Berliner Ironie verwandelt das Herz in einen angeschwemmten toten Fisch

Die 140. Lesebühne begann wie immer der Themenbeauftragte, in diesem Falle ich, Frank Georg Schlosser, mit dem Thema Kirsch. Die Geschichte hieß Die Kündigung und handelte davon, dass man sofort gekündigt werden kann, wenn man von den Kirschen des Baumes im Hinterhof isst. Adam hatte von den Kirschen nicht gegessen, aber er hatte sie in Wodka ersäuft und Kirsch daraus gemacht. Von dem seine Freundin Jenny nun trank, um den Schock mit der Kündigung zu lindern. Plötzlich sah sie alles ganz klar. Er hatte es getan, um sich auf diese Weise von ihr zu trennen. Aber der Kirsch macht sie nicht nur klug, sondern auch zu Superwoman, die den beiden Vollziehungsbeamten ordentlich eine auf die Nuss gibt. So dass nur Adam das Paradies verlassen muss. „Die Kündigung“ gibt es hier zum Nachlesen:

https://frankgeorgschlosser.de/geschriebenes/kurzgeschichten

Der zweite Lesende war Matthias Rische. Titel der Geschichte: Alberts Spinnerei. Ari bespricht seine sexuellen Jungs-Nöte mit dem in seinen Augen weisen Albert, der seiner Weisheit mit regelmäßigem Drogenkonsum nachhilft. Es geht um Lana mit den engen Tops. Um Ari weiterzuhelfen, spielen sie Robin Hood und Marian, was Ari gefällt, weil er schon immer gerne Kleider getragen hat. Er träumte, wenn meine Notizen mich nicht trügen, dass er Lana an einer Leine hinter sich herführt, und sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „please enter penis here!“. Als er Lanas allerdings ansichtig wird, rennt er doch zurück zu Albert. Man kann für ihn hoffen: wer Robin Hood und Marian im Wald spielt, ist nicht gefährdet, ein Nerd zu werden.

Der dritte Lesende, den Leovinus, der in gewohnt souveräner Art durch den Abend führte, aus dem Lostopf zog, war Arved Wolf, der das erste Mal Prosa las. Es ging um einen Mann, der neu in einer Stadt ist, und den es auf der Suche nach Orten, die Heimat werden könnten, ins Freibad zieht. Wärme der Steine – unruhige tanzende Helligkeit. Er schwimmt, hauptsächlich Brust, bis er müde wird. Und es scheint beim Blick aufs Wasser auch eine Todessehnsucht auf, eins zu werden mit dem Nass. Wütendes Schwimmen, müdes Wanken nach Hause. Aufschließen der neuen Wohnung. Das ist meine Wohnung, hier sind meine Sachen, bei ihnen will ich bleiben.

Der Vierte war Herr Metzger. Er kommt von der Comedy, ist 75 Jahre und las aus einem Stück. Es war sehr pointiert und bitterlustig. Woran merkt man, dass man älter wird? Man kann sich seine Freunde nicht mehr aussuchen. Früher ging man zum Fußball, heute zu Beerdigungen. Man hörte ihm hier und da seine südwestdeutsche Herkunft an, wenn er von zwei alten Freunden, von denen sich der eine Sorgen gemacht hatte, dass „er“ schon seit Wochen tot in dem anonymen Berlin in seiner Wohnung vermodern könnte, sagte: Eine Zeitlang haben wir uns die Gisela geteilt. Er schrieb von der uralten Kultur des Anstehens, während er mit einem Bratwurstzettelchen in der Sparkasse darauf wartete dranzukommen. Wir freuen uns mehr davon zu hören.

Dann war Pause. Und nach der Pause meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den 24. Februar 2020. Und Premiere für mich: mein Thema, gespeist aus der aufwühlende Lektüre von Edward Snowdens Autobiografie: Vollüberwachung wurde als Thema für den Februar auserkoren.

Die nächste Lesende war Silke aus Eberswalde. Sie begann mit kindlichen Erinnerungen an die Briketts ihrer Großeltern, auf denen Union stand, das war 1986, da war sie vier in Leverkusen … kann das stimmen? … da kam das große Unglück mit den kleinen Teilchen über uns. Es schloss sich ein Text an, der sich in eher protokollarischer Form mit den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst beschäftigte, um den NRWE-Filz, um Baumhäuser mit Fenstern aus den abgerissenen Häusern, um Höheninterventionsteams, die diese Baumhäuser räumen sollten. Es war ein Text, gespickt mit Fakten, schnell gelesen, damit möglichst viel Information in die fünfzehn Minuten passte. Es wurde viel darüber diskutiert – und die Quintessenz in meiner Wahrnehmung: für einen emotionalen Prosatext zu viel Sachinformation, für ein Sachbuch zu emotional. Ich musste an die aufwühlende Sachlichkeit in Edward Snowdens Autobiografie denken. Aber wem das Herz voll ist … dem geht der Mund über, so ist das nun einmal.

Der sechste Lesende des Abends war Michael Wiedorn. Ein brüchiger Text mit dem Titel Der kahle Schädel, mit vielen Ecken und Kanten, aber ergreifend. Junge – Weg – cremefarbener Trabant – regloser Kinderkörper in Blutlache. Erich, wie er mich anstarrte – Krankheiten lauern unauffällig, bis ihre Stunde schlägt. Der leichte Ekel, wenn man in einer fremden Wohnung in etwas Feuchtes greift. Kuss, der nach Bier schmeckt. Kessel Buntes – dem Wessi was von der reichhaltigen DDR-Kultur zeigen. Dann Hape Kerkeling und Loriot. Schnittwunden auf glattrasiertem Schädel. Logopädische Behandlung. Als Kind brüllte er eine Wand an. Der Bettnässer, der Stotterer, der Schwule, vom Funktionärsvater verachtet. Am Ende das gelb verfärbte Weiß der Augen. Selbst jetzt, da ich nur meine Notiz-Fetzen abschreibe, empfinde ich die Kraft des Textes.

Als siebente las Gabi Petrich eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2050. Kein gutes Wetter. Seit dem 1.1.2033 gibt es nur noch ein Jahresendfest, der Kühlschrank sucht selber aus, was er bestellen will (ob wir noch selber essen müssen, hat sie nicht erwähnt) – da tauscht er schon mal Fleisch gegen Sojafrikadellen aus. Jede Aktion lädt Akkus auf. Wahrscheinlich selbst das Schreiben dieses Textes. Für einen Tee muss man 30 Minuten auf einem Ergometer strampeln. Ich fühlte mich an solche Zukunftsnaivitäten aus den Siebzigern erinnert. Das Internet und das Smartphone hatten sie damals nicht auf dem Schirm – und für alle, die es erleben werden: mal sehen, was die Autorin nicht auf dem Schirm hatte.

