Französisch-grimmiges Fünf-Kammer-Flimmern oder: Die Zeit, als der römische Rebell in die Wriezener Backstube schiss

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Lesende,

wenn du dies hier liest, ist die 122. Offene Lesebühne „So Noch Nie“ Geschichte. Tut mir leid. Aber hier gibt es als kleines Trostpflaster: DAS PROTOKOLL!

Den Abend zu eröffnen hatte wie immer ich (Leovinus) die Ehre. Jedoch sputete ich mich, denn es waren, nicht zum ersten Male, volle acht Autorinnen und Autoren zu erwarten. Zu Beginn bat ich den Themenbeauftragten Matthias Rische auf die Bühne. Sein Text zum Thema „Rebellion“ hieß „In deiner Haut“. Dem Protagonisten mit dem sprechenden Namen Mousse wird im Laufe des Heranwachsens klar, dass seine (dunkle) Haut offenbar ein Problem für seine Umwelt, im speziellen seine Mitschüler, darstellt. Also kommt er zu der Erkenntnis, die dunkle Oberfläche mittels Rasiermesser abzuschaben, dies Problem aus der Welt schaffen könnte. An dieser Stelle endete Matthias‘ Geschichte, die vom Publikum größtenteils lobend aufgenommen wurde. Mein Lieblingssatz daraus: „Der innere Rebell rückt die Welt gerade.“ Die Ehrenurkunde war ihm sicher.

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Liebe, Tod und Teufel

Der Elmar Grüber war der Themenbeauftragte der 120. Lesebühne SoNochNie!.

Sein Thema lautete „Lieb, Tod und Teufel“ – und er schrieb einen in meinen Augen sehr, wie soll ich es sagen?, wirksamen, treffenden, gut aufgebauten, nebenbei auch witzigen Text zum Thema „Im Hier und Jetzt leben“. Liebe ist eine geile Sache, so begann es, wie Fußball: jeder weiß Bescheid. Niemals überfordert uns der Fußball. Mit der Liebe ist es ähnlich, nur dass man dazu lieber Rotwein statt Bier trinkt. Oder Gott: Jeder modelliert ihn wie es ihm passt.

Aber zur Liebe: Es gibt die Liebe zum Fußballverein; die Liebe zu den Kindern, die man (und die Stelle fand ich besonders treffend) trotzdem jeden Morgen zur Schule schickt – das „trotzdem“ kam im Text nicht vor, aber in mir schon – die Liebe, die mit ficken zu tun hat oder neuerdings auch die Liebe zu sich selbst. Er, der Autor, habe die Liebe zur Göttin der Zukunft, zu Futura, für sich entdeckt. Er zählte eine Reihe von Dingen auf, die ihm in der Zukunft ein schönes Leben bescheren würden, ein Traumhaus, ein Traumauto, eine Traumfrau, eine Traumkarriere.

Der frühe Tod seiner Eltern, die selbst kurz davor noch die verzichtenden Leidensminen ihres Lebens nicht ablegen konnten, beendete dieses Spiel. Diese ewige Weigerung sich etwas zu gönnen, dieses ewige „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Er erkannte, dass seine Göttin Futura ihm mit Sicherheit nur den Tod bringt. Das Leben ist banal, es sei denn, man wendet sich der Gegenwart zu.

Ein wunderbares Plädoyer. Danke, Elmar.

Als zweiter wurde Matthias Rische aus dem Lostopf gezogen. Er las eine Geschichte „Glashaus“. Es ging um einen Menschen, der in einem Callcenter sich Sätze anhören muss wie „Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel“.  Namen tun nichts zur Sache, weil sie dort sowieso Decknamen haben. Pause ist von 12 Uhr 39 bis 13 Uhr 11. In dieser Zeit ist die Beschwerdeaktivität niedrig, weil die Kunden auch zu Tisch gehen. Pause macht er auf dem gläsernen Innenhof, wo sich drehende Bänke zum Verweilen einladen. Dort tauchte dann das literarische „Du“ auf, ein schelmischer Buchhalter mit Bügelfalte in der Jeans, die vom Blick auf das Genital ablenkt. Dieser Buchhalter fährt nach der Pause mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, weil auch hier die Finanzwelt über allem thront. Am Ende passiert, was der Hauptakteur sich erträumt: der schelmische Buchhalter kommt in so einer Pause auf ihn zu, aber aus seinem Mund purzeln die Worte (hatte er geschrieben „tourettiert es“? – nein, hatte er nicht, sh. weiter unten): Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel.  Die Idee war, das verriet uns der Autor, eine Geschichte über Kommunikationsstörungen zu schreiben.

