einen seiner Lebensabschnitte auf, von denen es viele gab, in dem er sich als Selbstständiger im Bringe-Service versuchte. Es muß wohl schon ein Weilchen her sein, denn die Bringe-Dienst-Leute kauften Bier, Nüsse, Chips bei der Tanke ein und bezahlten in Mark, um sie nächtens auszuliefern. Eine Tätigkeit, die, wie wir erfuhren, viele Überraschungen birgt. Im Gedicht geht es um den angestauten Ärger im Stadtverkehr, der sich hier endlich einmal Luft machen kann. „Fürchte dich!“, der dritte Text, eine Auseinandersetzung des Autors mit dieser real existierenden Schlagzeile, die doch tatsächlich nahelegt, Berlin sei eine der kriminellsten Städte Deutschlands. Der Autor weiß, dass das nicht sein kann, denn er hat hier noch nie selbst ein Verbrechen gesehen.

Angela Bernhardt stellte uns „Hämmer im Kopf“ vor. Im Prolog lernen wir den mittlerweile fast erwachsenen Protagonisten kennen, der sich fragt, wie es dazu kam, dass sein Leben eine solch schmerzliche Wende erfahren konnnte. Dazu muß er tief in Erinnerungen abtauchen, die sich mit Erfundenem verbinden, um die fehlenden Teilchen im Puzzle zu ersetzen. Dem Problemkind Hugo erfährt eines der schrecklichsten Dinge, die ein Kind erfahren kann: er wird weggegeben. Vermutlich, weil seine Eltern fürchten, dass er seiner kleinen Schwester Lena etwas antun könnte, sich keinen Rat mehr wissen und der Vater schließlich eine Entscheidung trifft. Und weil die Mutter zu schwach ist, für ihn einzustehen. Es sind die Schreie, die ihm zum Verhängnis werden: das Schreien der Schwester, das er nicht aushalten kann und unterbinden möchte, und der Schock-Schrei der Mutter, die glaubt, er habe vor, Lena aus dem Fenster zu schmeissen. Die Geschichte beginnt im Jahr 1930, und ich hoffe sehr, dass aus dem Prolog und dem ersten Kapitel und der Idee einmal ein Roman werden wird.

Alessandro, an diesem Abend das erste Mal auf der Lesebühne, las uns seinen „Brief an Fabia“. Er lebt erst seit drei Wochen in Berlin, und der eigentliche Anlass seines Besuchs der Lesebühne war Bella, eine uns unbekannte Schöne, die auf jeden Fall sein Leben veränderte und ihn dazu brachte, am ersten nicht gemeinsam verbrachten Abend den Weg nach Pankow zu machen um uns an diesem wunderbaren Ereignis teilhaben zu lassen.Der Autor schreibt seit vielen Jahren Briefe in Chat-Form, und zwar an alle seine FreundInnen.Das erklärt vermutlich die etwas seltsame Art dessen, was er uns fortrug. Der Brief des heutigen Abends war an Fabia gerichtet und hatte all das zum Inhalt, was den Autor durch die Stadt trieb. Locker erzählt und aneinander gereiht, kamen viele der Orte vor, die uns allen so bekannt sind, das Erlebte als Erlebnis blieb unwichtig im Hintergrund. Die Frage: Wer ist Fabia? , mündete in die Frage: Wer ist Bella? Und genau das schien mir die Essenz seines Textes zu sein.

Petra Lohan, also ich, las „Das Interview“. Ein dreißigjähriger Medienbeschäftigter hat den Auftrag, eine Hundertjährige zu interviewen. Er ist sich ziemlich sicher, die Sache schnell im Kasten zu haben, doch die Dinge gestalten sich nicht in seinem Sinne. In dem Maß, in dem er feststellt, dass es ihm einfach nicht gelingen will, einen Kontakt zu ihr herzustellen, gewinnt die Alte Macht über ihn. Er verliert sich zunehmend in Unsicherheiten und Angstzuständen, so dass ihm nur noch die Flucht bleibt. Selbst, als er schon über alle Berge ist, behält sie das letzte Wort.

