Die Welt ist eine Erzählbar

Sagen wir einfach mal, die unscharfe Notierung des diesmaligen Beauftragtenthemas vor zwei Monaten lag am stetig wachsenden Zuschauer- und Teilnehmerstrom von SoNochNie: Statt des angekündigten „Die Erzählbarkeit der Welt“ hatte Octavia Wolle eigentlich den Zuschauervorschlag „Ist die Welt erzählbar?“ gelost – und hernach auftragsgemäß zu einem Text wachsen lassen. Und auch heute stapelten sich die Namen der Lesewilligen geradezu auf der Liste des Moderators, sodass wieder ausgelost werden musste. Menge also wie immer auf acht begrenzt, Vielseitigkeit der Texte dagegen MEGA.

Themenbeauftragte Octavia ließ uns in ihrer gedanklich glasklaren und zugleich humorvoll-warmen Sprache in Form eines erzählerischen Essays am Schöpfungsprozess ihres Textes teilnehmen – wie die Frage sie umtreibt, wie sie sie mit ihrer Tochter am Telefon wieder und wieder bekakelt: Ist die Welt erzählbar? Wie sie Wikipedia befragt, das moderne Orakel, wie die Philosophie, Kant, Klopse, Chatwyn, daraus hinauslaufen, mit der Frage vor einem Ozean zu stehen, den man nun mit einem Kochlöffel auslöffeln soll. Wo doch eigentlich alles ganz einfach ist, wie die Aborigines wissen: Die Welt wird erzählt, erzählenderweise erschaffen, genauer gesagt, in Gesängen, welche, wie wir seit Homer wissen, auch Erzählungen sind. Für die Erschaffung aus der Erzählung gibt es weitere Beispiele: „Erzähl mich doch nichts“ heißt, mach mir doch keine Erfindung weis, Erzähltes wird mitunter wirklich Welt. Das war ein erhellender Gedankenausflug.

Wie um genau diese Macht der Erzählung zu bekräftigen, zog Petra Lohan uns mit ihrem Text „Pinakothek der Begegnungen“ in eine ganz eigene Welt. Eine Sammlerin von a) flüchtigen und b) folgenreichen Begegnungen hält vor genau einem Zuhörer einen Vortrag über ihre Sammlung und den Gegenstand derselben. Erstere hat sie tatsächlich, und zwar mittels eines Fotoapparates, festgehalten und eine Auswahl davon in der Ausstellung, letztere, tja, wie nur konserviert, verewigt, ausgestellt, da sie sich ja eben nicht auf einen Augenblick beschränken. Der Zuhörer erweist sich im Anschluss als eine jener folgenreicheren Begegnungen, die Geschichte als eine Art perpetuum mobile des Erzählens und des Lebens …

Wolfgang Weber erzählt so gut wie nie. Er wirbelt auf. Worte, Titel, Verkettungen, Verbindungen, sprachlich, bildlich, gestisch, musikalisch. „Animalisch“ hieß sein Text, und als er darin ein ums andere Mal die Zeile „I’m an animal“ von Eric Burdon zitierte, verschmolz er mit seinem wüsten Haar in seinen Perkussionsbewegungen mit Kalebasse tatsächlich in der Assoziationswelt zu dem Muppet-Schlagzeuger „Animal“ – was ich ausdrücklich als Kompliment gemeint haben will. Ich bin ein Tier! „Ich habe keine Fragen mehr an die Sache“, sagte eine Zuschauerin anschließend.

Der Notdienst-Arzt, der sich in meiner anschließenden Geschichte „Oeverdings Sammlung“ auf den nächtlichen Weg zu einem Patienten macht, betritt wiederum auch eine fremde Welt, in der ihn allerdings ein sehr, sehr alter Bekannter erwartet. (S)ein ehemaliger Professor von der Kunstakademie benötigt ärztliche Hilfe, der ehemalige abgebrochene Kunststudent und nachfolgende Mediziner eine gewaltige Portion Selbstbeherrschung, als er sieht, woraus die sagenumwobene Sammlung seines alten Profs besteht. Sehr berührt haben mich die mannigfaltigen Sichtweisen des Publikums auf die Geschichte, was sie in ihnen ausgelöst hat, woran sie dabei gedacht haben. Herzlichen Dank!

Der zweite Teil des Abends bescherte uns mit der Geburtshilfe unseres geschätzten Moderators Leovinus einen neuen Themenbeauftragten, und zwar für Januar 2019 – weil der Dezembertermin auf Heiligabend und damit aus – fällt. Wolfgang Weber wird das Thema „Spekulationen“ aufwirbeln. Wir warten gespannt!

Marcel Kröner – in seinem SNN-Debüt – las den zweiten Teil an und präsentierte einige lyrische Ausflüge – oder sagen wir Törns/Tauchgänge/Bahnen – um das Schwimmen und seine weiten Assoziationsfelder. „Freischwimmen“ – der Aufbruch zu neuen Ufern, „Stunde der Heimkehr“ – um den Ur-Helden des Homer, „Vom Schwimmen in der Blase“ – die, in der wir alle einmal schwammen, „Acheron“ – unter Verwendung „geliehener Zeilen“ und „Nichtschwimmerin Ophelia“ – zu der jemand anmerkte, es sei eine „literarische Charade“. Auf jeden Fall schwimmfähig und weit davon entfernt, abzusaufen, diese Lyrik, die wieder neue Türen aufmachte auf der Lesebühne.

Alltäglichstes, ja beinahe Nichtiges, so würden manche das nennen, worüber Barbara schreibt. Und sie hätten wohl Recht damit. ABER: Im Kleinsten, Unscheinbarsten das Besondere, das Auffällige und Bedeutsame zu erkennen, das ist eine echte Kunst. Und das dann so lakonisch, knapp und treffend erzählen zu können wie Barbara, das macht sie zu einer echten Künstlerin. Bei ihrem heutigen Besuch hatte sie von Begegnungen mit Berliner Taxifahrern zu erzählen – „Der Braune“ (Farbige), „Hodensack wie ein Bulle“ (genau das), „Die Leiden eines sportlichen Taxifahrers“ (wenn man sich die Schambeinentzündung mit einem Top-Sportler wie Reus zuteilen glaubt), „Der Pakistani“ (der ohne jede Orientierung arbeitet – was er wiederum mit vielen Berufstätigen gemeinsam hat) – höchst unterhaltsam und berührend.

