Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch

Die 113. Lesebühne fand vor gut gefüllten Stuhlreihen statt, was uns sehr froh macht und auch das Zimmer 16, weil volle Stuhlreihen meist einen signifikanten Beitrag zur Miete leisten.

Es gab aber auch eine Enttäuschung. Der Themenbeauftragte, der Martin, Nachname unbekannt, ist nicht erschienen. Unentschuldigt. Es ist erst das zweite Mal in der langen Geschichte der Themenbeauftragten vorgekommen, aber natürlich ist es eine Erschütterung der Macht. Wird die dunkle Seite stärker? Es entgingen uns die „Exzesse“. Ist ihm bei den Recherchen für die Geschichte etwas zugestoßen, ein autoerotischer Unfall vielleicht?    … bei eigenen Recherchen habe ich mich in meinem Staubsauger verloren. Bin aus der Notaufnahme zurück und schreibe unter Schmerzen weiter. Martin, meine Gedanken sind bei dir. Die Urkunde mussten wir allerdings einbehalten.

Dafür kam – mindestens für mich unerwartet – Norbert Leovinus und übernahm die Moderation, was mich zum Protokollanten erhob. Danke, Norbert, dafür 😉

Mangels Themenbeauftragtem musste bereits der erste Lesende ausgelost werden, und das Maskulinum ist an der Stelle korrekt, denn es befanden sich nur Männer im Lostopf.

Es begann der Dimitri Rameau, ein neues Gesicht bei unserer Lesebühne und er las eine Mischung aus Prosa und Lyrik und im Nachgang sagte er mir, es ginge ihm oft hauptsächlich um den Klang der Wortaneinanderreihung.  Sein erstes Stück hieß „Ode an Ronk“. Ich habe nicht viel verstanden, also die Worte schon, aber den Sinn der Zusammenstellung nicht, war aber ganz begeistert, als er in der folgenden Diskussion erwähnte, dass Ronk (gespielt von Milan Beli) eine Hauptfigur aus „Im Staub der Sterne“ sei, einem DEFA-Science-Fiction-Film von 1976. Das rührte mich doch sehr an. Der Film war damals (ich war vierzehn) ziemlich angesagt.

Als zweiten Text las Dimitri einen Kinderreim „Teufelsküche“, aus dem mir die durchaus relevante Frage, ob der Teufel Dinkelbrot fräße, erinnerlich ist und ich finde, da könnte sich mal jemand mit beschäftigen.  Der dritte Text hieß „Keine Feen im Kaff“ – „Wir rosten im Osten, im Westen nichts Neues“; „Schleimaal im Kronsaal“; „Bücher bei Büchner, Gedichte bei Fichte“ und Dimitri sagte, er habe darstellen wollen, wie es sich anfühlt, wenn man ganz, ganz müde sei und kein Kaffee da wäre. „Ich lasse die Wörter mich führen, aber ich weiß schon, wohin ich mich bewege.“ Dimitri spricht ein ganz zauberhaftes Deutsch, aber man hört schon, dass er aus einer anderen Sprachwelt stammt. Gefragt, was seine Muttersprache wäre, sagte er: Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch.

Norbert zog als zweiten den Wolfgang Weber aus der Lostrommel, der diesmal zwei Tennisbälle dabeihatte, um sein Anliegen zu verdeutlichen. Zwei Teilchen, die getrennt sind und doch gleichzeitig das Gleiche tun müssen, in dem Falle von Wolfgang zu Demonstrationszwecken hochgehoben werden. Sein Thema war „Mittendrin“ für eine andere Lesebühne. Es ging darin um den Ort Mödlareuth, den es tatsächlich gibt, durch den die innerdeutsche Grenze verlief und außerdem noch an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen. Die zwei Tennisbälle verkörperten mal Ost und West, mal Christo und Jean Claude und es ging um ein großes Ding: the mighty wolf in the middle hat einen großen Deal eingefädelt. Die Schotten verkaufen Loch Ness an Mödlareuth. Der See wurde dahin gebracht. Die Fische spielen die Kosten wieder ein. Monster Projects Crowdfunding. Das Monster vom Loch Nes musste allerdings oben bleiben. Ich glaube, weil ihm in seinem Alter nicht mehr zuzumuten war, nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch noch fränkisch, thüringisch und sächsisch zu erlernen. Wolfgang regte auch noch ein Treffen zwischen Ramelow und Seehofer an. Aber wozu sollte der Ramelow sich das antun?