 

 

Wolfgang Weber besiegelte schließlich mit “Stürzdenbecher“ die Endgültigkeit des Abends. Der berühmtberüchtigte Freibeuter Störtebecker also, der so manchen Becher stürzte, bevor er keinen mehr stürzen konnte. Und so ließ uns Wolfgang Anteil nehmen an seiner abenteuerlustigen Lebensgeschichte und dem grausigen Ende: 73 Piraten soll der Enthaupter Rosenfeld an jenem Tag im Jahre 1401 enthauptet haben, und es hätten auch gerne mehr sein können. Dann war Schluß mit Stürz den Becher! Ob Störtebecker, frisch enthauptet, allerdings tatsächlich noch an einigen seiner Mannen vorbeigerannt ist und sie somit gerettet hat, ließ Wolfgang unerwähnt. Magisch untermauert wurde sein sehr rythmisch vorgetragener Text diesmal mit einem „Donnermacher“. Das stellte zumindest sicher, dass keiner der 73 aus dem Jenseits zu uns zurück kommen würde.

Vielen Dank an alle Zuhörer, besonders an die, die bis zum Schluß ausgeharrt haben, danke an Michael für die Moderation und die Fotos, Zimmer 16, für die Existenz, Danke an das Wetter für den nachlassenden Regen zum Schluß und danke an Klaus Lais, der den Themenbeauftragten im September machen wird, und zwar zu Thema: „Mondsüchtig“ – weil er „Nagelbrett“ nicht wollte.

Heute mal kein Fußball

Am 26.Juni 2017 gab es wieder ein kleines Jubiläum für unsere feine Offene Lesebühne, die diesmal gar nicht so klein war. Die „Hard Facts“: Etwa 30 Zuhörer besuchten die 111. Veranstaltung (helau!), sieben Lesewillige trugen sich in die Lostrommel ein, von denen vier erstmals auf unserem Podium saßen. Über Nachwuchsmangel können wir uns also nicht beklagen. Den Beginn machte Themenbeauftragte Cordula Warmuth, die ebenfalls ihre Premiere bei uns feierte.

Weiterlesen

Schwimmen, Zug um Zug

Wenn ich jetzt schreibe, die Mai-Lesebühne diesen Montag war eine 100%ige SNN-Lesebühne, dann erkläre ich besser, was ich damit meine:

  1. Die Bude war voll. Vornehmer ausgedrückt: Im Zimmer 16 saß auf beinahe jedem der vorbereiteten Stühle jemand, um den Texten zu lauschen, zu diskutieren und evtl. auch um sich zu erheben und selbst am Lesetisch Platz zu nehmen.
  2. Es lasen acht AutorInnen, also das Maximum, das wir für einen Abend setzen.
  3. Die Texte deckten von Lyrik bis Prosa, von gereimt zu experimentell ein äußerst großes Spektrum ab.
  4. Wir bekamen erste Versuche und Durchgearbeitetes, bereits gedruckte und gerade aufgeschriebene Texte zu hören.
  5. Die Diskussionen gerieten interessiert und auch kontrovers, mal so, mal so.

Silke, unsere Mai-Themenbeauftragte, eröffnete in dieser Eigenschaft traditionsgemäß den Abend, den Frank moderierte. Sie saß zum ersten Mal am SNN-Lesetisch, und las, speziell zu ihrem Publikumsthema „Auf der Suche“, geschrieben, ihre allererste Kurzgeschichte, ohne Titel. Mutig – und mutig handelte auch ihre Protagonistin, obwohl sie eigentlich nur aus der Berliner Ring-S-Bahn ausstieg, Station Sonnenallee. Doch war sie bis dahin schon drei Mal im Kreis um die ganze Stadt herum gefahren, obwohl sie eigentlich schon längst auf Arbeit sein müsste, und ihr Aussteigen war kein einfaches Aussteigen, sondern ein (möglicherweise) grundsätzliches, aus ihrer alten Arbeit, ihrem alten Leben, und wohin ihr neuer Weg (möglicherweise) führt, blieb eine Andeutung.

