Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch

Die 113. Lesebühne fand vor gut gefüllten Stuhlreihen statt, was uns sehr froh macht und auch das Zimmer 16, weil volle Stuhlreihen meist einen signifikanten Beitrag zur Miete leisten.

Es gab aber auch eine Enttäuschung. Der Themenbeauftragte, der Martin, Nachname unbekannt, ist nicht erschienen. Unentschuldigt. Es ist erst das zweite Mal in der langen Geschichte der Themenbeauftragten vorgekommen, aber natürlich ist es eine Erschütterung der Macht. Wird die dunkle Seite stärker? Es entgingen uns die „Exzesse“. Ist ihm bei den Recherchen für die Geschichte etwas zugestoßen, ein autoerotischer Unfall vielleicht?    … bei eigenen Recherchen habe ich mich in meinem Staubsauger verloren. Bin aus der Notaufnahme zurück und schreibe unter Schmerzen weiter. Martin, meine Gedanken sind bei dir. Die Urkunde mussten wir allerdings einbehalten.

Dafür kam – mindestens für mich unerwartet – Norbert Leovinus und übernahm die Moderation, was mich zum Protokollanten erhob. Danke, Norbert, dafür 😉

Mangels Themenbeauftragtem musste bereits der erste Lesende ausgelost werden, und das Maskulinum ist an der Stelle korrekt, denn es befanden sich nur Männer im Lostopf.

Es begann der Dimitri Rameau, ein neues Gesicht bei unserer Lesebühne und er las eine Mischung aus Prosa und Lyrik und im Nachgang sagte er mir, es ginge ihm oft hauptsächlich um den Klang der Wortaneinanderreihung.  Sein erstes Stück hieß „Ode an Ronk“. Ich habe nicht viel verstanden, also die Worte schon, aber den Sinn der Zusammenstellung nicht, war aber ganz begeistert, als er in der folgenden Diskussion erwähnte, dass Ronk (gespielt von Milan Beli) eine Hauptfigur aus „Im Staub der Sterne“ sei, einem DEFA-Science-Fiction-Film von 1976. Das rührte mich doch sehr an. Der Film war damals (ich war vierzehn) ziemlich angesagt.

Als zweiten Text las Dimitri einen Kinderreim „Teufelsküche“, aus dem mir die durchaus relevante Frage, ob der Teufel Dinkelbrot fräße, erinnerlich ist und ich finde, da könnte sich mal jemand mit beschäftigen.  Der dritte Text hieß „Keine Feen im Kaff“ – „Wir rosten im Osten, im Westen nichts Neues“; „Schleimaal im Kronsaal“; „Bücher bei Büchner, Gedichte bei Fichte“ und Dimitri sagte, er habe darstellen wollen, wie es sich anfühlt, wenn man ganz, ganz müde sei und kein Kaffee da wäre. „Ich lasse die Wörter mich führen, aber ich weiß schon, wohin ich mich bewege.“ Dimitri spricht ein ganz zauberhaftes Deutsch, aber man hört schon, dass er aus einer anderen Sprachwelt stammt. Gefragt, was seine Muttersprache wäre, sagte er: Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch.

Norbert zog als zweiten den Wolfgang Weber aus der Lostrommel, der diesmal zwei Tennisbälle dabeihatte, um sein Anliegen zu verdeutlichen. Zwei Teilchen, die getrennt sind und doch gleichzeitig das Gleiche tun müssen, in dem Falle von Wolfgang zu Demonstrationszwecken hochgehoben werden. Sein Thema war „Mittendrin“ für eine andere Lesebühne. Es ging darin um den Ort Mödlareuth, den es tatsächlich gibt, durch den die innerdeutsche Grenze verlief und außerdem noch an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen. Die zwei Tennisbälle verkörperten mal Ost und West, mal Christo und Jean Claude und es ging um ein großes Ding: the mighty wolf in the middle hat einen großen Deal eingefädelt. Die Schotten verkaufen Loch Ness an Mödlareuth. Der See wurde dahin gebracht. Die Fische spielen die Kosten wieder ein. Monster Projects Crowdfunding. Das Monster vom Loch Nes musste allerdings oben bleiben. Ich glaube, weil ihm in seinem Alter nicht mehr zuzumuten war, nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch noch fränkisch, thüringisch und sächsisch zu erlernen. Wolfgang regte auch noch ein Treffen zwischen Ramelow und Seehofer an. Aber wozu sollte der Ramelow sich das antun?

Als Dritter trat ebenfalls ein neues Gesicht auf: Richard Hebstreit, der erstmal Pralinen verteilte an die Damen und er baute eine Kamera auf, um sich selbst beim Lesen zu filmen. Das ist wahrscheinlich gar keine schlechte Idee.  Er las eine Geschichte mit dem Titel „Fasan im Wintermantel“ und sie handelte zunächst davon, dass die Hauptfigur es als Autor geschafft hat: es werden ein Buch und ein Fotoband von ihm veröffentlicht. Der Verlag hat zur Vertragsunterzeichnung in ein feines Restaurant geladen und die Frau beschäftigt die Frage: Was zieh ich an. Er schickt sie ins KdW, wo sie sich für unglaubliche Summen einkleidet. Aber der Vorschuss macht‘s möglich. Es folgen lange Beschreibungen des Restaurants, der Zigarren (Cohiba Esplendidor), des Menüs. Alles was in dieser Phase der Geschichte an Konflikt aufkommt, ist der Ausschnitt einer fremden Frau, den der Autor aber nicht weiter verfolgt, den Ausschnitt schon, den Konflikt nicht. Dann sollen die Verträge unterzeichnet werden und die Frau zieht ihren Mann beiseite und sagt ihm, dass er lt. Vertrag den Vorschuss nicht bekäme, sondern zahlen müsse, weil es ein Druckkostenzuschussverlag ist. Eine Pointengeschichte.

