… und dann so was!

Kein Trump, keine Merkel!, bat Moderator Leovinus zu Beginn unserer 104. offenen Lesebühne SoNochNie, die an diesem 28. November 2016 ungewohnt pünktlich begann. Sechs AutorInnen hielten sich strikt daran, die siebente nicht. Was für ein Schock!

02_s0056305Wie üblich begann alles mit dem Beauftragtenthema: „Kassenarzt“, von Petra fantasievoll ausgestaltet. „Überall Zahlen“ hieß ihr Text, in dem ein gewisser Dr. Stöhr von einer ebenso fischnamigen Patientin Frau Plötz dazu bewegt wird, sich wieder mehr den Menschen zu- und von den überall herumwabernden Zahlen abzuwenden. Zu diesem Zweck trägt er s04_s0146352eine Patientenzahlenregistrierkasse auf den Gehsteig und reinigt nebenbei seine Praxis mit einem ausgeklügelten System von der Zahlenflut. Die Herrschaft der allumfassenden Kasse stellt er nicht in Frage, doch der Versuch, den Menschen hinter den Zahlen wieder näher zu kommen, sei ihm hoch angerechnet. Ein Schelm, wer Parallelen zum realen System ausmacht. Alles in allem eine verblüffende, originelle Idee, mit dem Auftragsthema umzugehen, befand die anschließende Diskussion. Um unsere großartige neue Urkunde und das zugehörige Foto kam Petra natürlich nicht herum.05_s0166361

Auf Petra folgte Matthias mit „Begegnungen am Stadtrand“. Ein älterer Mann auf dem Weg zum regelmäßigen Golftraining, ein junger Rumäne, der von seiner anstrengenden ‚Dienst-am-Kunden‘-Nachtschicht zurückkehrt und ein sechsjähriges Mädchen auf der Suche nach einem Weggefährten. Kurze Begegnungen am Rande der Stadt. Stimmungsbilder wollte er zeichnen, sagt Matthias, und das ist ihm nach Meinung des Publikums auch gut gelungen.

07_s0246400Mit Anita begann der Advent im Zimmer 16. Ihr gleichnamiger Text erzählte ganz aus der Perspektive einer alten, vermutlich dementen Frau auf der Grenze zwischen Leben und Tod. Einfühlsam und stimmig, wie die Mehrheit der Zuhörer fand. Ob es die Auflösung mit dem Tod der Dame und damit den Sprung aus der Subjektiven gebraucht hätte, blieb allerdings umstritten.

Kurios, dass sich das Los gleich darauf noch einmal für den Advent und damit für meine11_s0346461a Kurzgeschichte entschied, in der eine Zehnjährige in der Vorweihnachtszeit versucht, einen Zugang zu ihrem depressiven Vater zu finden. Ein schweres Thema, das ich dennoch gern für Kinder erzählen wollte. Die große Mehrheit der Zuhörenden hielt das für zumutbar und – gerade wegen der poetischen Bilder – auch für gelungen.

Dann war erst mal Pause. Wie üblich wählten wir unmittelbar davor den Themenbeauftragten, und zwar für die Januar-Lesebühne. Glückwunsch, Frank, du wirst ein weiteres Mal in die Annalen der SoNochNie-Geschichte eingehen. (Vermutlich hat dich die Urkunde gelockt.) Wir sind gespannt, was du aus Thema Nummer eins: „Ausgebrochen“ machen wirst.

Wer noch eine Anregung für den nächsten eigenen Text sucht – wie wär’s mit: „Banderole“, „In eine Melancholie muss man sich fallen lassen“, „Lawine“, „Rachebeschleunigung“, „Kurzschrift“, „Ja!Jaguar Jan!UAR!“, „Tortenschlacht“, „Das … Ende guter Vorsätze“, „Leichtmetall und Schwermut“ und „Aufweichung“. Los geht’s!

Im April 2017 feiern wir übrigens schon wieder ein Jubiläum: den 50. Themenbeauftragten. Dazu werden wir uns natürlich etwas ganz Besonderes einfallen lassen und euch an dieser Stelle weiter auf dem Laufenden halten.