Matthias dürfte SNN-Besuchern schon bekannt sein, doch die Themen seiner Geschichten überraschen immer wieder. Diesmal begleitete er den Jugendlichen Amir aus Algier bei einem Lebensumbruch. Der begeisterte Sportschwimmer nimmt die politischen Umstände seines Lebens hauptsächlich über seinen Trainer und Vater wahr, welcher weder mit seinem Schwimmen noch der politischen Situation zufrieden ist. Am Schwimmstil seines Sohnes arbeitet er mit strenger Konsequenz, an der unerträglichen politischen Situation kann er nichts ändern. Weshalb sich der Junge eines Nachts im Bauch eines Seelenverkäufers wiederfindet, auf hoher See auf dem Weg nach Europa, und getrennt von seiner Familie, die irgendwo auf dem Schiff sein muss. Auch Amir kommt plötzlich die Idee, auszusteigen, und auch bei ihm bleibt offen, wo sein Entschluss den geübten Schwimmer hinführt – ob an ein rettendes, fernes Ufer oder auf den Grund des Mittelmeers.

Brunhild wurde persönlich. Sie setzt sich in ihren meist gereimten Gedichten ausdrücklich und zumeist mit Stationen oder Situationen ihres Lebens auseinander. „Bestandsaufnahme“ machte eine Inventur ihrer Körpermaße und -teile, ihres Zustandes und ihrer Anzahl. Aus dem darauf folgenden Gedicht über ihr früheres Leben als „Bankerin“ blieb mir in Erinnerung: „Ein Gewissen wird zerschlissen“. Dies führte zum Zustand der (und zum Gedicht über) Krankheit/Krank-Zeit. „Ein Gedicht entsteht“ erklärte, wie sie an solchen immer wieder schwanger geht und sie am Ende irgendwann entbunden werden. Einer Nach-Bank-Zeit als Betreuerin einer dementen Person entsprang das nächste Gedicht und deren Aussage: „Ich bin in einer fremden Welt nur zu Gast“. Ein nächtlicher Schwimmausflug in einem See war das Thema in ihrem abschließenden Text – ohne Reim. Von diesem Ausflug ist sie nachweislich ans rettende Ufer zurückgekehrt!

Wolfgang blieb gleich am Ufer, d.h. am Strand: „Stranded In Strandville“ saugte uns in einen großen Popcornautomaten, in dem wir mit Alphaville und Emund Spencer, Shakespeare und Roxy Music als bunte Maiskörner in Gemälden von Mondrian und jemandem, dessen Namen ich leider nicht aufgeschrieben habe, aufpoppten zum Rhythmus des Boogie Woogie – dies als sein Beitrag zu einem Ausschreibungsthema: „gestrandet“. Collage, Assoziations- und kultureller Bezugsgenerator – das haben wohl alle seine Performances gemeinsam.

Nach der Pause hielt Frank die Schale mit den gesammelten Themenvorschlägen des Publikums hoch: TB-Wahl! Matthias ließ sich bitten – nein, er meldete sich, um am 24. Juli die Lesebühne als Themenbeauftragter zu eröffnen, und er zog „liebevoll“ aus der Schale, welches er umgehend ablehnte, nun musste er also nehmen: „Ohne Fahrschein“. Danke Matthias! Wir erwarten dich und deinen Text im Juli!

Katharina brachte uns wieder auf den S-Bahn-Ring zurück – Bahnhof Südkreuz, aber wahrscheinlich war eher doch die Fern- oder Regionalbahn gemeint, die vom selben Bahnhof fährt wie die S-Bahn. Die S-Bahn führt ja nicht durch einen Ort namens „Wüst“, in einem ihrer Texte mit den Schildern „Wüst Anfang“ und „Wüst Ende“ begrenzt, und wo ich schon so wüst schreibe, will ich gar nicht wieder ordnen, was Katharina vortrug, nur nennen: Diebe, die Zeit stehlen, Am Bahngleis ohne die Luft zum Schreiben, das Schreibtier („ich“), der Penner am Bahnhof Salzwedel, schläft, bekommt von ihr einen Kaffee ausgegeben, „Mein Mörder ist er nicht“, seinen angefangenen Kaffee trinkt sie aus. Das waren Phantasien, die nicht von Erlebnissen zu unterscheiden waren und umgekehrt, und ihre Sprache war klar und poetisch, ein Glitzern am Bahngleis.

