Liebe, Tod und Teufel

Der Elmar Grüber war der Themenbeauftragte der 120. Lesebühne SoNochNie!.

Sein Thema lautete „Lieb, Tod und Teufel“ – und er schrieb einen in meinen Augen sehr, wie soll ich es sagen?, wirksamen, treffenden, gut aufgebauten, nebenbei auch witzigen Text zum Thema „Im Hier und Jetzt leben“. Liebe ist eine geile Sache, so begann es, wie Fußball: jeder weiß Bescheid. Niemals überfordert uns der Fußball. Mit der Liebe ist es ähnlich, nur dass man dazu lieber Rotwein statt Bier trinkt. Oder Gott: Jeder modelliert ihn wie es ihm passt.

Aber zur Liebe: Es gibt die Liebe zum Fußballverein; die Liebe zu den Kindern, die man (und die Stelle fand ich besonders treffend) trotzdem jeden Morgen zur Schule schickt – das „trotzdem“ kam im Text nicht vor, aber in mir schon – die Liebe, die mit ficken zu tun hat oder neuerdings auch die Liebe zu sich selbst. Er, der Autor, habe die Liebe zur Göttin der Zukunft, zu Futura, für sich entdeckt. Er zählte eine Reihe von Dingen auf, die ihm in der Zukunft ein schönes Leben bescheren würden, ein Traumhaus, ein Traumauto, eine Traumfrau, eine Traumkarriere.

Der frühe Tod seiner Eltern, die selbst kurz davor noch die verzichtenden Leidensminen ihres Lebens nicht ablegen konnten, beendete dieses Spiel. Diese ewige Weigerung sich etwas zu gönnen, dieses ewige „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Er erkannte, dass seine Göttin Futura ihm mit Sicherheit nur den Tod bringt. Das Leben ist banal, es sei denn, man wendet sich der Gegenwart zu.

Ein wunderbares Plädoyer. Danke, Elmar.

Als zweiter wurde Matthias Rische aus dem Lostopf gezogen. Er las eine Geschichte „Glashaus“. Es ging um einen Menschen, der in einem Callcenter sich Sätze anhören muss wie „Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel“.  Namen tun nichts zur Sache, weil sie dort sowieso Decknamen haben. Pause ist von 12 Uhr 39 bis 13 Uhr 11. In dieser Zeit ist die Beschwerdeaktivität niedrig, weil die Kunden auch zu Tisch gehen. Pause macht er auf dem gläsernen Innenhof, wo sich drehende Bänke zum Verweilen einladen. Dort tauchte dann das literarische „Du“ auf, ein schelmischer Buchhalter mit Bügelfalte in der Jeans, die vom Blick auf das Genital ablenkt. Dieser Buchhalter fährt nach der Pause mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, weil auch hier die Finanzwelt über allem thront. Am Ende passiert, was der Hauptakteur sich erträumt: der schelmische Buchhalter kommt in so einer Pause auf ihn zu, aber aus seinem Mund purzeln die Worte (hatte er geschrieben „tourettiert es“? – nein, hatte er nicht, sh. weiter unten): Mir kommt die Suppe bei der Vorstellung hoch, dass du deine Spirelli auspacken könntest, du Schwuchtel.  Die Idee war, das verriet uns der Autor, eine Geschichte über Kommunikationsstörungen zu schreiben.

Dann  gab es eine Pause und es wurde der Themenbeauftragte für den 28. Mai 2018 gesucht. Erst als ich drohte es selbst zu machen, fand sich Matthias Rische. Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch, lieber Matthias. Das erste Thema („WM in den Zeiten der Krim-Krise“) lehntest du ab. Zu Recht, wie ich fand, weil: was soll man darüber schreiben, außer dass sich der Westen die Krisen produziert bzw. aussucht, die er gerade braucht (uhh, jetzt bin ich aber aus der Rolle des neutralen Protokollanten herausgefallen – hoffentlich gibt das keinen Scheißsturm). Das zweite Thema, dass Du dann nehmen musstest, lautete „Rebellion“. Das ist wie Liebe, Tod und Teufel. Gegen was man alles rebellieren kann: gegen die Regierung, gegen den Chef, gegen die Frau oder die eigenen Kinder, wenn sie einen entmündigen wollen. Viel Spaß und wir freuen uns, lieber Matthias, mal wieder auf was Lustiges?

Der dritte Lesende war Wolfgang Weber. „Rap den Stress“. Ich kann an dieser Stelle wie eigentlich immer bei Wolfgang nur meine Notizen abschreiben.

You can make it if you try

Sei nicht faul

Gib dem Stress eins aufs Maul

Vorsicht ist die Mutter der Personalkiste

Such dir Unterstützung

Sei popopopopopulär

Sei autark

Zeig keine Schwäche

Frag Peter Rühmkorf (den musste ich googeln)

Pack die lange Bank weg.

Es stellte sich heraus, dass er einen Rap zu einem Seminar gemacht hat, dass er besuchte und dass die Papierrolle, mit der er seinen Vortrag rhythmisch begleitete, indem er immer wieder auf einen Stuhl, den er zu diesem Zwecke extra neben den Tisch gestellt hatte, schlug, die zusammengerollten Flipcharts dieses Seminars waren, die ihm der Seminarleiter überlassen hatte. Die Überschriften waren: Sei stark; sei beliebt; sei vorsichtig; sei perfekt; du kannst das nicht. Rap den Stress.

Dann gab es ein neues Gesicht auf der Lesebühne, den Matthias Peikert, der eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basierte, zum Besten gab. „Flüchtlingsentpathie“. Oberkörperfrei (also nicht ohne Oberkörper sondern eben oben ohne) liegt der Hauptheld (was das oberkörperfrei nun auch wieder etwas uninteressant macht – jedenfalls für mich) am Wasser und liest „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt. Weiß nicht, ob das Schleichwerbung ist. Wahrscheinlich schon. Es geht darum, dass die Nachbarschaft auf das Ruhebedürfnis wenig Rücksicht nimmt; um das Gesetz, dass Lärm Lärm anzieht, oder anders formuliert: das Gesetz der proportional steigenden Lautstärke. Die Nachbarn erobern den See („Nr. 5 lebt und feiert das mit einer Arschbombe“). Der Hund darf nicht ins Wasser („Bruno, bleib draußen“) und das Ende vom Lied ist, dass die Enten aus dem Wasser vertrieben werden und auf dem Bootssteg des lesenden Haupthelden um Asyl bitten. An der Stelle wurden mir der See zu Afrika und der Bootssteg zu Lampedusa. Selbst der Spruch „Wir schaffen das“ kam und der kaum noch lesende Hauptheld (übrigens las er eine Geschichte über seine Kindheit in Bonn!) wollte eine No-duck-area auf dem Steg. Getrocknete Entenkacke ist nämlich wie Beton. Schließlich wollte noch der jüngste Balg der Seetyrannen auf den Steg und da – ha – und hier kam der Satz: „tourettierte es aus mir heraus“, allerdings nur in der Phantasie. Zum auf die Matratzen gehen sind wir ja nicht mehr geeignet. Wir dulden und gehen weg. („Lässt die Lage eine Rückkehr auf den See zu?“).  Schade, aber besser fürs Karma.

Und das war sie, die 120. Lesebühne SoNochNie!

