Berliner Ironie verwandelt das Herz in einen angeschwemmten toten Fisch

Die 140. Lesebühne begann wie immer der Themenbeauftragte, in diesem Falle ich, Frank Georg Schlosser, mit dem Thema Kirsch. Die Geschichte hieß Die Kündigung und handelte davon, dass man sofort gekündigt werden kann, wenn man von den Kirschen des Baumes im Hinterhof isst. Adam hatte von den Kirschen nicht gegessen, aber er hatte sie in Wodka ersäuft und Kirsch daraus gemacht. Von dem seine Freundin Jenny nun trank, um den Schock mit der Kündigung zu lindern. Plötzlich sah sie alles ganz klar. Er hatte es getan, um sich auf diese Weise von ihr zu trennen. Aber der Kirsch macht sie nicht nur klug, sondern auch zu Superwoman, die den beiden Vollziehungsbeamten ordentlich eine auf die Nuss gibt. So dass nur Adam das Paradies verlassen muss. „Die Kündigung“ gibt es hier zum Nachlesen:

https://frankgeorgschlosser.de/geschriebenes/kurzgeschichten

Der zweite Lesende war Matthias Rische. Titel der Geschichte: Alberts Spinnerei. Ari bespricht seine sexuellen Jungs-Nöte mit dem in seinen Augen weisen Albert, der seiner Weisheit mit regelmäßigem Drogenkonsum nachhilft. Es geht um Lana mit den engen Tops. Um Ari weiterzuhelfen, spielen sie Robin Hood und Marian, was Ari gefällt, weil er schon immer gerne Kleider getragen hat. Er träumte, wenn meine Notizen mich nicht trügen, dass er Lana an einer Leine hinter sich herführt, und sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „please enter penis here!“. Als er Lanas allerdings ansichtig wird, rennt er doch zurück zu Albert. Man kann für ihn hoffen: wer Robin Hood und Marian im Wald spielt, ist nicht gefährdet, ein Nerd zu werden.

Der dritte Lesende, den Leovinus, der in gewohnt souveräner Art durch den Abend führte, aus dem Lostopf zog, war Arved Wolf, der das erste Mal Prosa las. Es ging um einen Mann, der neu in einer Stadt ist, und den es auf der Suche nach Orten, die Heimat werden könnten, ins Freibad zieht. Wärme der Steine – unruhige tanzende Helligkeit. Er schwimmt, hauptsächlich Brust, bis er müde wird. Und es scheint beim Blick aufs Wasser auch eine Todessehnsucht auf, eins zu werden mit dem Nass. Wütendes Schwimmen, müdes Wanken nach Hause. Aufschließen der neuen Wohnung. Das ist meine Wohnung, hier sind meine Sachen, bei ihnen will ich bleiben.

Der Vierte war Herr Metzger. Er kommt von der Comedy, ist 75 Jahre und las aus einem Stück. Es war sehr pointiert und bitterlustig. Woran merkt man, dass man älter wird? Man kann sich seine Freunde nicht mehr aussuchen. Früher ging man zum Fußball, heute zu Beerdigungen. Man hörte ihm hier und da seine südwestdeutsche Herkunft an, wenn er von zwei alten Freunden, von denen sich der eine Sorgen gemacht hatte, dass „er“ schon seit Wochen tot in dem anonymen Berlin in seiner Wohnung vermodern könnte, sagte: Eine Zeitlang haben wir uns die Gisela geteilt. Er schrieb von der uralten Kultur des Anstehens, während er mit einem Bratwurstzettelchen in der Sparkasse darauf wartete dranzukommen. Wir freuen uns mehr davon zu hören.

Dann war Pause. Und nach der Pause meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den 24. Februar 2020. Und Premiere für mich: mein Thema, gespeist aus der aufwühlende Lektüre von Edward Snowdens Autobiografie: Vollüberwachung wurde als Thema für den Februar auserkoren.

Die nächste Lesende war Silke aus Eberswalde. Sie begann mit kindlichen Erinnerungen an die Briketts ihrer Großeltern, auf denen Union stand, das war 1986, da war sie vier in Leverkusen … kann das stimmen? … da kam das große Unglück mit den kleinen Teilchen über uns. Es schloss sich ein Text an, der sich in eher protokollarischer Form mit den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst beschäftigte, um den NRWE-Filz, um Baumhäuser mit Fenstern aus den abgerissenen Häusern, um Höheninterventionsteams, die diese Baumhäuser räumen sollten. Es war ein Text, gespickt mit Fakten, schnell gelesen, damit möglichst viel Information in die fünfzehn Minuten passte. Es wurde viel darüber diskutiert – und die Quintessenz in meiner Wahrnehmung: für einen emotionalen Prosatext zu viel Sachinformation, für ein Sachbuch zu emotional. Ich musste an die aufwühlende Sachlichkeit in Edward Snowdens Autobiografie denken. Aber wem das Herz voll ist … dem geht der Mund über, so ist das nun einmal.

Der sechste Lesende des Abends war Michael Wiedorn. Ein brüchiger Text mit dem Titel Der kahle Schädel, mit vielen Ecken und Kanten, aber ergreifend. Junge – Weg – cremefarbener Trabant – regloser Kinderkörper in Blutlache. Erich, wie er mich anstarrte – Krankheiten lauern unauffällig, bis ihre Stunde schlägt. Der leichte Ekel, wenn man in einer fremden Wohnung in etwas Feuchtes greift. Kuss, der nach Bier schmeckt. Kessel Buntes – dem Wessi was von der reichhaltigen DDR-Kultur zeigen. Dann Hape Kerkeling und Loriot. Schnittwunden auf glattrasiertem Schädel. Logopädische Behandlung. Als Kind brüllte er eine Wand an. Der Bettnässer, der Stotterer, der Schwule, vom Funktionärsvater verachtet. Am Ende das gelb verfärbte Weiß der Augen. Selbst jetzt, da ich nur meine Notiz-Fetzen abschreibe, empfinde ich die Kraft des Textes.

Als siebente las Gabi Petrich eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2050. Kein gutes Wetter. Seit dem 1.1.2033 gibt es nur noch ein Jahresendfest, der Kühlschrank sucht selber aus, was er bestellen will (ob wir noch selber essen müssen, hat sie nicht erwähnt) – da tauscht er schon mal Fleisch gegen Sojafrikadellen aus. Jede Aktion lädt Akkus auf. Wahrscheinlich selbst das Schreiben dieses Textes. Für einen Tee muss man 30 Minuten auf einem Ergometer strampeln. Ich fühlte mich an solche Zukunftsnaivitäten aus den Siebzigern erinnert. Das Internet und das Smartphone hatten sie damals nicht auf dem Schirm – und für alle, die es erleben werden: mal sehen, was die Autorin nicht auf dem Schirm hatte.