13_s0516602Nach der Pause hat uns Frank wieder einmal in seinen Roman „Der Richter und der Fluch der Furie“ hineingezogen. Der Ausschnitt begann ein wenig trocken, weil schwarz- und rothaarlastig, entwickelte sich aber zunehmend konfliktreich und spannend. Die junge Tadschikin Summaya, die sehr erfolgreich Kleider entwirft, erzählt ihrer Kollegin und Freundin Marjorie auf dem Weg zum Markt aus ihrem früheren Bürgerkriegsleben und wartet dringend auf einen Anruf. Doch auf einmal muss sie umkehren und sich, so die Vermutung, den Geistern ihrer Vergangenheit stellen. Das Publikum war voll dabei.

Ungewöhnliches bot diesmal Wolfgang mit einer echten Geschichte, die uns anfangs alle zu Lachstürm15_s0566656en hinriss, im zweiten Teil aber etwas zerfaserte. Es ging um einen Autor, der, weil die angepeilte Lesebühne nicht stattfand, ersatzweise im Supermarkt vorlas – mit durchschlagendem Erfolg. Gute Unterhaltung, fanden wir, aber für die Wirkung bis zum Schluss: entweder früher raus oder nochmal überraschend drehen.

Zuletzt betrat Katharina die Bühne mit ihrem „Text zur (Rücken-)Lage“. „Wenn ich sterbe, möchte ich warme Hände und Füße haben“, so der private Rahmen zur öffentlichen Hinterfragung. In w18_s0666770as für Zeiten leben wir eigentlich? Warum gehen uns die Despoten und Schwarzweißlinge nicht endlich mal aus, im Gegenteil? Und da platzte er dann tatsächlich in den Abend, Donald Trump. Schreckensstarr beobachteten wir Leovinus. Würde er das überleben? Er tat’s. So konnten wir uns entspannt auf diesen doch auch sehr persönlicher Text einlassen. Vielleicht hätte Caligula als Dämon genügt und Trump wäre verzichtbar gewesen, denn beide ähneln sich im nicht Ertragen eines jeden „Dazwischen“, das uns Autoren praktisch die Luft zum Atmen ist. In diesem Sinne: Auf das Dazwischen und alle zukünftigen Lesebühnentexte die ihm weiter nachspüren!

Danke wieder einmal, Michael, für die Fotos zu diesem feinen Abend!

Leovinus machte abschließend Werbung für unsere SoNochNie-Kerngruppenlesung am 8. Dezember 2016 um 19.30 Uhr in der Janusz-Korczak-Bibliothek Berlin-Pankow. Kommt am besten alle dort hin und brecht mit uns zu neuen Ufern auf!

Und am 26. Dezember (ja, ganz richtig, das ist der zweite Weihnachtsfeiertag) sehen wir uns dann wieder im Zimmer 16 und freuen uns auf unseren Themenbeauftragten Matthias.

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der 785. Lesende

Die 91. Lesebühne SoNochNie war kurz und knackig, wie man so schön sagt. Es gab (ferienbedingt – sag ich einfach mal) nur vier Lesende. Moderiert hat der Leovinus. _MG_1384-LeovinusUnd er erklärte den Abend kurzerhand zur 785. Lesebühne, was so nicht stimmt. Aber: Es könnte gut der 785. Lesende dabei gewesen sein. Was wahrscheinlich zu tief gegriffen ist, denn meist waren es deutlich mehr als vier Lesende.

Begonnen habe ich als Themenbeauftragter_MG_1383-Frank (Thema „Roboterin“), welchselbiger Begriff zwei sich ständig kabbelnden Herren Anlass war, über den künftigen Verlauf der Evolution zu philosophieren. Martin war so freundlich, sich an die Neue Frankfurter Schule erinnert zu fühlen, aber das wäre dann doch zu viel der Ehre.