Da Richard noch Zeit hatte, las er aus seinem Buch „Salzinge“, was thüringisch für Bad Salzungen steht, eine Geschichte von 1958 über eine verschwundene Frau, einen saufenden Mann und eine abgeschnittene Nasenspitze. Am meisten vermisste der verlassene Mann die perfekt gekochten Frühstückseier.

Dann war Pause, dann wurde der Themenbeauftragte gekürt. Nach dem Schock mit Martin meldete sich keiner, also erbarmte ich mich und bekam für den Oktober das Thema „Warmduscher“ zugelost. Da ich einer bin, sollte es mir nicht allzu schwer fallen. 😉

Ich war dann auch der nächste Lesende und las aus meinem im Entstehen begriffenen Roman mit dem Arbeitstitel „Der Richter und der Fluch der Furie“ die Einführung einer neuen Person, einer Journalistin, die den Bösen (Parteivorsitzenden) interviewt, aber scheitert, weil er sie vorführt und nicht zu Wort kommen lässt. Ich wurde sehr freundlich besprochen und danke für alle Anregungen und den Zuspruch.

Zuletzt lag noch der Klaus-Jörg im Lostopf. Er las als erstes „Weil du es bist“, ein wunderschön geschriebenes Hohelied auf den handgeschriebenen und mit der DHL verschickten Brief (Umschlag, Briefmarke usw.). Er las die Geschichte vom IPad ab, was ich lustig fand. Er zürnte der hingeworfenen WhatsApp- „Kultur“ der unüberlegt hingerotzten Nachricht, an deren Ende man nie vergessen dürfe, lieb zu grüßen oder wenigstens LG zu schreiben. Andere Abkürzungen blieben unerwähnt wie Hdl, Hdgdl, GlG, xoxo, oder HAK … gut – ich gebe zu, habe ein bisschen gegoogelt. Aber ich gestehe, LG auch schon mehrfach verwendet zu haben. Mildernde Umstände bekomme ich, weil ich wirklich noch ein Briefeschreiber bin, mit Glasfeder und Tintenfass. Der Autor meint, in zwei Generationen würde es keine Handschrift mehr geben. So pessimistisch bin ich nicht. Noch bringen sie den Kindern ja Schreiben in der Schule bei und sie tun es auch, zumindest manche und wenn es Zettel auf dem Küchentisch sind, die man nach einem Kinobesuch vorfindet: Schlaft schön, träumt süß, hegdl.

Die zweite Geschichte handelte von einem Lied „Suzanne“ von Leonard Cohen.  Der Autor hat mit vierzehn den Vater besucht und der schenkte ihm fünfzig Platten – ein prägendes Geschenk für den Jungen und das erste Lied war Suzanne. Durch das Ohr dem Herzen zugeführt. Vertrauter blinder Passagier. Im Mittelpunkt stand das Lied und die vom Autoren selbst gefertigte Übersetzung, was zu ein paar Diskussionen beitrug.

Überhaupt wurde über Klaus-Jörgs Texte am längsten diskutiert.

Und da war sie vorüber, die 113. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow. Die 114. Lesebühne gibt es am 25. September. Danke, Micha für die Fotos. Danke, Norbert für die Moderation. Danke, Freddy für Licht und Stühle und da Sein. Und danke der Dame an der Bar (Namen weiß ich leider nicht) für den Ausschank und fürs Abwaschen. So long

 

fgs

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Wortmeister!

Sieben Schreibende/Lesende, das klingt wie ein Vorgeschmack auf unser TB#50-Jubiläum im April, wo ebenfalls (glorreiche) sieben auftreten werden, war aber durchaus mehr als das: ein thematisch und stilistisch äußerst vielfältiger Abend. Ein Spielbericht:

Wolfgang Weber bekam als Themenbeauftragter des Monats den Anstoß und legte, das war zu erwarten, von Anfang an ein enormes Tempo vor, seine erste Ehrenurkunde fest im Blick. Sein Text „Masterpiece #40“ wirbelte von den Seiten durchs Zentrum seines Themas Zwischen den Stühlen, welches er auch vergegenständlichte: Er stellte zwei winzige Stühle auf den Tisch, er dazwischen. Enormen Wumms entwickelte er aus der Tiefe des Raumes, einer Dylan-Übersetzung von Durs Grünbein („Masterpiece…“), welcher eine inakzeptable Anzahl wichtiger Satzzeichen unterschlagen hatte und setzte selbst über die durchgehende Nummerierung seiner assoziativ-philosophisch-kulturhistorischen Bruchstücke eigene dagegen – starker Antritt! Wer außer Wolfgang dribbelt so unvorhersehbar zwischen Popmusik(geschichte), Lesebühnengedanken, Wortspielereien, freier Assoziation und überraschendem Schweigen über den Platz? Auch das Antäuschen beherrscht er: „Eines Tages wird alles wie eine Rhapsodie dahinfließen“ – während die Abwehrspieler noch an diesem Satz herumkauten, hatte er das Leder schon längst mit präziser Flanke im kurzen Eck versenkt. Die TB-Urkunde ging also verdient an diesen langjährigen Teilnehmer unserer Lesebühne.