Der letzte Lesende des Abends war David. Sein Text hieß In anderen Umständen. Es ging wieder um einen Mann, der sich fremd fühlt in dieser Welt. Weihnachtseinkäufe, weicher Boden – er versackt buchstäblich, steckt bis zum Hals im Modder, schaut den Leuten von Ferne zu, wie sie ihre Einkaufswagen holen und wieder zurückbringen. Wann hatte er das je so intensiv getan. Die Frau des Mannes heißt Hertha, das fand ich komisch. Er sollte Blumen fürs Grab der Mutter mitbringen. Ein Rabe hüpft auf ihn zu, ich denke schon an Game of thrones, wo die Krähen immer die Augäpfel rauspicken – der hier findet Gott sei Dank einen Regenwurm. Hoffnung keimt auf, als sein Handy klingelt, aber es steckt in der Arschtasche … Hast du etwas Zeit für mich …, aber er kommt da nicht ran. Liebe … Beischlaf … Einkaufen mit dem Zettel in der Fresse – das ist der Gesamtzusammenhang, den der Autor herstellt. Bald würde sich die to-do-Liste in ein Aquarell verwandelt haben.

Mit diesem schönen Satz schließt dieses „Protokoll“. Bis zum nächsten Mal. Euer

Man taucht niemals in dasselbe Ohr

Die Lesebühne, die zwei Geburtstage feierte, nämlich den 110. Napoleons, hier legte Leovinus eine Kunstpause ein, um irgendwann den Nachnamen Nolsøe anzufügen, damit jeder genügend Zeit hatte sich zu wundern. Napoleon? 110. Geburtstag? Häh?

Man lernt an diesen Stellen immer Dinge, die man nie zu brauchen glaubte. Nolsøe war ein färöischer Arzt, der sich darum verdient gemacht hat, die färöische Sprache am Leben zu erhalten, indem er alte färöische Dichtungen sammelte, zum Beispiel die Sigurdslieder. Jedenfalls gab es da noch Sigmund Jähn, der vor 41 Jahren mir meinen Kampf zwischen Karat und den Puhdys um den Platz eins versaute, indem er ins All flog, dazu ließ Leo eine färöische Heavy Metal Band „Tyr“ laufen, was eine Anspielung auf den Kriegsgott nicht zu verwechseln mit Thor ist, der war ein Wettergott (schreibe ich mich jetzt um Kopf und Kragen bei allen Avengers-Fans) und hatte einen Hammer und dieser Hammer hatte ein …

 

Wurfgewicht

Und damit hatte Leo den Übergang zum Thema des Abends erzwungen, aber die Themenbeauftragte Petra Lohan war noch nicht erschienen, über Pankow war ein Unwetter niedergegangen. Ein heftiger Regen spülte viele vertrocknete Blätter von den Bäumen und gemahnte uns an die Klimakatastrophe, aber der stellte sich Wolfgang Weber in den Weg. Er hatte für eine seiner anderen Bühnen oder online-Wettbewerbe das Thema „Das Orakel“ zu bearbeiten und sich für das „Wattestäbchenorakel“ entschieden. Man taucht niemals in dasselbe Ohr. Wolfgang sammelte alle möglichen Wortpaare, z.B. gluten und lügenfrei, wobei man das Wort Lügen auf dem e betonen muss, damit es wirkt. Galgen oder Guillotine, Knirps oder Schirm. Es ging um scheinbar gleiche Enden.

Nun gut. Der Donnergott hatte ein Einsehen und Petra tauchte doch noch auf und präsentierte uns ihre Geschichte zum Thema mit dem Titel „Abwürfe“. Ein Dreier, der sich einst gefunden hatte, um eine im Eis Grönlands verschwundene Atombombe aufzuspüren. Sie hatten sie nicht gefunden, Natalia, Piet und Helena. Aber jetzt bekommt Natalia eigenartige Post mit Fotos, die sie an die alten Zeiten erinnert. Der Schmerz wird neu, wie Goethe sagt. Es wiederholt die Klage des Lebens labyrinthisch irren Lauf. Kleinzitat, ist auch egal, Goethe ist länger als 75 Jahre tot. Das Eis schmilzt. Die Atombombe taucht wieder auf und mit ihr die Möglichkeit, alte Freundschaften aufleben zu lassen, mit Geld und Kampf. Schön, wenn Beides zusammen kommt. Aber vielleicht will ja auch unser aller peinlicher US-Präsident die Bombe zurückhaben.

Dann trat der uns allen ans Herz gewachsene Matthias Rische auf. Ich bin da an was dran, sagte er, noch ohne Titel. Der Sohn einer Mutter, die früher Barrikaden angezündet hat, hat sich eine Bannmeile aus Kuscheltieren gebaut. Er – im Gegensatz zu ihr (?) – weiß nur nicht, wer der Gegner ist. Sie, fand er, hätte Rücksicht nehmen können. Freiheit, weiß der Junge, ist das wichtigste. Es ist ein Irrtum, dass man sie sich erkämpfen muss, man kann sie nur einbüßen. Den Satz finde ich so gut, dass ich glaube, den hast du geklaut, lieber Matthias. Wenn nicht: Chapeau. Eine Flunder taucht auf, seinen Bannkreis zu durchbrechen, die sich für einen Frosch hält. Der Junge will sie nicht küssen, da sagt sie: Nicht? Na, dann mach‘s gut, du Arschloch. Auch der Piranha, der an seinem Strahl hinaufklettern könnte, macht ihm Angst. Erinnert mich an das Wildfeuer aus Game of thrones, das angeblich auch an einem Pissstrahl nach oben klettern kann – männliche Urängste.

Nach der Pause mochte Matthias neben Barbara auch den Themenbeauftragten für den Monat Oktober geben. Er erloste sich das Thema „Wohnungssuche“. Wird wohl was ordentlich Deprimierendes werden. Der Hauptheld landet wahrscheinlich in Pasewalk.

Außerdem las noch Barbara über eine kleine eher wenig geschichtliche, eher protokollarische Familienepisode, die sich wohl genau so zugetragen hat. So richtig dicker Besuch. Selbst der Freund der jüngeren Tochter ist schon verfettet. Und es gibt Buttercremetorte und schokoladige Sachertorte. Nur für die Ich-Erzählerin hat man, weil man die schon kennt, bei Aldi oder wo auch immer eine tiefgefrorene Obsttorte gekauft. Es wird geschwafelt und der Vater lässt sich das Wort nicht entziehen. Selbst als die Ich-Erzählerin persönlich von dem perspektivisch adipösen Schwiegerneffen etwas über dessen Leben erfahren will, antwortet dessen Schwiegervater in spe. Der Text endete mit dem Satz: Erstaunlich, wie langsam so viele Kilos die Treppe runterschleichen können.

Auch bei mir hat der Text ambivalente Gefühle ausgelöst. Unser Dauergast Martin formulierte es so: Dann benennen wir uns um und machen therapeutisches Schreiben daraus. Ein bisschen dramaturgische und literarische Gestaltung hätte das Ganze schon vertragen, auch wenn jeder sich in die Situation ganz gut hineinversetzen konnte.

So. Das war der verspätete Bericht über die 136. Lesebühne SoNochNie!. Wir hoffen auf reichlicheren Besuch, wenn erst die Tage wieder kürzer und hoffentlich auch kühler werden. Nächstes Mal bin ich höchstselbst der Themenbeauftragte mit dem Thema: Spätsommersehnsucht. Gibt drei mögliche Geschichten. Als ich den einen Protagonisten gefragt habe, was er sich wünsche, wenn ich über ihn schreibe, hat er so eine Rappergeste gemacht und gerufen: Ich will eine coole Sehnsucht, okay. Als ich dann noch fragte, was er sich da vorstelle, hat er gesagt: Du bist der Schriftsteller. Denk dir was aus! Eine coole Sehnsucht. Eine kühle Sehnsucht sozusagen. Gibt es das überhaupt? Ist eine Sehnsucht nicht immer schwer und unerfüllbar? Und heiß sowieso.

