7 auf einen Streich – Hallelujah!

… aber lasst uns das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Leerreich war dieser Jubiläumsabend zum 50. Themenbeauftragten am 24. April 2017 im Zimmer 16 allemal, und er gehört nicht weggekärchert aus der nach vorn offenen Geschichte von SoNochNie. Geflucht wurde weder auf der Bühne noch im Publikum, was dem feierlichen Anlass nur angemessen war, und auch die sonst gelegentlich zu beobachtende Pausenflucht blieb trotz einer textlichen Leerstelle unmittelbar davor erfreulicherweise aus. Nachdem im zweiten Teil geklärt wurde, wer wen im Bus gesehen hatte und ob Wunderwerke der Technik wirklich immer so wunderbar sind, entfuhr uns allen ein erleichterter Stoßseufzer: Geschafft – Hallelujah!

Das war’s schon? Halt, dazu gibt’s doch noch viel mehr zu sagen! Zum Beispiel, dass unser treues Publikum das Zimmer 16 gut gefüllt und uns die Crew des Hauses mit Licht, Tontechnik und Getränken kraftvoll unterstützt hat – besten Dank dafür noch mal an dieser Stelle! Auch unser Moderator Leovinus ist zu erwähnen. Er hat nicht nur unterhaltsam durch den Abend geführt, sondern zu jedem Text sogar eigens einen Limerick verfasst und vorgetragen. Zwischendichtungen gewissermaßen, die für einige Heiterkeit sorgten. Dokumentiert wurde unser Jubiläum auch: fotografisch von Michael und Ulrike und darüber hinaus erstmals zeichnerisch – eine Premiere, die uns ehrt – vom bekannten Pankower Illustrator Christian Badel – danke sehr! Und schließlich: Was wäre dieser Abend ohne unsere sieben Themenbeauftragten gewesen? Bühne frei – hier sind sie mit ihren ganz unterschiedlichen Texten:

Frank machte wie schon so oft den Anfang. Leerreich lautete sein Thema und Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug der Titel seines Textes. Der Ich-Erzähler trifft in der Oper – Wagners Parsifal wird gezeigt – einen älteren Herrn, der ihm sogleich sein familiäres Problem überstülpt: Die Enkelin Querida will von ihm ein Auslandsjahr finanziert bekommen. Eine Unverschämtheit! Der Erzähler sieht das anders. Er würde Querida das Geld geben, denn allein ihr Bittbrief sei eine Form von Zuwendung und da müsse man mit wachsenden Jahren vom Nachwuchs nehmen, was man eben kriege. Das Argument stützte Parsifal höchstselbst: „Er berührte die Wunde mit dem Speer, der sie einst schlug, und sie heilte.“ Ob das für’s Publikum lehrreich war? Aufgepasst: Leerreich hieß das Thema, und der Hintersinn war durchaus ehrenurkundenwürdig.

Maik fühlte sich vor zwei Monaten mit dem Thema Kärcher gut versorgt und brachte mit zwei kurzen Gedichten unsere 15-Minuten-Literat-Uhr nicht mal ansatzweise in Sandnot. Das erste, schlicht Kärcher genannt, begann „Signalgelb auf Schwarz“ und befasste sich mit der von eben jenem Gerät unterstützten beruflichen Reinigung. Privat zog der Dichter allerdings den guten alten Scheuerlappen vor. Aber Kinder müssen doch … raus, sagst du, stellte das zweite Gedicht fest, in dem gefährliche Autos auf der Straße als kärchernde Kinderfresser lauern und der Dichter sich besorgt an gute alte Sicherheiten erinnert: „Zu meiner Zeit wurden wir als Kinder noch an ganz kurzer Leine gehalten.“ Auch an Maik ging dafür die Ehrenurkunde.

Ulrike, extra aus Chemnitz angereist, hat sich beim Thema Fluch und Flucht für die präzise Seelenerkundung einer Juliane entschieden, die sich von klein an innerlich als Julius fühlt und nach einem langen, schwierigen Weg per Geschlechtsumwandlung auch äußerlich zu ihrer wahren Identität – nun als Julian – findet. „Juliane, das ist mein erster Name. Der erste Vorname meines ersten, falschen Lebens“, lud Ulrike uns in ihren Text ein. Von einer Kindheit voller Schreie, erst lauter, später stummer, war die Rede, von mit Binden abgeschnürten Brüsten und Eltern, die ihre Tochter für lesbisch hielten. Vom Fluch, im falschen Körper zu stecken und der Frage, wann die Flucht begann: als sie ihre Puppe vernachlässigte, im Kindergarten den Jungs nacheiferte, die ersten Tabletten schluckte? Und schließlich die Erkenntnis, dass es eben doch keine Flucht war, sondern eine Befreiung. „Und zum ersten Mal kann ich mir selbst in die Augen schauen und Ich sagen. … Eine Vergangenheit habe ich nicht, aber ich habe mich, und das hat ja wohl lange genug gedauert.“ Danke, Ulrike, für diesen berührenden Text! Die Ehrenurkunde versteht sich von selbst.

Michael, mit zehn Einsätzen der Rekordhalter unter den Themenbeauftragten – Glückwunsch dazu! – lieferte, mit der Vorbemerkung, er probiere gern neue Sachen aus, in lyrischer Prosa eine Leerstelle. „Fast ist es noch Nacht heute Morgen“, begann sein Text. „Wir sind nicht zu Hause angekommen. Ich nicht und du nicht.“ Und da deutete sich schon an, welch bedrückendes Thema er gewählt hatte: den plötzlichen Tod. Lebend zur diesseitigen Tür des Krankenhauses hinein, tot zur jenseitigen hinaus. Dazwischen die unfassbare Feststellung „Du bist verschwunden. Ist das alles, was du bist?“ Wie kann ein Abschied gelingen, wo man doch nur mal eben kurz auf den Schlüssel aufpassen sollte? „Was mache ich … … … mit dem Schlüssel?“, bleibt der Erzähler rat- und fassungslos zurück. Das Experiment? Die Pausen, die Michael beim Lesen ließ. Inhalt und Form Hand in Hand. Gut, das du gern Neues probierst und uns daran teilhaben lässt! Die Ehrenurkunde ist dein.

