Wortmeister!

Sieben Schreibende/Lesende, das klingt wie ein Vorgeschmack auf unser TB#50-Jubiläum im April, wo ebenfalls (glorreiche) sieben auftreten werden, war aber durchaus mehr als das: ein thematisch und stilistisch äußerst vielfältiger Abend. Ein Spielbericht:

Wolfgang Weber bekam als Themenbeauftragter des Monats den Anstoß und legte, das war zu erwarten, von Anfang an ein enormes Tempo vor, seine erste Ehrenurkunde fest im Blick. Sein Text „Masterpiece #40“ wirbelte von den Seiten durchs Zentrum seines Themas Zwischen den Stühlen, welches er auch vergegenständlichte: Er stellte zwei winzige Stühle auf den Tisch, er dazwischen. Enormen Wumms entwickelte er aus der Tiefe des Raumes, einer Dylan-Übersetzung von Durs Grünbein („Masterpiece…“), welcher eine inakzeptable Anzahl wichtiger Satzzeichen unterschlagen hatte und setzte selbst über die durchgehende Nummerierung seiner assoziativ-philosophisch-kulturhistorischen Bruchstücke eigene dagegen – starker Antritt! Wer außer Wolfgang dribbelt so unvorhersehbar zwischen Popmusik(geschichte), Lesebühnengedanken, Wortspielereien, freier Assoziation und überraschendem Schweigen über den Platz? Auch das Antäuschen beherrscht er: „Eines Tages wird alles wie eine Rhapsodie dahinfließen“ – während die Abwehrspieler noch an diesem Satz herumkauten, hatte er das Leder schon längst mit präziser Flanke im kurzen Eck versenkt. Die TB-Urkunde ging also verdient an diesen langjährigen Teilnehmer unserer Lesebühne.

Wolfgang Endler, ein Wiedergänger bei SoNochNie, ließ gleich beim ersten Ballkontakt seinen Manndecker stehen. Seine zwischen Aphorismus und Gedicht angesiedelten Texte pflügen sich durch jede konventionelle Spieltaktik einfach hindurch, unterlaufen sie und zeigen unvermittelt neue Verbindungen. Gedanken über Grenzen (des Geschmacks), Dinge, die er SO NOCH NIE getan hat, Entdeckungen auf dem Tempelhofer Feld im Frühling, das „Morgenblauen“ und Sommersprossen, die verstohlen mit Altersflecken schäkern (auf ein und demselben Gesicht!), die Gefahr, wenn man zu weit geht, im 10. Stock eines fünfstöckigen Hauses zu landen – da musste die gegnerische Elf jeden einzelnen Moment auf der Hut sein, eine Konterchance ließ er ihnen kaum. Eine Drehung und der Ball ging scharf gepasst zur nächsten Station. Ballbesitzspiel par excellence.

Brunhild zog mit ihren gereimten Gedichten erst einmal ums Zentrum herum, mal von dieser („Wehrt euch!“), mal von der anderen Seite („Neue Seuchen braucht das Land“), immer dran am Thema „Zwischen den Stühlen“, das von ihr als Debütantin auf dem Platz ja eigentlich gar nicht verlangt war. Sei’s drum, ihre Texte dennoch aufmerksam und wach am Puls der Zeit, und sie leistete sich mit „Märzenbecherduft“ und Eindrücken von einer Demenzkranken auch ein paar Kunstschüsse, nicht hart ins Tor, aber paradentauglich. Es war nicht das Spiel der großen, einheitlichen Taktik, das war nach drei Ballkontakten mittlerweile klar – man spielte hier variabel und mit schnellen, kurzen Pässen!

Clemens reduzierte die Spielzüge zwar nun, lief aber immhin noch zwei getrennte Angriffe aufs Tor, ein Text beschrieb einen (Mit)Bewohner eines viele Wohneinheiten zählenden hochsozialistischen Hochhauses in Berlin, welcher mehr und mehr in Zufriedenheit und dem eigenen Müll zu versinken scheint, der zweite erzählte vom Verwesungsgeruch in selbigem Hochhaus, der sich nach dem unentdeckten Ableben eines anderen Bewohners überall breitmacht und sich nicht einmal durch das Eintauchen in das Stadtleben Berlins abschütteln lässt – denn er ist bereits ins Denken eingedrungen. Bevor sich seine bekannte Fahrigkeit negativ auf sein Spiel auswirken konnte, pfiff der Schiedsrichter ab. Stand zur Halbzeitpause: 1:0 für die Gastgeber.

Vor dem Wiederanpfiff ließ der Unparteiische die übernächste Partie auslosen – Themenbeauftragte/r für den Mai gesucht! Silke Maschinger hob die Hand und wird mit ihrem Text ihr SNN-Debüt geben! Sie wählte „Amtliche Veröffentlichung“ NICHT und musste daher „Auf der Suche“ als Publikumsthema akzeptieren. Am 22. Mai wird sie damit die Lesebühne eröffnen.

Die zweite Halbzeit ließ sich, vorerst, kompakter, einheitlicher an: Max Ludwig, einer unserer beiden Themenbeauftragten-Gäste bei TB#50 im April, überraschte die gegnerische Abwehr mit einer schwer durchschaubaren Selbstbetrachtung eines Menschen, der aus dem Leiden eine Kunstform oder, ja, einen Sport gemacht hat: „Normal leiden“ hieß sein Text. Schwer durchschaubar, weil hier jemand über sein tatsächliches Leiden kaum ein Wort verliert, über die Art und Weise aber sehr genau und stilbewusst reflektiert – und sich selbst dafür eine gute B-Note gibt. Aussagen wie „Leid darf nicht zur Gewohnheit werden“ und „Man muss wissen, wann man genug gelitten hat“ lockten die Angreifer in die Abseitsfalle und eröffneten die Chance zum entscheidenden Konter!

Den übernahm Dave, der zweite Debütant dieses Spiels, wieder mit anspruchsvollem Kurzpassspiel und unterstützt durch modernste Handy-Technik – seine ultrakurzen Aphorismen, Limericks, Zweizeiler, insgesamt „sechseinhalb Texte“ vom Touchscreen blitzen schnell, hell, leuchteten nach, witzig, wortspielerisch, jagten ein Frettchen über den Platz, spiegelten sich selbst auf dem Bildschirm, der von Gevatter Tod in der S-Bahn mit Knochenfingerspitzen hin und her gewischt wird (löschen – für später behalten) und bestätigte das Vorurteil, dass das englische Spiel kompakter ist als das deutsche – die Übersetzung seines sechsten Textes, der sechseinhalbte Text also, fiel noch kürzer aus als das kurze Original: „I lost all my friends facebooking“. Zwei zu Null.