Übrigens: Der zweite zu feiernde Geburtstag war der der Themenbeauftragten Petra Lohan. Herzlichen Glückwunsch nachträglich von dieser Stelle. Sie wurde 29 …..   ….. f?

Bis dahin, Euer

Netto-Service-Center

Der 22. Juli 1711 war der Geburtstag von Georg Wilhelm Richmann, der zu Blitzableitern forschte und deshalb von einem Blitz getötet wurde. Er starb, damit wir heute entspannt auf unseren Balkonen den häufiger werdenden Unwettern zusehen und uns wohlig gruseln können.

308 Jahre später findet die 135. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow statt. Diesen Zusammenhang stellte der Moderator des Abends, bewährt und lecker, unser Leovinus her. Bevor er selbst zur Tat schritt und sich als Themenbeauftragter auf den gefährlichen Stuhl setzte (dazu später mehr).

Sein Thema lautete „Wundheilung“, und die Moral von der Geschicht war, dass jeder Penner dein Wundheiler sein kann. Man muss ihm nur eine Chance geben. Wenn er, wie im vorliegenden Fall aus dem Ostblock stammend, nach der Wende vom System ausgespuckt, früher mal ein erfolgreicher Wissenschaftler war, der statt einer Wunderwaffe (Giftgas), wie eigentlich sein Auftrag lautete, eine Wundermedizin erfand, die jedes Wehwehchen im Handumdrehen heilt. Die Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit, zumindest was die Begegnung mit dem Penner betrifft. Mein Lieblingssatz war: alles streng geheim, schließlich könnte man jeden verwundeten Soldaten heilen, wenn das in die Hände des Feindes fällt! Der Penner suchte nach einem Netto-Servicecenter. Kennen Netto? Netto-Servicecenter? Es stellte sich heraus, dass Netto ein früherer Kollege des Penners war, der die Restbestände der Wundermedizin mitgehen lassen hatte, und der ihn nun heilen sollte. Was er am Ende (gut, alles gut) auch tat.

Nach Leovinus führte uns Ute Danielzick in die Welt der albanischen Märchen ein. „Märchen aus Omas Truhe“ heißt die Sammlung, die sie damit bewarb. „Das magische Becherlein“ brachte sie zu Gehör. Ein Junge, der mit fünf Franken böse Jungs davon abbrachte, Tiere zu quälen, diese stattdessen mit nach Hause nahm, eine Katze, einen Hund und eine Schlange. Zur Belohnung geriet er an ein magisches Becherlein, das er unter der Zunge halten musste oder so, jedenfalls hatte er dann immer genug Gold. Das Becherlein wurde ihm gestohlen, mithilfe der Tiere findet er es wieder, muss zum König, der ihn um seine Paläste beneidet. Die Königstochter wird schwanger, der König schmeißt sie in einer Truhe in den Fluss, in der Truhe (das hat mich sehr beeindruckt) gebärt sie das Kind, der König lädt den erwachsen gewordenen Jungen und die Tochter doch wieder ein, der Hauptheld verpasst ihm mit einem glühenden Hufeisen einen Denkzettel. An Wendepunkten hat es der Geschichte nicht gemangelt. Is aber allet noch ma jod jejange, wie der Albaner sagt.

Anschließend las Wolfgang Weber einen Text von 2013 „Feiertaxi oder Wasser trinken in Pankow“ – es ging um ein Festival im Bürgerpark, das heißt Fayatak oder hieß so und gehörte zu dem schon eingeführten Festival Rakatak. Jedenfalls durfte Wolfgang seine Wasserflasche nicht mit aufs Gelände nehmen. Oder ist sie doch noch mitgekommen? Habe mir notiert: Meine Wasserflasche ist doch noch mit aufs Gelände gekommen, wahrscheinlich hat er sie geschmuggelt. Jemand sollte drei Wasserflaschen in sieben Minuten leeren und gleichzeitig einen Text lesen, hat aber nur zweieinhalb Liter geschafft. Wolfgang machte sich Gedanken um den Einfluss der störenden Musik auf den Leserhythmus. Beim Rausgehen war der Wachposten, der ihm seine Wasserflasche nicht durchgehen lassen wollte, nicht mehr da. In der Diskussion wurde gewarnt, dass beim Karneval der Kulturen auch keine Wasserflasche mehr zulässig wären.

Dann gab es die Pause und der Themenbeauftragte für den Monat September wurde gekürt. Ich hatte wieder mal Lust und habe das Thema „Spätsommer-Sehnsucht“ gezogen. Eine Geschichte ist mir schon begegnet. Mitten im heißesten Berlin. Aber was im Juli passiert, kann für den Spätsommer erzählt werden. Da sollte ein Autor frei sein.

Es las nach der Pause Ulrike Günt(h?)er eine Geschichte über Rebecca oder Rebekka, deren Ex-Mann zur Kindstaufe lud. Clown oder Seiltänzerin, das war hier die Frage, was sollte es als Taufgeschenk sein? Jens, der Verkäufer diskutiert mit der Protagonistin, ist aber eigentlich von der Frau genervt, die sich Gedanken darüber macht, warum es die Männer sind, für die es einen zweiten oder sogar auch einen dritten Frühling gibt. Wird es ein Junge, soll es der Clown sein, bei einem Mädchen die Seiltänzerin. Für Informationen diesbezüglich (als Ex erfährt sie ja nichts mehr, nicht mal von ihren Kindern) steht Doa, die Putzfrau, zur Verfügung, die für beide Haushalte zuständig ist und die gerne schwatzt und sich durch Berge von Blusen dabei bügelt. Rebekka denkt an ihre Kindheit, dass für ihren Traum, Ballettunterricht zu nehmen, kein Geld da war, nur für ein Karnevalskostüm hat es gereicht, ein Tutu, das ihre Mutter irgendwann einfach wegwarf. Sie erinnert sich an Pfefferminzküsse – jetzt sind es Ralfs Erdnussküsse. Es wird immer melancholischer, bis Doa am Ende die Puppe im Haus des Exmannes und seiner neuen Frau platziert und der Leser erfährt, dass die Seiltänzerin eine Spionin ist, die statt eines Glasauges nun eine Kamera hat. Zurück im kleinsten Kreis der Familie. Happy end geht anders, finde ich, aber das war wohl auch nicht beabsichtigt.