In der wohlverdienten PAUSE wurden fleißig Themenzettel beschrieben, aus denen anschließend nur ein einziger gezogen wurde. Augenaufschlag wird das Juni-Thema von Cordula sein, die sich zum ersten Mal mutig dem Auftrag stellt. Im Lostopf blieben folgende Themen zur freien Inspiration für alle anderen (in Original-Schreibweise übernommen!): Ein echter Fiesling, FUSSSTAPFEN, Lichtgestalten, STEINLAND, Schneckentempo, Joachim, Heilbronn, Kiez König for ever!, Tee-Nager, Das Gummiband, Stadien der Wehmut, Zieh ihn bitte wieder raus!, SCHEE IM JUNI, Sturzgeburt, Kontrollverlust, Themenbeauftragte., Buttersäure.

Auch nach der Pause erwartete uns ein Experiment: Max wurde per Handy live aus Braunschweig zugeschaltet, während sein zweidimensionales Konterfei hinterm Lesetisch posierte. Passend zum Thema Ich habe dich im Bus gesehen untersuchte Max Sehgewohnheiten: „Ich habe mich im Spiegel gesehen. Ich habe mich im Schaufenster gesehen. Ich habe mich in der S-Bahn-Scheibe gesehen.“ Auch bei ihm eine Erkundung zwischen Ich und Du. „Ich habe mich verpasst. Wir trafen uns nicht in der Mitte“, schloss er seinen vieldeutigen, melancholischen Text und bekam dafür … na? … eine Ehrenurkunde.

Wunderwerk der Technik war Thema und Titel meiner (Angelas) Geschichte. Isa, die sich in ihrem überschaubaren Leben als Lokalredakteurin eingerichtet und darüber vergessen hat, dass sie mal eine berühmte Radiojournalistin werden wollte, erinnert sich dank einer SPLIFF-Schallplatte auf dem Flohmarkt ihrer ersten großen Liebe Philipp, seinerzeit E-Gitarrist mit dem Zeug zum Star. Nicht nur die große Liebe, schon der erste Kuss scheiterte an unüberbrückbaren Differenzen im Musikgeschmack, denn Isa stand auf ABBA. Aus einer Laune heraus schickt sie Philipp die Platte und … bekommt einen MP3-Player zurück, auf dem sich ABBA und SPLIFF im trauten Duett finden. Wäre das nicht auch eine Option für sie beide?, stellt Philipp in den Raum, als er vor ihrer Tür auftaucht. Nein, er ist kein Rockstar geworden. Und nein, sie hat den Pulitzer-Preis noch nicht gewonnen. Aber … ist es wirklich schon zu spät für ihren alten Traum? Isa verzichtet auf das Wunderwerk der Technik, das sie beide vielleicht doch noch hätte vereinen können und wagt ein ganz untechnisches Wunder: den Neuanfang. Auch dafür gab’s die Ehrenurkunde.

Zuletzt entführte uns Leovinus mit Hallelujah ins Reich seiner schrägen Phantasie. „Sagen Sie, junger Mann, wo drücke ich denn, wenn ich in den Fünften will?“, erkundigt sich ein mysteriöses altes Mütterchen im Kaufhaus und bietet dem Erzähler Kirschkuchen an. Weil der ablehnt, wünscht sie ihm ein Halleluja in den Bauch. Das muss rausgeschnitten werden, sagt der Arzt. Der Erzähler sträubt sich, denn die Alte hatte ihn gewarnt: Wenn Sie es rausschneiden lassen, holt Sie mein Sohn! Als der Geplagte aus der Narkose erwacht, ist er wieder im Fahrstuhl. Neben ihm ein Junge mit leuchtend blauen Augen, der die Sense schwingt. Auf alte Mütterchen ist eben Verlass. Und auf die Ehrenurkunde auch.

So, das war’s jetzt aber wirklich zu diesem rundum gelungenen Jubiläumsabend! Nein, doch noch nicht ganz? Ich höre, da freut sich schon die nächste offene Lesebühne SoNochNie am 22. Mai 2017 auf frische Texte und reichlich Publikum. Also: Seid wieder dabei!

… und dann so was!

Kein Trump, keine Merkel!, bat Moderator Leovinus zu Beginn unserer 104. offenen Lesebühne SoNochNie, die an diesem 28. November 2016 ungewohnt pünktlich begann. Sechs AutorInnen hielten sich strikt daran, die siebente nicht. Was für ein Schock!

02_s0056305Wie üblich begann alles mit dem Beauftragtenthema: „Kassenarzt“, von Petra fantasievoll ausgestaltet. „Überall Zahlen“ hieß ihr Text, in dem ein gewisser Dr. Stöhr von einer ebenso fischnamigen Patientin Frau Plötz dazu bewegt wird, sich wieder mehr den Menschen zu- und von den überall herumwabernden Zahlen abzuwenden. Zu diesem Zweck trägt er s04_s0146352eine Patientenzahlenregistrierkasse auf den Gehsteig und reinigt nebenbei seine Praxis mit einem ausgeklügelten System von der Zahlenflut. Die Herrschaft der allumfassenden Kasse stellt er nicht in Frage, doch der Versuch, den Menschen hinter den Zahlen wieder näher zu kommen, sei ihm hoch angerechnet. Ein Schelm, wer Parallelen zum realen System ausmacht. Alles in allem eine verblüffende, originelle Idee, mit dem Auftragsthema umzugehen, befand die anschließende Diskussion. Um unsere großartige neue Urkunde und das zugehörige Foto kam Petra natürlich nicht herum.05_s0166361

Auf Petra folgte Matthias mit „Begegnungen am Stadtrand“. Ein älterer Mann auf dem Weg zum regelmäßigen Golftraining, ein junger Rumäne, der von seiner anstrengenden ‚Dienst-am-Kunden‘-Nachtschicht zurückkehrt und ein sechsjähriges Mädchen auf der Suche nach einem Weggefährten. Kurze Begegnungen am Rande der Stadt. Stimmungsbilder wollte er zeichnen, sagt Matthias, und das ist ihm nach Meinung des Publikums auch gut gelungen.