Petra Lohan übernahm es, den Sieg zu ungefährdet nach Hause zu holen. „Du mir gegenüber“ war unüberwindbare Defensivkunst, an der sich auch ein Weltklassesturm die Zähne ausbeißt. Eine Frau verliert den Faden zu sich selbst, sieht in ihrem Körper, ihrer eigentlichen Person, eine Fremde. Sie tritt zwar mit ihr in Kontakt, hält Zwiesprache, wie das wohl jeder mit sich tut, sie aber spricht mit einer Unbekannten. Das war eindringlich und wieder einmal war kaum zu ergründen, wie sie es schaffte, diese Erfahrung so plastisch werden zu lassen. Abpfiff. Wir sind Wortmeister! Endstand: ein verdientes 2:0. (Und Danke an Petra für’s Fotografieren!)

Zum Abschluss zwei ANKÜNDIGUNGEN:

  • Am Donnerstag dem 20. April feiert unser Heimstadion, das ZIMMER 16, sein 15jähriges Bestehen mit einer Gala ab 18 Uhr. Wir freuen uns über diese gelungene, langjährige Kulturarbeit in und für Pankow und mit unseren Freunden und Gastgebern wie Bolle. Kommt frühzeitig, denn es wird ganz sicher ziemlich voll (und ziemlich toll) werden!
  • Vier Tage später, am 24. April am selben Ort, steigt TB#50, unser Jubiläumsabend der Themenbeauftragten. Mehr Info findet ihr ab sofort und fortlaufend (am Ball bleiben!) auf dieser website und unserer facebookseite. TB#50 – Sieben auf einen Streich!
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die 106. Lesebühne „ausgebrochen“

Die 106. Lesebühne SoNochNie! fand statt am Montag, d. 23. Januar 2017, den der Herr werden ließ wie all die Tage und Jahre davor und wir haben gesehen, dass es gut war. Die Bude war ziemlich voll. Gut besucht. Ich hoffe, wir haben unseren Beitrag geleistet zum Erhalt des Zimmers, auch die Spendenbox fand Erwähnung, in der es rascheln sollte und soweit ich sehen konnte, hat es geraschelt und wir haben das Bargeld an die Bar getragen. Nach meinem Kopf zu urteilen habe ich eine halbe Monatsmiete eingetrunken.

Aber wir haben auch gelesen, denn dies war der Zweck unseres Erscheinens und zunächst erschien uns der Moderator Leovinus, der gestern so richtig gut in Form war und stimmte uns ein und dann erschien uns der Themenbeauftragte, nämlich ich, und las knirsch eine Minute überzogen eine Geschichte zum Thema „Ausgebrochen“. Sie fasste das Leben eines Getriebenen zusammen, der stufenweise seine Existenzgrundlagen fahren ließ, um in die Tiefen seiner selbst zu gelangen. Am Ende steht er ohne Geld und ohne Obdach da. Selbst der Ich-Erzähler wendet sich von ihm ab. Und erstaunlicherweise und auch zu meinem Pläsier kam jemandem aus dem Publikum der Gedanke, dass damit der Ich-Erzähler auch ausgebrochen ist.

Danach las Anne (annegretnill.wordpress.com) Gedichte. Den „Sonnengruß“ (ich trinke die Hitze deiner Strahlen), die „Schoßpreisung“ (Gebärmutter, Urschoß behütender), „Entgrenzung“ (Auflösung im Rhythmus des Universums), „Birkentanz“ (Haarzweige im Luftzug, Feenritt im wispelnden Galopp) und „Ave Mond“, ein älteres Werk von 1999, das sie wegen Trump wieder ausgegraben hat. In der Pause redeten wir darüber, ob es für Gedichte nicht besser wäre, nur eins zu lesen, davon ein paar gedruckte Exemplare im Publikum zu verteilen, um genauer diskutieren zu können.

Dann las der Wolfgang Weber über Chris, den jüngeren Bruder Franz Jarnachs, der letzte Woche gestorben ist. Feierabend für eine Schildkröte. Krokodillederimitatjacke, was für ein Wort. Sidekick Olli Ditsche Dietrichs („Halt die Klappe, ich hab Feierabend“). Es ging dann zum Vater der Beiden, den 1892 geborenen Komponisten Christoph Jarnach. Zeitgenössische Klassik – kann man wohl alles nachgoogeln. Es ging noch nach Guatemala, wo der Chris 2015 unter großer Teilnahme der guatemaltekischen Bevölkerung beigesetzt wurde.

Wolfgang stellte sich dann auch der großen Herausforderung und wird im März der Themenbeauftragte der 108. Lesebühne sein. Thema dann: „Zwischen den Stühlen“ – er hat gleich das erste genommen.[1]

Nach der Pause war die Andrea („andreamaluga.wordpress.com“) dran. Sie las zwei heitere Geschichten über den Handwerker Hannes. Sie leistete einen Beitrag zur Erhaltung der Berliner Schnauze. Ich glaube, sie liebt ihn (;-)), auch wenn sie ihn für einen Fall für den Frauenbeauftragten hält.

Und am Ende las die Petra Lohan „Pink“ – eine Geschichte über ein zufälliges Treffen an einem grauen Tag in der S-Bahn mit einem pinken geritzten Mädchen (ein Auge gelb, das andere pink), dem sie folgte (Gesammeltes Wissen über Mädchen, die sich schneiden – mir wird mütterlich) und mit dem sie eine Wand bemalte – graue schwarze Linien über die Wände. Es gab einen Wunsch nach grün – da oben muss mehr weiß. Malkampf – grelles Gelb durch rosa Flächen. Danke, dass sie mir geholfen haben, sagte das pinke Mädchen, was ich erstaunlich fand, denn an sich wurde ja der Mütterlichen geholfen (Es begann mit „Ich kann nicht sagen, worauf ich keine Lust habe, aber ich habe keine Lust.“) Und als die Mütterliche mit Kamera, Stativ und Licht anrückte, stand sie vor verschlossenen Türen.

Dem Publikum gefiel es. „Es ist für immer verloren, ich mag sowas.“

Auch die 108. Lesebühne wäre für immer verloren, würde sie nicht protokolliert und in Erinnerungsfetzen hier aufbewahrt im www, das nichts vergisst. Diesmal gibt es keine Fotos, weil der Fotograf krank war und ich mit meiner Spiegelreflex keinen Lärm machen wollte. Nächstes Mal wieder Euer

fgs-Signatur Stempel groß

[1] Sonstige Themen, die nicht ausgelost wurden und daran sieht man, dass die Bude voll war: Freitagabend, Septembermorgen, Sterben in allen Facetten, Tiger, Der ewige Bund, Respekt, endlich Frühling, Cocktailmarathon, Männerfreundschaft, Exotik, Genussmensch, In die Gänge kommen (wieder), im Kopf eines Tieres, ehrliche Begegnungen, Die Zeit vergeht, Geisterbahn, Umzug, Premium-account, Aufstehen und sechsundzwanzig Zeichen.

… und dann so was!

Kein Trump, keine Merkel!, bat Moderator Leovinus zu Beginn unserer 104. offenen Lesebühne SoNochNie, die an diesem 28. November 2016 ungewohnt pünktlich begann. Sechs AutorInnen hielten sich strikt daran, die siebente nicht. Was für ein Schock!

