Ein irrer Duft von frischen Zwiebeln

Die 144. Offene Lesebühne SoNochNie!, zugleich die 2. Lesebühne im Shutdown, Lockdown, die ich persönlich diesmal von meinem Hochbett aus verfolgte, hat der vorbildlich verhüllte Moderator Leovinus in den Kontext des hundertsten Jahrestages der Verabschiedung des Gesetzes, das Pankow zu einem Stadtteil Berlins machte, gestellt. Irgendwer warf die Frage in den Raum, ob auch Spandau … ja, auch Spandau seit 1920. Obwohl ich von Pankow aus nicht das Gefühl habe, dass mich mit Spandau was verbindet.

Themenbeauftragter war der Matthias Rische. Thema: Genderwahn. Eine grundsätzlich gut ausgehende Geschichte von Kim (gebürtig Emil), einem Menschen, der sich über die Erfindung des Unisexklos gefreut hat. (Ich habe bis heute keines gesehen, außer in so Kneipen, in denen sie eh nur eine Toilette haben). Es ging um einen Menschen, der es von früh auf blöd fand sich entscheiden zu müssen, ob er Emil heiße oder Sarah? Das ist wie gute und schlechte Laune haben. Whats the difference. Über die sexuelle Revolution hat diesem Menschen der Großvater berichtet, in die Welt seiner Eltern passte das alles eher nicht. Er/sie kam deshalb in ein Krankenhaus, aber er (der Vater) hatte darauf schon keinen Einfluss mehr und auch keine Ahnung, was da geschah. Er/sie wurde dort nämlich nicht „geheilt“ (im Sinne des Vaters), sondern gefestigt. Rache brauche ich nicht, die hat er nicht verdient. Es gab eine Phase des Kunst Machens mit vielen Geschlechtsmerkmalen. Riesige begehbare Schwänze und Brüste, eine weit offene Vulva als Eingangstor zu irgendwas, wahrscheinlich dem Paradies.

In der Diskussion fand Gudrun, dass es etwas glatt geht, alles viel zu gut läuft, während Katharina Klug meinte, eine solche Geschichte über Geschlechtsdysphorie könne auch zur Abwechslung einfach einen guten Ausgang haben. Jetzt habe ich das Wort Dysphorie nachgesehen, das bislang nicht zu meinem Sprachschatz gehörte, was mich eine Stunde gekostet hat, weil ich mich über Klick Klick Klick bei Youtube und dem Verschwörungssender KenFM wiederfand, … okay, Frank, komm zurück: Dysphorie kann man sich gut merken – ist einfach nur das Gegenteil von Euphorie.

Matthias bekam dann per Bildschirm die Urkunde überreicht. Leovinus verlieh der Hoffnung Ausdruck, das im analogen Leben eines Tages nachholen zu können.

Dann las Gudrun, das erste Mal, eher eine Kolumne, wie sie selbst sagte mit dem Titel Fallenlassen. Sie war einkaufen, es gab Hefe, sie machte den Vorschlag, Masken aus Unterhosen zu verwenden – verweise diesbezüglich auf meinen auch abgekupferten Vorschlag mit den String-Tangas – man sitzt zu Hause, es gibt nicht genug zu erzählen, so stellt sie sich Leben auf dem Dorf vor. Dann fällt Alexis Sorbas aus dem Fenster. Es handelte sich dabei um ein Buch, nicht um die Katze, wie Leovinus vermutete, mit dem sie das Fenster vor dem Zufallen schützte. Angst, dem Buch nachzuschauen, weil jemand sehen könnte, dass es aus ihrem Fenster gefallen ist, was ja zu Strafanzeigen u.ä. führen könnte, wenn es im ungünstigen Winkel einen Schädelknochen spaltete. Währenddessen spielte ihr Mitbewohner auf dem Computer ein Knallerballerspiel. Sie fragte sich, ob sie die Zeit nutzen solle, Marcel Proust zu lesen, oder zu hören (20 Stunden nur der erste Teil – und der ist nicht der längste), aber allein die Gedanken, ob sie es tun soll, dauerten länger als das Buch zu hören. Aber dann keimt Hoffnung. Der Computer spielende Mitbewohner fragte sie nach ihren Französischbüchern, er überlege, ob er französisch lernen solle (wahrscheinlich genauso lange wie sie überlegt, ob sie Marcel Proust lesen soll). Aber allein die Frage bringt in ihr Hoffnung auf, dass die Menschheit doch nicht untergehen muss, wenn Computerspieler französisch lernen wollen.

Dann war Pause. Wir tauschten uns über die unterschiedlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie aus (ich bin mal gespannt, was es für eine Steigerung zum Wort Pandemie geben wird, wenn es mal wirklich ernst wird, so „The Stand“-ernst)[1]. Heidi berichtete aus der Normandie, dass es (allerdings in Südfrankreich) Festnahmen wegen des Aufhängens kritischer Plakate gegeben haben soll; und dass sie, wenn sie rausgeht, einen selbst ausgestellten Passierschein mit sich führen muss, auf dem sie ihre Ausgehzeiten protokolliert.

Heidi stellte sich dann auch als Themenbeauftragte für den Monat Juni zur Verfügung – die am weitesten entfernte Themenbeauftragte, die wir je hatten. Vermutlich werden wir aber auch im Juni noch online konferieren. Sie nahm gleich das erste Thema, das Leovinus aus seiner Müslischüssel zog: „Entzaubern“. Da sind wir sehr gespannt, was Heidi dann entzaubern wird.

Heidi las auch als Nächste einen Text mit dem Titel „Leere Seite“. Es ging um einen Mann, der ein paar Wochen nach ihr (nicht Heidi, sondern der Partnerin des Protagonisten) auch mit dem Rauchen aufhörte. Der das erste Mal seit 23 Jahren weinte, keinen Kaffee mehr getrunken hat, sich mit Lakritz eindeckte, heftig zu träumen begann. Der einen Küchentisch baute, obwohl er kein Handwerker ist. Die leere Seite, die sich mit dem Rot des Blutes füllen wird.

Offenbar hatte ich die Quintessenz der Geschichte nicht erfasst, wie ich in der Diskussion merkte, was aber daran lag, dass mein Kugelschreiber nicht mehr schrieb, und ich von meinem Hochbett herunter ins Arbeitszimmer … und zurück. In der Diskussion merkte ich erst, dass die leere Seite für ein Leben stand, das noch gar nicht da ist. Es ging also um das Erleben eines Mannes, um Geburtsbeobachtung.

Als Letzte las Katharina Körting einen Text in Arbeit. Ein notorischer Einbrecher U in Coronazeiten. Zuhause hält er es nicht aus. Einbrechen ist seine Form der Kontaktaufnahme. Ist aber kein triftiger Grund rauszugehen. Im Gefängnis erholt er sich von der Strukturlosigkeit draußen. Er ist ein Profi darin Dilettant zu sein. Sein Arbeitgeber stellt ihn nach jeder Haftstrafe wieder ein. Die Beute ist nur hundertdreiundsechzig Euro. U bricht ein um aus sich auszubrechen. Nur im Gefängnis funktioniert er. Als er verurteilt wird zur Gnade von vierzehn Monaten, achtet er darauf, dass auf seinem Gesicht keine Regung zu sehen ist. In der Diskussion wurde die Vermutung geäußert, dass er sich seine Freude nicht anmerken lassen will. Ein Artikel im Tagesspiegel hat Katharina zu der Geschichte angeregt.

In der Diskussion habe ich dann auch noch gelernt, dass die Formulierung „der Geruch nach Zwiebeln“ bedeutet, der Geruch könne auch woanders herrühren, während es „der Geruch von Zwiebeln“ heißt, wenn Zwiebeln die Verursacher des Geruchs sind. Ich weiß aber nicht mehr, wo in Katharinas Text dieser Geruch aufgetaucht ist.

Ute Danielzick, die sich später dazu schaltete, dankte im Namen des Zimmers 16 für die Spenden. Wir (die Lesebühne) sind die Guten, sagte sie. Ich habe auch wieder gespendet. Mitglied des Fördervereins zu werden, sei aber auch eine Option, sagte sie.

