Das Prachtstück – Text von CORDULA, Themenbeauftragte im Juni

Meeeeeeensch, Püppchen … das kann doch nicht so schwer sein!!!“
Udo schnauzt schon wieder rum.
Ich wende mich ihm angewidert zu … naja, so angewidert auch wieder nicht, mein vorheriger Anblick war nicht wirklich viel besser.
Was ist denn nur dein Problem, Püppchen??? Hm? Ich mein … du kniest dich hin, bewunderst sein Prachtstück, er fragt dich, ob du ihm so richtig einen bläst und dann kommt dieser Blick, von unten nach oben … Und du siehst ihn an, als hättest du ein Leben lang auf diese Frage gewartet und als hättest du dafür ein Leben lang blasen nur für diesen Moment geübt. Das will ich. Kein Tamtam. Ein Blick, der mehr sagt als ein Stöhnen. Kapiert? Kriegst hin???“
Ich nicke.
Und tue verlegen.
Ich wende mich dem … ähhmm … Prachtstück zu.
Hab ich schon schönere gesehen, aber ich diskutiere jetzt besser nicht.
Also: Los gehts. Und nicht vergessen … Prachtstück, Frage, AU-GEN-AUF-SCHLAG!!!!“
Ich gebe mein bestes. Wirklich. Ich schmachte das Prachtstück an, ich lausche gebannt seiner Frage und dann schau ich ihn an … mit allem was geht – als hätte ich mein Leben lang auf diese Frage gewartet …
ICH RASTE AUS!!! Er hat dir doch keinen Antrag gemacht. Du sollst ihm doch nur das Teil lutschen, Püppchen!!!“
Ich tue erneut ganz verlegen und blicke zu Boden.
Und während Udo sich in einen seiner Wutanfälle reinsteigert und mir den Blick zeigt, den ich seiner Meinung nach auflegen sollte, (gruselig … ehrlich … ganz, ganz gruselig) frage ich mich mal wieder, wie ich überhaupt in diese Situation geraten konnte.
Um nicht allzu gelangweilt zu wirken, schaue ich geradeaus, zwischen Prachtstücks Beinen hindurch und sehe Svetlana die sich für unsere nächste Szene zu 3. „breit“ macht … ääähhh… bereit macht!
Breit macht … hihi …!
Oh Mann …
Svetlana zwinkert mir rücklings durch Ihre weit gespreizten Beine zu und ich muss tatsächlich grinsen … Ganz, ganz blöder Fehler, denn das animiert Udo dazu, zu Höchstform aufzulaufen.
Das Prachtstück stöhnt entnervt und gibt sich keine weitere Mühe, auf der Höhe zu bleiben, was dazu führt, dass ich Svetlana nicht mehr sehe.
Schade eigentlich.
Blödes Gehänge.
Ich versuche, ein ernstes und demütiges Gesicht zu machen. Gelingt mir wohl gut, denn Udo kommt zum Ende mit den Worten:
So, mein Püppchen, das machen wir jetzt noch genau 2x und wenn das nicht läuft, dann kriegst du eine schnöde Szene beim Gang Bang.“
Das sitzt.
Das Prachtstück, verstört ob des abrupten Endes, muss zusehen, dass er schnell wieder einsatzbereit ist.
Sein: „Nun hilf doch mal!“ ignoriere ich gekonnt und übe Augenaufschläge.
Nur so in mich rein.
Heimlich.
Muss richtig bescheuert aussehen, denn Udo fragt: „Alles okay? Panik?“
Ich schüttele den Kopf und mache mich bereit. Jaaaa … BEREIT! Hah …
Los gehts!
Nun ja … die Details lasse ich an dieser Stelle aus.
Ich höre, wie sich Udo mit der flachen Hand vor die Stirn schlägt und fassungslos in sich rein murmelt.
Svetlana, nun im Spagat, steckt mir die Zunge raus und grinst, was ich leider schon wieder nur noch zum Teil sehen kann.
Das Prachtstück lässt echt nach. Muss hart sein, wenn man sich die ganze Zeit auf was freut und dann dauert es ewig.
Hart sein … Hihi …
Ooohhh …
Jetzt aber. Letzte Chance. Da verstehen sich Udo und ich endlich mal, denn was ich denke, spricht er synchron.
Das Prachtstück, wieder echt motiviert bei der Sache, mir die Sicht auf Svetlana zurückzugeben, freut sich nun sichtlich. Denn für ihn heißt es jetzt auch hop oder top. Entweder jetzt oder in 10 Minuten mit einer, die es hoffentlich bringt.
Und dann gehts los …
Prachtstück
Frage
Augenaufschlag …
Yeah!!! Geht doch Püppchen! Du geiles, kleines Ding!“ höre ich Udo vor Freude brüllen und ebenso höre ich das Prachtstück erleichternd aufatmen.

Und dann ……….. beiße ich zu.

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Gift oder (Text von Katharina Körting)

Auszugsweise Assoziationen als Annäherung der SO NOCH NIE-„Themenbeauftragten“ im Oktober 2016

(für M.)

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht‘s, dass ein Ding kein Gift sei.“ (Paracelsus 1538)

***

Fragment I

Gift oder
Die auf die Spitze getriebene
Alternativlosigkeit
Die Alternative ohne Alternative

Gift oder Lüge?
Verhältnismäßig
brav, die Frage
Ein Oder kann eine Menge
gaukeln
giftiges Oder
giftiger Fluss
Abgrund
in jeder Minute vergiftet eine wahre Begebenheit
die sekundengenauen Lügen
Gegenwart ist immer Gift für die Vergangenheit oder
umgekehrt
Sachte verklebt sich das Assoziationspuzzle oder
Teile sind eingerissen, andere
fehlen

Gift, oder?
Für Einsamkeitshungrige ist jede Liebe ODER
lebenslänglich
Gift
– und?
Ellipsen sind tückische Gesellinnen
entzückt übers eigene Humpeln
bringen sie die Tinte zum Stocken
ersticken die Sehnsucht nach Eindeutigkeit
nur um sie neu anzufachen