07_s0246400Mit Anita begann der Advent im Zimmer 16. Ihr gleichnamiger Text erzählte ganz aus der Perspektive einer alten, vermutlich dementen Frau auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Einfühlsam und stimmig, wie die Mehrheit der Zuhörer fand. Ob es die Auflösung mit dem Tod der Dame und damit den Sprung aus der Subjektiven gebraucht hätte, blieb allerdings umstritten.

Kurios, dass sich das Los gleich darauf noch einmal für den Advent und damit für meine11_s0346461a Kurzgeschichte entschied, in der eine Zehnjährige in der Vorweihnachtszeit versucht, einen Zugang zu ihrem depressiven Vater zu finden. Ein schweres Thema, das ich dennoch gern für Kinder erzählen wollte. Die große Mehrheit der Zuhörenden hielt das für zumutbar und – gerade wegen der poetischen Bilder – auch für gelungen.

Dann war erst mal Pause. Wie üblich wählten wir unmittelbar davor den Themenbeauftragten, und zwar für die Januar-Lesebühne. Glückwunsch, Frank, du wirst ein weiteres Mal in die Annalen der SoNochNie-Geschichte eingehen. (Vermutlich hat dich die Urkunde gelockt.) Wir sind gespannt, was du aus Thema Nummer eins: „Ausgebrochen“ machen wirst.

Wer noch eine Anregung für den nächsten eigenen Text sucht – wie wär’s mit: „Banderole“, „In eine Melancholie muss man sich fallen lassen“, „Lawine“, „Rachebeschleunigung“, „Kurzschrift“, „Ja!Jaguar Jan!UAR!“, „Tortenschlacht“, „Das … Ende guter Vorsätze“, „Leichtmetall und Schwermut“ und „Aufweichung“. Los geht’s!

Im April 2017 feiern wir übrigens schon wieder ein Jubiläum: den 50. Themenbeauftragten. Dazu werden wir uns natürlich etwas ganz Besonderes einfallen lassen und euch an dieser Stelle weiter auf dem Laufenden halten.

13_s0516602Nach der Pause hat uns Frank wieder einmal in seinen Roman „Der Richter und der Fluch der Furie“ hineingezogen. Der Ausschnitt begann ein wenig trocken, weil schwarz- und rothaarlastig, entwickelte sich aber zunehmend konfliktreich und spannend. Die junge Tadschikin Summaya, die sehr erfolgreich Kleider entwirft, erzählt ihrer Kollegin und Freundin Marjorie auf dem Weg zum Markt aus ihrem früheren Bürgerkriegsleben und wartet dringend auf einen Anruf. Doch auf einmal muss sie umkehren und sich, so die Vermutung, den Geistern ihrer Vergangenheit stellen. Das Publikum war voll dabei.

Ungewöhnliches bot diesmal Wolfgang mit einer echten Geschichte, die uns anfangs alle zu Lachstürm15_s0566656en hinriss, im zweiten Teil aber etwas zerfaserte. Es ging um einen Autor, der, weil die angepeilte Lesebühne nicht stattfand, ersatzweise im Supermarkt vorlas – mit durchschlagendem Erfolg. Gute Unterhaltung, fanden wir, aber für die Wirkung bis zum Schluss: entweder früher raus oder nochmal überraschend drehen.

Zuletzt betrat Katharina die Bühne mit ihrem „Text zur (Rücken-)Lage“. „Wenn ich sterbe, möchte ich warme Hände und Füße haben“, so der private Rahmen zur öffentlichen Hinterfragung. In w18_s0666770as für Zeiten leben wir eigentlich? Warum gehen uns die Despoten und Schwarzweißlinge nicht endlich mal aus, im Gegenteil? Und da platzte er dann tatsächlich in den Abend, Donald Trump. Schreckensstarr beobachteten wir Leovinus. Würde er das überleben? Er tat’s. So konnten wir uns entspannt auf diesen doch auch sehr persönlicher Text einlassen. Vielleicht hätte Caligula als Dämon genügt und Trump wäre verzichtbar gewesen, denn beide ähneln sich im nicht Ertragen eines jeden „Dazwischen“, das uns Autoren praktisch die Luft zum Atmen ist. In diesem Sinne: Auf das Dazwischen und alle zukünftigen Lesebühnentexte die ihm weiter nachspüren!

Danke wieder einmal, Michael, für die Fotos zu diesem feinen Abend!

Leovinus machte abschließend Werbung für unsere SoNochNie-Kerngruppenlesung am 8. Dezember 2016 um 19.30 Uhr in der Janusz-Korczak-Bibliothek Berlin-Pankow. Kommt am besten alle dort hin und brecht mit uns zu neuen Ufern auf!

Und am 26. Dezember (ja, ganz richtig, das ist der zweite Weihnachtsfeiertag) sehen wir uns dann wieder im Zimmer 16 und freuen uns auf unseren Themenbeauftragten Matthias.

Neun Anfänge

Willkommen in Schulau! Eine alte Schwarzweißfotografie, entstanden vermutlich in den frühen 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Sommer nahm in diesem Jahr kein Ende. Erwachen, Augen auf, Füße kalt. Sie begegneten sich nackt im Flur vor der Wand, an der die Marionetten aufgehängt waren. Meine vermeintliche oder wahrscheinliche große Liebe, das hier schrieb ich nur für sie. Kommst du? Ich habe ein unzerstörbares T-Shirt. Jetzt ziehen wir ans Meer.