Dann durfte ich selbst lesen, but the freaking furniture attacked me und Leovinus reichte mir ein Tempo, womit ich meine rasant wachsende Blutblase unter Kontrolle halten und kühlen konnte, danke, Leo. Ich las eine Sage, ein Märchen, die/das ich für meinen Roman erfunden habe, um den phantastischen Geistergeschichten einen weit in die Vergangenheit reichenden Bezug zu verschaffen. Die Geschichte handelte von Hagir, dem Schrecklichen, der sich eine Armee aus von Geistern besessenen Krüppeln und Aussätzigen schafft, die sich alle an ihren Verderbern rächen bis sie zurück in den Geistersee müssen. Die Geschichte wurde sehr freundlich aufgenommen. Kritisch wurde angemerkt, dass ich in der Sprache nicht konsequent wäre, weil es mal nach altem Deutsch und mal nach neuem Deutsch klingt. Da werde ich nochmal rangehen und hoffentlich mit (m)einem Lektor eines Tages diskutieren.

Schlussendlich erfreute uns der Matthias Rische mit einer Geschichte über „Zwei Blatt Papier“. Es handelt sich um eine Lehrerin, Frau Herrschel, die wegzieht und Abschied nimmt von einer Klasse, die sie fünf Jahre lang unterrichtet hat und besonders von Ramon, von dem sie zwei Blätter Gedichte in die Hand bekommen hat. Freiheit, konterkariert von Schwertern in den Himmel. Ramon ist ärgerlich, sie hat nicht das Recht, diese Gedichte zu lesen. Sie fragt sich, was sie von ihm weiß. Er schimpft, dass sie nun die Wörter befreit hat. Sie sind persönlich, gingen niemanden etwas an. Schreiben wäre schließlich wie Splitter aus einem Körper ziehen – Körperverletzung an dir selbst – Wunden in Narben verwandeln. An der Stelle, fand ich, schloss sich thematisch der Kreis des Abends. Sie darf ihn nicht berühren, aber sie sagt ihm, dass sie erkennen kann, ob der Schreibende sich zeigt. Am Schluss berührt er sie, weil sie es nicht durfte. Eine sehr berührende Geschichte. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob eine solche Geschichte auch mit umgekehrter Geschlechterverteilung (Herr Herrschel und Ramona) hätte geschrieben werden können. Ich finde, das wäre für den Autor doch eine schöne Herausforderung. Vorzutragen auf der 136. Lesebühne am 26. August. 😉

Oder es könnte für den 23. September ein schöner Sidekick für die Spätsommer-Sehnsucht werden. Nun. #meetoo… immer schön vorsichtig sein. Nabokov ist nicht mehr. Heute ist Houellebeqc. Euer

Fragen denken zum Regen an

Am Ostermontag fand die erste offene Lesebühne SoNochNie! statt, die schon um 19:30 Uhr anfing. Es wurde dann doch 19:45, bevor LeovinusDSCF1534 in bewährter Manier bekanntgab, dass es sich um den 149. …. Häh? … Geburtstag Lenins handelte. Wenn er Heidi Klum wäre, wüsste er auch den entsprechenden Plusquamperfekt, sagte er noch. Heidi Klum und Lenin in einer Anmoderation … entweder ist wirklich alles mit allem verbunden oder man kann alles mit allem verbinden … ich weiß es nicht. Es ging in der Folge auch darum, dass Norbert gerne ein Diktator wäre oder so ähnlich, man soll das Protokoll eben wirklich zeitnah schreiben.

Themenbeauftragter der 132. Lesebühne war Matthias RischeDSCF1457. Das Thema lautete „Sommerzeitumstellung“. Ging um die Vorbereitung eines Coups, der daran scheiterte, dass man sich nachts um zwei treffen wollte, um ihn durchzuführen und dann aber die Uhr eine Stunde vor statt zurück gestellt wurde. Schönste Sätze (die ich geschafft habe mitzuschreiben): „Schau im Internet nach, du Schwachmaat!“ „Ab welchem Alter bekommen Grizzlys graue Haare?“, „Kalle riecht, obwohl er nur um die Ecke eines Klärwerkes wohnt.“ Und „Soll ich die Spinnweben entfernen oder das Licht löschen?“.  Die Geschichte wurde freundlich aufgenommen, fiel jedoch beim Faktencheck durch. Aber Fragen denken zum Regen an, wie ein Zuhörer feststellte.

Danach zog Leovinus GabrielaDSCF1551 aus Hannover aus der Lostrommel, die eine Zeit ihres Lebens in Frankreich verbracht hatte und dort Erfahrungen mit dem Arbeitsamt (Agence nationale pour l’emploi) machen musste. Zwischen den häufigen Besuchen, bei denen die Protagonistin lernte, dass Arbeitsämter in Frankreich wegen der Terrorismusgefahr über keine öffentlichen Toiletten verfügen, wurde viel Kaffee getrunken und darüber gesprochen, dass Paris wie Berlin in einen armen Nordosten und einen reichen Südwesten geteilt ist. Ihr Arbeitsberater war nie da und sie wurde von Pierre mit Butterkeksen getröstet. Akten fehlten. Und der Ratschlag: such dir einen Mann, der dich finanziert, bevor du zu alt dafür wirst, fiel auf keinen fruchtbaren Boden, jedenfalls wurde der vielversprechende Ansatz nicht weiterverfolgt. Erst als Pierre dem Vertreter des Arbeitsberaters mit seiner Bekanntschaft mit dem Minister oder einem ehemaligen Minister drohte, bekam die Protagonistin ihr Geld.

Anschließend wurde der Bündnisfall aufgerufen und MichaelDSCF1606 las aus seinem derzeitig in Arbeit befindlichem Roman, der in seiner saarländischen Heimat oder ehemaligen Heimat spielt. Es ging um die Expertise von Kindern und Männern, was das Auffinden von Nutten betrifft, wie man darüber redete und in welchen Runden. Männer redeten unter sich, Frauen redeten unter sich und Kinder eben auch. Klub Rose haben die Etablissements geheißen.  Nutten haben wie die Arbeiter auch Schichtdienst gemacht, damit die früh vögeln konnten, bevor sie nach Hause gingen und ins Bett fielen. Und die Erkenntnis: im eigenen Dorf ist keiner hin zu den Nutten, deshalb waren so viele unterwegs. Die Sinnhaftigkeit von Oben-ohne-Bars wurde in Frage gestellt, denn wozu sollen die gut sein, wenn man nicht anfassen darf. Für mich entsteht ein irgendwie düsteres Bild einer kleinbürgerlich-verlogenen Welt, und da kommt nun AKK her.

Vor der Pause las noch DavidDSCF1634 aus Eberswalde, obwohl er schon lange in Berlin wohnt. Leovinus hatte so ein Ding zu laufen, die Lesenden nach ihrem Migrationshintergrund abzuklopfen ;-). Es ging um Kunst, um den Lauf durch eine Ausstellung, die wegen verschiedener Haufen mich jedenfalls an Joseph Beuys erinnerte. Und es ging um die Gedanken des durch die Ausstellung Laufenden an eine Bekannte, ehemals Vertraute, an die der Protagonist für Häuflein, die er gemacht hatte, Unterhalt zahlen musste. Das war ein Kritikpunkt in der Diskussion: Häuflein als Bild für Kinder. Je nach Tagesform kann man das schon mal machen, finde ich. Es ging um Weiß und Malerzubehör als Kunst, als eben Malerzubehör und als Bild für das mühsam übertünchte Dunkel unserer Geschichte. Ohne Titel. Selbstzensur statt Grenzüberschreitung. Am Ende stellte sich aber heraus, dass all die kruden Gedanken nur dazu gedacht wurden, um den Gedanken, dass er pleite war und gepfändet, auszuklammern.  In der Diskussion wurde festgestellt, dass der Protagonist sich zu lange auf Unis und in Galerien herumgetrieben haben muss.