Gift oder…
das Weiße der Seite, das nichts von sich weiß

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Fragment II

Gift oder verweigert die „Botschaft“, ergibt nicht mal den erkennbaren Willen einer Verständigung. Allein lässt mich Gift oder, wird als amputiertes Wort-Ding, das nicht mal metaphorisch ist, zum Schreibstoß: Allein mit Gift oder bleib ich wie jeder der Sprache verhaftet, verdammt, Bilder und Töne zusammenzusetzen, in Worte zu fassen – Metapher! – zu greifen, was ungreifbar bleibt – Gift, oder? Gnade!
Die Sprache als „Objekt und Subjekt zugleich“ (Drawert) liefert mich als ihr Objekt und Subjekt aus an den magischen Zirkel, offen ins Unendliche
Schreibe ich
um der Worte willen atme ich
zwischen Leben und Tod oder Leben oder Tod
Sprache atmet
Gift oder
Vielleicht sollte ich den Argwohn der Leerstelle – oder Was? – für sich stehen lassen. Die Zeit drüber hin weg gehen lassen. Den Metaphern eine sprachlose Auszeit gönnen
Gift oder? Wesen? Zauberhaft, dass selbst keine Metapher
mich an meine Deutungshoheit ausliefert.
Gift oder wird zu Papier, doch ohne Körper hilft kein Code der Welt, das Tintenrätsel zu knacken, das sich immer neue Finten aufschließt, Türen öffnet und versperrt.
In Bewegung bleiben! Sich nicht geschlagen geben! In jedem Moment! Von der Hand in den Kopf in den Unterleib in die Zunge
Sprechen
unmöglich ohne Bewegung der Lippen, des Herzens, der Lunge, jeder Faser und Zelle, in jedem Text gefangen und freigesetzt. Klang. Gegenteil von Verdinglichung: Schwingung. Resonanz. Aus Tönen Bilder, in jedem Kopf eigene, klingende Bilder, die klagen, die frohlocken, die sich schmecken lassen. In ihnen leben wir. Ohne sie stürben wir. In ihnen verlieren wir uns. Mit ihnen sterben wir. Dürfen mehr sein als „ich“, und tröstlich weniger, denn was wäre ein „ich“ ohne „Du“?, was ein Wort ohne Ohr, was ein Satz ohne Augen, die ihn lesen.
Gift oder Schutz oder
Befreiung?
Gift oder
Pistole. Gift oder kein Leben. Mit erhobenen Händen
ergeb‘ ich mich dem Daseinskrimi der Worte, bleibe Täterin, Leserin, Überlebende, die jeden Zettel auf der Straße aufhebt, um zu schauen, ob ein Code, ein Gedicht darauf steht
Nichts oder alles? Gift oder
die Rettung?
Jeder Schritt eine Aufforderung zur Nachfrage, jeder Blick ein Hirngespinst aus Texten. Schreibe Muster ins Gewebe – oder webt es sich? Die alte Frage steuert mich durchs Tintenmeer, und Gift oder ist eine der Klippen, Frage und Antwort zugleich,
Perpetuum mobile wie alle Buchstaben, die zu Wörtern zusammengesetzt, zerschellen
Spiel
Unlösbare Aufgabe
Alles gilt.
Nur Aufgeben nicht

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Fragment III

Gift oder
blauhelle Freundlichkeit
neben zuverlässigen Schienen
die Welt eine Fensterscheibe
angeflogen von Gedankenfliegen
Die Welt ein Kind liebarmer Eltern
geboren im Streit greiser Götter
zerrissene Hosen trägt es
einen Ring in der Nase
und Gift oder
nichts
nur sein Herz auf der Hand
Ewiges Angebot an das Große Schweigen:
Nomen, Verb, und Adjektiv
und die Bindeworte, Personalpronomen, Artikel und die
etceteras, denn
hinter dem Wort kommt das Wort vor dem Wort
Fügewort: Hinter oder und und kann alles
passieren
außer nichts
Gift oder du
bist persönlich gemeint
DIE LETZTE ENTSCHEIDUNG
verweigernd, die Grundlegende
Zumutung, jeden Tag oder und nachts
Welches Wort klingt und
welches klingt schal?
Oder Lust? Oder Luft? Oder Leben?
Gift oder
Schreiben
geht nicht oder

Text & Fotos: Katharina Körting, Oktober 2016

„So noch nie“, Liedtext von Ute Danielzick

Zum Jubiläum, der 99. Lesebühne SoNochNie, schrieb Ute Daniezick extra für uns ein Lied und trug es uns und dem Publikum ganz wunderbar vor. Wir sind gerührt, begeistert und danken aus ganzem Herzen.

So noch nie..

1.
Sie sitzt im Büro, wo außer
einem Zahlendreher gestern,
nichts die Stille unterbricht,
sie aufregt oder unterhält,

als plötzlich vor dem Fenster
etwas kracht und weiter hinten
etwas runter sackt, das schließlich
auf den Gehweg fällt.

Tief erschrocken überlegt sie,
was sie machen soll.
War das ´ne Pistole?
Sie beginnt ein Protokoll.

2.
Auf dem Heimweg wartet schon das
nächste Abenteuer auf sie:
Im Berufsverkehr, mit Drängeln,
in Berlin fährt man zu schnell.

Die Verfolgungsjagd bis in den
Feierabendstau macht hin- und
wieder ganz normale Auto-
fahrer richtig kriminell.

Sie durchzuckt es wie ein Blitz, dann
fasst sie einen Plan:
„Ich schreib meinen Alltag schlicht als
Kriminalroman.

Und sie schreibt, wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst du mich: „Wie schreibt sie?“
Sage ich: „So, wie noch nie, ja, so noch nie.“

3.
Er ist schüchtern und sensibel,
hegt die zartesten Gefühle,
doch die Ex sagt kühl: „Sei bitte
nicht so langweilig zu mir!“

Dann verlässt sie ihn für immer.
Ganze fünfzehn Wochen später
sitzt er noch am Küchentisch.
Ach, wie sehnt er sich nach ihr.

Aus Verzweiflung greift er zu Pa-
pier und Stift und schreibt
alles von der Seele, was ihn
bis zur Lyrik treibt.

Und er schreibt wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst Du mich: „Er schreibt wie?“
Sage ich: „So wie noch nie, ja, so noch nie!“

4.
Es ist wieder Montagabend,
schon der vierte diesen Monat,
als sie sich ein Herz fasst und
zur Off’ nen Lesebühne geht.

In der Florastraße 16,
bei der rotbunten Fassade,
dort, wo „Zimmer16“ über einer
off´ nen Türe steht.

Hier fühlt man sich eingeladen,
mal was zu riskier´ n,
eigne Texte vor dem Publi-
kum zu präsentier´ n.