Wolfgang Endler, ein Wiedergänger bei SoNochNie, ließ gleich beim ersten Ballkontakt seinen Manndecker stehen. Seine zwischen Aphorismus und Gedicht angesiedelten Texte pflügen sich durch jede konventionelle Spieltaktik einfach hindurch, unterlaufen sie und zeigen unvermittelt neue Verbindungen. Gedanken über Grenzen (des Geschmacks), Dinge, die er SO NOCH NIE getan hat, Entdeckungen auf dem Tempelhofer Feld im Frühling, das „Morgenblauen“ und Sommersprossen, die verstohlen mit Altersflecken schäkern (auf ein und demselben Gesicht!), die Gefahr, wenn man zu weit geht, im 10. Stock eines fünfstöckigen Hauses zu landen – da musste die gegnerische Elf jeden einzelnen Moment auf der Hut sein, eine Konterchance ließ er ihnen kaum. Eine Drehung und der Ball ging scharf gepasst zur nächsten Station. Ballbesitzspiel par excellence.

Brunhild zog mit ihren gereimten Gedichten erst einmal ums Zentrum herum, mal von dieser („Wehrt euch!“), mal von der anderen Seite („Neue Seuchen braucht das Land“), immer dran am Thema „Zwischen den Stühlen“, das von ihr als Debütantin auf dem Platz ja eigentlich gar nicht verlangt war. Sei’s drum, ihre Texte dennoch aufmerksam und wach am Puls der Zeit, und sie leistete sich mit „Märzenbecherduft“ und Eindrücken von einer Demenzkranken auch ein paar Kunstschüsse, nicht hart ins Tor, aber paradentauglich. Es war nicht das Spiel der großen, einheitlichen Taktik, das war nach drei Ballkontakten mittlerweile klar – man spielte hier variabel und mit schnellen, kurzen Pässen!

Clemens reduzierte die Spielzüge zwar nun, lief aber immhin noch zwei getrennte Angriffe aufs Tor, ein Text beschrieb einen (Mit)Bewohner eines viele Wohneinheiten zählenden hochsozialistischen Hochhauses in Berlin, welcher mehr und mehr in Zufriedenheit und dem eigenen Müll zu versinken scheint, der zweite erzählte vom Verwesungsgeruch in selbigem Hochhaus, der sich nach dem unentdeckten Ableben eines anderen Bewohners überall breitmacht und sich nicht einmal durch das Eintauchen in das Stadtleben Berlins abschütteln lässt – denn er ist bereits ins Denken eingedrungen. Bevor sich seine bekannte Fahrigkeit negativ auf sein Spiel auswirken konnte, pfiff der Schiedsrichter ab. Stand zur Halbzeitpause: 1:0 für die Gastgeber.

Vor dem Wiederanpfiff ließ der Unparteiische die übernächste Partie auslosen – Themenbeauftragte/r für den Mai gesucht! Silke Maschinger hob die Hand und wird mit ihrem Text ihr SNN-Debüt geben! Sie wählte „Amtliche Veröffentlichung“ NICHT und musste daher „Auf der Suche“ als Publikumsthema akzeptieren. Am 22. Mai wird sie damit die Lesebühne eröffnen.

Die zweite Halbzeit ließ sich, vorerst, kompakter, einheitlicher an: Max Ludwig, einer unserer beiden Themenbeauftragten-Gäste bei TB#50 im April, überraschte die gegnerische Abwehr mit einer schwer durchschaubaren Selbstbetrachtung eines Menschen, der aus dem Leiden eine Kunstform oder, ja, einen Sport gemacht hat: „Normal leiden“ hieß sein Text. Schwer durchschaubar, weil hier jemand über sein tatsächliches Leiden kaum ein Wort verliert, über die Art und Weise aber sehr genau und stilbewusst reflektiert – und sich selbst dafür eine gute B-Note gibt. Aussagen wie „Leid darf nicht zur Gewohnheit werden“ und „Man muss wissen, wann man genug gelitten hat“ lockten die Angreifer in die Abseitsfalle und eröffneten die Chance zum entscheidenden Konter!

Den übernahm Dave, der zweite Debütant dieses Spiels, wieder mit anspruchsvollem Kurzpassspiel und unterstützt durch modernste Handy-Technik – seine ultrakurzen Aphorismen, Limericks, Zweizeiler, insgesamt „sechseinhalb Texte“ vom Touchscreen blitzen schnell, hell, leuchteten nach, witzig, wortspielerisch, jagten ein Frettchen über den Platz, spiegelten sich selbst auf dem Bildschirm, der von Gevatter Tod in der S-Bahn mit Knochenfingerspitzen hin und her gewischt wird (löschen – für später behalten) und bestätigte das Vorurteil, dass das englische Spiel kompakter ist als das deutsche – die Übersetzung seines sechsten Textes, der sechseinhalbte Text also, fiel noch kürzer aus als das kurze Original: „I lost all my friends facebooking“. Zwei zu Null.