Nach der Pause stand die Wahl des Themenbeauftragten für den Monat Juni an. Erneut musste der Bündnisfall ausgerufen werden. Michael Wäser wird Themenbeauftragter sein und er zog das Thema Zigarrete. Das klingt wie ein weiblicher Vorname. Man weiß nicht: ist es nur ein Rechtschreibefehler oder hat sich der Themenausdenker (oder die Themenausdenkerin – ich als alter Sack muss das immer extra denken) etwas dabei gedacht? Wir werden es vielleicht nie erfahren, aber wer am 24. Juni pünktlich halb acht abends im Zimmer sechzehn ist, wird zumindest Michas Geschichte dazu hören.

Danach durfte ichDSCF1761 einen neuen Versuch meines ersten Kapitels zu Gehör bringen. Man darf da die Geduld nicht verlieren. Volle acht Tage habe ich gebraucht, um das …erste Kapitel in Ordnung zu bringen. … Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinahe die erste Zeile … Bei richtigem Aufbau muß in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken. Da zitiere ich Theodor Fontane aus seinem Briefwechsel zur Novelle Ellernklipp. Im Fontane-Jahr sei mir das gestattet. Es wurde viel diskutiert und ich habe mein altes Thema: was denkt eigentlich der Protagonist? erneut unter die Nase gerieben bekommen. Und: ich sollte es besser können als „ihm ist das Herz in die Hose gerutscht“. Das ist wahr. Man ist heute auch weiter in der Erkenntnis dessen, was eigentlich so einen Stimmungsabfall, so einen Angstanfall auslöst und ggf. in die Hose rutscht – das Herz ist es nicht direkt.

Nach mir las der RalfDSCF1772 (geboren in Nürnberg und aufgewachsen in Regensburg) eine neue Geschichte aus dem Grimmatorium. Wörter ebenfalls mit Migrationshintergrund unterstützen Wilhelm Grimm im Wahlkampf. Es ist eher eine Anreihung von Diskussionen mit Wortwitz als eine Geschichte. Die Partei AvD (Alternative vom Deutschen) spielte eine Rolle. Pommes wurden in Belgien erfunden, mit Brüssel habt ihr’s nicht. Die erste Erwähnung der Wurst gab es in Homers Odyssee und wenn ihr mal was richtig Deutsches essen wollt, nehmt einen Döner.

Zum Abschluss las der MarkusDSCF1810 aus Berlin. Da ging es um Startups, bei denen es einen Tischkicker statt eines dreizehnten Monatsgehaltes gibt und der Urlaub billig in Süd- und Osteuropa angetreten wird. Die Möglichkeiten des antizyklischen Einkaufens wurden erörtert und ob man nicht im dunklen Monat Februar die Geschenke für das ganze Jahr ordern sollte. Vom 28.1. bis 5.2. ist die günstigste Einkaufswoche und ein Inlandsflug ist mit amerikanischer IP-Adresse günstiger als mit einer deutschen.

Mit diesen wertvollen Shopping-Tipps ging die Lesebühne vom Ostermontag zu Ende. Die nächste findet am 27. Mai 2019 um 19.30 Uhr im Zimmer 16 statt. Bis dahin alles Gute Euer Frank

Beim Kürzen werden die Texte länger

Diese 129. Lesebühne SoNochNie! vom 28.1.2019 war eine besondere, fühlte sich so an, vielleicht weil „das Radio“ da war, versteckt im Publikum; vielleicht weil da zwei Mikrofone waren, eins für den Lesenden, eins für den Moderator und die Zuhörer; nicht direkt eine Premiere, aber doch wegweisend für die Zukunft, da immer mehr andächtig Lauschende auch die hinteren Reihen füllen; und natürlich wegen des großen Ereignisses, das seinen Schatten vorauswarf. Aber der Reihe nach.

Norbert Leovinus Wurzel führte launig durch den Abend, erklärte die Lesebühne zur dreitausendsiebenhundertneunundachtzigsten (wenn ich richtig mitgeschrieben habe), die (wenn ich richtig gerechnet habe) erst im Jahr 2324 sein wird. Weiß nicht, welche Urnachkommenschaft von Leo da moderieren wird und wo. Und diese Frage führt uns stante pede zum Thema des Abends:

Spekulationen.

Themenbeauftragter war unser allen ans Herz gewachsener Wolfgang Weber, der in bewährt assoziativ-rhythmischer Weise dem Thema zu Leibe rückte, wie immer unmöglich in drei Sätzen zusammenzufassen, aber ein paar Fetzen kann ich am geneigten Leser vorbeirauschen lassen: Er kündigte 99 Sätze an und warf Fragen auf: Wie spekuliere ich mit Geld, das ich gar nicht habe? Bekam James Brown seine Sex machine zum Laufen? Er brachte John Maynard und John Maynard Keynes zusammen, weil sie beide irgendwie Steuermänner waren; eröffnete uns seine Entdeckung des Volkes der Kraten, namentlich erwähnte er die Unterstämme der Büro- und der Autokraten. Zwischendurch fragte er, ob wir auch spekulierten, nämlich, wie viele von seinen 99 Sätzen schon vorbei wären. Ich käme nie auf die Idee diesbezüglich zu spekulieren, weil ich Anfang und Ende seiner Sätze nicht genau ausmachen kann. Als dann der 99. Satz dran war, beschäftigte ihn, was Goethe zu all dem sagen würde, wenn er noch lebte. Antwort: Nichts, denn er ist schon tot. In der Diskussion kam die Bemerkung, dass es diesmal schon seine Längen gehabt hätte, da sagte Wolfgang den bemerkenswerten Satz: Beim Kürzen werden die Texte länger. Und rasselte dazu mit seinen Rhythmuseiern.

Die zweite Vortragende war ein Gast aus Hamburg, Andrea Schomburg. Sie konnte ihre Texte alle auswendig und benutzte Leos Mikrofon, weil sie wanderte. Es handelte sich um zauberhafte lyrische Miniaturen, alle mit feinem Witz versehen, u.a. von einem Rotfuchs und einem Hühnchen; der Fuchs beeindruckte das dumme Huhn, aber am Ende des Abends war sein Portemonnaie weg und es folgte die Moral von der Geschicht: Noch nicht mal einem dummen Huhn kann man als Fuchs noch trauen. Der zweite Text handelte vom Großstadtparadies, das kommen wird, wenn das Rahm-Vitello wieder zum Kälbchen wird. Dann ging es um die Libido der Kartoffelchips (gehaucht (oder doch geknistert?): Komm, du willst es doch auch!); dann kam Parzival auf der Suche nach dem Gral in das Dörfchen Wuppertal und wurde von einer ansässigen Hausfrau beschieden: Das ist doch Quatsch mit dem Gral, das lassen se mal – sie machte ihn zum Schüsselverkäufer in … habe ich vergessen … Minden? Dort denkt er nur noch selten an das Generve mit dem Gral. Andrea beschloss ihren Vortrag mit einem neuen Text auf das berühmte Lied von Tevje „Wenn ich noch einmal jung wär…“ um zu schließen: „Manchmal ist’s mir ein Genuss, dass ich nicht mehr jung sein muss.“ Was mich an den schönen Hannes-Wader-Text erinnerte: „Schön ist die Jugend, so sorglos und frei, Gott sei Dank ist sie endlich vorbei, und sie kommt zum Glück nie mehr zurück.“