Ja, das sind sie, die ersten Sätze aller neun Texte unserer 102. offenen Lesebühne SoNochNie, wenn auch in veränderter Reihenfolge! Stimmt, sie passen nicht wirklich zusammen und doch war das ein wunderbar reicher, runder Geschichtenabend. Stimmt auch: Wir haben eine Ausnahme gemacht. Mehr als acht Texte sind streng genommen nicht zulässig, aber sogar der Sommer lehnt sich in diesen Tagen noch einmal weit aus dem Fenster. Warum sollten wir da nicht ebenso großzügig sein?

Alles begann mit Leovinus‘ charmanter Anmoderation (zwei Stichworte zu jedem Text lieferten das Material), kleineren Stoßseufzern wegen der Lichttechnik, vielen vertrauten und einigen neuen Gesichtern.

Dann sang Michael als Themenbeauftragter seine kraftvolle Hymne aufs Trennungsglück. Nein, nicht auf das klassische am Ende einer quälenden Beziehung. Seine Protagonisten waren zwei unzerstörbare T-Shirts, ein blaues und ein graues, mit denen er seit zwanzig Jahren sein Leben teilt. Da kommen zwangsläufig Fragen an die gemeinsame Zukunft auf. Wann werden sich ihre Wege trennen? Was gar, wenn die beiden ihn überleben und beispielsweise im 73. Jahrhundert von fassungslosen Archäologen wie neu aus einer meterdicken Sedimentschicht geborgen werden? Aber vielleicht, vielleicht gehen sie bis dahin ja doch noch kaputt. Witzig und dennoch von existenzieller Tragweite – das Publikum war begeistert und machte sich höchstens ein paar untergeordnete Sorgen über die Gleichberechtigung von Blau und Grau. Vom angekündigten „kontrollierten Absturz“ konnte keine Rede sein.

Katharina, inzwischen schon Wiederholungstäterin, fand im sanften Sanduhrrieseln sogar Platz für zwei Geschichten. Und in denen ging es nun ganz explizit um Beziehungen. Sie wird von ihm zu einem konspirativen Treffen in eine leere WG gelotst und erfährt dort, dass er auf keinen Fall eine Beziehung will, aber dieses eine, eine Mal noch, das wäre doch schön. Ich habe Gefühle, er hat Bedingungen, stellt sie kritisch fest, bevor sie lustvoll für 45 Minuten in seinem Bett landet. Intensiv, fanden viele, während andere sich mit dem beurteilenden Ton nicht wohlfühlten und eine Diskrepanz zur behaupteten Leidenschaft ausmachten. Gut, wenn man über Texte streiten kann.

Tim, der mit vollem Namen Tim Kölling heißt, schrieb seine poetryslamige „Letzte Chance“ nicht zum Selbstzweck, sondern um eine junge Frau zu erobern, die er nur einmal bei Radio Bremen 1 gesehen hat und die seine ganz große Liebe werden könnte. Das allerschönste Mädchen sei sie, die „Abrissbirne für’s heruntergekommene Manegenlicht“. Mutig, befand das Publikum. Wer weiß, vielleicht liest sie das ja und meldet sich?

Petra erzählt in „Der rote Mantel“ die Geschichte über die Ränder einer alten Schwarzweißfotografie hinaus, auf der ein Mädchen mit eben jenem Mantel sich aus einer Schlange von Wartenden löst und dadurch vermutlich ihr Leben rettet, aber nicht nur das. Geheimnisvoll fließend und voller Assoziationen – einige hätten den Text gern ein zweites Mal gehört. Anderen fiel der Zugang eben wegen dieser Rätselhaftigkeit schwer und sie wünschten sich am Ende mehr Aufklärung.

„Ans Meer“ habe ich, Angela, meinen eigenen Text genannt, in dem eine 14jährige ums Weiterleben ringt, nachdem ihr Vater den Notausgang aus seinem Leben gewählt hat. Authentisch, bewegend und in der Sprache erfindungsreich, befand das Publikum. Ob noch mehr Trotz und Härte im Ton nötig gewesen wäre, darüber gingen die Meinungen auseinander.

In der Pause meldete sich Petra freiwillig als Themenbeauftragte für den November. Das erste Los-Thema „Fantasie und Wirklichkeit“ lehnte sie dankend ab, weshalb sie sich nun mit dem „Kassenarzt“ herumschlagen muss.

Frank setzte die Leserunde mit dem neuen ersten Kapitel aus seinem Roman fort. Klaus und Diana nackt im Flur unter aufgehängten Marionetten im Streitgespräch. Atmosphärisch dicht und das umfangreiche Personal mit den Puppen geschickt vordeutend fing Frank sein Publikum ein, auch wenn manche erst im Lauf der Zeit Fuß fassten im Gehörten.

Clemens sorgte mit CD-Player, Kerze und „Grenzwertigkeiten“ für eine besondere Stimmung, obwohl und gerade weil ihn die Tücken der Technik vorübergehend unter den Tisch trieben. Sein Text handelte von Birken, „bekanntlich den Mädchen unter den Bäumen“, Neubaublocks im Osten Berlins mit viel Grün dazwischen und einer Ljuba, die in ihrer Abwesenheit beim Ich-Erzähler melancholische Schwere erzeugt. „Wenn es soweit ist, werden wir es wissen: Es kommt immer anders als gedacht.“, intoniert „Die Heiterkeit“ zum Schluss eindringlich. Ein Text mit starken Bildern. Nur langsamer vorlesen hätte ihm gut getan.

Wolfgang nahm uns in „Willkommen Höft“ einmal mehr mit auf die Achterbahn seiner Assoziationen, denen eine improvisierte Minitrommel mal Rhythmus gab und mal Kontrapunkt war. Schön absurd die Schiffsbegrüßungsstation außerhalb von Hamburg, auf der in den 50ern bei jedem einlaufenden Schiff noch gesungen wurde. Begrüßungskapitäne, die in ihrer historischen Reihenfolge namentlich genannt wurden, ein Buddelschiffmuseum und Helmut Schmidt samt Lebensgefährtin bildeten die illustren Säulen dieses Textes.