Petra Lohan übernahm es, den Sieg zu ungefährdet nach Hause zu holen. „Du mir gegenüber“ war unüberwindbare Defensivkunst, an der sich auch ein Weltklassesturm die Zähne ausbeißt. Eine Frau verliert den Faden zu sich selbst, sieht in ihrem Körper, ihrer eigentlichen Person, eine Fremde. Sie tritt zwar mit ihr in Kontakt, hält Zwiesprache, wie das wohl jeder mit sich tut, sie aber spricht mit einer Unbekannten. Das war eindringlich und wieder einmal war kaum zu ergründen, wie sie es schaffte, diese Erfahrung so plastisch werden zu lassen. Abpfiff. Wir sind Wortmeister! Endstand: ein verdientes 2:0. (Und Danke an Petra für’s Fotografieren!)

Zum Abschluss zwei ANKÜNDIGUNGEN:

  • Am Donnerstag dem 20. April feiert unser Heimstadion, das ZIMMER 16, sein 15jähriges Bestehen mit einer Gala ab 18 Uhr. Wir freuen uns über diese gelungene, langjährige Kulturarbeit in und für Pankow und mit unseren Freunden und Gastgebern wie Bolle. Kommt frühzeitig, denn es wird ganz sicher ziemlich voll (und ziemlich toll) werden!
  • Vier Tage später, am 24. April am selben Ort, steigt TB#50, unser Jubiläumsabend der Themenbeauftragten. Mehr Info findet ihr ab sofort und fortlaufend (am Ball bleiben!) auf dieser website und unserer facebookseite. TB#50 – Sieben auf einen Streich!

die 106. Lesebühne „ausgebrochen“

Die 106. Lesebühne SoNochNie! fand statt am Montag, d. 23. Januar 2017, den der Herr werden ließ wie all die Tage und Jahre davor und wir haben gesehen, dass es gut war. Die Bude war ziemlich voll. Gut besucht. Ich hoffe, wir haben unseren Beitrag geleistet zum Erhalt des Zimmers, auch die Spendenbox fand Erwähnung, in der es rascheln sollte und soweit ich sehen konnte, hat es geraschelt und wir haben das Bargeld an die Bar getragen. Nach meinem Kopf zu urteilen habe ich eine halbe Monatsmiete eingetrunken.

Aber wir haben auch gelesen, denn dies war der Zweck unseres Erscheinens und zunächst erschien uns der Moderator Leovinus, der gestern so richtig gut in Form war und stimmte uns ein und dann erschien uns der Themenbeauftragte, nämlich ich, und las knirsch eine Minute überzogen eine Geschichte zum Thema „Ausgebrochen“. Sie fasste das Leben eines Getriebenen zusammen, der stufenweise seine Existenzgrundlagen fahren ließ, um in die Tiefen seiner selbst zu gelangen. Am Ende steht er ohne Geld und ohne Obdach da. Selbst der Ich-Erzähler wendet sich von ihm ab. Und erstaunlicherweise und auch zu meinem Pläsier kam jemandem aus dem Publikum der Gedanke, dass damit der Ich-Erzähler auch ausgebrochen ist.

Danach las Anne (annegretnill.wordpress.com) Gedichte. Den „Sonnengruß“ (ich trinke die Hitze deiner Strahlen), die „Schoßpreisung“ (Gebärmutter, Urschoß behütender), „Entgrenzung“ (Auflösung im Rhythmus des Universums), „Birkentanz“ (Haarzweige im Luftzug, Feenritt im wispelnden Galopp) und „Ave Mond“, ein älteres Werk von 1999, das sie wegen Trump wieder ausgegraben hat. In der Pause redeten wir darüber, ob es für Gedichte nicht besser wäre, nur eins zu lesen, davon ein paar gedruckte Exemplare im Publikum zu verteilen, um genauer diskutieren zu können.

Dann las der Wolfgang Weber über Chris, den jüngeren Bruder Franz Jarnachs, der letzte Woche gestorben ist. Feierabend für eine Schildkröte. Krokodillederimitatjacke, was für ein Wort. Sidekick Olli Ditsche Dietrichs („Halt die Klappe, ich hab Feierabend“). Es ging dann zum Vater der Beiden, den 1892 geborenen Komponisten Christoph Jarnach. Zeitgenössische Klassik – kann man wohl alles nachgoogeln. Es ging noch nach Guatemala, wo der Chris 2015 unter großer Teilnahme der guatemaltekischen Bevölkerung beigesetzt wurde.

Wolfgang stellte sich dann auch der großen Herausforderung und wird im März der Themenbeauftragte der 108. Lesebühne sein. Thema dann: „Zwischen den Stühlen“ – er hat gleich das erste genommen.[1]

Nach der Pause war die Andrea („andreamaluga.wordpress.com“) dran. Sie las zwei heitere Geschichten über den Handwerker Hannes. Sie leistete einen Beitrag zur Erhaltung der Berliner Schnauze. Ich glaube, sie liebt ihn (;-)), auch wenn sie ihn für einen Fall für den Frauenbeauftragten hält.