Martin selbst ließ uns am Entstehen seines Romans teilhaben, der von Dorothea Wagentreter (oder war es Wadentreter) handeln soll und von 1898 (dem Tag ihrer Geburt) bis in die Gegenwart führen soll oder doch zumindest etwas, das unserer Gegenwart nicht mehr so ferne ist. Sie ward nach sechs Jahren aus der Bildung genommen und sollte November 1923 _MG_1389-Martinverheiratet werden, was aber nicht klappte, sie wollte ins Kloster und der Vater warf sie aus der Wohnung, nicht ohne ihr nobel eine kleine Bleibe zu finanzieren. In dieser Bleibe fand dieser kleine Ausschnitt seinen Höhepunkt in einer Szene, da Dorothea sich in den Arm schnitt, das Blut sah, Jod darüber goss und sich im Schmerz endlich spürte.

In der Pause ließ uns Martin ein wenig an den Anlässen für sein Schreiben teilhaben, was auch sehr interessant war.

_MG_1393-Namen vergessenDanach war Oliver dran, er las ein Gedicht über Orson Welles, das die meisten erst mal ratlos zurückließ, außer die, denen sich die innenwohnende Traurigkeit auch ohne den Bezug zum berühmten Künstler erschloss. Zu denen gehörte ich nicht. Am Anfang ein schöner Satz: Viele, die Deutsche spielten, waren tatsächlich Deutsche … ansonsten waren viele Versatzstücke aus Werken des Künstlers wiederzuerkennen, allerdings nur für die, die mit diesem Werk vertraut waren. Es ging in dem Gedicht um Kelche und Schwerter (u.a.), was an Tarot erinnerte und tatsächlich meinte der Künstler das auch so in dem Sinne: Kelche sind zu leeren und Schwerter sind zu spüren.

Trotz der nur paar Hanseln legte Leovinus eine Pause ein, in der das Bargeld an die Bar getragen werden sollte und Themen für den nächsten Themenbeauftragten aufgeschrieben wurden. Als Themenbeauftragter für den 28.12.2015 erklärte sich der Oliver bereit etwas zu schreiben, danke, Oliver, und das erste Thema, das er zog („Warteschleife“) verwarf er zugunsten eines Themas, das ihn ausrufen ließ: Kann ich das erste Thema wiederhaben? Aber da sind die Regeln unerbittlich. Wer das erste Thema verwirft, muss das zweite nehmen, das nun lautet: „Suchen & Finden – Nähe & Distanz“. Ich finde, das ist ein gutes Thema.

Danach las wieder mal der Clemens_MG_1400-Clemens, was uns alle sehr freute. Angefangene Gedanken, sagte er zu Beginn und dass er versucht habe, Geschichten zu schreiben, aber das nicht könne – und er bedauerte auch, dass die aktuelle Lage so wenig Widerhall in den Texten fände, was die Bardame gar nicht bedauerte, denn es wäre doch mal schön, auch was Anderes zu hören als immer nur dasselbe.

Jeder sieht was er sieht, was er nicht sieht, existiert nicht. Rosenthaler Platz, Fetzen aus den 20ern. Und dann der nudelessende Rikschafahrer T., mit dem der Ich-Erzähler eine Gruppe Afghanen das Bistro betreten sah, die jeweils ein halbes dampfendes Hähnchen (das unverfänglichste Fleisch der Welt – habe ich das richtig verstanden? Das kann nur religiös gemeint sein, denn was die Produktion dieser Broiler angeht, sind sie wohl kaum unverfänglich) verzehren.  Ich habe eine Ahnung, wo sie gesessen haben, ich bin öfter am Rosenthaler Platz, aber vom Text ist nicht mehr so viel da, obwohl er allen (auch mir) sehr gut gefallen hat. Das liegt vielleicht auch an dem schnellen, fast gehetzten Vorlesen.

So. Der Leovinus verwies noch auf die Lesung der Stammautoren der offenen Lesebühne am 17.12. um 19.30 Uhr in der Janusz-Korczak-Bibliothek. Vorher kommt noch die 92. offene Lesebühne am 23.11.2015. Bis dahin. Und herzlichen Dank an den Stefan, der die Fotos schoss.

