Der April macht was wir wollen

Diana-Dana Möller machte es sich schwer, und das auch noch ausgerechnet als Themenbeauftragte des Monats. „Der Mensch in seiner Zelle“ war ihr vor zwei Monaten geloster Publikumsauftrag. Wochenlange Blockade folgte auf ihre Wahl, wie sie nachher verriet, und so war nur das erste, kürzeste ihrer präsentierten Gedichte tatsächlich für diesen Abend geschrieben – aber immerhin. Der Beauftragtenstuhl ist ein Ehrenstuhl, und jede und jeder, der sich darauf traut, verdient Anerkennung und Applaus für diesen Mut. (Zwei ihrer Vorgänger hatten diesen Schneid nicht und ließen uns am Abend mit leerem Stuhl sitzen.) Die Menschwerdung aus der Zelle war der Gegenstand dieses ersten Gedichts, kein leichter Stoff, und erst die folgenden, die sich um 9/11 drehten, um persönliche Reife, Trauer und die Asche der Vergangenheit. Die Machart und die Zugangsweise aber trafen auf wenig Gegenliebe, ersteres, weil die Reime, wenn schon gereimt, oft als bemüht oder verfehlt angesehen wurden, letzteres, weil darin eher allgemein Bekanntes angesammelt als Überraschendes oder Unerwartetes aufgedeckt wurde. Die SNN-Ehrenurkunde gab es selbstverständlich anschließend aus den Händen des Moderators Leovinus!

Regina Gröning machte es kurz. Fünf aphorismenhafte Sprüche/Miniaturen über das Altern, jede würde locker in einem Atemzug gelesen werden können, wenn man es drauf anlegte. Jede ein ganz persönliches Vergrößerungsglas, gerichtet auf ein kleines Ereignis, eine scheinbar unbedeutende Beobachtung, welche die Tragikomödie des Lebens unübersehbar und pointiert ans Licht bringen- großer Humor auf kleinstem Raum. (Gestanksfreie Füße, anhängliche Morgenfalte, haltlose Brüste u.a.) Wir sehen Sie hoffentlich bald wieder bei SNN, Frau Gröning?!

Matthias Rische machte eine vollgepisste Pampers zur Todesursache, allerdings nicht am Popo eines unschuldigen Babys, sondern auf dem Haupt seiner unglücklichen jungen, Mutter, welche die Einmalwindel über Kopf und Atemwegen gezogen hatte wie andere Leute Plastiktüten übergezogen bekommen, wenn sie „reden“ sollen oder einfach bloß sterben. Letzteres hatte die Mutter getan und wurde in einem spießigen Vorgarten vom Streifenpolizisten aufgefunden, nebst hilflosem Kleinkind an ihrer Seite. Der teilnahmslose Kommissar, der gerufen worden war, der Szenerie irgendeine nützliche Information abzugewinnen, hatte nicht die geringste Motivation, diesen Fall zu lösen. Aber Matthias vielleicht, den seltsamen Kommissar noch öfter in Erscheinung treten zu lassen?

Nach der Pause hieß es: Wer möchte sich für den Juni beauftragen lassen? Luci reckte ihre Hand hoch und lehnte ihr erstes Los („verteufelt“) ab, musste also nun das zweite annehmen: „Feinstaubbelastung“. Wir erwarten atemlos ihr SNN-Debüt am 25. Juni im Zimmer 16!

Wolfgang Weber machte eine Lesung zum Thema seiner Lesung. „Poesie Global Nr. 15“ hatte er besucht und darüber einen Bericht verfasst, wo jemand aus Island, jemand aus Algerien, jemand mit eigenem Festival, jemand aus Syrien und jemand aus den USA gelesen hatte. Selbstverständlich tat er das nicht ganz frei von W.W.-ischer Assoziationskettenkunst. Eine META-Lesung. Wann liest jemand noch METAer auf SNN über SNN?

Michael Wäser machte es spontan. Ich entschied erst nach der Pause, ein Kapitel aus meinem neuen Romanprojekt zur Diskussion zu stellen, weil noch Platz war auf der Leseliste. Die Milieuschilderung einer Provinzsiedlung der 70er Jahre durch die Augen eines Außenseiters erbrachte das (für mich) erfreuliche Ergebnis, dass sie sich wohl anhörte, als erzähle da jemand jemandem von Ich zu du, und genau das soll es ja auch sein.

Petra Lohan machte mit dem Ex-Papst einen Ausflug nach Rom. Wo er ein Paar seiner maßgefertigten roten Schuhe in der Auslage seines EX-Leibschusters stehen und gleich darauf geklaut werden sieht. Er folgt der jungen Diebin bis in eine Kirche, wo er sich im Beichtstuhl ausruht und sie sich umzieht. Eine vielschichtige Fantasie entfaltete Petra wieder einmal, inklusive der Fantasie des emeritierten Papstes um seine Schuhe, die sein Nachfolger verschmähte, weil er lieber einfache Straßenschuhe trägt. Noch ein-, zweimal Nachlesen würde man gerne, um der bedächtig erzählten, traumähnlichen Geschichte noch mehr zu entlocken, was sie ohne Zweifel bereithält.

Andrea Maluga machte den Abschluss des Abends und erinnerte in einer eindringlichen Story an die Situation derer, die den Tag des Aufstands am 17. Juni 1953 zwar in der DDR, aber sicherheitshalber am Radio verbrachten, beim Programm des RIAS Berlin. Dies bewahrte jedenfalls vor Verhaftung oder Schlimmerem, im Falle dieser Geschichte einen Elektro-Lehrling nach der Warnung durch seinen Chef. Nicht jedoch bewahrt ihn die Live-Berichterstattung des RIAS davor, am Radio das Trauma seiner eigenen Nachkriegs-Flucht aus den Ostgebieten wieder zu erleben.

Bleibt noch eins, damit wir es nicht schion wieder vergessen, bei der kommenden Lesebühne am 28. Mai die Beleuchtung auf „Diskussion“ und nicht auf „Bühne“ einzustellen, denn alle sollen ja alle sehen können, nicht nur hören. Im Mai übrigens heißt der Themenbeauftragte Matthias Rische und sein Publikumsthema: REBELLION. Wir sehen uns!

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