Goldelse

(Auszug aus dem SNN-Beauftragtentext April von Michael Wäser)

Frühlingsgefühle und Pollenplage, das ist das Thema, aber was ist damit gemeint? Ein Dilemma, natürlich, möglicherweise, zumindest in der Assoziation machbar und sogar nahe liegend. Frühlingsgefühle: ganz klar, der erwachende Trieb, die aufkeimende Bereitschaft zur amourösen und/oder sexuellen Exposition, zur Brautschau, im Tierreich (mit eingegrenzterer Bedeutung, aber wer weiß das schon genau) zur Balz oder Brunft. OK. Pollenplage erfordert schon mehr Übertragungsleistung, erstmal wäre das eine natürliche Überproduktion von Blütenpollen, die sich auf die Umgebung negativ auswirkt, aber hier spielt wohl eher die Plage der Pollen an sich hinein, die Pollen, die manch einer nur als Plage empfinden kann, weil sie die Schleim- und anderen Häute geradezu explodieren lassen, Dilemma also: explodierende Triebe versus explodierende Schleimhäute, Rohrkrepierer quasi wegen Pollenverstopfung. Was mich zum speziellen Ansatz bringt: Kanonenrohr, heiliges! Eine ganze Stafette davon, gesammelt auf deutsch-dänischen, deutsch-österreichischen und deutsch-französischen Schlachtfeldern, von Feinden umringt, siegreich zum allerletzten Mal, hätte mein Vater bedauernd gesagt, der letzte davon 18siebzich einundsiebzich. Jetzt also golden angemalt und angepappt an eine Säule werweißwiehoch mitten im Tiergarten, Berlin. Selfie, tatsächlich und beim kurzzeitigen Absteigen vom Drahtesel getätigt: ich mit knallrotem Sturzhelm auf dem Schädel (wahnsinnig phallisch, unübersehbar, Junge!) und dahinter, darüber Else, Goldelse oben auf der Kanonenrohrsäule, na wenn das nich phallisch ist, Mann! Bitteschön, das hier wird keine Prosa, jedenfalls keine Fiktion, ich lass mich mal ein, nicht zu fiktionalisieren oder zu fantasieren, jedenfalls nicht wie sonst, das hier wird ein Selfie, bloß eben geschrieben und mit Kommentar geschickt an eine wahrhaftig Verblichene. OK. Warum nicht. Ausnahmsweise. Keine weinerliche Verarbeitungsprosa, ich schwör!, aber auch wenn die große Verarbeitung lange passé ist, ist Prosa, ja, ich weiß, doch auch immer Verarbeitung, klar, aber eine interessante doch wenigstens, schöne mitunter, eine anstößige, ein Anstoß für die anderen da, warum sollten die sich das sonst antun, z.B. […]

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Zinnschrei

Jahre zusammen

Sind es

So viele dass wir sie

Vielleicht

Besser

Nicht mehr zählen

Im Wir

Nur noch

Eins

 

Wie eine Stange Zinn zusammen

geschmolzen

Glaubten wir

Nicht mehr sichtbar jeder

Fast genauso lang

erstarrt

 

Bewegung

Gibt es nur noch

in Molekülen der Legierung

hörbar nur noch

Nur

Ganz nah am Ohr

Nur

aufmerksam,

dann wie Brüllen,

ohne Warnung,

glaubten wir

 

Und jetzt: Die Gestalt

ist eine andere als wir meinten

ganz verdreht

ganz verkehrt das Außen

ins Innen

ganz unbemerkt

eine fremde

 

Zinn in unsichtbarer Biegung

Ein Schmerzenslaut

schmerzensleise

 