Und sie liest wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst du mich: „Wie liest sie?“
Sage ich: „Ja, so noch nie, ja, so noch nie.“

5.
Jeder Abend hat ein Thema,
zu dem es paar Wochen später
einen Text zu hören gibt,
das Motto wurde ausgelost.

Gar nicht selten, das hier einer
ganze Bücher schreibt, zu denen
es vorab Kritiken gibt
oder großer Beifall tost.

Wer hier lauscht, ist Kritiker
und Publikum zugleich.
Das erhöht die Spannung, macht
den Abend bunt und reich.

Und man liest wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst du mich: „Das ist wie?“
Sage ich: „Ja, so noch nie, ja so noch nie.“

So noch nie, so noch nie.
Fragst Du: „Wie?“, dann sage ich: „So, wie noch nie.“
so noch nie, so noch nie
so noch nie, ja, so noch nie, ja, so noch nie.

Bridge:

Komm ins Zimmer16
zur Off´ nen Lesebühne.
Hier gibt es, ganz exklusiv
und für euch heute pur,

allerfeinsten Lesestoff
schöne neue Worte,
das monatliche Highlight
aus der hohen Sprachkultur.

so noch nie
so noch nie
so noch nie, ja, so noch nie, ja, so noch nie. 2 x

6.
Eine junge Kriminalro-
man-Autorin und ein Mann mit
Sinn für zarte Lyrik plauschen
noch ein wenig an der Bar.

Was für´ n wunderbarer Abend,
wie erfrischend all´ die Themen –
jedenfalls sie kommen wieder, weil es
hier so klasse war.

Dabei stellen beide fest, sie
sprechen Poesie.
Ganz egal sind Stil und Form,
eines wissen sie:

Das ist so, wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst du sie: „Das ist wie?“
Sagen sie: „Ja, wie noch nie, ja, so noch nie.

 

(C) Ute Danielzick

Petra Lohan: Als der junge Inder Singh ausgerechnet den November in seine Geschichte einbrachte

Auszug aus der Geschichte der Themenbeauftragten des November 2015, Petra Lohan

Umgurtet mit einem Sandelholzkasten, dessen Inneres eine Seidenrolle beherbergte, deren Anfang an einem Pfosten seines Elternhauses im Süden Indiens befestigt war, reiste der Inder Singh von seiner Heimatstadt aus nach Berlin.

Er beschloß, den Landweg zu nehmen und sich seinem Ziel nur langsam zu nähern.
Niemals wollte er auf die sanften Übergänge der Sprachen und Kulturen verzichten, denen er unterwegs begegnen konnte.
Er wollte schmecken, wie der Tee sich vom indischen Nelken-Gewürztee in den persischen Kardamon- und später dann in den arabischen Zimttee verwandelte.
Er wollte selbst sehen, wie sich die grellen Farben indischer Gewürze und Stoffe beruhigten und weicher wurden, wenn er sich gebirgigen Gegenden näherte.
Auch die Schärfe der Gerichte von Indien über Pakistan bis in die Türkei ließ etwas nach, und selbst die Farben verloren an Kraft.
Dies alles wollte er schmecken, in sich aufnehmen und in die klare Schönheit der Mathematik übersetzen.

zurückgelassen hatte er eine behütete Zeit als jüngster Sproß einer wohlhabenden Familie und ein Umfeld, dem es nicht gelang, ihn wirklich ernst zu nehmen.
Sie mochten ihn, aber sie verstanden ihn nicht, verstanden nicht seine große Leidenschaft für die Mathematik und die an Wahnsinn grenzende Manie, mit der er, seit er Zahlen kannte, Dinge, die ihn umgaben, darin auszudrücken versuchte.
Man ließ ihn gewähren, weil es nicht anders ging, und weil man dachte, daß Singh sowieso für nichts anderes zu gebrauchen wäre.
So erreichte er im Auffinden der Formeln einen solchen Grad der Vervollkommnung, daß er nur die Augen zu schließen brauchte, und vor seinem Geist entstand genau der Gegenstand, für den er die Formel erdacht hatte.
Als er älter wurde, nahm er die Sinneseindrücke hinzu. Am liebsten schlenderte er über den Markt und überließ sich ganz den Düften der Gewürze, der Kräuter, der Lebensmittel, der Seifen und Parfums, die von allen Seiten in ihn eindrangen; später dann, am Abend, berechnete er ihre Eigenschaften und sortierte sie in sein System ein.
Schon lange war Singh ein Student der Naturwissenschaften, als er einsah, daß dieses System zu komplex geworden war und unbedingt einer Auffrischung bedurfte.
Und so beschloß er, sein Studium an einem Ort fortzusetzen, der seiner Geburtsstadt möglichst wenig ähnelte, und es gelang ihm, durch geschäftliche Beziehungen, die seine Eltern in Berlin hatten, eines der beliebten Stipendien in einer europäischen Hauptstadt zu ergattern.

In Berlin angekommen, ging alles sehr schnell:
Als folgte er einer gewissen Logik, fand er ein paar Tage schon nach seiner Ankunft ein Zimmer in einer Pension am Stadtrand von Berlin, schrieb sich in der Universität ein und setzte sein Studium fort.
Den Sandelholzkasten hatte er ins Regal gestellt, da er ihn nun als hinderlich empfand.
Es war Frühling in Berlin und das Leben war leicht. Wie selbstverständlich versammelte sich alsbald eine Gruppe junger Mathematiker um ihn, die sein Genie erkannten und von seiner Methode, alle Gegenstände und Sinneseindrücke in Zahlen und Formeln zu übersetzen, fasziniert waren.
Alles schien seinen Gang zu gehen, als habe er sein vorheriges Umfeld lediglich umgetauscht, und er erfreute sich an der größeren Aufmerksamkeit, die er hier genoß.

Doch allmählich, als es langsam kühler wurde, die Blätter an den Bäumen sich gelb und rot verfärbten, da bemerkte er eine Stimmung, die er so nicht kannte, die er aber bei sich selbst und auch bei einigen seiner Kommilitonen beobachten konnte:
Das Lachen wurde verhaltener, die Menschen zogen sich zurück.
Auch er selbst ging nicht mehr so oft zur Universität, das Aufstehen fiel ihm zusehends schwerer.