Oliver – ein weiterer Wiederkehrer – legte uns mit seiner knappen, genauen Lyrik „Biografien von Idioten“ auf den Tisch. Vom Einstecker „Stefan Stamm“, von der „Morgenandacht“ in der Kneipe mit den Müllmännern, von Jugendfreund „Rolfi“ mit zu großen Schneidezähnen, von Bolt (hoffentlich richtg geschrieben), der irgendwo in Asien oder Osteuropa Brückenbauten betreut. Was manche (nicht alle!) als Spott ansahen, kam mir doch eher vor wie eine Würdigung von Menschen, die es eben nicht ganz auf die Reihe kriegen: eine kleine Galerie von pointierten Loser-Portraits.

Das zweite Debüt dieses Abends: Ava Sergeeva. Sie stellte uns einen Auszug aus ihrem ersten Roman „Ich bin Merkur“, der bei Periplaneta erschienen ist. (Irgendwo muss es einen unterirdischen Gang zwischen Periplaneta und dem Zimmer 16 geben, es tauchen immer wieder neue, interessante Autor*innen von dort auf.) Es war/ist wohl ein biografischer Roman, also eine Lebensgeschichte – ob fiktiv oder nicht, spielt keine große Rolle – erzählt aus der Perspektive eines männlichen Protagonisten (oder vielleicht auch nicht?) mit Vorliebe für multipersonale Rollenexistenzen, Pen & Paper und echte Fantasy-Rollenspiele. Worauf alles hinausläuft, war in diesem kurzen Ausschnitt naturgemäß nicht zu erfahren, aber beziehungsdynamisch scheint einiges Schwarzpulver drin zu stecken – also Amulette und Zauberschwerter bereithalten und auf in den Kampf.

Wir sehen uns am 26. November zur letzten Lesebühne 2018. Bis dahin: schreibt, was das Zeug hält!

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Björn ist ein schwäbischer Name

Am Montag war der Feind im Zimmer 16. Und es stellte sich wieder einmal heraus: Er ist gar nicht feindlich, man versteht bloß seine Sprache nicht.

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Eine Beauftragtengeschichte komplett auf Schwäbisch! Ja weiß denn dieser Björn Reich nicht, wo er ist? Pankow! Gut, Schwaben werden in Pankow, anders als in Prenzlauer Berg, von den nicht schwäbischen EinwohnerInnen nicht ganz so wie einst die Wehrmacht von den Holländern angesehen, aber trotzdem … Mut hat er also, sogar doppelt, immerhin gab er sein Beauftragtendebüt bei SoNochNie. Wir hatten schon Dänisch und andere wild-exotische Zungen auf der Lesebühne, aber so viel wurde über die (Un)Verständlichkeit einer Sprache noch nie diskutiert! Doch ein heimseliges Geschwärme wurde er nicht, sein Text zum Publikumsthema „Was ist Heimat“, sondern ein leise ironischer Erinnerungsspaziergang durch die Untiefen des Provinzlebens.
Warmbronn, Ort seiner Kindheit, lauschiges Plätzchen bei Leonberg, Heimat auch des Dichters Christian Wagner, welcher von den Warmbronnern erst posthum u.a. mit einem Brunnen geehrt wurde, weil er ihnen zu Lebzeiten wohl doch zu viel unnütz herumgesessen haben muss, statt „zu schaffe“ bloß gedichtet hat. Die 20 Pfennige pro Tag für den Schulweg, die für saure Schlangen „Schlotzer“ (Lutscher) draufgingen. Auf dem heimatlichen Hof ein Massenmord an sämtlichen 92 „Hase“ (bestimmt Kaninchen), weil eben dieser Hof vom Opa aufgegeben wurde und niemand weitermachen wollte, sondern lieber schnell, schnell raus mit dem eigenen Auto, das jeder haben musste. In der Rückschau auf die heute eher verwaisten Pfade zur alten Schule und durch das Dorf vorbei am Wagner-Brunnen erscheint das Leben nun trotzdem „oifach, aber doch schee“.
„Ich habe nur fünfzig Prozent verstanden!“ war die erste Reaktion aus dem Publikum, die zweite, sich darauf beziehende: „Glückwunsch!“ – welche aber nicht hieß, es sei gut, nur die Hälfte verstanden zu haben, sondern ehrliche Bewunderung für die Übersetzungsleistung ausdrückte. Ich war, ich gebe es zu, etwas stolz darauf, quasi alles von Björns Text verstanden zu haben, was an meiner südwestdeutschen Teilbiografie liegt, und was mir das Vergnügen an den hintergründigen Schilderungen aus dem Ländle nur noch vergrößert hat. Danke, Herr Themenbeauftragter, die Urkunde ist mehr als verdient.

SNN-Debütant Henrik Lode las Hochdeutsch. Einen Auszug aus seinem Buch (Roman?) „Laotse im Schlaraffenland“, in dem es um zwei Gewinner je eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ geht. Eine Szene führte in ein Büro in einem Job-Center, in dem der eine Gewinner seinen Businessplan für Vollkorn-Döner anzubringen versucht – was nicht einfach ist, u. a. weil die Vermittlerin zu vielem eine Meinung, aber keine klare Vorstellung der eigenen Kompetenzen hat – was eine Entscheidung seitens des Job-Centers deutlich erschwert. Oder lag es doch an der Geschäftsidee, irgendeinen „Türkendaddy mit Plautze“ hinter den Tresen zu stellen und dies der türkischstämmigen Vermittlerin auch mit genau diesen Worten mitzuteilen? Im Publikum wollte man dann gerne mehr erfahren über die Geschichte und fand, einen Protagonisten zu schreiben, der nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, zeugt von einem gewissen Mut.

Hinaus aus Berlin zog es/uns dann wieder Octavia Wolle mit ihrem Essay über Erinnerungen an die Uckermark, für sie zweite Heimat nach oder neben Berlin-Mitte. Mehrere Jahre, noch vor dem Mauerfall, lebte sie dort, beobachtete Wildgänse auf dem See, hörte Hundekonzerte in den Dörfern, fing die Stimmen wachsamer Gänse ein, ließ sich von einem Fasan begrüßen, betrachtete Störche und Kraniche. Sie zitierte für uns aber auch Wikipedia, Bernhard Schlink und die Bibel, sodass es kein rein melancholisches Abtauchen wurde in eine Zeit und Gegend, die wirkte „als stünde die Erschaffung des Menschen noch bevor“. Und sie zitierte „Hänschen klein“: und zwar alle Strophen, unverkürzt/-verfälscht, denn in der Langfassung kehrt Hänschen nicht auf dem Absatz um, sondern erst nach sieben Jahren, als Hans, und wird nur von der Mutter noch erkannt. Was das nun zu bedeuten hat, darüber wurde kräftig diskutiert. Der geschliffene Text Octavias und die genauen Beobachtungen darin war manchen genug, auch ohne Wikipedia, und manche schätzten gerade die Mischung.