Und das war sie, die 144. Lesebühne. Bis zum nächsten Mal, dann hoffentlich wieder in größerer Runde. Euer

[1] Schöne Leseempfehlung für Pandemiezeiten: Stephen King „Das letzte Gefecht“ – besonders der erste Teil.

Und es hat Zoom gemacht

So ist die 143. Lesebühne, die ziemlich genau ein Jahr nach dem zehnten Jahrestag stattgefunden hat, und mit einigem Fug und ein bisschen Recht also auch als Lesebühne des 11. Jahrestages bezeichnet werden darf (Hurra! Hurra! Hurra!), über die Bühne gegangen, obwohl da gar keine Bühne war, denn: Premiere!

Trilliarden von frei flottierenden kleinen DNA-Trägern zwangen uns Abstand zu halten und zuhause zu bleiben. Und da Computerviren noch nicht die Maschine-Mensch-Barriere übersprungen haben, durften wir uns unter Aufsicht jeweils eines Bundesvirenbeauftragten vor unsere Endgeräte setzen, diese sich miteinander verbinden lassen und uns gegenseitig mehr oder weniger klar erkennbar zusehen, wie wir uns so einrichten, wenn wir uns vor den Bildschirm setzen.

Allerdings gab es da schon wieder Klassenunterschiede, die an anderen Grenzlinien verliefen als in der analogen Welt. Während Matthias es sich vor seiner Wohnzimmer- oder Küchenwand bzw. –decke gemütlich gemacht hatte, stand Leovinus wie so ein zugeschalteter Außenreporter am Strand von … also Usedom, sage ich mal, war es nicht … und hinter ihm brach sich die immer gleiche Welle.

Micha saß auf dem Mond oder dem Mars oder auf Fuerteventura vor unbewegter, gnadenloser Gesteinslandschaft, woraufhin ich mich, nach mehreren Versuchen, was zu meinem Hemd passt, für ein Wasserbecken in der Alhambra entschied, aus Solidarität mit dem spanischen Volk, dessen Ausgangssperren teilweise militärisch, wie ich heute hörte, durchgesetzt werden.

Pünktlich zehn nach halb acht, als die Teilnehmerzahl auf 18 Leute angewachsen war (in der Spitze waren es irgendwann mehr als 20), eröffnete Leovinus gewohnt launig den Abend.

Der Jahrestag des Abends war nicht unser elfter, sondern der 163. Jahrestag der Inbetriebnahme des ersten Fahrstuhles mit Absturzsicherung durch den Herrn Otis, dessen Namen wir auch in moderneren Liften lesen können.

Beneidenswert nach anderthalb Jahrhunderten. Von solchen Halbwertszeiten träumen die meisten Autoren, wahrscheinlich nur nicht der Themenbeauftragte des Abends, Klaus Kleinmann, denn er schaltete sich uns nicht zu und verpasste damit seine oneandonly Chance, in die Annalen und so weiter einzugehen, und seiner Unsterblichkeit einen Dienst zu erweisen.

Vermutlich lag es am Thema „Faulheit“, das nun unbearbeitet darniederliegen muss für alle Zeiten.

Nachdem Leovinus uns die technische Ordnungsmäßigkeit des Ziehungsgerätes demonstriert hatte, indem er seinen Müslibecher (Ikea?) in die Kamera hielt, konnte es losgehen.

 

Den Abend eröffnete Ulrike Günther mit zwei Gedichten, wovon das erste sich gleich mit dem einzigen Thema beschäftigte, das uns ununterbrochen beschäftigt: es hieß „ambivalenter Abstand“ und stellte sich heraus als eine Hyperalliteration mit A.

Areal in Abschnitte

Alarm aus aufgerissenen Augen

Analysen anschauen und Anschauungen analysieren

Alles auf die schwere Schulter nehmen.

Ulrikes zweites Gedicht kam fast als Rätsel daher, hieß „Sie“ und meinte „die Zeit“. Hättest sie gerne allein, musst sie aber teilen. Naja, sage ich als alter Einsamer in der Menge: Mal so, mal so.

 

Nach Ulrike zog Leo den Joachim aus seiner Plasteschüssel.

Für den war es eine Premiere, die wegen eher technischer Gründe missglückte. Seine Geschichte hieß „Der Auftrag“. Was ich verstehen konnte, war, dass es um einen Tag im Büro ging, etwas ausgeschmückt, aber doch auch nach wahren Begebenheiten. Verlagsmitarbeiter stritten sich, ob da ein Buch veröffentlicht werden soll, dass offenbar von einem Nazi stammte. Die Lösung schien zu lauten: warten bis der Chef wieder da ist. Irgendwann hat Leo den Vortrag unterbrochen, weil Joachims Endgerät und/oder seine Leitung eine Entzündung hatten. Gute Besserung.

 

Dann las Michael Wäser, der schon bei Beginn seines Vortrages ankündigte, ihn nach der Hälfte abbrechen zu wollen, weil wir dann nicht mehr gewillt sein würden ihm zuzuhören. Und tatsächlich erinnerte mich sein Experiment an ein Buch, das ich auch nie weiter als bis auf Seite 20 gelesen habe, Georges Perecs „Das Leben – eine Gebrauchsanweisung“.

Michael beschrieb die ersten 37 Minuten vom Aufstehen bis zum Haus verlassen. Die meisten Sätze begannen mit „Ich habe … mit der rechten Hand, … dem linken Zeigefinger … das Handtuch, ohne den Ständer zu berühren … usw. alle Verrichtungen, die äußerlich wahrnehmbar diese Zeit ausfüllen, ohne Dramaturgie oder Spannungsbogen, wie so ein Wirklichkeitsprotokoll – und man mag sich gar nicht vorstellen, was aus dem Text werden würde, wenn wir noch tiefer eindringen würden, welche Hormone ausgeschüttet, welche Synapsenverknüpfungen aktiviert, welche Erinnerungen hochgespült werden bei dieser oder jener Verrichtung, welche Viren an welche Zellen andocken und sie entern, wie Magen oder Bauchspeicheldrüse … oh Gott …

Aber es ging ja primär um die Hände und was sie alles so anfassen.

Vor Corona – wurde dann in der Diskussion folgerichtig angemerkt – haben wir nie darüber nachgedacht, wo überall unsere Hände sind.

Heidi hatte sich bei dem Text eingesperrt gefühlt. Womit, fragte sie, fühle ich Zeit, und was machen wir, um nicht verrückt zu werden. Aber das gefällt ihr an der deutschen Sprache, sagte sie auch noch, dass durch Sachlichkeit etwas Emotionales entsteht. Michas Text gibt es hier .

 

Die vierte Lesende war dann Katharina Körting, sie, wie Ulrike am Beginn, eher lyrisch zum aktuellen Thema Corona, Fetzen aus ihrem Vortrag:

Wie geht es mir – ist vorerst untersagt…

Hänge vor dem Rechner, hänge durch.

Ich bin nicht systemrelevant (Willkommen im Club ;-))

Fühlt sich an wie eine Bombe, die nicht fällt, weil sie’s nicht nötig hat.

Niemandem darf ich (nicht) nahekommen

Es gilt Leben zu retten, nicht die Liebe.

Klopapier habe ich genug.

Im Café sitzen und nichts Böses denken

Das Gefühl, dass Freude ansteckend ist, nicht ein Virus

Leide ohne krank zu sein

Makulatur gewordene Plakate – wir gehen prüden Zeiten entgegen.

Was wir jetzt mal nicht hoffen wollen …

Was machen die Alkis jetzt … mit ihrer Sucht allein.

Es war der Punkt, an dem ich mir das dritte Glas Weißwein eingoss. Kostet ja zuhause nicht die Welt.

 

Aber ich habe an das Zimmer 16 gespendet – wer noch nicht daran gedacht hat … das als kleiner Einschub.

 

Mir hat Katharinas Vortrag sehr gut gefallen – ich mag Texte, bei denen ich so wunderbare kleine sprachliche Überraschungen erlebe, von denen ich glaube, sie noch nie gehört zu haben. Und hier sind sie nochmal nachzulesen.

 

Leo machte dann tatsächlich eine Viertelstunde Pause, während der wir launig schwatzten. Diese App (zoom) ist tatsächlich ziemlich cool.