Als Dritter trat ebenfalls ein neues Gesicht auf: Richard Hebstreit, der erstmal Pralinen verteilte an die Damen und er baute eine Kamera auf, um sich selbst beim Lesen zu filmen. Das ist wahrscheinlich gar keine schlechte Idee.  Er las eine Geschichte mit dem Titel „Fasan im Wintermantel“ und sie handelte zunächst davon, dass die Hauptfigur es als Autor geschafft hat: es werden ein Buch und ein Fotoband von ihm veröffentlicht. Der Verlag hat zur Vertragsunterzeichnung in ein feines Restaurant geladen und die Frau beschäftigt die Frage: Was zieh ich an. Er schickt sie ins KdW, wo sie sich für unglaubliche Summen einkleidet. Aber der Vorschuss macht‘s möglich. Es folgen lange Beschreibungen des Restaurants, der Zigarren (Cohiba Esplendidor), des Menüs. Alles was in dieser Phase der Geschichte an Konflikt aufkommt, ist der Ausschnitt einer fremden Frau, den der Autor aber nicht weiter verfolgt, den Ausschnitt schon, den Konflikt nicht. Dann sollen die Verträge unterzeichnet werden und die Frau zieht ihren Mann beiseite und sagt ihm, dass er lt. Vertrag den Vorschuss nicht bekäme, sondern zahlen müsse, weil es ein Druckkostenzuschussverlag ist. Eine Pointengeschichte.

Da Richard noch Zeit hatte, las er aus seinem Buch „Salzinge“, was thüringisch für Bad Salzungen steht, eine Geschichte von 1958 über eine verschwundene Frau, einen saufenden Mann und eine abgeschnittene Nasenspitze. Am meisten vermisste der verlassene Mann die perfekt gekochten Frühstückseier.

Dann war Pause, dann wurde der Themenbeauftragte gekürt. Nach dem Schock mit Martin meldete sich keiner, also erbarmte ich mich und bekam für den Oktober das Thema „Warmduscher“ zugelost. Da ich einer bin, sollte es mir nicht allzu schwer fallen. 😉

Ich war dann auch der nächste Lesende und las aus meinem im Entstehen begriffenen Roman mit dem Arbeitstitel „Der Richter und der Fluch der Furie“ die Einführung einer neuen Person, einer Journalistin, die den Bösen (Parteivorsitzenden) interviewt, aber scheitert, weil er sie vorführt und nicht zu Wort kommen lässt. Ich wurde sehr freundlich besprochen und danke für alle Anregungen und den Zuspruch.

Zuletzt lag noch der Klaus-Jörg im Lostopf. Er las als erstes „Weil du es bist“, ein wunderschön geschriebenes Hohelied auf den handgeschriebenen und mit der DHL verschickten Brief (Umschlag, Briefmarke usw.). Er las die Geschichte vom IPad ab, was ich lustig fand. Er zürnte der hingeworfenen WhatsApp- „Kultur“ der unüberlegt hingerotzten Nachricht, an deren Ende man nie vergessen dürfe, lieb zu grüßen oder wenigstens LG zu schreiben. Andere Abkürzungen blieben unerwähnt wie Hdl, Hdgdl, GlG, xoxo, oder HAK … gut – ich gebe zu, habe ein bisschen gegoogelt. Aber ich gestehe, LG auch schon mehrfach verwendet zu haben. Mildernde Umstände bekomme ich, weil ich wirklich noch ein Briefeschreiber bin, mit Glasfeder und Tintenfass. Der Autor meint, in zwei Generationen würde es keine Handschrift mehr geben. So pessimistisch bin ich nicht. Noch bringen sie den Kindern ja Schreiben in der Schule bei und sie tun es auch, zumindest manche und wenn es Zettel auf dem Küchentisch sind, die man nach einem Kinobesuch vorfindet: Schlaft schön, träumt süß, hegdl.

