Wenn ich dich nicht sehen will, komm zu mir!

Es ist sooooooo heiß … Dies wird evtl. ein kurzer Bericht über unsere Juni-Lesebühne –  Verzeihung.

Die Urlaubszeit war schuld, dass unsere Personaldecke dünner war als gewöhnlich, Angela und ich schmissen den SNN-Part (Moderation (Angela), Fotos (Angela, Anna, ich), Notizen für dies hier (ich)) zu zweit, das Team des Zimmer 16 war dagegen vollzählig, wir bedanken uns daher noch mehr als sonst für ihre Gastfreundschaft und Hilfe. Das Wichtigste aber war und bleibt: den Texten lauschen und sie diskutieren, Und davon gab’s reichlich – unsere 8 Listenplätze waren übererfüllt, der neunte Gelistete war irgendwann einfach nicht mehr da, so kamen alle anwesenden Lesewilligen dran. Und es gab dennoch drei Debüts!

Themenbeauftragter first! Wie immer. Diesmal war allerdingt ich selbst wieder derjenige welcher. „ZIGARRETE“ war das vor zwei Monaten geloste Thema. Mich regte das Wort bzw. seine Schreibweise zu einem Essay über das Denken in Worten an, das, so die These, vermutlich beim Menschen die einzige uns mögliche Art ist, einen Gedanken zu fassen, seit wir Worte und Sprache haben. Über den Text selbst konnte wohl wenig diskutiert werden, umso mehr um den Inhalt, und das machte das Publikum dann auch lebhaft – trotz der schon am Montagabend hohen Temperaturen. Merci!

SNN-Debüt Nr. 1: Micaela Daschek führte die Zuhörer*innen ins eisig kalte (DANKE!) Sankt Petersburg der frühen, chaotischen neunziger Jahre und bis zum Finale ihrer Geschichte hinters Licht. Denn wo wir dachten, eine Frau, Tonja, wartet auf ihren Gatten bzw. auf den Trolley-Bus, der sie zum Flughafen bringen soll, wo sie sich von ihm, Sergej, verabschieden will, bevor er nach Tel Aviv fliegt, hält Micaela in entscheidendes Detail so geschickt verborgen, das alles anders sein lässt, als  wir dachten. Als die Frau spät am Airport ankommt, wartet auf uns – nicht auf sie – eine traurige Überraschung.

Wolfgang Webers Texte zeihnen sich meistens sowieso durch eine gewisse Skurrilität aus (nicht nur!), aber diesmal besonders, weil „Alles Rhythmus“ schon einmal hier zu hören war und vom Besuch einer (anderen) Lesebühne berichtet. Das war wie Dr. Who begegnet sich selbst, wie er sich selbst begegnet, als er sich selbst begegnet … (Nicht wirklich nach unserem Motto „So Noch Nie!)

Irreal wurde es auch bei Matthias Rische, der in seiner Geschichte erzählte, wie ein Dreizehnjähriger unter „Retardin“ in seine neue Schulklasse kommt und, weil seine Psychologen-Eltern es besonders gut mit ihm meinen, die Pillen überdosieren und er munter halluziniert. Das führt zu erstaunlichen Wahrnehmungen seinerseits und seinem Sprung aus dem Fenster, welcher ihn ins Krankenhaus befördert. Die Eltern wiederum streiten alle Drogengaben ab und sind stolz auf sich.

Die zweite Hälfte des Abends eröfnete wieder traditionell die Themenbeauftragten-Wahl. Am 26. August dürfen wir uns demnach auf eine Auftrags-Geschichte zum Thema „Wurfgewicht“ von Petra Lohan freuen!

Barbara Schwittmann präsentierte drei Prosa-Miniaturen: „Selfie mit einer Nymphe“ beschrieb eine bunte Szene im Rosengarten des Humboldthain, „Küsse in der Tram“ in jugendliches Paar in der Straßenbahn, „Das Mädchen und der Hund“ eine junge Frau in auffälliger Kleidung mit „elegantem“ Hund. Prägnant und mit Blick für das wichtige Detail. Mein Lieblingssatz: „Er küsste sie  laut.“

SNN-Debüt Nr. 2: Mit Bernd Daschek – der nicht zum ersten Mal bei uns las – wurde aber nun das erste Ehepaar an einem Abend komplett. Das unaufgeregte multikulti-(West)-Berlin der 80er Jahre war sein Thema, und wie die „ethnische Vielfalt“ der Mauerstadt einer vermeintlich toleranten Landpflanze aus dem Westen doch ganz schön die Muffe gehen lässt – bis sie in einem politisch und genealogisch heillos ungeordneten Dönerladen eines Besseren belehrt wird.

SNN-Debüt Nr. 3: Arved Wolff. Der Lyrik-Part des Abends. Manche waren sich nicht so sicher, ob das Lyrik war, aber es war Lyrik. Drei Gedichte stellte er vor: „Frankfurter Bergpredigt“ als Sammlung mannigfaltiger Hoffnungen auf ein „Dereinst in einem fernen Land“ und auf ein geneigtes Urteil des/der Adressaten zum eigenen Schreiben. „Du weinst“ über die Konfrontation mit einer ausweglosen Diagnose deim „Du“, das sich und dem „Ich“ aber mit einem trotzig-mutigen „Leck mich“ weiterhilft. „Gleichgewicht“ über den labilen Zustand zwischen hartem Beton und Treibsand unter den Füßen: „Wenn ich dich nicht sehen will, (…) dann, bitte, komm zu mir!“ Wir wollen Arved ganz bestimmt wieder bei SNN sehen.

David Lode öffnete uns die Pforten zum „Paradies“, einem Garten hinterm Haus der Häuserzeile, in dem Hag sitzt, Pensionär und darauf wartend, dass sich endlich das paradiesische Gefühl einstelle, für das er diesen Garten, dieses Haus und sein Leben gebaut hat. Was sich stattdessen einstellt, sind imaginierte Kinder, die darin spielen, weil keine realen da sind, und Streit mit Nachbarn. Wenigstens fragt ihn „Simone“ aus dem Haus heraus „Alles gut?“. „Hoffnungsvoll ins Dunkel blicken“ ist wohl alles, was Hag in diesem Garten blüht.

Eine prallvolle, vielseitige, interessante Lesebühne ging damit zuende, die nächste erwartet uns und Euch am 22. Juli im Zimmer 16. Und jetzt: kaltes Wasser!!!

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Mensch ist das schön geworden!

Prallvolles Programm, prallvolles Zimmer 16 – das zehnjährige Jubiläum von So noch nie machte seinem Motto alle Ehre. Und zum besonderen Anlass sind sogar die Fotos prallvoll Farbe.

