„So noch nie“, Liedtext von Ute Danielzick

Zum Jubiläum, der 99. Lesebühne SoNochNie, schrieb Ute Daniezick extra für uns ein Lied und trug es uns und dem Publikum ganz wunderbar vor. Wir sind gerührt, begeistert und danken aus ganzem Herzen.

So noch nie..

1.
Sie sitzt im Büro, wo außer
einem Zahlendreher gestern,
nichts die Stille unterbricht,
sie aufregt oder unterhält,

als plötzlich vor dem Fenster
etwas kracht und weiter hinten
etwas runter sackt, das schließlich
auf den Gehweg fällt.

Tief erschrocken überlegt sie,
was sie machen soll.
War das ´ne Pistole?
Sie beginnt ein Protokoll.

2.
Auf dem Heimweg wartet schon das
nächste Abenteuer auf sie:
Im Berufsverkehr, mit Drängeln,
in Berlin fährt man zu schnell.

Die Verfolgungsjagd bis in den
Feierabendstau macht hin- und
wieder ganz normale Auto-
fahrer richtig kriminell.

Sie durchzuckt es wie ein Blitz, dann
fasst sie einen Plan:
„Ich schreib meinen Alltag schlicht als
Kriminalroman.

Und sie schreibt, wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst du mich: „Wie schreibt sie?“
Sage ich: „So, wie noch nie, ja, so noch nie.“

3.
Er ist schüchtern und sensibel,
hegt die zartesten Gefühle,
doch die Ex sagt kühl: „Sei bitte
nicht so langweilig zu mir!“

Dann verlässt sie ihn für immer.
Ganze fünfzehn Wochen später
sitzt er noch am Küchentisch.
Ach, wie sehnt er sich nach ihr.

Aus Verzweiflung greift er zu Pa-
pier und Stift und schreibt
alles von der Seele, was ihn
bis zur Lyrik treibt.

Und er schreibt wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst Du mich: „Er schreibt wie?“
Sage ich: „So wie noch nie, ja, so noch nie!“

4.
Es ist wieder Montagabend,
schon der vierte diesen Monat,
als sie sich ein Herz fasst und
zur Off’ nen Lesebühne geht.

In der Florastraße 16,
bei der rotbunten Fassade,
dort, wo „Zimmer16“ über einer
off´ nen Türe steht.

Hier fühlt man sich eingeladen,
mal was zu riskier´ n,
eigne Texte vor dem Publi-
kum zu präsentier´ n.

Und sie liest wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst du mich: „Wie liest sie?“
Sage ich: „Ja, so noch nie, ja, so noch nie.“

5.
Jeder Abend hat ein Thema,
zu dem es paar Wochen später
einen Text zu hören gibt,
das Motto wurde ausgelost.

Gar nicht selten, das hier einer
ganze Bücher schreibt, zu denen
es vorab Kritiken gibt
oder großer Beifall tost.

Wer hier lauscht, ist Kritiker
und Publikum zugleich.
Das erhöht die Spannung, macht
den Abend bunt und reich.

Und man liest wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst du mich: „Das ist wie?“
Sage ich: „Ja, so noch nie, ja so noch nie.“

So noch nie, so noch nie.
Fragst Du: „Wie?“, dann sage ich: „So, wie noch nie.“
so noch nie, so noch nie
so noch nie, ja, so noch nie, ja, so noch nie.

Bridge:

Komm ins Zimmer16
zur Off´ nen Lesebühne.
Hier gibt es, ganz exklusiv
und für euch heute pur,

allerfeinsten Lesestoff
schöne neue Worte,
das monatliche Highlight
aus der hohen Sprachkultur.

so noch nie
so noch nie
so noch nie, ja, so noch nie, ja, so noch nie. 2 x

6.
Eine junge Kriminalro-
man-Autorin und ein Mann mit
Sinn für zarte Lyrik plauschen
noch ein wenig an der Bar.

Was für´ n wunderbarer Abend,
wie erfrischend all´ die Themen –
jedenfalls sie kommen wieder, weil es
hier so klasse war.

Dabei stellen beide fest, sie
sprechen Poesie.
Ganz egal sind Stil und Form,
eines wissen sie:

Das ist so, wie noch nie,
ja, so noch nie, ja, so noch nie.
Fragst du sie: „Das ist wie?“
Sagen sie: „Ja, wie noch nie, ja, so noch nie.

 

(C) Ute Danielzick

#99: SO voll wars NOCH NIE!

Gut sieben Jahre und genau 99 Mal gibt es nun die Lesebühne SoNochNie im Zimmer 16 Pankow. Sie ahnen es, der Titel und die ungewonhnten Fotomotive (nicht ausschließlich lesende Menschen!) lassen keinen anderen Schluss zu – die Jubiläumslesung sprengte alles bisher Dagewesene.

Kein einziger neuer Text (doch, ein klitzekleiner), kein Sonderthema, keine offene Bühne und dazu noch Fußball-EM (Island!), doch das Zimmer 16 platzte buchstäblich aus allen Nähten. Zeitweise mussten Besucher sogar auf dem Boden Platz nehmen, weil alle Stühle besetzt waren. So etwas hatten selbst die ältesten Lesebühnen-Haudegen im Zimmer 16 noch nie erlebt. Vielleicht lag es ja an den Schnittchen und dem Begrüßungssekt, an der angekündigten Bücher-Verlosung und der musikalischen Überraschung, dass die Luft zum Atmen zeitweise knapp wurde? Und ja, vielleicht auch an der Treue und Beharrlichkeit der Lesebühne selbst – Treue zu ihren Grundsätzen, Beharrlichkeit, seit Jahren wirklich jeden 4. Montag ein besonderer Literaturort zu sein und auch der Offenheit, immer wieder neue Ideen zu realisieren – vor allem natürlich, außer an diesem Abend, neue Texte und AutorInnen vorzustellen. Der beeindruckende Andrang der Zuschauer gab uns wohl die einfachste und überzeugendste Erklärung: ALLES ZUSAMMEN.