Dann  gab es eine Pause und es wurde der Themenbeauftragte für den 28. Mai 2018 gesucht. Erst als ich drohte es selbst zu machen, fand sich Matthias Rische. Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch, lieber Matthias. Das erste Thema („WM in den Zeiten der Krim-Krise“) lehntest du ab. Zu Recht, wie ich fand, weil: was soll man darüber schreiben, außer dass sich der Westen die Krisen produziert bzw. aussucht, die er gerade braucht (uhh, jetzt bin ich aber aus der Rolle des neutralen Protokollanten herausgefallen – hoffentlich gibt das keinen Scheißsturm). Das zweite Thema, dass Du dann nehmen musstest, lautete „Rebellion“. Das ist wie Liebe, Tod und Teufel. Gegen was man alles rebellieren kann: gegen die Regierung, gegen den Chef, gegen die Frau oder die eigenen Kinder, wenn sie einen entmündigen wollen. Viel Spaß und wir freuen uns, lieber Matthias, mal wieder auf was Lustiges?

Der dritte Lesende war Wolfgang Weber. „Rap den Stress“. Ich kann an dieser Stelle wie eigentlich immer bei Wolfgang nur meine Notizen abschreiben.

You can make it if you try

Sei nicht faul

Gib dem Stress eins aufs Maul

Vorsicht ist die Mutter der Personalkiste

Such dir Unterstützung

Sei popopopopopulär

Sei autark

Zeig keine Schwäche

Frag Peter Rühmkorf (den musste ich googeln)

Pack die lange Bank weg.

Es stellte sich heraus, dass er einen Rap zu einem Seminar gemacht hat, dass er besuchte und dass die Papierrolle, mit der er seinen Vortrag rhythmisch begleitete, indem er immer wieder auf einen Stuhl, den er zu diesem Zwecke extra neben den Tisch gestellt hatte, schlug, die zusammengerollten Flipcharts dieses Seminars waren, die ihm der Seminarleiter überlassen hatte. Die Überschriften waren: Sei stark; sei beliebt; sei vorsichtig; sei perfekt; du kannst das nicht. Rap den Stress.

Dann gab es ein neues Gesicht auf der Lesebühne, den Matthias Peikert, der eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basierte, zum Besten gab. „Flüchtlingsentpathie“. Oberkörperfrei (also nicht ohne Oberkörper sondern eben oben ohne) liegt der Hauptheld (was das oberkörperfrei nun auch wieder etwas uninteressant macht – jedenfalls für mich) am Wasser und liest „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt. Weiß nicht, ob das Schleichwerbung ist. Wahrscheinlich schon. Es geht darum, dass die Nachbarschaft auf das Ruhebedürfnis wenig Rücksicht nimmt; um das Gesetz, dass Lärm Lärm anzieht, oder anders formuliert: das Gesetz der proportional steigenden Lautstärke. Die Nachbarn erobern den See („Nr. 5 lebt und feiert das mit einer Arschbombe“). Der Hund darf nicht ins Wasser („Bruno, bleib draußen“) und das Ende vom Lied ist, dass die Enten aus dem Wasser vertrieben werden und auf dem Bootssteg des lesenden Haupthelden um Asyl bitten. An der Stelle wurden mir der See zu Afrika und der Bootssteg zu Lampedusa. Selbst der Spruch „Wir schaffen das“ kam und der kaum noch lesende Hauptheld (übrigens las er eine Geschichte über seine Kindheit in Bonn!) wollte eine No-duck-area auf dem Steg. Getrocknete Entenkacke ist nämlich wie Beton. Schließlich wollte noch der jüngste Balg der Seetyrannen auf den Steg und da – ha – und hier kam der Satz: „tourettierte es aus mir heraus“, allerdings nur in der Phantasie. Zum auf die Matratzen gehen sind wir ja nicht mehr geeignet. Wir dulden und gehen weg. („Lässt die Lage eine Rückkehr auf den See zu?“).  Schade, aber besser fürs Karma.