Die 121. gibt es am 23. April. Ich freu mich drauf.

Euer

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Gedichte, Gedichte, Gedichte

Die 118. Lesebühne SoNochNie! am 22.Januar 2018 – die beste Lesebühne des Jahres, wie Leovinus in seinem launigen Einleitungsvortrag feststellte – wurde wie immer eingeläutet vom Themenbeauftragten, in diesem Falle Wolfgang Weber. Thema: „An der Wegkreuzung“. Untertitel „Me & the devil“ oder „Icke und der Deibel“

Das ist das Schöne an Wolfgang, man lernt immer was dazu – letztens über Mödlareuth – obwohl ich das auch beim ZDF hätte lernen können, aber ich höre lieber Wolfgang Weber zu. Diesmal ging es um Robert Johnson. No Robert, no Rock’n Roll. Standing at the crossroads – daher die Verbindung zum Thema.  Robert gehört zum Club der mit siebenundzwanzig Verstorbenen. Es geht das Gerücht, ein eifersüchtiger Ehemann habe ihn vergiftet. Naja, wenn so einem Gitarrenspieler das Herz der eigenen Frau zufliegt … da lebt man halt gefährlich. Herzlichen Dank, Wolfgang. Links das Foto der feierlichen Verleihung der Ehrenurkunde.

Anschließend las Anne K(reativ) – Debütantin auf unserer Lesebühne – einen autobiografischen Text „Das fängt ja schon gut an“. Sie entführte uns in die Platte WBS 70 mit 60 m2, beschrieb die rücksichtslose morgendliche Dynamik der Eltern – es ging schon mit schlechten Energien in die Schule, entsprechend waren die Ergebnisse – eine Katastrophe für die systemtreuen Eltern. Wenn die Noten schlecht ausfielen oder gar ein roter Eintrag das Hausaufgabenheft zierte, ersann das Kind Ablenkungsstrategien – deckte den Abendbrottisch besonders liebevoll. Aber irgendwann kam es doch heraus – das wie auch immer geartete Schlimme und dann gab es des Öfteren Schläge, mit der flachen Hand oder auch dem Gürtel, einem Latschen. Die Mutter stand „singend“ daneben ohne einzugreifen. Das Kind legte sich den Slogan „Schlag zu, aber meine Tränen kriegst du nicht“ zu. Deshalb fällt es ihr heute noch schwer zu weinen. Der Text erfuhr sehr viel Zuspruch wegen des Mutes sich diesem Thema zu nähern. Es gab aber auch den Wunsch, mehr ins Detail, in die konkrete Situation zu gehen und vielleicht eine wirkliche Erzählung daraus zu machen.

Dann las Matthias Rische eine seiner Phantasien. Erst versuchte Kalmus Luna zu retten, aber ein großer Vogel stieß immer wieder auf ihn herunter. Der Vogel fordert: „Gib auf!“, „Niemals!“ – „Sie gehört mir, hat sich verpflichtet für zwei Jahre“ – „Nicht Luna! Nicht meine Tochter!“ Da fährt ein Schwert auf ihn herab – der Kopf wird vom Rumpf getrennt … „Mission failed“ – erst an dieser Stelle erfahren wir, dass wir uns in einem Computerspiel befinden. Der Hauptheld sitzt vor dem Computer, heißt Henrik und ist online auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Maria, Nickname Luna. Sie hat ihr Handy zurückgelassen als Zeichen, dass es ihr ernst ist. Er streitet sich mit Emma, seiner Frau, die Fotos von Maria in der Nachbarschaft klebt. Sie macht ihm Vorwürfe. Er aber hofft, nachdem er ihren Laptop durchstöbert hat, sie online zu finden, bis er begreifen muss, dass er zu schwach ist – als Spieler, als Ehemann und als Vater. Er sucht Emmas Nähe. „Die Vögel am Himmel ziehen ihre Kreise, mal flügelschlagend, mal gleitend.“ Und dann war die Geschichte zu Ende. In der Diskussion wurde die Sprache gelobt, aber bemängelt, dass es schwer sei, sich in der Geschichte zurechtzufinden. Und wieso gibt es kein Happyend wenigstens dergestalt, dass er sie online findet. Matthias konnte dazu auch nicht viel sagen. Happy End, was ist das und er kommt selber mit dem Computer nicht so gut zurecht, er kennt nur ein paar Jugendliche, die Computer spielen, das muss reichen.

Und dann gab es vor der Pause noch einen Neuling auf unserer Lesebühne, Stefan Franken. Er erfreute uns mit gut durchdachten und gereimten Gedichtminiaturen, und hatte ob der sauber gezirkelten Wortkreise immer wieder die Lacher auf seiner Seite. „Kuckuck“ hieß das erste Stück, das beschrieb, wie des Buchfinken Eier entsorgt werden, um ihm die eigene Brut unterzuschieben. Verzeihung kam daher, dass die Tat instinktbedingt war. Es folgte der „Akt“ – Kunstkenner bezahlt astronomische Preise für Punkte und für Kreise … ein weiteres Gedicht hieß „Freiheit“ – mit dem schönen Reim „Es hat die Pflicht fast absolviert, da schwant dem Pferd, es sei dressiert“. „Pediküre“ beschreibt die Privatinsolvenz einer Tausendfüßlerin. Leovinus sah Heinz Erhardt aufpoppen. Das Publikum saß starr vor Hochachtung – Stefan gab noch bekannt dass er derzeit an einem Krimi arbeitet – in Versform.

Dann war Pause und nach der Pause wurde der neue Themenbeauftragte beauftragt. Es meldeten sich zwei Interessenten und so musste das Los entscheiden, wer im März die Lesebühne eröffnet – und es wird Elmar Grüber sein – mit dem Thema „Liebe, Tod und Teufel“.

Den Reigen nach der Pause eröffnete Diana-Dana Möller mit dem launigen Satz, sie sei der geborene Sohn und die heutige Tochter ihrer Mutter – und seitdem sie Tochter wäre, schreibe sie auch. Sie las ebenfalls eher Lyrik – beginnend mit „Befreit von mächtiger Hand“ – eine kurze Geschichte der Wendezeiten – „Volk und Land an der Mächtigen Gängelband“ bis zum „Ende unhaltbarer Zustände“.  Während dieser Text eher ein historischer Abriss war – in der Diskussion wurde der Text mit Homerschen Gesängen verglichen – beschäftigte sich der zweite mit „Freiheit“, was nach Meinung der Autorin im Endeffekt die Identifikation mit eigenem Tun und Handeln bedeutet. Mir gefiel am besten die „Stimmung“ – Stimme, Stimmklang, Stimmung, Übereinstimmung – für eine Stimmung entscheiden – ja, Gefühle können trügen – Stimme klingt bestimmt – bestimmt meine Stimme mein Sein? – Vibrieren im Inneren – Harmonie – Symphonie ; und zum Abschluss „Vom Nichtstun ausruhen“ frei nach Zille „Wie herrlich ist es nichts zu tun und dann vom Nichtstun auszuruhn“ – und hinterher gut essen gehen.

Der Elmar, der als nächster las, bat mich, das, was ich über seine Gedichte geschrieben habe, aus diesem Beitrag herauszunehmen. So bleibt auch als Foto nur, wie er die Eieruhr umdreht. 

