Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch

Die 113. Lesebühne fand vor gut gefüllten Stuhlreihen statt, was uns sehr froh macht und auch das Zimmer 16, weil volle Stuhlreihen meist einen signifikanten Beitrag zur Miete leisten.

Es gab aber auch eine Enttäuschung. Der Themenbeauftragte, der Martin, Nachname unbekannt, ist nicht erschienen. Unentschuldigt. Es ist erst das zweite Mal in der langen Geschichte der Themenbeauftragten vorgekommen, aber natürlich ist es eine Erschütterung der Macht. Wird die dunkle Seite stärker? Es entgingen uns die „Exzesse“. Ist ihm bei den Recherchen für die Geschichte etwas zugestoßen, ein autoerotischer Unfall vielleicht?    … bei eigenen Recherchen habe ich mich in meinem Staubsauger verloren. Bin aus der Notaufnahme zurück und schreibe unter Schmerzen weiter. Martin, meine Gedanken sind bei dir. Die Urkunde mussten wir allerdings einbehalten.

Dafür kam – mindestens für mich unerwartet – Norbert Leovinus und übernahm die Moderation, was mich zum Protokollanten erhob. Danke, Norbert, dafür 😉

Mangels Themenbeauftragtem musste bereits der erste Lesende ausgelost werden, und das Maskulinum ist an der Stelle korrekt, denn es befanden sich nur Männer im Lostopf.

Es begann der Dimitri Rameau, ein neues Gesicht bei unserer Lesebühne und er las eine Mischung aus Prosa und Lyrik und im Nachgang sagte er mir, es ginge ihm oft hauptsächlich um den Klang der Wortaneinanderreihung.  Sein erstes Stück hieß „Ode an Ronk“. Ich habe nicht viel verstanden, also die Worte schon, aber den Sinn der Zusammenstellung nicht, war aber ganz begeistert, als er in der folgenden Diskussion erwähnte, dass Ronk (gespielt von Milan Beli) eine Hauptfigur aus „Im Staub der Sterne“ sei, einem DEFA-Science-Fiction-Film von 1976. Das rührte mich doch sehr an. Der Film war damals (ich war vierzehn) ziemlich angesagt.

Als zweiten Text las Dimitri einen Kinderreim „Teufelsküche“, aus dem mir die durchaus relevante Frage, ob der Teufel Dinkelbrot fräße, erinnerlich ist und ich finde, da könnte sich mal jemand mit beschäftigen.  Der dritte Text hieß „Keine Feen im Kaff“ – „Wir rosten im Osten, im Westen nichts Neues“; „Schleimaal im Kronsaal“; „Bücher bei Büchner, Gedichte bei Fichte“ und Dimitri sagte, er habe darstellen wollen, wie es sich anfühlt, wenn man ganz, ganz müde sei und kein Kaffee da wäre. „Ich lasse die Wörter mich führen, aber ich weiß schon, wohin ich mich bewege.“ Dimitri spricht ein ganz zauberhaftes Deutsch, aber man hört schon, dass er aus einer anderen Sprachwelt stammt. Gefragt, was seine Muttersprache wäre, sagte er: Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch.

Norbert zog als zweiten den Wolfgang Weber aus der Lostrommel, der diesmal zwei Tennisbälle dabeihatte, um sein Anliegen zu verdeutlichen. Zwei Teilchen, die getrennt sind und doch gleichzeitig das Gleiche tun müssen, in dem Falle von Wolfgang zu Demonstrationszwecken hochgehoben werden. Sein Thema war „Mittendrin“ für eine andere Lesebühne. Es ging darin um den Ort Mödlareuth, den es tatsächlich gibt, durch den die innerdeutsche Grenze verlief und außerdem noch an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen. Die zwei Tennisbälle verkörperten mal Ost und West, mal Christo und Jean Claude und es ging um ein großes Ding: the mighty wolf in the middle hat einen großen Deal eingefädelt. Die Schotten verkaufen Loch Ness an Mödlareuth. Der See wurde dahin gebracht. Die Fische spielen die Kosten wieder ein. Monster Projects Crowdfunding. Das Monster vom Loch Nes musste allerdings oben bleiben. Ich glaube, weil ihm in seinem Alter nicht mehr zuzumuten war, nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch noch fränkisch, thüringisch und sächsisch zu erlernen. Wolfgang regte auch noch ein Treffen zwischen Ramelow und Seehofer an. Aber wozu sollte der Ramelow sich das antun?

Als Dritter trat ebenfalls ein neues Gesicht auf: Richard Hebstreit, der erstmal Pralinen verteilte an die Damen und er baute eine Kamera auf, um sich selbst beim Lesen zu filmen. Das ist wahrscheinlich gar keine schlechte Idee.  Er las eine Geschichte mit dem Titel „Fasan im Wintermantel“ und sie handelte zunächst davon, dass die Hauptfigur es als Autor geschafft hat: es werden ein Buch und ein Fotoband von ihm veröffentlicht. Der Verlag hat zur Vertragsunterzeichnung in ein feines Restaurant geladen und die Frau beschäftigt die Frage: Was zieh ich an. Er schickt sie ins KdW, wo sie sich für unglaubliche Summen einkleidet. Aber der Vorschuss macht‘s möglich. Es folgen lange Beschreibungen des Restaurants, der Zigarren (Cohiba Esplendidor), des Menüs. Alles was in dieser Phase der Geschichte an Konflikt aufkommt, ist der Ausschnitt einer fremden Frau, den der Autor aber nicht weiter verfolgt, den Ausschnitt schon, den Konflikt nicht. Dann sollen die Verträge unterzeichnet werden und die Frau zieht ihren Mann beiseite und sagt ihm, dass er lt. Vertrag den Vorschuss nicht bekäme, sondern zahlen müsse, weil es ein Druckkostenzuschussverlag ist. Eine Pointengeschichte.

Da Richard noch Zeit hatte, las er aus seinem Buch „Salzinge“, was thüringisch für Bad Salzungen steht, eine Geschichte von 1958 über eine verschwundene Frau, einen saufenden Mann und eine abgeschnittene Nasenspitze. Am meisten vermisste der verlassene Mann die perfekt gekochten Frühstückseier.

Dann war Pause, dann wurde der Themenbeauftragte gekürt. Nach dem Schock mit Martin meldete sich keiner, also erbarmte ich mich und bekam für den Oktober das Thema „Warmduscher“ zugelost. Da ich einer bin, sollte es mir nicht allzu schwer fallen. 😉

Ich war dann auch der nächste Lesende und las aus meinem im Entstehen begriffenen Roman mit dem Arbeitstitel „Der Richter und der Fluch der Furie“ die Einführung einer neuen Person, einer Journalistin, die den Bösen (Parteivorsitzenden) interviewt, aber scheitert, weil er sie vorführt und nicht zu Wort kommen lässt. Ich wurde sehr freundlich besprochen und danke für alle Anregungen und den Zuspruch.

Zuletzt lag noch der Klaus-Jörg im Lostopf. Er las als erstes „Weil du es bist“, ein wunderschön geschriebenes Hohelied auf den handgeschriebenen und mit der DHL verschickten Brief (Umschlag, Briefmarke usw.). Er las die Geschichte vom IPad ab, was ich lustig fand. Er zürnte der hingeworfenen WhatsApp- „Kultur“ der unüberlegt hingerotzten Nachricht, an deren Ende man nie vergessen dürfe, lieb zu grüßen oder wenigstens LG zu schreiben. Andere Abkürzungen blieben unerwähnt wie Hdl, Hdgdl, GlG, xoxo, oder HAK … gut – ich gebe zu, habe ein bisschen gegoogelt. Aber ich gestehe, LG auch schon mehrfach verwendet zu haben. Mildernde Umstände bekomme ich, weil ich wirklich noch ein Briefeschreiber bin, mit Glasfeder und Tintenfass. Der Autor meint, in zwei Generationen würde es keine Handschrift mehr geben. So pessimistisch bin ich nicht. Noch bringen sie den Kindern ja Schreiben in der Schule bei und sie tun es auch, zumindest manche und wenn es Zettel auf dem Küchentisch sind, die man nach einem Kinobesuch vorfindet: Schlaft schön, träumt süß, hegdl.