Die zweite Geschichte handelte von einem Lied „Suzanne“ von Leonard Cohen.  Der Autor hat mit vierzehn den Vater besucht und der schenkte ihm fünfzig Platten – ein prägendes Geschenk für den Jungen und das erste Lied war Suzanne. Durch das Ohr dem Herzen zugeführt. Vertrauter blinder Passagier. Im Mittelpunkt stand das Lied und die vom Autoren selbst gefertigte Übersetzung, was zu ein paar Diskussionen beitrug.

Überhaupt wurde über Klaus-Jörgs Texte am längsten diskutiert.

Und da war sie vorüber, die 113. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow. Die 114. Lesebühne gibt es am 25. September. Danke, Micha für die Fotos. Danke, Norbert für die Moderation. Danke, Freddy für Licht und Stühle und da Sein. Und danke der Dame an der Bar (Namen weiß ich leider nicht) für den Ausschank und fürs Abwaschen. So long

 

fgs

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Der Sprengmeister wird uns was hüsteln

S0032021Was für ein Jahresauftakt! Acht Autoren stürmten die Bühne der 94. Offenen Lesebühne SoNochNie. Leovinus, der den Abend moderierte, outete sich zugleich als Themenbeauftragter und ließ seinen Nachbarn kurz und knapp durch drei Gedichte hüsteln. Streng Haiku-klassisch im ersten mit fünf–sieben–fünf Silben, ich glaube, ich darf das hier zitieren, bevor es in die Lehrbücher unserer Kinder eingeht:

Durch dünne Wände                                                                                                        das Hüsteln des Nachbarn,                                                                                              der Winter dauert.

Limerick und Sonett umkreisten zur allgemeinen Erheiterung selbiges Thema, und die Frage kam auf, ob sich Leovinus nun das ganze Jahr mit seinem erkälteten Mitbewohner herumschlagen wolle und so vielleicht gar ein Hustenbonbonhersteller als Sponsor für die Offene Lesebühne zu gewinnen wäre.

S0052037aDas erste Los trug meinen Namen, also schilderte ich, Angela, als zweite Lesende des Abends, Ursachen und Folgen eines Unfalls, der keiner war, jedenfalls nicht ausschließlich. Das Publikum ließ sich offenbar von der Spannungsfrage Warum nicht? mitnehmen und befand meine Geschichte für ideenreich und ziemlich rund.

S0112088Monique saß zum ersten Mal auf unserer Bühne und bot in süffiger Sprache drei Fragmente einer Kurzgeschichte, die sich allesamt um Madeleine drehten, die wiederum in einem Territorialkonflikt mit einem gewissen Lennart (und eventuell auch Männern im Allgemeinen) feststeckte, aber Willens war, sich daraus zu befreien. Das Ende lässt uns zumindest für sie hoffen. Vielleicht hören wir irgendwann mehr davon.

S0142109Vor der Pause erfreute uns Petra mit einem weiteren Einblick in ihre surrealen Fantasien. Ein Beamter, der ein Lastenfahrrad samt zugehörigem Mädchen beschlagnahmt, weil auf dem Gefährt folgende Losung steht: Die Blockade unbedingt sprengen! So was gehört bestraft, da hilft alles Schrumpfen nix! Zum Glück bringt der Sprengmeister und wahre Besitzer des Rades schlussendlich sämtliche Blockaden zum Einsturz und das Mädchen zurück in die Arme seiner Mutter. Größe ist eine Frage der Anerkennung, lernen wir.

S0192144Unter dem Titel Das Trugbild setzte sich nach der Pause auch Gerhard mit einem Unfall auseinander. Leo trägt seit Kindertagen an einer schweren Schuld, hat er doch Feuerwerkszeug in eine Wohnung geworfen und dadurch einen Brand ausgelöst, bei dem ein kleines Kind starb. Nach seinem Unfall auf Kreta glaubt er, in der Klinik die Mutter des Kindes wiederzuerkennen, beichtet ihr sein quälendes Geheimnis und wird mit einem Kopfnicken endlich losgesprochen. Wirkungsvoller hätte das kein Therapeut hinbekommen. Was spielt es da noch für eine Rolle, dass Kopfnicken im Griechischen Nein bedeutet?