© 2014 Michael Wäser

Valentinstag

Auszug aus dem Februar-Beauftragtentext von Michael Wäser

Frag nicht. Woher soll ich denn das wissen. Es ist ein dreckiger, eiskalter Kerker. Ein Fleischermesser in deinem Unterleib, das dich aufschlitzt bis zum Hals und eine Schusternadel, die dich wieder zunäht mit grobem Faden, wieder und wieder und wieder und wieder wenn du nicht aufpasst. Es geht immer wieder von vorne los. Wenn du dich nicht in Sicherheit bringst rechtzeitig, aber wann ist schon rechtzeitig, wenn es bereits geschehen ist, und es wird geschehen, irgendwann, unvorbereitet trifft es dich, du hast ja keine Ahnung. Wieso soll ich eine Antwort haben, ausgerechnet ich. Glaubst du, die Erwachsenen wissen alles. Das meiste von dem, was Erwachsene wissen, willst du gar nicht wissen, glaub mir. Du willst es niemals herausfinden, nie lernen, nie erleben. Lass mich. Wieso fragst du, ich habe zu tun, ich habe hier im Haus weißgott genug zu tun den ganzen Tag, ich habe dafür zu sorgen, dass du wenigstens irgendwas zu essen kriegst, du und alle anderen hier, ich habe dafür zu sorgen, dass die Wäsche sauber wird und gebügelt, die Unterhosen inbegriffen, ja gebügelt, jede Einzelne, warum soll man die ganzen Unterhosen denn nicht bügeln, wo kämen wir denn da hin, sie sind wichtig, die Unterhosen, ich habe das zu tun, da kann ich nicht auch noch zuhören und irgendwelche dummen Fragen beantworten, das können wirklich andere tun, nicht ich, ich habe keine Ahnung, ich habe keine Zeit, wer bin ich denn, deine Mutter, ich habe nun wirklich keine Zeit für so etwas, ich höre Radio, während ich mich um die Wäsche kümmere. Das Verrückte ist ja, dass du damit zu tun hast, du und die anderen alle, eigentlich haben wir alle damit zu tun, jeder, jeder einzelne, immer schon. Mir wird schlecht wenn ich daran denke. Also warum fragst du. […]

Vollständiger Text

Super (Auszug aus dem Dezember-Beauftragtentext von Michael Wäser)

Habe heute der Geschäftsleitung Jemen vorgeschlagen. Unbeackerte Felder für einen globalen Dienstleister wie uns sind nun mal schwer zu finden. Soll ein Kurzkonzept entwickeln, haben die gesagt. Sitze schon am Handout, die paar Basics hacke ich im Halbschlaf zusammen. Glaube, die haben was vor mit mir. Habe deshalb beschlossen, Tagebuch zu führen. Das wird was Wichtiges mit Jemen, da will ich alles notieren, wird ’ne super Story, ich mach da ein Buch draus, Markterschließung für echte Kerle oder so, Verlag wird kein Problem, das verkauft sich wie bescheuert.

Habe der Geschäftsleitung im Handout als Einstieg in den Markt dort unten eine Event-Agentur vorgeschlagen, Name: DAS PERFEKTE FEST, Veranstaltungen all inclusive, Festivitäten, Feiern und so was, ganz groß für die reichen Kameltreiber, natürlich übersetzt, keine Ahnung, wie das dann heißt, kann ja auch keiner aussprechen die Scheiße. Sind voll drauf angesprungen. Soll das Projekt vor Ort leiten. Ich wusste es, die haben was vor.

Gehe mit einem kleinen Team nach Sanaa, Büros sind schon gemietet. Spezialisierung erstmal große Hochzeitsfeste irgendwo in der Wüste, alles Stammesgebiete, da kommen Hunderte von Gästen, die lassen sich die professionelle Hochzeit noch was kosten, sind ganz wild auf deutsche Zuverlässigkeit. Die werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. In drei, vier Monaten sind wir Monopolist, dann wollen die Saudis und die anderen Ölscheichs uns auch alle haben. Dann rollt der Rubel erst richtig. Verstehe schon, warum die mich wollten. In spätestens einem Jahr sitze ich in der Geschäftsführung mit am Tisch. […]

Den kompletten Text gibt es hier.

Glanz

Auszug aus der Geschichte von Michael Wäser, Themenbeauftragter Oktober zum Thema „Parabolspiegel“

Beinahe Stille. Mehr und mehr Sonnenlicht bricht sich Bahn durch die letzten aufgewirbelten Sandwolken und umher schwebenden Objekte, die bald auch zu Boden gesunken oder von der Strömung sanft fortgetragen worden sein werden. Große, silbrig glitzernde Augen spiegeln sich in mir, deren mit ihnen verbundenes Gehirn nicht im Entferntesten zu erfassen in der Lage sein dürfte, was gerade geschehen ist und warum es geschehen ist, nicht einmal, warum das Bild, das diese Augen sehen, auf dem Kopf steht, das Bild der ganzen Welt.