02_s0056305Wie üblich begann alles mit dem Beauftragtenthema: „Kassenarzt“, von Petra fantasievoll ausgestaltet. „Überall Zahlen“ hieß ihr Text, in dem ein gewisser Dr. Stöhr von einer ebenso fischnamigen Patientin Frau Plötz dazu bewegt wird, sich wieder mehr den Menschen zu- und von den überall herumwabernden Zahlen abzuwenden. Zu diesem Zweck trägt er s04_s0146352eine Patientenzahlenregistrierkasse auf den Gehsteig und reinigt nebenbei seine Praxis mit einem ausgeklügelten System von der Zahlenflut. Die Herrschaft der allumfassenden Kasse stellt er nicht in Frage, doch der Versuch, den Menschen hinter den Zahlen wieder näher zu kommen, sei ihm hoch angerechnet. Ein Schelm, wer Parallelen zum realen System ausmacht. Alles in allem eine verblüffende, originelle Idee, mit dem Auftragsthema umzugehen, befand die anschließende Diskussion. Um unsere großartige neue Urkunde und das zugehörige Foto kam Petra natürlich nicht herum.05_s0166361

Auf Petra folgte Matthias mit „Begegnungen am Stadtrand“. Ein älterer Mann auf dem Weg zum regelmäßigen Golftraining, ein junger Rumäne, der von seiner anstrengenden ‚Dienst-am-Kunden‘-Nachtschicht zurückkehrt und ein sechsjähriges Mädchen auf der Suche nach einem Weggefährten. Kurze Begegnungen am Rande der Stadt. Stimmungsbilder wollte er zeichnen, sagt Matthias, und das ist ihm nach Meinung des Publikums auch gut gelungen.

07_s0246400Mit Anita begann der Advent im Zimmer 16. Ihr gleichnamiger Text erzählte ganz aus der Perspektive einer alten, vermutlich dementen Frau auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Einfühlsam und stimmig, wie die Mehrheit der Zuhörer fand. Ob es die Auflösung mit dem Tod der Dame und damit den Sprung aus der Subjektiven gebraucht hätte, blieb allerdings umstritten.

Kurios, dass sich das Los gleich darauf noch einmal für den Advent und damit für meine11_s0346461a Kurzgeschichte entschied, in der eine Zehnjährige in der Vorweihnachtszeit versucht, einen Zugang zu ihrem depressiven Vater zu finden. Ein schweres Thema, das ich dennoch gern für Kinder erzählen wollte. Die große Mehrheit der Zuhörenden hielt das für zumutbar und – gerade wegen der poetischen Bilder – auch für gelungen.

Dann war erst mal Pause. Wie üblich wählten wir unmittelbar davor den Themenbeauftragten, und zwar für die Januar-Lesebühne. Glückwunsch, Frank, du wirst ein weiteres Mal in die Annalen der SoNochNie-Geschichte eingehen. (Vermutlich hat dich die Urkunde gelockt.) Wir sind gespannt, was du aus Thema Nummer eins: „Ausgebrochen“ machen wirst.

Wer noch eine Anregung für den nächsten eigenen Text sucht – wie wär’s mit: „Banderole“, „In eine Melancholie muss man sich fallen lassen“, „Lawine“, „Rachebeschleunigung“, „Kurzschrift“, „Ja!Jaguar Jan!UAR!“, „Tortenschlacht“, „Das … Ende guter Vorsätze“, „Leichtmetall und Schwermut“ und „Aufweichung“. Los geht’s!

Im April 2017 feiern wir übrigens schon wieder ein Jubiläum: den 50. Themenbeauftragten. Dazu werden wir uns natürlich etwas ganz Besonderes einfallen lassen und euch an dieser Stelle weiter auf dem Laufenden halten.

13_s0516602Nach der Pause hat uns Frank wieder einmal in seinen Roman „Der Richter und der Fluch der Furie“ hineingezogen. Der Ausschnitt begann ein wenig trocken, weil schwarz- und rothaarlastig, entwickelte sich aber zunehmend konfliktreich und spannend. Die junge Tadschikin Summaya, die sehr erfolgreich Kleider entwirft, erzählt ihrer Kollegin und Freundin Marjorie auf dem Weg zum Markt aus ihrem früheren Bürgerkriegsleben und wartet dringend auf einen Anruf. Doch auf einmal muss sie umkehren und sich, so die Vermutung, den Geistern ihrer Vergangenheit stellen. Das Publikum war voll dabei.

Ungewöhnliches bot diesmal Wolfgang mit einer echten Geschichte, die uns anfangs alle zu Lachstürm15_s0566656en hinriss, im zweiten Teil aber etwas zerfaserte. Es ging um einen Autor, der, weil die angepeilte Lesebühne nicht stattfand, ersatzweise im Supermarkt vorlas – mit durchschlagendem Erfolg. Gute Unterhaltung, fanden wir, aber für die Wirkung bis zum Schluss: entweder früher raus oder nochmal überraschend drehen.

Zuletzt betrat Katharina die Bühne mit ihrem „Text zur (Rücken-)Lage“. „Wenn ich sterbe, möchte ich warme Hände und Füße haben“, so der private Rahmen zur öffentlichen Hinterfragung. In w18_s0666770as für Zeiten leben wir eigentlich? Warum gehen uns die Despoten und Schwarzweißlinge nicht endlich mal aus, im Gegenteil? Und da platzte er dann tatsächlich in den Abend, Donald Trump. Schreckensstarr beobachteten wir Leovinus. Würde er das überleben? Er tat’s. So konnten wir uns entspannt auf diesen doch auch sehr persönlicher Text einlassen. Vielleicht hätte Caligula als Dämon genügt und Trump wäre verzichtbar gewesen, denn beide ähneln sich im nicht Ertragen eines jeden „Dazwischen“, das uns Autoren praktisch die Luft zum Atmen ist. In diesem Sinne: Auf das Dazwischen und alle zukünftigen Lesebühnentexte die ihm weiter nachspüren!

Danke wieder einmal, Michael, für die Fotos zu diesem feinen Abend!

Leovinus machte abschließend Werbung für unsere SoNochNie-Kerngruppenlesung am 8. Dezember 2016 um 19.30 Uhr in der Janusz-Korczak-Bibliothek Berlin-Pankow. Kommt am besten alle dort hin und brecht mit uns zu neuen Ufern auf!

Und am 26. Dezember (ja, ganz richtig, das ist der zweite Weihnachtsfeiertag) sehen wir uns dann wieder im Zimmer 16 und freuen uns auf unseren Themenbeauftragten Matthias.

plotfixiert oder sprachlabsalig – die 100. Lesebühne

 

 

fgs

Frank

Stefan

Stefan

Die 100. Lesebühne SoNochNie! stand unter dem Thema „Schlafwandler“, zumindest für den Themenbeauftragten, in diesem Falle mich. Ich zog mich aus der Affäre, indem ich die Szene, in der mein Hauptheld verflucht wird, in die schlafwandlerischen Ecke gerückt habe, obwohl sie eher in die halbreligiös-ekstatische gehört. Aber das wird verziehen, während das Überschreiten der Zeit, angegeben von der heiligen Sanduhr mit Folter bestraft wird, wie Stefan in seiner launigen Einleitung verkündete, auch wenn eine der Gästinnen die angegebene Eingangstür zum Folterkeller als Fluchtweg identifizierte, was etwas Tröstliches hatte.