Nach der Pause gab es das Küren des Themenbeauftragten für den Monat Mai – mein Mut und mein Drang waren nach dem dritten Glas Wein ordentlich gestiegen und so meldete ich mich.

Da wir keine Themenzettel einsammeln konnten, hatte Leo meinen Themenvorschlag „Der Einfluss der wachsenden UV-Strahlung auf die Hautbräune kleiner Stinktiere, wenn sie mindestens zwei Meter Abstand halten“ dankenswerterweise dekonstruiert, und mir wurde das Thema „Stinktiere“ für den Monat Mai zugelost. Tja. Händewaschen, Duschen, Desinfizieren, kann ich da nur sagen.

 

Der nächste Lesende war Matthias Rische. Sein Text hieß „Das Treppenhaus“. Marko, begann der Text, wollte so viel Feuchtigkeit wie möglich aus seiner Wohnung fernhalten. Aber es gab einen Geruch nach feuchten Schuhen im Treppenhaus. Er schrieb eine Kolumne über die Kommunikation von Bäumen, so zwang er sich, hin und wieder die Wohnung zu verlassen. Allerdings ist das Alter der Bäume schwer zu schätzen (genau wie das von Südländern oder Arabern). Der Regen wird die Antwort beeinflussen. Es ist ein Abbruchhaus, obere Etage – er arbeitet da allein für mehrere Zeitungen.

Ute fasste es in der Diskussion so zusammen: Zeit der Romantik – man weiß nicht wo’s herkommt und wo’s hingeht, aber toll.

 

Antonia spielte mit einer anderen Variante der Auswirkungen der Krise in der Zukunft. Sie stellte sich eine alle Jahre wiederkehrende Corona-Pause vor.

Bitte gehen Sie nach Hause,

es beginnt die Corona-Pause.

Wer nicht auf dem Heimweg ist, wird die Zeit in Containern verbringen.

Es ist eine Tradition geworden.

Ich war abgelenkt, weil die Rechentechnik ständig Blumenmuster auf Antonias rechte Gesichtshälfte zauberte, was ihr sehr gut stand.

Irgendwann waren rein rechnerisch zwei Millionen infiziert. Berge von Klopapier, Nudeln und Bierkästen versperrten den Flur. Wir haben Sehnsucht, deshalb feiern wir Corona-Pause. Wir arbeiten nicht, wir spielen und stopfen Strümpfe, reparieren die Dinge.

Weiß nicht warum, ich musste ständig an den Film „The purge“ denken. Wahrscheinlich wegen des geplanten Ausnahmezustandes, obwohl die Corona-Pause deutlich verführerischer und auch irgendwie erstrebenswert klang. Einen der Zuhörer erinnerte sie sogar an das österliche Geschehen. Was mich gerade zu dem Gedanken bringt, das es ja auch etwas mit Fasten zu tun hat.

 

Nun befanden sich noch zwei Zettel in der Müslischale und es erhob sich die Frage, welcher Frank gezogen wird … danke, Leo, für den zauberhaften Kalauer … Frankreich oder Frank Georg und es wurde Heidi aus der Normandie zugeschaltet gezogen. Heidi trug ebenfalls eher Lyrik vor mit der Vorbemerkung, dass man etwas verlöre, wenn man etwas übersetzt, deshalb habe der Micha ihr bei der Übertragung geholfen. Hier die kleinen Schnipsel, die ich mitschreiben konnte:

Verbotene Sonne und als zweites Ekliptia

Auf dem rostigen Boden wimmelt es. …

Ich werde wachsen, ohne dass mich ein Perverser mit Dünger erstickt. …

Die Sonne wärmt immer den Rücken dessen der versteht.

Am Ende aber, enttäuscht und bis ins Rückenmark getroffen, erlischt sie (die Sonne).

Füße haben lange Gespräche mit dem Kopfsteinpflaster geführt.

Lange hält man einen Koffer geschlossen, die Stadt gibt die Möglichkeit ihn zu öffnen. Und auch wenn man seine Koffer gepackt hat, einen lässt man immer. 

Auch Heidis Texte sind nachzulesen.

 

Als Letzter durfte ich meine Geschichte „Teure Metallzäune“ lesen, in der es um zwei Frauen ging, deren einer Ehemann sich um nichts kümmert, nur zockt – und der zweite geht fremd. Und das Happy End sozusagen bestand darin, dass die Hauptfigur die Idee nicht schlecht fand, mit der anderen Frau zusammenzuziehen. Ausgerechnet mei Fraa meinte, sie habe die Figuren nur schwer auseinanderhalten können. Schluchz.

Ute hat es dagegen gut verstanden und meinte, so wäre nun mal der ganz normale Berliner Einfamilienhauswahnsinn. Als Service des Hauses gibt es die Geschichte auf meiner Homepage zum Nachlesen, bis zu den Stinktieren im Mai, oder auch nur bis April, falls es da schon wieder was Neues aus meiner „Feder“ gibt.

 

Und das war sie, die 143. Offene Lesebühne SoNochNie!, bin mal gespannt, ob wir nach Ostern schon wieder analog im Zimmer 16 hocken dürfen. Bis dahin bx, wie meine Schwester immer schreibt. Bleibt xund.

Berliner Ironie verwandelt das Herz in einen angeschwemmten toten Fisch

Die 140. Lesebühne begann wie immer der Themenbeauftragte, in diesem Falle ich, Frank Georg Schlosser, mit dem Thema Kirsch. Die Geschichte hieß Die Kündigung und handelte davon, dass man sofort gekündigt werden kann, wenn man von den Kirschen des Baumes im Hinterhof isst. Adam hatte von den Kirschen nicht gegessen, aber er hatte sie in Wodka ersäuft und Kirsch daraus gemacht. Von dem seine Freundin Jenny nun trank, um den Schock mit der Kündigung zu lindern. Plötzlich sah sie alles ganz klar. Er hatte es getan, um sich auf diese Weise von ihr zu trennen. Aber der Kirsch macht sie nicht nur klug, sondern auch zu Superwoman, die den beiden Vollziehungsbeamten ordentlich eine auf die Nuss gibt. So dass nur Adam das Paradies verlassen muss. „Die Kündigung“ gibt es hier zum Nachlesen:

https://frankgeorgschlosser.de/geschriebenes/kurzgeschichten

Der zweite Lesende war Matthias Rische. Titel der Geschichte: Alberts Spinnerei. Ari bespricht seine sexuellen Jungs-Nöte mit dem in seinen Augen weisen Albert, der seiner Weisheit mit regelmäßigem Drogenkonsum nachhilft. Es geht um Lana mit den engen Tops. Um Ari weiterzuhelfen, spielen sie Robin Hood und Marian, was Ari gefällt, weil er schon immer gerne Kleider getragen hat. Er träumte, wenn meine Notizen mich nicht trügen, dass er Lana an einer Leine hinter sich herführt, und sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „please enter penis here!“. Als er Lanas allerdings ansichtig wird, rennt er doch zurück zu Albert. Man kann für ihn hoffen: wer Robin Hood und Marian im Wald spielt, ist nicht gefährdet, ein Nerd zu werden.

Der dritte Lesende, den Leovinus, der in gewohnt souveräner Art durch den Abend führte, aus dem Lostopf zog, war Arved Wolf, der das erste Mal Prosa las. Es ging um einen Mann, der neu in einer Stadt ist, und den es auf der Suche nach Orten, die Heimat werden könnten, ins Freibad zieht. Wärme der Steine – unruhige tanzende Helligkeit. Er schwimmt, hauptsächlich Brust, bis er müde wird. Und es scheint beim Blick aufs Wasser auch eine Todessehnsucht auf, eins zu werden mit dem Nass. Wütendes Schwimmen, müdes Wanken nach Hause. Aufschließen der neuen Wohnung. Das ist meine Wohnung, hier sind meine Sachen, bei ihnen will ich bleiben.