Wahlzeit. Als sich trotz Bitten, Drängen und Drohen kein freiwilliger Themenbeauftragter für den März fand, erklärte sich Michael wieder einmal bereit dazu, danke, Michael! Das Thema Revolution war dir vielleicht zu wenig subtil, jedenfalls musst du dich nun um die Begleitung des Rauchers kümmern. Ich bin sicher, du wirst uns auf ganzer Linie überraschen.                                                                                       Falls sonst noch jemand eine Anregung für seinen nächsten Text sucht, fasse ich hier die Erträge der übrigen Themenzettel zusammen:                                                      Schlaflos zwischen den Stühlen versucht Lolita, die Apfeltasche, Worte zu pressen, doch der kausale Zusammenhang zwischen Bierpinsel, dementer Gürtelschnalle und Ameisenpisse reicht höchstens für ein Gedicht ohne Titel.

S0262252Im Anschluss bot Wolfgang uns eine Performance der Abkürzungen. Der LBG RFR (Lauenburger Rufer), eine Bronzestatue aus den späten 50ern, beamt sich vom Ufer der Elbe, wo er Johnny Lytles The Village Caller hört, nach NKLN (Neukölln), ruft dort mit Jana und Wolf den Rap der Wildnis aus und springt weiter nach Alaska zu Jack London. Mit hohem Tempo entführte Wolfgang uns in sein Universum assoziativer Bezüge, und Michael befand: „Hier sitzt der Sprengmeister persönlich am Tisch.“

S0302291Marcel verweigerte 19jährig den Bund mit der Begründung, er könne kein Blut sehen und landete folgerichtig als Zivi auf der Inneren eines Krankenhauses, wo er weit mehr zu sehen bekam als nur ein bisschen Blut. Heute, doppelt so alt, befreit er sich schreibend von Bildern mit komischem Reiz und solchen, die man lieber auf keiner Festplatte gespeichert haben möchte, schon gar nicht im eigenen Kopf. Das alles in knapper, pointierter Sprache und nie auf Kosten seiner ehemaligen Patienten.

S0352325Zuletzt erheiterte uns Robert mit einem kurzen Intermezzo als Fernbedienung eines Rentners, der altersgerecht am ersten Programm klebt, während seine beingelähmte Fernbedienung auf die Simpsons steht. Zur ersehnten Rache kommt es nur im Geiste, und so lassen wir uns nach reichlich Applaus von tragikomischen Empfindungen erst an die Bar und dann auf die Nachtschweiß ausdünstende Straße hinausspülen – was für ein Abend!

Krieg und Frieden

Nach der 86. darf ich nun wieder die 89. Lesebühne bebloggen, falls das der richtige Fachausdruck für diese Art des Protokollführens ist.

Der Miterfinder der Bühne StefanS0010367 führte durch den Abend, begann mit einer kurzen Schilderung seines abenteuerlichen Urlaubs, die ein kaputtes Auto beinhaltete und … 24 (!) Sternschnuppen auf Rügen, die am 12. August allein für ihn fielen, er habe diverse Wünsche mehrfach äußern müssen. Hoffe es war auch der Mut zum Zahnarzt zu gehen dabei, denn am Ende des Abends fiel ihm ein wackelnder Backenzahn aus.

S0040396Themenbeauftragter war der Michael Wäser „Krieg und Frieden“. Er stellte es uns frei, ob wir was Lustiges oder was Ernstes hören wollten. Ich hätte ja lieber das Lustige genommen, aber erhört wurde der aus dem Publikum von einem (!) laut gerufene Wunsch nach was Ernstem. So kamen wir in den Genuss eines Essays „Was Mörder macht“.

Im Mittelpunkt ein Massenkindermörder aus dem sowjetischen Zarenreich – Tschikatilo – und zwischen den zwei Bindestrichen habe ich mir eine Dokumentation über ihn angesehen und den Film „Citizen X“ zu schauen angefangen, den Micha erwähnte. Das Grauen eines Jahrhunderts in einem Mann gebündelt. Fragen über Fragen: muss das erlebte Grauen des Kannibalismus in der Ukraine der 30er und 40er – die möglicherweise miterlebte Vergewaltigung der eigenen Mutter durch deutsche Soldaten einen Mann zum Impotenten und schließlich Rachemörder werden lassen? Sicher nicht. Wäre er ohne all das Grauen auch zu dem geworden was er schließlich war? Wahrscheinlich auch nicht. Manche interessante Literaturtipps zum Thema gab es gratis dazu: Klaus Theweleit „Das Lachen der Täter“ oder Rüdiger Safranski „Das Böse“ fanden Erwähnung. Es gibt aber auch noch Richard Lourie „Tschikatilo. Die Jagd nach dem Teufel von Rostow“ oder Robert Cullen „The killer department“, die sich alle mit der Jagd auf Tschikatilo befassen. Aber das hat schon kaum noch etwas mit der 89. Lesebühne zu tun. Danke, jedenfalls, lieber Micha, für Deinen Text. Es war für mich sehr anregend, weil ich mich selber ja auch mit den Geistern der Vergangenheit befasse.