Ich wurde geschaffen vor drei Jahren im französischen Limoges, als eines von 362 Teilen des exklusivsten Speisegeschirrs dieses Jahrzehnts. Ich bin einer von 48 Speisetellern mit 270 mm Durchmesser, welches mich und die anderen Speiseteller von den 48 Platztellern mit 285 und den 48 Suppentellern mit 250 mm Durchmesser unterscheidet, wobei ich die kleinen Speiseteller, die Salatteller, die Dessertteller und -schalen, die ebenfalls in einer jeweiligen Anzahl von 48 Stück und der ihnen jeweils angemessenen Größe vorhanden sind, und die dazugehörigen, umfangreichen Serviergeschirre nicht ausdrücklich erwähnen möchte. Der Name, den die Manufaktur in Limoges diesem Service gab, das nur einmalig und nur für einen einzigen Kunden angefertigt wurde, war „Helios“. Dieser Name verband auf bestechend klare Weise, ebenso wie das so bezeichnete Service, die Vorstellung von Erhabenheit und Macht mit dem Anspruch wahrhaftiger Exklusivität. Diese wurde auch dadurch sichergestellt, dass der Preis für einen einzigen Speiseteller, also mich, bei etwa 6000 Euro anzusetzen war. Diese Preisgestaltung kam dem Wunsch des Kunden durchaus entgegen, der sich um die Kosten nur insofern Gedanken machte, als sie für alle anderen Menschen, abgesehen von sehr, sehr wenigen Ausnahmen, vollkommen unerreichbar sein sollten. Sie erklärte sich aber auch durch die neuartige und kaum weniger exklusive Art der Herstellung des Geschirrs. Es bestand im Kern aus feinstem Limoger Porzellan. Eine flämische Designerin hatte das komplette Service in konsequenter und radikaler Reduktion der Form entworfen – es gab bei keinem Teller, keiner Schale, keiner Platte einen althergebrachten „Tellerrand“. Stattdessen wiesen alle Stücke, soweit das irgendwie realisierbar war, eine perfekte Kreisform auf und von Rand zu Rand durchliefen die jeweiligen Durchmesser ein vollkommen geformtes Kugelsegment. Um zu dem gewünschten Ebenmaß zu gelangen, wurden in der Porzellanfertigung bis dahin noch nie eingesetzte Techniken aus dem Maschinenbau und der Feinoptik angewendet. Jedes Stück, das den ersten Brand, den anschließenden Schliff und die folgende, erste Qualitätskontrolle überstanden hatte, wies daher an seiner Oberseite eine perfekte konkave Kugelsegmentform auf, deren Abweichung an keiner Stelle mehr als ein Hundertstel Millimeter betrug. Anschließend wurden diese konkaven Oberseiten in einem für die Herstellung astronomischer Spiegel entwickelten Verfahren mit Rhodium bedampft, einem der seltensten und teuersten Edelmetalle dieses Planeten. Rhodium besitzt außergewöhnlich starke Reflexionseigenschaften, weshalb es für die Beschichtung von Präzisionsspiegeln verwendet wird. In der Tat konnte man daher jedes der kreisförmigen Teile, also jeden Teller, als hochpräzisen Parabolspiegel bezeichnen. […]

Den kompletten Text können Sie hier lesen.

So klein mit Hut – Ausschnitt 2. Teil

Sie fahren los“, piepste Klaus mir ins Ohr.

Das sehe ich.“

Und was machen wir jetzt?“

Du schleichst dich ran und lässt ihr in einem passenden Moment die Luft aus dem Reifen, hinter ihrer Satteltasche sieht sie dich nicht.“

Bist du wahnsinnig?“

Ich nahm ihn von der Schulter und setzte ihn auf den Boden.

Kurz bevor sie alle losgefahren sind, dann haben wir sie von der Gruppe getrennt.“

Ich erwartete, dass er sich sträuben und an mich klammern würde, aber wie ein Indianer huschte er davon. Ich verbarg mich noch eine Sekunde hinter dem Busch bis mir aufging, dass das nun albern war.