Euer fgs-Signatur Stempel groß

Wechselwirkungen

02-DSCF8345So breit gefächert wie das Thema waren auch die Kurzgeschichten, die fünf SoNochNie-Stammautoren am 11. Dezember 2014 im gut gefüllten Kinderbuchsaal der Janusz-Korczak-Bibliothek Berlin-Pankow zum Besten gaben.
Freundlich von den Bibliothekarinnen eröffnet und locker von Leovinus moderiert entwickelte sich der Abend zu einem Panoptikum unterschiedlichster Beziehungserfahrungen. Ulrike Warmuth machte mit einem kurzen poetisch-lyrischen Text den Anfang und übergab an Leovinus, der in einer mysteriösen Verwandlungsgeschichte das klassische Fährmann-Motiv aufgriff. Angela Bernhardt ließ ihre jugendliche Protagonistin in die Hände eines gewissen Fangzahn geraten, dessen Motive so verlockend wie undurchschaubar erschienen, während Michael Wäsers Held, als Schulanfänger noch um einiges jünger, bei seinem ersten Kinobesuch überraschend mit einem höchst unkindlichen Thema konfrontiert wurde. In sprachmächtigen Assoziationen, wer wen warum oder auch nicht verdient hat, übernahm Ulrike wieder. Fank Schlosser begab sich auf einen ebenso ernüchternden wie schwerwiegenden Besuch zu Tante Barbara, bevor Leovinus zum krönenden Abschluss einen Chipstüten-Wettkampf vor den Schirmen bot.
Die Pianistin Annette Wizisla malte all diese Geschichten mit ihren feinsinnigen Improvisationen auf den Tasten aus.
Herzlichen Dank, Annette! Und Dank auch an die Bibliothek, die mit Büchertisch, Getränken und Blumen für Atmosphäre sorgte. Wir freuen uns schon auf die Fortsetzung im nächsten Jahr!

Wechselwirkungen. SNN zu Gast

Niemand weiß am Morgen, wie ein Tag enden wird. Einer gewinnt im Lotto, ein anderer findet die große Liebe, der Dritte den Tod. Was für den einen das große Glück bedeutet, beschwört für den Nächsten den Untergang herauf.
Die Geschichten dieses Abends verbindet eines: Sie entstanden für die Pankower Lesebühne „So noch nie“, die seit fünf Jahren im Zimmer 16 zu Hause ist. Sie berichten von den unterschiedlichsten Wechselwirkungen, die das Leben für jeden von uns bereit hält. Hochkomisch, tief philosophisch, erschreckend oder berührend – jedes Mitglied der Lesebühne serviert bei der traditionellen Dezemberlesung seinen eigenen Stil.
Lauschen Sie Michael Wäser und seinen KollegInnen Ulrike Warmuth, Angela Bernhardt, Leovinus und Frank Georg Schlosser, wenn sie mit kurzen Geschichten Wechselwirkungen beleuchten, die die Zuhörer so noch nie betrachtet haben.
Lassen Sie sich von den Improvisationen überraschen, die Annette Wizisla sich auf dem E-Piano im Anschluss zu jedem Text einfallen lässt.
Der Eintritt ist frei.

Donnerstag, 11.Dez. 2014, 19.30 Uhr
Janusz-Korczak-Bibliothek Pankow
Berliner Str. 120/121, 13187 Berlin-Pankow

(Text von: Leovinus)

Schuhe ohne Grenzen

bitte schuhe ausziehen

Was für ein erfolgreicher Abend!

Kann man eigentlich schon von einer Tradition sprechen, wenn etwas erst zum zweiten Mal stattfindet? Nach diesem Abend sind wir von „So noch nie“ und Frau Breuer von der Bibliothek uns jedenfalls einig, dass daraus eine solche werden könnte – wenn nicht gar ein vorweihnachtliches Ritual. Wie oft hat man sonst Gelegenheit, auf einer Bühne zu stehen, die mit den Worten „Schuhe bitte ausziehen“ beschriftet ist?