Leovinus zog danach Jana Franke (das erste Mal auf unserer Bühne) aus dem Lostöpfchen mit dem ernsthaften Text „Schwesterherz“. Es geht um einen Selbstmord und handelt von den unerbittlichen Kriegen auf den geschwisterlichen Schlachtfeldern. Dem Vorwurf: …Mich damit zu behelligen, dass ich dich abschneiden muss!“, dem linken Turnschuh, der gegen die Schläfe des literarischen Ich stieß. Es wird die Geschichte einer symbiotischen Geschwisterbeziehung erzählt, die andere Kinder teils ausschloss („Sprüche von den anderen Kindern erreichten mich nicht, von dir waren sie vernichtend…“). Schön fand ich den Satz von einem Ringelpullover, der kratzte, als wäre er mit Brennnesseln gestrickt. In der Diskussion wurde klargestellt, dass es sich nicht um eigenes Erleben handelt („Ich bin ein Einzelkind!“ – zwischen eigenem Erleben und Literatur sollte eine Distanz bestehen, erklärte die Autorin) und sie erwähnte, dass der Text einen Preis bekommen hat und schon zwei Mal verlegt wurde. Das Publikum war jedenfalls beeindruckt.

Als Letzter vor der Pause las Matthias Rische den Text „Freigang“ mit der Ankündigung: Richtig lustig wird es nicht. Da wandert einer und denkt: Der Weg ist das Ziel, so’n Scheiß! Das fand ich schon mal ziemlich lustig. Ein dystopisch gestimmter Mann sieht identische Familien mit identischen Lebensplänen, die diese hinter zugezogenen Gardinen verbergen. Er lechzt nach etwas Abweichendem. Aber er sieht nur einen Hügel, der keinen Zweck erfüllt, als irgendwann ein anderes Irgendwo hinabzufallen. Ein Fernglas ist seine Hoffnung auf eine Verbindung zum realen Leben. Ein Kaiman taucht auf mit faulig fischigem Atem. Die Berührung seiner Schuppen das einzig intensive Erleben. Bin ich meinem Kopf entflohen? Ist das noch Realität? Sind unvorhergesehene Dinge, die in einer öden Welt passieren, eine Form der Gewalt? Was werde ich sehen, wenn ich die Augen wieder öffne? Sei achtsam, sagte der Kaiman. Micha erinnerte der Text an Hertha Müllers Texte über das Rumänien der Ceausescu-Zeit. In der Diskussion wurde sich darauf geeinigt (?), dass der Text nicht zu einem depressiven Kopf gehört, sondern zu einem, der die Welt ablehnt und Angst hat, doch hineinwachsen zu müssen.

Dann war Pause und Leovinus kündigte unser zehnjähriges Jubiläum am 25. März 2019 an, zu dem jeder aufgefordert ist, einen Text zu verfassen zum Thema „Mensch, ist die groß geworden“ (maximal drei Minuten) und diesen in einer Stoppuhr-Staffel (gibt’s sowas überhaupt?) vorzutragen. Man darf auch ohne Text kommen, muss aber dann drei Euro Eintritt zahlen. Außerdem covern die Stammautoren der Lesebühne sich gegenseitig und schreiben je eine Geschichte eines anderen neu unter dem Motto „geschickt gecovert“. Darauf freue ich mich schon sehr. Deshalb wurde für den März auch kein Themenbeauftragter gewählt. Wer Themenbeauftragter für April werden will, muss am 25. Februar wiederkommen.

Anschließend wurde Angela Bernhardt gelost. Sie las erste Zeilen zu einem größeren Projekt, in dem es um das Verschwinden geht und um die Frage: kann ich mir sicher sein, dass da überhaupt jemals einer da war; an sich der Stoff zu einem Gruselfilm; meine Horrorvorstellung par excellence: wenn meine eigene Wahrnehmung keinen Spiegel in anderen Wahrnehmungen mehr findet. Den Leser beruhigte die Autorin schon mal damit, dass sie aus der Perspektive des Verschwundenen begann. Der Leser bekommt einige Andeutungen zu hören, warum es passiert, im Zentrum der verheerende Satz: von jedem bleibt etwas, noch mehr Fragen als Antworten – die „Verlassene“, aus deren Perspektive der zweite Teil erzählt wurde, hat ihre liebe Not, einen Beweis zu finden, dass ihr Begleiter in die ewige Stadt tatsächlich mit ihr dort war – und muss dafür eine Horde japanischer Touristen überzeugen, dass sie ihre Handyfotos sehen darf (und den Beweis ausdrucken). Angela erfuhr Zuspruch von Jana, der die neuen unverbrauchten Bilder gut gefallen haben und von Andrea, die fand, dass es gut gelungen ist Spannung zu erzeugen. Wir sind auf den Fortschritt des Projektes gespannt.

Die sechste Lesende des Abends war Margret Franzlik, die ebenfalls aus etwas Größerem vortrug über das Ding in meinem Kopf, ein Text, der sehr offen mit einer Erkrankung und deren Folgen umgeht, ohne eine allzu große Distanz zwischen persönlichem Erleben und Geschriebenem herzustellen. Aus der sitzenden Position wird sie das Schreiben, schreibt sie, jedenfalls nicht herausholen. Vom Sessel vor dem Fernseher direkt an den Schreibtisch. Um aufzuarbeiten was geschehen ist, bzw. was sie erfahren hat, dass da eine große glatt begrenzte Raumforderung in ihrem Kopf ist, dass sie möglicherweise nicht mehr lange zu leben hat, und doch ihren Enkel aufwachsen sehen will. Ich fühlte mich in Ähnlichkeit und starkem Unterschied erinnert an Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das ich der Autorin gerne empfehlen möchte. Auf alle Fälle hat der Text große Teile des Publikums stark bewegt.

Dann zog Leovinus mich aus der Lostrommel. Es gab einen kurzen Ausschnitt aus meinen Roman. Ich danke für die Anmerkungen, insbesondere zu der Frage der Reflexionen oder Erinnerungsfetzen einer handelnden Person, und wie einen das aus der Handlung und der Spannung reißen kann. Man soll doch darauf vertrauen, dass sich der Leser merkt, was er hundert Seiten zuvor schon mal gelesen hat. Aber weiß ich als Autor, was ich vor hundert Seiten schon mal geschrieben habe? Ich werde die Anregungen beherzigen. Schwöre.