Über meinen Text wurde nicht diskutiert, wahrscheinlich weil zu viele neue Gesichter da waren, was uns sehr freute, und die Mutschwelle noch sehr hoch hing. Ich habe ausreichend Feedback in der Pause und am Ende bekommen – bei allen Beteiligten dafür herzlichen Dank.

Anita

Anita

Sehr viel angeregter war das Publikum nach Anitas Text „Hartmuts Entscheidung“.  Auch wenn mir persönlich nicht klar geworden ist, worin Hartmuts Entscheidung bestanden haben soll, führte uns der Text doch sanft und paddelnderweise auf branden- oder mecklenburgische Gewässer, wo an sich Franz und Anna unterwegs waren. Es ging darum, ob man ein Haus auf Stelzen, das zu teuer war, anmieten und aufs Geld schei… sollte. Besser kurz und gut statt lang und schlecht leben.  Hartmut, Annas Verflossener, war dann (im Traum?) doch noch bei ihr und wurde der dann beerdigt?

Die Diskussion eröffnete Clemens, der gut mitgehen konnte, mit im Boot saß. Er mochte die Sprache, die nichts weiß oder so tut als wisse sie nichts. Es ist unpsychologisch, es ist naive Kunst und es gefiel ihm. Micha hat es die Sprache erschwert, an dem Text Gefallen zu finden. Es habe etwas von Meinschönstesferienerlebnis gehabt. Trick? Strategie? Aber Clemens wollte das nicht gelten lassen. Es gäbe eben Plotfixierte, und die, die sich dem Labsal der Sprache hingeben wollen. Total entspannend. Aus den rückwärtigen Publikumsbereichen kam dann noch die Frage, worauf der Schwerpunkt, das Hauptinteresse der Autorin gelegen habe, was sie mit der Geschichte bezwecke. Mit dieser Frage wurde Anita entlassen und

Karin

Karin

Karin setzte sich auf den roten Sessel und wendete die Eieruhr. Sie bat um Gnade, die dann, wie das Publikum fand, gar nicht nötig war. Sie erzählte von einem jungen Nigerianer, der in den deutschen Regen starrt und nicht so recht versteht, warum nicht alle in diesem Regen Freudentänze aufführten. Und wieso das Wasser in vergitterten Löchern in der Straße verschwindet, ohne dass diese irgendwann überlaufen. Timkula, so ähnlich hieß der Junge, ließ seine Gedanken in die Vergangenheit und seine Heimat schweifen. Wie seine Eltern getötet wurden und er sein Überleben nur der Tatsache verdankte, dass er im entscheidenden Moment nicht schreien konnte; wie er sich von kriminellen Banden ferngehalten hat; im Radio von den Fluchtmöglichkeiten hörte und Geld sparte, um von zuhause wegzugehen, wie sie als todesmutige Flüchtlinge in einer Nussschale das Meer überwanden. Er ist traurig hier in der Fremde, wo ihn abweisende Blicke in den Straßen streifen. Zwei Mädchen mit bunten Regenschirmen lächeln ihm zu und da ist ihm, als nähme seine Mutter seinen Kopf in die Hände.

Hanna eröffnete die Diskussion: die Geschichte habe eine sehr gute Energie gehabt. Auf Nachfrage gab die Autorin an, dass sie auf einer Fernsehdokumentation beruhte. Ihr wurde noch die Empfehlung mit auf den Weg gegeben, es als Kindergeschichte zu behandeln. Das sich durchziehende Motiv des Wassers als Lebensspender und auch als tödliche Bedrohung wurde noch erwähnt.

Rosemarie

Rosemarie

Rosemarie Schulz war die zweite, die von einer schweren Entscheidung berichtete, nämlich ob man mit 45 Jahren noch ein Kind bekommen soll. Dem Arzt ist völlig klar, dass sie abtreiben wird, er stellt sofort den Überweisungsschein aus. Ihr Mann, Peter, las den Schein, als er beim Abendbrot zwischen den Weingläsern lag. Er hob ihr Kinn an und gab ihr einen Kuss – er wollte es eher versuchen – mit noch einem Kind nämlich. Trotzdem ist sie zwei Tage später dort, hört sich die Geschichten der anderen Frauen an – eine Frau Heise will nach dem achten Kind keines mehr. Es gibt eine Schwester Monika und Susanne hat gepackt, als sie geholt werden soll – sie will den Überweisungsschein hinter das erste Bild ihres Kindes kleben – es gibt also ein happy end im Gefühlsleben des Zuhörers, auch weil wir noch die Information bekamen, dass Monate später Max und Moritz geboren wurden. Ob der Peter sich das so vorgestellt hat?

Rosemarie ging ohne Diskussion zurück auf ihren Stuhl.

Nach der Pause wurde der Michael Wäser zum Themenbeauftragten für September gekürt – bzw. er stellte sich zur Verfügung und nachdem er das erste Thema „Blutorangen“ abgelehnt hatte, musste er das zweite „Trennungsglück“ nehmen.

Petra

Petra

Nach der Pause las Petra Lohan eine Geschichte über einen Jungen im Krankenhaus, der aus dem sechsten Stock gefallen war und überlebt hatte. Das größte Rätsel: die Mutter. Es gibt Unmut gegen die Mutter, sie flüchtet sich vor den Fernseher. Leblos, wollte sie sich auch aus dem Fenster stürzen. Was immer sie ankam, sie drehte den Fernseher lauter. Der Junge kam in eine Pflegefamilie. Nun, da sie ihn besuchte, zeigte sie keine Gefühlsregungen. Niemand sprach die Mutter an, abgeurteilt ohne Prozess. Sie war oft froh, wenn die Augen des Sohnes noch geschlossen waren. Manchmal rief er nach ihr: ruft meine Mama an. Aber niemand hatte eine Telefonnummer. Die Mutter fand Fernsehdokus spannend – Filme über Albatrosse – wie die das machten, so etwas zu filmen. Sie wollte auch mal so fliegen. Die Depression der Mutter wuchs. Er wollte mit ihr ins Paradies. Fliegenderweise. Der Mann, der ihn auf der Straße fand, meinte, ein Lächeln auf seinem Gesicht gesehen zu haben.

An der Geschichte fand das Publikum seine Streitlust. Inka fand sie gut bis auf manches Erklärende, das wiederum fand Micha gut. Jana wollte das Ganze als Fallstudie gelten lassen, aber als Literatur – Fragezeichen, ohne äußere Perspektive. Da widersprach wiederum Inka. An der Stelle weiß ich nicht mehr genau, wer was gesagt hat. Beschreibung der Blicke der anderen – Mutter hätte es nicht gebraucht. Stimmt, sagte Inka; war das einzig Betuliche. Ein Mann sagte, gerade die Außenperspektive wäre interessant gewesen. Alle fanden es gut erzählt.