Nasskalt durchzog es schließlich die Ritzen seines Zimmers, als es November geworden war.
Die Tapeten, die einmal, vermutlich in den 70ern des vorigen Jahrhunderts, der ganze Stolz der Besitzerin der kleinen Pension gewesen waren, fielen schon von den Wänden ab und ließen die Geschmäcker der Vorgänger zum Vorschein kommen.
Die allererste Farbe ließ sich jedenfalls nicht mehr mit Sicherheit bestimmen. Vielleicht war es ja tatsächlich weiß gewesen.
Das war Singh in seiner ersten Zeit nicht aufgefallen. Erst jetzt, zusammen mit der Kälte nahm er auch die Hässlichkeit seiner neuen Heimatstadt wahr.
Erschrocken stellte er fest, daß die Tage allmählich kürzer wurden, ja, daß von Tag zu Tag mehr Sonnenlicht entzogen wurde, der Himmel von einem schrecklich eintönigen Grau war, so eintönig, daß man nicht einmal ein klitzekleines Wölkchen vermuten konnte, ein Himmel, der sich in seiner bleiernen Schwere über alles legte, Kopfschmerzen und schlechte Laune verursachte und über Wochen lang nicht die geringste Veränderung versprach.

Es gelang ihm weder, die diffusen Weiß-Töne der Wände seines Zimmers, noch die Grautöne des Himmels zu berechnen: so wenig Kontur ließ sich ausmachen.
In Decken gehüllt saß er in einer Ecke seines Zimmers und dachte nach.
Versuchte Verbindungen zu den Formeln herzustellen, die er aus seiner Heimat und von seiner Reise mitgebracht hatte, doch es gelang ihm nicht.
Versuchte, mit seiner Mutter zu telefonieren, doch die Verbindung war zu schlecht, als daß sich ein anregendes oder tröstendes Gespräch ergeben hätte.
Er, dem es während seiner Reise auf der alten Seidenstraße gelungen war, nur anhand der Gewichtabnahme der Seidenrolle und seiner Formelsammlung, herauszufinden, wie der Tee schmeckte, den er sich 500 km später in der nächsten Großstadt bestellen würde, war nicht mehr in der Lage, eine Formel für die Farbe der Wand seines Zimmers zu berechnen.

Da der Ausgangspunkt sämtlicher Berechnungen seine ersten Formeln für die heimischen Gerüche und Farben darstellte, verspürte er eine Verbundenheit nach Hause, solange er die Dinge noch berechnen konnte.
Doch jetzt, als es November wurde, gelang es ihm nicht, diesen Faden, wieder aufzunehmen.
Deprimiert wartete er ab. Nur sehr widerwillig besuchte er die Universität – aber das schien niemandem aufzufallen; es lag überall diese Stimmung in der Luft, die machte, dass das Leben weniger draußen stattfand, sondern mehr in den Häusern, mehr im Verborgenen.
Auch seine Bewegungen fielen ihm schwerer.
Wie ermattet ergab er sich den Gegebenheiten. Wenn sein Erschöpfungszustand zu groß wurde, geschah es manchmal, dass er Stimmen vernahm. Wehklagende Stimmen, deren Sprache er nicht verstand. Aber in ihrer Dringlichkeit und ihrem Leid fraßen die Stimmen sich in seine Seele und nahmen von ihm Besitz.
Es ließ erst wieder nach, wenn er sich zwang, etwas zu tun – dann ging er nach draußen, begab sich in die Universität, tat so, als sei alles in Ordnung.
Nur nachts, wenn er sich niederlegte um zu schlafen, da hörte er sie wieder, versuchte zu verstehen, woran sie so sehr litten.
Erst im Januar, als die Tage wieder deutlich länger wurden, ließen ihn die Stimmen los und er konnte sich mit neuer Kraft seinem Studium widmen.
Übers Jahr vergaß er die Stimmen.
Wie besessen arbeitete er an etwas, das er die „ Berechnung aller Dinge“ nannte und verdiente seinen Lebensunterhalt jetzt als Dozent für außergewöhnliche mathematische Studien.
Und tatsächlich hatte er, auch mit Hilfe anderer Studenten, ein unglaubliches System erschaffen, das beständig wuchs und dessen Ende niemals erreicht sein würde.
Trotz der vielen Helfer, die ihm Informationen zutrugen und ihn unterstützten, wußte er, dass er der einzige war, der die Sensitivität besaß, die Dinge zu erspüren und sie gleichzeitig in ihren feinen Unterschieden in mathematischen Gleichungen darzustellen.
Und so füllte er den Großteil seiner Zeit mit Arbeit.

Erst, als es wieder November wurde, da überfiel ihn die Stimmung des vorangegangenen Novembers, diesmal mit noch größerer Wucht, quälten ihn die Stimmen der Leidenden und ihre Klagelaute suchten ihn sowohl nachts im Schlaf, als auch tagsüber heim, so sehr, dass er niemals genügend ausgeruht war und in eine immer noch größere Lethargie verfiel.
Andere Geräusche mengten sich dazu:
Zerspringendes Glas, Gegenstände, die hart aufeinander schlugen – dann der Geruch von Feuer. Verbranntes Fleisch. Gleich denen, die dies alles erlebten fühlte auch er sich gemartert. Bilder drängten sich ihm auf, die er lieber nicht sehen wollte, die er nur mit der allergrößten Kraftanstrengung wieder von sich stieß.
Allmählich versank er selbst in dem Leiden, welches er an den anderen erspürte.
Von diesem November erholte er sich nur sehr langsam.
Er erledigte gerade das nötigste, und es war schon Frühling, als es seinen Kommilitonen gelang, ihn zur Weiterarbeit zu überreden. Nur mühsam leistete er ihren Bitten Folge, und selbst, als er seinen alten Rhythmus wieder aufgenommen hatte, fand er nicht mehr in die Leichtigkeit zurück, mit der er früher mathematische Beschreibungen für die Beschaffenheit aller Gegenstände und ihrer sinnlichen Äußerungen gefunden hatte.
Zäh kam ihm nun seine Arbeit an der „Berechnung aller Dinge“ vor, aber er blieb dabei, das Frühjahr hindurch und auch den Sommer.
Schon im Spätsommer befiel ihn die Angst vor dem, was ihn im November erwartete und er überlegte, welche Vorkehrungen er treffen könnte.
Aber schon die leise Ahnung der Stimmen und der Angstschreie, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren und er verfiel schon vorzeitig in eine Passivität, die alles noch verschlimmerte.
Tatsächlich war im November alles wie zuvor.
Ungeahnter Schrecken der Jahrhunderte brach über ihn herein, verschonte nicht seine Nächte und nicht seine Tage. Schweißüberströmt quälte er sich morgens aus dem Bett. Er nahm gerade so viel Nahrung auf, wie notwendig war, aber schon gelang es ihm nicht mehr, seine morgendlichen Waschungen vorzunehmen, oder sich zu rasieren. Den Tag über verbrachte er im Morgenmantel, das Essen ließ er sich liefern.
Trotzdem die Heimsuchungen durch jene unheilvollen Stimmen, Geräusche und Bilder nichts von ihrer Heftigkeit verloren hatten, gelang es ihm nun, Unterschiede auszumachen. Es gab Schreie und Ereignisse, die lagen schon viele hundert Jahre zurück, andere waren noch nicht so alt.
Er stellte Veränderungen in der Sprache fest die ihn sehr faszinierten, was ihn vorübergehend aus der Depression herausriss.
In einem solchen Moment geschah es, dass er einen einzelnen Schrei hörte, einen Schrei, der sich so laut in seinem unsäglichen Schmerz durch alles hindurchstieß, einen unerträglich langen und schrillen Schrei nach Erlösung, dass Singh auf einem Schlag klar wurde:
Der November mußte weg.
Er mußte vollständig eliminiert werden, nicht nur aus seinem Leben, sondern auch aus dem Leben aller anderen Menschen – alle zukünftigen November und alle November der Vergangenheit.
Der November ein für allemal weg aus der Geschichte und weg aus den Köpfen der Menschen.

