Französisch-grimmiges Fünf-Kammer-Flimmern oder: Die Zeit, als der römische Rebell in die Wriezener Backstube schiss

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Lesende,

wenn du dies hier liest, ist die 122. Offene Lesebühne „So Noch Nie“ Geschichte. Tut mir leid. Aber hier gibt es als kleines Trostpflaster: DAS PROTOKOLL!

Den Abend zu eröffnen hatte wie immer ich (Leovinus) die Ehre. Jedoch sputete ich mich, denn es waren, nicht zum ersten Male, volle acht Autorinnen und Autoren zu erwarten. Zu Beginn bat ich den Themenbeauftragten Matthias Rische auf die Bühne. Sein Text zum Thema „Rebellion“ hieß „In deiner Haut“. Dem Protagonisten mit dem sprechenden Namen Mousse wird im Laufe des Heranwachsens klar, dass seine (dunkle) Haut offenbar ein Problem für seine Umwelt, im speziellen seine Mitschüler, darstellt. Also kommt er zu der Erkenntnis, die dunkle Oberfläche mittels Rasiermesser abzuschaben, dies Problem aus der Welt schaffen könnte. An dieser Stelle endete Matthias‘ Geschichte, die vom Publikum größtenteils lobend aufgenommen wurde. Mein Lieblingssatz daraus: „Der innere Rebell rückt die Welt gerade.“ Die Ehrenurkunde war ihm sicher.

Ralph Mönuis, Verfasser des jüngst bei Periplaneta erschienenen Romans „Grimmatorium“, präsentierte uns ein listig funkelndes Nebenprodukt dieser Arbeit. Jakob und Wilhelm Grimm fahren mit dem Bus, in welchen alsbald ein trotz heißen Wetters in dicken Mantel gekleideter Mann einsteigt, welcher von den Insassen schnell als Terrorist identifiziert wird. Aber ist er es wirklich? Bei dieser Betrachtung der Flüchtlingspolitik in der Nusschale sind sie alle vertreten: Der autoritätsgläubige Intellektuelle, der Bürokrat, der gutdenkende Demokrat, die ängstliche Oma und natürlich der „Schmeißt-Ihn-Raus!“-Krawallbürger. Wer wissen will, wie die Geschichte eskaliert und am Ende ausgeht, schalte sich einfach auf Ralphs Youtube-Kanal. Bitte hier entlang: https://www.youtube.com/watch?v=sP1r2cCt32Q

Der dritte Gast des Abends war Lesebühnen-Stammautor Frank Georg Schlosser. Diesmal nicht mit einem Romanauszug, sondern mit „Frühling 2018“, einem eher grauen Panorama der angeblich blühenden Landschaften in der ostdeutschen Ödnis rund um Angermünde und Bad Freienwalde. Dabei ist es dort landschaftlich wirklich sehr schön, wenn man nicht gerade beim Zahnarzt auf ein Figurenkabinett aus Hartz-IV-Empfängern, Türken, Übergewichtigen, aber auch vornehm Gekleideten trifft. Die Frage, ob die „Wriezener Backstube“ ihren Namen wirklich mit Absicht an ein „Wiener Café“ anlehnt, lasse ich im Raum stehen. Das Publikum wie auch ich schätzte die leise Melancholie von Franks Betrachtung sehr.

Vor der Pause gab Ronald Schmidt den Auszug „Fünf-Kammer-Leuchte“ aus einem größeren Opus zum Besten. Wort- und dialogreich schilderte er die Malaisen des Arbeitsalltags in einer mittelständischen Fahrzeugleuchten-Fabrik. Für mein Gefühl etwas zu umständlich und nicht wirklich mit einer schlüssigen Handlung. Aber es gab auch positive Reaktionen, in denen sich Freude über die Abbildung der Irrungen und Wirrungen des Herrn Schmidt und Herrn Esse und Herrn Sühne und Neumann und Finke und Rotkopf undundund ausdrückte. Immerhin gab auch Ronald selbst zu, dass vielleicht etwas zu viele Perspektivwechsel überfordern könnten. Für mich bleibt der Satz „Hilfe – die Drei-Kammer-Leuchte wird nicht mehr produziert!“ Von dieser Erkenntnis konnten wir uns in der Pause erholen.