Sigrid Maria: Debüt bei SNN. Das Reisen, Fahren, Rollen blieb Thema, bei ihr: Pendeln. Darüber hat sie sogar ein ganzes Buch mit Gedichten geschrieben und daraus vorgelesen. „Sie Pendeln. Sie Pendeln.“ blieb hängen. Einfach und eindrücklich, zwei Worte, wiederholt. Das ist Pendeln. Satirische Texte über ihre ehemalige Lehrerinnenexistenz, den Kampf der S- gegen die P-Schulen, der wirklich stattgefunden haben soll nach der Wende, im Osten, vielleicht auch im Westen, Ich-Botschaften, die auf ganzer Linie scheitern vor Ich-resistenten Klassen/Schülern, ein Lehreralptraum, – vorbei, sie ist Pensionärin.

Frank tischte (!) gleich einen kompletten Traum auf – ein Alptraum? Irgendwie schon, denn sein Traum konnte sich nicht wirklich gut angefühlt haben. Scheitern, wollen, aber gehindert werden, von einem Zug (schon wieder!) mitten in der REWE-Filiale Kulturbrauerei, die Kasse zu erreichen, und das eigene verschuldlose Versagen findet sich in nullkommanix gedruckt (!) in einer Zeitung, in den Einkaufswagen geschmissen von einer vorbei stürmenden Polizeieinheit! Ja, ein Traumprotokoll hat er mitgebracht, möglichst zusammenhängend aufgeschrieben, und vielleicht wird ja eine Geschichte daraus. Schreib weiter, Frank, bevor der Zug wieder abgefahren ist aus dem REWE.

Clemens erschien erst kurz vor Schluss und bekam ausnahmsweise noch den achten Platz auf der Leseliste. „Schnitt“ las er. Keine Strände, keine Züge. Schmerzen, die die Freundin ins Krankenhaus zwingen, im Bauch, und keiner findet was. Ungewissheit, starke Schmerzen, und keiner findet was. „Aufschneiden“ steht im Raum, gefunden muss werden, vielleicht nach dem Schnitt. Vielleicht. Dann sind sie weg, die Schmerzen, und keiner hat was gefunden. Ohne Schnitt ist sie nach zwei Tagen wieder zurück, unversehrt. Aber nicht unverändert.

See you bei der 111. Lesebühne am 26. Juni, Themenbeauftragte ist SNN-Debütantin Cordula mit dem Thema „Augenaufschlag“.

7 auf einen Streich – Hallelujah!

… aber lasst uns das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Leerreich war dieser Jubiläumsabend zum 50. Themenbeauftragten am 24. April 2017 im Zimmer 16 allemal, und er gehört nicht weggekärchert aus der nach vorn offenen Geschichte von SoNochNie. Geflucht wurde weder auf der Bühne noch im Publikum, was dem feierlichen Anlass nur angemessen war, und auch die sonst gelegentlich zu beobachtende Pausenflucht blieb trotz einer textlichen Leerstelle unmittelbar davor erfreulicherweise aus. Nachdem im zweiten Teil geklärt wurde, wer wen im Bus gesehen hatte und ob Wunderwerke der Technik wirklich immer so wunderbar sind, entfuhr uns allen ein erleichterter Stoßseufzer: Geschafft – Hallelujah!

Das war’s schon? Halt, dazu gibt’s doch noch viel mehr zu sagen! Zum Beispiel, dass unser treues Publikum das Zimmer 16 gut gefüllt und uns die Crew des Hauses mit Licht, Tontechnik und Getränken kraftvoll unterstützt hat – besten Dank dafür noch mal an dieser Stelle! Auch unser Moderator Leovinus ist zu erwähnen. Er hat nicht nur unterhaltsam durch den Abend geführt, sondern zu jedem Text sogar eigens einen Limerick verfasst und vorgetragen. Zwischendichtungen gewissermaßen, die für einige Heiterkeit sorgten. Dokumentiert wurde unser Jubiläum auch: fotografisch von Michael und Ulrike und darüber hinaus erstmals zeichnerisch – eine Premiere, die uns ehrt – vom bekannten Pankower Illustrator Christian Badel – danke sehr! Und schließlich: Was wäre dieser Abend ohne unsere sieben Themenbeauftragten gewesen? Bühne frei – hier sind sie mit ihren ganz unterschiedlichen Texten:

Frank machte wie schon so oft den Anfang. Leerreich lautete sein Thema und Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug der Titel seines Textes. Der Ich-Erzähler trifft in der Oper – Wagners Parsifal wird gezeigt – einen älteren Herrn, der ihm sogleich sein familiäres Problem überstülpt: Die Enkelin Querida will von ihm ein Auslandsjahr finanziert bekommen. Eine Unverschämtheit! Der Erzähler sieht das anders. Er würde Querida das Geld geben, denn allein ihr Bittbrief sei eine Form von Zuwendung und da müsse man mit wachsenden Jahren vom Nachwuchs nehmen, was man eben kriege. Das Argument stützte Parsifal höchstselbst: „Er berührte die Wunde mit dem Speer, der sie einst schlug, und sie heilte.“ Ob das für’s Publikum lehrreich war? Aufgepasst: Leerreich hieß das Thema, und der Hintersinn war durchaus ehrenurkundenwürdig.

Maik fühlte sich vor zwei Monaten mit dem Thema Kärcher gut versorgt und brachte mit zwei kurzen Gedichten unsere 15-Minuten-Literat-Uhr nicht mal ansatzweise in Sandnot. Das erste, schlicht Kärcher genannt, begann „Signalgelb auf Schwarz“ und befasste sich mit der von eben jenem Gerät unterstützten beruflichen Reinigung. Privat zog der Dichter allerdings den guten alten Scheuerlappen vor. Aber Kinder müssen doch … raus, sagst du, stellte das zweite Gedicht fest, in dem gefährliche Autos auf der Straße als kärchernde Kinderfresser lauern und der Dichter sich besorgt an gute alte Sicherheiten erinnert: „Zu meiner Zeit wurden wir als Kinder noch an ganz kurzer Leine gehalten.“ Auch an Maik ging dafür die Ehrenurkunde.

Ulrike, extra aus Chemnitz angereist, hat sich beim Thema Fluch und Flucht für die präzise Seelenerkundung einer Juliane entschieden, die sich von klein an innerlich als Julius fühlt und nach einem langen, schwierigen Weg per Geschlechtsumwandlung auch äußerlich zu ihrer wahren Identität – nun als Julian – findet. „Juliane, das ist mein erster Name. Der erste Vorname meines ersten, falschen Lebens“, lud Ulrike uns in ihren Text ein. Von einer Kindheit voller Schreie, erst lauter, später stummer, war die Rede, von mit Binden abgeschnürten Brüsten und Eltern, die ihre Tochter für lesbisch hielten. Vom Fluch, im falschen Körper zu stecken und der Frage, wann die Flucht begann: als sie ihre Puppe vernachlässigte, im Kindergarten den Jungs nacheiferte, die ersten Tabletten schluckte? Und schließlich die Erkenntnis, dass es eben doch keine Flucht war, sondern eine Befreiung. „Und zum ersten Mal kann ich mir selbst in die Augen schauen und Ich sagen. … Eine Vergangenheit habe ich nicht, aber ich habe mich, und das hat ja wohl lange genug gedauert.“ Danke, Ulrike, für diesen berührenden Text! Die Ehrenurkunde versteht sich von selbst.

Michael, mit zehn Einsätzen der Rekordhalter unter den Themenbeauftragten – Glückwunsch dazu! – lieferte, mit der Vorbemerkung, er probiere gern neue Sachen aus, in lyrischer Prosa eine Leerstelle. „Fast ist es noch Nacht heute Morgen“, begann sein Text. „Wir sind nicht zu Hause angekommen. Ich nicht und du nicht.“ Und da deutete sich schon an, welch bedrückendes Thema er gewählt hatte: den plötzlichen Tod. Lebend zur diesseitigen Tür des Krankenhauses hinein, tot zur jenseitigen hinaus. Dazwischen die unfassbare Feststellung „Du bist verschwunden. Ist das alles, was du bist?“ Wie kann ein Abschied gelingen, wo man doch nur mal eben kurz auf den Schlüssel aufpassen sollte? „Was mache ich … … … mit dem Schlüssel?“, bleibt der Erzähler rat- und fassungslos zurück. Das Experiment? Die Pausen, die Michael beim Lesen ließ. Inhalt und Form Hand in Hand. Gut, das du gern Neues probierst und uns daran teilhaben lässt! Die Ehrenurkunde ist dein.