Die zweite Geschichte handelte von einem Lied „Suzanne“ von Leonard Cohen.  Der Autor hat mit vierzehn den Vater besucht und der schenkte ihm fünfzig Platten – ein prägendes Geschenk für den Jungen und das erste Lied war Suzanne. Durch das Ohr dem Herzen zugeführt. Vertrauter blinder Passagier. Im Mittelpunkt stand das Lied und die vom Autoren selbst gefertigte Übersetzung, was zu ein paar Diskussionen beitrug.

Überhaupt wurde über Klaus-Jörgs Texte am längsten diskutiert.

Und da war sie vorüber, die 113. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow. Die 114. Lesebühne gibt es am 25. September. Danke, Micha für die Fotos. Danke, Norbert für die Moderation. Danke, Freddy für Licht und Stühle und da Sein. Und danke der Dame an der Bar (Namen weiß ich leider nicht) für den Ausschank und fürs Abwaschen. So long

 

fgs

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die 106. Lesebühne „ausgebrochen“

Die 106. Lesebühne SoNochNie! fand statt am Montag, d. 23. Januar 2017, den der Herr werden ließ wie all die Tage und Jahre davor und wir haben gesehen, dass es gut war. Die Bude war ziemlich voll. Gut besucht. Ich hoffe, wir haben unseren Beitrag geleistet zum Erhalt des Zimmers, auch die Spendenbox fand Erwähnung, in der es rascheln sollte und soweit ich sehen konnte, hat es geraschelt und wir haben das Bargeld an die Bar getragen. Nach meinem Kopf zu urteilen habe ich eine halbe Monatsmiete eingetrunken.

Aber wir haben auch gelesen, denn dies war der Zweck unseres Erscheinens und zunächst erschien uns der Moderator Leovinus, der gestern so richtig gut in Form war und stimmte uns ein und dann erschien uns der Themenbeauftragte, nämlich ich, und las knirsch eine Minute überzogen eine Geschichte zum Thema „Ausgebrochen“. Sie fasste das Leben eines Getriebenen zusammen, der stufenweise seine Existenzgrundlagen fahren ließ, um in die Tiefen seiner selbst zu gelangen. Am Ende steht er ohne Geld und ohne Obdach da. Selbst der Ich-Erzähler wendet sich von ihm ab. Und erstaunlicherweise und auch zu meinem Pläsier kam jemandem aus dem Publikum der Gedanke, dass damit der Ich-Erzähler auch ausgebrochen ist.

Danach las Anne (annegretnill.wordpress.com) Gedichte. Den „Sonnengruß“ (ich trinke die Hitze deiner Strahlen), die „Schoßpreisung“ (Gebärmutter, Urschoß behütender), „Entgrenzung“ (Auflösung im Rhythmus des Universums), „Birkentanz“ (Haarzweige im Luftzug, Feenritt im wispelnden Galopp) und „Ave Mond“, ein älteres Werk von 1999, das sie wegen Trump wieder ausgegraben hat. In der Pause redeten wir darüber, ob es für Gedichte nicht besser wäre, nur eins zu lesen, davon ein paar gedruckte Exemplare im Publikum zu verteilen, um genauer diskutieren zu können.

Dann las der Wolfgang Weber über Chris, den jüngeren Bruder Franz Jarnachs, der letzte Woche gestorben ist. Feierabend für eine Schildkröte. Krokodillederimitatjacke, was für ein Wort. Sidekick Olli Ditsche Dietrichs („Halt die Klappe, ich hab Feierabend“). Es ging dann zum Vater der Beiden, den 1892 geborenen Komponisten Christoph Jarnach. Zeitgenössische Klassik – kann man wohl alles nachgoogeln. Es ging noch nach Guatemala, wo der Chris 2015 unter großer Teilnahme der guatemaltekischen Bevölkerung beigesetzt wurde.

Wolfgang stellte sich dann auch der großen Herausforderung und wird im März der Themenbeauftragte der 108. Lesebühne sein. Thema dann: „Zwischen den Stühlen“ – er hat gleich das erste genommen.[1]

Nach der Pause war die Andrea („andreamaluga.wordpress.com“) dran. Sie las zwei heitere Geschichten über den Handwerker Hannes. Sie leistete einen Beitrag zur Erhaltung der Berliner Schnauze. Ich glaube, sie liebt ihn (;-)), auch wenn sie ihn für einen Fall für den Frauenbeauftragten hält.

Und am Ende las die Petra Lohan „Pink“ – eine Geschichte über ein zufälliges Treffen an einem grauen Tag in der S-Bahn mit einem pinken geritzten Mädchen (ein Auge gelb, das andere pink), dem sie folgte (Gesammeltes Wissen über Mädchen, die sich schneiden – mir wird mütterlich) und mit dem sie eine Wand bemalte – graue schwarze Linien über die Wände. Es gab einen Wunsch nach grün – da oben muss mehr weiß. Malkampf – grelles Gelb durch rosa Flächen. Danke, dass sie mir geholfen haben, sagte das pinke Mädchen, was ich erstaunlich fand, denn an sich wurde ja der Mütterlichen geholfen (Es begann mit „Ich kann nicht sagen, worauf ich keine Lust habe, aber ich habe keine Lust.“) Und als die Mütterliche mit Kamera, Stativ und Licht anrückte, stand sie vor verschlossenen Türen.

Dem Publikum gefiel es. „Es ist für immer verloren, ich mag sowas.“

Auch die 108. Lesebühne wäre für immer verloren, würde sie nicht protokolliert und in Erinnerungsfetzen hier aufbewahrt im www, das nichts vergisst. Diesmal gibt es keine Fotos, weil der Fotograf krank war und ich mit meiner Spiegelreflex keinen Lärm machen wollte. Nächstes Mal wieder Euer

fgs-Signatur Stempel groß

[1] Sonstige Themen, die nicht ausgelost wurden und daran sieht man, dass die Bude voll war: Freitagabend, Septembermorgen, Sterben in allen Facetten, Tiger, Der ewige Bund, Respekt, endlich Frühling, Cocktailmarathon, Männerfreundschaft, Exotik, Genussmensch, In die Gänge kommen (wieder), im Kopf eines Tieres, ehrliche Begegnungen, Die Zeit vergeht, Geisterbahn, Umzug, Premium-account, Aufstehen und sechsundzwanzig Zeichen.

plotfixiert oder sprachlabsalig – die 100. Lesebühne

 

 

fgs

Frank

Stefan

Stefan

Die 100. Lesebühne SoNochNie! stand unter dem Thema „Schlafwandler“, zumindest für den Themenbeauftragten, in diesem Falle mich. Ich zog mich aus der Affäre, indem ich die Szene, in der mein Hauptheld verflucht wird, in die schlafwandlerischen Ecke gerückt habe, obwohl sie eher in die halbreligiös-ekstatische gehört. Aber das wird verziehen, während das Überschreiten der Zeit, angegeben von der heiligen Sanduhr mit Folter bestraft wird, wie Stefan in seiner launigen Einleitung verkündete, auch wenn eine der Gästinnen die angegebene Eingangstür zum Folterkeller als Fluchtweg identifizierte, was etwas Tröstliches hatte.

Über meinen Text wurde nicht diskutiert, wahrscheinlich weil zu viele neue Gesichter da waren, was uns sehr freute, und die Mutschwelle noch sehr hoch hing. Ich habe ausreichend Feedback in der Pause und am Ende bekommen – bei allen Beteiligten dafür herzlichen Dank.

Anita

Anita

Sehr viel angeregter war das Publikum nach Anitas Text „Hartmuts Entscheidung“.  Auch wenn mir persönlich nicht klar geworden ist, worin Hartmuts Entscheidung bestanden haben soll, führte uns der Text doch sanft und paddelnderweise auf branden- oder mecklenburgische Gewässer, wo an sich Franz und Anna unterwegs waren. Es ging darum, ob man ein Haus auf Stelzen, das zu teuer war, anmieten und aufs Geld schei… sollte. Besser kurz und gut statt lang und schlecht leben.  Hartmut, Annas Verflossener, war dann (im Traum?) doch noch bei ihr und wurde der dann beerdigt?