Zuletzt Johanna. Sie las aus dem zweiten Kapitel ihres Romans. Ihre Protagonistin: eine Philosophin, die ihre Dissertation vor Kant, Hegel (mit der obligatorischen Rotweinflasche) und Fichte persönlich verteidigen muss. Erfolgreich, nebenbei bemerkt. Der anschließende, eigentlich banale Supermarkteinkauf gestaltet sich da um Längen schwieriger und die beste Freundin, Assistenzärztin, hat auch keine zusammenhängenden fünf Minuten fürs Telefon. Es knirscht also im Gebälk dieses Tages. Eine Stimme aus dem Publikum empfand den Text zu stark als Nacherzählung persönlichen Erlebens, andere wiederum schätzten genau das.

Und dann war sie auch schon zu Ende, die 102. offene Lesebühne SoNochNie. Mal heiter kurzweilig, mal ernst bis traurig und immer intensiv – besser können wir es uns nicht wünschen. Gespannt blicken wir nun schon mal Richtung 24. Oktober, wenn uns die Themenbeauftragte Katharina mit „Gift oder“ hoffentlich nicht kaltstellen wird. Wer noch Inspiration für einen eigenen Text sucht, der wird vielleicht unter den diesmal nicht gelosten Themen fündig: Auf den Spuren der Elche, Trunksucht, Gespenster, Zickenterror, spät dran, Leisesprecher, Unterwegs, Handlungsanweisung, ohne Fleiß kein Preis, Goldrausch, schweißtreiben(d). – Bedient euch und kommt wieder!

Der Sprengmeister wird uns was hüsteln

S0032021Was für ein Jahresauftakt! Acht Autoren stürmten die Bühne der 94. Offenen Lesebühne SoNochNie. Leovinus, der den Abend moderierte, outete sich zugleich als Themenbeauftragter und ließ seinen Nachbarn kurz und knapp durch drei Gedichte hüsteln. Streng Haiku-klassisch im ersten mit fünf–sieben–fünf Silben, ich glaube, ich darf das hier zitieren, bevor es in die Lehrbücher unserer Kinder eingeht:

Durch dünne Wände                                                                                                        das Hüsteln des Nachbarn,                                                                                              der Winter dauert.

Limerick und Sonett umkreisten zur allgemeinen Erheiterung selbiges Thema, und die Frage kam auf, ob sich Leovinus nun das ganze Jahr mit seinem erkälteten Mitbewohner herumschlagen wolle und so vielleicht gar ein Hustenbonbonhersteller als Sponsor für die Offene Lesebühne zu gewinnen wäre.

S0052037aDas erste Los trug meinen Namen, also schilderte ich, Angela, als zweite Lesende des Abends, Ursachen und Folgen eines Unfalls, der keiner war, jedenfalls nicht ausschließlich. Das Publikum ließ sich offenbar von der Spannungsfrage Warum nicht? mitnehmen und befand meine Geschichte für ideenreich und ziemlich rund.

S0112088Monique saß zum ersten Mal auf unserer Bühne und bot in süffiger Sprache drei Fragmente einer Kurzgeschichte, die sich allesamt um Madeleine drehten, die wiederum in einem Territorialkonflikt mit einem gewissen Lennart (und eventuell auch Männern im Allgemeinen) feststeckte, aber Willens war, sich daraus zu befreien. Das Ende lässt uns zumindest für sie hoffen. Vielleicht hören wir irgendwann mehr davon.

S0142109Vor der Pause erfreute uns Petra mit einem weiteren Einblick in ihre surrealen Fantasien. Ein Beamter, der ein Lastenfahrrad samt zugehörigem Mädchen beschlagnahmt, weil auf dem Gefährt folgende Losung steht: Die Blockade unbedingt sprengen! So was gehört bestraft, da hilft alles Schrumpfen nix! Zum Glück bringt der Sprengmeister und wahre Besitzer des Rades schlussendlich sämtliche Blockaden zum Einsturz und das Mädchen zurück in die Arme seiner Mutter. Größe ist eine Frage der Anerkennung, lernen wir.

S0192144Unter dem Titel Das Trugbild setzte sich nach der Pause auch Gerhard mit einem Unfall auseinander. Leo trägt seit Kindertagen an einer schweren Schuld, hat er doch Feuerwerkszeug in eine Wohnung geworfen und dadurch einen Brand ausgelöst, bei dem ein kleines Kind starb. Nach seinem Unfall auf Kreta glaubt er, in der Klinik die Mutter des Kindes wiederzuerkennen, beichtet ihr sein quälendes Geheimnis und wird mit einem Kopfnicken endlich losgesprochen. Wirkungsvoller hätte das kein Therapeut hinbekommen. Was spielt es da noch für eine Rolle, dass Kopfnicken im Griechischen Nein bedeutet?

Wahlzeit. Als sich trotz Bitten, Drängen und Drohen kein freiwilliger Themenbeauftragter für den März fand, erklärte sich Michael wieder einmal bereit dazu, danke, Michael! Das Thema Revolution war dir vielleicht zu wenig subtil, jedenfalls musst du dich nun um die Begleitung des Rauchers kümmern. Ich bin sicher, du wirst uns auf ganzer Linie überraschen.                                                                                       Falls sonst noch jemand eine Anregung für seinen nächsten Text sucht, fasse ich hier die Erträge der übrigen Themenzettel zusammen:                                                      Schlaflos zwischen den Stühlen versucht Lolita, die Apfeltasche, Worte zu pressen, doch der kausale Zusammenhang zwischen Bierpinsel, dementer Gürtelschnalle und Ameisenpisse reicht höchstens für ein Gedicht ohne Titel.