Danach bewarb sich Ralph (s.o.) nach kurzem Zögern um den Posten des Themenbeauftragten des Monats Juli. Forsch entschied er sich für das zuerst gezogene Thema „Stehlampe“. Freuen wir uns auf diese Erleuchtung!

Angela Bernhardt, ebenfalls geschätzte Stammautorin, las aus dem zweiten Kapitel um das das mysteriöse Verschwinden eines jungen Mannes in Rom. Wir erfahren, wie der Mann mit dem Lächeln eines Zwölfjährigen und den türkisfarbenen Augen die Ich-Erzählerin so erfolgreich bezirzt, dass sie ihm fast bereitwillig ins Dunkle folgt. Was danach geschieht – lasse ich an dieser Stelle offen. Was bleibt mir übrig, da auch Angela uns hier einen Cliffhanger bescherte. Dem Lob des Publikums – „sprachlich sehr schön“ – schließe ich mich gern an. Mein zentraler Satz allerdings war: „Alles, was ich brauche, ist ein Beweis!“

Lyrisch, nun … jedenfalls reimend, setzte Stefan den Abend fort. Inspiriert von Michael Wäsers  Themenbeauftragten-Geschichte aus dem März, trug er drei heitere Gedichte zum Thema (sorry) „Scheißen“ vor. Hernach, nicht wirklich als Ausgleich, zwei „Beziehungsenden“ durch Totschlag wegen Schnarchens und Vergiften mittels Schnitzel, und zu guter Letzt noch zwei „Glücks“-Gedichte, in welchen schnell die Erkenntnis reift „Glück ist oft von kurzer Dauer“. Kästner und Loriot ließen grüßen. Mein Schatz-Satz: „Das rare Glück ersehnt man heiß.“ So wahr!

Ulrike, die Siebte im Bunde, arbeitet sich bereits seit einigen an einem Krimi-Roman ab, in dem die 41jährige Berliner Journalistin Gaby in die Mordermittlungen an zwei Kindern in Frankreich gezogen wird. Wir wurden Ohrenzeugin des ersten Kapitels und lernen die lebens-frustrierte Heldin kennen, die erfahren muss, dass sie für die ersehnte Korrespondenten-Stelle in Paris nicht flippig genug ist, aber als Notnagel in Marseille genügt. Das große Thema „soziale Spannungen“ wird sich durch das gesamte Werk ziehen. Wünschen wir Ulrike viel Kraft auf dem steinigen Weg.

Den Abschluss gestaltete ganz passend zur fortgeschrittenen Stunde Wolfgang Weber mit dem Stück „Sag mir die Zeit“. Wie immer mit einer Fülle popkultureller Zitate arbeitete er sich mit Hilfe eines plastenen Weckers durch die Sommerzeit um drei Uhr nachts, Steve Winwoods „Time is running out“, James Brown, die Capitols und natürlich die Stones „Time, time, time – is on my side – yes it is“ bis hin zum weisen Salomo „Alles hat seine Zeit“. Oder waren das die Puhdys? Die kamen jedoch in Wolfgangs Vortrag nicht vor. Dafür sehr freundliche Reminiszenzen an unsere kleine feine SoNochNie-LiteratUhrzeit, SoNochNie-Uhr, SoNochNie-Zeit. Mein Lieblingssatz: „Am Anfang des Satzes ist das Ende nicht klar.“ Das ist fein beobachtet, lieber Wolfgang, vielen Dank dafür.

Ein jegliches hat seine Zeit, so auch das Ende dieser Lesebühne.

Aber wir sehen uns ja wieder, wenn wir am 25.Juni im Zimmer 16 erscheinen und Lucy endlich hinter der Theke hervortritt und uns als Themenbeauftragte etwas zum Thema „Feinstaubbelastung“. Wir freuen uns.

Hustend,
Erlesene Grüße – Leovinus

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