Klaus schlich sich durch das hohe Gras links vom Weg zu der Gruppe. Bald hatte ich ihn aus den Augen verloren. Komm Klaus, mach hin. Nacheinander stiegen sie auf, Diana zurrte was an ihrer Tasche fest, sie wandte dem Wegrand den Rücken zu, jetzt, komm, ich sah eine Bewegung des Grases, da kam dieser andere Kollege, den ich eigentlich erschießen wollte, und fragte sie was, wahrscheinlich, ob er ihr helfen könne. Diana braucht keine Hilfe, du Arsch, du weißt gar nicht, wie gefährlich du lebst. Diana winkte ab, sie stieg auf und rollte los – elegante Bewegungsabläufe und schönes Fahrgestell, das musste ich zugeben – Scheiße. Der Kollege wandte sich ab. Pech. Ein Plan war das auch nicht gewesen. Ich setzte mich in Bewegung um Klaus aufzusammeln, da schoss er aus dem Gras und rannte wie früher, als es noch Sinn machte, angefahrenen Zügen hinterher zu hetzen und sprang und krallte sich am Rahmen fest, sein linkes Bein rutschte ab und er pendelte zum Rad hin. Ich schloss die Augen, ich wollte nicht sehen, wie er zwischen Ritzel und Kette oder zwischen Speichen und Gabel zerschnitten oder zermalmt wurde. Aber als ich den Blick wieder hob und Diana in den Weg zur Straße einbiegen sah, winkte er mir zwischen den Satteltaschen vom Gepäckträger zu. Pfeifend entwich die Luft meinen Lungen. Dann waren er und sie verschwunden.

Ein Loch blieb zurück, im Wald und in mir. Ich könnte jetzt meinen kalten Zander essen oder Richtung Joachimsthal fahren und von da den Zug nehmen. Aber ich dachte nicht mal daran. Diana, die Göttin der Jagd, war zur Gejagten geworden. Dieser Sog zog mich schließlich in dasselbe Loch im Wald und da ging es mir gleich besser.

Am Ortsausgang gab es eine Steigung, kurz vor dem Schild wechselte der Radweg die Straßenseite. Dort hatte Klaus zugeschlagen. Diana stand allein und untersuchte ihren platten Reifen.

Kann ich helfen, Madam?“, kehrte ich den altmodischen Charmeur heraus.

Das Ventil ist weg“, empörte sie sich.

Wie weg?“, fragte ich und suchte die Umgebung nach Klaus ab.

Ich halte an, da muss es ja noch dran gewesen sein, und ich will wieder losfahren, da habe ich einen Platten.“ Ihre Augen wanderten über den Boden in einem Radius, in dem man ein abgefallenes Ventil vermuten durfte.

Sowas hab ich noch nie erlebt. Ich meine, wie kann es weg sein?“ Sie war fassungslos, was mich an ihren überirdischen Fähigkeiten zweifeln ließ.

Was halten sie davon“, fragte ich, „wenn ich die Geister des Waldes bitte, es ihnen zurückzubringen?“ Ich hob die Augenbrauen, um das Außergewöhnliche meines Vorschlages zu unterstreichen.

Sie unterbrach ihre Suche und schaute mich mit dem amüsiert-verächtlichen Blick einer Frau an, die schon zu viele billige Anmachsprüche gehört hatte, dann lachte sie auf.

Machen sie mal.“

Ich riss mich zusammen und breitete die Arme.

Ihr Geister des Waldes, gebt dieser Lady ihr Ventil zurück.“

Diana hielt sich den Handrücken vor den Mund wie eine Höflichkeitsgeste, das Lachen beugte sie und so sah sie nicht, wie Klaus an mir emporkletterte.

Als sie wieder hochkam, hielt ich ihr das Ventil hin. Sie nahm es wie etwas, das ich ihr schuldete, das im Grunde jeder Mann ihr geschuldet hätte und beugte sich über ihr Rad, um es einzubauen.

Die Show war so platt wie mein Reifen“, sagte sie, „trotzdem danke.“ Das nahm mich für sie ein, weil das Danke ernst gemeint klang. Sie wendete mir den Rücken zu.

Verärgert war ich wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie es hinnahm, dass mir ein Ventil aus der Hand gewachsen war, deshalb setzte ich ihr den zappelnden Klaus auf den Rücken. Irgendwie musste ich sie ja mit ihm konfrontieren. Ich ließ ihn aus zehn Zentimetern Höhe fallen und stellte mich sofort wieder grade hin. Die Reaktion war heftig. Wahrscheinlich glaubte sie, ich kraule sie im Nacken, ihre Hand fuhr im hohen Bogen herum, traf aber nichts. Sie verlor ihr Gleichgewicht, weil sie den Treffer eingerechnet hatte und landete auf dem Hintern, Klaus sprang ab. Sie starrte mich an.