Fast fünfzig Gäste fanden sich am vergangenen Donnerstag in der Kinderbuchabteilung der Pankower Janusz-Korczak-Bibliothek ein, um unseren erwachsenen Texten zu lauschen.

„Grenzerfahrungen“ war das selbst gestellte Motto. Und wir loteten das Thema selbst bis an seine Grenzen aus. Von meerchenhaft-heiter (Leovinus) über wort-mordlustig-hintergündig (Ulrike – aus Chemnitz angereist!) und historisch-innerdeutsch (Michael) bis hin zu todessehnsüchtig (Angela) und schließlich kafkaesk-intrigant (Frank) reichten die Facetten. Das Sahnehäubchen setzte Anne Schmidt mit viel Gespür am Klavier diesem Abend auf.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

PS: Da es zum Glück keinem der Zuhörer die Schuhe auszog, haben übrigens auch wir die unseren einfach anbehalten. Soviel Grenzgängertum musste sein.

Gefangen


Puh, bin ich froh, diesen Titel gefunden zu haben! Das Wort nämlich lässt sich auf alle Beiträge der gestrigen November-Lesebühne beziehen, in unterschiedlicher Weise selbstverständlich. Jetzt habe ich Sie hoffentlich neugierig darauf gemacht, in welcher.

Die Ehre und Bürde des Beginnens lag wie immer bei der Themenbeauftragten, im November: Angela Bernhardt. In ihrer Geschichte zum Thema und unter dem Titel „Fangzahn“ fühlte sich die jugendliche Protagonistin erst von den Augen eines Schulkameraden mit diesem Spitznamen und dann auf seinem Dachboden gefangen – letzteres aber nur für ein paar Schrecksekunden. Nicht wenige Zuhörer fanden das im besten Sinne gruselig. Allerdings auch ganz nah dran – oder drin – in den Gedanken, die sich eine Dreizehnjährige so macht am laufenden Band – vermute ich mal, unterstützt von den zustimmenden Worten aus dem Publikum gestern. Ein sehr spannender Einblick in die Empfindungswelt einer Pubertierenden ist aus diesem Auftrag geworden!

Frank Georg Schlosser ließ uns unter die Motorhaube respektive in seine Werkstatt schauen: keine Kurzgeschichte, sondern ein fiktives Interview, eine Annäherung an eine (Neben)Figur seiner aktuellen Erzählung präsentierte er. Der Geist eines mörderischen Tadschiken fühlte sich gefangen im Werbellinsee, auf dessen Grund er, nun ja, gefangen ist, seit er  sein finales Verbrechen beging, zeigte aber weitaus mehr Facetten, als nur ein Fiesling aus dem Pamir zu sein. Wir sind gespannt auf seinen Auftritt in der fertigen Erzählung.

Premiere I: Zwei SNN-Novizen zeigten die (meines Wissens) erste pantomimisch-literarische Performance auf der Lesebühne. Elisabeth trug erotisch-existenzielle Gedichte vor, wechselte sich dabei mit Bühnenpartner Sebastian ab, der auch den Darstellerpart übernahm und, leider, das Vorgetragene bloß illustrierte und keine eigene Darstellungskraft aufbaute. So waren am Ende beide gefangen im Unfertigen. Das Ganze war allerdings als Arbeitsstadium angekündigt – das konstruktive Feedback vom Publikum ist hoffentlich konkreter Ansporn, weiter zu feilen.

Premiere II: Erstmalig im Zimmer 16 –  auf sehr endgültige Weise waren die Personen aus Philipp Tophovens Gedicht gefangen, nämlich in ihren Gräbern. „Ci gît“ (Hier ruht), hieß es, war ursprünglich auf Französisch verfasst, nun trug der Berliner aus Paris es in seiner deutschen Übertragung vor. In dem klugen, philosophischen Gedicht ging es um höchst verschiedene Verschiedene (pardon), u.a. um Robert Desnos, Lenin und Hitler, und ihre letzen Ruhestätten, die kaum so ausgefallen sein dürften, wie ihre Bewohner sich das vorgestellt haben, egal, ob sie Massenmörder, Weltveränderer oder tragisches Opfer waren. Hoffentlich können wir Philipp bald wieder bei SNN begrüßen.