Ebenfalls erinnern mochte sich Elmar Grüber, allerdings an seine Heimat, die Eifel. Den Text hatte er, so sagte Elmar, noch niemals vor Publikum gelesen, obwohl er aus den Neunzigern stammt (der Text, nicht Elmar). „Der erste Kuss“ hieß seine absurd-hochkomische Episode, die, na? vom allerersten Kuss handelte, wie es dazu kam, was davor und dabei und danach schiefging (so einiges – wir sind in der stockkatholischen EIFEL!) und wer da noch mit zu tun hatte (dito). Das Ganze erzählte er mit immer wieder verblüffenden und wunderhübschen Verdrehungen, Wortumstellungen, Neuwendungen, die mehr sagten und witziger waren als plumpes Deutsch: „Ich verliebte dich in mich“ – noch Fragen?

Die Rückkehr aus der PAUSE brachte uns ein weiteres Debüt: Octavia Wolle erklärte sich bereit, am 22. Oktober unsere übernächste Themenbeauftragte zu werden, und loste  aus den Publikumsvorschlägen ihr Thema: „Die Erzählbarkeit der Welt“ – Wir werden alle da sein und lauschen!

Matthias Rische reimte. Und wer Matthias kennt, der kann sich denken, dass es keine süßen Reime waren. Er reimte von einem Schul-Amokläufer und von einem psychisch Kranken, der erst zum Mörder und dann zum Selbstmörder wird. Wir diskutierten, ob es mehr Wilhelm Busch oder Struwwelpeter-Reime waren. Das ist gruselig, oder?!? Das IST gruselig! Aber echt spannend. Der dritte seiner Texte war nicht einfach zu verstehen, denn es sprachen – wie er hinterher enthüllte – mehrere innere Stimmen einer gefährdeten Person, genauer gesagt, eines Missbrauchsopfers. Letzteres haben wir kapiert, ersteres eher nicht, vermuteten WG-GenossInnen oder Therapeuten, was dem Text aber kaum schadete.

Nun folgte mit Wolfgang Eubel eher eine Art Performance: „Movens!“ rief er noch aus dem Zuschauerraum, rezitierte sich bis zum Tisch vor und ließ an Wort – und Klangspieler denken wie Jandl. Doch das setzte er nicht ganz so fort, blieb jedoch beim humoristisch-wortspielerischen Vortrag – erst über Vampire, dann über die „Wende“, endend mit dem Ausruf: „Duck – mäu – ser!“ An die „Erzählbarkeit der Welt“ mag er ja nicht glauben (von ihm stammte das Thema, gab er zu), an ihre Eignung als Darstellungs- und Echoraum muss er glauben, sonst hätte er nicht diese gestische, rhythmische Art des Vortrags gewählt.

Mit rhythmischem Vortrag kennt sich Wolfgang Weber auch aus – auf seine unverwechselbare, etwas anarchische Art allerdings. Die „intergalaktische Schönheit“ hatte es ihm angetan, und mit der „Augenbrauenrakete“ zischte er durch Beauty-Slogans, Popmusikgeschichte und freie Wortassoziationen, dass ich hier und da sogar den Maulwurf zu hören glaubte („Tschüssn!“), der irgendwo zwischen Wolfgangs mitgebrachten Utensilien (Mini-Schultüte, Kinder-Mikrofon, Beauty-Prospekt, Rhythmus-Döschen) versteckt sein musste, aber nicht war. Wozu braucht Wolfgang auch einen Maulwurf!

Ein weiteres SNN-Debüt schloss den Abend ab: Dschamilja schreibt (auch im eigenen Blog) „a Nonsens, b Lyrik, c deep stuff“. Aus der ersten Rubrik trug sie „Gestern Nacht“ vor, welche nur wegen falsch gedrehter Bettdecke eine schlaflose geworden war. Aus der zweiten „1 Tag, 2 Gesichter“, eine Art gereimter Selbstzweifel, und aus der dritten „Wenn dich der Tango küsst“, ein emotionales Transkript, entstanden während eines Konzertbesuches. Ihre Texte riefen gemischte Reaktionen hervor, auf jeden Fall kurze, was wohl auch der fortgeschrittenen Zeit zuzurechnen war, denn wieder einmal war unsere Leseliste voll bis auf den letzten, ihren, den achten Platz geworden und auch die Reihen der Zuschauer/Mitreder/Selbstleser/Schreiber noch gefüllt zu dieser späten Stunde. Eine hochinteressante Offene Lesebühne, diese 125. von allen. Zur 126. am 24. September erwarten wir Sie wieder im Zimmer 16!

Wenn Worte um Asyl bitten

So oft in einem Beauftragtentext wie diesem kam ein Thema bei So noch nie sicher noch nie vor. Das lag vor allem daran, dass das Thema für den Juli-Beauftragten Ralph Mönius aus einem einzelnen Wort – Stehlampe – bestand und dieses Wort selbst die Hauptfigur seiner Geschichte war, welche verzweifelt versucht, sich nach überstandener Flucht aus einer Wort-Diktatur unter ihrem Namen – Stehlampe – beim Meldeamt registrieren zu lassen. So fällt sowohl die Bezeichnung als auch der Name dieser Hauptfigur praktisch unentwegt. Das Meldeamt hat natürlich Probleme mit einem Namen ohne Vor- und Nachnamen, weshalb man sich bis zu Bundeskanzlerin und EU-Präsident durchtelefoniert und schließlich zur allerhöchsten Instanz – der IT. (Ralph siedelte seine Geschichte in seinem höchsteigenen „Grimmatorium„-Universum an, in dem noch eine ganze Reihe anderer humoristischer Geschichten zu Hause sind.) Eine skurrile, originelle Story, ein würdiger Empfänger der Themenbeauftragten-Ehrenurkunde von So noch nie!