In der wohlverdienten PAUSE wurden fleißig Themenzettel beschrieben, aus denen anschließend nur ein einziger gezogen wurde. Augenaufschlag wird das Juni-Thema von Cordula sein, die sich zum ersten Mal mutig dem Auftrag stellt. Im Lostopf blieben folgende Themen zur freien Inspiration für alle anderen (in Original-Schreibweise übernommen!): Ein echter Fiesling, FUSSSTAPFEN, Lichtgestalten, STEINLAND, Schneckentempo, Joachim, Heilbronn, Kiez König for ever!, Tee-Nager, Das Gummiband, Stadien der Wehmut, Zieh ihn bitte wieder raus!, SCHEE IM JUNI, Sturzgeburt, Kontrollverlust, Themenbeauftragte., Buttersäure.

Auch nach der Pause erwartete uns ein Experiment: Max wurde per Handy live aus Braunschweig zugeschaltet, während sein zweidimensionales Konterfei hinterm Lesetisch posierte. Passend zum Thema Ich habe dich im Bus gesehen untersuchte Max Sehgewohnheiten: „Ich habe mich im Spiegel gesehen. Ich habe mich im Schaufenster gesehen. Ich habe mich in der S-Bahn-Scheibe gesehen.“ Auch bei ihm eine Erkundung zwischen Ich und Du. „Ich habe mich verpasst. Wir trafen uns nicht in der Mitte“, schloss er seinen vieldeutigen, melancholischen Text und bekam dafür … na? … eine Ehrenurkunde.

Wunderwerk der Technik war Thema und Titel meiner (Angelas) Geschichte. Isa, die sich in ihrem überschaubaren Leben als Lokalredakteurin eingerichtet und darüber vergessen hat, dass sie mal eine berühmte Radiojournalistin werden wollte, erinnert sich dank einer SPLIFF-Schallplatte auf dem Flohmarkt ihrer ersten großen Liebe Philipp, seinerzeit E-Gitarrist mit dem Zeug zum Star. Nicht nur die große Liebe, schon der erste Kuss scheiterte an unüberbrückbaren Differenzen im Musikgeschmack, denn Isa stand auf ABBA. Aus einer Laune heraus schickt sie Philipp die Platte und … bekommt einen MP3-Player zurück, auf dem sich ABBA und SPLIFF im trauten Duett finden. Wäre das nicht auch eine Option für sie beide?, stellt Philipp in den Raum, als er vor ihrer Tür auftaucht. Nein, er ist kein Rockstar geworden. Und nein, sie hat den Pulitzer-Preis noch nicht gewonnen. Aber … ist es wirklich schon zu spät für ihren alten Traum? Isa verzichtet auf das Wunderwerk der Technik, das sie beide vielleicht doch noch hätte vereinen können und wagt ein ganz untechnisches Wunder: den Neuanfang. Auch dafür gab’s die Ehrenurkunde.

Zuletzt entführte uns Leovinus mit Hallelujah ins Reich seiner schrägen Phantasie. „Sagen Sie, junger Mann, wo drücke ich denn, wenn ich in den Fünften will?“, erkundigt sich ein mysteriöses altes Mütterchen im Kaufhaus und bietet dem Erzähler Kirschkuchen an. Weil der ablehnt, wünscht sie ihm ein Halleluja in den Bauch. Das muss rausgeschnitten werden, sagt der Arzt. Der Erzähler sträubt sich, denn die Alte hatte ihn gewarnt: Wenn Sie es rausschneiden lassen, holt Sie mein Sohn! Als der Geplagte aus der Narkose erwacht, ist er wieder im Fahrstuhl. Neben ihm ein Junge mit leuchtend blauen Augen, der die Sense schwingt. Auf alte Mütterchen ist eben Verlass. Und auf die Ehrenurkunde auch.

So, das war’s jetzt aber wirklich zu diesem rundum gelungenen Jubiläumsabend! Nein, doch noch nicht ganz? Ich höre, da freut sich schon die nächste offene Lesebühne SoNochNie am 22. Mai 2017 auf frische Texte und reichlich Publikum. Also: Seid wieder dabei!