Der Vierte war Herr Metzger. Er kommt von der Comedy, ist 75 Jahre und las aus einem Stück. Es war sehr pointiert und bitterlustig. Woran merkt man, dass man älter wird? Man kann sich seine Freunde nicht mehr aussuchen. Früher ging man zum Fußball, heute zu Beerdigungen. Man hörte ihm hier und da seine südwestdeutsche Herkunft an, wenn er von zwei alten Freunden, von denen sich der eine Sorgen gemacht hatte, dass „er“ schon seit Wochen tot in dem anonymen Berlin in seiner Wohnung vermodern könnte, sagte: Eine Zeitlang haben wir uns die Gisela geteilt. Er schrieb von der uralten Kultur des Anstehens, während er mit einem Bratwurstzettelchen in der Sparkasse darauf wartete dranzukommen. Wir freuen uns mehr davon zu hören.

Dann war Pause. Und nach der Pause meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den 24. Februar 2020. Und Premiere für mich: mein Thema, gespeist aus der aufwühlende Lektüre von Edward Snowdens Autobiografie: Vollüberwachung wurde als Thema für den Februar auserkoren.

Die nächste Lesende war Silke aus Eberswalde. Sie begann mit kindlichen Erinnerungen an die Briketts ihrer Großeltern, auf denen Union stand, das war 1986, da war sie vier in Leverkusen … kann das stimmen? … da kam das große Unglück mit den kleinen Teilchen über uns. Es schloss sich ein Text an, der sich in eher protokollarischer Form mit den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst beschäftigte, um den NRWE-Filz, um Baumhäuser mit Fenstern aus den abgerissenen Häusern, um Höheninterventionsteams, die diese Baumhäuser räumen sollten. Es war ein Text, gespickt mit Fakten, schnell gelesen, damit möglichst viel Information in die fünfzehn Minuten passte. Es wurde viel darüber diskutiert – und die Quintessenz in meiner Wahrnehmung: für einen emotionalen Prosatext zu viel Sachinformation, für ein Sachbuch zu emotional. Ich musste an die aufwühlende Sachlichkeit in Edward Snowdens Autobiografie denken. Aber wem das Herz voll ist … dem geht der Mund über, so ist das nun einmal.

Der sechste Lesende des Abends war Michael Wiedorn. Ein brüchiger Text mit dem Titel Der kahle Schädel, mit vielen Ecken und Kanten, aber ergreifend. Junge – Weg – cremefarbener Trabant – regloser Kinderkörper in Blutlache. Erich, wie er mich anstarrte – Krankheiten lauern unauffällig, bis ihre Stunde schlägt. Der leichte Ekel, wenn man in einer fremden Wohnung in etwas Feuchtes greift. Kuss, der nach Bier schmeckt. Kessel Buntes – dem Wessi was von der reichhaltigen DDR-Kultur zeigen. Dann Hape Kerkeling und Loriot. Schnittwunden auf glattrasiertem Schädel. Logopädische Behandlung. Als Kind brüllte er eine Wand an. Der Bettnässer, der Stotterer, der Schwule, vom Funktionärsvater verachtet. Am Ende das gelb verfärbte Weiß der Augen. Selbst jetzt, da ich nur meine Notiz-Fetzen abschreibe, empfinde ich die Kraft des Textes.

Als siebente las Gabi Petrich eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2050. Kein gutes Wetter. Seit dem 1.1.2033 gibt es nur noch ein Jahresendfest, der Kühlschrank sucht selber aus, was er bestellen will (ob wir noch selber essen müssen, hat sie nicht erwähnt) – da tauscht er schon mal Fleisch gegen Sojafrikadellen aus. Jede Aktion lädt Akkus auf. Wahrscheinlich selbst das Schreiben dieses Textes. Für einen Tee muss man 30 Minuten auf einem Ergometer strampeln. Ich fühlte mich an solche Zukunftsnaivitäten aus den Siebzigern erinnert. Das Internet und das Smartphone hatten sie damals nicht auf dem Schirm – und für alle, die es erleben werden: mal sehen, was die Autorin nicht auf dem Schirm hatte.

Der letzte Lesende des Abends war David. Sein Text hieß In anderen Umständen. Es ging wieder um einen Mann, der sich fremd fühlt in dieser Welt. Weihnachtseinkäufe, weicher Boden – er versackt buchstäblich, steckt bis zum Hals im Modder, schaut den Leuten von Ferne zu, wie sie ihre Einkaufswagen holen und wieder zurückbringen. Wann hatte er das je so intensiv getan. Die Frau des Mannes heißt Hertha, das fand ich komisch. Er sollte Blumen fürs Grab der Mutter mitbringen. Ein Rabe hüpft auf ihn zu, ich denke schon an Game of thrones, wo die Krähen immer die Augäpfel rauspicken – der hier findet Gott sei Dank einen Regenwurm. Hoffnung keimt auf, als sein Handy klingelt, aber es steckt in der Arschtasche … Hast du etwas Zeit für mich …, aber er kommt da nicht ran. Liebe … Beischlaf … Einkaufen mit dem Zettel in der Fresse – das ist der Gesamtzusammenhang, den der Autor herstellt. Bald würde sich die to-do-Liste in ein Aquarell verwandelt haben.

Mit diesem schönen Satz schließt dieses „Protokoll“. Bis zum nächsten Mal. Euer

Man taucht niemals in dasselbe Ohr

Die Lesebühne, die zwei Geburtstage feierte, nämlich den 110. Napoleons, hier legte Leovinus eine Kunstpause ein, um irgendwann den Nachnamen Nolsøe anzufügen, damit jeder genügend Zeit hatte sich zu wundern. Napoleon? 110. Geburtstag? Häh?

Man lernt an diesen Stellen immer Dinge, die man nie zu brauchen glaubte. Nolsøe war ein färöischer Arzt, der sich darum verdient gemacht hat, die färöische Sprache am Leben zu erhalten, indem er alte färöische Dichtungen sammelte, zum Beispiel die Sigurdslieder. Jedenfalls gab es da noch Sigmund Jähn, der vor 41 Jahren mir meinen Kampf zwischen Karat und den Puhdys um den Platz eins versaute, indem er ins All flog, dazu ließ Leo eine färöische Heavy Metal Band „Tyr“ laufen, was eine Anspielung auf den Kriegsgott nicht zu verwechseln mit Thor ist, der war ein Wettergott (schreibe ich mich jetzt um Kopf und Kragen bei allen Avengers-Fans) und hatte einen Hammer und dieser Hammer hatte ein …

 

Wurfgewicht

Und damit hatte Leo den Übergang zum Thema des Abends erzwungen, aber die Themenbeauftragte Petra Lohan war noch nicht erschienen, über Pankow war ein Unwetter niedergegangen. Ein heftiger Regen spülte viele vertrocknete Blätter von den Bäumen und gemahnte uns an die Klimakatastrophe, aber der stellte sich Wolfgang Weber in den Weg. Er hatte für eine seiner anderen Bühnen oder online-Wettbewerbe das Thema „Das Orakel“ zu bearbeiten und sich für das „Wattestäbchenorakel“ entschieden. Man taucht niemals in dasselbe Ohr. Wolfgang sammelte alle möglichen Wortpaare, z.B. gluten und lügenfrei, wobei man das Wort Lügen auf dem e betonen muss, damit es wirkt. Galgen oder Guillotine, Knirps oder Schirm. Es ging um scheinbar gleiche Enden.

Nun gut. Der Donnergott hatte ein Einsehen und Petra tauchte doch noch auf und präsentierte uns ihre Geschichte zum Thema mit dem Titel „Abwürfe“. Ein Dreier, der sich einst gefunden hatte, um eine im Eis Grönlands verschwundene Atombombe aufzuspüren. Sie hatten sie nicht gefunden, Natalia, Piet und Helena. Aber jetzt bekommt Natalia eigenartige Post mit Fotos, die sie an die alten Zeiten erinnert. Der Schmerz wird neu, wie Goethe sagt. Es wiederholt die Klage des Lebens labyrinthisch irren Lauf. Kleinzitat, ist auch egal, Goethe ist länger als 75 Jahre tot. Das Eis schmilzt. Die Atombombe taucht wieder auf und mit ihr die Möglichkeit, alte Freundschaften aufleben zu lassen, mit Geld und Kampf. Schön, wenn Beides zusammen kommt. Aber vielleicht will ja auch unser aller peinlicher US-Präsident die Bombe zurückhaben.