Die Diskussion eröffnete Clemens, der gut mitgehen konnte, mit im Boot saß. Er mochte die Sprache, die nichts weiß oder so tut als wisse sie nichts. Es ist unpsychologisch, es ist naive Kunst und es gefiel ihm. Micha hat es die Sprache erschwert, an dem Text Gefallen zu finden. Es habe etwas von Meinschönstesferienerlebnis gehabt. Trick? Strategie? Aber Clemens wollte das nicht gelten lassen. Es gäbe eben Plotfixierte, und die, die sich dem Labsal der Sprache hingeben wollen. Total entspannend. Aus den rückwärtigen Publikumsbereichen kam dann noch die Frage, worauf der Schwerpunkt, das Hauptinteresse der Autorin gelegen habe, was sie mit der Geschichte bezwecke. Mit dieser Frage wurde Anita entlassen und

Karin

Karin

Karin setzte sich auf den roten Sessel und wendete die Eieruhr. Sie bat um Gnade, die dann, wie das Publikum fand, gar nicht nötig war. Sie erzählte von einem jungen Nigerianer, der in den deutschen Regen starrt und nicht so recht versteht, warum nicht alle in diesem Regen Freudentänze aufführten. Und wieso das Wasser in vergitterten Löchern in der Straße verschwindet, ohne dass diese irgendwann überlaufen. Timkula, so ähnlich hieß der Junge, ließ seine Gedanken in die Vergangenheit und seine Heimat schweifen. Wie seine Eltern getötet wurden und er sein Überleben nur der Tatsache verdankte, dass er im entscheidenden Moment nicht schreien konnte; wie er sich von kriminellen Banden ferngehalten hat; im Radio von den Fluchtmöglichkeiten hörte und Geld sparte, um von zuhause wegzugehen, wie sie als todesmutige Flüchtlinge in einer Nussschale das Meer überwanden. Er ist traurig hier in der Fremde, wo ihn abweisende Blicke in den Straßen streifen. Zwei Mädchen mit bunten Regenschirmen lächeln ihm zu und da ist ihm, als nähme seine Mutter seinen Kopf in die Hände.

Hanna eröffnete die Diskussion: die Geschichte habe eine sehr gute Energie gehabt. Auf Nachfrage gab die Autorin an, dass sie auf einer Fernsehdokumentation beruhte. Ihr wurde noch die Empfehlung mit auf den Weg gegeben, es als Kindergeschichte zu behandeln. Das sich durchziehende Motiv des Wassers als Lebensspender und auch als tödliche Bedrohung wurde noch erwähnt.

Rosemarie

Rosemarie

Rosemarie Schulz war die zweite, die von einer schweren Entscheidung berichtete, nämlich ob man mit 45 Jahren noch ein Kind bekommen soll. Dem Arzt ist völlig klar, dass sie abtreiben wird, er stellt sofort den Überweisungsschein aus. Ihr Mann, Peter, las den Schein, als er beim Abendbrot zwischen den Weingläsern lag. Er hob ihr Kinn an und gab ihr einen Kuss – er wollte es eher versuchen – mit noch einem Kind nämlich. Trotzdem ist sie zwei Tage später dort, hört sich die Geschichten der anderen Frauen an – eine Frau Heise will nach dem achten Kind keines mehr. Es gibt eine Schwester Monika und Susanne hat gepackt, als sie geholt werden soll – sie will den Überweisungsschein hinter das erste Bild ihres Kindes kleben – es gibt also ein happy end im Gefühlsleben des Zuhörers, auch weil wir noch die Information bekamen, dass Monate später Max und Moritz geboren wurden. Ob der Peter sich das so vorgestellt hat?

Rosemarie ging ohne Diskussion zurück auf ihren Stuhl.

Nach der Pause wurde der Michael Wäser zum Themenbeauftragten für September gekürt – bzw. er stellte sich zur Verfügung und nachdem er das erste Thema „Blutorangen“ abgelehnt hatte, musste er das zweite „Trennungsglück“ nehmen.

Petra

Petra

Nach der Pause las Petra Lohan eine Geschichte über einen Jungen im Krankenhaus, der aus dem sechsten Stock gefallen war und überlebt hatte. Das größte Rätsel: die Mutter. Es gibt Unmut gegen die Mutter, sie flüchtet sich vor den Fernseher. Leblos, wollte sie sich auch aus dem Fenster stürzen. Was immer sie ankam, sie drehte den Fernseher lauter. Der Junge kam in eine Pflegefamilie. Nun, da sie ihn besuchte, zeigte sie keine Gefühlsregungen. Niemand sprach die Mutter an, abgeurteilt ohne Prozess. Sie war oft froh, wenn die Augen des Sohnes noch geschlossen waren. Manchmal rief er nach ihr: ruft meine Mama an. Aber niemand hatte eine Telefonnummer. Die Mutter fand Fernsehdokus spannend – Filme über Albatrosse – wie die das machten, so etwas zu filmen. Sie wollte auch mal so fliegen. Die Depression der Mutter wuchs. Er wollte mit ihr ins Paradies. Fliegenderweise. Der Mann, der ihn auf der Straße fand, meinte, ein Lächeln auf seinem Gesicht gesehen zu haben.

An der Geschichte fand das Publikum seine Streitlust. Inka fand sie gut bis auf manches Erklärende, das wiederum fand Micha gut. Jana wollte das Ganze als Fallstudie gelten lassen, aber als Literatur – Fragezeichen, ohne äußere Perspektive. Da widersprach wiederum Inka. An der Stelle weiß ich nicht mehr genau, wer was gesagt hat. Beschreibung der Blicke der anderen – Mutter hätte es nicht gebraucht. Stimmt, sagte Inka; war das einzig Betuliche. Ein Mann sagte, gerade die Außenperspektive wäre interessant gewesen. Alle fanden es gut erzählt.

Demian

Demian

Stefan kündigte den nächsten internationalen Gast an, Demian aus Zürich, wollte drei kurze Bagatellen lesen, es wurden nur zwei, weil er sonst in den Folterkeller gemusst hätte. Ging um Alles oder Nichts. Bei der ersten Bagatelle ging es um den Pazifik, Aleuten, russisch-amerikanische Datumsgrenze, nordpazifische Idylle mit Herrenmokassins, Cousine Stalinallee 38, Schuhgröße 38, Zusammenhang leicht einzusehen; Lenin aus Blei und Zink – dann gab es einen Sprung zum Alexanderplatz – habe ich nicht ganz verstanden – meine Zeit kommt erst, wenn sie abgelaufen ist; Brötchen von morgen heute noch frisch; Mehl wird erst wieder vor zwei Wochen dagewesen sein – jeder Satz eine Pointe, was ich persönlich manchmal etwas bemüht fand. Zusammen mit der mütterlichen Brust hat man sie auch der Orthodoxie entwöhnt – Entkirchlichung und Misswirtschaft (glaubt jeder Religiöse?) – erst jetzt, da die Zeit auch hier besser zu werden droht, merkt man erst, wie schlecht sie eigentlich war.

Die zweite Bagatelle hieß „Bethlehem“ – hier als Schweizer Dorf, wo ein Besoffener nach Hause kommt und den Schlüssel erst nicht findet – die Gerber hält ihre Terrasse nicht sauber – hat es nicht anders verdient, als früh um fünf aus der Falle geholt zu werden – sie zieht ihre Stimme zu Rüschen – er merkt: sie will nur saufen, lässt ihr die Flasche, da findet sie den Jungen ganz nett – habe ihn dann verloren – irgendwie kommt er in die Wohnung – betritt verbotenerweise den Balkon, stürzt ab – und nun ist der Schlüssel in der Wohnung. Die Gerber endete in der Weldau, was eine Klapse sein muss.