Und das war sie, die 120. Lesebühne SoNochNie!

Die 121. gibt es am 23. April. Ich freu mich drauf.

Euer

Unfisch auf dem Mars

 

Wieder so eine gut gefüllte Lesebühne an diesem eisigen 26. Februar 2018. Neben Stammpublikum auch eine Reihe neuer Gesichter. Scheint seinen festen Platz in der Berliner Kulturszene gefunden zu haben, unser vielseitiger literarischer Abend mit Senf dazu. Obwohl Senf diesmal streckenweise rar war. Stimmlippen eingefroren? Scheinwerfer zu grell? Zu viel Input? Fassungsvermögen des Abends mit acht Lesenden wieder mal voll ausgeschöpft. Inzwischen fast Standard. Das bunte Paket professionell zusammengehalten von Leovinus in der ersten Hälfte und Frank Georg Schlosser in der zweiten. Wichtig dabei: ein starker Einstieg. Den hatten wir.

UnfischMichael Wäsers Beauftragtenthema. Ein Unfisch auf dem Mars. Gehört nicht dahin. Kann nicht mal scheißen, wenn‘s dran ist. Aber wohin mit 250 Billionen Eiern? Fett Party, ist ja wohl klar. Nur für die Besten, versteht sich. Raumschiff gebaut, die komplette Ausrüstung an Bord und ab zum roten Nachbarn. Spitzenalternative zu unserem abgeranzten Planeten. Nur blöderweise: Dixi-Klos vergessen. Dabei geht‘s letztlich immer ans Eingemachte. Hätte man vorher wissen können. Hosen runterlassen ist in dieser Gegend lebensgefährlich. Also doch ein Fehler, die Erde so leichtfertig aufzugeben? War ja nicht alles schlecht. Die Straßennutten in Bangkok zum Beispiel entwickeln sich prächtig. – Cooler zeitgemäßer Text, passend ruppige Sprache, viel Beifall, danke, Michael!

Danach Frank Georg Schlosser. Romanauszug. Kapitel: AVM Dienstag Nachmittag. Neu dabei: Ariane von Malotky, orangefarbene Sonnenbrille plus Strohhut, seit ein Fremder sie vor die Berliner U-Bahn stoßen wollte. In der Hand einen USB-Stick von Nob, dessen Inhalt ich nicht erinnere. Vor ihr liegt ein Interview mit Politiker Krampitz, von zwei Stunden auf eine verkürzt. Stress ist angesagt, Professionalität gefragt. Wie sie das meistert, erfahren wir vielleicht im März. Gut zuhören ließ sich dem Text. Flüssige Sprache, wie immer bei Frank.

Matthias Rische erzählte in Spiel mit der Erinnerung vom Brainscanner, den Professor Momhard voller Enthusiasmus an einem Patienten mit impulsgesteuerter Kontrollstörung testet. Ziel: die Ursache der Störung finden. Verschiedene Erinnerungen werden abgerufen, enden beim Bild eines traurigen siebenjährigen Clowns mit toten Augen. Momhards Begeisterung schlägt unvermittelt in Betroffenheit um. Das will er niemandem zumuten. Er zerschlägt das teure Gerät. – Die Grundidee, gar nicht so fantastisch, kam gut an beim Publikum. Nur die Wandlung des Professors überzeugte nicht ganz und die Perspektive der aufgezeichneten Erinnerungen wurde hinterfragt.

Vor der Pause Wolfgang Weber kurz und kurios: Schreib deinen Text! „Es ist wie verhext. Du bist stets in irgendeinem Kontext. Schreib deinen Text! Schreib‘s auf. Schicksal nimmt seinen Lauf. Glück auf beim Nudelauflauf. Sei exzentrisch und konzentrisch. Mach‘s wie Kisch: Leg deinen Text auf‘n Tisch! Schreib deinen Text. Alle sind perplext.“ – Schräge Reime, vom Lineal als Taktstock rhythmisiert – das Publikum dankte für die unterhaltsame Auflockerung.