Wo fange ich bloß an … Zehn Jahre Offene Lesebühne Pankow, die fast von Anfang an SO NOCH NIE heißt und seit ebenfalls fast von Anfang an im ZIMMER 16 stattfindet, an jedem vierten Montag im Monat, die mit nicht mal einer Handvoll Teilnehmer begann (Stefan Greitzke hatte die Idee und die Leitung des Abends, Frank Georg Schlosser und Leovinus machten mit und Angela Bernhardt gesellte sich sofort dazu) und die seit geraumer Zeit das Zimmer 16 beinahe an seine Kapazitätsgrenzen bringt, mit der Hingabe an Literatur und Diskussion, verkörpert von all den Menschen, die sich zu uns auf den Weg machen und lesen, sprechen und zuhören. Was, wenn nicht dies ist ein Grund zum Feiern?! Der Vollständigkeit halber: Ich stieß 2011 zu diesem Kernteam, gefolgt von Ulrike Lynn, womit wir fünf Schreibende/Organisierende waren und sind, die auch das Entdecken, Zuhören und Reflektieren an diesen Abenden sehr schätzen, das es so bei kaum einer anderen Lesebühne Berlins gibt. Wir haben über die Jahre viel Zutrauen in einander und in uns gefunden, gerade weil wir und die anderen Lesebühnenteilnehmer offen, aber fair, zu diskutieren versuchen. (Und den Moment der Ermutigung haben vermutlich auch viele andere Schreibende bei SNN erfahren.) Deshalb präsentierte unser Moderator und Mit-Kernautor Leovinus auch als ersten literarischen Programmpunkt: Jede/r von uns fünf hatte einen Text der letzten Jahre von einer/einem von uns fünf „gecovert“ – neu geschrieben, sich davon inspirieren lassen, nachempfunden … Vorher aber lauschten alle dem initialen rbb-Radiobericht über SNN, und dann Ute Danielzik, die ihre „Hymne“ auf So noch nie für uns und für alle sang und auf dem Piano begleitete – wir verdrücken eine Träne vor Rührung. Und ab jetzt, versprochen, mache ich es kurz:

Frank hatte sich gleich zwei meiner Geschichten rausgepickt und Motive/Figuren daraus zu einer ganz neuen Geschichte gemacht, Hendrik, der explodiert (am Ende, im übertragenen Sinn), die dicke schwarze Frau, die zum Objekt wilder Sexfantasien wird und zum Auslöser von Hendriks mörderischer, feuriger  Affekthandlung.

Leovinus bemächtigte sich eines Bildes aus einer von Ulrikes Geschichten – der fragile Turm aus Strandkieseln am Meeresufer wurde zu einer Art Lebensaufgabe der Hauptfigur, die einen Turm nach dem anderen errichtet, neben denen, die schon da waren, bevor sie aus dem Meer an Land kam – um dann doch dem Strand zu entwachsen.

Angela lieferte in ihrer Coverversion von Leovinus‘ Text endlich die Erklärung, was da eigentlich vorging beim Weltuntergang und warum so viel Shampoo und Harken gekauft werden mussten, sobald das nahende Ende feststand. Und natürlich lag es im Grunde an so einem Beziehungsding, das in Händen höherer Mächte mächtig ausuferte. Kapiert?!

Ulrike transormierte eine Musiker-Geschichte von Angela sanft, aber bestimmt in eine Sprachmenschen-Geschichte. Wo der eine sich in seinem Instrument auflöste, mit  ihm eins wurde, zerfiel der andere in seine unsterbliche Essenz, nämlich einzelne Worte, die von seiner ehemaligen Schülerin aufgelesen und in die Tasche gesteckt werden wollten – und wurden.

Michaels Musik aus Franks Geschichte spielte sich originalgetreu oral ab: Zwei Chormitglieder verhakten sich in einen Streit, der von dem einen nur als Scherz gemeint war, wonach einer sich am Ende aber mit einer Kugel im Leib auf dem Küchenboden des anderen wiederfindet und nunmehr die Engel Samuel Barber singen hört.

Bevor wir die Pause einläuteten, überreichte Leovinus dem guten Ralf vom Zimmer 16 unsere Sonder-Ehrenurkunde für die jahrelange Gastfreundschaft des Zimmer 16 und Angela trug die Geburtstagstorte, gebacken von unserer Ehren-Kernteam-Autorin Petra Lohan, zur Bühne und feierlichen Kerzenausblasung. Danke Ralf, danke Zimmer 16, danke Petra!

Die süße Pflicht jedes SNN-Abends: die Bestimmung der/des Themenbeauftragten! Es hob sich die Hand von Ulrike Günther, sie wird sich mutig bis zur Mai-Lesebühne dem gelosten Themenvorschlag aus dem Publikum stellen: „Sieben Streiche Leben“. Wieder einmal ein Beauftragten-Debüt! Wir freuen uns und erwarten gespannt den Mai.

Angela ließ es sich – und uns – nicht nehmen, Stefan Greitzke in Abwesenheit zu grüßen, zu ehren und zu danken – er gründete unsere Lesebühne mit, lenkte und moderierte sie den größten Teil der zehn Jahre über. Von dieser Stelle auch nochmal: Danke Stefan, bis bald und schade, dass du nicht mitfeiern konntest!

Nun wurde es eilig: Zur Stoppuhr-Staffellesung bildete sich eine Schreiberschlange bis zur Rückwand des Zimmer 16 – derer zwölf hatten Texte zum Thema „Mensch ist die groß geworden!“ vorbereitet und im Anschlag. Nun durften diese maximal drei Minuten dauern, weshalb ich sie hier nicht einzeln wiedergeben kann – es ging zu schnell hintereinander weg! (Schauen Sie die Fotos an!) Es war ganz und gar überwältigend, wie einfallsreich, lustig, poetisch, irre und freigeistig es zuging, jeder Beitrag eine Perle auf der Kette. Vielen vielen Dank an alle!!!

Der Augenblick, auf den sicher ALLE mit schweißnassem Rücken gewartet haben, kam: Das Los für unsere SNN-Zaubertasse wurde gezogen (nachdem die Echtheit der Losnummern notariell geprüft und das tadellose Funktionieren des Farbzaubers der Tasse demonstriert worden war)! Der stolze Gewinner wird nun bei jedem Heißgetränk unsere fünf Lieblingssätze lesen können.

Was für ein Jubiläum, was für ein Abend, was für Autorinnen und Autoren, was fürein Publikum, was für eine Freude – für diesmal, bis zum 22. April um 19.30 Uhr, Ende derGeschichte!

P.S. Danke an alle, alle, alle die bei den Vorbereitungen geholfen haben, die Leckereien beigesteuert und am Abend tatkräftig Hand angelegt haben. Tausend Dank von Angela, Frank, Leovinus, Michael und Ulrike.

