Verflucht nochmal!

Die 87. Offene Lesebühne SoNochNie

01_S0050073Es ist ja oft so: Neuerungen werden eingeführt, weil irgendein alter Schuh drückt. Doch genau in dem Moment, da man sie ganz dringend zu brauchen glaubt, erübrigen sie sich von selbst. Gestern Abend haben wir die Offene Lesebühne erstmalig auf acht Autoren beschränkt. Und wieviele wollten lesen? Ganze sechs. Gelost haben wir trotzdem, weil wir irgendwie doch alle noch kindlich-glücklichen Jahrmarktserinnerungen nachhängen. Nur Frank hatte seinen ersten Platz dank einer gewissen Quadratur des Kreises (sein Beauftragtenthema) schon sicher. Und so konnte Leovinus, der den ersten Teil des Abends moderierte, sämtliche Erklärungen zum neuen Prozedere unter den Lesetisch fallen lassen und direkt …

S0110099… ein neues Kapitel aus Franks stetig wachsendem Roman „So klein mit Hut“ ankündigen. Darin wurden wir Zeugen eines Kammerspiels zwischen Klaus, wegen eines undurchsichtigen Fluchs nur noch stuhlbeinhoch, und seinem Psychologen Herbert, dem ein noch viel undurchsichtigerer Fluch ausgerechnet das empfindlichste Körperteil vereist und ihn damit handlungsunfähig gemacht hatte. Im Dialog zwischen den beiden zum Thema Wie versöhnt man einen Geist? klärt sich der Hintergrund dieser vermaledeiten Fluchkiste auf, und ein Ausweg deutet sich an … wenn da nicht Eis am Stiel und die viel zu hohe Türklinke wäre. Im Ton zwischen Ernst und Ironie gut ausbalanciert hätte der unterhaltsame Text nur gern noch etwas szenischer und seine Protagonisten sprachlich differenzierter sein dürfen.

02_S0150125Weiter gings mit Max, der in den vergangenen Monaten zum SoNochNie-Stammgast avanciert ist. Sein sehr persönlicher Text „Die Schlafenden“, in dem er uns Einblick in seine nächtlich-schlaflosen Assoziationen mit und ohne Bettgefährten gewährte, warf die Frage auf, ob er überhaupt für ein Publikum geschrieben sei. Ich finde schon, allein wegen solcher Sätze wie „Mit geschlossenem Mund konnten alle Menschen ehrlich sein“ oder „Er sah, wie jeder Mann, auch ungeschminkt wie ein Mann aus“ (kann sein, dass ich hier ein oder zwei „ungeschminkts“ unterschlagen habe) oder „Ich hätte jedes Wort dort (in seinen Mund) hineinlegen können, vor allem mein eigenes.“ Gern mehr von solcher Poesie!

04_S0180149Evelyn, neu bei uns, knüpfte mit ihrem Gedicht „Buch mit Nässefluch“ zufällig (aber wer weiß das schon so genau) an Franks Thematik an, nur dass ihre Hauptperson kein Mensch, sondern ein dem wässrigen Untergang geweihtes Buch war. Aus Pulp bist du entstanden und zu Pulp wirst du zurückkehren, da genügt schon ein winziges Leck im Oberstübchen, viel entscheidender ist aber, was du aus deiner Wiedergeburt machst – so die unterhaltsame und sicherlich nicht zufällig allegorische Botschaft. Nur am Versmaß schieden sich die Geister. Wo Evelyn mal fröhlich reimte, mal frei die Worte fließen ließ und damit die allgegenwärtige Knechtschaft lästiger Vorschriften anprangerte, sah manch einer zu viel dichterische Beliebigkeit.

05_S0230183Vor der Pause amüsierte uns Wolfgang mit „Strawberry Wedding“. Karls Erdbeerhof musste diesmal als Zielscheibe seiner assoziativ-sprunghaften, satirischen Stadtbeobachtungen herhalten. Eine überdimensionale, aber völlig leere Erdbeerbude unterliegt zu Recht im Zweikampf gegen Christas Obst. Denn: „Der Wedding ist nicht arm, er hat nur keine Lust, überteuerte Preise zu zahlen.“ Jetzt wisst ihr’s!

06_S0240188In der Pause wurden fleißig Themenzettel gefüllt, und die Idee eines kompletten Themenabends, anknüpfend an sensationelle SoNochNie-Erfolge wie „Erotik“ und „Mordgelüste“ machte die Runde. Anvisiert wurde dafür der November, das Thema ist noch zu finden, sollte aber mindestens ähnliche Zugkraft besitzen wie seine berühmten Vorgänger. Nach der Pause übernahm Lesebühnenurvater Stefan die Moderation und …

07_S0360216… gab Michael die Bühne frei. Mit „Hendrik explodiert“ stellte er uns seinen Text über eine Theaterprobe zu Shakespeares Sommernachtstraum vor, in dem sich Darsteller und Rollen verschiedentlich überlagern und als Schlüssel zur Erkenntnis letztlich nur das (befreiende) Lachen bleibt. „Nachts im Wald passieren unerwartete Dinge“, sagt der Regisseur. Und Michael, Regisseur seines sprachlich wie stets treffsicheren Textes, fragt: Was ist, was erzeugt eine Komödie?

09_S0450240Stefan M., ebenfalls ein neuer Stammleser, der uns gnadenlos als Testpublikum für seine Wochenendlesung bei 48 Stunden Neukölln missbrauchte, beschloss den Abend mit „Die Sprache ist der Feind“. Sprache als Krankheit, mit der man sich infiziert, ohne eine Wahl zu haben, Reisen in ferne Länder dementsprechend als Kuraufenthalte, bis … nun ja, bis man sich auch dort unvermeidbar wieder infiziert – ein reizvolles Gedankenspiel, das in Behauptungen wie „Schriftsteller wird man nicht aus Talent, Schriftsteller wird man aus Unvermögen“ und „Literatur ist eine Form des Ertrinkes“ gipfelte. Was schon im Titel nach einem kulturphilosophischen Vortrag klingt, hörte sich im ersten, dem Sprachteil, noch beispielgefüttert konkret an, driftete aber im zweiten, dem Kunstteil, mehr und mehr in Richtung theoretische Abhandlung. Dennoch fühlten sich die meisten Zuhörer geistig höchst angeregt.

Dankenswerterweise meldete sich Michael freiwillig als Themenbeauftragter für den August. Nachdem er das Thema Leben auf dem Mars leichtfertig ausgeschlagen hatte, muss er nun Krieg und Frieden neu schreiben. Wir dürfen gespannt sein, wie er mehr als 1.500 Seiten in nur zwei Monaten zu Papier und anschließend in nur 15 Minuten zu Gehör bringen will. Eine Mammutaufgabe!

Für alle, die selbst noch ein Stichwort zur nächsten Kurzgeschichte suchen, seien hier die hochkarätigen, aber leider verpassten Alternativen vorgestellt:

Im Sommer in Berlin stolpern schlecht gelaunte Teenager durchs Warenhaus der Ideen, holen sich nasse Füße bei trockenem Kopf, sind noch nie so gebissen worden wie in dieser Sommerfrische, schon gar nicht von einer Spinne, üben sich im Wörter pressen, auch wenn das im Zweifel für den Teufel ist, und wenn ihnen einer dumm kommt, dann sagen sie ganz laut: Du – Du – Du!

Na, wenn das nicht inspiriert …

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