Der letzte Lesende des Abends war David. Sein Text hieß In anderen Umständen. Es ging wieder um einen Mann, der sich fremd fühlt in dieser Welt. Weihnachtseinkäufe, weicher Boden – er versackt buchstäblich, steckt bis zum Hals im Modder, schaut den Leuten von Ferne zu, wie sie ihre Einkaufswagen holen und wieder zurückbringen. Wann hatte er das je so intensiv getan. Die Frau des Mannes heißt Hertha, das fand ich komisch. Er sollte Blumen fürs Grab der Mutter mitbringen. Ein Rabe hüpft auf ihn zu, ich denke schon an Game of thrones, wo die Krähen immer die Augäpfel rauspicken – der hier findet Gott sei Dank einen Regenwurm. Hoffnung keimt auf, als sein Handy klingelt, aber es steckt in der Arschtasche … Hast du etwas Zeit für mich …, aber er kommt da nicht ran. Liebe … Beischlaf … Einkaufen mit dem Zettel in der Fresse – das ist der Gesamtzusammenhang, den der Autor herstellt. Bald würde sich die to-do-Liste in ein Aquarell verwandelt haben.

Mit diesem schönen Satz schließt dieses „Protokoll“. Bis zum nächsten Mal. Euer

Irgendwie ist doch immer Geburtstag

 

Jedenfalls bei SoNochNie. Am 28. Oktober 2019 haben wir dank Leovinus den 782. Geburtstag von Cölln an der Spree gefeiert, denn „In Berlin vor langer Zeit machten sich die Cöllner breit“, so dichtete er. Und was reimt sich besser auf „Gefluche“ als die themenbeauftragte „Wohnraumsuche“? Danke, Leo! Für diese elegante Einleitung gibt‘s auf jeden Fall eine ohrgepinselte Moderatorenurkunde.

Matthias übernahm den Staffelstab und berichtete unter dem Titel „Vom Suchen und Vergessen“ mit leiser Melancholie, aber keineswegs schwermütig von den Nöten seiner ersten jugendlichen Wohnraumsuche. Das war 1983 im mauergeschützten Westberlin. Mit der Morgenpost unterm Arm und klammheimlich. Die fürsorglich-dominanten Eltern (oder war es nur die Mutter?) hätten wenig Verständnis aufgebracht für seinen Ausbruchsversuch aus dem trauten Lankwitzer Heim. Doch unterwegs zum Besichtigungstermin befällt ihn Panik: Würde er nicht – sowie einmal ausgezogen – im Handumdrehen vergessen werden? (Denn: „Wer solche Eltern hat, der hat auch keine Freunde.“) Und dafür, so traf ihn brutal die Erkenntnis, war er dann doch noch nicht bereit. Also husch, zurück ins Körbchen und aufgeschoben den vorwitzigen Plan. Nach Abschluss seiner Tischlerlehre würde die Welt bestimmt schon ganz anders aussehen … Viel positives Feedback gab‘s für diesen Beitrag und natürlich die berühmte Ehrenurkunde.

Dann betrat der Elmar – Premiere, hört, hört! – die Bühne mit Gitarre und trug Lyrisch-Prosaisches in der Tonart „Pullmoll“ zum Thema „November“ vor: „Lausiges Novembernass sickert ins Gemüt …“ Da ist Oma Fähnchen mit einem Blumenstrauß unterwegs zum Grab ihres verblichenen Heinrich und wird – das Leben steckt voller Widrigkeiten – von den frechen Blütenstängeln „in die Titten“ gepikst. Vielleicht ist sie so alt wie Pippi Langstrumpf jetzt wäre, die womöglich als Pippi Strützstrumpf im Altersheim von Taka-Tuka-Land lebt, sinnierte der Autor. Bezüglich Oma Fähnchen schloss er mit den Zeilen: „… und sie sehnt herbei voll Schmerz a) die Weihnacht, b) den März.“ Als wäre das nicht Unterhaltung genug, gab‘s noch ein Chanson über einen Torero ohne Tiefsinn obendrauf. Immer wieder gern, durchaus auch singend, Elmar!

Dritte im Lesereigen war Suse aus Neukölln, die einen „Goldenen Nachmittag ohne Nixe“ zum Besten gab. „Wir treffen uns beim Supermarkt. Rotze wartet bereits.“ So setzte sie von Anfang an treffsicher den Ton. Die Ich-Erzählerin der Milieustudie ist knapp 14, raucht und trinkt Goldkrone, um sich den Tag zu vergolden. Zum Geburtstag wünscht sie sich Torte, Sekt und „dass Muddern mal nüchtern ist“. Sie hat das Sagen in der Gang, zu der auch Zecke, Kay und Nixe gehören. Aber Nixe fehlt an dem Tag, und Zecke ist zu spät. Muss dafür Pizza klauen im Supermarkt. Erst läuft alles glatt, dann kommen „die schwarzen Ladenhüter“, und es wird eng für die Mädchen … Suse weiß, wovon sie redet und ist nicht nur sprachlich dicht dran an ihren Protagonisten. Das Publikum ging voll mit.

Nach der Pause ist vor der Wahl. Doch Überraschung: Nicht nur die von Leovinus beverste in Thüringen ist passé, sondern auch die zum Themenbeauftragten für Dezember – glücklicherweise mit besserem Ergebnis. Der abwesende Frank hatte sich darum beworben und muss sich nun zum Thema „Kirsch“ was einfallen lassen, nachdem „Sündenfall“ – Thema Nr. 1 – in der (erstmaligen) Publikumsabstimmung durchgefallen war.

Was wäre eine Lesebühne ohne Wolfgangs Assoziationsakrobatik? Kariert versus liniert – so lautete die Versuchsanordnung. Eine Recherche im Schreibwarenladen brachte die ganze Bandbreite an möglichen Lineaturen zutage: groß- oder kleinkariert, mit Rand oder ohne und wenn ja, wie breit. Der Transfer der Lineaturen ins wahre Leben gelang Wolfgang bei einem Punkkonzert auf dem Tempelhofer Feld mühelos, fand das geneigte Publikum. Eine Zuhörerin nahm die Frage mit, welches Teilchen oder Kästchen im großen Ganzen sie wohl sei und ob sie auch Ränder habe. Danke, Wolfgang, für diesen erfrischenden Denkanstoß!

Eigentlich zu spät erschienen, weil in Unkenntnis unserer neuen Anfangszeit (19.30 Uhr), bekam Oliver doch noch die Chance zum Vortrag. „Part of missing man“, lautete der Titel, wenn ich das richtig notiert habe. Es ging um Kurt Cubain, den 1994 mit 27 jungen Jahren selbstgemordeten Sänger und Gitarristen der Band Nirvana, um sein Album „Never Mind“, seine schwierige Kindheit, die quälende Monotonie seines Rockstarlebens, seine Depressionen. Ein langes Gedicht nannte Oliver den sprachlich dichten, inhaltlich schwebenden Text, dem wir gern zuhörten. Nach eigener Aussage ging es ihm um Konformismus, Wahrhaftigkeit und wie Kreativität auch in einem brutalen Arbeiterumfeld an Gestalt gewinnen kann. Cubains Geist traf das jedenfalls ganz gut, fand nicht nur Wolfgang.