Es folgte als Debütantin unserer Lesebühne Christina Bauer mit Gedichten, die sehr viel besinnlicher waren. Es ging ums Reisen auf Gleisen, die nicht parallel verlaufen und doch alle hier münden, um Süchte, um Begegnungen – sie kam von oben, ich von unten – als wir uns begegneten – Chance vertan – verschwunden, ich nach oben, sie nach unten. Es ging um die Lüge – Ich habe sie schön ausstaffiert, Kleidchen angezogen, Parfüm gekauft, eins für die Nacht, eins für den Tag – und schlussendlich um die Wahrheit – was ich seh und was ich nicht zeig: ich bin die Vollkommenheit. In der Diskussion wurde gesagt, dass es zu komplex sei, um es nur vom Hören zu erfassen. Ich kann das nur bestätigen: mir fällt es schwer, weiteres darüber zu schreiben. Die Künstlerin sagte dazu: Sie könne gut lange Texte schreiben, aber da steht dann auch nichts drin.

Den Abend beschloss Erik Ahrens mit … Gedichten (nicht gereimt) „Charakteristik einer Gegend“ – da ging es um Beobachtungen aus einschlägigen Berliner Stadtbezirken (kann mittlerweile überall sein) „Kinder proklamieren: Nehmen ist besser als Geben – Eltern widersprechen nicht“ – „Im Supermarkt Lache Buttermilch – Keiner will es gewesen sein, aber amüsieren, wenn jemand Chianti falsch ausspricht“ – „Ach, das war hier mal anders – kann sich keiner dran erinnern“. Dann „Produktbeschreibung“ – „Der Stoff aus dem die Träume sind … in Bangladesch von kleinen Kinderhänden produziert …. Passt nicht zu deinem Profil … ist ein Schmetterlingsflügel, berührst du ihn, zerfällt er zu Staub“ – und schlussendlich: „Kein Einzelfall: Schnappschuss von Katastrophe … Männer im Feinripp weg vom Fernseher auf den Balkon – getuschelt, gegafft und Bier vom Späti mitgebracht“ – da reimte sich doch mal was – „Erst als der Rettungswagen davonrast – endlich mal wieder was passiert“. Der Erik war schon immer so wütend, verkündete seine Mutter von der Bar, wo alle brav ihr Bargeld hintrugen, hoffe ich.

Das war die gedichtlastige 118. Lesebühne. Mir hat sie ausnehmend gut gefallen. Und sie war gut besucht. Die 119. folgt im Februar – bis dahin – nie die Tinte trockenwerden lassen.

Déjà-Vu

Das war sie, unsere traditionelle Dezemberlesung in der Janusz-Korczak-Bibliothek in Pankow am 14.12.2017, musikalisch eingeleitet von der zauberhaften Ute Danielzick.

Sie trug die von ihr geschriebenen Lieder „So noch nie“, die Hymne unserer Lesebühne vor und ein Lied zum Thema Déjà-Vu – jedes Jahr die gleiche Versuchsanordnung mit den gleichen Personen, nur ein Jahr älter, genannt „Weihnachten“ – da möchte sie lieber nach Hawaii. Danke, liebe Ute.

Die zu Gehör gebrachten Geschichten waren ein guter Jahrgang, wie ich fand, denen leider nur wenige Zuschauer ihre Aufmerksamkeit schenkten, die aber dafür besonders intensiv zuhörten und es klang in den Nachgesprächen, als könne da neues Stammpublikum für die Lesebühne gewonnen worden sein.

Michael Wäser begann mit „Down in the hole“, einer sehr amüsanten Auseinandersetzung mit einem zwergenhaften Wesen, das einer tiefnächtlichen Sitzung präsidierte und dem Haupthelden (dem Sitzenden) allerhand Vorhaltungen machte.

Frank Georg Schlosser setzte fort mit „Paul geht nach Amerika“, einer problematischen Ankunft in einer neuen Heimat mit heftigen Déjà-Vus, einer Fingerübung im gruseligen Genre.

Danach las Angela Bernhardt eine Geschichte (die erste des Abends ohne runtergelassene Hosen) darüber, dass späte Liebe es möglich macht, Abba und Spliff abwechselnd auf einen MP3-Player zu kopieren und shufflefrei abzuspielen, ohne dass die Technik streikt, weshalb die Geschichte ursprünglich „Wunderwerk der Technik“ hieß.

Den Abend beschloss unsere Norbert „Leovinus“ Wurzel mit Halleluja, einem wunderbaren Kleinod darüber, was einem passieren kann, wenn man im Fahrstuhl der Galeria Kaufhof den von einer alten Dame angebotenen Kirschkuchen verschmäht. Tu es nicht. Nimm ihn. Iss ihn. Sonst kriegst Du das Halleluja nicht los.

Es war ein wunderbarer Abend, den wir mit einer kleinen Weihnachtsfeier im Alassio II, wo sie uns um zwölf rauswarfen, beschlossen haben. Da gehen wir nicht wieder hin. Um zwölf!

Wir danken allen Beteiligten der Janusz-Korczak-Bibliothek, allen voran Frau Breuer, für die herzliche Organisation des Abends.

So Gott will dann auf ein Neues im nächsten Dezember.

Euer

Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch

Die 113. Lesebühne fand vor gut gefüllten Stuhlreihen statt, was uns sehr froh macht und auch das Zimmer 16, weil volle Stuhlreihen meist einen signifikanten Beitrag zur Miete leisten.

Es gab aber auch eine Enttäuschung. Der Themenbeauftragte, der Martin, Nachname unbekannt, ist nicht erschienen. Unentschuldigt. Es ist erst das zweite Mal in der langen Geschichte der Themenbeauftragten vorgekommen, aber natürlich ist es eine Erschütterung der Macht. Wird die dunkle Seite stärker? Es entgingen uns die „Exzesse“. Ist ihm bei den Recherchen für die Geschichte etwas zugestoßen, ein autoerotischer Unfall vielleicht?    … bei eigenen Recherchen habe ich mich in meinem Staubsauger verloren. Bin aus der Notaufnahme zurück und schreibe unter Schmerzen weiter. Martin, meine Gedanken sind bei dir. Die Urkunde mussten wir allerdings einbehalten.

Dafür kam – mindestens für mich unerwartet – Norbert Leovinus und übernahm die Moderation, was mich zum Protokollanten erhob. Danke, Norbert, dafür 😉

Mangels Themenbeauftragtem musste bereits der erste Lesende ausgelost werden, und das Maskulinum ist an der Stelle korrekt, denn es befanden sich nur Männer im Lostopf.

Es begann der Dimitri Rameau, ein neues Gesicht bei unserer Lesebühne und er las eine Mischung aus Prosa und Lyrik und im Nachgang sagte er mir, es ginge ihm oft hauptsächlich um den Klang der Wortaneinanderreihung.  Sein erstes Stück hieß „Ode an Ronk“. Ich habe nicht viel verstanden, also die Worte schon, aber den Sinn der Zusammenstellung nicht, war aber ganz begeistert, als er in der folgenden Diskussion erwähnte, dass Ronk (gespielt von Milan Beli) eine Hauptfigur aus „Im Staub der Sterne“ sei, einem DEFA-Science-Fiction-Film von 1976. Das rührte mich doch sehr an. Der Film war damals (ich war vierzehn) ziemlich angesagt.