Und am Ende las die Petra Lohan „Pink“ – eine Geschichte über ein zufälliges Treffen an einem grauen Tag in der S-Bahn mit einem pinken geritzten Mädchen (ein Auge gelb, das andere pink), dem sie folgte (Gesammeltes Wissen über Mädchen, die sich schneiden – mir wird mütterlich) und mit dem sie eine Wand bemalte – graue schwarze Linien über die Wände. Es gab einen Wunsch nach grün – da oben muss mehr weiß. Malkampf – grelles Gelb durch rosa Flächen. Danke, dass sie mir geholfen haben, sagte das pinke Mädchen, was ich erstaunlich fand, denn an sich wurde ja der Mütterlichen geholfen (Es begann mit „Ich kann nicht sagen, worauf ich keine Lust habe, aber ich habe keine Lust.“) Und als die Mütterliche mit Kamera, Stativ und Licht anrückte, stand sie vor verschlossenen Türen.

Dem Publikum gefiel es. „Es ist für immer verloren, ich mag sowas.“

Auch die 108. Lesebühne wäre für immer verloren, würde sie nicht protokolliert und in Erinnerungsfetzen hier aufbewahrt im www, das nichts vergisst. Diesmal gibt es keine Fotos, weil der Fotograf krank war und ich mit meiner Spiegelreflex keinen Lärm machen wollte. Nächstes Mal wieder Euer

fgs-Signatur Stempel groß

[1] Sonstige Themen, die nicht ausgelost wurden und daran sieht man, dass die Bude voll war: Freitagabend, Septembermorgen, Sterben in allen Facetten, Tiger, Der ewige Bund, Respekt, endlich Frühling, Cocktailmarathon, Männerfreundschaft, Exotik, Genussmensch, In die Gänge kommen (wieder), im Kopf eines Tieres, ehrliche Begegnungen, Die Zeit vergeht, Geisterbahn, Umzug, Premium-account, Aufstehen und sechsundzwanzig Zeichen.

… und dann so was!

Kein Trump, keine Merkel!, bat Moderator Leovinus zu Beginn unserer 104. offenen Lesebühne SoNochNie, die an diesem 28. November 2016 ungewohnt pünktlich begann. Sechs AutorInnen hielten sich strikt daran, die siebente nicht. Was für ein Schock!

02_s0056305Wie üblich begann alles mit dem Beauftragtenthema: „Kassenarzt“, von Petra fantasievoll ausgestaltet. „Überall Zahlen“ hieß ihr Text, in dem ein gewisser Dr. Stöhr von einer ebenso fischnamigen Patientin Frau Plötz dazu bewegt wird, sich wieder mehr den Menschen zu- und von den überall herumwabernden Zahlen abzuwenden. Zu diesem Zweck trägt er s04_s0146352eine Patientenzahlenregistrierkasse auf den Gehsteig und reinigt nebenbei seine Praxis mit einem ausgeklügelten System von der Zahlenflut. Die Herrschaft der allumfassenden Kasse stellt er nicht in Frage, doch der Versuch, den Menschen hinter den Zahlen wieder näher zu kommen, sei ihm hoch angerechnet. Ein Schelm, wer Parallelen zum realen System ausmacht. Alles in allem eine verblüffende, originelle Idee, mit dem Auftragsthema umzugehen, befand die anschließende Diskussion. Um unsere großartige neue Urkunde und das zugehörige Foto kam Petra natürlich nicht herum.05_s0166361

Auf Petra folgte Matthias mit „Begegnungen am Stadtrand“. Ein älterer Mann auf dem Weg zum regelmäßigen Golftraining, ein junger Rumäne, der von seiner anstrengenden ‚Dienst-am-Kunden‘-Nachtschicht zurückkehrt und ein sechsjähriges Mädchen auf der Suche nach einem Weggefährten. Kurze Begegnungen am Rande der Stadt. Stimmungsbilder wollte er zeichnen, sagt Matthias, und das ist ihm nach Meinung des Publikums auch gut gelungen.

07_s0246400Mit Anita begann der Advent im Zimmer 16. Ihr gleichnamiger Text erzählte ganz aus der Perspektive einer alten, vermutlich dementen Frau auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Einfühlsam und stimmig, wie die Mehrheit der Zuhörer fand. Ob es die Auflösung mit dem Tod der Dame und damit den Sprung aus der Subjektiven gebraucht hätte, blieb allerdings umstritten.

Kurios, dass sich das Los gleich darauf noch einmal für den Advent und damit für meine11_s0346461a Kurzgeschichte entschied, in der eine Zehnjährige in der Vorweihnachtszeit versucht, einen Zugang zu ihrem depressiven Vater zu finden. Ein schweres Thema, das ich dennoch gern für Kinder erzählen wollte. Die große Mehrheit der Zuhörenden hielt das für zumutbar und – gerade wegen der poetischen Bilder – auch für gelungen.