Dann trat der uns allen ans Herz gewachsene Matthias Rische auf. Ich bin da an was dran, sagte er, noch ohne Titel. Der Sohn einer Mutter, die früher Barrikaden angezündet hat, hat sich eine Bannmeile aus Kuscheltieren gebaut. Er – im Gegensatz zu ihr (?) – weiß nur nicht, wer der Gegner ist. Sie, fand er, hätte Rücksicht nehmen können. Freiheit, weiß der Junge, ist das wichtigste. Es ist ein Irrtum, dass man sie sich erkämpfen muss, man kann sie nur einbüßen. Den Satz finde ich so gut, dass ich glaube, den hast du geklaut, lieber Matthias. Wenn nicht: Chapeau. Eine Flunder taucht auf, seinen Bannkreis zu durchbrechen, die sich für einen Frosch hält. Der Junge will sie nicht küssen, da sagt sie: Nicht? Na, dann mach‘s gut, du Arschloch. Auch der Piranha, der an seinem Strahl hinaufklettern könnte, macht ihm Angst. Erinnert mich an das Wildfeuer aus Game of thrones, das angeblich auch an einem Pissstrahl nach oben klettern kann – männliche Urängste.

Nach der Pause mochte Matthias neben Barbara auch den Themenbeauftragten für den Monat Oktober geben. Er erloste sich das Thema „Wohnungssuche“. Wird wohl was ordentlich Deprimierendes werden. Der Hauptheld landet wahrscheinlich in Pasewalk.

Außerdem las noch Barbara über eine kleine eher wenig geschichtliche, eher protokollarische Familienepisode, die sich wohl genau so zugetragen hat. So richtig dicker Besuch. Selbst der Freund der jüngeren Tochter ist schon verfettet. Und es gibt Buttercremetorte und schokoladige Sachertorte. Nur für die Ich-Erzählerin hat man, weil man die schon kennt, bei Aldi oder wo auch immer eine tiefgefrorene Obsttorte gekauft. Es wird geschwafelt und der Vater lässt sich das Wort nicht entziehen. Selbst als die Ich-Erzählerin persönlich von dem perspektivisch adipösen Schwiegerneffen etwas über dessen Leben erfahren will, antwortet dessen Schwiegervater in spe. Der Text endete mit dem Satz: Erstaunlich, wie langsam so viele Kilos die Treppe runterschleichen können.

Auch bei mir hat der Text ambivalente Gefühle ausgelöst. Unser Dauergast Martin formulierte es so: Dann benennen wir uns um und machen therapeutisches Schreiben daraus. Ein bisschen dramaturgische und literarische Gestaltung hätte das Ganze schon vertragen, auch wenn jeder sich in die Situation ganz gut hineinversetzen konnte.

So. Das war der verspätete Bericht über die 136. Lesebühne SoNochNie!. Wir hoffen auf reichlicheren Besuch, wenn erst die Tage wieder kürzer und hoffentlich auch kühler werden. Nächstes Mal bin ich höchstselbst der Themenbeauftragte mit dem Thema: Spätsommersehnsucht. Gibt drei mögliche Geschichten. Als ich den einen Protagonisten gefragt habe, was er sich wünsche, wenn ich über ihn schreibe, hat er so eine Rappergeste gemacht und gerufen: Ich will eine coole Sehnsucht, okay. Als ich dann noch fragte, was er sich da vorstelle, hat er gesagt: Du bist der Schriftsteller. Denk dir was aus! Eine coole Sehnsucht. Eine kühle Sehnsucht sozusagen. Gibt es das überhaupt? Ist eine Sehnsucht nicht immer schwer und unerfüllbar? Und heiß sowieso.

Übrigens: Der zweite zu feiernde Geburtstag war der der Themenbeauftragten Petra Lohan. Herzlichen Glückwunsch nachträglich von dieser Stelle. Sie wurde 29 …..   ….. f?

Bis dahin, Euer

Netto-Service-Center

Der 22. Juli 1711 war der Geburtstag von Georg Wilhelm Richmann, der zu Blitzableitern forschte und deshalb von einem Blitz getötet wurde. Er starb, damit wir heute entspannt auf unseren Balkonen den häufiger werdenden Unwettern zusehen und uns wohlig gruseln können.

308 Jahre später findet die 135. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow statt. Diesen Zusammenhang stellte der Moderator des Abends, bewährt und lecker, unser Leovinus her. Bevor er selbst zur Tat schritt und sich als Themenbeauftragter auf den gefährlichen Stuhl setzte (dazu später mehr).

Sein Thema lautete „Wundheilung“, und die Moral von der Geschicht war, dass jeder Penner dein Wundheiler sein kann. Man muss ihm nur eine Chance geben. Wenn er, wie im vorliegenden Fall aus dem Ostblock stammend, nach der Wende vom System ausgespuckt, früher mal ein erfolgreicher Wissenschaftler war, der statt einer Wunderwaffe (Giftgas), wie eigentlich sein Auftrag lautete, eine Wundermedizin erfand, die jedes Wehwehchen im Handumdrehen heilt. Die Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit, zumindest was die Begegnung mit dem Penner betrifft. Mein Lieblingssatz war: alles streng geheim, schließlich könnte man jeden verwundeten Soldaten heilen, wenn das in die Hände des Feindes fällt! Der Penner suchte nach einem Netto-Servicecenter. Kennen Netto? Netto-Servicecenter? Es stellte sich heraus, dass Netto ein früherer Kollege des Penners war, der die Restbestände der Wundermedizin mitgehen lassen hatte, und der ihn nun heilen sollte. Was er am Ende (gut, alles gut) auch tat.

Nach Leovinus führte uns Ute Danielzick in die Welt der albanischen Märchen ein. „Märchen aus Omas Truhe“ heißt die Sammlung, die sie damit bewarb. „Das magische Becherlein“ brachte sie zu Gehör. Ein Junge, der mit fünf Franken böse Jungs davon abbrachte, Tiere zu quälen, diese stattdessen mit nach Hause nahm, eine Katze, einen Hund und eine Schlange. Zur Belohnung geriet er an ein magisches Becherlein, das er unter der Zunge halten musste oder so, jedenfalls hatte er dann immer genug Gold. Das Becherlein wurde ihm gestohlen, mithilfe der Tiere findet er es wieder, muss zum König, der ihn um seine Paläste beneidet. Die Königstochter wird schwanger, der König schmeißt sie in einer Truhe in den Fluss, in der Truhe (das hat mich sehr beeindruckt) gebärt sie das Kind, der König lädt den erwachsen gewordenen Jungen und die Tochter doch wieder ein, der Hauptheld verpasst ihm mit einem glühenden Hufeisen einen Denkzettel. An Wendepunkten hat es der Geschichte nicht gemangelt. Is aber allet noch ma jod jejange, wie der Albaner sagt.

Anschließend las Wolfgang Weber einen Text von 2013 „Feiertaxi oder Wasser trinken in Pankow“ – es ging um ein Festival im Bürgerpark, das heißt Fayatak oder hieß so und gehörte zu dem schon eingeführten Festival Rakatak. Jedenfalls durfte Wolfgang seine Wasserflasche nicht mit aufs Gelände nehmen. Oder ist sie doch noch mitgekommen? Habe mir notiert: Meine Wasserflasche ist doch noch mit aufs Gelände gekommen, wahrscheinlich hat er sie geschmuggelt. Jemand sollte drei Wasserflaschen in sieben Minuten leeren und gleichzeitig einen Text lesen, hat aber nur zweieinhalb Liter geschafft. Wolfgang machte sich Gedanken um den Einfluss der störenden Musik auf den Leserhythmus. Beim Rausgehen war der Wachposten, der ihm seine Wasserflasche nicht durchgehen lassen wollte, nicht mehr da. In der Diskussion wurde gewarnt, dass beim Karneval der Kulturen auch keine Wasserflasche mehr zulässig wären.

Dann gab es die Pause und der Themenbeauftragte für den Monat September wurde gekürt. Ich hatte wieder mal Lust und habe das Thema „Spätsommer-Sehnsucht“ gezogen. Eine Geschichte ist mir schon begegnet. Mitten im heißesten Berlin. Aber was im Juli passiert, kann für den Spätsommer erzählt werden. Da sollte ein Autor frei sein.