Meine beiden Auszüge aus dem aktuellen Romanprojekt bildeten den Abschluss des Abends. Der Erzähler der Hauptgeschichte ist darin zwar auf Reisen, aber dennoch gefangen in einem furchtbaren Trauma, das hier nicht offenbart wurde. Auch wenn das gestern nicht meine Absicht war (politische Diskussionen zu provozieren), entwickelte sich dennoch eine solche und veranlasste sogar einen Kollegen, unter Protest zu gehen (Weil er lieber literarisch diskutieren wollte.) Das Politische machte aber wieder Platz für die literarische Diskussion. Bleibt mir die fruchtbare Einsicht, dass mein Projekt auf beiden Seiten – literarisch UND politisch – etwas von einem Drahtseilakt hat.

Natürlich wurde auch wieder gewählt/gelost. Zum ersten Mal (Premiere III) konnten sich auch Schreibende, die nicht zum SNN-Kernteam gehören, zur Verlosung des Themenbeauftragten stellen, und es gab einen Mutigen: Philipp hob die Hand. Danke für deinen Pioniergeist! Ausgelost wurde jedoch Frank Georg Schlosser, sein Thema, gezogen aus den Vorschlägen des Publikums, wird „Eisregen“ sein, nachdem er „Gluteus maximus“ aus erster Ziehung abgelehnt hatte. (Was noch im Topf lag: peinlich berührt, Die Seele im Strudel der Zeit, Pause, Eröffnung, Schaum und Splitter, Doppelleben, Apfelbäume am Straßenrand, Kälte)

Eine interessante, anregende und ereignisreiche Lesebühne, dank an alle Teilnehmenden, ans Zimmer 16 und natürlich an unseren Gastgeber und Moderator Stefan Greitzke!  Am 23. Dezember (!) findet die letzte Lesebühne dieses Jahres statt, ich werde als Themenbeauftragter „Das perfekte Fest“ ausrichten (versprochen!).

Vorher sehen wir uns aber bestimmt noch in der Pankower Janusz-Korczak-Bibliothek, oder?

Premiere in der J.-Korczak-Bibliothek Pankow

WP_000398 WP_000412„15 Minuten“ lautete der Titel unserer musikalischen Lesung in der Pankower Janusz-Korczak-Bibliothek am Abend des 13. Dezember. 15 Minuten, das ist das gnadenlose  Zeitlimit für jeden Leser bei unserer Lesebühne, ob Hobbydichter oder Nobelpreisträger (ähem), vor unserer Sanduhr sind alle gleich.

So wunderte es niemanden im voll besetzten und wunderschön weihnachtlich geschmückten Leseraum der Kinderabteilung, dass keine der acht vorgetragenen Texte von Angela Bernhardt, Leovinus, Frang Georg Schlosser und Michael Wäser (Ulrike Warmuth war leider verhindert) unter diesem Limit blieben. Alle Texte waren schon im Zimmer 16 vorgestellt worden, die musikalischen Improvisationen aber erblickten erst im Augenblick das Licht dieser Welt, in dem sie vorgetragen wurden. Annette Wizisla und Eva Päplow-Ako spielten tatsächlich zum allerersten Mal zusammen (Piano und Horn) und schafften es, ihre Kommentare zu den äußerst unterschiedlichen Texten und Atmosphären witzig, sensibel und frisch hervorzuzaubern. Den Mitarbeiterinnen der Korczak-Bibliothek, die den Abend bewundernswert gut vorbereitet hatten, mit Pressearbeit, Werbung und Plakaten, aber auch mit Weihnachtsgebäck, Wein und Limonade – und am Ende mit einer Rose für jeden von uns! – sagen wir herzlichen Dank, es war ein schöner, interessanter und überraschender Leseabend, und das fand wohl auch das Publikum.

HERZLICHEN DANK AN ALLE UND: Frohe Festtage und ein gesundes, glückliches Neues Jahr!