Geranium infini – von Petra Lohan

Geranium infini

von Petra Lohan, Beauftragte im November 2014 zum Thema „Storchschnabelgewächs“

Hedwig saß auf dem Balkon und betrachtete zufrieden die mit Geranien üppig bepflanzten Balkonkästen; die langen Zweige hingen schon fast zu den Nachbarn hinunter und sorgten auch dort für einen roten Blütenteppich.
Schon im Frühsommer hatte sie sie bepflanzt und nun genoss sie das Resultat ihrer gewissenhaften Pflege.
Jeden Tag fegte sie den Boden und wischte den kleinen Tisch, an dem sie nachmittags ab 15:00 Uhr zu sitzen und ihren Kaffee zu trinken pflegte. Nebenbei löste sie das ein-oder andere Kreuzworträtsel.
Alles war perfekt.
Sie hatte sich ein Paradies erschaffen, das es ihr ermöglichte, das Haus nicht verlassen zu müssen, um ein Gefühl von Ferien und Freizeit zu haben.
Am Vormittag ging sie in den Supermarkt, in dem sie als Kassiererin arbeitete, den Nachmittag verbrachte sie auf dem Balkon.
Sie lebte alleine. Kinder hatte sie nicht, was es ihr ermöglichte, alles so zu gestalten wie sie es für richtig hielt.
Es war auch nicht so, dass sie ihr wirklich fehlten.
Die Kinder.
Sie war sogar froh, dass dieser Kelch an ihr vorüber gegangen war. Wenn sie sich die vielen Mütter besah, die mit ihren Kinderwägen durch die Straßen schoben, da kam ihr sogar ein wenig Widerwillen hoch – fast ekelte sie es vor der Vorstellung; ständig das Geschrei um die Ohren, stinkende Windeln, alles klebt – wie gut sie es doch dagegen hatte.
Nachmittags konnte sie fast immer ein paar Stunden draußen sitzen; wenn es regnete kurbelte sie das Sonnendach herunter, im Winter saß sie dick eingewickelt in ihrem Pelz – den hatte ihr vor dreißig Jahren einmal ein Verehrer geschenkt; wie gut, dass sie noch einmal Land gewonnen hatte und ihn los geworden war.
Nein, so war es wirklich am besten.
Niemand störte.
Genüsslich streckte sie ihre Fußzehen mit den rot lackierten Nägeln in die Sonne und lehnte sich vorsichtig zurück, so dass die kunstvoll eingedrehte und nach oben gesteckte Frisur nicht verrutschen konnte. Die sorgfältig zinnober nachgezogenen Lippen kräuselten sich und deuteten einen Kußmund an, während die dick getuschten Wimpern die Augenlider schwer nach unten zogen.
Feierabend.
Zwei schwarze Rinnsale hatten sich vorsichtig und unbemerkt aus ihren Augwinkeln auf den Weg gemacht, ronnen über die Backenknochen über den Unterkiefer ins Dekolletee.
Aber das nahm sie nicht wahr.
Sie lächelte. Sie wartete bis zum Abend;
dann würde sie das Abendbrot zubereiten, der Gewohnheit gemäß würde sie zwei Teller auf den Wohnzimmertisch stellen, belegte Brote herrichten, den Fernseher einschalten.
Zwei der Brote aß sie selbst, die anderen legte sie auf den zweiten Teller und stellte sie zu den Blumenkästen.
„Für die Katzen“, dachte sie bei sich, „oder für die Krähen“, jedenfalls waren am nächsten Morgen die Brote in aller Regel verschwunden.

Gerade hatte sie das zweite Brot aufgegessen. Die Nachrichten waren vorbei und der Spielfilm hatte angefangen.
Ein Krankenhaus in der Beschaulichkeit der bayrischen Alpen war zu sehen, dann, in Großaufnahme, das verzweifelt verzerrte Gesicht der Protagonistin. Ein Herr in weißem Kittel legte tröstend den Arm um sie – bestimmt der Chefarzt.
Hedwig seufzte auf.
Sie wusste, dass noch mehr als eine Stunde Spielfilmzeit vor ihr lag und das happy end eigentlich schon von Beginn an sicher war.
Dennoch verfolgte sie gebannt den weiteren Verlauf des Films.

Und da: plötzlich bemerkte sie vom Balkon her eine Bewegung.
Dann ein seltsames Geräusch, ein Kratzen, ein Klappern…? So genau ließ sich das nicht fest machen. Ein kräftiger Luftzug, der sich vom Spalt der Balkontür durchs Wohnzimmer drückte und für einen kurzen Moment ihren Rock anhob.
Sie saß wie fest gewurzelt und wagte sich nicht zu rühren.
Angstschweiß perlte ihr von der Stirn und ihr stockte der Atem.
Ganz deutlich hatte sie die Anwesenheit eines anderen Wesens gespürt – doch eine Katze konnte es nicht gewesen sein. Auch keine Krähe. Es war größer. Viel größer.
Sie fühlte sich bedroht.
Jemand war auf ihrem Balkon gewesen – vielleicht war die Person noch immer dort?
Sie sah aber lieber nicht nach sondern ließ mit geschlossenen Augen schnell die Jalousie herunter, begab sich ins Schlafzimmer, schloss die Zimmertür ab, legte sich ins Bett und zog die Bettdecke über den Kopf. Ihr schauderte.
Sie lag noch lange wach und horchte, ob sich noch weitere Geräusche hören ließen.
Doch es blieb still. Es war schon lange nach Mitternacht, als sie in einen unruhigen Schlaf fiel; im Traum erschienen ihr frühere Geliebte, fordernd, mit hämischem Grinsen im Gesicht.
Fast war sie froh, als endlich um sechs Uhr der Wecker klingelte und sie von der Nacht erlöste.