Und zum Abschluss las Andrea Maluga über Martha und Ida, die vor hundert Jahren nach Berlin kamen, als Dienstmädchen im Grunewald, später als Büglerinnen der Spitzenkragen der feinen Damen im Prenzlauer Berg, mit Wohnung in einem kleinen Stübchen drei Stockwerke über der Wäscherei, wie es Malzkaffee und Brotsuppe gab und die Meisterin für das Wochenende auch mal ein Ei spendierte. Der Aufreger aber war ein grünes Kleid, das Martha Ida für den Samstagabendschwof schenkte, weil sie es von der Schillerschen, die es nicht mehr tragen konnte, ebenfalls geschenkt bekommen hatte. Ging darum, ob man das ausfüllt (das Wort Busenschönheit kannte ich noch gar nicht) und sich damit einen Galan angeln kann, in Potsdam auf der allwöchentlichen Brautschau. Sie kriegten auch Beide einen ab (obwohl Ida erst rummoserte, als Martha mit ihrem Husar knutschte), bekamen Kinder (Martha gab Ida eins ab) und einen Lungensteckschuss (der Husar) und an dem Punkt musste ich an Tucholsky denken „Warum wird beim Happyend im Film jewöhnlich abjeblendt“.  Die Geschichte lebte von der wunderbaren Beschreibung des Lokalkolorits einer untergegangenen Zeit, der wir (un)sinnigerweise manchmal hinterhertrauern.

Das war sie dann auch schon, die 129. Lesebühne SoNochNie! – bis zum 25. Februar – Euer

Vegansexuell

Was für eine wunderbare Lesebühne diese 126. doch war. Zum einen freute mich natürlich der Zuspruch, den mein eigener Text erhielt, zum anderen freut mich der wachsende Zuspruch der Lesebühne selbst. Herzlichen Dank an dieser Stelle ans Zimmer 16 und all die Helfer, die diesen Abend erst möglich machen. Dank aber auch an all die Lesenden und Zuhörer. Zwölf Bewerber gab es für einen Platz am Tisch. Da inklusive Themenbeauftragtem aber nur acht lesen können, musste das Los entscheiden, und Eva, Petra, Steffen und Wolfgang hatten diesmal kein Glück bei unserer Lottofee, die Leovinus hieß und uns charmant durch den Abend geleitete, auch wenn er genderkonform eher ein Feenrich war. Da Micha im Urlaub weilte, übernahm ich auch die Fotografie. Bitte also um Verzeihung, habe nur mit dem Handy geknipst; auch wenn es ein gylaxa 8 ist, sind natürlich die Fotos niemals so schön wie Michas.
Der Abend begann mit der Themenbeauftragten Vera Fang zum Thema „Stoppschild“. Wir erfuhren, dass das Stoppschild in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, jedenfalls in Deutschland. Vera begann mit der Art, wie sie sich dem Thema genähert hat, nämlich ungewöhnlicherweise über google, um uns am Ende eine kleine Geschichte vom Traum nach der Recherche zu präsentieren, in dem ein Stoppschild u.a. traurig darüber ist, dass kein Kind sich zu Halloween (oder war es Fasching) als solches verkleidet. Auf die Kritik, dass der Rechercheweg an sich nicht zur Geschichte gehört, reagierte Vera mit dem bis zu diesem Zeitpunkt vorenthaltenen Titel: „Wie eine Geschichte entsteht“.
Danach kam der Stefan und las seine poetischen Kleinodien. „muss irgendwer im Süden hocken mit meinem Schal und dicken Socken“ schaffte ich mir zu notieren „und ist das µ auf seine Weise Pantoffeltierchens größte Reise“. Ich kann zu Stefans Gedichten nicht allzu viel sagen außer, dass ich sie liebe. Sie geben den Kleinigkeiten einen gefälligen Rhythmus, der mir unwillkürlich ein freudiges Gefühl verschafft, mich ein bisschen glücklicher macht, meinen Wert auf der Glücksskala unmittelbar um ein bis zwei Punkte hebt. Was ein mehr oder weniger eleganter Übergang zum nächsten Lesenden,

nämlich
mir, ist. Frank Georg Schlosser (ich stelle mich mal neben mich) las die Geschichte „Glücksskala“ und sie ist, scheint mir, gut angekommen. Es gab eine lebhafte Diskussion und verschiedene Vorschläge, wie die unvollendete Geschichte enden könnte. Dafür dankt der Autor, weil wirklich bedenkenswerte Ideen darunter waren, wie er findet.
Der letzte Lesende vor der Pause war der Max. Er las aus seinem Werk „53 verdammt gute Tipps“, in dem er seine eigenen Probleme, wie er sagte, einer Lösung zuführte und es hätte geholfen, ihm ginge es schon viel besser. Zum Beispiel gab er sich den Rat, die verzweifelte Suche nach dem perfekten Platz im Kino aufzugeben und sich hinten an den Rand zu setzen, weil das der einzige Platz ist, wo ein Typ wie er (Perfektionist) den Film genießen kann. Oder noch besser: der ewige Kampf mit den Gästen, dass sie den Designerteppich nicht vollkrümeln, bekleckern, mit ihren Schuhen verhunzen, dadurch aufzulösen, dass er mit der Zigarette selbst ein Brandloch hineinzaubert, welchselbiges übrigens der schwarze Punkt auf der weißen Fläche des Jin und Jang-Symbols ist. Wusste ich nicht, fand ich aber sehr interessant und passend.
Dann gab es die Pause. Nach der Pause wurde der Themenbeauftragte für den Monat November gesucht und es meldete sich Steffen Meyer. Ein Tusch für Steffen. All unsere guten Wünsche begleiten dich für das Thema „Wie lernt man fliegen?“ Bin sehr gespannt, kann man bestimmt auch was googeln 😉
Dann las die Barbara kleine Miniaturen aus der täglichen Welt der U-Bahn, der Kaufhallen, der Taxis. Es war eine Eloge auf das aufmerksame tägliche Hinsehen, was um uns herum so geschieht. Sie setzt mit ihren Geschichtchen kleine Denkmäler für die Helden und Antihelden des Alltags: der MOZ-Verkäufer, der kein Geld will, sondern ein Lächeln und Beides bekommt; zwei kleine alte Damen, die sich an einem Einkaufswagen festhaltend durch den Supermarkt (wollte schon wieder Kaufhalle schreiben) schieben und in wortloser Einigkeit beschließen, was sie wollen und was sie sich leisten können; der Taxifahrer, der nichts gegen Flüchtlinge hat, sich aber schon wundert, wie die vierundzwanzig Euro für eine Taxifahrt ausgeben können; und eine Frau, die ihre Pflanze in der U-Bahn spazieren fährt und zu einem wildfremden Mann sagt: „Ich wusste schon immer, dass ich verloren bin.“ Ihre Geschichten kann man nachlesen in „b.geschichten.myblog.de“. Hoffe, ich habe das richtig aufgenommen.
Wolfgang Ebel „Sprache und Realität“ trug seine Geschichte sehr vehement vor, und ich muss gestehen, dass die Heftigkeit des Vortrages es mir schwer machte, inhaltlich bei ihm zu bleiben. Das tut mir leid, obwohl ich das Abschlussbild sehr schön fand, wie sie ohne Sauerstoffgerät den Achttausender bezwingt und am Gipfelkreuz ihrem Führer die Maske vom Gesicht reißt um ihn zu küssen, was dazu führt, dass er, plötzlich des Sauerstoffs beraubt, taumelt und über verschiedene Klippen und Spalten in die Tiefe stürzt. Sie streichelte das Kreuz der Realität, es lastet auf ihrer Seele, die achttausend Meter auf dem Grund des Ozeans liegt, was eine Entfernung von 16.000 Meter zwischen Körper und Seele schafft. In der Diskussion verwies der Wolfgang auf den Essay „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Kleist, was wohl die rasanten Sprünge in seinem Text erklären sollte.
Als siebter las der Matthias, der mich mit einer alten Geschichte wieder sehr froh machte. Es ging um den luziden Zustand zwischen Wachen und Schlafen und das Gefühl, neue Körperteile an Stellen zu haben, wo sie nicht hingehören. Es gab so sinnige Sätze wie „Ich hasse Kinder, schon gleich meine eigenen.“ Oder: „Ich schlafe nie nackt, dafür bin ich viel zu hässlich.“ Oder ähnlich: „Die Suche nach einem Spiegel gebe ich auf. Habe sie alle mit Rücksicht auf mein Wohlbefinden zugehängt.“ Irgendwer sagte in der Diskussion, der Matthias dürfe auch wieder traurig werden, meinetwegen, solange er nur jedes vierte bis siebte Mal so etwas drastisch Lustiges raushaut. U.a. gab es einen Baumstamm im Bett, was Leovinus in der Abmoderation zu dem Begriff „vegansexuell“ verführte. Siehste! Kennt er nicht. Macht er mir eine rote Kringellinie drunter. Aber „Siehste“ kennt er auch nicht, und das hat doch Pittiplatsch immer gesagt, oder?
Als Letzter des Abends wurde der Ralf gelost, der eine Geschichte aus seinem Grimmatorium las. Sie spielte in einem Plattenbau, der als Auffangstation für aus ihrer Heimat geflohene Wörter diente. Die Zeit des Brauchens ist vorbei, sagte einer der Protagonisten, der als Polizist auf den Namen Räuber hörte. Es gab die Richterin Eiserne Jungfrau, die einzige, die Sexist die Stirn bietet. In der Diskussion wurde viel darüber gesprochen, ob die Geschichte das Thema nicht ein bisschen verschenkt, weil sie zu sehr an der Oberfläche bleibt (was immer das ist), und nicht die Frage beantwortet, warum ausgerechnet diese Wörter da sind. Ich persönlich denke auch, dass die Idee Potenzial hat, die Protagonisten aber mehr Persönlichkeit bräuchten. Ich glaube, es steckt zu sehr im Wortwitz fest und nicht im Schicksal oder der Not der Mitwirkenden. Aber damit müssen wir den Ralf jetzt allein lassen, denn nur im Alleinsein kann der Autor die Wunder schaffen, von denen wir auf der nächsten offenen Lesebühne SoNochNie! viele neue zu hören hoffen. Am 22. Oktober ist es wieder soweit, wenn die einzige Lesebühne mit einer Hymne erneut an der Eieruhr dreht.
Bis dahin: gehabt euch wohl.
Euer