Demian

Demian

Stefan kündigte den nächsten internationalen Gast an, Demian aus Zürich, wollte drei kurze Bagatellen lesen, es wurden nur zwei, weil er sonst in den Folterkeller gemusst hätte. Ging um Alles oder Nichts. Bei der ersten Bagatelle ging es um den Pazifik, Aleuten, russisch-amerikanische Datumsgrenze, nordpazifische Idylle mit Herrenmokassins, Cousine Stalinallee 38, Schuhgröße 38, Zusammenhang leicht einzusehen; Lenin aus Blei und Zink – dann gab es einen Sprung zum Alexanderplatz – habe ich nicht ganz verstanden – meine Zeit kommt erst, wenn sie abgelaufen ist; Brötchen von morgen heute noch frisch; Mehl wird erst wieder vor zwei Wochen dagewesen sein – jeder Satz eine Pointe, was ich persönlich manchmal etwas bemüht fand. Zusammen mit der mütterlichen Brust hat man sie auch der Orthodoxie entwöhnt – Entkirchlichung und Misswirtschaft (glaubt jeder Religiöse?) – erst jetzt, da die Zeit auch hier besser zu werden droht, merkt man erst, wie schlecht sie eigentlich war.

Die zweite Bagatelle hieß „Bethlehem“ – hier als Schweizer Dorf, wo ein Besoffener nach Hause kommt und den Schlüssel erst nicht findet – die Gerber hält ihre Terrasse nicht sauber – hat es nicht anders verdient, als früh um fünf aus der Falle geholt zu werden – sie zieht ihre Stimme zu Rüschen – er merkt: sie will nur saufen, lässt ihr die Flasche, da findet sie den Jungen ganz nett – habe ihn dann verloren – irgendwie kommt er in die Wohnung – betritt verbotenerweise den Balkon, stürzt ab – und nun ist der Schlüssel in der Wohnung. Die Gerber endete in der Weldau, was eine Klapse sein muss.

Wolfgang

Wolfgang

Wolfgang Weber war dran: Rules and regulations hieß seine Anhäufung von Stichwörtern. Es begann mit Sport. Halbzeit, Abseits, Down, Schiedsrichter, Aufschlag, wann ist ein Tor ein Tor – Schlag auf den Tisch – Kopf hoch und runter – ein gespieltes Ausrufezeichen; Regeln gibt’s, da staunste – Schlag auf den Tisch – Höhe von Lesebühnentischen. Ich bin froh herumgekommen zu sein … um komische Regeln –

In der Diskussion wurde dem Text eine kathartische Wirkung zugesprochen – und es gab immer einen Bezug zu rules & Regulations – Demian lobte den Assoziationsreichtum, man erweitert als Leser seinen Horizont, was besser ist, als wenn man ihn verknappen muss. Alles rund und stimmig.

Am Ende las Michael Wäser aus seinem nächsten großen Projekt, einem Roman vermutlich, dessen Hauptfigur Gerald heißt – also ich schreibe mal meine Stichwörter hierher: Maria Pollack sah scharf aus – pralle Type mit 16, meine Güte – Ersatzmutter – echte Mutter kriegte nie jemand zu sehen – im Freibad mit Halbhohem –

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Michael

Marek ist so – quetscht kleinen Jungs im Bus die Eier – steinalte Busse – Schüler lachten und johlten – wenn sie noch geschrien hat, hörte sie niemand

Ein Wichser war Marek, weil er ein Polake war – Maria war keine Nutte – hoffte Marek – er fragte sie, was sie will für einmal – wenn sie eine Nutte wäre, hätte sie einen Preis gesagt und dann erinnert er sich 5 Jahre (zurück?) Nackte im Zimmer – an das Gefühl erinnert er sich – seitdem sah sie ihn nicht mehr an – STA-Jeans (buchstabenweise gesprochen) – was für dumme Torten – bauchfrei wie seine Schwester gab’s bei Maria nicht

Gerald hatte den Eingang gefunden als er einen Platz zum Kacken suchte – räumte den Dreck raus und beschaffte sich ein paar Möbel – Bundeswehrpetroleumbrenner zum Aufwärmen von Ravioli

Und dann brechen meine Notizen ab. Spielt Mitte der 70er – abfälliges Vokabular gewinnt – befand das Publikum – durch Nostalgie etwas Liebenswertes – das mitgeschleifte Mädchen am Bus – hat für Micha was mit der Zeit zu tun, dass das möglich war.

Und ich finde, seine von mir zu beobachtende Annäherung an das Drastische lässt hoffen. Mögen alle Schranken fallen – dann gibt’s den nächsten Houellebecq.

So freuen wir uns auf die nächste Lesebühne.  Am 22. August um 20 Uhr, leider ohne mich, denn ich bin da an der Ostsee. Euer fgs

#99: SO voll wars NOCH NIE!

Gut sieben Jahre und genau 99 Mal gibt es nun die Lesebühne SoNochNie im Zimmer 16 Pankow. Sie ahnen es, der Titel und die ungewonhnten Fotomotive (nicht ausschließlich lesende Menschen!) lassen keinen anderen Schluss zu – die Jubiläumslesung sprengte alles bisher Dagewesene.

Kein einziger neuer Text (doch, ein klitzekleiner), kein Sonderthema, keine offene Bühne und dazu noch Fußball-EM (Island!), doch das Zimmer 16 platzte buchstäblich aus allen Nähten. Zeitweise mussten Besucher sogar auf dem Boden Platz nehmen, weil alle Stühle besetzt waren. So etwas hatten selbst die ältesten Lesebühnen-Haudegen im Zimmer 16 noch nie erlebt. Vielleicht lag es ja an den Schnittchen und dem Begrüßungssekt, an der angekündigten Bücher-Verlosung und der musikalischen Überraschung, dass die Luft zum Atmen zeitweise knapp wurde? Und ja, vielleicht auch an der Treue und Beharrlichkeit der Lesebühne selbst – Treue zu ihren Grundsätzen, Beharrlichkeit, seit Jahren wirklich jeden 4. Montag ein besonderer Literaturort zu sein und auch der Offenheit, immer wieder neue Ideen zu realisieren – vor allem natürlich, außer an diesem Abend, neue Texte und AutorInnen vorzustellen. Der beeindruckende Andrang der Zuschauer gab uns wohl die einfachste und überzeugendste Erklärung: ALLES ZUSAMMEN.

Was passierte bei der 99.?