Als zweiten Text las Dimitri einen Kinderreim „Teufelsküche“, aus dem mir die durchaus relevante Frage, ob der Teufel Dinkelbrot fräße, erinnerlich ist und ich finde, da könnte sich mal jemand mit beschäftigen.  Der dritte Text hieß „Keine Feen im Kaff“ – „Wir rosten im Osten, im Westen nichts Neues“; „Schleimaal im Kronsaal“; „Bücher bei Büchner, Gedichte bei Fichte“ und Dimitri sagte, er habe darstellen wollen, wie es sich anfühlt, wenn man ganz, ganz müde sei und kein Kaffee da wäre. „Ich lasse die Wörter mich führen, aber ich weiß schon, wohin ich mich bewege.“ Dimitri spricht ein ganz zauberhaftes Deutsch, aber man hört schon, dass er aus einer anderen Sprachwelt stammt. Gefragt, was seine Muttersprache wäre, sagte er: Meine Muttersprache ist das Kauderwelsch.

Norbert zog als zweiten den Wolfgang Weber aus der Lostrommel, der diesmal zwei Tennisbälle dabeihatte, um sein Anliegen zu verdeutlichen. Zwei Teilchen, die getrennt sind und doch gleichzeitig das Gleiche tun müssen, in dem Falle von Wolfgang zu Demonstrationszwecken hochgehoben werden. Sein Thema war „Mittendrin“ für eine andere Lesebühne. Es ging darin um den Ort Mödlareuth, den es tatsächlich gibt, durch den die innerdeutsche Grenze verlief und außerdem noch an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen. Die zwei Tennisbälle verkörperten mal Ost und West, mal Christo und Jean Claude und es ging um ein großes Ding: the mighty wolf in the middle hat einen großen Deal eingefädelt. Die Schotten verkaufen Loch Ness an Mödlareuth. Der See wurde dahin gebracht. Die Fische spielen die Kosten wieder ein. Monster Projects Crowdfunding. Das Monster vom Loch Nes musste allerdings oben bleiben. Ich glaube, weil ihm in seinem Alter nicht mehr zuzumuten war, nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch noch fränkisch, thüringisch und sächsisch zu erlernen. Wolfgang regte auch noch ein Treffen zwischen Ramelow und Seehofer an. Aber wozu sollte der Ramelow sich das antun?

Als Dritter trat ebenfalls ein neues Gesicht auf: Richard Hebstreit, der erstmal Pralinen verteilte an die Damen und er baute eine Kamera auf, um sich selbst beim Lesen zu filmen. Das ist wahrscheinlich gar keine schlechte Idee.  Er las eine Geschichte mit dem Titel „Fasan im Wintermantel“ und sie handelte zunächst davon, dass die Hauptfigur es als Autor geschafft hat: es werden ein Buch und ein Fotoband von ihm veröffentlicht. Der Verlag hat zur Vertragsunterzeichnung in ein feines Restaurant geladen und die Frau beschäftigt die Frage: Was zieh ich an. Er schickt sie ins KdW, wo sie sich für unglaubliche Summen einkleidet. Aber der Vorschuss macht‘s möglich. Es folgen lange Beschreibungen des Restaurants, der Zigarren (Cohiba Esplendidor), des Menüs. Alles was in dieser Phase der Geschichte an Konflikt aufkommt, ist der Ausschnitt einer fremden Frau, den der Autor aber nicht weiter verfolgt, den Ausschnitt schon, den Konflikt nicht. Dann sollen die Verträge unterzeichnet werden und die Frau zieht ihren Mann beiseite und sagt ihm, dass er lt. Vertrag den Vorschuss nicht bekäme, sondern zahlen müsse, weil es ein Druckkostenzuschussverlag ist. Eine Pointengeschichte.

Da Richard noch Zeit hatte, las er aus seinem Buch „Salzinge“, was thüringisch für Bad Salzungen steht, eine Geschichte von 1958 über eine verschwundene Frau, einen saufenden Mann und eine abgeschnittene Nasenspitze. Am meisten vermisste der verlassene Mann die perfekt gekochten Frühstückseier.

Dann war Pause, dann wurde der Themenbeauftragte gekürt. Nach dem Schock mit Martin meldete sich keiner, also erbarmte ich mich und bekam für den Oktober das Thema „Warmduscher“ zugelost. Da ich einer bin, sollte es mir nicht allzu schwer fallen. 😉

Ich war dann auch der nächste Lesende und las aus meinem im Entstehen begriffenen Roman mit dem Arbeitstitel „Der Richter und der Fluch der Furie“ die Einführung einer neuen Person, einer Journalistin, die den Bösen (Parteivorsitzenden) interviewt, aber scheitert, weil er sie vorführt und nicht zu Wort kommen lässt. Ich wurde sehr freundlich besprochen und danke für alle Anregungen und den Zuspruch.

Zuletzt lag noch der Klaus-Jörg im Lostopf. Er las als erstes „Weil du es bist“, ein wunderschön geschriebenes Hohelied auf den handgeschriebenen und mit der DHL verschickten Brief (Umschlag, Briefmarke usw.). Er las die Geschichte vom IPad ab, was ich lustig fand. Er zürnte der hingeworfenen WhatsApp- „Kultur“ der unüberlegt hingerotzten Nachricht, an deren Ende man nie vergessen dürfe, lieb zu grüßen oder wenigstens LG zu schreiben. Andere Abkürzungen blieben unerwähnt wie Hdl, Hdgdl, GlG, xoxo, oder HAK … gut – ich gebe zu, habe ein bisschen gegoogelt. Aber ich gestehe, LG auch schon mehrfach verwendet zu haben. Mildernde Umstände bekomme ich, weil ich wirklich noch ein Briefeschreiber bin, mit Glasfeder und Tintenfass. Der Autor meint, in zwei Generationen würde es keine Handschrift mehr geben. So pessimistisch bin ich nicht. Noch bringen sie den Kindern ja Schreiben in der Schule bei und sie tun es auch, zumindest manche und wenn es Zettel auf dem Küchentisch sind, die man nach einem Kinobesuch vorfindet: Schlaft schön, träumt süß, hegdl.

Die zweite Geschichte handelte von einem Lied „Suzanne“ von Leonard Cohen.  Der Autor hat mit vierzehn den Vater besucht und der schenkte ihm fünfzig Platten – ein prägendes Geschenk für den Jungen und das erste Lied war Suzanne. Durch das Ohr dem Herzen zugeführt. Vertrauter blinder Passagier. Im Mittelpunkt stand das Lied und die vom Autoren selbst gefertigte Übersetzung, was zu ein paar Diskussionen beitrug.

Überhaupt wurde über Klaus-Jörgs Texte am längsten diskutiert.

Und da war sie vorüber, die 113. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow. Die 114. Lesebühne gibt es am 25. September. Danke, Micha für die Fotos. Danke, Norbert für die Moderation. Danke, Freddy für Licht und Stühle und da Sein. Und danke der Dame an der Bar (Namen weiß ich leider nicht) für den Ausschank und fürs Abwaschen. So long

 

fgs

die 106. Lesebühne „ausgebrochen“

Die 106. Lesebühne SoNochNie! fand statt am Montag, d. 23. Januar 2017, den der Herr werden ließ wie all die Tage und Jahre davor und wir haben gesehen, dass es gut war. Die Bude war ziemlich voll. Gut besucht. Ich hoffe, wir haben unseren Beitrag geleistet zum Erhalt des Zimmers, auch die Spendenbox fand Erwähnung, in der es rascheln sollte und soweit ich sehen konnte, hat es geraschelt und wir haben das Bargeld an die Bar getragen. Nach meinem Kopf zu urteilen habe ich eine halbe Monatsmiete eingetrunken.