Wieder ein neuer Tag.
Sie stand auf, wusch sich und zog sich an, den Balkon beachtete sie nicht und das Frühstück nahm sie beim Bäcker um die Ecke ein.
Als sie dann im Supermarkt an ihrer Kasse saß, verblassten die Ereignisse der Nacht.
Zügig fertigte sie die Kundschaft ab; sie machte sogar noch Überstunden.
Auf dem Heimweg dann genehmigte sie sich ausnahmsweise einen Eiscafe in der kleinen Eisdiele, die sich gegenüber dem Bäcker um die Ecke befand.
Von hier konnte sie ihren Balkon sehen. Vorsichtig schielte sie hinauf, konnte aber, außer dass die Rollos noch immer herunter gelassen waren, nichts außergewöhnliches entdecken.
Sie entschloss sich dann doch – zwei Stunden später als sonst, die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufzusteigen und ihren Feierabend zu beginnen.
Wie immer frisierte sie sich, legte Make Up auf, schminkte sich die Augen und zog die Lippen nach.
An diesem Tag schlüpfte sie in ihr leichtestes Sommerkleid, das mit den Spaghettiträgern und dem tiefen Ausschnitt. Es ließ viel Haut frei und sie würde sich noch ein paar Stunden sonnenbaden können.
Nachdem sie sich zurecht gemacht hatte, zog sie die Rolläden nach oben und besah sich vorsichtig ihre Geranien.
Zunächst fiel ihr nichts auf – die Brote waren wie üblich verschwunden. Aber da, der eine Blumenkasten rechts außen, der sah so durcheinander gebracht aus.
Aber das konnte auch der Wind gewesen sein.
Sie verscheuchte ihre zweifelnden Gedanken und setzte sich mit neuen Kreuzworträtseln und einer Tasse Kaffee an den Tisch. An diesem Tag empfand sie das Kindergeschrei als besonders anstrengend.
Endlich, als ihr Körper sich aufgeheizt hatte und ihre Gedanken träge geworden waren, war es ihr auch möglich, an nichts beunruhigendes mehr zu denken, und so, wie jeden Abend die Brote zu schmieren und den Tisch zu decken.
Genau wie am Vortag schaltete sie den Fernseher ein, und noch bevor die Tagesschau zu Ende war, und das Abendprogramm begann, hatte sie zwei der Brote gegessen und stellte die übrigen ins Freie.
Die Erinnerung an die vorige Nacht war verblasst;
zuerst sah sie sich einen Krimi an, dann eine Liebesgeschichte, dann noch einen Krimi, dann, als sie schon fast auf dem Sofa eingeschlafen war, schrak sie auf:
ein kühler Luftzug, deutlicher und heftiger als am Vorabend, war durchs Wohnzimmer gedrungen, hatte die Vorhänge bewegt, ein Weinglas war umgefallen und ihr Kleid war nun völlig nach oben gerutscht, so dass die rosane Spitze ihres Höschens sichtbar war.
Schnell sprang sie auf, schloss die Balkontür und ließ die Jalousien herunter.
Zitternd vor Schreck und vor Neugierde gespannt, ließ sie sich in den schwarzen Ledersessel fallen.
So verharrte sie – vielleicht geschah ja doch noch etwas besonderes?
Sie brauchte sich nicht zu schämen; die Wohnung war in tadellosem Zustand – war aufgeräumt und sauber, sie selbst gepflegt und zurecht gemacht, so dass tatsächlich jederzeit jemand vorbei kommen könnte.
Als aber nach einer bangen Stunde des Wartens immer noch niemand auf einen Besuch vorbeikam und sich auch kein Einbrecher zeigte, beschloss sie, doch lieber ins Bett zu gehen, denn morgen war ein ganz normaler Arbeitstag, und da war es gut, ausgeschlafen zu sein.

Den ganz normalen Arbeitstag absolvierte sie so wie immer.
Auch bot sich ihr das übliche Bild:
Morgens an der Kasse:
Mütter mit Kinderwägen, die Einkäufe besorgten, es eilig hatten und gestresst waren, später Schulkinder mit Schulranzen auf dem Rücken. Die Kinderwägen schienen ihr mehr als sonst; aber das konnte täuschen.
Auf dem Heimweg war ihr eine Nachbarin aufgefallen:
auch sie neuerdings mit Kinderwagen; aber sie blieb nicht wie sonst auf einen kurzen Tratsch stehen, sondern huschte mit gesenktem Blick an ihr vorbei. Hedwig sah ihr noch lange nach; diese Begegnung beunruhigte sie. Seit wann hatte Frau Sonntag denn ein Baby?
Hatte sie sie so lange nicht gesehen? Oder handelte es sich um ihr Enkelkind?
Na ja. Man konnte nie wissen, aber seltsam war es doch.
Wie fremd kam sie ihr auf einmal vor; aber eigentlich ging es sie ja nichts an.
Um sich abzulenken betrat sie den Dessou-Laden, der sich in der selben Straße drei Kreuzungen weiter befand. Dort kam sie so selten vorbei, weil der Bäcker und der Supermarkt in der anderen Richtung lagen.
Diesmal wollte sie einen Blick in die Auslage riskieren…
Ein wenig gewagt fand sie die ausgestellten Stücke ja schon – aber auch sehr extravagant. Und auch schön. Gut verarbeitet und aus besonderen Materialien.
Billig war dieser Laden nicht. Aber schließlich gönnte sie sich ja sonst nichts.
Ein paar Sekunden später fand sie sich im Laden mit der Inhaberin in ein Gespräch verwickelt.
Wie selbstverständlich probierte sie drei Stücke an und entschied sich dann, nachdem sie sich etliche Male vor dem Spiegel gedreht und gewendet hatte, für einen Einteiler, der verdeckte, was sie niemandem zeigen wollte und zeigte, wovon sie üppig besaß.
Sehr zufrieden mit ihrer Wahl zahlte sie und begab sich nach Hause, wo sie sich nun, bewusster noch und sorgfältiger als sonst, für ihren Feierabend zurecht machte.
So saß sie kurz darauf auf ihrem Balkon, keck spitzte eine Rüsche des neu erstandenen Miederstücks unter ihrem Kleid hervor;
wenn sie es sich genau überlegte, war sie doch viel zu schade, um nicht gesehen zu werden. Dennoch:
Es war so unglaublich angenehm, alleine hier zu liegen und sich nur in Gedanken ein erotisches Stelldichein zu geben.
Auch an diesem Nachmittag war alles wie sonst.Später erst bemerkte sie, dass die Geranien, noch mehr als an den anderen Tagen, in Unordnung gebracht worden waren, aber es war ihr egal.
Fast willenlos lag sie in der Sonne und erwartete in banger Ungeduld den Abend und die Nacht.
Heute würde sie die Tür zum Balkon weit geöffnet lassen.
Nachdem sie das Abendbrot gegessen und den zweiten, noch vollen Teller nach draußen gestellt hatte, schaltete sie den Fernseher an und wartete.
Dann, lange nach Mitternacht, als noch immer kein Wind im Wohnzimmer zu spüren war, machte sie sich doch enttäuscht fertig fürs Bett, drehte ordentlich die Lockenwickler ins Haar legte ein Haarnetz darüber, zog das Sommerkleid und den neuen Einteiler aus, streifte das geblümte Nachthemd über und schminkte sich ab….
ab jetzt mochte sie sich lieber nicht in den Spiegel schauen.