Alles in Ordnung, Madam?“, fragte ich mitfühlend. Ihre Augen wanderten nach links und rechts. Offenbar weigerte sie sich, nur ein Insekt für das Gefühl verantwortlich zu machen. Misstrauen im Blick erhob sie sich und setzte ein Grinsen auf.

Anfall“, sagte sie entschuldigend, „Epilepsie.“

Ich nickte verständnisvoll und sie beugte sich, wachsamer jetzt, ihrem Rad zu. Ihre Hände fanden das Ventil und schoben den Einsatz da rein. Ihre Augen irrten umher. Ihre Hände schraubten das Ventil fest und sie begann, Luft auf den Reifen zu pumpen, ihre Augen behielten meine Füße im Blick, ob ich mich von der Stelle bewegte. Das tat ich nicht, und doch lief ihr etwas den Rücken hoch, sie warf sich zur Seite, Klaus fiepte und brachte sich hinter meinem rechten Bein in Sicherheit.

Ok“, sagte sie und stand langsam auf. Sie schien nicht sicher, trat einen Schritt zur Seite.

Was haben sie da, eine Ratte?“, fragte sie. Sie pumpte weiter, jetzt von der anderen Seite des Rades. Klaus sprang hervor, offenbar um wieder an ihr hochzuklettern, erstarrte jedoch auf halber Strecke, weil er sah, dass er entdeckt war. Diana ließ die Pumpe fallen und packte ihr Rad.

Vielleicht haben sie mehr als ihr Ventil verloren“, bemerkte ich geistreich und setzte mir Klaus wieder auf die Schulter.

Diana wich zurück und zerrte ihr Rad schützend vor sich her.

Hej, kneifen ist nicht“, rief ich und tat einen Schritt auf sie zu.

Was soll das?“, keuchte sie. „Bleiben sie mir vom Leib!“

Ich musste etwas sagen, ich war Klaus‘ Sprecher, das war mir sonnenklar. Bloß was? „Sie haben ihn geschrumpft“, kam mir nicht über die Lippen, ich glaubte es einfach nicht. Und ihr Blick sprach Bände. Sie starrte wie das Wiesel leicht an mir vorbei, nur nicht enttäuscht, weil ihr eine sicher geglaubte Beute entwischt war, eher als wäre ihr der Leibhaftige erschienen. Immer noch hielt sie ihr Rad schützend vor sich und ging langsam Schritt um Schritt zurück.

Warten sie“, sagte ich so ruhig wie möglich, ich kannte Anzeichen einer panischen Reaktion. Ich hob leicht beide Hände, Handflächen nach unten und beugte mich ein wenig nach vorne, als legte ich meine Waffen nieder.

Ganz ruhig, wir tun ihnen nichts. Sie kennen ihn länger als ich, er tut nichts.“

Diana blieb stehen. Sie starrte auf Klaus und es schien mir, dass ein Erkennen stattfand.

Er glaubt“, ich betonte das Wort, „dass sein Zustand etwas mit ihnen zu tun hat.“

Sie lachte hässlich, es war eher wie ein Schluckauf.

Würstchen“, zischte sie. Und ich erstaunte mich wieder. Wie schon über mich. Sie hatte ihn erkannt. Und akzeptiert, in ein paar Sekunden.

Du hast mich geschrumpft“, bellte Klaus. Ihr Lachen war so hemmungslos verächtlich, dass ich mich fragte, wie blind vor Liebe er gewesen sein muss.

Dafür, dass ich eine Zeit lang geglaubt habe, du wärst anders …“ begann sie und stockte.

Sie gibt es zu!“, brüllte mir Klaus‘ Diskant ins Ohr, als ob damit was gewonnen wäre.

Was wollt ihr zwei Hanswürste eigentlich von mir?“

Hej, Moment mal“, das war ich, „ich hab damit gar nichts zu tun.“

Er sitzt auf ihrer Schulter, nicht auf meiner.“

Hier, nehmen sie ihn mit.“ Ich vergaß alle diplomatischen Taktiken, zerrte Klaus von meiner Schulter und hielt ihn ihr hin. „Ihr habt ja offenbar was miteinander zu klären.“

Wir sind fertig … miteinander. Sie können ihn wegwerfen.“ Sprach sie und schwang sich auf ihr Rad.