Der Aufbruch

Kurzgeschichte von Barbara Schwittmann, SNN-Themenbeauftragte im Monat Februar 2019

Sie saßen am Frühstückstisch. Er las die Tageszeitung und sie rührte in ihrem Kaffee. Wie schrecklich war diese Stille. Sie räusperte sich.

„Is was?“, fragte er hinter seiner Zeitung. Sie antwortete nicht.

Sie hasste dieses „Is was?“. Es klang so vulgär und rüpelhaft – schlechtes Deutsch. Wenn er wenigstens „ist etwas?“ sagte, aber da war er doch zu bequem, so wie in vielen Dingen. Aber es klang auch nicht besonders – so gestelzt.

Warum fragte er überhaupt? Hatte er ein schlechtes Gewissen? Immerhin saßen sie gemeinsam am Frühstückstisch. Es wäre möglich, sich zu unterhalten. Vielleicht über Politik oder über das Wetter? Oder über den Jüngsten, der schon wieder eine Ehe in den Sand gesetzt hatte. Oder über die Enkelkinder? Sie unterhielten sich schon lange nicht mehr. Nicht beim Frühstück und auch sonst nicht.

Er hing hinter der Zeitung, als müsse er sich vor etwas schützen. Spürte er ihre Gedanken? Ihre schweigenden Vorwürfe? Sie sah nur seine rechte Hand. Er hielt die Zeitung mit dem Daumen, dem Zeigefinger und dem Mittelfinger. Das sah so zimperlich aus. Die zwei anderen Finger spreizte er ab. Er hatte lange Finger und gut gepflegte Nägel. Sonst war es mit seiner Pflege nicht so weit her. Aber das war ihr egal.

Er gefiel ihr nicht mehr. Früher war er schlanker und sportlicher. Er war nicht so kahl auf dem Kopf wie jetzt. Aber das wäre nicht so schlimm, wenn er freundlicher wäre. Ein netter Blick, der sie wahrnahm, mit ihren Wünschen und Interessen. Aber sie gefiel ihm vermutlich auch nicht mehr. Schon deshalb zeigte er kein Verlangen nach einem Gespräch, einer Umarmung.

Sie rührte in ihrer Kaffeetasse, obwohl die Milch längst gut verteilt war.

Ihre Blicke wanderten durch die Küche. Sie frühstückten immer hier, an dem großen Tisch. Früher saßen sie über Eck. Aber seit einiger Zeit saß er oben und sie, weit entfernt, am unteren Ende.

Sie kannte jede Ecke, jeden Fleck, jede Ritze in dieser Küche. Hier könnte sie blind kochen, putzen und abwaschen.

Ihre Blicke glitten an den Kacheln mit den blauen Fischchen vorbei und blieb an dem großen Kühlschrank hängen. Der musste mal wieder mit Essigwasser ausgewaschen werden. Auf der Kühlschranktür hingen Kinderbilder, kraklig und unbeholfen. Ein Haus und eine Familie, nicht ganz vollständig. Was das wohl bedeutete?

An der Küchentür waren Buchstaben aufgeklebt. Das waren die ersten Leseversuche ihrer Enkelkinder. Wie sie sich gefreut hatte, als die kleine Emma das große F erkannte.

In dieser Küche kochte sie seit dreißig Jahren. Sie hätte gern eine neue gehabt. Aber er war dagegen. „Sie tuts doch noch“, war der Satz, den sie immer wieder hörte. Auch als sie um eine Spülmaschine bat, war seine Reaktion: „ Für zwei Personen eine Spülmaschine? Das ist Energieverschwendung. Wozu hat man zwei gesunde Hände.“

Er meinte natürlich ihre Hände.

„Aber wenn Gäste kommen. Dann wäre es doch praktisch.“

„Gäste, welche Gäste? Noch nicht mal die Kinder kommen.“

„Weil du sie mit deiner Besserwisserei vergrault hast.“ Das sagte sie besser nicht laut.

Und ein Wäschetrockner?

„Du kannst die Wäsche doch auf den Balkon hängen.“

„Unterhosen gehören nicht an die Öffentlichkeit, auch deine nicht“, wagte sie zu sagen.

„Dann hänge sie irgendwo hin. Du wirst schon eine Lösung finden.“

Immer musste sie Lösungen finden. Dazu hatte sie keine Lust mehr. Sie rührte in ihrem Kaffee und träumte.

In ihrem eigenen Bad würde ein Wäschetrockner stehen und in ihrer kleinen Küche eine Spülmaschine.

Hier würde sie sich feine Gemüseessen bereiten, nicht immer Fleisch. Auf dem kleinen Balkon würde sie Kräuter haben, von allen Sorten. In die Kästen kämen keine stinkigen Geranien, sondern zarte Petunien, Stiefmütterchen oder Buschröschen. Eine Tomate mit kleinen Früchten und winzigen Paprika würde sie pflanzen.

Sie träumte von einem Wohnzimmer mit eigenen Möbeln und einer Schlafcouch für Gäste, die sie wollte und in das Schlafzimmer käme ein großes französisches Bett.

Für einen Moment wich die drückende Unzufriedenheit, mit der sie schon lange kämpfte. Sie wollte sich jeden Morgen auf den Tag freuen dürfen, das Wetter begrüßen, ob Sonne oder Regen. Sie wollte laufen und das Grüne der Welt umarmen.

Der Gedanke an eine eigene Freiheit machte sie ganz kribblig. Sie fuhr sich durch die kurzen grauen Haare und trommelte mit den Fingern auf den Tisch.

„Was is?“ Er sah wieder über den Rand der Zeitung.

„Nichts, nichts, ich denke nur nach.“

Er schüttelte seinen kurzgeschorenen Kopf und widmete sich wieder der Zeitung.

Sie könnte ins Kino, ins Theater gehen, ohne zu fragen oder ohne seine Kommentare zu ihren Plänen anhören zu müssen.

„Was willst du denn mit Brecht? Willst du dir wieder den Schniedelwutz von Herrn Eidinger ansehen? Du hast es wohl nötig.“

Sie träumte. Aber etwas störte sie plötzlich.

„Hallo, Schlafmütze. Es hat geklingelt“, hörte sie, noch ganz versunken.

Langsam tauchte sie aus ihrem Tagtraum auf.

„Mach auf, es hat geklingelt. Es wird die Post sein.“

Was wollte er von ihr?

Da überkam sie ein Gefühl, wie sie es nie verspürt hatte. Es schlich sich über ihren Rücken bis zu ihrem Kopf. Hier explodierte es.

„Verflucht noch mal, dann mach du doch auf. Kannst du nicht laufen?“

Sprachlos sah er sie an. Er schmiss die Zeitung auf die Butter und ging zur Haustür. Dann verschwand er in seinem Zimmer.