Das Foto in diesem Bericht, das Joachim Wolter beim Vortrag seiner Geschichte „Ikarus“ zeigt, ist nicht zufällig etwas unscharf, bzw. auf eine Nebensächlichkeit fokussiert. Denn ebenso erschien sein Text allzu oft, in dem er den Blick auf Unwichtiges wie Hotelzimmer und Tischdecken lenkte und dem Eigentlichen dadurch zu wenig Raum – und Tiefe – überließ. Ein Mann reist auf eine griechische Insel und hadert dort mit einer vergangenen Liebe, die durch seinen eigenen Verrat ein Ende fand. Ein wahrhaftiger Alphornspieler reißt ihn aus seinem Verdruss und gibt seinen Gedanken eine neue, positive Richtung. Das intensive innere Erleben, die Not, Verzweiflung und Erleichterung des Protagonisten waren zwar zu erahnen, gestaltet hat Joachim sie aber nicht so konsequent wie es die Geschichte verdient gehabt hätte.

Japluap legte wieder einmal eine mehrminütige Windows-XP-Stromanschluss-und-Start-Performance mit seinem prähistorischen Laptop hin, bevor wir seinem durchaus gedankentiefen Text lauschen durften, was allerdings nicht wenigen der Anwesenden von seinem leisen und oft undeutlichen Vortrag erschwert wurde. Dass trotzdem die lyrischen und inhaltlichen Qualitäten des assoziativ-sprachspielerischen Gedichtes erkannt wurden, spricht ohne Zweifel für den Autor und sein Werk, das, Achtung: „trotzdem“ hieß und sich dem Trotz, bzw. dem „Leben im Trotz“ aus mehreren Richtungen näherte. (So wie der trotzige Laptop auch …)

Die Wahl des/der nächsten Themenbeauftragten folgte und konfrontierte uns alle mit einem seltenen Ereignis (dies schreibe ich am Abend der weniger seltenen Mondfinsternis!): ZWEI BERWERBERINNEN! GLEICHZEITIG! KAMPFKANDIDATUR! LOSENTSCHEID! Um es kurz zu machen: Vera Fang machte das Rennen und loste auch gleich ihr Thema aus den Publikumsvorschlägen: „Stoppschild“. Am 24. September wird sie es auf der Bühne im Zimmer 16 auf – bzw. – vorstellen. Wir sind flitzbogengespannt! (Es war – nicht nur für diesen drückend heißen Ferien-Sommerabend – pickepackevoll im Zimmer 16, und wenn das dann bedeutet, dass sich gleich mehrere als TB bewerben, dann soll das gern alles so bleiben!)

Als erster Leser nach der Pause durfte ich – endlich, nach einer langwierigen Verlagssuche – meinen soeben erschienenen neuen Roman „In uns ist Licht“ vorstellen, der schon während seiner Entstehung das eine oder andere Mal auf der Lesebühne zu hören gewesen war und den Bemerkungen der Kollegen und des Publikums auch etliche Anregungen verdankt – also danke auch hier nochmal von Herzen. Ich wählte drei Teile aus, die für den Inhalt exemplarisch stehen können, ein erzählender Prosatext des heutigen Protagonisten und zwei Briefe der beiden Charaktere aus dem 19. Jahrhundert. Zu meiner Freude schien die scheinbar unzusammenhängende Auswahl und die Themen (Asyl, Porzellan, Frauenrechte) die Zuhörer nicht zu irritieren, sondern eher neugierig auf mehr zu machen. Wer also mehr erfahren oder lesen will, findet das wunderschön gestaltete Buch überall im Buchhandel, ich empfehle diesen autorenfreudlichen Shop (same price, more money for the artist)

„Sommer mit Libellen“ nannte Matthias Rische seinen atmosphärisch und emotional außerordentlich dichten Text über einen Jugendlichen, der unter der allzu körperlichen und sexuell aufgeladenen Beziehung leidet, die seine – alleinstehende – Mutter zu ihm pflegt. Er sucht einen Ausweg, findet ihn erst im Zeichnen von Insekten, dann aber, aus der Hilflosigkeit heraus, im Versuch, den vielen einst in einem See verschwundenen Kindern zu folgen – der glücklicherweise scheitert. Dass die Diskussion, ausgehend von einem Publikumsbeitrag, zeitweise darum ging, sexuelle Beziehungen zwischen Müttern und ihren Kindern doch bitte positiver darzustellen als im vorliegenden Fall, verblüffte sicher nicht nur mich.

Wolfgang Weber improvisierte zu Notaten: „Blueprint – Blaupause“ hieß sein … Vortrag, den er, wie die meisten seiner anderen Werke, als „rhythmischen Text“ bezeichnet – was zweifellos eine treffende Wahl ist. Um das Album „Blueprint“ von Rory Gallagjher herum entrollte sich hier eine Wortspirale um Blaupausen, Schultüten, Schulpausen, Rockmusik, assoziativ und – rhythmisch. Ein echter Weber eben, notiert anlässlich eines Aufrufs im Internet zum Thema „Pause“. Hier war nun aber keine Pause, sondern SCHLUSS.

Wir sehen uns wieder am 27. August im Zimmer 16, wenn der Themenbeauftragte Björn Reich seinen Text zu „was ist heimat“ vorstellt!

Der April macht was wir wollen

Diana-Dana Möller machte es sich schwer, und das auch noch ausgerechnet als Themenbeauftragte des Monats. „Der Mensch in seiner Zelle“ war ihr vor zwei Monaten geloster Publikumsauftrag. Wochenlange Blockade folgte auf ihre Wahl, wie sie nachher verriet, und so war nur das erste, kürzeste ihrer präsentierten Gedichte tatsächlich für diesen Abend geschrieben – aber immerhin. Der Beauftragtenstuhl ist ein Ehrenstuhl, und jede und jeder, der sich darauf traut, verdient Anerkennung und Applaus für diesen Mut. (Zwei ihrer Vorgänger hatten diesen Schneid nicht und ließen uns am Abend mit leerem Stuhl sitzen.) Die Menschwerdung aus der Zelle war der Gegenstand dieses ersten Gedichts, kein leichter Stoff, und erst die folgenden, die sich um 9/11 drehten, um persönliche Reife, Trauer und die Asche der Vergangenheit. Die Machart und die Zugangsweise aber trafen auf wenig Gegenliebe, ersteres, weil die Reime, wenn schon gereimt, oft als bemüht oder verfehlt angesehen wurden, letzteres, weil darin eher allgemein Bekanntes angesammelt als Überraschendes oder Unerwartetes aufgedeckt wurde. Die SNN-Ehrenurkunde gab es selbstverständlich anschließend aus den Händen des Moderators Leovinus!