Wolfgang

Wolfgang

Wolfgang Weber war dran: Rules and regulations hieß seine Anhäufung von Stichwörtern. Es begann mit Sport. Halbzeit, Abseits, Down, Schiedsrichter, Aufschlag, wann ist ein Tor ein Tor – Schlag auf den Tisch – Kopf hoch und runter – ein gespieltes Ausrufezeichen; Regeln gibt’s, da staunste – Schlag auf den Tisch – Höhe von Lesebühnentischen. Ich bin froh herumgekommen zu sein … um komische Regeln –

In der Diskussion wurde dem Text eine kathartische Wirkung zugesprochen – und es gab immer einen Bezug zu rules & Regulations – Demian lobte den Assoziationsreichtum, man erweitert als Leser seinen Horizont, was besser ist, als wenn man ihn verknappen muss. Alles rund und stimmig.

Am Ende las Michael Wäser aus seinem nächsten großen Projekt, einem Roman vermutlich, dessen Hauptfigur Gerald heißt – also ich schreibe mal meine Stichwörter hierher: Maria Pollack sah scharf aus – pralle Type mit 16, meine Güte – Ersatzmutter – echte Mutter kriegte nie jemand zu sehen – im Freibad mit Halbhohem –

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Michael

Marek ist so – quetscht kleinen Jungs im Bus die Eier – steinalte Busse – Schüler lachten und johlten – wenn sie noch geschrien hat, hörte sie niemand

Ein Wichser war Marek, weil er ein Polake war – Maria war keine Nutte – hoffte Marek – er fragte sie, was sie will für einmal – wenn sie eine Nutte wäre, hätte sie einen Preis gesagt und dann erinnert er sich 5 Jahre (zurück?) Nackte im Zimmer – an das Gefühl erinnert er sich – seitdem sah sie ihn nicht mehr an – STA-Jeans (buchstabenweise gesprochen) – was für dumme Torten – bauchfrei wie seine Schwester gab’s bei Maria nicht

Gerald hatte den Eingang gefunden als er einen Platz zum Kacken suchte – räumte den Dreck raus und beschaffte sich ein paar Möbel – Bundeswehrpetroleumbrenner zum Aufwärmen von Ravioli

Und dann brechen meine Notizen ab. Spielt Mitte der 70er – abfälliges Vokabular gewinnt – befand das Publikum – durch Nostalgie etwas Liebenswertes – das mitgeschleifte Mädchen am Bus – hat für Micha was mit der Zeit zu tun, dass das möglich war.

Und ich finde, seine von mir zu beobachtende Annäherung an das Drastische lässt hoffen. Mögen alle Schranken fallen – dann gibt’s den nächsten Houellebecq.

So freuen wir uns auf die nächste Lesebühne.  Am 22. August um 20 Uhr, leider ohne mich, denn ich bin da an der Ostsee. Euer fgs

Vor der 99 kommt die 98 und nur wenn die 98 war, kann die 99 kommen und nun ist sie gewesen

Die 99. Lesebühne SoNochNie! wirft ihre Schatten voraus. Hundert kann jeder, aber die Schnapszahlen feiern ist eine Herausforderung und vielleicht sollten wir nochmal über den Schampus nachdenken. Denn an sich ist zur 99. Slivovitz Pflicht und möglicherweise kann das auch passieren. Wenn einer eine Flasche mitbringt.

Aber vor die 99. Jubiläumsbühne hat der liebe Gott die Niederungen der 98. Lesebühne gesetzt, die sich wunderbar grün und poetisch präsentierte.

Es begann mit einer Premiere, die den Protokollanten überraschte: unsere wunderbare Ulrike hatte ihr Thema als Themenbeauftragte eingelesen und per Email zugeschickt und wir durften ihrer zauberhaften Stimme lauschen, dabei auf ein Foto auf Michas Laptop schauen und uns umfing zum Thema „Schreibblockade“ ein Hörspiel, vorgetragen von einer Frau, die einst ihr Kind, das sie – selber noch eins – nicht haben wollte – in einen Eimer gebar und in eine UlrikeMülltonne entsorgte. Die bereuende(?) Mutter suchte nach Worten, war gefangen in einer Schreibblockade: Du blöder Unfall – ist natürlich keen Name – Jason – ach nee, so heißen die jetzt alle im Block, dann nannte sie das Kind Matze nach seinem Großvater – ich schreibe Dir, wie blöd, jetzt schreibe ich ihm dass ich ihm schreibe – ging durch die Presse damals – fast wäre ich erwischt worden – dann wäre mein Leben im Arsch gewesen, viel mehr als mit ’nem Kind – hast Du eine nette Familie gefunden? – nicht ein einziges Mal habe ich Dich angefasst – erstes Baby-Foto in einer Kriminalakte – was für eine Phantasie – alle lauschten gebannt und bewunderten die gemeisterte Form des inneren Dialogs.

Ich war mit meiner Sympathie bei der Mutter. Die Not einer solchen Frau, auch wenn sie etwas simpel gestrickt sein sollte, ging mir nah, vor allem die Suche nach einer verschütteten Emotion und die Unfähigkeit sie zu empfinden und auszudrücken – der Fluch des Nachdenkens. Das macht man halt so in unserer überpsychologisierten Welt, wo sogar RTL II nach einer Erklärung sucht, wenn ein Kind im Eimer gelandet ist.

Nach der virtuellen Ulrike vom Band (Stefan korrigierte diese seine Aussage: vom USB-Stick) las die leibhaftige Bettina aus Frankfurt am Main, woher es sich wahrscheinlich leichter nach Berlin anreist als aus Chemnitz ;-).

Anneliese zieht Bilanz und es ging um eine Frau, die wohl die dienstälteste Tippse Deutschlands war mit 95 Jahren, obwohl sie eigentlich Gärtnerin oder Gartenarchitektin werden wollte. Aber einmal Sekretärin – immer Sekretärin, sie kam von dem Job nicht mehr los. Als Atheist habe ich ein neues Wort gelernt: Damaskuserlebnis. Es meint an sich die Wandlung des Paulus von einem Verfolger der Urchristen zu ihrem Anhänger und ward hier im Zusammenhang mit etwas verwendet, das die Wandlung einer Tippse zur Gartenarchitektin oder umgekehrt analogisieren sollte. Da habe ich etwas nicht verstanden, aber auch versäumt, im Anschluss nachzufragen. Es war auf alle Fälle science fiction, weil Rente abgeschafft ist und bis ans Lebensende gearbeitet wird. Nun hoffe ich, dass dies erst nach meiner Pensionierung wahr wird. Bettinas zweite Geschichte hieß „Die Entkräftung“ und beschrieb den hektischen Arbeitsalltag des Franz Bahro, der zwischen Tweet und Retweet kaum Zeit findet nachzudenken. Eine atemlose Erzählung, die ihre Atemlosigkeit daraus bezog, dass sie im Wesentlichen aus nur drei Aufzählungsbandwurmsätzen bestand – eine Erzählform ohne Konflikt und Ziel, hinstrebend auf die Pointe, dass ein ununterbrochen beschäftigter Mann sich am Abend fragt: War heute irgendetwas Wichtiges passiert?

Woran sich die nächste atemlose Nummer anschloss – unser Stammgast Wolfgang Weber klärte uns über das Wed-Ding auf. Bei ihm bleibt mir immer nur aufzuschreiben, was ich atemlos mitkritzeln konnte: Start ups und Stop downs – Was wollt ihr später mal werden? Gesundbrunnencenter. Wed-Ding, das nächste große Ding nach dem Ed-Ding. Frank Zappa und der trend monger – voll mit Galerien ohne Geld – 1000 Berlin 65 war einst die einzige PLZ WolfgangWeddings, heute hat alleine meine Straße zwei Postleitzahlen. Prime time Theater – und dann haben wir ihn animiert, seinen Text mit Rhythmus zu sprechen, mit einem Chuckchuck, benannt nach Chuck Berry. Ich habe es gegoogelt und fand im Ergebnis meiner Recherchen: er hat es sehr einfach benutzt. Da wäre mehr rauzuholen gewesen, aber die Einfachheit ist irgendwie auch sein Markenzeichen. Schenken möchte ich ihm meine Idee mit dem Stadtrat für Bauentwicklung als Wedding-Planer. Einer aus dem Publikum fühlte sich mit dem Begriff Wett-Ding allerdings auf die falsche Fährte gelockt.