S0262252Im Anschluss bot Wolfgang uns eine Performance der Abkürzungen. Der LBG RFR (Lauenburger Rufer), eine Bronzestatue aus den späten 50ern, beamt sich vom Ufer der Elbe, wo er Johnny Lytles The Village Caller hört, nach NKLN (Neukölln), ruft dort mit Jana und Wolf den Rap der Wildnis aus und springt weiter nach Alaska zu Jack London. Mit hohem Tempo entführte Wolfgang uns in sein Universum assoziativer Bezüge, und Michael befand: „Hier sitzt der Sprengmeister persönlich am Tisch.“

S0302291Marcel verweigerte 19jährig den Bund mit der Begründung, er könne kein Blut sehen und landete folgerichtig als Zivi auf der Inneren eines Krankenhauses, wo er weit mehr zu sehen bekam als nur ein bisschen Blut. Heute, doppelt so alt, befreit er sich schreibend von Bildern mit komischem Reiz und solchen, die man lieber auf keiner Festplatte gespeichert haben möchte, schon gar nicht im eigenen Kopf. Das alles in knapper, pointierter Sprache und nie auf Kosten seiner ehemaligen Patienten.

S0352325Zuletzt erheiterte uns Robert mit einem kurzen Intermezzo als Fernbedienung eines Rentners, der altersgerecht am ersten Programm klebt, während seine beingelähmte Fernbedienung auf die Simpsons steht. Zur ersehnten Rache kommt es nur im Geiste, und so lassen wir uns nach reichlich Applaus von tragikomischen Empfindungen erst an die Bar und dann auf die Nachtschweiß ausdünstende Straße hinausspülen – was für ein Abend!

Verflucht nochmal!

Die 87. Offene Lesebühne SoNochNie

01_S0050073Es ist ja oft so: Neuerungen werden eingeführt, weil irgendein alter Schuh drückt. Doch genau in dem Moment, da man sie ganz dringend zu brauchen glaubt, erübrigen sie sich von selbst. Gestern Abend haben wir die Offene Lesebühne erstmalig auf acht Autoren beschränkt. Und wieviele wollten lesen? Ganze sechs. Gelost haben wir trotzdem, weil wir irgendwie doch alle noch kindlich-glücklichen Jahrmarktserinnerungen nachhängen. Nur Frank hatte seinen ersten Platz dank einer gewissen Quadratur des Kreises (sein Beauftragtenthema) schon sicher. Und so konnte Leovinus, der den ersten Teil des Abends moderierte, sämtliche Erklärungen zum neuen Prozedere unter den Lesetisch fallen lassen und direkt …

S0110099… ein neues Kapitel aus Franks stetig wachsendem Roman „So klein mit Hut“ ankündigen. Darin wurden wir Zeugen eines Kammerspiels zwischen Klaus, wegen eines undurchsichtigen Fluchs nur noch stuhlbeinhoch, und seinem Psychologen Herbert, dem ein noch viel undurchsichtigerer Fluch ausgerechnet das empfindlichste Körperteil vereist und ihn damit handlungsunfähig gemacht hatte. Im Dialog zwischen den beiden zum Thema Wie versöhnt man einen Geist? klärt sich der Hintergrund dieser vermaledeiten Fluchkiste auf, und ein Ausweg deutet sich an … wenn da nicht Eis am Stiel und die viel zu hohe Türklinke wäre. Im Ton zwischen Ernst und Ironie gut ausbalanciert hätte der unterhaltsame Text nur gern noch etwas szenischer und seine Protagonisten sprachlich differenzierter sein dürfen.

02_S0150125Weiter gings mit Max, der in den vergangenen Monaten zum SoNochNie-Stammgast avanciert ist. Sein sehr persönlicher Text „Die Schlafenden“, in dem er uns Einblick in seine nächtlich-schlaflosen Assoziationen mit und ohne Bettgefährten gewährte, warf die Frage auf, ob er überhaupt für ein Publikum geschrieben sei. Ich finde schon, allein wegen solcher Sätze wie „Mit geschlossenem Mund konnten alle Menschen ehrlich sein“ oder „Er sah, wie jeder Mann, auch ungeschminkt wie ein Mann aus“ (kann sein, dass ich hier ein oder zwei „ungeschminkts“ unterschlagen habe) oder „Ich hätte jedes Wort dort (in seinen Mund) hineinlegen können, vor allem mein eigenes.“ Gern mehr von solcher Poesie!

04_S0180149Evelyn, neu bei uns, knüpfte mit ihrem Gedicht „Buch mit Nässefluch“ zufällig (aber wer weiß das schon so genau) an Franks Thematik an, nur dass ihre Hauptperson kein Mensch, sondern ein dem wässrigen Untergang geweihtes Buch war. Aus Pulp bist du entstanden und zu Pulp wirst du zurückkehren, da genügt schon ein winziges Leck im Oberstübchen, viel entscheidender ist aber, was du aus deiner Wiedergeburt machst – so die unterhaltsame und sicherlich nicht zufällig allegorische Botschaft. Nur am Versmaß schieden sich die Geister. Wo Evelyn mal fröhlich reimte, mal frei die Worte fließen ließ und damit die allgegenwärtige Knechtschaft lästiger Vorschriften anprangerte, sah manch einer zu viel dichterische Beliebigkeit.

05_S0230183Vor der Pause amüsierte uns Wolfgang mit „Strawberry Wedding“. Karls Erdbeerhof musste diesmal als Zielscheibe seiner assoziativ-sprunghaften, satirischen Stadtbeobachtungen herhalten. Eine überdimensionale, aber völlig leere Erdbeerbude unterliegt zu Recht im Zweikampf gegen Christas Obst. Denn: „Der Wedding ist nicht arm, er hat nur keine Lust, überteuerte Preise zu zahlen.“ Jetzt wisst ihr’s!

06_S0240188In der Pause wurden fleißig Themenzettel gefüllt, und die Idee eines kompletten Themenabends, anknüpfend an sensationelle SoNochNie-Erfolge wie „Erotik“ und „Mordgelüste“ machte die Runde. Anvisiert wurde dafür der November, das Thema ist noch zu finden, sollte aber mindestens ähnliche Zugkraft besitzen wie seine berühmten Vorgänger. Nach der Pause übernahm Lesebühnenurvater Stefan die Moderation und …

07_S0360216… gab Michael die Bühne frei. Mit „Hendrik explodiert“ stellte er uns seinen Text über eine Theaterprobe zu Shakespeares Sommernachtstraum vor, in dem sich Darsteller und Rollen verschiedentlich überlagern und als Schlüssel zur Erkenntnis letztlich nur das (befreiende) Lachen bleibt. „Nachts im Wald passieren unerwartete Dinge“, sagt der Regisseur. Und Michael, Regisseur seines sprachlich wie stets treffsicheren Textes, fragt: Was ist, was erzeugt eine Komödie?