Regina Gröning machte es kurz. Fünf aphorismenhafte Sprüche/Miniaturen über das Altern, jede würde locker in einem Atemzug gelesen werden können, wenn man es drauf anlegte. Jede ein ganz persönliches Vergrößerungsglas, gerichtet auf ein kleines Ereignis, eine scheinbar unbedeutende Beobachtung, welche die Tragikomödie des Lebens unübersehbar und pointiert ans Licht bringen- großer Humor auf kleinstem Raum. (Gestanksfreie Füße, anhängliche Morgenfalte, haltlose Brüste u.a.) Wir sehen Sie hoffentlich bald wieder bei SNN, Frau Gröning?!

Matthias Rische machte eine vollgepisste Pampers zur Todesursache, allerdings nicht am Popo eines unschuldigen Babys, sondern auf dem Haupt seiner unglücklichen jungen, Mutter, welche die Einmalwindel über Kopf und Atemwegen gezogen hatte wie andere Leute Plastiktüten übergezogen bekommen, wenn sie „reden“ sollen oder einfach bloß sterben. Letzteres hatte die Mutter getan und wurde in einem spießigen Vorgarten vom Streifenpolizisten aufgefunden, nebst hilflosem Kleinkind an ihrer Seite. Der teilnahmslose Kommissar, der gerufen worden war, der Szenerie irgendeine nützliche Information abzugewinnen, hatte nicht die geringste Motivation, diesen Fall zu lösen. Aber Matthias vielleicht, den seltsamen Kommissar noch öfter in Erscheinung treten zu lassen?

Nach der Pause hieß es: Wer möchte sich für den Juni beauftragen lassen? Luci reckte ihre Hand hoch und lehnte ihr erstes Los („verteufelt“) ab, musste also nun das zweite annehmen: „Feinstaubbelastung“. Wir erwarten atemlos ihr SNN-Debüt am 25. Juni im Zimmer 16!

Wolfgang Weber machte eine Lesung zum Thema seiner Lesung. „Poesie Global Nr. 15“ hatte er besucht und darüber einen Bericht verfasst, wo jemand aus Island, jemand aus Algerien, jemand mit eigenem Festival, jemand aus Syrien und jemand aus den USA gelesen hatte. Selbstverständlich tat er das nicht ganz frei von W.W.-ischer Assoziationskettenkunst. Eine META-Lesung. Wann liest jemand noch METAer auf SNN über SNN?

Michael Wäser machte es spontan. Ich entschied erst nach der Pause, ein Kapitel aus meinem neuen Romanprojekt zur Diskussion zu stellen, weil noch Platz war auf der Leseliste. Die Milieuschilderung einer Provinzsiedlung der 70er Jahre durch die Augen eines Außenseiters erbrachte das (für mich) erfreuliche Ergebnis, dass sie sich wohl anhörte, als erzähle da jemand jemandem von Ich zu du, und genau das soll es ja auch sein.

Petra Lohan machte mit dem Ex-Papst einen Ausflug nach Rom. Wo er ein Paar seiner maßgefertigten roten Schuhe in der Auslage seines EX-Leibschusters stehen und gleich darauf geklaut werden sieht. Er folgt der jungen Diebin bis in eine Kirche, wo er sich im Beichtstuhl ausruht und sie sich umzieht. Eine vielschichtige Fantasie entfaltete Petra wieder einmal, inklusive der Fantasie des emeritierten Papstes um seine Schuhe, die sein Nachfolger verschmähte, weil er lieber einfache Straßenschuhe trägt. Noch ein-, zweimal Nachlesen würde man gerne, um der bedächtig erzählten, traumähnlichen Geschichte noch mehr zu entlocken, was sie ohne Zweifel bereithält.

Andrea Maluga machte den Abschluss des Abends und erinnerte in einer eindringlichen Story an die Situation derer, die den Tag des Aufstands am 17. Juni 1953 zwar in der DDR, aber sicherheitshalber am Radio verbrachten, beim Programm des RIAS Berlin. Dies bewahrte jedenfalls vor Verhaftung oder Schlimmerem, im Falle dieser Geschichte einen Elektro-Lehrling nach der Warnung durch seinen Chef. Nicht jedoch bewahrt ihn die Live-Berichterstattung des RIAS davor, am Radio das Trauma seiner eigenen Nachkriegs-Flucht aus den Ostgebieten wieder zu erleben.

Bleibt noch eins, damit wir es nicht schion wieder vergessen, bei der kommenden Lesebühne am 28. Mai die Beleuchtung auf „Diskussion“ und nicht auf „Bühne“ einzustellen, denn alle sollen ja alle sehen können, nicht nur hören. Im Mai übrigens heißt der Themenbeauftragte Matthias Rische und sein Publikumsthema: REBELLION. Wir sehen uns!

Jahresendflaute? Doppeldebüt!

Vor dem Ersten Weihnachtstag als Lesebühnenmontag hatten alle gewarnt – Da kommt doch keiner! Nun, anscheinend hat ausgerechnet keiner verpennt und ist wirklich zuhause geblieben, aber außer ihm waren ziemlich viele da.

JAPLUAP nennt sich der Dezember-Themenbeauftragte. Er las zum ersten Mal bei So noch nie, und, wie er sagte, überhaupt zum ersten Mal Selbstgeschriebenes. Doch mit Doppeldebüt war nicht dieses zweifache erste Mal gemeint. „Alzheimer“ war das Thema, das Japluap vor zwei Monaten aus den Zuschauervorschlägen gelost hatte, und er präsentierte eine Handvoll (5) Gedichte, die um die Alzheimererkrankung eines alten Vaters und die schwierige Beziehung zu dessen Frau und erwachsenen Kindern kreisten. Die Gedichte, teils in Reimen, waren Reflexionen, Standortbestimmungs-Versuche, auch Versuche in Lyrik. Da wurde der Vater von „Herrn Heimer“ heimgesucht und von der restlichen Welt abgeschnitten. Der Sohn sucht Haltung, Grenze, Zugang, Heimat – ein einflussreicher Mann, dieser Herr Heimer.  Japluap hatte sich was getraut und sich den Meinungen gestellt, vielleicht bleibt er ja am Ball und nimmt Anregungen mit für seine nächsten Arbeiten!

Frank Georg Schlosser nahm nun den Platz hinter dem Lesetisch ein. „Omas Teppich“ seine schwarzhumorige Geschichte von einer zwar unblutigen, aber doch tödlichen Beendigung einer Ehe durch den Ehemann und der seltsam bereitwilligen Beseitigung der Leiche durch dessen ebenfalls (lebendig) geschiedene Eltern. Dabei spielte wiederum der Teppich der dritten beteiligten Generation (verstorben) eine wichtige Rolle. Ob Oma Alzheimer hatte, war allerdings nicht zu erfahren.