Dann war erst mal Pause. Wie üblich wählten wir unmittelbar davor den Themenbeauftragten, und zwar für die Januar-Lesebühne. Glückwunsch, Frank, du wirst ein weiteres Mal in die Annalen der SoNochNie-Geschichte eingehen. (Vermutlich hat dich die Urkunde gelockt.) Wir sind gespannt, was du aus Thema Nummer eins: „Ausgebrochen“ machen wirst.

Wer noch eine Anregung für den nächsten eigenen Text sucht – wie wär’s mit: „Banderole“, „In eine Melancholie muss man sich fallen lassen“, „Lawine“, „Rachebeschleunigung“, „Kurzschrift“, „Ja!Jaguar Jan!UAR!“, „Tortenschlacht“, „Das … Ende guter Vorsätze“, „Leichtmetall und Schwermut“ und „Aufweichung“. Los geht’s!

Im April 2017 feiern wir übrigens schon wieder ein Jubiläum: den 50. Themenbeauftragten. Dazu werden wir uns natürlich etwas ganz Besonderes einfallen lassen und euch an dieser Stelle weiter auf dem Laufenden halten.

13_s0516602Nach der Pause hat uns Frank wieder einmal in seinen Roman „Der Richter und der Fluch der Furie“ hineingezogen. Der Ausschnitt begann ein wenig trocken, weil schwarz- und rothaarlastig, entwickelte sich aber zunehmend konfliktreich und spannend. Die junge Tadschikin Summaya, die sehr erfolgreich Kleider entwirft, erzählt ihrer Kollegin und Freundin Marjorie auf dem Weg zum Markt aus ihrem früheren Bürgerkriegsleben und wartet dringend auf einen Anruf. Doch auf einmal muss sie umkehren und sich, so die Vermutung, den Geistern ihrer Vergangenheit stellen. Das Publikum war voll dabei.

Ungewöhnliches bot diesmal Wolfgang mit einer echten Geschichte, die uns anfangs alle zu Lachstürm15_s0566656en hinriss, im zweiten Teil aber etwas zerfaserte. Es ging um einen Autor, der, weil die angepeilte Lesebühne nicht stattfand, ersatzweise im Supermarkt vorlas – mit durchschlagendem Erfolg. Gute Unterhaltung, fanden wir, aber für die Wirkung bis zum Schluss: entweder früher raus oder nochmal überraschend drehen.

Zuletzt betrat Katharina die Bühne mit ihrem „Text zur (Rücken-)Lage“. „Wenn ich sterbe, möchte ich warme Hände und Füße haben“, so der private Rahmen zur öffentlichen Hinterfragung. In w18_s0666770as für Zeiten leben wir eigentlich? Warum gehen uns die Despoten und Schwarzweißlinge nicht endlich mal aus, im Gegenteil? Und da platzte er dann tatsächlich in den Abend, Donald Trump. Schreckensstarr beobachteten wir Leovinus. Würde er das überleben? Er tat’s. So konnten wir uns entspannt auf diesen doch auch sehr persönlicher Text einlassen. Vielleicht hätte Caligula als Dämon genügt und Trump wäre verzichtbar gewesen, denn beide ähneln sich im nicht Ertragen eines jeden „Dazwischen“, das uns Autoren praktisch die Luft zum Atmen ist. In diesem Sinne: Auf das Dazwischen und alle zukünftigen Lesebühnentexte die ihm weiter nachspüren!

Danke wieder einmal, Michael, für die Fotos zu diesem feinen Abend!

Leovinus machte abschließend Werbung für unsere SoNochNie-Kerngruppenlesung am 8. Dezember 2016 um 19.30 Uhr in der Janusz-Korczak-Bibliothek Berlin-Pankow. Kommt am besten alle dort hin und brecht mit uns zu neuen Ufern auf!

Und am 26. Dezember (ja, ganz richtig, das ist der zweite Weihnachtsfeiertag) sehen wir uns dann wieder im Zimmer 16 und freuen uns auf unseren Themenbeauftragten Matthias.

Stefan Großer Mann

„Dies ist meine letzte Moderation der Lesebühne im Zimmer 16“ – damit eröffnete Stefan den Abend Nr. 101 und hätte mich damit vom Stuhl gehauen, wenn er mir die traurige Nachricht nicht bereits kurz vorher mitgeteilt hätte. Stefan ist Mitbegründer der Lesebühne SoNochNie, hat beinahe alle Ausgaben als Moderator geleitet und behütet und war den Teilnehmenden immer ein charmanter und interessierter Gastgeber. Jetzt zieht er raus aus Berlin ins Grüne und es gibt neue Aufgaben für ihn, die er der Lesebühne vorziehen muss. Wie es nun ganz ohne seine Anwesenheit bei der Lesebühne weitergeht, das müssen wir sehen. Anders. Nicht im Prinzip, aber im Gefühl. Stefan, wir werden dich vermissen hier im Zimmer 16 und wir wünschen dir alles Gute in deinem neuen Lebensabschnitt, von Herzen!