09_S0450240Stefan M., ebenfalls ein neuer Stammleser, der uns gnadenlos als Testpublikum für seine Wochenendlesung bei 48 Stunden Neukölln missbrauchte, beschloss den Abend mit „Die Sprache ist der Feind“. Sprache als Krankheit, mit der man sich infiziert, ohne eine Wahl zu haben, Reisen in ferne Länder dementsprechend als Kuraufenthalte, bis … nun ja, bis man sich auch dort unvermeidbar wieder infiziert – ein reizvolles Gedankenspiel, das in Behauptungen wie „Schriftsteller wird man nicht aus Talent, Schriftsteller wird man aus Unvermögen“ und „Literatur ist eine Form des Ertrinkes“ gipfelte. Was schon im Titel nach einem kulturphilosophischen Vortrag klingt, hörte sich im ersten, dem Sprachteil, noch beispielgefüttert konkret an, driftete aber im zweiten, dem Kunstteil, mehr und mehr in Richtung theoretische Abhandlung. Dennoch fühlten sich die meisten Zuhörer geistig höchst angeregt.

Dankenswerterweise meldete sich Michael freiwillig als Themenbeauftragter für den August. Nachdem er das Thema Leben auf dem Mars leichtfertig ausgeschlagen hatte, muss er nun Krieg und Frieden neu schreiben. Wir dürfen gespannt sein, wie er mehr als 1.500 Seiten in nur zwei Monaten zu Papier und anschließend in nur 15 Minuten zu Gehör bringen will. Eine Mammutaufgabe!

Für alle, die selbst noch ein Stichwort zur nächsten Kurzgeschichte suchen, seien hier die hochkarätigen, aber leider verpassten Alternativen vorgestellt:

Im Sommer in Berlin stolpern schlecht gelaunte Teenager durchs Warenhaus der Ideen, holen sich nasse Füße bei trockenem Kopf, sind noch nie so gebissen worden wie in dieser Sommerfrische, schon gar nicht von einer Spinne, üben sich im Wörter pressen, auch wenn das im Zweifel für den Teufel ist, und wenn ihnen einer dumm kommt, dann sagen sie ganz laut: Du – Du – Du!

Na, wenn das nicht inspiriert …

Von einsamen Geisterschatten, gelikten Autos, Premieren, Verlust und Kirschkernmassagen

DSCF8680Mit unserer 82. Lesebühne haben wir gestern Abend im Zimmer 16 das neue Jahr literarisch ausschweifend begrüßt. Diskussionsfreude wird bei uns ohnehin groß geschrieben, aber diesmal sind wir mit acht Lesenden und achtmal Rückmeldungen bis in die Geisterstunde geschlittert.

DSCF8691Alles begann wie gewohnt mit Stefans flockiger Anmoderation, Michaels startbereiter Kamera und unserem Themenbeauftragten. Frank hatte sich dankenswerter- weise bereit erklärt, im Januar noch etwas über Weihnachten zu schreiben. (Die Wege der Themenfindung sind unergründlich …) Wieder ließ er uns einen Blick in seine Romanwerkstatt werfen und übertrug seiner sich mittlerweile raumgreifend verselbstständigenden Nebenfigur Barbara die ehrenvolle Aufgabe, seinem Protagonisten Klaus aus der Klemme äh … Blase im See zu helfen. Dafür musste sie tief in ihre Vergangenheit eintauchen, bis Weihnachten 1944 zurück. Und was sie da über das grausame Wirken ihres Vaters, NS-Richter Fritz, zutage förderte, ließ niemanden von uns unberührt, indirekte Rede hin oder her. Ganz gleich, ob 70 % der Deutschen mit dem Thema Drittes Reich nicht mehr behelligt werden wollen, wie Clemens uns weitergab, wir meinen mit Frank: Die Frage, wie bin ich geworden, wer ich bin?, führt an diesem Teil unserer gemeinsamen Geschichte auch heute noch nicht vorbei.

DSCF8704Elke las eine Kurzgeschichte aus ihrem Erzählband Begegnungen, Situationen, Phantasien. Darin erzählt Meilenfresser, einst ein scharfer Schlitten, im Straßengraben liegend die Geschichte seines wechselvollen Treibstoff-schluckerlebens. Vom Publikum klar als Opferauto identifiziert, gingen die Meinungen auseinander, ob Meilenfresser eher weiter in Richtung Kinderbuchfigur zu treiben sei oder aber sich endlich mal wehren sollte. Der Grundgedanke der Autorin, dass die Natur alles wieder ins Gleichgewicht bringt, sprach jedenfalls nur aus dem Schlusssatz. Nach meinem Gefühl hätte dem Text ein kräftiger Schuss schwarzen Humors gut getan.

DSCF8711Im Anschluss kamen wir mit Michael Kuss (und Elkes Lesebrille) in den Genuss pointierter Kürzestprosa. Dreißig Sekunden hatte Michael uns versprochen, und weil die so flux und sinnreich vergangen waren, durfte er glatt noch mal lesen. ‚Landstraße. Im Scheinwerferlicht Gestalt zum Erbarmen …‘ Was auf den ersten Blick wie ein weiterer Autotext wirken konnte, enthüllte sich als minimalistische Studie über die Einsamkeit. Zwischen den Zeilen viel Raum für eigene Bilder.  Die Geschichte wäre auch in zehn, fünfzehn Minuten erzählbar gewesen, aber das Publikum fand einhellig: Weniger ist in diesem Fall unbedingt mehr! (Extremisten verwiesen gar noch auf die Entbehrlichkeit gewisser Adjektive.)