Als dritter las ich meinen Text „Down In The Hole“ über einen ungebetenen nächtlichen Besuch, der den Erzähler in ein Streitgespräch über das Verhältnis Mann/Frau und die aktuellen Diskussionen um dessen Belastungen verwickelt – ausgerechnet während der Gute auf dem Klo sitzt. Mir war das Wort nicht eingefallen, mit dem ich diesen Text – eine echte Geschichte ist es eigentlich nicht – bezeichnen konnte, Polemik traf es nicht ganz, aber: Streitschrift. So ist er also „etwas“ zwischen Geschichte und Streitschrift und stieß tatsächlich ein paar Gedanken an – merci.

Den ersten Teil vor der Pause schloss unsere zweite Debütantin des Abends ab: Magda Brandau. Mit doppelter Brille und sechssaitiger Gitarre gewährte sie uns Einblick in ein laufendes Projekt. Ausgehend von der Übersetzung eines Gedichts des kapverdischen Lyrikers Louis Philippe (?) – „Erfindung der Liebe mit dem Charakter einer dringenden Notwendigkeit“ geht es darin um eine verbotene Liebe in der Zeit der portugiesischen Militärdiktatur, die sogar per Fahndungsplakat denunziert wird. Zwei Schwestern erkennen auf ihre alten Tage ihre Verbindung zu jenem berühmten Gedicht. Das Projekt ist noch im Entstehen, sagt Magda, und insofern blieb ihr Wort-Musik-Vortrag fragmentarisch. Aus dem Publikum gab es dazu die Anmerkung, es müsse ja noch eine Geschichte daraus werden, ein Roman vielleicht. Ich fand das Unzusammenhängende, Suchende in dieser „Collage“ dagegen reizvoll und dem Gegenstand angemessen. Vielleicht hält uns Magda ja bei künftigen Lesebühnen auf dem Laufenden!

Der zweite Teil begann wie immer mit der Bestimmung des Themenbeauftragten für die übernächste Lesebühne. Um es kurz zu machen: Das bin ich geworden, und mein Thema im Februar wird sein: „Unfisch“. Petri Heil, sage ich da.

Heiko Heller sah sich anschließend, erst nur in der U-Bahn, dann überall, von umprogrammierten Klonen in Menschengestalt umgeben. Eine Entdeckung, die zwar durchaus furchterregend sein mag, ihm aber außerdem eine ganze Menge plausibler Erklärungen über die Beschaffenheit und das Funktionieren der modernen Welt und des Lebens inklusive Trump und der AfD lieferte. Die Verschwörungstheoretiker haben also doch recht, ich hab es immer gewusst!
Seine zweite Geschichte kann man nur als tragische Liebesgeschichte bezeichnen. Wir durften teilhaben an den ersten zarten Banden, die sich zwischen dem Erzähler und einer Stubenfliege in seiner Wohnung knüpften und sich zu einer veritablen Liebe entwickelten, samt Besuch bei den Schwiegereltern und der Beziehungskrise, die sich nicht mehr umbiegen ließ – Zerrüttung, Aus, Ende.

Maik Lippert ließ darauf einige im Vergleich dazu sehr strenge lyrische Texte folgen: „Ständig auf dem Weg“, „Drontheimer Straße“, „Hafermastgänse“ z.B. So kurz gefasst und minimalistisch war selbst Maik wohl noch nie bei So noch nie. Eine Herausforderung und zum einmaligen Hören doch sehr komprimiert – Dichtung eben. Zum Glück bringt er immer ein paar Kopien seiner Texte fürs Publikum mit – und zum Glück gibt es seine Lyrik auch hier und da in Büchern zu lesen – was ich allen Lyrikfreunden nur empfehlen kann.

Matthias Rische zog uns „ohne Ich“ in einen inneren Strudel des Bewusstseinsverlustes und der Ausweglosigkeit – oder besser gesagt des einen, letzten Ausweges, eines Strickes am Fensterkreuz, nicht ohne dem vorausgegangen Versuch, das eigene Ich doch irgendwie zu bewahren, und sei es mit Hilfe von Spickzetteln, die daran erinnern sollen. Da Matthias aber lebendig und ohne erkennbare Persönlichkeitsstörung vor uns saß, musste man sich wieder einmal fragen: woher nimmt der Kerl nur seine abgrundtiefen Stoffe?

Das Team von So noch nie bedankt sich beim Publikum des Jahres 2017 für tolle Begegnungen und Entdeckungen, bei allen, die sich gewagt haben, für viele, viele hoch interessante Texte, außerdem für die höchsten Besucherzahlen eines Jahres ever. Wir bedanken uns bei den FreundInnen und GastgeberInnen vom Zimmer 16 für ihren unermüdlichen Einsatz für ein lebendiges kulturelles Leben in Pankow und bei allen, die uns hier auf der website und/oder auf facebook mit Interesse folgen.

Allen einen guten Rutsch und ein wunderbares, kreatives und produktives Neues Jahr!

Remember (September)

Wundertüte. So darf man die September-Lesebühne wohl nennen. Nicht nur, dass mal wieder das Kontingent von acht Lesenden und noch mehr (!) Texten voll ausgeschöpft wurde, es gab sogar zwei musikalische Darbietungen obendrauf, ganz überraschend. Aber eins nach dem anderen:

Wo der Moderator (diesmal wieder Frank) sonst zu Anfang den Themenbeauftragten ansagt, sagte er diesmal Ute Danielzik an, die uns das „So noch nie-Lied“ darbot, das sie uns zur 99. Lesebühne komponiert hatte. Sie moderiert nämlich auch die Offene Bühne im Zimmer 16, und für die wollte sie ein Wenig die Werbetrommel rühren, was wir gerne hier wiederholen (offen für alles, was man auf einer Bühne darbieten kann – hingehen!).

Klaus J. Lais, der Themenbeauftragte dieses Monats, hatte im Juli „mondsüchtig“ vom Publikum aufbekommen. Nun eröffnete er nach guter Tradition den Leseabend, warnte aber schon vorher, dass ihm so richtig nichts zum Thema eingefallen war. Stattdessen hatte er aber immerhin eine Geschichte dabei, in der es Nacht war und der Mond vorkam, und, wie sich dann herausstellte, auch verschiedene Drogen. Na bitte. Zwei (sehr) junge Männer rocken, kiffen und saufen sich (vermutlich irgendwann in den Achtzigern) durch eine Jango-Edwards-Show und haben danach Mühe, ihre Fahrräder wiederzufinden. Der eine, der vom Ich-Erzähler nur „der Metzger“ genannt wird, greift sich eins, dass gar nicht seins ist, muss es zurückgeben und findet dann doch seins, doch beide werden ihre Räder los, weil „die Grünen“ – das waren damals noch die Bullen – sie ihnen abnehmen, worauf sie sich in einem Wienerwald ein Grillhendl reinziehen – so gut es noch eben geht. Ich hoffe, die Handlung im Groben wiedergegeben zu haben. Klaus hängte flugs einen zweiten Text an, ebenfalls eine Art Erinnerungstext, eine Anekdote, über einen brav aussehenden Schuljungen, der einer unfreiwilligen Hobby-Pantomimin eine echte Bananenschale in den Spießer-Vorgarten pantomimisiert. Diskutieren mochte aber keiner darüber.

