Halsbandaffäre

Die 160. Lesebühne SoNochNie! begann mit dem 230. Todestag von Jeanne de Saint-Rémy, die „berühmt“ ist für den Halsbandskandal. Allerdings wurde sie im Alter von Gläubigern verfolgt, sprang auf der Flucht aus dem Fenster, brach sich beide Beine und das Becken und starb kurze Zeit später als eine „Schmerzruine“. So elegant leitete Leovinus zum Thema des Abends über.

Leovinus führte wie immer souverän durch den Abend

Der Themenbeauftragte Michael Wäser war selbst nicht anwesend. Er hatte den Text eingelesen und Angela hielt das Handy vor das Mikro und wir hörten das Gedicht „Schmerzruine oder Das Ende der Welt“. Es ging um einen Rennwagen, der offenbar infolge eines Unfalls vom Wege abgekommen ist – und der Erzähler möchte die darin eingeschlossene Ohnmächtige heiraten.

Das ist aber reine Spekulation. Es wirkte in der Diskussion nicht so, als hätte irgendjemand das Rätsel lösen können. Denn ein solches ist das Gedicht, obwohl Kopien zum Nachlesen verteilt wurden, für mich geblieben.

Angela Bernhardt vertrat den Themenbeauftragten Michael Wäser

Danach las Max einen Text über das Wort. Er erhob es … nachdem es ihm runtergefallen war, als er den Tisch abwischte. Er beschreibt seine Not mit dem Putzen und mit den Kratzern, die es am Ende aufweist – ein Gebrauchswort war es geworden.

Max beschrieb seine Not, Krümel vom Wort abzukratzen

Lutz Mantel, ein Zimmer-16-Urgestein, las das erste Mal etwas auf dieser Bühne, nämlich eine Beschreibung seiner Reise nach Kolberg, eine Reise voller Widrigkeiten und zu teurer Bockwürste. Man ermutigte ihn in der Diskussion, den beteiligten Personen größere Aufmerksamkeit zu widmen.

Lutz bei seiner Lesebühnenpremiere

Der letzte Lesende vor der Pause war ich. Mein Text hieß Prüffall!!! – und handelte davon, was geschieht, wenn unkorrektes Verhalten in Zukunft zur Löschung der digitalen Existenz durch das Ordnungsamt führt. Es war ein dystopischer Beitrag zur bevorstehenden Bundestagswahl, allerdings ohne direkte Wahlempfehlung.

Frank fürchtet die digitale Annihilation

Nach der Pause erklärte Ute Danielzick sich bereit, im Oktober die Themenbeauftragte zu sein. Sie nahm gleich das erste Thema: „Selbstbedienung“. Viel Spaß beim Schreiben, liebe Ute.

Leovinus zog Wolfgang Eubel aus der Schüssel. Sein Text hieß „Philosophische Nachlese“ – und wie sich herausstellte, war es erneut eine Reaktion auf Reaktionen der letzten Lesebühne, bei der er auch schon einen Reaktionstext auf Reaktionen der vorletzten Lesebühne vorgetragen hatte. Der Text war sehr kurz, und er zeigte uns anschließend, dass er geformt war, das heißt: auf Papier ähnelte der Text einer geometrischen Figur. Ich dachte: Stringtanga, aber: es sollte ein erwürgter Schriftsteller sein. So kann man sich irren.

Man ahnt an dem unter die Uhr geklemmten Papier die Form von Wolfgangs Text

Anschließend las Petra aus einem längeren Projekt. „Bis die Vögel ermatten“. Ich muss gestehen, dass ich nicht viel verstanden habe. Max war fasziniert von der Dichte – es wäre Schlag auf Schlag gegangen, vielleicht zu viel gewesen. Katharina war beeindruckt von der Freiheit, die Petra sich in der Ermächtigung der Sprache genommen hat, sie nannte sie Sprachhauerin. Matthias und Martin waren wie ich als Zuhörer überfordert. Petra fragte, ob Berlin zu erkennen gewesen wäre. Max meinte, er hätte eher Urwald assoziiert. Das, finde ich, passt dann schon wieder.

Petra tummelte sich mit ihrem Text im Urwald Berlin

Danach las Katharina „Remote“. Remote ist ein Wort, das ich hauptsächlich mit Fernbedienung zusammenbringe. … Sie sang „Über den Wolken … muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, mit einer sehr großen Sicherheit in der Stimme, und dann ging es Schlag auf Schlag: eine Pointe jagte die nächste, aufgehangen an der Unsicherheit vor einer Videokonferenz. Am Ende ging es um die Maschinen, die dich isolieren, während sie vorgeben, dich zu mit anderen zu verbinden. Ich fand den Text toll.

Katharina zündete ein Feuerwerk an Pointen über das Altern auf Zoom-Konferenzen

Es las Matthias als letzter eine Geschichte mit dem Titel „Spät“, in der es um einen Jungen ging, der mit anderen Jungen eine komische Alte hänselte, von der sich später herausstellte, dass es seine Oma war. Von da an besuchte er sie allein, erzählte ihr aus der Ferne von seinem Erwachsenwerden, von seinen Erfolgen und seinen Nöten und brachte ihr zu essen. Als sie dann starb, wollte er mit seiner Freundin, die allerdings noch nicht wusste, dass sie seine Freundin war, eines Tages in das verlassene Haus am Walde ziehen.

Ich fand, dass es eine sehr schöne Lesebühne war, voller Überraschungen, was ein solches Protokoll tatsächlich nur eingeschränkt vermitteln kann. Besser ist: selber vorbeikommen, das nächste Mal am 27. September 2021 im Zimmer 16.

Euer

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