Nach der Pause heftiges Gerangel um den Platz des Themenbeauftragten im April. Nein, Wunschvorstellung. Eine Bewerberin immerhin. Wir freuen uns auf Diana-Dana Möller mit dem von ihr gewählten ersten Thema: Mensch in seiner Zelle.

Dann ich, Angela Bernhardt. Mit einem möglichen Romananfang. Arbeitstitel: Niemand ist schneller. Eine junge Frau auf Städtetrip in Rom. Ihr Freund verschwindet urplötzlich aus dem antiken Forum Romanum. Keine Spur, keine Nachricht, nicht mal ein Duft bleibt zurück. Nur die bange Frage: Gab es ihn wirklich? – Kam gut an, war laut Publikum spannend, temporeich erzählt, Sprache prägnant. Etwas langsamer hätte ich wohl lesen können. Ich werde weiter schreiben.

Diana-Dana Möller brachte Gedichte mit. Ein Stern wird geboren – „in einem Millimoment der Zeit“. Im Reich des Regenbogens – „Farben begleiten, berühren das Leben, so war‘s, so wird es bleiben.“ Das Tegeler Fließ – „macht das Herze weit“. Wasser – „… bringt Spaß und Blumen zum blüh‘n, und kein Mensch kann sich dem Zauber des Wassers entzieh‘n.“ Die Pracht der Bäume – „In ihrem Leben werden Bäume viel verletzt, Sturm, Blitz und Menschenart haben ihnen hart zugesetzt.“ – In den Reimen eher holprig, in den nach Dianas Aussage umfangreich recherchierten naturwissenschaftlichen Aspekten zu einfach gemacht stieß ihre Lyrik nur teilweise auf Zuspruch.

Im Anschluss noch mehr Gedichte, jetzt von Stefan Franken. Rache, Libelle, Hut, Beine, Zwiebel und Blümelein – allesamt scharfsinnig und pointiert gereimt – ein Hörgenuss. Beispiel gefällig? „Es sucht eine gläubige Zwiebel in ihrem Leben nach Sinn. Sie sucht den Sinn in der Bibel, doch steht über Zwiebeln nichts drin.“ – Immer wieder gern mehr davon.

Daniel Marschall, SoNochNie-Neuling, gab uns den Rest. Mit einem Auszug aus seinem veröffentlichten Roman Der Denunziant. Anmoderation und Hinführung zur Lesestelle im Sprechgesang präsentiert mit Gitarre, Verstärker und einiger Technik mehr. Die Grundidee gleich im ersten Satz: „Ich, IM Schriftsteller, wurde enttarnt.“ Zum Verhängnis wird ihm nicht ein Lügendetektor, sondern die eigene Panik davor. – Das musikalisch unterlegte Intro sorgte zum Teil für Verwirrung, der Text selbst für positive Resonanz.

Und das war‘s auch schon. Besten Dank ans Zimmer 16 für die tatkräftige Unterstützung. Wir freuen uns auf die 120. SoNochNie-Lesebühne am 26. März 2018. Elmar Grüber wird uns dann wissen lassen, was es mit Liebe, Tod und Teufel so auf sich hat. Bis dahin: schreiben, schreiben, schreiben …

Als Frank in den Moderator sprang …

… war die 105. Lesebühne vorbei, denn der Moderator verabschiedete nun die Zuschauer, Teilnehmer und Gastgeber bis zum nächsten Mal im Januar.

Damit willst du beginnen? Mit dem Schluss? Und du willst ein Schreiberling sein?
Hey, manchmal kommt das ganz gut, so als Ausblick zum Spannungsaufbau. Doch, echt. Geheimnis und so.

Begrüßt hatte der Moderator die Anwesenden kaum eineinhalb Stunden vorher, was eine für SoNochNie kurze Spanne darstellt, aber wohl mit dem besonderen Tag zu tun hatte, an dem wir uns hier zusammenfanden – dem 2. Weihnachtsfeiertag. Da war es nicht so voll wie sonst – vor und hinter dem Lesetisch (aber auch nicht leer – tatsächlich und im übertragenen Sinne).