Mit „Die Wohnung“, einem Auszug aus etwas Längerem, beschloss Barbara diesen abwechslungsreichen Abend. Ihr Text knüpfte direkt an ihre Älteres-Ehepaar-Geschichte an, in der die Frau auf den richtigen Moment zum endgültigen Gehen wartet. Jetzt ist sie wirklich fort, allein in der im Stillen gekauften Zweieinhalbzimmerwohnung. Es klingelt an der Tür, sie muss eine allzu neugierige Nachbarin abwimmeln, bevor sie sich ein Glas Wein gönnt. Das soll ihr helfen, „den Mann zu vergessen, der sie 35 Jahre lang zu seiner Haushälterin gemacht hat“. Eine sehr geradlinig erzählte Episode, merkte Suse an, und tatsächlich könnte das Gesamtprojekt durch mehr Gestaltungsfreude noch gewinnen. Erzählenswert fanden wir die Geschichte allemal.

Das war sie auch schon wieder, die etwa 182. offene Lesebühne SoNochNie. Die schönen Fotos stammen wie immer von Michael – danke! Unser Dank geht natürlich auch an das Team vom Zimmer 16. Am 25. November wird uns dann Wolfgang als Themenbeauftragter verraten, was es mit einem „Vorhang“ auf sich hat, vielleicht gehabt hätte oder künftig würde haben können. Wir sehen uns!

Man taucht niemals in dasselbe Ohr

Die Lesebühne, die zwei Geburtstage feierte, nämlich den 110. Napoleons, hier legte Leovinus eine Kunstpause ein, um irgendwann den Nachnamen Nolsøe anzufügen, damit jeder genügend Zeit hatte sich zu wundern. Napoleon? 110. Geburtstag? Häh?

Man lernt an diesen Stellen immer Dinge, die man nie zu brauchen glaubte. Nolsøe war ein färöischer Arzt, der sich darum verdient gemacht hat, die färöische Sprache am Leben zu erhalten, indem er alte färöische Dichtungen sammelte, zum Beispiel die Sigurdslieder. Jedenfalls gab es da noch Sigmund Jähn, der vor 41 Jahren mir meinen Kampf zwischen Karat und den Puhdys um den Platz eins versaute, indem er ins All flog, dazu ließ Leo eine färöische Heavy Metal Band „Tyr“ laufen, was eine Anspielung auf den Kriegsgott nicht zu verwechseln mit Thor ist, der war ein Wettergott (schreibe ich mich jetzt um Kopf und Kragen bei allen Avengers-Fans) und hatte einen Hammer und dieser Hammer hatte ein …

 

Wurfgewicht

Und damit hatte Leo den Übergang zum Thema des Abends erzwungen, aber die Themenbeauftragte Petra Lohan war noch nicht erschienen, über Pankow war ein Unwetter niedergegangen. Ein heftiger Regen spülte viele vertrocknete Blätter von den Bäumen und gemahnte uns an die Klimakatastrophe, aber der stellte sich Wolfgang Weber in den Weg. Er hatte für eine seiner anderen Bühnen oder online-Wettbewerbe das Thema „Das Orakel“ zu bearbeiten und sich für das „Wattestäbchenorakel“ entschieden. Man taucht niemals in dasselbe Ohr. Wolfgang sammelte alle möglichen Wortpaare, z.B. gluten und lügenfrei, wobei man das Wort Lügen auf dem e betonen muss, damit es wirkt. Galgen oder Guillotine, Knirps oder Schirm. Es ging um scheinbar gleiche Enden.

Nun gut. Der Donnergott hatte ein Einsehen und Petra tauchte doch noch auf und präsentierte uns ihre Geschichte zum Thema mit dem Titel „Abwürfe“. Ein Dreier, der sich einst gefunden hatte, um eine im Eis Grönlands verschwundene Atombombe aufzuspüren. Sie hatten sie nicht gefunden, Natalia, Piet und Helena. Aber jetzt bekommt Natalia eigenartige Post mit Fotos, die sie an die alten Zeiten erinnert. Der Schmerz wird neu, wie Goethe sagt. Es wiederholt die Klage des Lebens labyrinthisch irren Lauf. Kleinzitat, ist auch egal, Goethe ist länger als 75 Jahre tot. Das Eis schmilzt. Die Atombombe taucht wieder auf und mit ihr die Möglichkeit, alte Freundschaften aufleben zu lassen, mit Geld und Kampf. Schön, wenn Beides zusammen kommt. Aber vielleicht will ja auch unser aller peinlicher US-Präsident die Bombe zurückhaben.

Dann trat der uns allen ans Herz gewachsene Matthias Rische auf. Ich bin da an was dran, sagte er, noch ohne Titel. Der Sohn einer Mutter, die früher Barrikaden angezündet hat, hat sich eine Bannmeile aus Kuscheltieren gebaut. Er – im Gegensatz zu ihr (?) – weiß nur nicht, wer der Gegner ist. Sie, fand er, hätte Rücksicht nehmen können. Freiheit, weiß der Junge, ist das wichtigste. Es ist ein Irrtum, dass man sie sich erkämpfen muss, man kann sie nur einbüßen. Den Satz finde ich so gut, dass ich glaube, den hast du geklaut, lieber Matthias. Wenn nicht: Chapeau. Eine Flunder taucht auf, seinen Bannkreis zu durchbrechen, die sich für einen Frosch hält. Der Junge will sie nicht küssen, da sagt sie: Nicht? Na, dann mach‘s gut, du Arschloch. Auch der Piranha, der an seinem Strahl hinaufklettern könnte, macht ihm Angst. Erinnert mich an das Wildfeuer aus Game of thrones, das angeblich auch an einem Pissstrahl nach oben klettern kann – männliche Urängste.

Nach der Pause mochte Matthias neben Barbara auch den Themenbeauftragten für den Monat Oktober geben. Er erloste sich das Thema „Wohnungssuche“. Wird wohl was ordentlich Deprimierendes werden. Der Hauptheld landet wahrscheinlich in Pasewalk.

Außerdem las noch Barbara über eine kleine eher wenig geschichtliche, eher protokollarische Familienepisode, die sich wohl genau so zugetragen hat. So richtig dicker Besuch. Selbst der Freund der jüngeren Tochter ist schon verfettet. Und es gibt Buttercremetorte und schokoladige Sachertorte. Nur für die Ich-Erzählerin hat man, weil man die schon kennt, bei Aldi oder wo auch immer eine tiefgefrorene Obsttorte gekauft. Es wird geschwafelt und der Vater lässt sich das Wort nicht entziehen. Selbst als die Ich-Erzählerin persönlich von dem perspektivisch adipösen Schwiegerneffen etwas über dessen Leben erfahren will, antwortet dessen Schwiegervater in spe. Der Text endete mit dem Satz: Erstaunlich, wie langsam so viele Kilos die Treppe runterschleichen können.

Auch bei mir hat der Text ambivalente Gefühle ausgelöst. Unser Dauergast Martin formulierte es so: Dann benennen wir uns um und machen therapeutisches Schreiben daraus. Ein bisschen dramaturgische und literarische Gestaltung hätte das Ganze schon vertragen, auch wenn jeder sich in die Situation ganz gut hineinversetzen konnte.

So. Das war der verspätete Bericht über die 136. Lesebühne SoNochNie!. Wir hoffen auf reichlicheren Besuch, wenn erst die Tage wieder kürzer und hoffentlich auch kühler werden. Nächstes Mal bin ich höchstselbst der Themenbeauftragte mit dem Thema: Spätsommersehnsucht. Gibt drei mögliche Geschichten. Als ich den einen Protagonisten gefragt habe, was er sich wünsche, wenn ich über ihn schreibe, hat er so eine Rappergeste gemacht und gerufen: Ich will eine coole Sehnsucht, okay. Als ich dann noch fragte, was er sich da vorstelle, hat er gesagt: Du bist der Schriftsteller. Denk dir was aus! Eine coole Sehnsucht. Eine kühle Sehnsucht sozusagen. Gibt es das überhaupt? Ist eine Sehnsucht nicht immer schwer und unerfüllbar? Und heiß sowieso.