Nach der Pause habe ich mich als Themenbeauftragter für den Juli (für die 100!) Lesebühne aufgedrängelt und habe nach dem dismissten Thema „Die Grillen fliehen das Terrarium“ das Thema „Schlafwandeln“ nehmen müssen. Nicht dass ich schlafwandele, aber zumindest kann ich mir das vorstellen. Eine kleine Auswahl aus den weiteren vorgeschlagenen Themen: „Schule schwänzen“, „Dackelblick und Kaugummi“ (finde ich auch sehr schön), „Warum bist du so schnell?“ und „Berlin, Traum oder Alptraum“.

Dann las Anja – eine kleine Überraschung für mich – sehr prononciert kleines Textmaterial, wie sie es selber nannte, zunächst über Marthe. Blockade – Arbeit – Stecker mit einem Ruck gezogen, nicht gespeichert.

Marthe fühlt Spannung, denkt, es ist Entschlossenheit.

Anja trug sehr gut vor.Anja

Blockade kriegt jeder einmal: hier nimm eine Tablette – Tablette bleibt an der Spucke kleben. Was für eine Blockade.

Marthe scheint mir eine zu sein, die außerhalb der Welt steht, eine ironisch-sarkastische Beobachtungsmaschine.

Sollte sie jemals Enkel bekommen, würde sie einen Strickkurs besuchen. Jedes Ding, länger als zwei Sekunden beobachtet, wird zu einer Geschichte. Marthe ist für alle eine Enttäuschung. Wohin verlegt man eine Enttäuschung? Auf die Rehabilitation. Es ist ein sehr flotter Text, bei dem jede Spitze sitzt. Anja las – da sie so pointiert schreibt und mithin wenig Zeit verbrauchte – noch weitere Miniaturen: Landschaft – Versuch sich einzugliedern ist gescheitert – aus dieser Rolle steige ich aus.

Oder: der 99-Worte Text: Nachbarschaft: er lebt allein. Kann man reinklettern. Tut niemand.

Es gab noch einen Moment einer angedeuteten Emotion, als Anja sagte, dass dies ihre erste Lesung nach einer langen Pause war. Aber er ging zu schnell vorbei.

Nach Marthe las Petra. Sie sprach mit ihrem Aleph über Heimat. Aleph ist ein Wuschelding auf der Schulter der Autorin, mit dem sie tiefsitzend-tiefsinnige Fragen bestreitet.Petra

Sehnsucht nach Heimat ist Sehnsucht nach dem Ursprung war die Ursprungsthese des Textes. Obwohl klar ist, dass wir nicht in den Mutterschoß zurückkönnen, auch wenn diese Vorstellung (Sehnsucht?) die Grundlage jedes soliden Mutterfluches ist (eba si maikata geht dem Bulgaren so flott von der Zunge wie unsereiner Boa eih sagt). Die Mutter muss ja auch einen Ursprung haben, überhaupt kann es nur einen Ur-Sprung geben. Das Aleph nickte verhalten, aber es war wohl einverstanden.

Es wendete sich in eine schöne Richtung. Von Anfang an macht sich der Mensch auf den Weg.

Ursprung= Zustand ohne Zeit – wir verlassen den Ursprung durch Bewegung – schaffen so die Zeit – Sehnsucht nach der Zeitlosigkeit.

Es hat mich beschäftigt. In der Diskussion ging es ums Weglaufen und Zurückkommen, um festzustellen, das Weglaufen doch besser war. Stefan warf ein, dass Weglaufen auch irgendwo hinlaufen heißt.

Stillstand ist auf alle Fälle Tod und deshalb zur letzten Autorin des Abends, zur Angela. Sie betonte, dass sie auf den Werkstatt-Charakter zurückkommen und einen absolut unfertigen (weil grade mal fünf vor zwölf fertiggestellten und mit Müh und Not einem streikenden Drucker abgerungenen) Text unter dem Arbeitstitel „Geschenkt“ präsentieren wolle, der sich dann als runde Geschichte entpuppte. Es ging um Lilli, die aus einem von Mann und Tochter Angelaverlassenen Haushalt Spielzeug zu einer Flüchtlingsunterkunft bringen und spenden wollte. Sie macht sich Sorgen um ihre Motive (weil wir alle das Helfersyndrom kennen) und kann es nicht aushalten, dass Djamila (ein Kind syrischer Flüchtlinge) sich ihr öffnet und sie besuchen will. Schreibst du mir deine Adresse auf … ich muss los – da hatte Angela mich und meine Tränendrüsen wie ein Hollywood-Autor: die Flucht vor der einfachen Zuneigung. Es gab einen kurzen Moment, als Lilli nach vier Bier bei Joannis, dem Griechen, ihre Wohnungsschlüssel wegwarf, und ich Angst bekam, dass es jetzt zu fett wird. Aber es war nur die Vorbereitung für den wunderbaren Abschlusssatz, den sie zu Djamila sagte: Erst musst du mir helfen, die Schlüssel wiederzufinden. Danke Angela: passiert mir nicht oft, dass ich bei SoNochNie! Pippi in den Augen habe.

Das wird uns hoffentlich allen so gehen, wenn wir am 27.6. die 99. Lesebühne SoNochNie! feiern.

PlakatmotivwebDann lesen wir alten Kämpen alle wieder, selbst Leovinus, das Urgestein. Und beantworten uns die Frage, warum wir das alle tun mit einem klaren: keine Ahnung, aber wir können nicht anders. Salman Rushdie schrieb: „…der Schriftsteller akzeptiert die Zerstörung seines Lebens und gewinnt (aber nur wenn er Glück hat) vielleicht nicht die Ewigkeit, so doch wenigstens die Nachwelt“ – und das war bevor ihn die Fatwa ereilte und seinen Ruhm durch die millionenschwere Todesdrohung ins Unermessliche steigerte.

So lasst uns unbedroht leben und schreiben und lesen (und murkeln). „Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Wörter weglassen.“

fgs-Signatur Stempel groß

der 785. Lesende

Die 91. Lesebühne SoNochNie war kurz und knackig, wie man so schön sagt. Es gab (ferienbedingt – sag ich einfach mal) nur vier Lesende. Moderiert hat der Leovinus. _MG_1384-LeovinusUnd er erklärte den Abend kurzerhand zur 785. Lesebühne, was so nicht stimmt. Aber: Es könnte gut der 785. Lesende dabei gewesen sein. Was wahrscheinlich zu tief gegriffen ist, denn meist waren es deutlich mehr als vier Lesende.

Begonnen habe ich als Themenbeauftragter_MG_1383-Frank (Thema „Roboterin“), welchselbiger Begriff zwei sich ständig kabbelnden Herren Anlass war, über den künftigen Verlauf der Evolution zu philosophieren. Martin war so freundlich, sich an die Neue Frankfurter Schule erinnert zu fühlen, aber das wäre dann doch zu viel der Ehre.

Martin selbst ließ uns am Entstehen seines Romans teilhaben, der von Dorothea Wagentreter (oder war es Wadentreter) handeln soll und von 1898 (dem Tag ihrer Geburt) bis in die Gegenwart führen soll oder doch zumindest etwas, das unserer Gegenwart nicht mehr so ferne ist. Sie ward nach sechs Jahren aus der Bildung genommen und sollte November 1923 _MG_1389-Martinverheiratet werden, was aber nicht klappte, sie wollte ins Kloster und der Vater warf sie aus der Wohnung, nicht ohne ihr nobel eine kleine Bleibe zu finanzieren. In dieser Bleibe fand dieser kleine Ausschnitt seinen Höhepunkt in einer Szene, da Dorothea sich in den Arm schnitt, das Blut sah, Jod darüber goss und sich im Schmerz endlich spürte.

In der Pause ließ uns Martin ein wenig an den Anlässen für sein Schreiben teilhaben, was auch sehr interessant war.