ChristelS0130426 mit den großen Ohrringen war die zweite Lesende. Ihre Geschichte handelte von Chleo und spielte im Jahr 2200. Es gibt dann eine Weltregierung, an der immerhin Coca Cola beteiligt ist, was ich persönlich gar nicht erwartet hätte, eher amazon und google. Es ging um die Roboter Bob und Bill auf dem Weg zu Heli 61 – für mich war das alles eine Mischung aus schwer nachvollziehbarer Geschichte und wissenschaftlichen Mutmaßungen. Adrien Maurice Dirac, der Vorhersager der Antiteilchen spielte eine Rolle.

Jedenfalls trifft Chleo diesen Dirac und er verliebt sich in sie, während er wissenschaftliche Mutmaßungen äußert, während sie relativ kühl bleibt. „Er küsst sie aber sie schlafen nicht miteinander.“ Draußen gibt es eine Demonstration gegen die wertfreie Wissenschaft. Ein Demonstrant springt in das Restaurant, in dem die beiden sitzen. Dirac trifft ein Geschoss und er zerplatzt, Drähte und anderes technisches Zubehör in einer Blutlache.

In der Diskussion ging es um Menschen mit eingesetzten Roboterteilchen in Adlershof. Den Verdacht, von George Orwell inspiriert zu sein, fand die Autorin nach meinem Eindruck nicht so witzig. Auf Nachfrage stellte sich übrigens heraus, dass Dirac nicht ein Wiedergänger oder ein Klon oder eine Nachbildung des Dirac von 1928 sein sollte, sondern es handelte sich um eine zufällige Namensgleichheit, was mich persönlich ein bisschen enttäuschte.

Moniert wurde noch Chleos emotionale Distanziertheit. Die Autorin sagte darauf: „Wenn der eine ein Roboter ist, gibt es bei der Frau eine emotionale Blockade, weil: das spürt die Frau.“

Was bei mir sofort die Frage wach rief, ob es auch Roboterinnen gibt, doch dazu später.

Stefan verteilte die Themenzettel für Oktober und dann las erstmalig auf unserer Bühne der Oliver.S0150442

„Biografien von Idioten“ – nannte er sein Konvolut von fast zur Gedichtform gedrängter Prosa. Es ging um „Fränzchen“, einen Jungen, der Macht ausübte (wir waren alle sieben Jahre alt) und jetzt da ich das schreibe, muss ich an Tschikatilo denken. Körperliche Unterdrückung und auch das Zufügen von Schmerz – wer hat das nicht erlebt? „Es war nicht persönlich. … Wie wird man ausgesucht?“ Dieses „Fränzchen“ durfte er sogar zweimal lesen. Im zweiten Text ging es um „Christine“ – Familiengruft im Altvatergebirge; im dritten Text „Beusselstr.“ hieß er und das fand ich schon sehr schön gesagt: „Rentner setzen Dysfunktionen ins Verhältnis wie einst Liebschaften“. Der letzte Text hieß „Autobiografie“, geb. 1965, Feldpostbriefe aus dem Kursker Gebiet … Ich wollte Dichter werden, schreiben um nicht leben zu müssen.

Alles in allem nach meiner Meinung sehr anspruchsvolle Texte, denen hörend nicht immer leicht zu folgen war, aber: immer das Gefühl, dass da mit viel Ernsthaftigkeit etwas aufgeschrieben ist, das sich lohnt zu lesen.

In der Diskussion ging es um ein Detail aus „Christiane“ – knipse knipse – und Micha fand das Bild sehr schön, wie ein Fotograf die lohnenden Bilder seines Lebens auf anderthalb Sekunden Belichtungszeit summierte. Man kann nur hoffen, dass da viele ultrakurzbelichtete Bilder dabei waren.