Es las nach der Pause Ulrike Günt(h?)er eine Geschichte über Rebecca oder Rebekka, deren Ex-Mann zur Kindstaufe lud. Clown oder Seiltänzerin, das war hier die Frage, was sollte es als Taufgeschenk sein? Jens, der Verkäufer diskutiert mit der Protagonistin, ist aber eigentlich von der Frau genervt, die sich Gedanken darüber macht, warum es die Männer sind, für die es einen zweiten oder sogar auch einen dritten Frühling gibt. Wird es ein Junge, soll es der Clown sein, bei einem Mädchen die Seiltänzerin. Für Informationen diesbezüglich (als Ex erfährt sie ja nichts mehr, nicht mal von ihren Kindern) steht Doa, die Putzfrau, zur Verfügung, die für beide Haushalte zuständig ist und die gerne schwatzt und sich durch Berge von Blusen dabei bügelt. Rebekka denkt an ihre Kindheit, dass für ihren Traum, Ballettunterricht zu nehmen, kein Geld da war, nur für ein Karnevalskostüm hat es gereicht, ein Tutu, das ihre Mutter irgendwann einfach wegwarf. Sie erinnert sich an Pfefferminzküsse – jetzt sind es Ralfs Erdnussküsse. Es wird immer melancholischer, bis Doa am Ende die Puppe im Haus des Exmannes und seiner neuen Frau platziert und der Leser erfährt, dass die Seiltänzerin eine Spionin ist, die statt eines Glasauges nun eine Kamera hat. Zurück im kleinsten Kreis der Familie. Happy end geht anders, finde ich, aber das war wohl auch nicht beabsichtigt.

Dann durfte ich selbst lesen, but the freaking furniture attacked me und Leovinus reichte mir ein Tempo, womit ich meine rasant wachsende Blutblase unter Kontrolle halten und kühlen konnte, danke, Leo. Ich las eine Sage, ein Märchen, die/das ich für meinen Roman erfunden habe, um den phantastischen Geistergeschichten einen weit in die Vergangenheit reichenden Bezug zu verschaffen. Die Geschichte handelte von Hagir, dem Schrecklichen, der sich eine Armee aus von Geistern besessenen Krüppeln und Aussätzigen schafft, die sich alle an ihren Verderbern rächen bis sie zurück in den Geistersee müssen. Die Geschichte wurde sehr freundlich aufgenommen. Kritisch wurde angemerkt, dass ich in der Sprache nicht konsequent wäre, weil es mal nach altem Deutsch und mal nach neuem Deutsch klingt. Da werde ich nochmal rangehen und hoffentlich mit (m)einem Lektor eines Tages diskutieren.

Schlussendlich erfreute uns der Matthias Rische mit einer Geschichte über „Zwei Blatt Papier“. Es handelt sich um eine Lehrerin, Frau Herrschel, die wegzieht und Abschied nimmt von einer Klasse, die sie fünf Jahre lang unterrichtet hat und besonders von Ramon, von dem sie zwei Blätter Gedichte in die Hand bekommen hat. Freiheit, konterkariert von Schwertern in den Himmel. Ramon ist ärgerlich, sie hat nicht das Recht, diese Gedichte zu lesen. Sie fragt sich, was sie von ihm weiß. Er schimpft, dass sie nun die Wörter befreit hat. Sie sind persönlich, gingen niemanden etwas an. Schreiben wäre schließlich wie Splitter aus einem Körper ziehen – Körperverletzung an dir selbst – Wunden in Narben verwandeln. An der Stelle, fand ich, schloss sich thematisch der Kreis des Abends. Sie darf ihn nicht berühren, aber sie sagt ihm, dass sie erkennen kann, ob der Schreibende sich zeigt. Am Schluss berührt er sie, weil sie es nicht durfte. Eine sehr berührende Geschichte. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob eine solche Geschichte auch mit umgekehrter Geschlechterverteilung (Herr Herrschel und Ramona) hätte geschrieben werden können. Ich finde, das wäre für den Autor doch eine schöne Herausforderung. Vorzutragen auf der 136. Lesebühne am 26. August. 😉

Oder es könnte für den 23. September ein schöner Sidekick für die Spätsommer-Sehnsucht werden. Nun. #meetoo… immer schön vorsichtig sein. Nabokov ist nicht mehr. Heute ist Houellebeqc. Euer

Fragen denken zum Regen an

Am Ostermontag fand die erste offene Lesebühne SoNochNie! statt, die schon um 19:30 Uhr anfing. Es wurde dann doch 19:45, bevor LeovinusDSCF1534 in bewährter Manier bekanntgab, dass es sich um den 149. …. Häh? … Geburtstag Lenins handelte. Wenn er Heidi Klum wäre, wüsste er auch den entsprechenden Plusquamperfekt, sagte er noch. Heidi Klum und Lenin in einer Anmoderation … entweder ist wirklich alles mit allem verbunden oder man kann alles mit allem verbinden … ich weiß es nicht. Es ging in der Folge auch darum, dass Norbert gerne ein Diktator wäre oder so ähnlich, man soll das Protokoll eben wirklich zeitnah schreiben.

Themenbeauftragter der 132. Lesebühne war Matthias RischeDSCF1457. Das Thema lautete „Sommerzeitumstellung“. Ging um die Vorbereitung eines Coups, der daran scheiterte, dass man sich nachts um zwei treffen wollte, um ihn durchzuführen und dann aber die Uhr eine Stunde vor statt zurück gestellt wurde. Schönste Sätze (die ich geschafft habe mitzuschreiben): „Schau im Internet nach, du Schwachmaat!“ „Ab welchem Alter bekommen Grizzlys graue Haare?“, „Kalle riecht, obwohl er nur um die Ecke eines Klärwerkes wohnt.“ Und „Soll ich die Spinnweben entfernen oder das Licht löschen?“.  Die Geschichte wurde freundlich aufgenommen, fiel jedoch beim Faktencheck durch. Aber Fragen denken zum Regen an, wie ein Zuhörer feststellte.

Danach zog Leovinus GabrielaDSCF1551 aus Hannover aus der Lostrommel, die eine Zeit ihres Lebens in Frankreich verbracht hatte und dort Erfahrungen mit dem Arbeitsamt (Agence nationale pour l’emploi) machen musste. Zwischen den häufigen Besuchen, bei denen die Protagonistin lernte, dass Arbeitsämter in Frankreich wegen der Terrorismusgefahr über keine öffentlichen Toiletten verfügen, wurde viel Kaffee getrunken und darüber gesprochen, dass Paris wie Berlin in einen armen Nordosten und einen reichen Südwesten geteilt ist. Ihr Arbeitsberater war nie da und sie wurde von Pierre mit Butterkeksen getröstet. Akten fehlten. Und der Ratschlag: such dir einen Mann, der dich finanziert, bevor du zu alt dafür wirst, fiel auf keinen fruchtbaren Boden, jedenfalls wurde der vielversprechende Ansatz nicht weiterverfolgt. Erst als Pierre dem Vertreter des Arbeitsberaters mit seiner Bekanntschaft mit dem Minister oder einem ehemaligen Minister drohte, bekam die Protagonistin ihr Geld.

Anschließend wurde der Bündnisfall aufgerufen und MichaelDSCF1606 las aus seinem derzeitig in Arbeit befindlichem Roman, der in seiner saarländischen Heimat oder ehemaligen Heimat spielt. Es ging um die Expertise von Kindern und Männern, was das Auffinden von Nutten betrifft, wie man darüber redete und in welchen Runden. Männer redeten unter sich, Frauen redeten unter sich und Kinder eben auch. Klub Rose haben die Etablissements geheißen.  Nutten haben wie die Arbeiter auch Schichtdienst gemacht, damit die früh vögeln konnten, bevor sie nach Hause gingen und ins Bett fielen. Und die Erkenntnis: im eigenen Dorf ist keiner hin zu den Nutten, deshalb waren so viele unterwegs. Die Sinnhaftigkeit von Oben-ohne-Bars wurde in Frage gestellt, denn wozu sollen die gut sein, wenn man nicht anfassen darf. Für mich entsteht ein irgendwie düsteres Bild einer kleinbürgerlich-verlogenen Welt, und da kommt nun AKK her.