Frank Georg Schlosser trug ein weiteres Kapitel aus seinem entstehenden Roman vor. Darin kam nicht der Protagonist, sondern drei Nebenfiguren vor, die an einem einsamen See ein einigermaßen übernatürliches Geschehen in Gang setzen bzw. erleiden. Dieser Text erinnerte gleichermaßen an die Bundestagswahl, an Stephen King und an die Geister vom Mummelsee (der tatsächlich gespenstisch sein kann). Eine zwar unangenehme, aber nicht unmögliche berufliche Begegnung des Polit-Bloggers Norbert mit einem skrupellosen, rechtslastigen Politiker wandelt sich da erst zu einer definitiv unmöglichen und dann zu einer finalen. Da Franks Text noch im Entstehen ist, kamen neben Lob und Fragen auch Vorschläge auf den Tisch, die er als Anregungen mitnehmen konnte.

Sein SNN-Debüt gab Jörg Sader mit zwei Texten, die beide in der DDR angesiedelt waren. Der erste beschrieb am Beispiel des Schwimmbadbesuchs einer Provinzjugendclique am 13. August 1961, wie sich das Klima im Land mit dem Mauerbau schlagartig verändert. Die unbekannten, bekleideten Schwimmbadgäste auf einer Sitzbank in der Nähe werden auf einmal zu einer bedrohlichen Kraft, der man nun kaum noch ausweichen kann, wo es heißt, da sei eine Mauer gebaut worden im fernen Berlin.

Der zweite Text erzählte von den wortwörtlich hochfliegenden Phantasien eines Mannes aus der DDR im Angesicht des Brandenburger Tores und der nun schon existenten Mauer. Er stellt sich vor, wie ein Stabhochspringer darüber hinweg zu schnellen in Richtung der Siegessäule, die über die Mauer hinweg noch gerade so zu sehen ist, erinnert sich, wie es war, bevor dort eine Mauer alles blockierte, sieht sich „am Ende der Welt“. Das Publikum zeigte sich berührt vom Vortrag und dem sprachlichen und erzählerischen Gehalt dieser beiden Texte. Wir wollen hoffen, dass wir ihm bald wieder im Zimmer 16 zuhören dürfen.

Wolfgang Weber zog die Versammelten mit „Du bist verrückt mein Kind“ in einen Strudel aus Erinnerungen, Reflexionen und recherchierten Tatsachen, die sich genau darum drehten: verrückt sein/werden, psychisch aus der Bahn geraten und was das Schreiben damit zu tun haben bzw. wie es da wieder raus führen kann. Ein Meta-Text. Gespaltene, mehrfache, gar keine Persönlichkeiten, Doppelgänger, Kopien und Variationen von Menschen und Liedern. Gemerkt: If I don’t go crazy, I’ll surely lose my mind.“ Gesehen/gehört: ein Wanderstock mit typischen Abzeichen (jemand sagte, es sei ein Spazierstock). Pause.

Ute gab einen „Schlager“ übers Spargel-Stechen eines Mannes und einer Frau zu besten, um uns nach der Pause wieder auf Temperatur zu bringen, aber wenn das ein Schlager war, was sie da gedichtet und gesungen hat, dann ist ein „Massagestab“ aus einem alten Otto-Katalog wirklich nur ein Massagestab! Danke, Ute!

Frank vollzog nun den allmonatlichen Ritus des Themenbeauftragten. Er besteht darin, eine/n Freiwillige/n zu finden und diese/n sodann ein Thema aus den Publikumsvorschlägen losen zu lassen, zu dem er etwas schreiben muss – also eine Art kultischer Opferung. Beides gelang! Dimitri Rameau wird für die Lesebühne im November etwas zum Thema „ausgesetzt“ schreiben. Kommet und lauschet!

Eine alte Frau nimmt Abschied – so könnte man den Inhalt von Matthias Risches Geschichte beschreiben und damit womöglich auf eine ganz falsche Fährte führen (was ihm bestimmt nicht ganz unrecht ist), denn was auf einen Alters-Suizid in der Badewanne hinauszulaufen scheint, entpuppt sich sehr wirkungsvoll als Beendigung einer Lebensphase, nicht des Lebens, als erneute Hochzeit mit und Abschied vom längst verstorbenen Gatten, als, ja, Neustart dieser alten Dame. Auch hier ein Ritus, dieser mit Asche und Wasser und Hochzeitskleid. „Beeindruckend“ sagte jemand.

Dimitri Rameau erschien zum zweiten Mal auf der SNN-Bühne, und obwohl hier eigentlich nie über „Äußerlichkeiten“ geschrieben wird – hier muss ich eine Ausnahme machen, denn Dimitri setzt seine Erscheinung und seine Körpersprache ganz bewusst für seine Texte ein, ist manchmal geradezu Darsteller seiner Gedichte. Das Foto mag davon einen Eindruck geben. Nur so lässt sich wohl auch erklären, dass ein Gedicht, das er vollständig auf Dänisch geschrieben und vorgetragen hat, als „schön“ aufgenommen wurde, obwohl niemand jenseits des Tisches Dänisch sprach. Gedichte bestehen eben aus mehr als nur Worten, die einen „Sinn“ haben. Seine auf Deutsch und in freierer Form als das dänische Poem geschriebenen Gedichte hießen Himmelsbestattung, Sommerweise (ein „Hassgedicht“) und Trübbirne und ließen kaum weniger Spielraum zum Interpretieren und Assoziieren als das dänische. Wir dürfen auf seine Themenbeauftragten-Texte im November gespannt sein!