Willst du weiter Honig anrühren oder von gestern erzählen?
Warte mal ab, okay?

Natürlich eröffnete der Themenbeauftragte dieses Monats den Leseabend, und der hieß diesmal Matthias Rische. Zu dem Publikumsthema „Nebel und Dunkelheit“ erzählte er von einem Zwölfjährigen und seinem älteren Bruder Ole, deren Oma vor Kurzem gestorben war. Der Junge, aus dessen Perspektive alles geschildert wurde, war von der Großmutter ferngehalten worden, nach ihrem ominösen Verkehrsunfall und über ihren Tod hinaus, sodass er (und wir) eigentlich nicht mal sicher war, ob sie noch lebte oder nicht. Darüber zu reden, schaffte wohl niemand in der Familie, und es braucht einen nächtlichen Ausflug der beiden Jungs auf den Friedhof, wo der Große den Kleinen unter Herbstlaub „begräbt“ und sich selbst ebenfalls, um  die Zungen zu lösen und von der traurigen Wahrheit zu sprechen, bis man sich dann auch ans Grab der geliebten Oma wagt. Das war einfühlsam erzählt, die Desorientierung des Jungen erfasste auch die Zuhörer, manche fanden den Erzähler für einen Zwölfjährigen zu wortgewandt. Ich nicht.

OMA – OMInös … Das hast du absichtlich gemacht, oder?
Nein. Wirklich nicht. Auf was du so achtest …

Maik Lippert stellte vier neue Gedichte vor, „in umgekehrt chronologischer Reihenfolge“, was sich aber niemand erklären lassen wollte. Jedenfalls begann er seine wie immer knappen und abgeklärten sprachlichen Scherenschnitte mit einer weihnachtszeitlichen Szene, die kaum kürzer und treffender hätte bezeichnet werden können (vermutlich drei Zeilen), kam dann zu einer Erinnerung an einen, der beruflich sich um die häufigen und häufig wechselnden Beflaggungen der sozialistisch – realen Existenz zu kümmern hatte und einen, dem seine eigene (häufige) Bierfahne vollauf genügte, danach beugte er sich über ein (metaphorisches, schwarzes) Loch, das alles Erreichte und vornehmlich Wertvolle zu planckschen Wellen zerreibt und endete auf der Frankfurter Allee, wo ein Gamer nicht von einem Pfarrer zu unterscheiden ist.

Ist das mit der Reihenfolge etwa so schwer zu kapieren?
Darum geht’s doch hier nicht.

Anita legte weitere Gedichte nach, und zwar zwei. Ebenfalls knapp, in der Anzahl und in der Sprache, was so weit ging, dass das zweite Gedicht fast nur noch aus isolierten Begriffen bestand, wo es im ersten noch Wendungen und sogar ganze Sätze gegeben hatte. Das erste befasste sich mit Bindungen – zwischen Menschen und zwischen Menschen und der Welt – oder dem Himmel, wofür sie ein eindrückliches Bild fand, das einer Marionette, deren Fäden in die Höhe reichen, bei der man aber nicht weiß, wer da wen steuert. Das zweite mochte man in all seiner Zersplitterung kaum einer Verbindung zweier Menschen zuordnen – doch darum ging es.

Das mit der Marionette hättest du gern selbst erfunden, stimmt’s?
Yep.

Es stand an: die Wahl zum Themenbeauftragten des Februar! Und tatsächlich erhob ein TB-Debütant seine Hand: Maik Lippert wird sich dem Thema stellen: Sein erstes Los aus den Publikumsvorschlägen („Der Zweite“) mochte er nicht haben und musste stattdessen „Februar grün“ nehmen. Wir sind schon jetzt gespannt.