Sie holte tief Luft.

„Jetzt!“, flüsterte sie, nahm die Zeitung von der Butter, legte sie auf seinen Stuhl und verließ mit schnellen Schritten die Küche.

Im Schlafzimmer wechselte sie hastig ihre Kleidung. Sie hatte wie immer im Morgenrock gefrühstückt. Dann zog sie einen großen Koffer unter ihrem Bett hervor. Leise öffnete sie die Schlafzimmertür und rollte den Koffer vorsichtig den langen Flur entlang. Aber er hörte es.

„Is was? Hast du dich wieder beruhigt?“, tönte es aus seinem Arbeitszimmer. Er öffnete die Tür.

„Ja, es ist etwas“, sie zögerte, „ich gehe.“

„Wieso das denn?“

„Du hörst von mir“, sie zog ihren Koffer durch die Wohnungstür und sah nicht mehr zurück.

Reife Liebe

An diesem vierten Februar-Montagabend im Zimmer 16 gab es bemerkenswerte Beginner-Zahlen: 1 Themenbeauftragten-Debütantin, 1 Moderations-Debütantin, 2 komplette SNN-Frischlinge, 1 Prosa-Beginnerin, außerdem wieder weit mehr als 8 Lesewillige im Lostopf und: volle, volle Stuhlreihen im Zuschauerraum. Und um es vorwegzunehmen: Vergesst die Zahlen, lauscht den Worten – es gab wieder vielfältigste Wortkunst zu vernehmen und ebenso engagierte Wortmeldungen.

Barbara Schwittmann hatte sich im November mutig zur Themenbeauftragten küren lassen und „Der Aufbruch“ als Thema gelost, „ein hartes Wort“, wie sie sagt. In ihrer charakteristischen schlanken, äußerst genauen Sprache beschrieb sie die letzten Minuten einer jahrzehntelangen Ehe, die eigentlich nicht anders verlaufen als beliebige andere Minuten zuvor – und was der Grund dafür ist, dass es der Protagonistin endgültig reicht. Sie vollzieht, hart und für ihren Gatten vollkommen überraschend, ihren Aufbruch in ein neues, selbstbestimmtes, eigenes Leben. Ihre hochverdiente Themenbeauftragten-Urkunde händigte ihr unsere erstmalige Moderatorin Angela Bernhardt mit großer Freude aus.

Marcel Kröhner liebt es noch kürzer als für gewöhnlich Barbara – er schreibt gedankentiefe, aber meist humorvolle Lyrik: „Rabenliebe“, in der man nicht zwischen symbiotischen Vogel- und Menschenbeziehungen unterscheiden kann, „Da komm ich her“, Preisung einer himmlischen Liebe, „Blaues Wunder“, wo Liebe unterscheidungslos macht, „Reife Liebe“, ein Aufruf, die Äpfel der Lust zu genießen, solange sie noch kein Fallobst sind, „Bildnisse der Geliebten“, aufgebaut aus modifizierten FAZ (!)-Kopfzeilen, „Abendlied“, Portrait einer sehr körperlichen amour fou – „du fällst zu oft vom Küchentisch“.

Jana Franke, zum zweiten Mal bei SNN, präsentierte ein Märchen, in dem Obst ebenfalls eine Rolle spielte, nämlich als Objekt der Begierde eines nahe dem Garten lebenden Regenten, der sich gern den ganzen Garten unter den Nagel gerissen hätte und dafür auch nicht vor der Zerstörung der ganzen zugehörigen Ortschaft zurückschreckt. Der Garten aber gehört der Mondkönigin, was der Regent nie erfährt, auch nicht nach dem Verlust selbst der zweiten Armee, die er zum Garten schickt. Der Text schien mehr ein sprachlicher Versuch mit Märchenmotiven zu sein denn eine runde Erzählung, im Publikum ließ er Fragen aufkommen zu Erzählperspektiven und Deutungen – und der Blutrunst!

Stefan Franken beehrte uns wieder mit ausgefeilten, urkomischen Gedichten. Er schreckt nicht vor den absurdesten Erfindungen zurück, kennt sich im wahren Leben aber genauso aus, was (bei ihm und vermutlich nicht nur bei ihm) oft ein und dasselbe ist: Das „Ömchen“, das vom eilfertigen Passanten über die Straße und weg von ihrer Bushaltestelle getragen wird, weshalb sie den Bus auch verpasst, die Nacherzählung der Krösus-Geschichte und seiner gierigen Nachkommenschaft in boshaft-witzigen Reimen, der Liebessänger, der wegen Dunkelheit die Falsche verführt und fortan lieber tagsüber singt, die Exzesse Berliner Hipster-Gastronomie, riskanter Blumen-Philosophie und musikalischen Lurchen mit Alkoholproblem … ja, ich schwör!

Nach der Pause bekamen wir einen neuen Themenbeauftragten: Matthias Rische hob mutig die Hand und senkte sie sodann in den Lostopf der Zuschauerthemen: „Bei mir“ lehnte er ab, musste daher „Sommerzeitumstellung“ nehmen. Am 22. April erfahren wir, was ihm dazu eingefallen ist.

SNN-Debütant Bernd Daschek erzählte in seinem Text, der Teil eines zukünftigen Romans ist, vom wilden West-Berlin der 80er Jahre-Hausbesetzerszene: Häuserkampf und Kalter Krieg! Zwei alte Hausbestzer-Recken treffen sich zufällig wieder und Erinnerungen kommen auf an die frühen Achtziger, an die schöne Freundin, das Moped und die Prügeleien mit den Bullen, an Liebe, Blut und achtundsechziger-Ärzte im Urban. Warum sich beide Kämpfer für Verräter halten, beantwortete der Ausschnitt nicht – warten wir auf weitere Besuche Bernds bei SNN oder den Roman. Auch hier wurde über Erzählperspektive diskutiert, über die in diesem Fall unterschiedliche Wahrnehmungen existierten.

SNN-Debütantin No. 2: Gabi Petrich. „Ich beobachte gerne“, sagte sie eingangs ihrer Lesung von „Handyman und weitere Unwegsamkeiten“, doch ihr atemloser Bericht ließ erst gar keine Beschaulichkeiten aufkommen. Auto „sehr, sehr krank“, also BVG. Die U-Bahn ist voll. Sehr voll. Ungeheuer voll! Sardinenbüchsenvoll. Fahrräder im Kreuz, Kinderwägen wie Dampframmen, lautstarke Beziehungsverhandlungen am Handy („Du Opfer! Du Tod!“), an denen irgendwann der halbe Waggon lebhaft teilnimmt, es bilden sich Fraktionen pro ER und pro SIE, dazu kommen Bettelmusikanten mit elektrischen Boxen in die Bahn – wie aussteigen? Nichts geht mehr, wenn nicht alle gehen. Zum Glück gehen alle, inklusive der Freundin des Handymannes, der jetzt wieder solo ist. Sie schreibt sonst wissenschaftliche Texte, versucht sich nun in Prosa, sagte Gabi. Bitte weitermachen.