DSCF8776aIch habe mir ausnahmsweise erlaubt, für mein druckfrisches Kinderbuch WUTSCH – Der Innerirdische (Baumhaus Verlag, ab 8) und die Premierenlesung am 14. Februar 2015 um 16.00 Uhr im PANKEBUCH zu werben. Danke für all die Glückwünsche! Weitere Infos unter http://www.angela-bernhardt.de.

S0328814Ulrikes Beitrag war mit nahezu dreißig Minuten der längste, wurde aber trotz gewöhnlich strenger Spielregeln zugelassen und hälftig um die Pause gruppiert. Mit viel stimmlichem Ausdruck las Ulrike Vom Tod meiner Tochter. Es ging um Abtreibung vor dem Hintergrund der ersten Nachwendejahre und noch junger Ost-West-Beziehungen, um die damit verbundenen Rollenzuschreibungen und Schuldgefühle. Fraglos ein berührendes Thema. Dennoch spaltete dieser Text wie kein zweiter das Publikum. Da waren einerseits jene, die der sehr persönlichen Geschichte ergriffen lauschten und nichts oder wenig ändern würden, und andererseits die, denen klischeebeladene Figurenzeichnungen, häufiger Perspektivwechsel sowie zu viel Erklärung und Urteil unangenehm aufstießen. Trotz aller Streitbarkeit im Umgang mit so einem Thema und jenseits der Frage, ob die Schilderung eigener Erlebnisse nun literarisch sei oder nicht – schön, wenn ein Text derart bewegte Diskussionen auslöst!

DSCF8828Mit Kirschbaumblüte führte Petra uns anschließend in die morbiden Verzweigungen ihrer Fantasie. Die junge Frau Teresa, bekennende Kirsch- und Kirschkern(!)esserin, verwandelt sich durch einen in ihrem Unterleib austreibenden ebensolchen Kern mehr und mehr in einen Kirschbaum. Anfangs glücklich mit dem neuen Halt im Boden, den Vögeln und Kindern auf ihren fruchtreichen Ästen, befällt sie im siebenten Jahr die Einsamkeit. Doch der Versuch, sich loszureißen mündet in vollständige Entwurzelung und ihr allmähliches Absterben. Aus dem einst heiteren Gemüt fließt Galle, sie rächt sich an ihrer Umwelt … Metaphernstark und sprachlich dicht kam dieser Text beim Publikum gut an.

DSCF8830Clemens stellte in Gefällt mir literarisch knapp und wirkungsvoll nebeneinander, was uns tagtäglich ebenso begegnet: die smiley- und like-versessene Banalität sozialer Netzwerk-Kommunikation, kaum getrennt von hochbrisanten aktuellen Nachrichten, von denen uns jede einzelne um den Schlaf bringen müsste, aber für so viel realglobales Elend scheinen unsere Synapsen nicht ausgelegt. Stattdessen lassen wir uns von der ständigen  virtuellen Verfügbarkeit den Schlaf und manchmal gar den Partner rauben. Fein formuliert und auf den Punkt!

DSCF8840Elmars fünfunddreißigstrophiges Gedicht Die Vollmassage entspannte uns schlussendlich so griffig (einzig unsere Lachmuskeln hatten Schwerstarbeit zu leisten), dass wir uns rundherum bereichert aus diesem vielseitigen Abend verabschieden konnten.

Erwähnt sei unbedingt noch unser freiwilliger Themen-beauftrager für den März, Leovinus (Danke, Leo!), der sich mit dem ersten Thema nicht Qua(e)len wollte und sich zweitens Orange mel(l)iert eingehandelt hat, Schreibweise nach Gutdünken verwendbar.

Was sich sonst noch im Losschälchen tummelte, sei euch nicht vorenthalten: Punktlandung; Nachwuchssorgen; Kornkreise; Winter, Winter und kein Schnee – oh weh; Radiomusik; Glück empfinden; Berliner Eckkneipe; vom Leben nach der DDR; die Uhr tickt; vom Weg abgekommen; was Lustiges (ernst gemeint); 6. März. Vielleicht ist ja die eine oder andere Anregung dabei …

Wechselwirkungen

02-DSCF8345So breit gefächert wie das Thema waren auch die Kurzgeschichten, die fünf SoNochNie-Stammautoren am 11. Dezember 2014 im gut gefüllten Kinderbuchsaal der Janusz-Korczak-Bibliothek Berlin-Pankow zum Besten gaben.
Freundlich von den Bibliothekarinnen eröffnet und locker von Leovinus moderiert entwickelte sich der Abend zu einem Panoptikum unterschiedlichster Beziehungserfahrungen. Ulrike Warmuth machte mit einem kurzen poetisch-lyrischen Text den Anfang und übergab an Leovinus, der in einer mysteriösen Verwandlungsgeschichte das klassische Fährmann-Motiv aufgriff. Angela Bernhardt ließ ihre jugendliche Protagonistin in die Hände eines gewissen Fangzahn geraten, dessen Motive so verlockend wie undurchschaubar erschienen, während Michael Wäsers Held, als Schulanfänger noch um einiges jünger, bei seinem ersten Kinobesuch überraschend mit einem höchst unkindlichen Thema konfrontiert wurde. In sprachmächtigen Assoziationen, wer wen warum oder auch nicht verdient hat, übernahm Ulrike wieder. Fank Schlosser begab sich auf einen ebenso ernüchternden wie schwerwiegenden Besuch zu Tante Barbara, bevor Leovinus zum krönenden Abschluss einen Chipstüten-Wettkampf vor den Schirmen bot.
Die Pianistin Annette Wizisla malte all diese Geschichten mit ihren feinsinnigen Improvisationen auf den Tasten aus.
Herzlichen Dank, Annette! Und Dank auch an die Bibliothek, die mit Büchertisch, Getränken und Blumen für Atmosphäre sorgte. Wir freuen uns schon auf die Fortsetzung im nächsten Jahr!