Sie können mich doch damit nicht alleine lassen“, rief ich ihr nach. „Sie haben das verbockt.“

Und sie haben es aufgelesen“, trällerte sie.

So etwas wie sie hat man früher auf den Scheiterhaufen geschickt“, brüllte ich wütend.

Da hielt sie nochmal an und drehte sich um. Ich zuckte zurück, ich musste an die Schneekönigin denken. Jeder Anflug einer amüsierten Attitüde war gewichen. Nackte kalte Grausamkeit, Entschlossenheit, ich weiß nicht was, die furchtbare Gewissheit, dass es Dinge gab, die sie niemals an sich lassen würde, starrten mich an.

Ihr Stil gefällt mir nicht, Mister“, sagte sie leise und doch verstand ich sie, als flüsterte sie mir die Worte ins Ohr.

Er ist … so eisig.“ Sie zögerte. „Ja, ich glaube, sie haben Eis … am Stil?“

Dieser Gag versöhnte sie offenbar mit sich selber, sie lachte laut wie die böse Ursula, radelte los und nach ein paar Metern war sie verschwunden und mir schien, als ob der Wald und alle Bäume ihr Lachen wie ein Echo, wie ein Trichter aufnahmen und verstärkten.

Was ist“, zappelte Klaus auf meiner Schulter, „fahr ihr hinterher.“

Ich kann nicht“, hauchte ich.

Wieso?“

Und ich weiß noch, dass ich nicht zusammensank, weil ein Einknicken in der Hüfte nicht mehr möglich war. Ich kippte einfach um. Mir war unglaublich übel. Aber bevor ich kotzen konnte, und noch vor dem Aufprall raubte mir der Schmerz die Sinne, ein Schmerz, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte, den ich auch nicht lokalisieren konnte, weil er mich vollständig ausfüllte.

Veröffentlicht unter Texte.

Auszug aus „Die Schlacht vom Prenzlauer Berg – Ein Epos in fünf Gesängen“ von Michael Wäser

Vierter Gesang

Doch während noch ordnen sich jene und diese und spähen die Schwächen
Der Gegner, die Zucht auch der eigenen Kämpfer, heran aus Südost
Naht das Unheil. Ein Heer, so erbarmungslos, stark und bewaffnet mit neuestem
Kriegsgerät, bebend die Masse sich bahnt ihren Weg auf das Feld.
Kundschafter gleiten erst lautlos auf schlankem Gestell und zwei Rädern,
Die Sonne im Rücken, ihr Fixie so flink wie der Schwertfisch auf blutiger
Jagd. Die Augen so groß wie die Augen des Schwertfischs auf blutiger
Jagd. Die Reifen so scharf wie das Schwert des Schwertfischs auf blutiger
Jagd. Sie weisen dem Heere, das folgt, nun den Weg des Triumphes.
Da kommen sie, Reihen um Reihen geschlossen, heran wie die Brandung
Des wütenden Meeres! Ein Fußvolk mit magischen Brillen, die sengenden
Strahlen der Sonne zu schleudern auf jeglichen Feind. Es folgen
Die leichten Kohorten mit rumpelnden Wägen voll Säuglingen, Kleinkindern.
Dachshunde schnappend nach Luft, entkommen dem sicheren Tode,
Den kniehoch gehäuften Beruhigungssaugern am Kolle, die watend
Durchschreiten die Väter und Mütter, bewaffnet mit kochendem Latte,
Zu brühen wer immer sich stellt zwischen sie und den Dackel. Sie stoßen
Voran nun und wehe, es folgen noch schlimmere Truppen, gerüstet
Mit doppelläufigen Streitwägen, Zwilling um Zwilling darin,
Hochbegabt, dreihundert Säuglinge, Halbgötter noch ohne Zähne.
Die Phalanx verbreitet nur Schrecken und Angst, wo immer sie bahnt
Sich den Weg, zerschmetternd die Knie, zermalmend die Füße der Feinde!
Fliehet, Verlorne! Umsonst vergießt ihr das kostbare Blut gegen
Diese Titanen, die Schonung nicht kennen, nur glorreichen Sieg!

Das komplette Epos können Sie hier lesen.