Noch ein letztes Mal also stellte er die Lesenden des Abends vor, traditionellerweise angeführt von der Themenbeauftragten, der SNN-Debütantin Ulrike Stockmann. Hals über Kopf hatte sie sich bei unserem 99. Jubiläum bereit erklärt, zum Zuschauerthema „kleiner Mann“ einen Text zu verfassen, und genau den las sie nun vor. Es war ein Text darüber, wie sie versucht, einen Text zum Thema „kleiner Mann“ zu schreiben. Titel: „Kleiner Mann“. Und tatsächlich wurde aus der Nacherzählung ihrer Bemühungen, Orientierungsverluste, Suchaktionen und Ideen seit ihrer Wahl zur Themenbeauftragten eine Geschichte, eine: Humoreske über das Schreiben zwischen Hitler und Playmobil. Leichtes, wie jemand meinte: „Gefälliges“ hört man nicht so ganz oft bei SoNochNie, doch öfter als gar nicht, und ihre leichtgestimmte Geschichte war also eine runde Sache, mission accomplished!

Auf Leichtes bezog sich auch Katharina Körting, die als Zweite am Tisch Platz nahm, nämlich auf Tucholskys „Rheinsberg“. Sie las ebenfalls zum allerersten Mal bei SNN, doch ihre kühl beobachtende Variation einer nicht gelingenden Romanze zwischen Schloss und See, auf einer Schreibmaschine verfasst wie ihr Vorbild, griff schon fester zu, sodass es auch wehtat, die beiden dabei zu begleiten, wie sie „nicht aus ihren Käfigen“ kommen und „sich an der Sehnsucht des Anderen“ eben nur reiben. Sprachlich wirklich prägnant und bildhaft, erzählerisch genau hinsehend, ohne Angst vor Unschärfen, Momenten der Unbestimmtheit im Zusammensein zweier Menschen, die so schwer zu beschreiben sind – sie machte sie spürbar.

Wolfgang Weber begab sich dann auf die Spuren des aktuellen Berliner Kulturkampfes um die Volksbühne. „VB Riots“ – inspiriert von einer simplen Störungsdurchsage in der U-Bahn bezüglich des Rosa-Luxemburg-Platzes trug uns in seiner typischen assoziativen Manier herumspringend von einem Ort, von einem Namen und einem Zusammenhang zu nächsten und kreuz und quer und wieder zurück, immer rundherum in der U-Bahn rund um die Burg, die Volksbühne, die Belagerer, die Verteidiger, die Schwarzen Ritter im Roten Rathaus, rhythmisch eingetaktet mit zwei Teedosen, in denen Stifte herumkollerten, Musikmotive draufgedruckt. Riots, Unruhen, Wolfgangs sprachliches Heimatgefühl.

Stefan durfte nach der Pause Katharina zur Themenbeauftragten des Monats Oktober küren, denn sie meldete sich mutig und freiwillig. Sie lehnte ihr erstes Los mit dem Zuschauervorschlag „In der Kürze liegt die Würze“ ab und musste Los Nr. 2 nun nehmen: „Gift oder“ (worüber ich mich freue, weil es mein Vorschlag war!) Am 24. Oktober dürfen wir auf ihren Text gespannt sein!

Matthias Rische ließ uns „Lydie und ich“ kennenlernen. Sein konzentrierter, intensiver, lyrischer Text erzählte – von einer Liebe? Zwischen Mann und Frau? Über eine Lebensspanne, vom Sandkasten bis ins Alter? In den Tod? Den Tod des gemeinsamen Kindes? Über die Trennung hinweg? Er, sagt Matthias, wollte einen Text aus Bildern zusammensetzen. Ist wunderschön geworden.

Inka Bach  (ebenfalls zum ersten Mal an unserem Lesetisch!) und ich stellten zum Abschluss des Abends unser „Neuer See“-Projekt vor, unsere „Kleinigkeiten“. Ein Jahr lang trafen wir uns immer wieder im Tiergarten, verbrachten ein, zwei Stunden gemeinsam am See und schrieben anschließend, jeder einen kurzen Text, angeregt von diesen Treffen. Eine Art Zwiegespräch in lyrischer Prosa, ein Hin und Her der Gedanken und Motive, der Themen und Fragen. Fast unbehauen, „first draft“, und noch niemand hatte es zu hören bekommen, also waren wir gespannt, was wir zu hören bekommen würden. So spät der Abend schon war und so herausfordernd manche der Texte wohl auch sind, das Publikum gab uns anerkennendes Feedback, anregende Gedanken, Zuversicht, dass wir uns nicht heillos verrannt haben damit, denn experimentell immerhin war es schon irgendwie, unser Vorhaben. Es klinge wie ein Hörspiel, schnappte ich noch auf. Froh also, danke, wir machen uns an die Arbeit! (Leider konnte ich kein Foto von uns machen, da ich auch noch Notizen für den Bericht aufschreiben und selbst lesen musste – außer mir war niemand vom Kernteam da – Ferien!)

Am 26. September sehen wir uns hoffentlich alle wieder im Zimmer 16 (leider ohne Stefan), Themenbeauftragter bin ich dann selbst mit dem Thema „Trennungsglück„.