Das erleben wir nicht oft bei SoNochNie, besser gesagt, das haben wir noch nie erlebt: Ute Daniezick hat zum Jubiläum ein Lied für uns geschrieben und trug es zum Auftakt des Abends mit E-Gitarre vor! Einen echten Ohrwurm hat sie da hingekriegt, der uns ganz verlegen machte und sicher ein paar Augen vor Rührung nass werden ließ. Der Refrain („So noch nie“) hat Fankurven-Feuerzeug-in-die-Höhe-Qualitäten) Danke, Ute! Gastgeber und Mit-Gründungsvater Stefan Greitzke führte fortan durch den Abend und erzählte, wie einst alles begann. Die einzelnen Texte des Abends werden nicht ausführlich besprochen, weil sie ja alle schon einmal bei SNN vorgestellt, teilweise speziell für die Lesebühne verfasst worden sind: Frank Georg Schlosser las „Kaukasus“, einen Kampf um Phantasie und Realität, Ulrike Warmuth „Ungleichung“, eine poetische und schonungslose Liebesanalyse, Angela Bernhardt „Draußen“, einen historisch-tragischen Monolog und Heiko Heller „Am Ende wirft man nur Sand“, das Bekenntnis eines Beerdigungs-Schmarotzers. Heiko schmuggelte jedoch tatsächlich einen taufrischen, noch nie gelesenen Text ein, und zwar ein Gedicht aus 99 Worten, eine wahre Dichterschelte vom begnadeten Schandmaul Heiko. (An dieser Stelle danken wir nochmals allen Fans, die uns vor dem Jubiläum 99-Worte-Texte geschickt haben. Wir hoffen, sie haben sie in den großen transparenten Luftballons entdeckt!).  Damit gingen die Teams in die Pause.

2. Halbzeit: Losen, wählen, wählen lassen

Die zweite Halbzeit begann mit Leovinus, der Bücher zu vergeben hatte. Die glücklichen GewinnerInnen der Bücher-Verlosung freuten sich über „Seitenblicke“ von Ulrike Warmuth, „Warum der stille Salvatore eine Rede hielt“ von Michael Wäser und „Wutsch“ von Angela Bernhardt (welche beidletzte an dieselbe, wahrhaftige Lottokönigin gingen! – siehe Fotogalerie) und der Hauptgewinn, ein Bücherpaket mit Werken von SNN (unsere Anthologie), Heiko Heller, Leovinus, Frank Georg Schlosser und Michael Wäser, fand ebenso einen hoch erfreuten Besitzer. Stefan übernahm, um sogleich eine/n Themenbeauftragte/n zu finden. Wie schön, dass sich als Themenbeauftragte für August beim heutigen Jubiläum ausgerechnet eine SNN-Debütantin der Herausforderung stellt. Ulrike Stockmann lehnte das erste Zuschauerthema „Von Wind und Sand“ ab und musste dann „kleiner Mann“ nehmen. Wir sind gespannt, was sie am 22. August bei der 101. Lesebühne dazu vorbringen wird!

Lesen und singen

Weiter ging es mit der Lesung: Michael Wäser trug „Alexander“ vor, eine verstörende Künstlergeschichte, Petra Lohan „Der Beamte und das Mädchen“, eine surreal-sensible Behördenfantasie, Leovinus „Was nach dem Clown kam“, ein mysteriöses Bahnreisen-Gleichnis mit roter Nase. Ute schenkte uns abschließend noch einmal ihr Lied, und wie bei „You never walk alone“ sang nun die Menge mit ihr den Refrain.
Wir bedanken uns bei Ute, bei allen, die mitgeholfen haben im und vom Zimmer 16, und natürlich bei allen, die den Abend zu so einem beeindruckenden Erlebnis gemacht haben – unserem Publikum! Wir jedenfalls haben uns in etwa so gefühlt, wie sich die Isländer nach ihrem Sieg gegen England gefühlt haben müssen – wahnsinnigglücklichsson! Und nicht zu vergessen: Der Erlös aus Eintritt und Bücher-Verlosung, den wir nun der Organisation „Autoren helfen“ für Flüchtlingsprojekte überweisen können, beläuft sich auf stramme 192,- Euro.

Wir sehen uns hoffentlich alle (!) wieder bei der nächsten, dann wieder regulären, einhundertsten offenen Lesebühne am 25. Juli im Zimmer 16 mit dem Themenbeauftragten Frank Georg Schlosser – AU REVOIR!

SNN 99 – Wir stellen vor: Petra Lohan

Vor dem großen, 99. Jubiläumsabend am 27. Juni stellen wir jeden Montag und Donnerstag einen/n der acht AutorInnen hier mit einem Fragebogen vor, den wir sie zu beantworten gezwungen haben.


Petra Lohan kann einen Hang zum Absurden kaum leugnen. Die atmosphärisch dichten und meist irritierend knapp neben der „Realität“ angesiedelten Geschichten der Malerin und Shiatsu-Therapeutin haben schon in manchem Lesebühnen-Zuhörer den Verdacht erregt, SNN mische heimlich Halluzinogene ins Bier.

Werden wir mal persönlich: Aus welcher Gegend stammst du überhaupt und würdest du unseren Lesern einen Wochenendtrip dorthin empfehlen?

Aufgewachsen bin ich in Karlsruhe. Wenn man von Berlin aus einen Wochenendtrip dorthin unternehmen möchte, dann bitte im März, da ist dort nämlich schon voll der Frühling am Krachen, während wir hier noch auf Stufe 5 am Heizen sind.

Was hat dich ausgerechnet nach Berlin verschlagen?

Wien.

Wie bist du zum Schreiben gekommen, also außer dem Schreibenlernen in der Grundschule natürlich?

Ich habe bei einem workshop von Kathrin Möller, http://www.moellerscript.de, teilgenommen; eigentlich eher, weil ich meine Shiatsu-Werbetexte für meine Praxis dringend verändern wollte. Seitdem schreibe ich Kurzgeschichten. Die Shiatsu-Texte haben sich dagegen nicht wirklich verändert.

Wie würdest du dich als Autorin/Autor charakterisieren?

Und weil ich den Gedanken und bildern in meinem Kopf eine Richtung oder eine Gestalt geben möchte. (eigentlich schreibe ich um mein Leben)

Kannst du dich noch an deinen ersten SNN-Abend erinnern und wie du auf SNN aufmerksam geworden bist? Wenn ja: Gratuliere, du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis, denn das muss schon ein paar Jährchen her sein. Und jetzt: Bitte erzähl deine SNN-Geschichte.

Also: Auf den SNN aufmerksam gemacht haben mich Angela, Frank und Norbert, und zwar auf der Jahreslesung bei Kathrin Möller, wo ich das allererste Mal eine Geschichte öffentlich vorgelesen habe. Das war vor etwas mehr als zwei Jahren. Dann habe ich, wie es meiner Natur entspricht, noch ein paar Monate gebraucht, um mich zur Lesebühne zu trauen. Seitdem lese ich dort so regelmäßig, wie es geht.

Was unsere Leser ganz besonders interessiert: Hast du Lampenfieber, wenn du hinterm Lesetisch Platz nimmst???!!?