Nun sprang Frank zum ersten Mal, nämlich von der Moderatorenaufgabe, die er in Ermangelung eines Leovinus‘ dankenswerterweise übernommen hatte, zu der, als letzter Vortragender des Abends aus seinem Romanprojekt zu lesen. Klaus, der Winzling, ist gefangen in einem gesicherten Kellerraum irgendwo auf dem Land an einem mysteriösen See und der Alte, dem der Keller gehört, ist sein Feind. Schlecht für Klaus, aber der Roman befindet sich hier noch im ersten Akt, also dürfte er, trotz des für ihn erschreckenden Verlaufs dieser Szene, überleben. Wir mussten auch springen, so einfach mitten in einen Roman hinein, was manche sehr forderte, weil man ja nicht so weiß, was vorher war und wer da so alles und so weiter, aber der Szene konnten wir folgen und erkennen: Klaus sitzt in der Scheiße. Und dann sprang Frank zurück in den Moderator!

OK, ich gebe zu, das kann man machen. Kein Wahnsinns-Hook mit dem Springen, aber akzeptabel.
Danke.

Wir sehen uns hoffentlich am Montag dem 23. Januar im Zimmer 16 zur 106. Offenen Lesebühne wieder. Die Tage werden wieder länger sein und der Themenbeauftragte wird Frank Georg Schlosser heißen. Sein Thema: „Ausgebrochen“. Dankeschön an Bernhard und Lutz vom Zimmer 16 für Ihre Unterstützung am Abend! A bientôt!

… und dann so was!

Kein Trump, keine Merkel!, bat Moderator Leovinus zu Beginn unserer 104. offenen Lesebühne SoNochNie, die an diesem 28. November 2016 ungewohnt pünktlich begann. Sechs AutorInnen hielten sich strikt daran, die siebente nicht. Was für ein Schock!

02_s0056305Wie üblich begann alles mit dem Beauftragtenthema: „Kassenarzt“, von Petra fantasievoll ausgestaltet. „Überall Zahlen“ hieß ihr Text, in dem ein gewisser Dr. Stöhr von einer ebenso fischnamigen Patientin Frau Plötz dazu bewegt wird, sich wieder mehr den Menschen zu- und von den überall herumwabernden Zahlen abzuwenden. Zu diesem Zweck trägt er s04_s0146352eine Patientenzahlenregistrierkasse auf den Gehsteig und reinigt nebenbei seine Praxis mit einem ausgeklügelten System von der Zahlenflut. Die Herrschaft der allumfassenden Kasse stellt er nicht in Frage, doch der Versuch, den Menschen hinter den Zahlen wieder näher zu kommen, sei ihm hoch angerechnet. Ein Schelm, wer Parallelen zum realen System ausmacht. Alles in allem eine verblüffende, originelle Idee, mit dem Auftragsthema umzugehen, befand die anschließende Diskussion. Um unsere großartige neue Urkunde und das zugehörige Foto kam Petra natürlich nicht herum.05_s0166361

Auf Petra folgte Matthias mit „Begegnungen am Stadtrand“. Ein älterer Mann auf dem Weg zum regelmäßigen Golftraining, ein junger Rumäne, der von seiner anstrengenden ‚Dienst-am-Kunden‘-Nachtschicht zurückkehrt und ein sechsjähriges Mädchen auf der Suche nach einem Weggefährten. Kurze Begegnungen am Rande der Stadt. Stimmungsbilder wollte er zeichnen, sagt Matthias, und das ist ihm nach Meinung des Publikums auch gut gelungen.

07_s0246400Mit Anita begann der Advent im Zimmer 16. Ihr gleichnamiger Text erzählte ganz aus der Perspektive einer alten, vermutlich dementen Frau auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Einfühlsam und stimmig, wie die Mehrheit der Zuhörer fand. Ob es die Auflösung mit dem Tod der Dame und damit den Sprung aus der Subjektiven gebraucht hätte, blieb allerdings umstritten.

Kurios, dass sich das Los gleich darauf noch einmal für den Advent und damit für meine11_s0346461a Kurzgeschichte entschied, in der eine Zehnjährige in der Vorweihnachtszeit versucht, einen Zugang zu ihrem depressiven Vater zu finden. Ein schweres Thema, das ich dennoch gern für Kinder erzählen wollte. Die große Mehrheit der Zuhörenden hielt das für zumutbar und – gerade wegen der poetischen Bilder – auch für gelungen.