Aber wir haben auch gelesen, denn dies war der Zweck unseres Erscheinens und zunächst erschien uns der Moderator Leovinus, der gestern so richtig gut in Form war und stimmte uns ein und dann erschien uns der Themenbeauftragte, nämlich ich, und las knirsch eine Minute überzogen eine Geschichte zum Thema „Ausgebrochen“. Sie fasste das Leben eines Getriebenen zusammen, der stufenweise seine Existenzgrundlagen fahren ließ, um in die Tiefen seiner selbst zu gelangen. Am Ende steht er ohne Geld und ohne Obdach da. Selbst der Ich-Erzähler wendet sich von ihm ab. Und erstaunlicherweise und auch zu meinem Pläsier kam jemandem aus dem Publikum der Gedanke, dass damit der Ich-Erzähler auch ausgebrochen ist.

Danach las Anne (annegretnill.wordpress.com) Gedichte. Den „Sonnengruß“ (ich trinke die Hitze deiner Strahlen), die „Schoßpreisung“ (Gebärmutter, Urschoß behütender), „Entgrenzung“ (Auflösung im Rhythmus des Universums), „Birkentanz“ (Haarzweige im Luftzug, Feenritt im wispelnden Galopp) und „Ave Mond“, ein älteres Werk von 1999, das sie wegen Trump wieder ausgegraben hat. In der Pause redeten wir darüber, ob es für Gedichte nicht besser wäre, nur eins zu lesen, davon ein paar gedruckte Exemplare im Publikum zu verteilen, um genauer diskutieren zu können.

Dann las der Wolfgang Weber über Chris, den jüngeren Bruder Franz Jarnachs, der letzte Woche gestorben ist. Feierabend für eine Schildkröte. Krokodillederimitatjacke, was für ein Wort. Sidekick Olli Ditsche Dietrichs („Halt die Klappe, ich hab Feierabend“). Es ging dann zum Vater der Beiden, den 1892 geborenen Komponisten Christoph Jarnach. Zeitgenössische Klassik – kann man wohl alles nachgoogeln. Es ging noch nach Guatemala, wo der Chris 2015 unter großer Teilnahme der guatemaltekischen Bevölkerung beigesetzt wurde.

Wolfgang stellte sich dann auch der großen Herausforderung und wird im März der Themenbeauftragte der 108. Lesebühne sein. Thema dann: „Zwischen den Stühlen“ – er hat gleich das erste genommen.[1]

Nach der Pause war die Andrea („andreamaluga.wordpress.com“) dran. Sie las zwei heitere Geschichten über den Handwerker Hannes. Sie leistete einen Beitrag zur Erhaltung der Berliner Schnauze. Ich glaube, sie liebt ihn (;-)), auch wenn sie ihn für einen Fall für den Frauenbeauftragten hält.

Und am Ende las die Petra Lohan „Pink“ – eine Geschichte über ein zufälliges Treffen an einem grauen Tag in der S-Bahn mit einem pinken geritzten Mädchen (ein Auge gelb, das andere pink), dem sie folgte (Gesammeltes Wissen über Mädchen, die sich schneiden – mir wird mütterlich) und mit dem sie eine Wand bemalte – graue schwarze Linien über die Wände. Es gab einen Wunsch nach grün – da oben muss mehr weiß. Malkampf – grelles Gelb durch rosa Flächen. Danke, dass sie mir geholfen haben, sagte das pinke Mädchen, was ich erstaunlich fand, denn an sich wurde ja der Mütterlichen geholfen (Es begann mit „Ich kann nicht sagen, worauf ich keine Lust habe, aber ich habe keine Lust.“) Und als die Mütterliche mit Kamera, Stativ und Licht anrückte, stand sie vor verschlossenen Türen.

Dem Publikum gefiel es. „Es ist für immer verloren, ich mag sowas.“

Auch die 108. Lesebühne wäre für immer verloren, würde sie nicht protokolliert und in Erinnerungsfetzen hier aufbewahrt im www, das nichts vergisst. Diesmal gibt es keine Fotos, weil der Fotograf krank war und ich mit meiner Spiegelreflex keinen Lärm machen wollte. Nächstes Mal wieder Euer

fgs-Signatur Stempel groß

[1] Sonstige Themen, die nicht ausgelost wurden und daran sieht man, dass die Bude voll war: Freitagabend, Septembermorgen, Sterben in allen Facetten, Tiger, Der ewige Bund, Respekt, endlich Frühling, Cocktailmarathon, Männerfreundschaft, Exotik, Genussmensch, In die Gänge kommen (wieder), im Kopf eines Tieres, ehrliche Begegnungen, Die Zeit vergeht, Geisterbahn, Umzug, Premium-account, Aufstehen und sechsundzwanzig Zeichen.

plotfixiert oder sprachlabsalig – die 100. Lesebühne

 

 

fgs

Frank

Stefan

Stefan

Die 100. Lesebühne SoNochNie! stand unter dem Thema „Schlafwandler“, zumindest für den Themenbeauftragten, in diesem Falle mich. Ich zog mich aus der Affäre, indem ich die Szene, in der mein Hauptheld verflucht wird, in die schlafwandlerischen Ecke gerückt habe, obwohl sie eher in die halbreligiös-ekstatische gehört. Aber das wird verziehen, während das Überschreiten der Zeit, angegeben von der heiligen Sanduhr mit Folter bestraft wird, wie Stefan in seiner launigen Einleitung verkündete, auch wenn eine der Gästinnen die angegebene Eingangstür zum Folterkeller als Fluchtweg identifizierte, was etwas Tröstliches hatte.

Über meinen Text wurde nicht diskutiert, wahrscheinlich weil zu viele neue Gesichter da waren, was uns sehr freute, und die Mutschwelle noch sehr hoch hing. Ich habe ausreichend Feedback in der Pause und am Ende bekommen – bei allen Beteiligten dafür herzlichen Dank.

Anita

Anita

Sehr viel angeregter war das Publikum nach Anitas Text „Hartmuts Entscheidung“.  Auch wenn mir persönlich nicht klar geworden ist, worin Hartmuts Entscheidung bestanden haben soll, führte uns der Text doch sanft und paddelnderweise auf branden- oder mecklenburgische Gewässer, wo an sich Franz und Anna unterwegs waren. Es ging darum, ob man ein Haus auf Stelzen, das zu teuer war, anmieten und aufs Geld schei… sollte. Besser kurz und gut statt lang und schlecht leben.  Hartmut, Annas Verflossener, war dann (im Traum?) doch noch bei ihr und wurde der dann beerdigt?