Und – als sie gerade mit allem fertig war, da klopfte es an ihre Türe.
Zuerst meinte sie, sich verhört zu haben und schenkte dem keine Beachtung.
Doch es klopfte noch einmal, lauter und vernehmlicher, so dass es schlecht zu überhören war.
Da ging sie nach vorn und sah durch den Spion;
doch es ließ sich nichts erkennen, da das Treppenhaus nicht erleuchtet war.
Als es aber das dritte Mal klopfte – nein, es polterte, dass die Wände erzitterten und Hedwig Angst bekam, der unbekannte Besucher könne die Türe eintreten, da gab sie nach.
Und als sie erst zur Hälfte geöffnet hatte, und sie noch versuchte, etwas zu erkennen, da hielt ihr ein Herr in einem schwarz-weißen Anzug ein Bündel entgegen, das sich bewegte und aufdringliche Laute von sich gab.
Sie nahm es an, denn eine andere Möglichkeit schien es nicht zu geben.
Reglos stand sie vor dem Fremden, der sich zu verbeugen schien, und ein klapperndes krächzendes Geräusch ertönen ließ.
Sie glaubte schemenhaft eine rote Krawatte und rote hochgeschlossene Stiefel zu erkennen, und sie wollte ihn gerne herein bitten.
Da war er aber schon verschwunden.
Sie stand vor der schweigsamen Schwärze des Treppenhauses, ein in weiße Tücher gewickeltes etwas in den Armen, das sie einiges erahnen ließ, jedoch keine Antwort bereit hielt.

Und eine ganze Weile noch stand sie benommen und nahm das erste Mal wahr, dass sich da in ihren Armen etwas regte, und sie drückte es fester an sich, damit es sicher lag und nicht herunterfallen konnte.
Warum nur war der Herr nicht mit hinein gekommen? Sie hätten doch gemeinsam im Wohnzimmer sitzen und einen Wein trinken können.
Ja, es hätte nett sein können…
Und war er ihr nicht eine Erklärung schuldig, der Unbekannte? So saß sie nun alleine mit diesem Bündel auf dem Sofa. Eine halbe Stunde war nun bestimmt schon vergangen;
Es war ein sehr kleines Kind, was sie da hatte. Ein Baby also.Und es schien noch ganz frisch und hatte noch Blutspuren im Gesicht.
Das seltsame Verhalten der Nachbarin kam ihr in den Sinn, wie sie sich fast vor ihr versteckt hatte, ihrem Blick ausgewichen war.
„…ach so…“, das war zunächst alles, was ihr dazu einfiel.
Die energischen Laute, die von dem Baby ausgingen, schwollen nun an, gingen ihr durch Mark und Bein und holten sie in eine Realität zurück, die fortan nicht mehr viel Zeit für Nachmittage auf dem Balkon übrig lassen und auch sonst ihr gesamtes Leben gründlich auf den Kopf stellen würde.
Das Gesichtchen des Kindes war nun dunkelrot und verzerrt, der kleine Körper angespannt und es schrie. Und schrie. Und es schrie so lange, bis es nicht mehr konnte und erschöpft einschlief. Und Hedwig, die am liebsten auch ganz laut geschrien hätte, war auch dabei einzuschlafen und spürte noch das Baby ganz nah an ihrer Brust.
Und es fühlte sich wohliger an und mehr zu zweit.
Am späteren Vormittag wurde sie vom penetranten Klingelgeräusch ihres Telefons geweckt; es war der Supermarkt, der sich wunderte, wo sie denn so lange bliebe und das sei ja noch nie vorgekommen…
„Nein, das ist wirklich noch nie vorgekommen…“, gab sie zurück und legte auf.

Um Himmels Willen! Sie konnte doch nicht einfach ein Kind haben!!!
Sie versuchte die Panik, die in ihr hochkam zur Seite zu schieben, aber es gelang ihr nicht.
Da regte es sich schon wieder in ihrem Arm und es gab zarte Geräusche von sich.
Ob sie es wagen konnte, das Baby alleine zu lassen, während sie das Notwendigste besorgte?
Diesen Gedanken verwarf sie schnell, stattdessen wickelte sie das Baby in eine Decke und ging mit ihm zur Nachbarin; jener Frau, die sie zuvor mit einem Kinderwagen überrascht hatte.
„Könnten Sie wohl kurz darauf aufpassen?“, fragte sie sie so beiläufig als möglich, nachdem ihr geöffnet worden war.
„Ja, selbstverständlich, meine Liebe.“
Frau Sonntag zog Hedwig tiefer in die Wohnung hinein und drückte sie auf einen Stuhl. Mit einem verschwörerischen Blick sah sie ihr in die Augen und flüsterte:
„Sie sehen doch, was hier vor sich geht: da haben wir uns über die Jahrzehnte unsere Freiheit bewahrt, keinen Mann reingelassen, unser Leben geführt, uns von Küche, Kind und Kegel ferngehalten!
Und jetzt… selbst die Hannelore von unten habe ich vor kurzem mit Kinderwagen gesehen, und die ist schon 60!
Na Kindchen, es hilft alles nichts, wir müssen da durch!
Da drüben: Sehen Sie, auf dem Kirchturm! Da haben sie ihr Nest gebaut und ziehen den eigenen Nachwuchs groß.
Uns bringen sie diese Bündel – sie werden schon sehen: es wird Ihnen ans Herz wachsen das Balg, Sie werden es nicht mehr loswerden wollen, Sie werden aber auch keine ruhigen Nächte mehr haben und keinen ruhigen Feierabend .Ihren Job im Supermarkt können Sie vorerst vergessen!
So. Nun müssen sie wohl ein paar Kleinigkeiten besorgen!“
Es klang so bestimmt, dass Hedwig keine Frage mehr zu stellen wagte.