Wolfgang Eubel befasste sich mit der Frage aller Fragen: Was ist es? Wie immer gestisch-philosophisch, machte er „es“ aus in der Ursache des ewigen Konfliktes zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, besser, dem Mann und der Frau. Welche er in ihrem Hormonhaushalt lokalisiert, besser dem Testosteron und dem Östrogen, dem m und w jeweils ausgesetzt, ja ausgeliefert seien wie Drogenabhängige ihrer Droge oder Fische ihrem Wasser – „Zwangschemikalisierung“ wie bei Steinzeitmenschen, oder wie man sie sich vielleicht vorstellen mag. Das trug er wieder sehr lebhaft und mit kräftigen Sprachfarben vor. Unterhaltsam fanden es etliche, manche zu holzschnittartig dem Gedanken des Geschlechterkampfs anhängend.

Matthias Rische tauchte ein weiteres Mal in menschliche Abgründe ein – ein junger Mann, Sproß einer Akademikerfamilie, hat wohl gerade einen Nebenbuhler umgebracht – zumindest aber zusammengeschlagen, man weiß es nicht genau, aber es ist bei weitem nicht sein erster Gewaltausbruch gewesen. Genug Unheil jedenfalls, um sein persönliches Fass zum Überlaufen zu bringen – und ähnlich wie die Ehefrau zu Beginn des Abends entschließt er sich zu einem „Aufbruch“, Ausbruch, aber Total-Exit aus seinem unerträglichen Leben: Er legt sich in den Schnee vor seinem Elternhaus und schließt die Augen. Jemand im Publikum rief da am Ende: „Ich hab alles verstanden!“ Na bitte! Wir wünschen Matthias, der mehrere eigene Lesebühnen leitet, für das fünfjährige Jubiläum der Lesbühne Für_Wort am 28. Februar viele gut gelaunte Zuschauer!

Damit sind wir beim Thema: Die März-Lesebühne SoNochNie wird eine Sonder-Lesebühne, denn wir werden zehn Jahre alt. Bitte lest dazu die Beiträge und das Programm hier und auf unserer facebookseite, einfach alles, was noch bis zum 25. März dazu erscheint! Danke Angela für deine wunderbare Moderation des Abends und wir sehen uns hoffentlich alle wieder zur „Geburtstagsparty“ am 25. März im Zimmer 16.

Die Welt ist eine Erzählbar

Sagen wir einfach mal, die unscharfe Notierung des diesmaligen Beauftragtenthemas vor zwei Monaten lag am stetig wachsenden Zuschauer- und Teilnehmerstrom von SoNochNie: Statt des angekündigten „Die Erzählbarkeit der Welt“ hatte Octavia Wolle eigentlich den Zuschauervorschlag „Ist die Welt erzählbar?“ gelost – und hernach auftragsgemäß zu einem Text wachsen lassen. Und auch heute stapelten sich die Namen der Lesewilligen geradezu auf der Liste des Moderators, sodass wieder ausgelost werden musste. Menge also wie immer auf acht begrenzt, Vielseitigkeit der Texte dagegen MEGA.

Themenbeauftragte Octavia ließ uns in ihrer gedanklich glasklaren und zugleich humorvoll-warmen Sprache in Form eines erzählerischen Essays am Schöpfungsprozess ihres Textes teilnehmen – wie die Frage sie umtreibt, wie sie sie mit ihrer Tochter am Telefon wieder und wieder bekakelt: Ist die Welt erzählbar? Wie sie Wikipedia befragt, das moderne Orakel, wie die Philosophie, Kant, Klopse, Chatwyn, daraus hinauslaufen, mit der Frage vor einem Ozean zu stehen, den man nun mit einem Kochlöffel auslöffeln soll. Wo doch eigentlich alles ganz einfach ist, wie die Aborigines wissen: Die Welt wird erzählt, erzählenderweise erschaffen, genauer gesagt, in Gesängen, welche, wie wir seit Homer wissen, auch Erzählungen sind. Für die Erschaffung aus der Erzählung gibt es weitere Beispiele: „Erzähl mich doch nichts“ heißt, mach mir doch keine Erfindung weis, Erzähltes wird mitunter wirklich Welt. Das war ein erhellender Gedankenausflug.

Wie um genau diese Macht der Erzählung zu bekräftigen, zog Petra Lohan uns mit ihrem Text „Pinakothek der Begegnungen“ in eine ganz eigene Welt. Eine Sammlerin von a) flüchtigen und b) folgenreichen Begegnungen hält vor genau einem Zuhörer einen Vortrag über ihre Sammlung und den Gegenstand derselben. Erstere hat sie tatsächlich, und zwar mittels eines Fotoapparates, festgehalten und eine Auswahl davon in der Ausstellung, letztere, tja, wie nur konserviert, verewigt, ausgestellt, da sie sich ja eben nicht auf einen Augenblick beschränken. Der Zuhörer erweist sich im Anschluss als eine jener folgenreicheren Begegnungen, die Geschichte als eine Art perpetuum mobile des Erzählens und des Lebens …

Wolfgang Weber erzählt so gut wie nie. Er wirbelt auf. Worte, Titel, Verkettungen, Verbindungen, sprachlich, bildlich, gestisch, musikalisch. „Animalisch“ hieß sein Text, und als er darin ein ums andere Mal die Zeile „I’m an animal“ von Eric Burdon zitierte, verschmolz er mit seinem wüsten Haar in seinen Perkussionsbewegungen mit Kalebasse tatsächlich in der Assoziationswelt zu dem Muppet-Schlagzeuger „Animal“ – was ich ausdrücklich als Kompliment gemeint haben will. Ich bin ein Tier! „Ich habe keine Fragen mehr an die Sache“, sagte eine Zuschauerin anschließend.

Der Notdienst-Arzt, der sich in meiner anschließenden Geschichte „Oeverdings Sammlung“ auf den nächtlichen Weg zu einem Patienten macht, betritt wiederum auch eine fremde Welt, in der ihn allerdings ein sehr, sehr alter Bekannter erwartet. (S)ein ehemaliger Professor von der Kunstakademie benötigt ärztliche Hilfe, der ehemalige abgebrochene Kunststudent und nachfolgende Mediziner eine gewaltige Portion Selbstbeherrschung, als er sieht, woraus die sagenumwobene Sammlung seines alten Profs besteht. Sehr berührt haben mich die mannigfaltigen Sichtweisen des Publikums auf die Geschichte, was sie in ihnen ausgelöst hat, woran sie dabei gedacht haben. Herzlichen Dank!