Das autonome Publikum

Als März-Themenbeauftragter durfte ich die Lesebühne eröffnen – nachdem Leovinus alle, die an diesem Ostermontag im Zimmer 16 versammelt waren, willkommen geheißen hatte. Zu dem zwei Monate zuvor ausgelosten Thema „Die Begleitung des Rauchers“ brachte ich keine Geschichte mit, sondern zwei sehr unterschiedliche, kürzere Texte. Der erste, eine Art Prosagedicht, ließ Cyanobakterien aus der Tiefsee für sich selbst sprechen, der zweite, eine Anekdote in der Tradition der erzählten Begebenheit, setzte sich mit den unerwarteten Gefahren des Passivrauchens in der Öffentlichkeit auseinander – und so seltsam das alles klingen mag, war es anscheinend auch! Denn der kurze, anerkennende Applaus nach dem ersten Beitrag verhinderte nicht, dass es von da an für längere Zeit ziemlich still wurde im Zimmer 16. Nach lebhaften Diskussionen schien der Runde nicht der Sinn zu stehen, bis fast zum Ende des Abends.

Über Ulrike Warmuths beklemmend intensive und intensiv beklemmende Erzählung einer albtraumhaften heimlichen Geburt im Kohlenkeller mit anschließender Entsorgung alles Hervorgebrachten in einer Mülltüte vermochte einfach keiner so direkt nach dem Vortrag zu reden – später dann schon, in der Pause, als sich die Anspannung löste. Es war ein Text, den sie vor drei Jahren als Themenbeauftragte schon einmal vorgestellt hatte, damals zum Thema „Keller“. Ihr kohlenstaubschwarzer und -glitzernder Text ist, und das lässt auf mehr von dieser kunstvollen Sprach- und Imaginationskraft hoffen, Teil eines umfangreicheren Projekts.

Ulrike hatte sich zwar schon vorab dafür entschuldigt, dass sie dem nachfolgenden Vorleser vermutlich keine Hochstimmung hinterlassen werde, insofern hatte Karsten Kalotzke es nicht leicht mit seinem Beitrag, doch dass seine Thailand-Erlebnisse, die er als Teil einer „Comedy-Show“ sogar mit einem waschechten Werbe-Aufsteller auf dem Lesetisch präsentierte, nicht zündeten, lag an seinem weitschweifigen, eben nicht pointierten Text und seinem wenig lebhaften Vortrag. Ab und zu gibt es auf einer offenen Lesebühne nun einmal Beiträge, die selbst dem geübt wohlwollenden Blick unseres Publikums nicht standhalten. Dass bei einem als „Comedy“ angekündigten Beitrag mehr als eine Viertelstunde niemand lacht, ist daher Urteil – und hoffentlich Ansporn – genug.

Es folgte Nico, der zweite SNN-Debütant des Abends, mit seinem humoristischen Text „Der autonome Patient“, und Achtung, inspiriert von einem zurückliegenden Lesebühnenbesuch! So wollen wir das eben auch – SoNochNie als Generator von Kreativität und als Arbeitsbühne, zum immer besser schreiben. Nico versuchte sich an der Geschichte eines – natürlich – unfreiwilligen Krankenhausaufenthaltes und dem dortigen, immensen Potenzial an Fehlleistungen, Peinlichkeiten und Kuriositäten, für die Nico durchaus einen wachen Blick hat. Wenn jemand, der soeben noch sediert war, unbedingt seine Autonomie demonstrieren will, geht eben einiges schief. Hier dürfte das Feedback der Zuhörer für eine Überarbeitung gute Tipps ergeben haben, um das Ganze erzählerisch wirkungsvoller zu machen.

Nun wurde Leovinus wieder als Losengel aktiv. Die Wahl des/der Mai-Themenbeauftragten zeigte: Niemand traut sich, außer Ulrike, auch wenn sie im Mai voraussichtlich nicht selbst wird lesen können. Und ihr erstes Zuschauer-Themenlos, das sie aber ablehnte („Prüfungen“) wollte sie, als sie das zweite dann nehmen musste („Schreibblockade“), wiederhaben – zu spät!

Fünfter und letzter Leser des Abends war Wolfgang Weber mit zweien seiner stets überraschenden Sprach- und Themenjonglagen. Der erste Text entwarf ein zwischen Apokalypse und Treibjagd angesiedeltes Landschaftspanorama rund um das Axel-Springer-Hochhaus, der zweite, „Blues von der U2“, klopfte, rasanter als die echte Bahn, sämtliche Stationen der beliebten U-Bahn-Linie auf Poesie- und sommerliche Saunatauglichkeit ab. Was wörtlich gemeint ist, denn er strukturierte seinen Vortrag auch mit einem „Chuck-Chuck“ genannten Klopfbügel für Schlagzeuger. Sauna oder Wolkenbruch – erfrischend war’s.


Leovinus entließ das Publikum, und ich schließe mich an, mit einem Hinweis auf unsere 99. Lesebühne, die wir am 27. Juni mit einer Sonderveranstaltung feiern. Schickt uns Texte, Fotos, alles was euch zu „99“ einfällt, worauf/worin man 99 erkennen kann, oder was aus 99 Worten besteht – wir präsentieren möglichst alles am 27. Juni.


Im April ist das Thema des erstmals Beauftragten Martin: „Wenn Störche husten“. Wir sind gespannt und erwarten euch am 25. 4. wieder um 20 Uhr im Zimmer 16!