Übrigens: Der zweite zu feiernde Geburtstag war der der Themenbeauftragten Petra Lohan. Herzlichen Glückwunsch nachträglich von dieser Stelle. Sie wurde 29 …..   ….. f?

Bis dahin, Euer

Netto-Service-Center

Der 22. Juli 1711 war der Geburtstag von Georg Wilhelm Richmann, der zu Blitzableitern forschte und deshalb von einem Blitz getötet wurde. Er starb, damit wir heute entspannt auf unseren Balkonen den häufiger werdenden Unwettern zusehen und uns wohlig gruseln können.

308 Jahre später findet die 135. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow statt. Diesen Zusammenhang stellte der Moderator des Abends, bewährt und lecker, unser Leovinus her. Bevor er selbst zur Tat schritt und sich als Themenbeauftragter auf den gefährlichen Stuhl setzte (dazu später mehr).

Sein Thema lautete „Wundheilung“, und die Moral von der Geschicht war, dass jeder Penner dein Wundheiler sein kann. Man muss ihm nur eine Chance geben. Wenn er, wie im vorliegenden Fall aus dem Ostblock stammend, nach der Wende vom System ausgespuckt, früher mal ein erfolgreicher Wissenschaftler war, der statt einer Wunderwaffe (Giftgas), wie eigentlich sein Auftrag lautete, eine Wundermedizin erfand, die jedes Wehwehchen im Handumdrehen heilt. Die Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit, zumindest was die Begegnung mit dem Penner betrifft. Mein Lieblingssatz war: alles streng geheim, schließlich könnte man jeden verwundeten Soldaten heilen, wenn das in die Hände des Feindes fällt! Der Penner suchte nach einem Netto-Servicecenter. Kennen Netto? Netto-Servicecenter? Es stellte sich heraus, dass Netto ein früherer Kollege des Penners war, der die Restbestände der Wundermedizin mitgehen lassen hatte, und der ihn nun heilen sollte. Was er am Ende (gut, alles gut) auch tat.

Nach Leovinus führte uns Ute Danielzick in die Welt der albanischen Märchen ein. „Märchen aus Omas Truhe“ heißt die Sammlung, die sie damit bewarb. „Das magische Becherlein“ brachte sie zu Gehör. Ein Junge, der mit fünf Franken böse Jungs davon abbrachte, Tiere zu quälen, diese stattdessen mit nach Hause nahm, eine Katze, einen Hund und eine Schlange. Zur Belohnung geriet er an ein magisches Becherlein, das er unter der Zunge halten musste oder so, jedenfalls hatte er dann immer genug Gold. Das Becherlein wurde ihm gestohlen, mithilfe der Tiere findet er es wieder, muss zum König, der ihn um seine Paläste beneidet. Die Königstochter wird schwanger, der König schmeißt sie in einer Truhe in den Fluss, in der Truhe (das hat mich sehr beeindruckt) gebärt sie das Kind, der König lädt den erwachsen gewordenen Jungen und die Tochter doch wieder ein, der Hauptheld verpasst ihm mit einem glühenden Hufeisen einen Denkzettel. An Wendepunkten hat es der Geschichte nicht gemangelt. Is aber allet noch ma jod jejange, wie der Albaner sagt.

Anschließend las Wolfgang Weber einen Text von 2013 „Feiertaxi oder Wasser trinken in Pankow“ – es ging um ein Festival im Bürgerpark, das heißt Fayatak oder hieß so und gehörte zu dem schon eingeführten Festival Rakatak. Jedenfalls durfte Wolfgang seine Wasserflasche nicht mit aufs Gelände nehmen. Oder ist sie doch noch mitgekommen? Habe mir notiert: Meine Wasserflasche ist doch noch mit aufs Gelände gekommen, wahrscheinlich hat er sie geschmuggelt. Jemand sollte drei Wasserflaschen in sieben Minuten leeren und gleichzeitig einen Text lesen, hat aber nur zweieinhalb Liter geschafft. Wolfgang machte sich Gedanken um den Einfluss der störenden Musik auf den Leserhythmus. Beim Rausgehen war der Wachposten, der ihm seine Wasserflasche nicht durchgehen lassen wollte, nicht mehr da. In der Diskussion wurde gewarnt, dass beim Karneval der Kulturen auch keine Wasserflasche mehr zulässig wären.

Dann gab es die Pause und der Themenbeauftragte für den Monat September wurde gekürt. Ich hatte wieder mal Lust und habe das Thema „Spätsommer-Sehnsucht“ gezogen. Eine Geschichte ist mir schon begegnet. Mitten im heißesten Berlin. Aber was im Juli passiert, kann für den Spätsommer erzählt werden. Da sollte ein Autor frei sein.

Es las nach der Pause Ulrike Günt(h?)er eine Geschichte über Rebecca oder Rebekka, deren Ex-Mann zur Kindstaufe lud. Clown oder Seiltänzerin, das war hier die Frage, was sollte es als Taufgeschenk sein? Jens, der Verkäufer diskutiert mit der Protagonistin, ist aber eigentlich von der Frau genervt, die sich Gedanken darüber macht, warum es die Männer sind, für die es einen zweiten oder sogar auch einen dritten Frühling gibt. Wird es ein Junge, soll es der Clown sein, bei einem Mädchen die Seiltänzerin. Für Informationen diesbezüglich (als Ex erfährt sie ja nichts mehr, nicht mal von ihren Kindern) steht Doa, die Putzfrau, zur Verfügung, die für beide Haushalte zuständig ist und die gerne schwatzt und sich durch Berge von Blusen dabei bügelt. Rebekka denkt an ihre Kindheit, dass für ihren Traum, Ballettunterricht zu nehmen, kein Geld da war, nur für ein Karnevalskostüm hat es gereicht, ein Tutu, das ihre Mutter irgendwann einfach wegwarf. Sie erinnert sich an Pfefferminzküsse – jetzt sind es Ralfs Erdnussküsse. Es wird immer melancholischer, bis Doa am Ende die Puppe im Haus des Exmannes und seiner neuen Frau platziert und der Leser erfährt, dass die Seiltänzerin eine Spionin ist, die statt eines Glasauges nun eine Kamera hat. Zurück im kleinsten Kreis der Familie. Happy end geht anders, finde ich, aber das war wohl auch nicht beabsichtigt.

Dann durfte ich selbst lesen, but the freaking furniture attacked me und Leovinus reichte mir ein Tempo, womit ich meine rasant wachsende Blutblase unter Kontrolle halten und kühlen konnte, danke, Leo. Ich las eine Sage, ein Märchen, die/das ich für meinen Roman erfunden habe, um den phantastischen Geistergeschichten einen weit in die Vergangenheit reichenden Bezug zu verschaffen. Die Geschichte handelte von Hagir, dem Schrecklichen, der sich eine Armee aus von Geistern besessenen Krüppeln und Aussätzigen schafft, die sich alle an ihren Verderbern rächen bis sie zurück in den Geistersee müssen. Die Geschichte wurde sehr freundlich aufgenommen. Kritisch wurde angemerkt, dass ich in der Sprache nicht konsequent wäre, weil es mal nach altem Deutsch und mal nach neuem Deutsch klingt. Da werde ich nochmal rangehen und hoffentlich mit (m)einem Lektor eines Tages diskutieren.