Die Diskussion eröffnete Clemens, der gut mitgehen konnte, mit im Boot saß. Er mochte die Sprache, die nichts weiß oder so tut als wisse sie nichts. Es ist unpsychologisch, es ist naive Kunst und es gefiel ihm. Micha hat es die Sprache erschwert, an dem Text Gefallen zu finden. Es habe etwas von Meinschönstesferienerlebnis gehabt. Trick? Strategie? Aber Clemens wollte das nicht gelten lassen. Es gäbe eben Plotfixierte, und die, die sich dem Labsal der Sprache hingeben wollen. Total entspannend. Aus den rückwärtigen Publikumsbereichen kam dann noch die Frage, worauf der Schwerpunkt, das Hauptinteresse der Autorin gelegen habe, was sie mit der Geschichte bezwecke. Mit dieser Frage wurde Anita entlassen und

Karin

Karin

Karin setzte sich auf den roten Sessel und wendete die Eieruhr. Sie bat um Gnade, die dann, wie das Publikum fand, gar nicht nötig war. Sie erzählte von einem jungen Nigerianer, der in den deutschen Regen starrt und nicht so recht versteht, warum nicht alle in diesem Regen Freudentänze aufführten. Und wieso das Wasser in vergitterten Löchern in der Straße verschwindet, ohne dass diese irgendwann überlaufen. Timkula, so ähnlich hieß der Junge, ließ seine Gedanken in die Vergangenheit und seine Heimat schweifen. Wie seine Eltern getötet wurden und er sein Überleben nur der Tatsache verdankte, dass er im entscheidenden Moment nicht schreien konnte; wie er sich von kriminellen Banden ferngehalten hat; im Radio von den Fluchtmöglichkeiten hörte und Geld sparte, um von zuhause wegzugehen, wie sie als todesmutige Flüchtlinge in einer Nussschale das Meer überwanden. Er ist traurig hier in der Fremde, wo ihn abweisende Blicke in den Straßen streifen. Zwei Mädchen mit bunten Regenschirmen lächeln ihm zu und da ist ihm, als nähme seine Mutter seinen Kopf in die Hände.

Hanna eröffnete die Diskussion: die Geschichte habe eine sehr gute Energie gehabt. Auf Nachfrage gab die Autorin an, dass sie auf einer Fernsehdokumentation beruhte. Ihr wurde noch die Empfehlung mit auf den Weg gegeben, es als Kindergeschichte zu behandeln. Das sich durchziehende Motiv des Wassers als Lebensspender und auch als tödliche Bedrohung wurde noch erwähnt.

Rosemarie

Rosemarie

Rosemarie Schulz war die zweite, die von einer schweren Entscheidung berichtete, nämlich ob man mit 45 Jahren noch ein Kind bekommen soll. Dem Arzt ist völlig klar, dass sie abtreiben wird, er stellt sofort den Überweisungsschein aus. Ihr Mann, Peter, las den Schein, als er beim Abendbrot zwischen den Weingläsern lag. Er hob ihr Kinn an und gab ihr einen Kuss – er wollte es eher versuchen – mit noch einem Kind nämlich. Trotzdem ist sie zwei Tage später dort, hört sich die Geschichten der anderen Frauen an – eine Frau Heise will nach dem achten Kind keines mehr. Es gibt eine Schwester Monika und Susanne hat gepackt, als sie geholt werden soll – sie will den Überweisungsschein hinter das erste Bild ihres Kindes kleben – es gibt also ein happy end im Gefühlsleben des Zuhörers, auch weil wir noch die Information bekamen, dass Monate später Max und Moritz geboren wurden. Ob der Peter sich das so vorgestellt hat?

Rosemarie ging ohne Diskussion zurück auf ihren Stuhl.

Nach der Pause wurde der Michael Wäser zum Themenbeauftragten für September gekürt – bzw. er stellte sich zur Verfügung und nachdem er das erste Thema „Blutorangen“ abgelehnt hatte, musste er das zweite „Trennungsglück“ nehmen.

Petra

Petra

Nach der Pause las Petra Lohan eine Geschichte über einen Jungen im Krankenhaus, der aus dem sechsten Stock gefallen war und überlebt hatte. Das größte Rätsel: die Mutter. Es gibt Unmut gegen die Mutter, sie flüchtet sich vor den Fernseher. Leblos, wollte sie sich auch aus dem Fenster stürzen. Was immer sie ankam, sie drehte den Fernseher lauter. Der Junge kam in eine Pflegefamilie. Nun, da sie ihn besuchte, zeigte sie keine Gefühlsregungen. Niemand sprach die Mutter an, abgeurteilt ohne Prozess. Sie war oft froh, wenn die Augen des Sohnes noch geschlossen waren. Manchmal rief er nach ihr: ruft meine Mama an. Aber niemand hatte eine Telefonnummer. Die Mutter fand Fernsehdokus spannend – Filme über Albatrosse – wie die das machten, so etwas zu filmen. Sie wollte auch mal so fliegen. Die Depression der Mutter wuchs. Er wollte mit ihr ins Paradies. Fliegenderweise. Der Mann, der ihn auf der Straße fand, meinte, ein Lächeln auf seinem Gesicht gesehen zu haben.

An der Geschichte fand das Publikum seine Streitlust. Inka fand sie gut bis auf manches Erklärende, das wiederum fand Micha gut. Jana wollte das Ganze als Fallstudie gelten lassen, aber als Literatur – Fragezeichen, ohne äußere Perspektive. Da widersprach wiederum Inka. An der Stelle weiß ich nicht mehr genau, wer was gesagt hat. Beschreibung der Blicke der anderen – Mutter hätte es nicht gebraucht. Stimmt, sagte Inka; war das einzig Betuliche. Ein Mann sagte, gerade die Außenperspektive wäre interessant gewesen. Alle fanden es gut erzählt.

Demian

Demian

Stefan kündigte den nächsten internationalen Gast an, Demian aus Zürich, wollte drei kurze Bagatellen lesen, es wurden nur zwei, weil er sonst in den Folterkeller gemusst hätte. Ging um Alles oder Nichts. Bei der ersten Bagatelle ging es um den Pazifik, Aleuten, russisch-amerikanische Datumsgrenze, nordpazifische Idylle mit Herrenmokassins, Cousine Stalinallee 38, Schuhgröße 38, Zusammenhang leicht einzusehen; Lenin aus Blei und Zink – dann gab es einen Sprung zum Alexanderplatz – habe ich nicht ganz verstanden – meine Zeit kommt erst, wenn sie abgelaufen ist; Brötchen von morgen heute noch frisch; Mehl wird erst wieder vor zwei Wochen dagewesen sein – jeder Satz eine Pointe, was ich persönlich manchmal etwas bemüht fand. Zusammen mit der mütterlichen Brust hat man sie auch der Orthodoxie entwöhnt – Entkirchlichung und Misswirtschaft (glaubt jeder Religiöse?) – erst jetzt, da die Zeit auch hier besser zu werden droht, merkt man erst, wie schlecht sie eigentlich war.

Die zweite Bagatelle hieß „Bethlehem“ – hier als Schweizer Dorf, wo ein Besoffener nach Hause kommt und den Schlüssel erst nicht findet – die Gerber hält ihre Terrasse nicht sauber – hat es nicht anders verdient, als früh um fünf aus der Falle geholt zu werden – sie zieht ihre Stimme zu Rüschen – er merkt: sie will nur saufen, lässt ihr die Flasche, da findet sie den Jungen ganz nett – habe ihn dann verloren – irgendwie kommt er in die Wohnung – betritt verbotenerweise den Balkon, stürzt ab – und nun ist der Schlüssel in der Wohnung. Die Gerber endete in der Weldau, was eine Klapse sein muss.