Wortmeister!

Sieben Schreibende/Lesende, das klingt wie ein Vorgeschmack auf unser TB#50-Jubiläum im April, wo ebenfalls (glorreiche) sieben auftreten werden, war aber durchaus mehr als das: ein thematisch und stilistisch äußerst vielfältiger Abend. Ein Spielbericht:

Wolfgang Weber bekam als Themenbeauftragter des Monats den Anstoß und legte, das war zu erwarten, von Anfang an ein enormes Tempo vor, seine erste Ehrenurkunde fest im Blick. Sein Text „Masterpiece #40“ wirbelte von den Seiten durchs Zentrum seines Themas Zwischen den Stühlen, welches er auch vergegenständlichte: Er stellte zwei winzige Stühle auf den Tisch, er dazwischen. Enormen Wumms entwickelte er aus der Tiefe des Raumes, einer Dylan-Übersetzung von Durs Grünbein („Masterpiece…“), welcher eine inakzeptable Anzahl wichtiger Satzzeichen unterschlagen hatte und setzte selbst über die durchgehende Nummerierung seiner assoziativ-philosophisch-kulturhistorischen Bruchstücke eigene dagegen – starker Antritt! Wer außer Wolfgang dribbelt so unvorhersehbar zwischen Popmusik(geschichte), Lesebühnengedanken, Wortspielereien, freier Assoziation und überraschendem Schweigen über den Platz? Auch das Antäuschen beherrscht er: „Eines Tages wird alles wie eine Rhapsodie dahinfließen“ – während die Abwehrspieler noch an diesem Satz herumkauten, hatte er das Leder schon längst mit präziser Flanke im kurzen Eck versenkt. Die TB-Urkunde ging also verdient an diesen langjährigen Teilnehmer unserer Lesebühne.

Wolfgang Endler, ein Wiedergänger bei SoNochNie, ließ gleich beim ersten Ballkontakt seinen Manndecker stehen. Seine zwischen Aphorismus und Gedicht angesiedelten Texte pflügen sich durch jede konventionelle Spieltaktik einfach hindurch, unterlaufen sie und zeigen unvermittelt neue Verbindungen. Gedanken über Grenzen (des Geschmacks), Dinge, die er SO NOCH NIE getan hat, Entdeckungen auf dem Tempelhofer Feld im Frühling, das „Morgenblauen“ und Sommersprossen, die verstohlen mit Altersflecken schäkern (auf ein und demselben Gesicht!), die Gefahr, wenn man zu weit geht, im 10. Stock eines fünfstöckigen Hauses zu landen – da musste die gegnerische Elf jeden einzelnen Moment auf der Hut sein, eine Konterchance ließ er ihnen kaum. Eine Drehung und der Ball ging scharf gepasst zur nächsten Station. Ballbesitzspiel par excellence.

Brunhild zog mit ihren gereimten Gedichten erst einmal ums Zentrum herum, mal von dieser („Wehrt euch!“), mal von der anderen Seite („Neue Seuchen braucht das Land“), immer dran am Thema „Zwischen den Stühlen“, das von ihr als Debütantin auf dem Platz ja eigentlich gar nicht verlangt war. Sei’s drum, ihre Texte dennoch aufmerksam und wach am Puls der Zeit, und sie leistete sich mit „Märzenbecherduft“ und Eindrücken von einer Demenzkranken auch ein paar Kunstschüsse, nicht hart ins Tor, aber paradentauglich. Es war nicht das Spiel der großen, einheitlichen Taktik, das war nach drei Ballkontakten mittlerweile klar – man spielte hier variabel und mit schnellen, kurzen Pässen!

Clemens reduzierte die Spielzüge zwar nun, lief aber immhin noch zwei getrennte Angriffe aufs Tor, ein Text beschrieb einen (Mit)Bewohner eines viele Wohneinheiten zählenden hochsozialistischen Hochhauses in Berlin, welcher mehr und mehr in Zufriedenheit und dem eigenen Müll zu versinken scheint, der zweite erzählte vom Verwesungsgeruch in selbigem Hochhaus, der sich nach dem unentdeckten Ableben eines anderen Bewohners überall breitmacht und sich nicht einmal durch das Eintauchen in das Stadtleben Berlins abschütteln lässt – denn er ist bereits ins Denken eingedrungen. Bevor sich seine bekannte Fahrigkeit negativ auf sein Spiel auswirken konnte, pfiff der Schiedsrichter ab. Stand zur Halbzeitpause: 1:0 für die Gastgeber.