Ja. Natürlich. Zum Glück arbeite ich montags meistens tagsüber, so daß ich keine wirkliche Zeit habe, darüber nachzudenken. Aber: Ich gehe mit wackligen Knien hin, bin völlig durch den Wind, mein Blutdruck, der sowieso viel zu hoch ist, schießt nach oben, mein Adrenalinspiegel auch…und die Nacht danach kann ich nicht schlafen…überlebt hab ichs bis jetzt immer. Aber ob das wirklich unsere Leser interessiert?

Das Zimmer 16 ist …

Ein ziemlich guter und lebendiger Ort, an dem sich jede Menge netter und interessanter Leute treffen und an dem viel entsteht – ein Biotop für die Kunst.

Nach dem Lesen wird bei uns über den Text diskutiert, manchmal ziemlich lebhaft. Ist dir dabei schon mal, innerlich oder äußerlich, der Kragen geplatzt – egal ob vor oder hinter dem Lesetisch? Warum, oder warum nicht? (Namen werden unkenntlich gemacht 😉 )

Was ich absolut überhaupt nicht leiden kann, ist allzugroße Selbstgefälligkeit und Manieriertheit – wenn sie zur Schau gestellt werden – wenn also der ganze Saal dazu gezwungen wird, sich das mit anzuhören; wenn ich nicht damit belangt werde, ist es mir egal.

Was wir unbedingt wissen wollen (Hosen runter!): Warum kommst du immer wieder zu SoNochNie?

(Abgesehen davon, daß ich niemals öffentlich die Hosen herunter lasse): Ich finde es spannend, nicht nur meine eigenen Geschichten zu hören, wenn ich sie mir selbst vorlese, außerdem weiß ich nicht, wo ich soviel über mein Schreiben lernen könnte, wie bei euch! Begleitetes Schreiben also, in einer für mich sehr schwierigen Zeit. Dafür bin ich euch sehr verbunden und dankbar.

Zum Abschluss: Gibt es auch außerhalb des Zimmer 16 etwas von dir zu lesen/hören? Was? Wo? Wann?

Hin und wieder werde ich für Veranstaltungen gefragt, ob ich etwas lesen würde… ein Text ist auf der website von Kathrin Möller veröffentlicht – das wars auch schon; Aber: kommt Zeit, kommt Veröffentlichung.


Vor Petra Lohan haben wir Angela Bernhardt, Clemens Franke, Heiko Heller und Leovinus vorgestellt, es folgt am 16. Juni Frank Georg Schlosser.

Vor der 99 kommt die 98 und nur wenn die 98 war, kann die 99 kommen und nun ist sie gewesen

Die 99. Lesebühne SoNochNie! wirft ihre Schatten voraus. Hundert kann jeder, aber die Schnapszahlen feiern ist eine Herausforderung und vielleicht sollten wir nochmal über den Schampus nachdenken. Denn an sich ist zur 99. Slivovitz Pflicht und möglicherweise kann das auch passieren. Wenn einer eine Flasche mitbringt.

Aber vor die 99. Jubiläumsbühne hat der liebe Gott die Niederungen der 98. Lesebühne gesetzt, die sich wunderbar grün und poetisch präsentierte.

Es begann mit einer Premiere, die den Protokollanten überraschte: unsere wunderbare Ulrike hatte ihr Thema als Themenbeauftragte eingelesen und per Email zugeschickt und wir durften ihrer zauberhaften Stimme lauschen, dabei auf ein Foto auf Michas Laptop schauen und uns umfing zum Thema „Schreibblockade“ ein Hörspiel, vorgetragen von einer Frau, die einst ihr Kind, das sie – selber noch eins – nicht haben wollte – in einen Eimer gebar und in eine UlrikeMülltonne entsorgte. Die bereuende(?) Mutter suchte nach Worten, war gefangen in einer Schreibblockade: Du blöder Unfall – ist natürlich keen Name – Jason – ach nee, so heißen die jetzt alle im Block, dann nannte sie das Kind Matze nach seinem Großvater – ich schreibe Dir, wie blöd, jetzt schreibe ich ihm dass ich ihm schreibe – ging durch die Presse damals – fast wäre ich erwischt worden – dann wäre mein Leben im Arsch gewesen, viel mehr als mit ’nem Kind – hast Du eine nette Familie gefunden? – nicht ein einziges Mal habe ich Dich angefasst – erstes Baby-Foto in einer Kriminalakte – was für eine Phantasie – alle lauschten gebannt und bewunderten die gemeisterte Form des inneren Dialogs.

Ich war mit meiner Sympathie bei der Mutter. Die Not einer solchen Frau, auch wenn sie etwas simpel gestrickt sein sollte, ging mir nah, vor allem die Suche nach einer verschütteten Emotion und die Unfähigkeit sie zu empfinden und auszudrücken – der Fluch des Nachdenkens. Das macht man halt so in unserer überpsychologisierten Welt, wo sogar RTL II nach einer Erklärung sucht, wenn ein Kind im Eimer gelandet ist.

Nach der virtuellen Ulrike vom Band (Stefan korrigierte diese seine Aussage: vom USB-Stick) las die leibhaftige Bettina aus Frankfurt am Main, woher es sich wahrscheinlich leichter nach Berlin anreist als aus Chemnitz ;-).

Anneliese zieht Bilanz und es ging um eine Frau, die wohl die dienstälteste Tippse Deutschlands war mit 95 Jahren, obwohl sie eigentlich Gärtnerin oder Gartenarchitektin werden wollte. Aber einmal Sekretärin – immer Sekretärin, sie kam von dem Job nicht mehr los. Als Atheist habe ich ein neues Wort gelernt: Damaskuserlebnis. Es meint an sich die Wandlung des Paulus von einem Verfolger der Urchristen zu ihrem Anhänger und ward hier im Zusammenhang mit etwas verwendet, das die Wandlung einer Tippse zur Gartenarchitektin oder umgekehrt analogisieren sollte. Da habe ich etwas nicht verstanden, aber auch versäumt, im Anschluss nachzufragen. Es war auf alle Fälle science fiction, weil Rente abgeschafft ist und bis ans Lebensende gearbeitet wird. Nun hoffe ich, dass dies erst nach meiner Pensionierung wahr wird. Bettinas zweite Geschichte hieß „Die Entkräftung“ und beschrieb den hektischen Arbeitsalltag des Franz Bahro, der zwischen Tweet und Retweet kaum Zeit findet nachzudenken. Eine atemlose Erzählung, die ihre Atemlosigkeit daraus bezog, dass sie im Wesentlichen aus nur drei Aufzählungsbandwurmsätzen bestand – eine Erzählform ohne Konflikt und Ziel, hinstrebend auf die Pointe, dass ein ununterbrochen beschäftigter Mann sich am Abend fragt: War heute irgendetwas Wichtiges passiert?