Dann durfte ich S0210517lesen. „Mona Mu“ hieß der Text und es ging um einen, der einen anderen erschossen hat, weil über der Diskussion um ein Lied und ob man es singen soll oder nicht sich soviel Aggression angestaut hat, dass es für einen Mord reichte. Man kann sich, darüber waren sich alle einig, um das kleinste Detail so heftig zerstreiten, dass zumindest das Mordgelüst entstehen kann … und wenn dann eine Waffe in der Nähe ist …

S0240532Im Anschluss wurde der Themenbeauftragte für den Oktober bestimmt – als Mitglied der Ur-Stamm-Besatzung habe ich mich freiwillig gemeldet als sonst niemand wollte. Das erste Thema „Holterdipolter“ habe ich abgelehnt, musste dann „Roboterin“ nehmen (sh. Oben) und war ganz zufrieden, auf das Thema gestoßen zu sein, das ich selber in die Lostrommel geworfen hatte. Weil mich schon interessiert, ob es auch ein Mann spürt, wenn ihm eine Roboterin gegenüber sitzt ;-).

Als Letzter las der WolfgangS0250533 von einem Kompass, der nicht wusste, in welche Richtung er zeigen sollte. Aber da er nur alle 25 ¾ Jahre ein Trauerkloßgesicht machte, fiel das nicht weiter auf. Helfen nur wenn es erwünscht ist. Jedem seine Freiheitsstatue. Ein großes dickes Buch liest man nicht im Bett, man legt es auf ein Pult. Haus am Hang – von vorne 1. OG, von hinten Parterre … wie Wolfgangs galoppierende Geschichten so sind. Das Haus am Hang, was ist aus ihm geworden?

In der Diskussion enthüllte er, dass er Story Cubes benutzt hat und alle paar Zeilen ein neues Bild zur Grundlage seines Exkurses machte. Diese Geschichtenwürfel kann man kaufen.

Dem Oliver hat es gefallen. Ich musste an „Jenseits von Afrika“ denken, wo die Hauptheldin auch eine Geschichtenerzählerin ist, ihr Publikum muss ihr nur den ersten Satz vorgeben. Vielleicht – so sehe ich das – ist es besser, für eine Geschichte nur einmal zu würfeln.

Und das war sie, die 89. offene Lesebühne. Nächstes Jahr im Juli feiern wir – so Gott will und so wir am 28.12. dieses Jahr nicht ausfallen lassen, aber warum sollten wir – die einhundertste offene Lesebühne SoNochNie! Es wäre der 25.7.2016. Kann man sich schon mal dick im Kalender eintragen und den Urlaub drumherum planen.

Aber erstmal bis zum 28.9. und schreibt bis dahin was Schönes oder was Gruseliges, was Erheiterndes oder was Erhellendes, eine Geschichte, ein Gedicht, einen Aufsatz, eine Satire oder was auch immer.

Euer

 

fgs-Signatur Stempel groß

Drei

„Drei ist die Zahl, bis zu der du zählen sollst, nicht bis vier und auch nicht bis zwei. Die fünf scheidet völlig aus.“ (Monty Python)

Die Drei war tatsächlich der heimliche Dreh- und Angelpunkt der Offenen Lesebühne am vergangenen Montag.
Von unserer Kerntruppe waren ganze drei Mitstreiter anwesend und auf den Lesezettel hatten sich drei Autor_innen eintragen lassen und Leovinus personifizierte die Dreieinigkeit – dazu später mehr.

Ganz der Tradition folgend bat er die diesmalige Themenbeauftragte Ulrike Lynn auf die Bühne, auf dass sie ihre Geschichte zum Thema „Drogen“ vortrage. Und, ja, es _war_ eine Geschichte, wie (zum mittlerweile wiederholten Male) betont wurde. Sie melangierte aufs Feinste Drogen, Sex und Jugend. Die Frage, ob man auf Ecstasy Sex haben sollte oder besser doch nicht, wurde zwar nicht mit einem eindeutigen Statement beantwortet, jedoch fand Ulrikes Geschichte verdiente Zustimmung in der Runde, die diesmal aus etwa 15 Zuhörern bestand.