Schlussendlich erfreute uns der Matthias Rische mit einer Geschichte über „Zwei Blatt Papier“. Es handelt sich um eine Lehrerin, Frau Herrschel, die wegzieht und Abschied nimmt von einer Klasse, die sie fünf Jahre lang unterrichtet hat und besonders von Ramon, von dem sie zwei Blätter Gedichte in die Hand bekommen hat. Freiheit, konterkariert von Schwertern in den Himmel. Ramon ist ärgerlich, sie hat nicht das Recht, diese Gedichte zu lesen. Sie fragt sich, was sie von ihm weiß. Er schimpft, dass sie nun die Wörter befreit hat. Sie sind persönlich, gingen niemanden etwas an. Schreiben wäre schließlich wie Splitter aus einem Körper ziehen – Körperverletzung an dir selbst – Wunden in Narben verwandeln. An der Stelle, fand ich, schloss sich thematisch der Kreis des Abends. Sie darf ihn nicht berühren, aber sie sagt ihm, dass sie erkennen kann, ob der Schreibende sich zeigt. Am Schluss berührt er sie, weil sie es nicht durfte. Eine sehr berührende Geschichte. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob eine solche Geschichte auch mit umgekehrter Geschlechterverteilung (Herr Herrschel und Ramona) hätte geschrieben werden können. Ich finde, das wäre für den Autor doch eine schöne Herausforderung. Vorzutragen auf der 136. Lesebühne am 26. August. 😉

Oder es könnte für den 23. September ein schöner Sidekick für die Spätsommer-Sehnsucht werden. Nun. #meetoo… immer schön vorsichtig sein. Nabokov ist nicht mehr. Heute ist Houellebeqc. Euer

Beim Kürzen werden die Texte länger

Diese 129. Lesebühne SoNochNie! vom 28.1.2019 war eine besondere, fühlte sich so an, vielleicht weil „das Radio“ da war, versteckt im Publikum; vielleicht weil da zwei Mikrofone waren, eins für den Lesenden, eins für den Moderator und die Zuhörer; nicht direkt eine Premiere, aber doch wegweisend für die Zukunft, da immer mehr andächtig Lauschende auch die hinteren Reihen füllen; und natürlich wegen des großen Ereignisses, das seinen Schatten vorauswarf. Aber der Reihe nach.

Norbert Leovinus Wurzel führte launig durch den Abend, erklärte die Lesebühne zur dreitausendsiebenhundertneunundachtzigsten (wenn ich richtig mitgeschrieben habe), die (wenn ich richtig gerechnet habe) erst im Jahr 2324 sein wird. Weiß nicht, welche Urnachkommenschaft von Leo da moderieren wird und wo. Und diese Frage führt uns stante pede zum Thema des Abends:

Spekulationen.

Themenbeauftragter war unser allen ans Herz gewachsener Wolfgang Weber, der in bewährt assoziativ-rhythmischer Weise dem Thema zu Leibe rückte, wie immer unmöglich in drei Sätzen zusammenzufassen, aber ein paar Fetzen kann ich am geneigten Leser vorbeirauschen lassen: Er kündigte 99 Sätze an und warf Fragen auf: Wie spekuliere ich mit Geld, das ich gar nicht habe? Bekam James Brown seine Sex machine zum Laufen? Er brachte John Maynard und John Maynard Keynes zusammen, weil sie beide irgendwie Steuermänner waren; eröffnete uns seine Entdeckung des Volkes der Kraten, namentlich erwähnte er die Unterstämme der Büro- und der Autokraten. Zwischendurch fragte er, ob wir auch spekulierten, nämlich, wie viele von seinen 99 Sätzen schon vorbei wären. Ich käme nie auf die Idee diesbezüglich zu spekulieren, weil ich Anfang und Ende seiner Sätze nicht genau ausmachen kann. Als dann der 99. Satz dran war, beschäftigte ihn, was Goethe zu all dem sagen würde, wenn er noch lebte. Antwort: Nichts, denn er ist schon tot. In der Diskussion kam die Bemerkung, dass es diesmal schon seine Längen gehabt hätte, da sagte Wolfgang den bemerkenswerten Satz: Beim Kürzen werden die Texte länger. Und rasselte dazu mit seinen Rhythmuseiern.

Die zweite Vortragende war ein Gast aus Hamburg, Andrea Schomburg. Sie konnte ihre Texte alle auswendig und benutzte Leos Mikrofon, weil sie wanderte. Es handelte sich um zauberhafte lyrische Miniaturen, alle mit feinem Witz versehen, u.a. von einem Rotfuchs und einem Hühnchen; der Fuchs beeindruckte das dumme Huhn, aber am Ende des Abends war sein Portemonnaie weg und es folgte die Moral von der Geschicht: Noch nicht mal einem dummen Huhn kann man als Fuchs noch trauen. Der zweite Text handelte vom Großstadtparadies, das kommen wird, wenn das Rahm-Vitello wieder zum Kälbchen wird. Dann ging es um die Libido der Kartoffelchips (gehaucht (oder doch geknistert?): Komm, du willst es doch auch!); dann kam Parzival auf der Suche nach dem Gral in das Dörfchen Wuppertal und wurde von einer ansässigen Hausfrau beschieden: Das ist doch Quatsch mit dem Gral, das lassen se mal – sie machte ihn zum Schüsselverkäufer in … habe ich vergessen … Minden? Dort denkt er nur noch selten an das Generve mit dem Gral. Andrea beschloss ihren Vortrag mit einem neuen Text auf das berühmte Lied von Tevje „Wenn ich noch einmal jung wär…“ um zu schließen: „Manchmal ist’s mir ein Genuss, dass ich nicht mehr jung sein muss.“ Was mich an den schönen Hannes-Wader-Text erinnerte: „Schön ist die Jugend, so sorglos und frei, Gott sei Dank ist sie endlich vorbei, und sie kommt zum Glück nie mehr zurück.“

Leovinus zog danach Jana Franke (das erste Mal auf unserer Bühne) aus dem Lostöpfchen mit dem ernsthaften Text „Schwesterherz“. Es geht um einen Selbstmord und handelt von den unerbittlichen Kriegen auf den geschwisterlichen Schlachtfeldern. Dem Vorwurf: …Mich damit zu behelligen, dass ich dich abschneiden muss!“, dem linken Turnschuh, der gegen die Schläfe des literarischen Ich stieß. Es wird die Geschichte einer symbiotischen Geschwisterbeziehung erzählt, die andere Kinder teils ausschloss („Sprüche von den anderen Kindern erreichten mich nicht, von dir waren sie vernichtend…“). Schön fand ich den Satz von einem Ringelpullover, der kratzte, als wäre er mit Brennnesseln gestrickt. In der Diskussion wurde klargestellt, dass es sich nicht um eigenes Erleben handelt („Ich bin ein Einzelkind!“ – zwischen eigenem Erleben und Literatur sollte eine Distanz bestehen, erklärte die Autorin) und sie erwähnte, dass der Text einen Preis bekommen hat und schon zwei Mal verlegt wurde. Das Publikum war jedenfalls beeindruckt.