Der zweite Teil des Abends bescherte uns mit der Geburtshilfe unseres geschätzten Moderators Leovinus einen neuen Themenbeauftragten, und zwar für Januar 2019 – weil der Dezembertermin auf Heiligabend und damit aus – fällt. Wolfgang Weber wird das Thema „Spekulationen“ aufwirbeln. Wir warten gespannt!

Marcel Kröner – in seinem SNN-Debüt – las den zweiten Teil an und präsentierte einige lyrische Ausflüge – oder sagen wir Törns/Tauchgänge/Bahnen – um das Schwimmen und seine weiten Assoziationsfelder. „Freischwimmen“ – der Aufbruch zu neuen Ufern, „Stunde der Heimkehr“ – um den Ur-Helden des Homer, „Vom Schwimmen in der Blase“ – die, in der wir alle einmal schwammen, „Acheron“ – unter Verwendung „geliehener Zeilen“ und „Nichtschwimmerin Ophelia“ – zu der jemand anmerkte, es sei eine „literarische Charade“. Auf jeden Fall schwimmfähig und weit davon entfernt, abzusaufen, diese Lyrik, die wieder neue Türen aufmachte auf der Lesebühne.

Alltäglichstes, ja beinahe Nichtiges, so würden manche das nennen, worüber Barbara schreibt. Und sie hätten wohl Recht damit. ABER: Im Kleinsten, Unscheinbarsten das Besondere, das Auffällige und Bedeutsame zu erkennen, das ist eine echte Kunst. Und das dann so lakonisch, knapp und treffend erzählen zu können wie Barbara, das macht sie zu einer echten Künstlerin. Bei ihrem heutigen Besuch hatte sie von Begegnungen mit Berliner Taxifahrern zu erzählen – „Der Braune“ (Farbige), „Hodensack wie ein Bulle“ (genau das), „Die Leiden eines sportlichen Taxifahrers“ (wenn man sich die Schambeinentzündung mit einem Top-Sportler wie Reus zuteilen glaubt), „Der Pakistani“ (der ohne jede Orientierung arbeitet – was er wiederum mit vielen Berufstätigen gemeinsam hat) – höchst unterhaltsam und berührend.

Oliver – ein weiterer Wiederkehrer – legte uns mit seiner knappen, genauen Lyrik „Biografien von Idioten“ auf den Tisch. Vom Einstecker „Stefan Stamm“, von der „Morgenandacht“ in der Kneipe mit den Müllmännern, von Jugendfreund „Rolfi“ mit zu großen Schneidezähnen, von Bolt (hoffentlich richtg geschrieben), der irgendwo in Asien oder Osteuropa Brückenbauten betreut. Was manche (nicht alle!) als Spott ansahen, kam mir doch eher vor wie eine Würdigung von Menschen, die es eben nicht ganz auf die Reihe kriegen: eine kleine Galerie von pointierten Loser-Portraits.

Das zweite Debüt dieses Abends: Ava Sergeeva. Sie stellte uns einen Auszug aus ihrem ersten Roman „Ich bin Merkur“, der bei Periplaneta erschienen ist. (Irgendwo muss es einen unterirdischen Gang zwischen Periplaneta und dem Zimmer 16 geben, es tauchen immer wieder neue, interessante Autor*innen von dort auf.) Es war/ist wohl ein biografischer Roman, also eine Lebensgeschichte – ob fiktiv oder nicht, spielt keine große Rolle – erzählt aus der Perspektive eines männlichen Protagonisten (oder vielleicht auch nicht?) mit Vorliebe für multipersonale Rollenexistenzen, Pen & Paper und echte Fantasy-Rollenspiele. Worauf alles hinausläuft, war in diesem kurzen Ausschnitt naturgemäß nicht zu erfahren, aber beziehungsdynamisch scheint einiges Schwarzpulver drin zu stecken – also Amulette und Zauberschwerter bereithalten und auf in den Kampf.

Wir sehen uns am 26. November zur letzten Lesebühne 2018. Bis dahin: schreibt, was das Zeug hält!

Björn ist ein schwäbischer Name

Am Montag war der Feind im Zimmer 16. Und es stellte sich wieder einmal heraus: Er ist gar nicht feindlich, man versteht bloß seine Sprache nicht.

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Eine Beauftragtengeschichte komplett auf Schwäbisch! Ja weiß denn dieser Björn Reich nicht, wo er ist? Pankow! Gut, Schwaben werden in Pankow, anders als in Prenzlauer Berg, von den nicht schwäbischen EinwohnerInnen nicht ganz so wie einst die Wehrmacht von den Holländern angesehen, aber trotzdem … Mut hat er also, sogar doppelt, immerhin gab er sein Beauftragtendebüt bei SoNochNie. Wir hatten schon Dänisch und andere wild-exotische Zungen auf der Lesebühne, aber so viel wurde über die (Un)Verständlichkeit einer Sprache noch nie diskutiert! Doch ein heimseliges Geschwärme wurde er nicht, sein Text zum Publikumsthema „Was ist Heimat“, sondern ein leise ironischer Erinnerungsspaziergang durch die Untiefen des Provinzlebens.
Warmbronn, Ort seiner Kindheit, lauschiges Plätzchen bei Leonberg, Heimat auch des Dichters Christian Wagner, welcher von den Warmbronnern erst posthum u.a. mit einem Brunnen geehrt wurde, weil er ihnen zu Lebzeiten wohl doch zu viel unnütz herumgesessen haben muss, statt „zu schaffe“ bloß gedichtet hat. Die 20 Pfennige pro Tag für den Schulweg, die für saure Schlangen „Schlotzer“ (Lutscher) draufgingen. Auf dem heimatlichen Hof ein Massenmord an sämtlichen 92 „Hase“ (bestimmt Kaninchen), weil eben dieser Hof vom Opa aufgegeben wurde und niemand weitermachen wollte, sondern lieber schnell, schnell raus mit dem eigenen Auto, das jeder haben musste. In der Rückschau auf die heute eher verwaisten Pfade zur alten Schule und durch das Dorf vorbei am Wagner-Brunnen erscheint das Leben nun trotzdem „oifach, aber doch schee“.
„Ich habe nur fünfzig Prozent verstanden!“ war die erste Reaktion aus dem Publikum, die zweite, sich darauf beziehende: „Glückwunsch!“ – welche aber nicht hieß, es sei gut, nur die Hälfte verstanden zu haben, sondern ehrliche Bewunderung für die Übersetzungsleistung ausdrückte. Ich war, ich gebe es zu, etwas stolz darauf, quasi alles von Björns Text verstanden zu haben, was an meiner südwestdeutschen Teilbiografie liegt, und was mir das Vergnügen an den hintergründigen Schilderungen aus dem Ländle nur noch vergrößert hat. Danke, Herr Themenbeauftragter, die Urkunde ist mehr als verdient.