_MG_1393-Namen vergessenDanach war Oliver dran, er las ein Gedicht über Orson Welles, das die meisten erst mal ratlos zurückließ, außer die, denen sich die innenwohnende Traurigkeit auch ohne den Bezug zum berühmten Künstler erschloss. Zu denen gehörte ich nicht. Am Anfang ein schöner Satz: Viele, die Deutsche spielten, waren tatsächlich Deutsche … ansonsten waren viele Versatzstücke aus Werken des Künstlers wiederzuerkennen, allerdings nur für die, die mit diesem Werk vertraut waren. Es ging in dem Gedicht um Kelche und Schwerter (u.a.), was an Tarot erinnerte und tatsächlich meinte der Künstler das auch so in dem Sinne: Kelche sind zu leeren und Schwerter sind zu spüren.

Trotz der nur paar Hanseln legte Leovinus eine Pause ein, in der das Bargeld an die Bar getragen werden sollte und Themen für den nächsten Themenbeauftragten aufgeschrieben wurden. Als Themenbeauftragter für den 28.12.2015 erklärte sich der Oliver bereit etwas zu schreiben, danke, Oliver, und das erste Thema, das er zog („Warteschleife“) verwarf er zugunsten eines Themas, das ihn ausrufen ließ: Kann ich das erste Thema wiederhaben? Aber da sind die Regeln unerbittlich. Wer das erste Thema verwirft, muss das zweite nehmen, das nun lautet: „Suchen & Finden – Nähe & Distanz“. Ich finde, das ist ein gutes Thema.

Danach las wieder mal der Clemens_MG_1400-Clemens, was uns alle sehr freute. Angefangene Gedanken, sagte er zu Beginn und dass er versucht habe, Geschichten zu schreiben, aber das nicht könne – und er bedauerte auch, dass die aktuelle Lage so wenig Widerhall in den Texten fände, was die Bardame gar nicht bedauerte, denn es wäre doch mal schön, auch was Anderes zu hören als immer nur dasselbe.

Jeder sieht was er sieht, was er nicht sieht, existiert nicht. Rosenthaler Platz, Fetzen aus den 20ern. Und dann der nudelessende Rikschafahrer T., mit dem der Ich-Erzähler eine Gruppe Afghanen das Bistro betreten sah, die jeweils ein halbes dampfendes Hähnchen (das unverfänglichste Fleisch der Welt – habe ich das richtig verstanden? Das kann nur religiös gemeint sein, denn was die Produktion dieser Broiler angeht, sind sie wohl kaum unverfänglich) verzehren.  Ich habe eine Ahnung, wo sie gesessen haben, ich bin öfter am Rosenthaler Platz, aber vom Text ist nicht mehr so viel da, obwohl er allen (auch mir) sehr gut gefallen hat. Das liegt vielleicht auch an dem schnellen, fast gehetzten Vorlesen.

So. Der Leovinus verwies noch auf die Lesung der Stammautoren der offenen Lesebühne am 17.12. um 19.30 Uhr in der Janusz-Korczak-Bibliothek. Vorher kommt noch die 92. offene Lesebühne am 23.11.2015. Bis dahin. Und herzlichen Dank an den Stefan, der die Fotos schoss.

Euer fgs-Signatur Stempel groß

Krieg und Frieden

Nach der 86. darf ich nun wieder die 89. Lesebühne bebloggen, falls das der richtige Fachausdruck für diese Art des Protokollführens ist.

Der Miterfinder der Bühne StefanS0010367 führte durch den Abend, begann mit einer kurzen Schilderung seines abenteuerlichen Urlaubs, die ein kaputtes Auto beinhaltete und … 24 (!) Sternschnuppen auf Rügen, die am 12. August allein für ihn fielen, er habe diverse Wünsche mehrfach äußern müssen. Hoffe es war auch der Mut zum Zahnarzt zu gehen dabei, denn am Ende des Abends fiel ihm ein wackelnder Backenzahn aus.

S0040396Themenbeauftragter war der Michael Wäser „Krieg und Frieden“. Er stellte es uns frei, ob wir was Lustiges oder was Ernstes hören wollten. Ich hätte ja lieber das Lustige genommen, aber erhört wurde der aus dem Publikum von einem (!) laut gerufene Wunsch nach was Ernstem. So kamen wir in den Genuss eines Essays „Was Mörder macht“.

Im Mittelpunkt ein Massenkindermörder aus dem sowjetischen Zarenreich – Tschikatilo – und zwischen den zwei Bindestrichen habe ich mir eine Dokumentation über ihn angesehen und den Film „Citizen X“ zu schauen angefangen, den Micha erwähnte. Das Grauen eines Jahrhunderts in einem Mann gebündelt. Fragen über Fragen: muss das erlebte Grauen des Kannibalismus in der Ukraine der 30er und 40er – die möglicherweise miterlebte Vergewaltigung der eigenen Mutter durch deutsche Soldaten einen Mann zum Impotenten und schließlich Rachemörder werden lassen? Sicher nicht. Wäre er ohne all das Grauen auch zu dem geworden was er schließlich war? Wahrscheinlich auch nicht. Manche interessante Literaturtipps zum Thema gab es gratis dazu: Klaus Theweleit „Das Lachen der Täter“ oder Rüdiger Safranski „Das Böse“ fanden Erwähnung. Es gibt aber auch noch Richard Lourie „Tschikatilo. Die Jagd nach dem Teufel von Rostow“ oder Robert Cullen „The killer department“, die sich alle mit der Jagd auf Tschikatilo befassen. Aber das hat schon kaum noch etwas mit der 89. Lesebühne zu tun. Danke, jedenfalls, lieber Micha, für Deinen Text. Es war für mich sehr anregend, weil ich mich selber ja auch mit den Geistern der Vergangenheit befasse.

ChristelS0130426 mit den großen Ohrringen war die zweite Lesende. Ihre Geschichte handelte von Chleo und spielte im Jahr 2200. Es gibt dann eine Weltregierung, an der immerhin Coca Cola beteiligt ist, was ich persönlich gar nicht erwartet hätte, eher amazon und google. Es ging um die Roboter Bob und Bill auf dem Weg zu Heli 61 – für mich war das alles eine Mischung aus schwer nachvollziehbarer Geschichte und wissenschaftlichen Mutmaßungen. Adrien Maurice Dirac, der Vorhersager der Antiteilchen spielte eine Rolle.

Jedenfalls trifft Chleo diesen Dirac und er verliebt sich in sie, während er wissenschaftliche Mutmaßungen äußert, während sie relativ kühl bleibt. „Er küsst sie aber sie schlafen nicht miteinander.“ Draußen gibt es eine Demonstration gegen die wertfreie Wissenschaft. Ein Demonstrant springt in das Restaurant, in dem die beiden sitzen. Dirac trifft ein Geschoss und er zerplatzt, Drähte und anderes technisches Zubehör in einer Blutlache.

In der Diskussion ging es um Menschen mit eingesetzten Roboterteilchen in Adlershof. Den Verdacht, von George Orwell inspiriert zu sein, fand die Autorin nach meinem Eindruck nicht so witzig. Auf Nachfrage stellte sich übrigens heraus, dass Dirac nicht ein Wiedergänger oder ein Klon oder eine Nachbildung des Dirac von 1928 sein sollte, sondern es handelte sich um eine zufällige Namensgleichheit, was mich persönlich ein bisschen enttäuschte.

Moniert wurde noch Chleos emotionale Distanziertheit. Die Autorin sagte darauf: „Wenn der eine ein Roboter ist, gibt es bei der Frau eine emotionale Blockade, weil: das spürt die Frau.“

Was bei mir sofort die Frage wach rief, ob es auch Roboterinnen gibt, doch dazu später.