Wolfgang

Wolfgang

Wolfgang Weber war dran: Rules and regulations hieß seine Anhäufung von Stichwörtern. Es begann mit Sport. Halbzeit, Abseits, Down, Schiedsrichter, Aufschlag, wann ist ein Tor ein Tor – Schlag auf den Tisch – Kopf hoch und runter – ein gespieltes Ausrufezeichen; Regeln gibt’s, da staunste – Schlag auf den Tisch – Höhe von Lesebühnentischen. Ich bin froh herumgekommen zu sein … um komische Regeln –

In der Diskussion wurde dem Text eine kathartische Wirkung zugesprochen – und es gab immer einen Bezug zu rules & Regulations – Demian lobte den Assoziationsreichtum, man erweitert als Leser seinen Horizont, was besser ist, als wenn man ihn verknappen muss. Alles rund und stimmig.

Am Ende las Michael Wäser aus seinem nächsten großen Projekt, einem Roman vermutlich, dessen Hauptfigur Gerald heißt – also ich schreibe mal meine Stichwörter hierher: Maria Pollack sah scharf aus – pralle Type mit 16, meine Güte – Ersatzmutter – echte Mutter kriegte nie jemand zu sehen – im Freibad mit Halbhohem –

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Michael

Marek ist so – quetscht kleinen Jungs im Bus die Eier – steinalte Busse – Schüler lachten und johlten – wenn sie noch geschrien hat, hörte sie niemand

Ein Wichser war Marek, weil er ein Polake war – Maria war keine Nutte – hoffte Marek – er fragte sie, was sie will für einmal – wenn sie eine Nutte wäre, hätte sie einen Preis gesagt und dann erinnert er sich 5 Jahre (zurück?) Nackte im Zimmer – an das Gefühl erinnert er sich – seitdem sah sie ihn nicht mehr an – STA-Jeans (buchstabenweise gesprochen) – was für dumme Torten – bauchfrei wie seine Schwester gab’s bei Maria nicht

Gerald hatte den Eingang gefunden als er einen Platz zum Kacken suchte – räumte den Dreck raus und beschaffte sich ein paar Möbel – Bundeswehrpetroleumbrenner zum Aufwärmen von Ravioli

Und dann brechen meine Notizen ab. Spielt Mitte der 70er – abfälliges Vokabular gewinnt – befand das Publikum – durch Nostalgie etwas Liebenswertes – das mitgeschleifte Mädchen am Bus – hat für Micha was mit der Zeit zu tun, dass das möglich war.

Und ich finde, seine von mir zu beobachtende Annäherung an das Drastische lässt hoffen. Mögen alle Schranken fallen – dann gibt’s den nächsten Houellebecq.

So freuen wir uns auf die nächste Lesebühne.  Am 22. August um 20 Uhr, leider ohne mich, denn ich bin da an der Ostsee. Euer fgs

Vor der 99 kommt die 98 und nur wenn die 98 war, kann die 99 kommen und nun ist sie gewesen

Die 99. Lesebühne SoNochNie! wirft ihre Schatten voraus. Hundert kann jeder, aber die Schnapszahlen feiern ist eine Herausforderung und vielleicht sollten wir nochmal über den Schampus nachdenken. Denn an sich ist zur 99. Slivovitz Pflicht und möglicherweise kann das auch passieren. Wenn einer eine Flasche mitbringt.

Aber vor die 99. Jubiläumsbühne hat der liebe Gott die Niederungen der 98. Lesebühne gesetzt, die sich wunderbar grün und poetisch präsentierte.

Es begann mit einer Premiere, die den Protokollanten überraschte: unsere wunderbare Ulrike hatte ihr Thema als Themenbeauftragte eingelesen und per Email zugeschickt und wir durften ihrer zauberhaften Stimme lauschen, dabei auf ein Foto auf Michas Laptop schauen und uns umfing zum Thema „Schreibblockade“ ein Hörspiel, vorgetragen von einer Frau, die einst ihr Kind, das sie – selber noch eins – nicht haben wollte – in einen Eimer gebar und in eine UlrikeMülltonne entsorgte. Die bereuende(?) Mutter suchte nach Worten, war gefangen in einer Schreibblockade: Du blöder Unfall – ist natürlich keen Name – Jason – ach nee, so heißen die jetzt alle im Block, dann nannte sie das Kind Matze nach seinem Großvater – ich schreibe Dir, wie blöd, jetzt schreibe ich ihm dass ich ihm schreibe – ging durch die Presse damals – fast wäre ich erwischt worden – dann wäre mein Leben im Arsch gewesen, viel mehr als mit ’nem Kind – hast Du eine nette Familie gefunden? – nicht ein einziges Mal habe ich Dich angefasst – erstes Baby-Foto in einer Kriminalakte – was für eine Phantasie – alle lauschten gebannt und bewunderten die gemeisterte Form des inneren Dialogs.

Ich war mit meiner Sympathie bei der Mutter. Die Not einer solchen Frau, auch wenn sie etwas simpel gestrickt sein sollte, ging mir nah, vor allem die Suche nach einer verschütteten Emotion und die Unfähigkeit sie zu empfinden und auszudrücken – der Fluch des Nachdenkens. Das macht man halt so in unserer überpsychologisierten Welt, wo sogar RTL II nach einer Erklärung sucht, wenn ein Kind im Eimer gelandet ist.

Nach der virtuellen Ulrike vom Band (Stefan korrigierte diese seine Aussage: vom USB-Stick) las die leibhaftige Bettina aus Frankfurt am Main, woher es sich wahrscheinlich leichter nach Berlin anreist als aus Chemnitz ;-).

Anneliese zieht Bilanz und es ging um eine Frau, die wohl die dienstälteste Tippse Deutschlands war mit 95 Jahren, obwohl sie eigentlich Gärtnerin oder Gartenarchitektin werden wollte. Aber einmal Sekretärin – immer Sekretärin, sie kam von dem Job nicht mehr los. Als Atheist habe ich ein neues Wort gelernt: Damaskuserlebnis. Es meint an sich die Wandlung des Paulus von einem Verfolger der Urchristen zu ihrem Anhänger und ward hier im Zusammenhang mit etwas verwendet, das die Wandlung einer Tippse zur Gartenarchitektin oder umgekehrt analogisieren sollte. Da habe ich etwas nicht verstanden, aber auch versäumt, im Anschluss nachzufragen. Es war auf alle Fälle science fiction, weil Rente abgeschafft ist und bis ans Lebensende gearbeitet wird. Nun hoffe ich, dass dies erst nach meiner Pensionierung wahr wird. Bettinas zweite Geschichte hieß „Die Entkräftung“ und beschrieb den hektischen Arbeitsalltag des Franz Bahro, der zwischen Tweet und Retweet kaum Zeit findet nachzudenken. Eine atemlose Erzählung, die ihre Atemlosigkeit daraus bezog, dass sie im Wesentlichen aus nur drei Aufzählungsbandwurmsätzen bestand – eine Erzählform ohne Konflikt und Ziel, hinstrebend auf die Pointe, dass ein ununterbrochen beschäftigter Mann sich am Abend fragt: War heute irgendetwas Wichtiges passiert?