SNN-Debütant Henrik Lode las Hochdeutsch. Einen Auszug aus seinem Buch (Roman?) „Laotse im Schlaraffenland“, in dem es um zwei Gewinner je eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ geht. Eine Szene führte in ein Büro in einem Job-Center, in dem der eine Gewinner seinen Businessplan für Vollkorn-Döner anzubringen versucht – was nicht einfach ist, u. a. weil die Vermittlerin zu vielem eine Meinung, aber keine klare Vorstellung der eigenen Kompetenzen hat – was eine Entscheidung seitens des Job-Centers deutlich erschwert. Oder lag es doch an der Geschäftsidee, irgendeinen „Türkendaddy mit Plautze“ hinter den Tresen zu stellen und dies der türkischstämmigen Vermittlerin auch mit genau diesen Worten mitzuteilen? Im Publikum wollte man dann gerne mehr erfahren über die Geschichte und fand, einen Protagonisten zu schreiben, der nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, zeugt von einem gewissen Mut.

Hinaus aus Berlin zog es/uns dann wieder Octavia Wolle mit ihrem Essay über Erinnerungen an die Uckermark, für sie zweite Heimat nach oder neben Berlin-Mitte. Mehrere Jahre, noch vor dem Mauerfall, lebte sie dort, beobachtete Wildgänse auf dem See, hörte Hundekonzerte in den Dörfern, fing die Stimmen wachsamer Gänse ein, ließ sich von einem Fasan begrüßen, betrachtete Störche und Kraniche. Sie zitierte für uns aber auch Wikipedia, Bernhard Schlink und die Bibel, sodass es kein rein melancholisches Abtauchen wurde in eine Zeit und Gegend, die wirkte „als stünde die Erschaffung des Menschen noch bevor“. Und sie zitierte „Hänschen klein“: und zwar alle Strophen, unverkürzt/-verfälscht, denn in der Langfassung kehrt Hänschen nicht auf dem Absatz um, sondern erst nach sieben Jahren, als Hans, und wird nur von der Mutter noch erkannt. Was das nun zu bedeuten hat, darüber wurde kräftig diskutiert. Der geschliffene Text Octavias und die genauen Beobachtungen darin war manchen genug, auch ohne Wikipedia, und manche schätzten gerade die Mischung.

Ebenfalls erinnern mochte sich Elmar Grüber, allerdings an seine Heimat, die Eifel. Den Text hatte er, so sagte Elmar, noch niemals vor Publikum gelesen, obwohl er aus den Neunzigern stammt (der Text, nicht Elmar). „Der erste Kuss“ hieß seine absurd-hochkomische Episode, die, na? vom allerersten Kuss handelte, wie es dazu kam, was davor und dabei und danach schiefging (so einiges – wir sind in der stockkatholischen EIFEL!) und wer da noch mit zu tun hatte (dito). Das Ganze erzählte er mit immer wieder verblüffenden und wunderhübschen Verdrehungen, Wortumstellungen, Neuwendungen, die mehr sagten und witziger waren als plumpes Deutsch: „Ich verliebte dich in mich“ – noch Fragen?

Die Rückkehr aus der PAUSE brachte uns ein weiteres Debüt: Octavia Wolle erklärte sich bereit, am 22. Oktober unsere übernächste Themenbeauftragte zu werden, und loste  aus den Publikumsvorschlägen ihr Thema: „Die Erzählbarkeit der Welt“ – Wir werden alle da sein und lauschen!

Matthias Rische reimte. Und wer Matthias kennt, der kann sich denken, dass es keine süßen Reime waren. Er reimte von einem Schul-Amokläufer und von einem psychisch Kranken, der erst zum Mörder und dann zum Selbstmörder wird. Wir diskutierten, ob es mehr Wilhelm Busch oder Struwwelpeter-Reime waren. Das ist gruselig, oder?!? Das IST gruselig! Aber echt spannend. Der dritte seiner Texte war nicht einfach zu verstehen, denn es sprachen – wie er hinterher enthüllte – mehrere innere Stimmen einer gefährdeten Person, genauer gesagt, eines Missbrauchsopfers. Letzteres haben wir kapiert, ersteres eher nicht, vermuteten WG-GenossInnen oder Therapeuten, was dem Text aber kaum schadete.

Nun folgte mit Wolfgang Eubel eher eine Art Performance: „Movens!“ rief er noch aus dem Zuschauerraum, rezitierte sich bis zum Tisch vor und ließ an Wort – und Klangspieler denken wie Jandl. Doch das setzte er nicht ganz so fort, blieb jedoch beim humoristisch-wortspielerischen Vortrag – erst über Vampire, dann über die „Wende“, endend mit dem Ausruf: „Duck – mäu – ser!“ An die „Erzählbarkeit der Welt“ mag er ja nicht glauben (von ihm stammte das Thema, gab er zu), an ihre Eignung als Darstellungs- und Echoraum muss er glauben, sonst hätte er nicht diese gestische, rhythmische Art des Vortrags gewählt.

Mit rhythmischem Vortrag kennt sich Wolfgang Weber auch aus – auf seine unverwechselbare, etwas anarchische Art allerdings. Die „intergalaktische Schönheit“ hatte es ihm angetan, und mit der „Augenbrauenrakete“ zischte er durch Beauty-Slogans, Popmusikgeschichte und freie Wortassoziationen, dass ich hier und da sogar den Maulwurf zu hören glaubte („Tschüssn!“), der irgendwo zwischen Wolfgangs mitgebrachten Utensilien (Mini-Schultüte, Kinder-Mikrofon, Beauty-Prospekt, Rhythmus-Döschen) versteckt sein musste, aber nicht war. Wozu braucht Wolfgang auch einen Maulwurf!

Ein weiteres SNN-Debüt schloss den Abend ab: Dschamilja schreibt (auch im eigenen Blog) „a Nonsens, b Lyrik, c deep stuff“. Aus der ersten Rubrik trug sie „Gestern Nacht“ vor, welche nur wegen falsch gedrehter Bettdecke eine schlaflose geworden war. Aus der zweiten „1 Tag, 2 Gesichter“, eine Art gereimter Selbstzweifel, und aus der dritten „Wenn dich der Tango küsst“, ein emotionales Transkript, entstanden während eines Konzertbesuches. Ihre Texte riefen gemischte Reaktionen hervor, auf jeden Fall kurze, was wohl auch der fortgeschrittenen Zeit zuzurechnen war, denn wieder einmal war unsere Leseliste voll bis auf den letzten, ihren, den achten Platz geworden und auch die Reihen der Zuschauer/Mitreder/Selbstleser/Schreiber noch gefüllt zu dieser späten Stunde. Eine hochinteressante Offene Lesebühne, diese 125. von allen. Zur 126. am 24. September erwarten wir Sie wieder im Zimmer 16!