Stefan verteilte die Themenzettel für Oktober und dann las erstmalig auf unserer Bühne der Oliver.S0150442

„Biografien von Idioten“ – nannte er sein Konvolut von fast zur Gedichtform gedrängter Prosa. Es ging um „Fränzchen“, einen Jungen, der Macht ausübte (wir waren alle sieben Jahre alt) und jetzt da ich das schreibe, muss ich an Tschikatilo denken. Körperliche Unterdrückung und auch das Zufügen von Schmerz – wer hat das nicht erlebt? „Es war nicht persönlich. … Wie wird man ausgesucht?“ Dieses „Fränzchen“ durfte er sogar zweimal lesen. Im zweiten Text ging es um „Christine“ – Familiengruft im Altvatergebirge; im dritten Text „Beusselstr.“ hieß er und das fand ich schon sehr schön gesagt: „Rentner setzen Dysfunktionen ins Verhältnis wie einst Liebschaften“. Der letzte Text hieß „Autobiografie“, geb. 1965, Feldpostbriefe aus dem Kursker Gebiet … Ich wollte Dichter werden, schreiben um nicht leben zu müssen.

Alles in allem nach meiner Meinung sehr anspruchsvolle Texte, denen hörend nicht immer leicht zu folgen war, aber: immer das Gefühl, dass da mit viel Ernsthaftigkeit etwas aufgeschrieben ist, das sich lohnt zu lesen.

In der Diskussion ging es um ein Detail aus „Christiane“ – knipse knipse – und Micha fand das Bild sehr schön, wie ein Fotograf die lohnenden Bilder seines Lebens auf anderthalb Sekunden Belichtungszeit summierte. Man kann nur hoffen, dass da viele ultrakurzbelichtete Bilder dabei waren.

Dann durfte ich S0210517lesen. „Mona Mu“ hieß der Text und es ging um einen, der einen anderen erschossen hat, weil über der Diskussion um ein Lied und ob man es singen soll oder nicht sich soviel Aggression angestaut hat, dass es für einen Mord reichte. Man kann sich, darüber waren sich alle einig, um das kleinste Detail so heftig zerstreiten, dass zumindest das Mordgelüst entstehen kann … und wenn dann eine Waffe in der Nähe ist …

S0240532Im Anschluss wurde der Themenbeauftragte für den Oktober bestimmt – als Mitglied der Ur-Stamm-Besatzung habe ich mich freiwillig gemeldet als sonst niemand wollte. Das erste Thema „Holterdipolter“ habe ich abgelehnt, musste dann „Roboterin“ nehmen (sh. Oben) und war ganz zufrieden, auf das Thema gestoßen zu sein, das ich selber in die Lostrommel geworfen hatte. Weil mich schon interessiert, ob es auch ein Mann spürt, wenn ihm eine Roboterin gegenüber sitzt ;-).

Als Letzter las der WolfgangS0250533 von einem Kompass, der nicht wusste, in welche Richtung er zeigen sollte. Aber da er nur alle 25 ¾ Jahre ein Trauerkloßgesicht machte, fiel das nicht weiter auf. Helfen nur wenn es erwünscht ist. Jedem seine Freiheitsstatue. Ein großes dickes Buch liest man nicht im Bett, man legt es auf ein Pult. Haus am Hang – von vorne 1. OG, von hinten Parterre … wie Wolfgangs galoppierende Geschichten so sind. Das Haus am Hang, was ist aus ihm geworden?

In der Diskussion enthüllte er, dass er Story Cubes benutzt hat und alle paar Zeilen ein neues Bild zur Grundlage seines Exkurses machte. Diese Geschichtenwürfel kann man kaufen.

Dem Oliver hat es gefallen. Ich musste an „Jenseits von Afrika“ denken, wo die Hauptheldin auch eine Geschichtenerzählerin ist, ihr Publikum muss ihr nur den ersten Satz vorgeben. Vielleicht – so sehe ich das – ist es besser, für eine Geschichte nur einmal zu würfeln.

Und das war sie, die 89. offene Lesebühne. Nächstes Jahr im Juli feiern wir – so Gott will und so wir am 28.12. dieses Jahr nicht ausfallen lassen, aber warum sollten wir – die einhundertste offene Lesebühne SoNochNie! Es wäre der 25.7.2016. Kann man sich schon mal dick im Kalender eintragen und den Urlaub drumherum planen.

Aber erstmal bis zum 28.9. und schreibt bis dahin was Schönes oder was Gruseliges, was Erheiterndes oder was Erhellendes, eine Geschichte, ein Gedicht, einen Aufsatz, eine Satire oder was auch immer.

Euer

 

fgs-Signatur Stempel groß

ein großer Haufen kleiner Dinge

Die 86. Lesebühne also…
begann mit einem launigen Einstieg unseres Co-Moderators NorbertS0039195, der uns an diesem Tage, Lichtjahre nach den Anfängen, Einblick gewährte in die Entstehung seines Künstlernamens, … Leovinus nämlich, was daran gelegen haben mag, dass Handtuchtag war und er in seinem Gürtel ein … ja … Geschirrhandtuch trug, wenn mich nicht alles täuschte. Hat was mit Douglas Adams‘ „Starship Titanic“ zu tun. Nicht das Handtuch, aber der Künstlername.
„Arrrgh, you’re choking me!“, screamed Scraliontis.
„I know, that’s what I’m trying to do!“ Leovinus tried to put some conviction into his voice, but he was finding it extremely difficult to make his fingers actually constrict the accountants scrawny neck. I suppose you could say that _MG_9920Leovinus just did not have the killer instinct.“
So. Nun. Da verstehe ich das endlich. Ist ja auch was Liebenswertes, so ein Moderator ohne Killerinstinkt.

Aber um den Moderator ging es zwar mehr als sonst, aber nicht in erster Linie. In erster Linie ging es um die Autoren. Und was war das wieder für eine Parade, angeführt von unserem … oh Gott mir sträubt sich die Feder, in Verbindung mit AngelaS0059206-001 das Wort Urgestein zu benutzen, aber hier ist es: angeführt vom Gründungsmitglied der offenen Lesebühne SoNochNie! Angela mit einem Text, der den Titel trug: „Vergleichsweise“. Es ging um Holländerräder und Amsterdam und während ich beim Holländerrad noch den Eindruck hatte, sie findet Berlin doch schöner, haben es die Märkte und das Spielzeug und manches andere doch zugunsten Amsterdams herausgerissen. Ich denke ja immer, das ist die Sucht des Deutschen im Allgemeinen und des Berliners im Besonderen, alles da draußen schöner zu finden als zuhause, aber wahrscheinlich wird sie das nicht so gemeint haben. Amsterdam war eben einfach diese Reise wert. Schade nur, dass es von der Klimakatastrophe hinweggespült werden wird, also: schnell noch mal hinfahren. Riecht dort wohl auch überall nach frischem und gerauchtem Grün.
In der Diskussion gefiel mir am besten der Satz: „… ob du das bewusst gemacht hast oder ob das absichtlich war …“

Als nächstes kündigte Leovinus den Michael KussS0119250 an, der eine 25 Jahre alte Kurzgeschichte darüber las, wie er einst auf der Buchmesse Ephraim Kishon nicht erkannt hat und ihn auch für einen verzweifelten Autor auf der Suche nach etwas Zeit mit seinem Agenten verwechselte. Er hatte der Geschichte den Titel „Kleine oder große Fische oder Humor ist wenn man lachen kann“ gegeben. Denn obwohl er Kishon nicht erkannt hat, fiel ihm doch auf, dass der große Humorist, dem man wegen Ablebens ja nichts Schlechtes nachsagen soll, wenig Humor hatte, als er fünf Minuten warten musste, ein Star eben, der wir ja alle noch werden wollen.