Woran sich die nächste atemlose Nummer anschloss – unser Stammgast Wolfgang Weber klärte uns über das Wed-Ding auf. Bei ihm bleibt mir immer nur aufzuschreiben, was ich atemlos mitkritzeln konnte: Start ups und Stop downs – Was wollt ihr später mal werden? Gesundbrunnencenter. Wed-Ding, das nächste große Ding nach dem Ed-Ding. Frank Zappa und der trend monger – voll mit Galerien ohne Geld – 1000 Berlin 65 war einst die einzige PLZ WolfgangWeddings, heute hat alleine meine Straße zwei Postleitzahlen. Prime time Theater – und dann haben wir ihn animiert, seinen Text mit Rhythmus zu sprechen, mit einem Chuckchuck, benannt nach Chuck Berry. Ich habe es gegoogelt und fand im Ergebnis meiner Recherchen: er hat es sehr einfach benutzt. Da wäre mehr rauzuholen gewesen, aber die Einfachheit ist irgendwie auch sein Markenzeichen. Schenken möchte ich ihm meine Idee mit dem Stadtrat für Bauentwicklung als Wedding-Planer. Einer aus dem Publikum fühlte sich mit dem Begriff Wett-Ding allerdings auf die falsche Fährte gelockt.

Nach der Pause habe ich mich als Themenbeauftragter für den Juli (für die 100!) Lesebühne aufgedrängelt und habe nach dem dismissten Thema „Die Grillen fliehen das Terrarium“ das Thema „Schlafwandeln“ nehmen müssen. Nicht dass ich schlafwandele, aber zumindest kann ich mir das vorstellen. Eine kleine Auswahl aus den weiteren vorgeschlagenen Themen: „Schule schwänzen“, „Dackelblick und Kaugummi“ (finde ich auch sehr schön), „Warum bist du so schnell?“ und „Berlin, Traum oder Alptraum“.

Dann las Anja – eine kleine Überraschung für mich – sehr prononciert kleines Textmaterial, wie sie es selber nannte, zunächst über Marthe. Blockade – Arbeit – Stecker mit einem Ruck gezogen, nicht gespeichert.

Marthe fühlt Spannung, denkt, es ist Entschlossenheit.

Anja trug sehr gut vor.Anja

Blockade kriegt jeder einmal: hier nimm eine Tablette – Tablette bleibt an der Spucke kleben. Was für eine Blockade.

Marthe scheint mir eine zu sein, die außerhalb der Welt steht, eine ironisch-sarkastische Beobachtungsmaschine.

Sollte sie jemals Enkel bekommen, würde sie einen Strickkurs besuchen. Jedes Ding, länger als zwei Sekunden beobachtet, wird zu einer Geschichte. Marthe ist für alle eine Enttäuschung. Wohin verlegt man eine Enttäuschung? Auf die Rehabilitation. Es ist ein sehr flotter Text, bei dem jede Spitze sitzt. Anja las – da sie so pointiert schreibt und mithin wenig Zeit verbrauchte – noch weitere Miniaturen: Landschaft – Versuch sich einzugliedern ist gescheitert – aus dieser Rolle steige ich aus.

Oder: der 99-Worte Text: Nachbarschaft: er lebt allein. Kann man reinklettern. Tut niemand.

Es gab noch einen Moment einer angedeuteten Emotion, als Anja sagte, dass dies ihre erste Lesung nach einer langen Pause war. Aber er ging zu schnell vorbei.

Nach Marthe las Petra. Sie sprach mit ihrem Aleph über Heimat. Aleph ist ein Wuschelding auf der Schulter der Autorin, mit dem sie tiefsitzend-tiefsinnige Fragen bestreitet.Petra

Sehnsucht nach Heimat ist Sehnsucht nach dem Ursprung war die Ursprungsthese des Textes. Obwohl klar ist, dass wir nicht in den Mutterschoß zurückkönnen, auch wenn diese Vorstellung (Sehnsucht?) die Grundlage jedes soliden Mutterfluches ist (eba si maikata geht dem Bulgaren so flott von der Zunge wie unsereiner Boa eih sagt). Die Mutter muss ja auch einen Ursprung haben, überhaupt kann es nur einen Ur-Sprung geben. Das Aleph nickte verhalten, aber es war wohl einverstanden.

Es wendete sich in eine schöne Richtung. Von Anfang an macht sich der Mensch auf den Weg.

Ursprung= Zustand ohne Zeit – wir verlassen den Ursprung durch Bewegung – schaffen so die Zeit – Sehnsucht nach der Zeitlosigkeit.

Es hat mich beschäftigt. In der Diskussion ging es ums Weglaufen und Zurückkommen, um festzustellen, das Weglaufen doch besser war. Stefan warf ein, dass Weglaufen auch irgendwo hinlaufen heißt.

Stillstand ist auf alle Fälle Tod und deshalb zur letzten Autorin des Abends, zur Angela. Sie betonte, dass sie auf den Werkstatt-Charakter zurückkommen und einen absolut unfertigen (weil grade mal fünf vor zwölf fertiggestellten und mit Müh und Not einem streikenden Drucker abgerungenen) Text unter dem Arbeitstitel „Geschenkt“ präsentieren wolle, der sich dann als runde Geschichte entpuppte. Es ging um Lilli, die aus einem von Mann und Tochter Angelaverlassenen Haushalt Spielzeug zu einer Flüchtlingsunterkunft bringen und spenden wollte. Sie macht sich Sorgen um ihre Motive (weil wir alle das Helfersyndrom kennen) und kann es nicht aushalten, dass Djamila (ein Kind syrischer Flüchtlinge) sich ihr öffnet und sie besuchen will. Schreibst du mir deine Adresse auf … ich muss los – da hatte Angela mich und meine Tränendrüsen wie ein Hollywood-Autor: die Flucht vor der einfachen Zuneigung. Es gab einen kurzen Moment, als Lilli nach vier Bier bei Joannis, dem Griechen, ihre Wohnungsschlüssel wegwarf, und ich Angst bekam, dass es jetzt zu fett wird. Aber es war nur die Vorbereitung für den wunderbaren Abschlusssatz, den sie zu Djamila sagte: Erst musst du mir helfen, die Schlüssel wiederzufinden. Danke Angela: passiert mir nicht oft, dass ich bei SoNochNie! Pippi in den Augen habe.

Das wird uns hoffentlich allen so gehen, wenn wir am 27.6. die 99. Lesebühne SoNochNie! feiern.

PlakatmotivwebDann lesen wir alten Kämpen alle wieder, selbst Leovinus, das Urgestein. Und beantworten uns die Frage, warum wir das alle tun mit einem klaren: keine Ahnung, aber wir können nicht anders. Salman Rushdie schrieb: „…der Schriftsteller akzeptiert die Zerstörung seines Lebens und gewinnt (aber nur wenn er Glück hat) vielleicht nicht die Ewigkeit, so doch wenigstens die Nachwelt“ – und das war bevor ihn die Fatwa ereilte und seinen Ruhm durch die millionenschwere Todesdrohung ins Unermessliche steigerte.

So lasst uns unbedroht leben und schreiben und lesen (und murkeln). „Schreiben ist leicht, man muss nur die falschen Wörter weglassen.“

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