Wenn Worte um Asyl bitten

So oft in einem Beauftragtentext wie diesem kam ein Thema bei So noch nie sicher noch nie vor. Das lag vor allem daran, dass das Thema für den Juli-Beauftragten Ralph Mönius aus einem einzelnen Wort – Stehlampe – bestand und dieses Wort selbst die Hauptfigur seiner Geschichte war, welche verzweifelt versucht, sich nach überstandener Flucht aus einer Wort-Diktatur unter ihrem Namen – Stehlampe – beim Meldeamt registrieren zu lassen. So fällt sowohl die Bezeichnung als auch der Name dieser Hauptfigur praktisch unentwegt. Das Meldeamt hat natürlich Probleme mit einem Namen ohne Vor- und Nachnamen, weshalb man sich bis zu Bundeskanzlerin und EU-Präsident durchtelefoniert und schließlich zur allerhöchsten Instanz – der IT. (Ralph siedelte seine Geschichte in seinem höchsteigenen „Grimmatorium„-Universum an, in dem noch eine ganze Reihe anderer humoristischer Geschichten zu Hause sind.) Eine skurrile, originelle Story, ein würdiger Empfänger der Themenbeauftragten-Ehrenurkunde von So noch nie!

Das Foto in diesem Bericht, das Joachim Wolter beim Vortrag seiner Geschichte „Ikarus“ zeigt, ist nicht zufällig etwas unscharf, bzw. auf eine Nebensächlichkeit fokussiert. Denn ebenso erschien sein Text allzu oft, in dem er den Blick auf Unwichtiges wie Hotelzimmer und Tischdecken lenkte und dem Eigentlichen dadurch zu wenig Raum – und Tiefe – überließ. Ein Mann reist auf eine griechische Insel und hadert dort mit einer vergangenen Liebe, die durch seinen eigenen Verrat ein Ende fand. Ein wahrhaftiger Alphornspieler reißt ihn aus seinem Verdruss und gibt seinen Gedanken eine neue, positive Richtung. Das intensive innere Erleben, die Not, Verzweiflung und Erleichterung des Protagonisten waren zwar zu erahnen, gestaltet hat Joachim sie aber nicht so konsequent wie es die Geschichte verdient gehabt hätte.

Japluap legte wieder einmal eine mehrminütige Windows-XP-Stromanschluss-und-Start-Performance mit seinem prähistorischen Laptop hin, bevor wir seinem durchaus gedankentiefen Text lauschen durften, was allerdings nicht wenigen der Anwesenden von seinem leisen und oft undeutlichen Vortrag erschwert wurde. Dass trotzdem die lyrischen und inhaltlichen Qualitäten des assoziativ-sprachspielerischen Gedichtes erkannt wurden, spricht ohne Zweifel für den Autor und sein Werk, das, Achtung: „trotzdem“ hieß und sich dem Trotz, bzw. dem „Leben im Trotz“ aus mehreren Richtungen näherte. (So wie der trotzige Laptop auch …)

Die Wahl des/der nächsten Themenbeauftragten folgte und konfrontierte uns alle mit einem seltenen Ereignis (dies schreibe ich am Abend der weniger seltenen Mondfinsternis!): ZWEI BERWERBERINNEN! GLEICHZEITIG! KAMPFKANDIDATUR! LOSENTSCHEID! Um es kurz zu machen: Vera Fang machte das Rennen und loste auch gleich ihr Thema aus den Publikumsvorschlägen: „Stoppschild“. Am 24. September wird sie es auf der Bühne im Zimmer 16 auf – bzw. – vorstellen. Wir sind flitzbogengespannt! (Es war – nicht nur für diesen drückend heißen Ferien-Sommerabend – pickepackevoll im Zimmer 16, und wenn das dann bedeutet, dass sich gleich mehrere als TB bewerben, dann soll das gern alles so bleiben!)

Als erster Leser nach der Pause durfte ich – endlich, nach einer langwierigen Verlagssuche – meinen soeben erschienenen neuen Roman „In uns ist Licht“ vorstellen, der schon während seiner Entstehung das eine oder andere Mal auf der Lesebühne zu hören gewesen war und den Bemerkungen der Kollegen und des Publikums auch etliche Anregungen verdankt – also danke auch hier nochmal von Herzen. Ich wählte drei Teile aus, die für den Inhalt exemplarisch stehen können, ein erzählender Prosatext des heutigen Protagonisten und zwei Briefe der beiden Charaktere aus dem 19. Jahrhundert. Zu meiner Freude schien die scheinbar unzusammenhängende Auswahl und die Themen (Asyl, Porzellan, Frauenrechte) die Zuhörer nicht zu irritieren, sondern eher neugierig auf mehr zu machen. Wer also mehr erfahren oder lesen will, findet das wunderschön gestaltete Buch überall im Buchhandel, ich empfehle diesen autorenfreudlichen Shop (same price, more money for the artist)

„Sommer mit Libellen“ nannte Matthias Rische seinen atmosphärisch und emotional außerordentlich dichten Text über einen Jugendlichen, der unter der allzu körperlichen und sexuell aufgeladenen Beziehung leidet, die seine – alleinstehende – Mutter zu ihm pflegt. Er sucht einen Ausweg, findet ihn erst im Zeichnen von Insekten, dann aber, aus der Hilflosigkeit heraus, im Versuch, den vielen einst in einem See verschwundenen Kindern zu folgen – der glücklicherweise scheitert. Dass die Diskussion, ausgehend von einem Publikumsbeitrag, zeitweise darum ging, sexuelle Beziehungen zwischen Müttern und ihren Kindern doch bitte positiver darzustellen als im vorliegenden Fall, verblüffte sicher nicht nur mich.

Wolfgang Weber improvisierte zu Notaten: „Blueprint – Blaupause“ hieß sein … Vortrag, den er, wie die meisten seiner anderen Werke, als „rhythmischen Text“ bezeichnet – was zweifellos eine treffende Wahl ist. Um das Album „Blueprint“ von Rory Gallagjher herum entrollte sich hier eine Wortspirale um Blaupausen, Schultüten, Schulpausen, Rockmusik, assoziativ und – rhythmisch. Ein echter Weber eben, notiert anlässlich eines Aufrufs im Internet zum Thema „Pause“. Hier war nun aber keine Pause, sondern SCHLUSS.

Wir sehen uns wieder am 27. August im Zimmer 16, wenn der Themenbeauftragte Björn Reich seinen Text zu „was ist heimat“ vorstellt!