Vor der Pause las noch DavidDSCF1634 aus Eberswalde, obwohl er schon lange in Berlin wohnt. Leovinus hatte so ein Ding zu laufen, die Lesenden nach ihrem Migrationshintergrund abzuklopfen ;-). Es ging um Kunst, um den Lauf durch eine Ausstellung, die wegen verschiedener Haufen mich jedenfalls an Joseph Beuys erinnerte. Und es ging um die Gedanken des durch die Ausstellung Laufenden an eine Bekannte, ehemals Vertraute, an die der Protagonist für Häuflein, die er gemacht hatte, Unterhalt zahlen musste. Das war ein Kritikpunkt in der Diskussion: Häuflein als Bild für Kinder. Je nach Tagesform kann man das schon mal machen, finde ich. Es ging um Weiß und Malerzubehör als Kunst, als eben Malerzubehör und als Bild für das mühsam übertünchte Dunkel unserer Geschichte. Ohne Titel. Selbstzensur statt Grenzüberschreitung. Am Ende stellte sich aber heraus, dass all die kruden Gedanken nur dazu gedacht wurden, um den Gedanken, dass er pleite war und gepfändet, auszuklammern.  In der Diskussion wurde festgestellt, dass der Protagonist sich zu lange auf Unis und in Galerien herumgetrieben haben muss.

Nach der Pause stand die Wahl des Themenbeauftragten für den Monat Juni an. Erneut musste der Bündnisfall ausgerufen werden. Michael Wäser wird Themenbeauftragter sein und er zog das Thema Zigarrete. Das klingt wie ein weiblicher Vorname. Man weiß nicht: ist es nur ein Rechtschreibefehler oder hat sich der Themenausdenker (oder die Themenausdenkerin – ich als alter Sack muss das immer extra denken) etwas dabei gedacht? Wir werden es vielleicht nie erfahren, aber wer am 24. Juni pünktlich halb acht abends im Zimmer sechzehn ist, wird zumindest Michas Geschichte dazu hören.

Danach durfte ichDSCF1761 einen neuen Versuch meines ersten Kapitels zu Gehör bringen. Man darf da die Geduld nicht verlieren. Volle acht Tage habe ich gebraucht, um das …erste Kapitel in Ordnung zu bringen. … Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinahe die erste Zeile … Bei richtigem Aufbau muß in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken. Da zitiere ich Theodor Fontane aus seinem Briefwechsel zur Novelle Ellernklipp. Im Fontane-Jahr sei mir das gestattet. Es wurde viel diskutiert und ich habe mein altes Thema: was denkt eigentlich der Protagonist? erneut unter die Nase gerieben bekommen. Und: ich sollte es besser können als „ihm ist das Herz in die Hose gerutscht“. Das ist wahr. Man ist heute auch weiter in der Erkenntnis dessen, was eigentlich so einen Stimmungsabfall, so einen Angstanfall auslöst und ggf. in die Hose rutscht – das Herz ist es nicht direkt.

Nach mir las der RalfDSCF1772 (geboren in Nürnberg und aufgewachsen in Regensburg) eine neue Geschichte aus dem Grimmatorium. Wörter ebenfalls mit Migrationshintergrund unterstützen Wilhelm Grimm im Wahlkampf. Es ist eher eine Anreihung von Diskussionen mit Wortwitz als eine Geschichte. Die Partei AvD (Alternative vom Deutschen) spielte eine Rolle. Pommes wurden in Belgien erfunden, mit Brüssel habt ihr’s nicht. Die erste Erwähnung der Wurst gab es in Homers Odyssee und wenn ihr mal was richtig Deutsches essen wollt, nehmt einen Döner.

Zum Abschluss las der MarkusDSCF1810 aus Berlin. Da ging es um Startups, bei denen es einen Tischkicker statt eines dreizehnten Monatsgehaltes gibt und der Urlaub billig in Süd- und Osteuropa angetreten wird. Die Möglichkeiten des antizyklischen Einkaufens wurden erörtert und ob man nicht im dunklen Monat Februar die Geschenke für das ganze Jahr ordern sollte. Vom 28.1. bis 5.2. ist die günstigste Einkaufswoche und ein Inlandsflug ist mit amerikanischer IP-Adresse günstiger als mit einer deutschen.

Mit diesen wertvollen Shopping-Tipps ging die Lesebühne vom Ostermontag zu Ende. Die nächste findet am 27. Mai 2019 um 19.30 Uhr im Zimmer 16 statt. Bis dahin alles Gute Euer Frank

Beim Kürzen werden die Texte länger

Diese 129. Lesebühne SoNochNie! vom 28.1.2019 war eine besondere, fühlte sich so an, vielleicht weil „das Radio“ da war, versteckt im Publikum; vielleicht weil da zwei Mikrofone waren, eins für den Lesenden, eins für den Moderator und die Zuhörer; nicht direkt eine Premiere, aber doch wegweisend für die Zukunft, da immer mehr andächtig Lauschende auch die hinteren Reihen füllen; und natürlich wegen des großen Ereignisses, das seinen Schatten vorauswarf. Aber der Reihe nach.

Norbert Leovinus Wurzel führte launig durch den Abend, erklärte die Lesebühne zur dreitausendsiebenhundertneunundachtzigsten (wenn ich richtig mitgeschrieben habe), die (wenn ich richtig gerechnet habe) erst im Jahr 2324 sein wird. Weiß nicht, welche Urnachkommenschaft von Leo da moderieren wird und wo. Und diese Frage führt uns stante pede zum Thema des Abends:

Spekulationen.

Themenbeauftragter war unser allen ans Herz gewachsener Wolfgang Weber, der in bewährt assoziativ-rhythmischer Weise dem Thema zu Leibe rückte, wie immer unmöglich in drei Sätzen zusammenzufassen, aber ein paar Fetzen kann ich am geneigten Leser vorbeirauschen lassen: Er kündigte 99 Sätze an und warf Fragen auf: Wie spekuliere ich mit Geld, das ich gar nicht habe? Bekam James Brown seine Sex machine zum Laufen? Er brachte John Maynard und John Maynard Keynes zusammen, weil sie beide irgendwie Steuermänner waren; eröffnete uns seine Entdeckung des Volkes der Kraten, namentlich erwähnte er die Unterstämme der Büro- und der Autokraten. Zwischendurch fragte er, ob wir auch spekulierten, nämlich, wie viele von seinen 99 Sätzen schon vorbei wären. Ich käme nie auf die Idee diesbezüglich zu spekulieren, weil ich Anfang und Ende seiner Sätze nicht genau ausmachen kann. Als dann der 99. Satz dran war, beschäftigte ihn, was Goethe zu all dem sagen würde, wenn er noch lebte. Antwort: Nichts, denn er ist schon tot. In der Diskussion kam die Bemerkung, dass es diesmal schon seine Längen gehabt hätte, da sagte Wolfgang den bemerkenswerten Satz: Beim Kürzen werden die Texte länger. Und rasselte dazu mit seinen Rhythmuseiern.

Die zweite Vortragende war ein Gast aus Hamburg, Andrea Schomburg. Sie konnte ihre Texte alle auswendig und benutzte Leos Mikrofon, weil sie wanderte. Es handelte sich um zauberhafte lyrische Miniaturen, alle mit feinem Witz versehen, u.a. von einem Rotfuchs und einem Hühnchen; der Fuchs beeindruckte das dumme Huhn, aber am Ende des Abends war sein Portemonnaie weg und es folgte die Moral von der Geschicht: Noch nicht mal einem dummen Huhn kann man als Fuchs noch trauen. Der zweite Text handelte vom Großstadtparadies, das kommen wird, wenn das Rahm-Vitello wieder zum Kälbchen wird. Dann ging es um die Libido der Kartoffelchips (gehaucht (oder doch geknistert?): Komm, du willst es doch auch!); dann kam Parzival auf der Suche nach dem Gral in das Dörfchen Wuppertal und wurde von einer ansässigen Hausfrau beschieden: Das ist doch Quatsch mit dem Gral, das lassen se mal – sie machte ihn zum Schüsselverkäufer in … habe ich vergessen … Minden? Dort denkt er nur noch selten an das Generve mit dem Gral. Andrea beschloss ihren Vortrag mit einem neuen Text auf das berühmte Lied von Tevje „Wenn ich noch einmal jung wär…“ um zu schließen: „Manchmal ist’s mir ein Genuss, dass ich nicht mehr jung sein muss.“ Was mich an den schönen Hannes-Wader-Text erinnerte: „Schön ist die Jugend, so sorglos und frei, Gott sei Dank ist sie endlich vorbei, und sie kommt zum Glück nie mehr zurück.“