Das zweite SNN-Debüt an diesem Abend: Gabriele Lederle. Sie hatte sich vom Thema „mondsüchtig“ inspirieren lassen und einige Gedichte mitgebracht, die in die Tiefen der Identität/ssuche, des Traums und der Sucht führten. Da kam auch die SehnSUCHT ins Spiel, die nach dem Paradies. Da war das Individuum im Herbst am Meer, war geborgen und doch gefährdet. Die Natur (und das vertraute Beieinander) waren Schutz und Bedrohung zugleich: „In der Einheit vergehen wir“, hieß es in ihrem letzten Gedicht. Auch Gabriele soll uns bitte wieder beehren, damit wir mehr von ihrer tiefgründigen Lyrik kennenlernen dürfen.

Das Lese-Los bestimmte Rowena Schöning auf Startplatz Nummer acht, den Abschluss des Abends. Was gar nicht so unpassend war, denn sie reflektierte in sensiblem und sprachgewandtem Deusch aus der Perspektive einer non-native-speaker (sie stammt, sagte sie, aus Sri Lanka) über die Schönheiten und Vorzüge der deutschen Sprache. Eine „Schöpfungsgeschichte“, in der ein Sprachschöpfer aus der Ursuppe schöpft und die Eigenheiten des Deutschen sichtbar macht, nicht Skurrilitäten – die es zur Genüge gibt – weil er sie genau so haben will. Da die Suppe aber allzu überbordend zu geraten droht, gesellt sich dem Schöpfer ein Assistent hinzu, der die Grammatik dazugibt, welche das Ganze im Zaum hält. Wir Deutschsprachigen, die wir als so rational gelten, staunten nicht schlecht darüber, dass jemand aus Asien unsere Sprache für so bildhaft und assoziationsreich ansieht („ent-falten“, „gleich-gültig“, „ent-decken“). Danke dafür!

Damit war die September-Lesebühne zu Ende. Wir sehen uns hoffentlich alle wieder am 23. Oktober zur Lesebühne Nummer 115!

Das Prachtstück – Text von CORDULA, Themenbeauftragte im Juni

Meeeeeeensch, Püppchen … das kann doch nicht so schwer sein!!!“
Udo schnauzt schon wieder rum.
Ich wende mich ihm angewidert zu … naja, so angewidert auch wieder nicht, mein vorheriger Anblick war nicht wirklich viel besser.
Was ist denn nur dein Problem, Püppchen??? Hm? Ich mein … du kniest dich hin, bewunderst sein Prachtstück, er fragt dich, ob du ihm so richtig einen bläst und dann kommt dieser Blick, von unten nach oben … Und du siehst ihn an, als hättest du ein Leben lang auf diese Frage gewartet und als hättest du dafür ein Leben lang blasen nur für diesen Moment geübt. Das will ich. Kein Tamtam. Ein Blick, der mehr sagt als ein Stöhnen. Kapiert? Kriegst hin???“
Ich nicke.
Und tue verlegen.
Ich wende mich dem … ähhmm … Prachtstück zu.
Hab ich schon schönere gesehen, aber ich diskutiere jetzt besser nicht.
Also: Los gehts. Und nicht vergessen … Prachtstück, Frage, AU-GEN-AUF-SCHLAG!!!!“
Ich gebe mein bestes. Wirklich. Ich schmachte das Prachtstück an, ich lausche gebannt seiner Frage und dann schau ich ihn an … mit allem was geht – als hätte ich mein Leben lang auf diese Frage gewartet …
ICH RASTE AUS!!! Er hat dir doch keinen Antrag gemacht. Du sollst ihm doch nur das Teil lutschen, Püppchen!!!“
Ich tue erneut ganz verlegen und blicke zu Boden.
Und während Udo sich in einen seiner Wutanfälle reinsteigert und mir den Blick zeigt, den ich seiner Meinung nach auflegen sollte, (gruselig … ehrlich … ganz, ganz gruselig) frage ich mich mal wieder, wie ich überhaupt in diese Situation geraten konnte.
Um nicht allzu gelangweilt zu wirken, schaue ich geradeaus, zwischen Prachtstücks Beinen hindurch und sehe Svetlana die sich für unsere nächste Szene zu 3. „breit“ macht … ääähhh… bereit macht!
Breit macht … hihi …!
Oh Mann …
Svetlana zwinkert mir rücklings durch Ihre weit gespreizten Beine zu und ich muss tatsächlich grinsen … Ganz, ganz blöder Fehler, denn das animiert Udo dazu, zu Höchstform aufzulaufen.
Das Prachtstück stöhnt entnervt und gibt sich keine weitere Mühe, auf der Höhe zu bleiben, was dazu führt, dass ich Svetlana nicht mehr sehe.
Schade eigentlich.
Blödes Gehänge.
Ich versuche, ein ernstes und demütiges Gesicht zu machen. Gelingt mir wohl gut, denn Udo kommt zum Ende mit den Worten:
So, mein Püppchen, das machen wir jetzt noch genau 2x und wenn das nicht läuft, dann kriegst du eine schnöde Szene beim Gang Bang.“
Das sitzt.
Das Prachtstück, verstört ob des abrupten Endes, muss zusehen, dass er schnell wieder einsatzbereit ist.
Sein: „Nun hilf doch mal!“ ignoriere ich gekonnt und übe Augenaufschläge.
Nur so in mich rein.
Heimlich.
Muss richtig bescheuert aussehen, denn Udo fragt: „Alles okay? Panik?“
Ich schüttele den Kopf und mache mich bereit. Jaaaa … BEREIT! Hah …
Los gehts!
Nun ja … die Details lasse ich an dieser Stelle aus.
Ich höre, wie sich Udo mit der flachen Hand vor die Stirn schlägt und fassungslos in sich rein murmelt.
Svetlana, nun im Spagat, steckt mir die Zunge raus und grinst, was ich leider schon wieder nur noch zum Teil sehen kann.
Das Prachtstück lässt echt nach. Muss hart sein, wenn man sich die ganze Zeit auf was freut und dann dauert es ewig.
Hart sein … Hihi …
Ooohhh …
Jetzt aber. Letzte Chance. Da verstehen sich Udo und ich endlich mal, denn was ich denke, spricht er synchron.
Das Prachtstück, wieder echt motiviert bei der Sache, mir die Sicht auf Svetlana zurückzugeben, freut sich nun sichtlich. Denn für ihn heißt es jetzt auch hop oder top. Entweder jetzt oder in 10 Minuten mit einer, die es hoffentlich bringt.
Und dann gehts los …
Prachtstück
Frage
Augenaufschlag …
Yeah!!! Geht doch Püppchen! Du geiles, kleines Ding!“ höre ich Udo vor Freude brüllen und ebenso höre ich das Prachtstück erleichternd aufatmen.

Und dann ……….. beiße ich zu.