Als Herren in der Mitte wurde Heiko auf die Bühne gebeten, auch wenn sein Text weder mittelmäßig noch vermittelnd wirkte. Er schilderte nicht Jugend- sondern Urlaubserlebnisse, denen er auf seiner Reise durch die verschiedenen Lesebühnen der näheren und ferneren Umgebung unterzogen wurde. Auf typisch satirische Weise erfuhren wir von den Qualen, die er beim Lauschen vermutlich weniger talentierter jugendlicher Autorinnen durchlitt. Dass dabei auch ein Plüschhamster immerhin als Wutableiter eine Rolle spielte, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

John Cleese von den Monty Python würde nun sagen: And now for something completely different. Denn als Dritte in der Runde hatte sich Frau Jungbluth bereits per Mail angemeldet. Sie arbeitet an ihrer Autobiographie, welche vor allem für angehende und bereits tätige Mediziner höchst interessant werden dürfte. Frau Jungbluth (es widerstrebt mir hier, sie zu duzen) war 50 Jahre lang als Ärztin in Berlin tätig. Es kann nicht einmal ausgeschlossen werden, dass ihre Wege und die des Autoren dieser Zeilen sich bei der Geburt des letzteren schon einmal gekreuzt haben, da sie nur ein Jahr davor ihren Dienst in der Entbindungsstation der Charité angetreten hatte. Die im Zimmer 16 vorgestellten vier Seiten ihres Buches konnten nur einen minimalen Eindruck eines erlebnisreichen Lebens vermitteln. Auch sie bedankte sich für die wie immer kritischen, aber freundlichen Anregungen aus dem Publikum des Zimmer 16.

Quasi als „Zugabe“ erklärte Mandane sich bereit, noch ihren kurzen Text „Abgelehnt“ zu lesen, welcher sich unter anderem sehr selbstironisch mit der Frage beschäftigte, ob man einen großen deutschen Verlag verklagen dürfe, weil der den „eigenen langweiligen Roman“ abgelehnt habe, während die ganzen anderen Langweiler wie Tolstoi, Mann oder Goethe ohne mit der Wimper zu zucken immer wieder veröffentlicht werden. Eine Idee, die dem einen oder anderem aus dem Publikum sicher nicht ganz fremd sein dürfte.

So können wir auf einen relativ kurzen, auf jeden Fall aber kurzweiligen Abend zurückschauen, an dessen Ende sich die oben erwähnte Drei in Leovinus manifestierte. Denn er vertrat nicht nur Stefan Greitzke als Moderator, ist zudem der Autor dieses Rückblickes, und wurde schließlich zum Themenbeauftragten des Monats September gewählt. Aus der Fülle der durchweg spannenden Angebote loste man ihm das Thema „Kissenschlacht“ zu, welches er nach kurzem Zögern dankbar annahm. Alle weiteren Vorschläge kann man demnächst als Foto bei Facebook bewundern.

Leovinus

… und am Donnerstag schien die Sonne wieder!

Wenngleich nicht so prall gefüllt im Publikum wie der Erotik-Abend, war unserer Lesung im Zimmer 16 am 6. September 2012 anlässlich der Woche der Sprache und des Lesens doch eine ganz besondere Stimmung eigen. Die teilweise taufrischen Kurzgeschichten von Ulrike Warmuth, Angela Bernhardt, Michael Wäser, Leovinus und Frank Georg Schlosser unter dem Motto “Und morgen scheint die Sonne wieder!” hat Eva Päplow-Ako mit großem Feingefühl auf dem Horn weitergesponnen. Besten Dank dafür!

Bei der nächsten Außerderreihe-Lesung bringen wir es vielleicht sogar auf ein Piano-Horn-Duett. Das wäre klasse!

Offene Lesebühne im September

Am Montag, dem 24. September um 20 Uhr ist die Lesebühne SO NOCH NIE wieder für alle(s) offen. Freuet euch auf neue Geschichten, neue Gesichter und interessante Diskussionen im Zimmer 16, Berlin-Pankow. Bringt eigene Texte mit und/oder Lust, fremde zu hören. Für 15 Minuten gehören die Bühne und die Ohren der Gäste jedem, der selbst schreibt.