Als Letzter vor der Pause las Matthias Rische den Text „Freigang“ mit der Ankündigung: Richtig lustig wird es nicht. Da wandert einer und denkt: Der Weg ist das Ziel, so’n Scheiß! Das fand ich schon mal ziemlich lustig. Ein dystopisch gestimmter Mann sieht identische Familien mit identischen Lebensplänen, die diese hinter zugezogenen Gardinen verbergen. Er lechzt nach etwas Abweichendem. Aber er sieht nur einen Hügel, der keinen Zweck erfüllt, als irgendwann ein anderes Irgendwo hinabzufallen. Ein Fernglas ist seine Hoffnung auf eine Verbindung zum realen Leben. Ein Kaiman taucht auf mit faulig fischigem Atem. Die Berührung seiner Schuppen das einzig intensive Erleben. Bin ich meinem Kopf entflohen? Ist das noch Realität? Sind unvorhergesehene Dinge, die in einer öden Welt passieren, eine Form der Gewalt? Was werde ich sehen, wenn ich die Augen wieder öffne? Sei achtsam, sagte der Kaiman. Micha erinnerte der Text an Hertha Müllers Texte über das Rumänien der Ceausescu-Zeit. In der Diskussion wurde sich darauf geeinigt (?), dass der Text nicht zu einem depressiven Kopf gehört, sondern zu einem, der die Welt ablehnt und Angst hat, doch hineinwachsen zu müssen.

Dann war Pause und Leovinus kündigte unser zehnjähriges Jubiläum am 25. März 2019 an, zu dem jeder aufgefordert ist, einen Text zu verfassen zum Thema „Mensch, ist die groß geworden“ (maximal drei Minuten) und diesen in einer Stoppuhr-Staffel (gibt’s sowas überhaupt?) vorzutragen. Man darf auch ohne Text kommen, muss aber dann drei Euro Eintritt zahlen. Außerdem covern die Stammautoren der Lesebühne sich gegenseitig und schreiben je eine Geschichte eines anderen neu unter dem Motto „geschickt gecovert“. Darauf freue ich mich schon sehr. Deshalb wurde für den März auch kein Themenbeauftragter gewählt. Wer Themenbeauftragter für April werden will, muss am 25. Februar wiederkommen.

Anschließend wurde Angela Bernhardt gelost. Sie las erste Zeilen zu einem größeren Projekt, in dem es um das Verschwinden geht und um die Frage: kann ich mir sicher sein, dass da überhaupt jemals einer da war; an sich der Stoff zu einem Gruselfilm; meine Horrorvorstellung par excellence: wenn meine eigene Wahrnehmung keinen Spiegel in anderen Wahrnehmungen mehr findet. Den Leser beruhigte die Autorin schon mal damit, dass sie aus der Perspektive des Verschwundenen begann. Der Leser bekommt einige Andeutungen zu hören, warum es passiert, im Zentrum der verheerende Satz: von jedem bleibt etwas, noch mehr Fragen als Antworten – die „Verlassene“, aus deren Perspektive der zweite Teil erzählt wurde, hat ihre liebe Not, einen Beweis zu finden, dass ihr Begleiter in die ewige Stadt tatsächlich mit ihr dort war – und muss dafür eine Horde japanischer Touristen überzeugen, dass sie ihre Handyfotos sehen darf (und den Beweis ausdrucken). Angela erfuhr Zuspruch von Jana, der die neuen unverbrauchten Bilder gut gefallen haben und von Andrea, die fand, dass es gut gelungen ist Spannung zu erzeugen. Wir sind auf den Fortschritt des Projektes gespannt.

Die sechste Lesende des Abends war Margret Franzlik, die ebenfalls aus etwas Größerem vortrug über das Ding in meinem Kopf, ein Text, der sehr offen mit einer Erkrankung und deren Folgen umgeht, ohne eine allzu große Distanz zwischen persönlichem Erleben und Geschriebenem herzustellen. Aus der sitzenden Position wird sie das Schreiben, schreibt sie, jedenfalls nicht herausholen. Vom Sessel vor dem Fernseher direkt an den Schreibtisch. Um aufzuarbeiten was geschehen ist, bzw. was sie erfahren hat, dass da eine große glatt begrenzte Raumforderung in ihrem Kopf ist, dass sie möglicherweise nicht mehr lange zu leben hat, und doch ihren Enkel aufwachsen sehen will. Ich fühlte mich in Ähnlichkeit und starkem Unterschied erinnert an Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das ich der Autorin gerne empfehlen möchte. Auf alle Fälle hat der Text große Teile des Publikums stark bewegt.

Dann zog Leovinus mich aus der Lostrommel. Es gab einen kurzen Ausschnitt aus meinen Roman. Ich danke für die Anmerkungen, insbesondere zu der Frage der Reflexionen oder Erinnerungsfetzen einer handelnden Person, und wie einen das aus der Handlung und der Spannung reißen kann. Man soll doch darauf vertrauen, dass sich der Leser merkt, was er hundert Seiten zuvor schon mal gelesen hat. Aber weiß ich als Autor, was ich vor hundert Seiten schon mal geschrieben habe? Ich werde die Anregungen beherzigen. Schwöre.

Und zum Abschluss las Andrea Maluga über Martha und Ida, die vor hundert Jahren nach Berlin kamen, als Dienstmädchen im Grunewald, später als Büglerinnen der Spitzenkragen der feinen Damen im Prenzlauer Berg, mit Wohnung in einem kleinen Stübchen drei Stockwerke über der Wäscherei, wie es Malzkaffee und Brotsuppe gab und die Meisterin für das Wochenende auch mal ein Ei spendierte. Der Aufreger aber war ein grünes Kleid, das Martha Ida für den Samstagabendschwof schenkte, weil sie es von der Schillerschen, die es nicht mehr tragen konnte, ebenfalls geschenkt bekommen hatte. Ging darum, ob man das ausfüllt (das Wort Busenschönheit kannte ich noch gar nicht) und sich damit einen Galan angeln kann, in Potsdam auf der allwöchentlichen Brautschau. Sie kriegten auch Beide einen ab (obwohl Ida erst rummoserte, als Martha mit ihrem Husar knutschte), bekamen Kinder (Martha gab Ida eins ab) und einen Lungensteckschuss (der Husar) und an dem Punkt musste ich an Tucholsky denken „Warum wird beim Happyend im Film jewöhnlich abjeblendt“.  Die Geschichte lebte von der wunderbaren Beschreibung des Lokalkolorits einer untergegangenen Zeit, der wir (un)sinnigerweise manchmal hinterhertrauern.

Das war sie dann auch schon, die 129. Lesebühne SoNochNie! – bis zum 25. Februar – Euer

Von wegen grau!