Dann war erst mal Pause. Wie üblich wählten wir unmittelbar davor den Themenbeauftragten, und zwar für die Januar-Lesebühne. Glückwunsch, Frank, du wirst ein weiteres Mal in die Annalen der SoNochNie-Geschichte eingehen. (Vermutlich hat dich die Urkunde gelockt.) Wir sind gespannt, was du aus Thema Nummer eins: „Ausgebrochen“ machen wirst.

Wer noch eine Anregung für den nächsten eigenen Text sucht – wie wär’s mit: „Banderole“, „In eine Melancholie muss man sich fallen lassen“, „Lawine“, „Rachebeschleunigung“, „Kurzschrift“, „Ja!Jaguar Jan!UAR!“, „Tortenschlacht“, „Das … Ende guter Vorsätze“, „Leichtmetall und Schwermut“ und „Aufweichung“. Los geht’s!

Im April 2017 feiern wir übrigens schon wieder ein Jubiläum: den 50. Themenbeauftragten. Dazu werden wir uns natürlich etwas ganz Besonderes einfallen lassen und euch an dieser Stelle weiter auf dem Laufenden halten.

13_s0516602Nach der Pause hat uns Frank wieder einmal in seinen Roman „Der Richter und der Fluch der Furie“ hineingezogen. Der Ausschnitt begann ein wenig trocken, weil schwarz- und rothaarlastig, entwickelte sich aber zunehmend konfliktreich und spannend. Die junge Tadschikin Summaya, die sehr erfolgreich Kleider entwirft, erzählt ihrer Kollegin und Freundin Marjorie auf dem Weg zum Markt aus ihrem früheren Bürgerkriegsleben und wartet dringend auf einen Anruf. Doch auf einmal muss sie umkehren und sich, so die Vermutung, den Geistern ihrer Vergangenheit stellen. Das Publikum war voll dabei.

Ungewöhnliches bot diesmal Wolfgang mit einer echten Geschichte, die uns anfangs alle zu Lachstürm15_s0566656en hinriss, im zweiten Teil aber etwas zerfaserte. Es ging um einen Autor, der, weil die angepeilte Lesebühne nicht stattfand, ersatzweise im Supermarkt vorlas – mit durchschlagendem Erfolg. Gute Unterhaltung, fanden wir, aber für die Wirkung bis zum Schluss: entweder früher raus oder nochmal überraschend drehen.

Zuletzt betrat Katharina die Bühne mit ihrem „Text zur (Rücken-)Lage“. „Wenn ich sterbe, möchte ich warme Hände und Füße haben“, so der private Rahmen zur öffentlichen Hinterfragung. In w18_s0666770as für Zeiten leben wir eigentlich? Warum gehen uns die Despoten und Schwarzweißlinge nicht endlich mal aus, im Gegenteil? Und da platzte er dann tatsächlich in den Abend, Donald Trump. Schreckensstarr beobachteten wir Leovinus. Würde er das überleben? Er tat’s. So konnten wir uns entspannt auf diesen doch auch sehr persönlicher Text einlassen. Vielleicht hätte Caligula als Dämon genügt und Trump wäre verzichtbar gewesen, denn beide ähneln sich im nicht Ertragen eines jeden „Dazwischen“, das uns Autoren praktisch die Luft zum Atmen ist. In diesem Sinne: Auf das Dazwischen und alle zukünftigen Lesebühnentexte die ihm weiter nachspüren!

Danke wieder einmal, Michael, für die Fotos zu diesem feinen Abend!

Leovinus machte abschließend Werbung für unsere SoNochNie-Kerngruppenlesung am 8. Dezember 2016 um 19.30 Uhr in der Janusz-Korczak-Bibliothek Berlin-Pankow. Kommt am besten alle dort hin und brecht mit uns zu neuen Ufern auf!

Und am 26. Dezember (ja, ganz richtig, das ist der zweite Weihnachtsfeiertag) sehen wir uns dann wieder im Zimmer 16 und freuen uns auf unseren Themenbeauftragten Matthias.