Woran sich die nächste atemlose Nummer anschloss – unser Stammgast Wolfgang Weber klärte uns über das Wed-Ding auf. Bei ihm bleibt mir immer nur aufzuschreiben, was ich atemlos mitkritzeln konnte: Start ups und Stop downs – Was wollt ihr später mal werden? Gesundbrunnencenter. Wed-Ding, das nächste große Ding nach dem Ed-Ding. Frank Zappa und der trend monger – voll mit Galerien ohne Geld – 1000 Berlin 65 war einst die einzige PLZ WolfgangWeddings, heute hat alleine meine Straße zwei Postleitzahlen. Prime time Theater – und dann haben wir ihn animiert, seinen Text mit Rhythmus zu sprechen, mit einem Chuckchuck, benannt nach Chuck Berry. Ich habe es gegoogelt und fand im Ergebnis meiner Recherchen: er hat es sehr einfach benutzt. Da wäre mehr rauzuholen gewesen, aber die Einfachheit ist irgendwie auch sein Markenzeichen. Schenken möchte ich ihm meine Idee mit dem Stadtrat für Bauentwicklung als Wedding-Planer. Einer aus dem Publikum fühlte sich mit dem Begriff Wett-Ding allerdings auf die falsche Fährte gelockt.

Nach der Pause habe ich mich als Themenbeauftragter für den Juli (für die 100!) Lesebühne aufgedrängelt und habe nach dem dismissten Thema „Die Grillen fliehen das Terrarium“ das Thema „Schlafwandeln“ nehmen müssen. Nicht dass ich schlafwandele, aber zumindest kann ich mir das vorstellen. Eine kleine Auswahl aus den weiteren vorgeschlagenen Themen: „Schule schwänzen“, „Dackelblick und Kaugummi“ (finde ich auch sehr schön), „Warum bist du so schnell?“ und „Berlin, Traum oder Alptraum“.

Dann las Anja – eine kleine Überraschung für mich – sehr prononciert kleines Textmaterial, wie sie es selber nannte, zunächst über Marthe. Blockade – Arbeit – Stecker mit einem Ruck gezogen, nicht gespeichert.

Marthe fühlt Spannung, denkt, es ist Entschlossenheit.

Anja trug sehr gut vor.Anja

Blockade kriegt jeder einmal: hier nimm eine Tablette – Tablette bleibt an der Spucke kleben. Was für eine Blockade.

Marthe scheint mir eine zu sein, die außerhalb der Welt steht, eine ironisch-sarkastische Beobachtungsmaschine.

Sollte sie jemals Enkel bekommen, würde sie einen Strickkurs besuchen. Jedes Ding, länger als zwei Sekunden beobachtet, wird zu einer Geschichte. Marthe ist für alle eine Enttäuschung. Wohin verlegt man eine Enttäuschung? Auf die Rehabilitation. Es ist ein sehr flotter Text, bei dem jede Spitze sitzt. Anja las – da sie so pointiert schreibt und mithin wenig Zeit verbrauchte – noch weitere Miniaturen: Landschaft – Versuch sich einzugliedern ist gescheitert – aus dieser Rolle steige ich aus.

Oder: der 99-Worte Text: Nachbarschaft: er lebt allein. Kann man reinklettern. Tut niemand.

Es gab noch einen Moment einer angedeuteten Emotion, als Anja sagte, dass dies ihre erste Lesung nach einer langen Pause war. Aber er ging zu schnell vorbei.

Nach Marthe las Petra. Sie sprach mit ihrem Aleph über Heimat. Aleph ist ein Wuschelding auf der Schulter der Autorin, mit dem sie tiefsitzend-tiefsinnige Fragen bestreitet.Petra

Sehnsucht nach Heimat ist Sehnsucht nach dem Ursprung war die Ursprungsthese des Textes. Obwohl klar ist, dass wir nicht in den Mutterschoß zurückkönnen, auch wenn diese Vorstellung (Sehnsucht?) die Grundlage jedes soliden Mutterfluches ist (eba si maikata geht dem Bulgaren so flott von der Zunge wie unsereiner Boa eih sagt). Die Mutter muss ja auch einen Ursprung haben, überhaupt kann es nur einen Ur-Sprung geben. Das Aleph nickte verhalten, aber es war wohl einverstanden.

Es wendete sich in eine schöne Richtung. Von Anfang an macht sich der Mensch auf den Weg.

Ursprung= Zustand ohne Zeit – wir verlassen den Ursprung durch Bewegung – schaffen so die Zeit – Sehnsucht nach der Zeitlosigkeit.

Es hat mich beschäftigt. In der Diskussion ging es ums Weglaufen und Zurückkommen, um festzustellen, das Weglaufen doch besser war. Stefan warf ein, dass Weglaufen auch irgendwo hinlaufen heißt.

Stillstand ist auf alle Fälle Tod und deshalb zur letzten Autorin des Abends, zur Angela. Sie betonte, dass sie auf den Werkstatt-Charakter zurückkommen und einen absolut unfertigen (weil grade mal fünf vor zwölf fertiggestellten und mit Müh und Not einem streikenden Drucker abgerungenen) Text unter dem Arbeitstitel „Geschenkt“ präsentieren wolle, der sich dann als runde Geschichte entpuppte. Es ging um Lilli, die aus einem von Mann und Tochter Angelaverlassenen Haushalt Spielzeug zu einer Flüchtlingsunterkunft bringen und spenden wollte. Sie macht sich Sorgen um ihre Motive (weil wir alle das Helfersyndrom kennen) und kann es nicht aushalten, dass Djamila (ein Kind syrischer Flüchtlinge) sich ihr öffnet und sie besuchen will. Schreibst du mir deine Adresse auf … ich muss los – da hatte Angela mich und meine Tränendrüsen wie ein Hollywood-Autor: die Flucht vor der einfachen Zuneigung. Es gab einen kurzen Moment, als Lilli nach vier Bier bei Joannis, dem Griechen, ihre Wohnungsschlüssel wegwarf, und ich Angst bekam, dass es jetzt zu fett wird. Aber es war nur die Vorbereitung für den wunderbaren Abschlusssatz, den sie zu Djamila sagte: Erst musst du mir helfen, die Schlüssel wiederzufinden. Danke Angela: passiert mir nicht oft, dass ich bei SoNochNie! Pippi in den Augen habe.

Das wird uns hoffentlich allen so gehen, wenn wir am 27.6. die 99. Lesebühne SoNochNie! feiern.

PlakatmotivwebDann lesen wir alten Kämpen alle wieder, selbst Leovinus, das Urgestein. Und beantworten uns die Frage, warum wir das alle tun mit einem klaren: keine Ahnung, aber wir können nicht anders. Salman Rushdie schrieb: „…der Schriftsteller akzeptiert die Zerstörung seines Lebens und gewinnt (aber nur wenn er Glück hat) vielleicht nicht die Ewigkeit, so doch wenigstens die Nachwelt“ – und das war bevor ihn die Fatwa ereilte und seinen Ruhm durch die millionenschwere Todesdrohung ins Unermessliche steigerte.

So lasst uns unbedroht leben und schreiben und lesen (und murkeln). „Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Wörter weglassen.“

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