Auf dem Kirchendach vor dem Fenster der Nachbarin war eine Storchenfamilie zu sehen. Hungrig streckten die Jungen ihren Eltern ihre weit geöffneten Schnäbel entgegen, die diese emsig zu füllen versuchten.
„Ts“, dachte Hedwig, „ist ihm wohl zu viel geworden.“
Und sie machte sich auf den Weg, um die notwendigen Kleinigkeiten zu besorgen…

Willi fliegt nach Brasilien, von Johanna Sailer

Die Themenbeauftragte des Monats Juni hatte „Bushmaster“ als Themenauftrag. Hier veröffentlichen wir mit ihrer Erlaubnis einen Auszug:

Willi fliegt nach Brasilien (Auszug)

(von Johanna Sailer)

(…) Zu Hause angekommen schmeißt er die ungelesene Zeitung auf sein Bett. Dabei fällt ein quadratischer Zettel auf den Boden. Oder war der Zettel schon vorher da und wurde durch die Wurfbewegung nur aufgewirbelt? Lag der Zettel auf dem Boden oder auf seinem Bett oder klemmte er zwischen den Zeitungsseiten?

Eins weiß Willi genau. Sein Zettel ist das nicht. Und das, was er auf ihm liest, sagt ihm gar nichts. In schwarzen Druckbuchstaben steht da „Bushmaster“. Das muss eine verschlüsselte Botschaft sein, denkt er, aber von wem? Willi wischt über sein Smartphone. Der Weiche, warme Zeigefinger auf weichem, warmen Glas. Beide unter Strom.

Bushmaster, so liest er, ist eine Schlangengattung. Arten der Gattung Bushmaster leben zurückgezogen, in Waldnähe, und sie sind giftig. Willi wird warm. Der Verfasser kennt ihn gut. Zurückgezogen, in Waldnähe und giftig. Besser hätte er sich selbst nicht beschreiben können.

Willi stellt sich vor, dass der Zettel von einer Frau stammt und dass auch sie der Gattung Bushmaster angehört. Aber eine Frau Bushmaster, also eine Schlangenfrau aus dem Busch, also eine Buschfee mit Schlangenleib, verkauft doch keine Zeitungsabos. Nein, den Zettel muss jemand anderes in sein Zimmer gelegt haben …

Im Internet sucht er nach weiteren Informationen. Bushmaster, so liest er, sind sehr geduldig. Sie harren manchmal wochenlang bewegungslos aus, bis das Objekt ihrer Begierde endlich in Reichweite ist. Oh Gott, denkt Willi, wer weiß, wie lange die Waldfee schon auf mich wartet. Sie sitzt wahrscheinlich schon seit Monaten ausgehungert in ihrem Versteck, mit grazil eingerolltem Körper und zischt mit ihrer Zunge, während ich als ignoranter Traumtänzer über Seile balanciere. Wer weiß, wie viele Versuche sie schon unternommen hat, mich auf sie aufmerksam zu machen.

Willi ist jetzt bereit von seinem Seil abzusteigen und sich mit seiner Bushmaster-Frau ins Dickicht zu rollen. Aber wo ist sie zu finden?

Auf einmal vernimmt Willi ein Geräusch. Auf der anderen Seite der Wand raschelt es. So stellt sich Willi das Geräusch vor, dass eine Schlange macht, wenn sie sich durch den trockenen Busch Mittelamerikas bewegt. Es knackt und rauscht und zischt.

Hallo?“, ruft er vorsichtig und presst sein Ohr an die Wand. „Hallo!“, ruft er jetzt ein wenig lauter. „Geduld“, sagt er noch einmal zu sich selbst. „Geduldig muss ich sein.“ Er sinkt erschöpft zu Boden, bereit, dort so lange bewegungslos zu verharren, bis das Objekt seiner Begierde ihn erlöst.

Doch keine fünf Minuten später springt Willi auf und rennt in die Küche. Er trägt dicke Zeitungsstapel heran, allesamt von schönen Zeitungsabo-Frauen mit weichen Händen, fein säuberlich auf dem Fenstersims gestapelt und nie gelesen.

Hysterisch schüttelt er sie jetzt aus. Sind weitere Nachrichten in ihrem Inneren verborgen? Wider Erwarten flattert kein einziger Zettel durch das Zimmer. Also breitet er die Zeitungen aus. Vielleicht stehen die Botschaften zwischen den Zeilen. Willi ist ausgehungert. Willi kann nicht so lange warten.

Sein zitternder rechter Zeigefinger gleitet über die Zeilen. „Meine Güte!“, denkt er, „Feuer in Odessa? Wann war denn das?“ Seine müden Augen suchen das Datum auf der ersten Seite. „2.Mai … her je!“ Und weiter studiert er die Zeitungen. „Eine Terrorgruppe im Irak, WM in Brasilien, Frank Schirrmacher im Grab? Ich krieg ja wirklich gar nichts mehr mit!“

Eine der Schweißperlen auf seiner Stirn platzt und rinnt ihm über das Gesicht. Willi stutzt.

Schlangen schwitzen nicht. Diese Buschfrau-Fantasie ist der totale Irrsinn.“

(…)

Kleinkind mit Weste auf dem Kanapee – von Maik Lippert

Papa meint,

auf dem Foto schauen sie alle

lieb

war ich

nur mit dem Daumen im Mund

wenn ich schlief.

Wach konnte ich mich aus Trotz in Metall verbeißen,

bereits mit vier Schneidezähnen

hart wie Widia-Bohrerspitzen.

Ich meine,

ich hatte nur Angst

vorm Lichterkarussell frühmorgens

an der Zimmerdecke

und vor dem Staubsauger am Vormittag.

Am liebsten schloss und öffnete ich

einen Spielzeugkoffer

und staunte

über die Beständigkeit der Dinge

 

für Cyrian

© Maik Lippert