Dann las unser Österreicher StefanS0179299 ein Gedicht und einen Text. Aus seinen Texten kann man immer wieder schöne griffige Weisheiten oder schöne Bilder zitieren, was ich hier tun will. Das Gedicht hieß „Als ich mein Leben beenden wollte“ und beschäftigte sich mit einem „großen Haufen kleiner Dinge von vorgetäuschter Wichtigkeit“, die das literarische Ich in einer Badewanne verbrannte. Man nimmt sich sein Aktenleben, um sich das Leben zurückzuerobern.
Die Geschichte handelte davon, wie „er“ verhaltensauffällig wurde. Es ging um eine Elefantenseele und am schönsten fand ich den Satz: Beim Arzt ergab sich, „…dass ich ganz normal funktionierte, sehr zur Sorge meiner Eltern, die sich fragten, ob sie etwas falsch gemacht hatten.“

Dann gab es eine Premiere, Peter Hafenstein_MG_9933 wurde von Leovinus angekündigt, der korrigierend eingriff: Ritter Hafenstein müsse es richtig heißen. Er las aus einem Versepos über die Nebelkönigin, „Die Hochzeit“ und „Drei Riesen“ und ich persönlich fand es sehr bemüht und mit Gewalt in Reime gepresst. Aber als ich ihn fragte, warum das so sei, setzte der Ritter zu einem überzeugenden Vortrag über die deutsche Mythologie an, die „gothic“ sei; er erwähnte die Kinderschreckfiguren wie den schwarzen Mann, den Bibabutzemann und andere. Clemens (sh. weiter unten) zitierte aus dem Werbetext für die Lesebühne und fand, der Ritter sei dem Anspruch der Lesebühne am nächsten gekommen, wo doch Prosaautoren meist eh nur über die eigene Psyche schrieben. Der Ritter betreibt einen blog, wer sich dafür interessiert … „märchenvommorgen“ …
Stefan (sh. weiter oben) griff meinen Einwand von den bemühten Reimen auf und ging auf das Kunstmittel des bad writing ein, also etwas bewusst schlecht zu machen, weil das (wie im vorliegenden Fall) vor hunderten Jahren so üblich gewesen sei. Man müsse im Text selber einen Hinweis darauf unterbringen, dass es sich um einen solchen Fall handele, sonst könne der Leser nichts damit anfangen … ein bedenkenswerter Einwand wie ich finde.

Danach war ich, Frank Georg Schlosser_MG_9935, dran und ich las aus dem Beginn des zweiten Kapitels meines im Entstehen begriffenen Romans. Wie fast immer fühlte ich mich in allen Kommentaren und Bemerkungen sehr aufgehoben und gestützt und möchte mich dafür bei allen Lesenden und Gästen bedanken. Diese Lesebühne ist ein Kleinod.

Dann war Pause und nach der Pause übernahm StefanS0289381 wieder das Ruder. Er kündigte den Themenbeauftragten an, den Max Ludwig, der sich auch langsam zu einem Stammlesenden entwickelt. Vorher wurde jedoch der Themenbeauftragte für Juli gewählt. Bereit erklärte sich erneut Max, was uns alle sehr freute. Er lehnte das erste Thema – auch weil der Vorschlag von ihm selber kam – ab, nämlich „Interessenkonflikt und Heimat“ und musste dann das zweite geloste Thema nehmen: „Yeah!“ – das sollte dann wohl ein begeisternder Text werden, der da im Juli die 88. Lesebühne eröffnen wird.
Die sonst in der Lostrommel befindlichen Themenvorschläge waren: „Licht und Schatten“, „Hustenreiz“, „Umsteigen“, „Menschen leben auf dem Mars“, „Schraube locker“, „Im Zweifel für den Teufel“, „James Bond“, „Bildende Kunst“, „Weltuntergang“ und „Juli-ANE“.
Also … liebe Autoren und Autorinnen … nach dem Maupassantschen Motto, das man über jeden Bindfaden eine Geschichte schreiben können müsse, frisch auf, eins ausgewählt und was draus gezaubert!

Das Thema der 86. Lesebühne war „wohlproportioniertes Grün“ und MaxS0299387 las dazu über die Strahlemanns mit seiner wunderbaren Dreißiger-Jahre-Stimme Sätze wie
„Im Städtebau muss man Visionen haben…“ oder „bedankte sich höflich wie jemand, der das was er bekommen hat, nicht braucht.“ oder „…fragte ihn nach seinem Lieblingsgebäude. Er nannte den Schuppen in seinem Garten.“
In der Diskussion kam die Frage auf, was das Thema gewesen sei. Clemens sagte, er als nicht so Plotfixierter fand, dass dies der schönste Text des Abends sei. Stefan als Plotfixierter wollte schon wissen, was das Thema wäre. Micha machte den Vorschlag: Orientierungslosigkeit und Angela meinte: vielleicht Fassade – bin ich auch nur Fassade? Wir sind da zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen.

Der zweite nach der Pause war Wolfgang WeberS0339415 … er schrieb über Spezialisten, mit dieser Konnotation: Na du bist mir vielleicht ein Spezialist. In seinen gehetzt wirkenden Satzfetzen, die auch noch schnell und etwas abgehackt vorgetragen sind, scheint immer sehr klar auf wovon er erzählen will. Seine Stichpunkte, die er dem Leser geradezu hinwirft wie Helge Schneider dem Publikum Konfetti am Silvesterabend, so beiläufig, treiben in schnellem Tempo Bilder, Szenen an mir vorbei, Fußgänger, die sobald die Ampel rot wird, umkehren, damit sie nicht von nervösen Autofahreren des bei Rot über die Kreuzung Gehens beschuldigt werden – und schon jetzt habe ich viel zu viele Worte gemacht.
Wolfgang tritt am kommenden Montag (1. Juni) zur Offenen Bühne mit der „Philosophie des Radlers“ auf – wer ihn kennenlernen oder nochmal erleben will …

Eine Nicht-Premiere war der Auftritt Wolfgang EndersS0369440 – Nachfrage zur Kosmologie des Geldes in der Scheibenwelt der Banker – Tierischer Strip – Elefant entkleidet Seidenraupe – Tag der Befreiung – Geist ist geil.
Sein Name sei B. Liebig. Toleranz ohne Grenze für gepiercte Schwänze.
Max fragte warum er so vulgär sein müsse. Wolfgang meinte, vulgär sei das vielleicht in den Sechzigern gewesen – er trete an gegen das anything goes der modernen Welt. Gegen diese haltungslose Toleranz.

Und dann hatte der Protokollant einen Aussetzer, das gebe ich unumwunden zu. Der mag der späten Stunde, dem anstrengenden Wochenende oder dem Weingenuss geschuldet gewesen sein, aber sicher nicht dem Text des nächsten Lesenden Jörn GerstenbergS0419486, der Fetzen aus einem Schauerroman „Von Geisterhand“ zum Besten gab. Karl Maar ist der Protagonist und es geht um die Jagd nach den Geistern toter Nazis zu DDR-Zeiten, die gegen Devisen (natürlich) durchgeführt wird. Er startet am 20. Juni 1985, dann gibt es 1980 wieder eine Handlung, bei der Kadaver nach Leipzig ins Institut für Strahlenforschung geschickt werden. Ich habe nicht alles verstanden, vielleicht war es auch eine Abwehrreaktion, weil ich schließlich auch eine Geistergeschichte schreibe. Aber vielleicht liest der Jörn ja auch nochmal einen anderen Schnipsel.

Zum Abschluss las der ClemensS0429488 mit einer kleinen Vorrede – er sei eben ein bierernster Mensch – Junge klebten einfach mehr an sich selbst und so werde er doch nur eine weitere Episode aus Georgs (seines alter ego?) Leben lesen.
Die Geschichte hieß dann „Thesa“ und er mochte ihren Gesichtsausdruck nicht wenn sie miteinander schliefen. „Die Chemie stimmt dann eben nicht, hörte er sich selber denken.“
Schön fand ich auch: „… als lagerten die Gefühle auf den Dingen, aber man konnte doch nicht alles wegwerfen, oder doch?“
An dieser Stelle schloss sich für mich, der ich eben umgezogen bin, doch der Abendkreis, denn das Thema, dass es eine Menge Schei … gibt, den man nur sieht und anfasst, wenn man umzieht und der doch tagtäglich um einen herumliegt, beschäftigte mich in den letzten Monaten auch sehr – ein großer Haufen Sch… kleiner Dinge von vorgetäuschter Wichtigkeit.

Damit war die 86. Lesebühne vorbei – ein wunderbarer Abend … und neben des Wetteiferns der Moderatoren gibt es auch eines der Fotografen – die Bilder stammen von Michael Wäser und aus weiterer Ferne von Stefan Greitzke und ich bin Euer Euch immer wieder sehr verbundener fgs