 

Der November kann diese Farbe traditionell für sich beanspruchen – die offene Lesebühne SoNochNie vom 26.11.2018 dagegen keineswegs. Leovinus, unser geschätzter Moderator, war leider verhindert, und so begann vertretungsweise Frank seine beherzte Moderation mit einer Überraschung: Steffen, der Themenbeauftragte des Monats, muss beim Fliegen Lernen entweder ins Straucheln gekommen oder weit übers Ziel hinaus geschossen sein, jedenfalls hat er uns versetzt. Dafür sprang – zweite Überraschung – Lucie ein, die Themenbeauftragte vom Juni, die uns ihrerzeit wegen einer Fußverletzung spontan abhanden gekommen war. Aber ich will nicht vorgreifen, den ersten Leseplatz am schlichten Holztisch besetzte nämlich Jane, die wiederum im Oktober infolge übermäßigen Autorenandrangs nicht mehr zum Zuge kam. So viel zum unterhaltsamen Bühnenreigen.

Jane also berichtete in ihrem Text „Der blinde Fleck“ von einem Autor, der sich an Thomas Mann misst und kein Wort aufs Papier bekommt, obwohl er unumstößlich weiß: „Ich muss schreiben!“ Nur um einen Schriftstellerkollegen zu beeindrucken, bringt er zum Jahresende dann doch ein Werk heraus, hinter dem er nicht steht, und hat sogar Erfolg damit. Als er stirbt, sagt man, er war ein schrecklicher Mensch. Die Diskussion entzündete sich an der Frage, warum Jane über so ein Arschloch geschrieben habe und ob ihr Text thematisch zu vollgestopft sei für eine Kurzgeschichte. Die einen sahen Ansatzpunkte zur Romantrilogie, die anderen plädierten für noch stärkere Verdichtung. Sprache und Vortrag des Textes fanden jedenfalls Anklang.

Dann bat Lucie das Publikum, die Augen zu schließen bevor sie – mehr assoziativ als analytisch – in eine veritable Feinstaubbelastung abtauchte. „Ich sehe nichts, höre nur das feine Rauschen der Stille …“, beginnt sie und fährt fort mit altem Dreck, der schwer lastet und einem Lichtstrahl, der an ihrer Fingerkuppe leckt, bevor erst sie im Text, dann auch wir im Publikum die Augen wieder öffnen. Der kurze, stimmungsvolle Vortrag hätte ein wenig kraftvoller und langsamer gesprochen noch stärker wirken können.

Marcel las Lyrik. In „Treibsand oder Alles ist gut“ (nach dem Film „Alles ist gut“) versucht eine Frau, sich nach einer Vergewaltigung nicht unterkriegen zu lassen. „Begegnung mit Sankt Dementia“ basiert auf einem realen Erlebnis des Autors mit seiner Tochter vor einem Seniorenheim. „Ich will nach Berlin, da, wo noch Weihnachten ist“, erklärt eine alte Dame melancholisch. Sein letztes Gedicht „Rabenliebe“ beruht auf Peter Wawerzineks gleichnamigem Roman und endet mit dem Satz des Erzählers an seine Mutter: „Ich bin dein Kind, ich dien‘ dir als Krücke, du brütest mich aus und lässt mich zurück.“ Die Lyrik kam an, nur über die Notwendigkeit der Vorgeschichte zum zweiten Text gingen die Meinungen auseinander.

Octavia hatte drei Kurzgeschichten dabei. Eine „Alte Frau am Fenster“ beobachtet eine junge Frau, die täglich am Meer auf den geheimnisvollen Geliebten wartet und enthüllt dessen Identität erst, als die junge Frau in weißem Kleid und mit Taucherbrille auf eine Delphinflosse zuschwimmt. „Die Prophezeiung“ erzählt von Tante Hermine, der ein früher Tod vorhergesagt wird, weshalb sie weder heiraten noch Kinder bekommen will. Doch zum Erstaunen der erst mitleidigen, später vorwurfsvollen Verwandtschaft sieht man sie selbst mit 84 Jahren noch auf einem Kamel in der Wüste. In „Fifty-fifty“ sorgt ein bärtiger junger Mann mit arabischen Zügen im Nahverkehr spätestens als sein Handy klingelt für latenten Generalverdacht. Doch nichts passiert. Mit ihren leisen, nachdenklichen Beobachtungen entließ uns Octavia fast in die Pause.

Zuvor meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den Monat Februar und wählte gleich das erste Losthema: Der Aufbruch.

Nach der Pause gab’s von mir, Angela, eine brandneue halbe Geschichte mit dem scheinbar eindeutigen Titel „G-Punkt“. Eine Frau, die gerade sämtliche Brücken hinter sich abbricht, wird von ihrer Vergangenheit in Gestalt eines älteren Mannes überraschend eingeholt und mit sanftem Nachdruck zur Änderung ihrer Pläne genötigt. Wer wissen will, wie es weitergeht, komme am 15. Dezember 2018 um 19 Uhr zur traditionellen ADVENTSLESUNG der KernautorInnen von SoNochNie unter dem Motto „ALTE BEKANNTE“ in den Jugendclub M24 in Berlin-Pankow (siehe Flyer in meiner Hand). Nur so viel sei noch gesagt: Es war wohl die längste und spekulativste Diskussion über einen halben Text in der Geschichte unserer Lesebühne.

Der unnachahmliche Wolfgang W. brachte uns mit seinem Text „Was ist eine Rhythmusmaschine?“ weniger zum Nachdenken als zum entspannten Mitschwingen und verwies in Sachen Antwort auf den amerikanischen Jazz-Saxophonisten Phil Woods, der die Rhythmusmaschine im Bandnamen trug, auf den Drummer Buddy Rich, mit dem Woods kurzzeitig spielte und auf Iggy Pop mit seinem Hit „The Passenger“ in einem neuen Werbespot der Deutschen Bahn.

Die dritte Überraschung des vielseitigen Abends gelang Richard, der seinen Vortrag gleich selbst mit Kamera und Mikro aufnahm, um ihn den Cohen-Brüdern nach Hollywood schicken zu können. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Tatsächlich gehörte seine alten Sagen entlehnte historisch-fantastische Geschichte um einen Kriegsheimkehrer, der in den Zwanziger Jahren die negative Masse von Basaltsplittern entdeckt und mittels ihrer Tragkraft und einer Fluggerätattrappe dem Streit mit seiner Frau in die Rhönberge entschwebt, vielleicht gerade wegen ihrer dokumentarischen Anmutung zu den schrägsten Beiträgen des Abends.

Den Abschluss bildete Wolfgang E. mit zwei Witzen aus dem semitischen Volksmund, die er zu erheiternden Geschichten ausgebaut und auf jeden Fall bühnenreif vorgetragen hat. In der ersten wird Gott seine Gesetzestafeln nach mehreren Fehlversuchen nur deshalb bei Moses los, weil sie nix kosten, im zweiten soll ausgerechnet „es Davidle“ mal was werden und hat‘s alles andere als leicht.

Beschwingt ging diese 128. SoNochNie-Lesebühne zu Ende. ACHTUNG: Der Dezembertermin fällt, weil auf den 24., leider aus. Wir sehen uns erst am 28. Januar 2019 wieder, wenn Wolfgang W. zu themenbeauftragten und garantiert rhythmischen Spekulationen ansetzt. Bis dahin kommt gut durch den Advent, die Festtage und ins neue Jahr!