Leovinus zog danach Jana Franke (das erste Mal auf unserer Bühne) aus dem Lostöpfchen mit dem ernsthaften Text „Schwesterherz“. Es geht um einen Selbstmord und handelt von den unerbittlichen Kriegen auf den geschwisterlichen Schlachtfeldern. Dem Vorwurf: …Mich damit zu behelligen, dass ich dich abschneiden muss!“, dem linken Turnschuh, der gegen die Schläfe des literarischen Ich stieß. Es wird die Geschichte einer symbiotischen Geschwisterbeziehung erzählt, die andere Kinder teils ausschloss („Sprüche von den anderen Kindern erreichten mich nicht, von dir waren sie vernichtend…“). Schön fand ich den Satz von einem Ringelpullover, der kratzte, als wäre er mit Brennnesseln gestrickt. In der Diskussion wurde klargestellt, dass es sich nicht um eigenes Erleben handelt („Ich bin ein Einzelkind!“ – zwischen eigenem Erleben und Literatur sollte eine Distanz bestehen, erklärte die Autorin) und sie erwähnte, dass der Text einen Preis bekommen hat und schon zwei Mal verlegt wurde. Das Publikum war jedenfalls beeindruckt.

Als Letzter vor der Pause las Matthias Rische den Text „Freigang“ mit der Ankündigung: Richtig lustig wird es nicht. Da wandert einer und denkt: Der Weg ist das Ziel, so’n Scheiß! Das fand ich schon mal ziemlich lustig. Ein dystopisch gestimmter Mann sieht identische Familien mit identischen Lebensplänen, die diese hinter zugezogenen Gardinen verbergen. Er lechzt nach etwas Abweichendem. Aber er sieht nur einen Hügel, der keinen Zweck erfüllt, als irgendwann ein anderes Irgendwo hinabzufallen. Ein Fernglas ist seine Hoffnung auf eine Verbindung zum realen Leben. Ein Kaiman taucht auf mit faulig fischigem Atem. Die Berührung seiner Schuppen das einzig intensive Erleben. Bin ich meinem Kopf entflohen? Ist das noch Realität? Sind unvorhergesehene Dinge, die in einer öden Welt passieren, eine Form der Gewalt? Was werde ich sehen, wenn ich die Augen wieder öffne? Sei achtsam, sagte der Kaiman. Micha erinnerte der Text an Hertha Müllers Texte über das Rumänien der Ceausescu-Zeit. In der Diskussion wurde sich darauf geeinigt (?), dass der Text nicht zu einem depressiven Kopf gehört, sondern zu einem, der die Welt ablehnt und Angst hat, doch hineinwachsen zu müssen.

Dann war Pause und Leovinus kündigte unser zehnjähriges Jubiläum am 25. März 2019 an, zu dem jeder aufgefordert ist, einen Text zu verfassen zum Thema „Mensch, ist die groß geworden“ (maximal drei Minuten) und diesen in einer Stoppuhr-Staffel (gibt’s sowas überhaupt?) vorzutragen. Man darf auch ohne Text kommen, muss aber dann drei Euro Eintritt zahlen. Außerdem covern die Stammautoren der Lesebühne sich gegenseitig und schreiben je eine Geschichte eines anderen neu unter dem Motto „geschickt gecovert“. Darauf freue ich mich schon sehr. Deshalb wurde für den März auch kein Themenbeauftragter gewählt. Wer Themenbeauftragter für April werden will, muss am 25. Februar wiederkommen.

Anschließend wurde Angela Bernhardt gelost. Sie las erste Zeilen zu einem größeren Projekt, in dem es um das Verschwinden geht und um die Frage: kann ich mir sicher sein, dass da überhaupt jemals einer da war; an sich der Stoff zu einem Gruselfilm; meine Horrorvorstellung par excellence: wenn meine eigene Wahrnehmung keinen Spiegel in anderen Wahrnehmungen mehr findet. Den Leser beruhigte die Autorin schon mal damit, dass sie aus der Perspektive des Verschwundenen begann. Der Leser bekommt einige Andeutungen zu hören, warum es passiert, im Zentrum der verheerende Satz: von jedem bleibt etwas, noch mehr Fragen als Antworten – die „Verlassene“, aus deren Perspektive der zweite Teil erzählt wurde, hat ihre liebe Not, einen Beweis zu finden, dass ihr Begleiter in die ewige Stadt tatsächlich mit ihr dort war – und muss dafür eine Horde japanischer Touristen überzeugen, dass sie ihre Handyfotos sehen darf (und den Beweis ausdrucken). Angela erfuhr Zuspruch von Jana, der die neuen unverbrauchten Bilder gut gefallen haben und von Andrea, die fand, dass es gut gelungen ist Spannung zu erzeugen. Wir sind auf den Fortschritt des Projektes gespannt.

Die sechste Lesende des Abends war Margret Franzlik, die ebenfalls aus etwas Größerem vortrug über das Ding in meinem Kopf, ein Text, der sehr offen mit einer Erkrankung und deren Folgen umgeht, ohne eine allzu große Distanz zwischen persönlichem Erleben und Geschriebenem herzustellen. Aus der sitzenden Position wird sie das Schreiben, schreibt sie, jedenfalls nicht herausholen. Vom Sessel vor dem Fernseher direkt an den Schreibtisch. Um aufzuarbeiten was geschehen ist, bzw. was sie erfahren hat, dass da eine große glatt begrenzte Raumforderung in ihrem Kopf ist, dass sie möglicherweise nicht mehr lange zu leben hat, und doch ihren Enkel aufwachsen sehen will. Ich fühlte mich in Ähnlichkeit und starkem Unterschied erinnert an Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das ich der Autorin gerne empfehlen möchte. Auf alle Fälle hat der Text große Teile des Publikums stark bewegt.

Dann zog Leovinus mich aus der Lostrommel. Es gab einen kurzen Ausschnitt aus meinen Roman. Ich danke für die Anmerkungen, insbesondere zu der Frage der Reflexionen oder Erinnerungsfetzen einer handelnden Person, und wie einen das aus der Handlung und der Spannung reißen kann. Man soll doch darauf vertrauen, dass sich der Leser merkt, was er hundert Seiten zuvor schon mal gelesen hat. Aber weiß ich als Autor, was ich vor hundert Seiten schon mal geschrieben habe? Ich werde die Anregungen beherzigen. Schwöre.

Und zum Abschluss las Andrea Maluga über Martha und Ida, die vor hundert Jahren nach Berlin kamen, als Dienstmädchen im Grunewald, später als Büglerinnen der Spitzenkragen der feinen Damen im Prenzlauer Berg, mit Wohnung in einem kleinen Stübchen drei Stockwerke über der Wäscherei, wie es Malzkaffee und Brotsuppe gab und die Meisterin für das Wochenende auch mal ein Ei spendierte. Der Aufreger aber war ein grünes Kleid, das Martha Ida für den Samstagabendschwof schenkte, weil sie es von der Schillerschen, die es nicht mehr tragen konnte, ebenfalls geschenkt bekommen hatte. Ging darum, ob man das ausfüllt (das Wort Busenschönheit kannte ich noch gar nicht) und sich damit einen Galan angeln kann, in Potsdam auf der allwöchentlichen Brautschau. Sie kriegten auch Beide einen ab (obwohl Ida erst rummoserte, als Martha mit ihrem Husar knutschte), bekamen Kinder (Martha gab Ida eins ab) und einen Lungensteckschuss (der Husar) und an dem Punkt musste ich an Tucholsky denken „Warum wird beim Happyend im Film jewöhnlich abjeblendt“.  Die Geschichte lebte von der wunderbaren Beschreibung des Lokalkolorits einer untergegangenen Zeit, der wir (un)sinnigerweise manchmal hinterhertrauern.

Das war sie dann auch schon, die 129. Lesebühne SoNochNie! – bis zum 25. Februar – Euer