Feinstaubbelastung

gab es nicht zur 123. Lesebühne SoNochNie! am 25.6.2018 im Zimmer 16, da die Themenbeauftragte sich entschuldigen ließ. Feinstaubbelastung wäre ihr Thema gewesen. Vielleicht erreicht uns der Text ja zu einer späteren Lesebühne.

Aus dem Lostopf zog eine Lottofee aus dem Publikum zuerst ein neues Gesicht auf unsere Bühne. Es war der Björn Reich, der eine Geschichte über Heiligsprechungen erzählte, die uns alle in ihren Bann zog. Es ging um die Heilige Barbara im Himmel, die für einen Haufen Berufe zuständig ist. Und um einen Auftrag an Pabst Julius II., wieder mal jemanden heilig zu sprechen. Die Wahl fiel auf einen Fischer, der einen Zitteraal sein eigen nannte. Dafür müsste er aber erst mal getötet werden, der Fischer. Der das erledigen sollte, fand ihn aber nicht vor, stattdessen geriet er an den Zitteraal und eine Lampe fiel um, das Haus brannte ab und der Mann kam dabei zu Tode und wurde statt des Fischers heiliggesprochen, was der Plan des Papstes von Anfang an gewesen sein soll. Es war eine sehr charmante Geschichte, die uns alle in ihren Bann zog, halb Krimi, halb historische Reminiszenz. Danke Björn.

Danach durfte ich dank dem Lostopf schon als Zweiter ein weiteres Kapitel aus meinem im Werden begriffenen Roman lesen. Für alle Anmerkungen dazu bin ich sehr dankbar.

Vor der Pause las als Dritter der Maik Lippert Gedichte: Herbert Wehner für immer. Für Maiks Vater war Herbert Wehner der einzige, der glaubwürdig die Faust ballen konnte. Es kam die Zeile vor: hinterließ Kohlenstaub zwischen Strittmatterbänden. So schaffte es die Feinstaubbelastung doch noch in den Abend. Vatertag mit der Reichsbahn hieß ein zweites Gedicht, das uns an alte Lieder wie Alle Zinnsoldaten müssen in den Schützengraben erinnerte. Arachnophobia beschäftigte sich mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass schon ein drei Monate altes Kind sich vor einer Spinne fürchtet. Maik verteilte nach der Lesung wie immer ein paar ausgedruckte Exemplare seiner Gedichte, was die Diskussion sehr belebte.

Dann war Pause. Nach der Pause stand die Wahl des Themenbeauftragten an. Nach einiger Bedenkzeit meldete sich der Björn Reich für den 27. August. Darüber freue ich mich sehr und hoffe, dann dabei sein zu können. Sein Thema lautet „Was ist Heimat“.

Wolfgang Weber las  einen Text, der Mojo hieß und sich, glaube ich, mit der Frage beschäftigte: „Was ist Budenzauber?“. Alles was sich reimte, fand sich darin friedlich zusammen. Es war verrucht, kein Raum für Eifersucht. Ein Besoffener lallt: wird’s bald. Hokuspokus auf dem Lokus. Die Hauptfiguren waren Bruno, Agathe und der Baum. Dazu gab es diesmal eine Art Rassel mit einer Geisel dran.

Als Letzte las ebenfalls eine Neuerscheinung auf unserer Lesebühne: Octavia Wolle, die unter ihrem Mädchennamen Winkler veröffentlicht. Sie las aus ihrem Buch „Oranienburger 32 oder Die unterirdische Tante“. Octavia widmet sich der schriftlichen Bewahrung von Erinnerung, eigener wie fremder, was sehr unterhaltsam ist. Besonders die Gegend um die Oranienburger Straße, wo sie aufgewachsen ist, hat es ihr angetan, die Heckmann-Höfe. Es handelt sich um eine literarische Reportage, die bewahren will, was im Modernisierungswahn verloren zu gehen droht: das Wissen darum, wie es hier mal ausgesehen hat und wie es „lang ging“. Ich habe mir ein Exemplar ihre Buches zugelegt und kann das jedem auch nur empfehlen.

Die nächste Lesebühne gibt es am 23. Juli. Themenbeauftragter ist dann Ralph Mönius und das interessante Thema lautet „Stehlampe“. Damit kann wohl jeder was anfangen.

Euer