Liebe, Tod und Teufel

Der Elmar Grüber war der Themenbeauftragte der 120. Lesebühne SoNochNie!.

Sein Thema lautete „Lieb, Tod und Teufel“ – und er schrieb einen in meinen Augen sehr, wie soll ich es sagen?, wirksamen, treffenden, gut aufgebauten, nebenbei auch witzigen Text zum Thema „Im Hier und Jetzt leben“. Liebe ist eine geile Sache, so begann es, wie Fußball: jeder weiß Bescheid. Niemals überfordert uns der Fußball. Mit der Liebe ist es ähnlich, nur dass man dazu lieber Rotwein statt Bier trinkt. Oder Gott: Jeder modelliert ihn wie es ihm passt.

Aber zur Liebe: Es gibt die Liebe zum Fußballverein; die Liebe zu den Kindern, die man (und die Stelle fand ich besonders treffend) trotzdem jeden Morgen zur Schule schickt – das „trotzdem“ kam im Text nicht vor, aber in mir schon – die Liebe, die mit ficken zu tun hat oder neuerdings auch die Liebe zu sich selbst. Er, der Autor, habe die Liebe zur Göttin der Zukunft, zu Futura, für sich entdeckt. Er zählte eine Reihe von Dingen auf, die ihm in der Zukunft ein schönes Leben bescheren würden, ein Traumhaus, ein Traumauto, eine Traumfrau, eine Traumkarriere.

Der frühe Tod seiner Eltern, die selbst kurz davor noch die verzichtenden Leidensminen ihres Lebens nicht ablegen konnten, beendete dieses Spiel. Diese ewige Weigerung sich etwas zu gönnen, dieses ewige „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Er erkannte, dass seine Göttin Futura ihm mit Sicherheit nur den Tod bringt. Das Leben ist banal, es sei denn, man wendet sich der Gegenwart zu.

Ein wunderbares Plädoyer. Danke, Elmar.

Als zweiter wurde Matthias Rische aus dem Lostopf gezogen. Er las eine Geschichte „Glashaus“. Es ging um einen Menschen, der in einem Callcenter sich Sätze anhören muss wie „Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel“.  Namen tun nichts zur Sache, weil sie dort sowieso Decknamen haben. Pause ist von 12 Uhr 39 bis 13 Uhr 11. In dieser Zeit ist die Beschwerdeaktivität niedrig, weil die Kunden auch zu Tisch gehen. Pause macht er auf dem gläsernen Innenhof, wo sich drehende Bänke zum Verweilen einladen. Dort tauchte dann das literarische „Du“ auf, ein schelmischer Buchhalter mit Bügelfalte in der Jeans, die vom Blick auf das Genital ablenkt. Dieser Buchhalter fährt nach der Pause mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, weil auch hier die Finanzwelt über allem thront. Am Ende passiert, was der Hauptakteur sich erträumt: der schelmische Buchhalter kommt in so einer Pause auf ihn zu, aber aus seinem Mund purzeln die Worte (hatte er geschrieben „tourettiert es“? – nein, hatte er nicht, sh. weiter unten): Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel.  Die Idee war, das verriet uns der Autor, eine Geschichte über Kommunikationsstörungen zu schreiben.

Dann  gab es eine Pause und es wurde der Themenbeauftragte für den 28. Mai 2018 gesucht. Erst als ich drohte es selbst zu machen, fand sich Matthias Rische. Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch, lieber Matthias. Das erste Thema („WM in den Zeiten der Krim-Krise“) lehntest du ab. Zu Recht, wie ich fand, weil: was soll man darüber schreiben, außer dass sich der Westen die Krisen produziert bzw. aussucht, die er gerade braucht (uhh, jetzt bin ich aber aus der Rolle des neutralen Protokollanten herausgefallen – hoffentlich gibt das keinen Scheißsturm). Das zweite Thema, dass Du dann nehmen musstest, lautete „Rebellion“. Das ist wie Liebe, Tod und Teufel. Gegen was man alles rebellieren kann: gegen die Regierung, gegen den Chef, gegen die Frau oder die eigenen Kinder, wenn sie einen entmündigen wollen. Viel Spaß und wir freuen uns, lieber Matthias, mal wieder auf was Lustiges?

Der dritte Lesende war Wolfgang Weber. „Rap den Stress“. Ich kann an dieser Stelle wie eigentlich immer bei Wolfgang nur meine Notizen abschreiben.

You can make it if you try

Sei nicht faul

Gib dem Stress eins aufs Maul

Vorsicht ist die Mutter der Personalkiste

Such dir Unterstützung

Sei popopopopopulär

Sei autark

Zeig keine Schwäche

Frag Peter Rühmkorf (den musste ich googeln)

Pack die lange Bank weg.

Es stellte sich heraus, dass er einen Rap zu einem Seminar gemacht hat, dass er besuchte und dass die Papierrolle, mit der er seinen Vortrag rhythmisch begleitete, indem er immer wieder auf einen Stuhl, den er zu diesem Zwecke extra neben den Tisch gestellt hatte, schlug, die zusammengerollten Flipcharts dieses Seminars waren, die ihm der Seminarleiter überlassen hatte. Die Überschriften waren: Sei stark; sei beliebt; sei vorsichtig; sei perfekt; du kannst das nicht. Rap den Stress.

Dann gab es ein neues Gesicht auf der Lesebühne, den Matthias Peikert, der eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basierte, zum Besten gab. „Flüchtlingsentpathie“. Oberkörperfrei (also nicht ohne Oberkörper sondern eben oben ohne) liegt der Hauptheld (was das oberkörperfrei nun auch wieder etwas uninteressant macht – jedenfalls für mich) am Wasser und liest „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt. Weiß nicht, ob das Schleichwerbung ist. Wahrscheinlich schon. Es geht darum, dass die Nachbarschaft auf das Ruhebedürfnis wenig Rücksicht nimmt; um das Gesetz, dass Lärm Lärm anzieht, oder anders formuliert: das Gesetz der proportional steigenden Lautstärke. Die Nachbarn erobern den See („Nr. 5 lebt und feiert das mit einer Arschbombe“). Der Hund darf nicht ins Wasser („Bruno, bleib draußen“) und das Ende vom Lied ist, dass die Enten aus dem Wasser vertrieben werden und auf dem Bootssteg des lesenden Haupthelden um Asyl bitten. An der Stelle wurden mir der See zu Afrika und der Bootssteg zu Lampedusa. Selbst der Spruch „Wir schaffen das“ kam und der kaum noch lesende Hauptheld (übrigens las er eine Geschichte über seine Kindheit in Bonn!) wollte eine No-duck-area auf dem Steg. Getrocknete Entenkacke ist nämlich wie Beton. Schließlich wollte noch der jüngste Balg der Seetyrannen auf den Steg und da – ha – und hier kam der Satz: „tourettierte es aus mir heraus“, allerdings nur in der Phantasie. Zum auf die Matratzen gehen sind wir ja nicht mehr geeignet. Wir dulden und gehen weg. („Lässt die Lage eine Rückkehr auf den See zu?“).  Schade, aber besser fürs Karma.

Und das war sie, die 120. Lesebühne SoNochNie!

Die 121. gibt es am 23. April. Ich freu mich drauf.

Euer