Vor dem Wiederanpfiff ließ der Unparteiische die übernächste Partie auslosen – Themenbeauftragte/r für den Mai gesucht! Silke Maschinger hob die Hand und wird mit ihrem Text ihr SNN-Debüt geben! Sie wählte „Amtliche Veröffentlichung“ NICHT und musste daher „Auf der Suche“ als Publikumsthema akzeptieren. Am 22. Mai wird sie damit die Lesebühne eröffnen.

Die zweite Halbzeit ließ sich, vorerst, kompakter, einheitlicher an: Max Ludwig, einer unserer beiden Themenbeauftragten-Gäste bei TB#50 im April, überraschte die gegnerische Abwehr mit einer schwer durchschaubaren Selbstbetrachtung eines Menschen, der aus dem Leiden eine Kunstform oder, ja, einen Sport gemacht hat: „Normal leiden“ hieß sein Text. Schwer durchschaubar, weil hier jemand über sein tatsächliches Leiden kaum ein Wort verliert, über die Art und Weise aber sehr genau und stilbewusst reflektiert – und sich selbst dafür eine gute B-Note gibt. Aussagen wie „Leid darf nicht zur Gewohnheit werden“ und „Man muss wissen, wann man genug gelitten hat“ lockten die Angreifer in die Abseitsfalle und eröffneten die Chance zum entscheidenden Konter!

Den übernahm Dave, der zweite Debütant dieses Spiels, wieder mit anspruchsvollem Kurzpassspiel und unterstützt durch modernste Handy-Technik – seine ultrakurzen Aphorismen, Limericks, Zweizeiler, insgesamt „sechseinhalb Texte“ vom Touchscreen blitzen schnell, hell, leuchteten nach, witzig, wortspielerisch, jagten ein Frettchen über den Platz, spiegelten sich selbst auf dem Bildschirm, der von Gevatter Tod in der S-Bahn mit Knochenfingerspitzen hin und her gewischt wird (löschen – für später behalten) und bestätigte das Vorurteil, dass das englische Spiel kompakter ist als das deutsche – die Übersetzung seines sechsten Textes, der sechseinhalbte Text also, fiel noch kürzer aus als das kurze Original: „I lost all my friends facebooking“. Zwei zu Null.

Petra Lohan übernahm es, den Sieg zu ungefährdet nach Hause zu holen. „Du mir gegenüber“ war unüberwindbare Defensivkunst, an der sich auch ein Weltklassesturm die Zähne ausbeißt. Eine Frau verliert den Faden zu sich selbst, sieht in ihrem Körper, ihrer eigentlichen Person, eine Fremde. Sie tritt zwar mit ihr in Kontakt, hält Zwiesprache, wie das wohl jeder mit sich tut, sie aber spricht mit einer Unbekannten. Das war eindringlich und wieder einmal war kaum zu ergründen, wie sie es schaffte, diese Erfahrung so plastisch werden zu lassen. Abpfiff. Wir sind Wortmeister! Endstand: ein verdientes 2:0. (Und Danke an Petra für’s Fotografieren!)

Zum Abschluss zwei ANKÜNDIGUNGEN:

  • Am Donnerstag dem 20. April feiert unser Heimstadion, das ZIMMER 16, sein 15jähriges Bestehen mit einer Gala ab 18 Uhr. Wir freuen uns über diese gelungene, langjährige Kulturarbeit in und für Pankow und mit unseren Freunden und Gastgebern wie Bolle. Kommt frühzeitig, denn es wird ganz sicher ziemlich voll (und ziemlich toll) werden!
  • Vier Tage später, am 24. April am selben Ort, steigt TB#50, unser Jubiläumsabend der Themenbeauftragten. Mehr Info findet ihr ab sofort und fortlaufend (am Ball bleiben!) auf dieser website und unserer facebookseite. TB#50 – Sieben auf einen Streich!