Was passierte bei der 99.?

Das erleben wir nicht oft bei SoNochNie, besser gesagt, das haben wir noch nie erlebt: Ute Daniezick hat zum Jubiläum ein Lied für uns geschrieben und trug es zum Auftakt des Abends mit E-Gitarre vor! Einen echten Ohrwurm hat sie da hingekriegt, der uns ganz verlegen machte und sicher ein paar Augen vor Rührung nass werden ließ. Der Refrain („So noch nie“) hat Fankurven-Feuerzeug-in-die-Höhe-Qualitäten) Danke, Ute! Gastgeber und Mit-Gründungsvater Stefan Greitzke führte fortan durch den Abend und erzählte, wie einst alles begann. Die einzelnen Texte des Abends werden nicht ausführlich besprochen, weil sie ja alle schon einmal bei SNN vorgestellt, teilweise speziell für die Lesebühne verfasst worden sind: Frank Georg Schlosser las „Kaukasus“, einen Kampf um Phantasie und Realität, Ulrike Warmuth „Ungleichung“, eine poetische und schonungslose Liebesanalyse, Angela Bernhardt „Draußen“, einen historisch-tragischen Monolog und Heiko Heller „Am Ende wirft man nur Sand“, das Bekenntnis eines Beerdigungs-Schmarotzers. Heiko schmuggelte jedoch tatsächlich einen taufrischen, noch nie gelesenen Text ein, und zwar ein Gedicht aus 99 Worten, eine wahre Dichterschelte vom begnadeten Schandmaul Heiko. (An dieser Stelle danken wir nochmals allen Fans, die uns vor dem Jubiläum 99-Worte-Texte geschickt haben. Wir hoffen, sie haben sie in den großen transparenten Luftballons entdeckt!).  Damit gingen die Teams in die Pause.

2. Halbzeit: Losen, wählen, wählen lassen

Die zweite Halbzeit begann mit Leovinus, der Bücher zu vergeben hatte. Die glücklichen GewinnerInnen der Bücher-Verlosung freuten sich über „Seitenblicke“ von Ulrike Warmuth, „Warum der stille Salvatore eine Rede hielt“ von Michael Wäser und „Wutsch“ von Angela Bernhardt (welche beidletzte an dieselbe, wahrhaftige Lottokönigin gingen! – siehe Fotogalerie) und der Hauptgewinn, ein Bücherpaket mit Werken von SNN (unsere Anthologie), Heiko Heller, Leovinus, Frank Georg Schlosser und Michael Wäser, fand ebenso einen hoch erfreuten Besitzer. Stefan übernahm, um sogleich eine/n Themenbeauftragte/n zu finden. Wie schön, dass sich als Themenbeauftragte für August beim heutigen Jubiläum ausgerechnet eine SNN-Debütantin der Herausforderung stellt. Ulrike Stockmann lehnte das erste Zuschauerthema „Von Wind und Sand“ ab und musste dann „kleiner Mann“ nehmen. Wir sind gespannt, was sie am 22. August bei der 101. Lesebühne dazu vorbringen wird!

Lesen und singen

Weiter ging es mit der Lesung: Michael Wäser trug „Alexander“ vor, eine verstörende Künstlergeschichte, Petra Lohan „Der Beamte und das Mädchen“, eine surreal-sensible Behördenfantasie, Leovinus „Was nach dem Clown kam“, ein mysteriöses Bahnreisen-Gleichnis mit roter Nase. Ute schenkte uns abschließend noch einmal ihr Lied, und wie bei „You never walk alone“ sang nun die Menge mit ihr den Refrain.
Wir bedanken uns bei Ute, bei allen, die mitgeholfen haben im und vom Zimmer 16, und natürlich bei allen, die den Abend zu so einem beeindruckenden Erlebnis gemacht haben – unserem Publikum! Wir jedenfalls haben uns in etwa so gefühlt, wie sich die Isländer nach ihrem Sieg gegen England gefühlt haben müssen – wahnsinnigglücklichsson! Und nicht zu vergessen: Der Erlös aus Eintritt und Bücher-Verlosung, den wir nun der Organisation „Autoren helfen“ für Flüchtlingsprojekte überweisen können, beläuft sich auf stramme 192,- Euro.

Wir sehen uns hoffentlich alle (!) wieder bei der nächsten, dann wieder regulären, einhundertsten offenen Lesebühne am 25. Juli im Zimmer 16 mit dem Themenbeauftragten Frank Georg Schlosser – AU REVOIR!

SNN 99 – Wir stellen vor: Ulrike Warmuth

Vor dem großen, 99. Jubiläumsabend am 27. Juni stellen wir jeden Montag und Donnerstag eine/n der acht AutorInnen hier mit einem Fragebogen vor, den wir sie zu beantworten gezwungen haben.


Ulrike Warmuth fand als bisher letzte ins Kernteam von SNN. Wir konnten nicht anders, als sie und ihre einzigartig sprachmächtigen und unerschrockenen Sektionen menschlicher Beziehungen dabei haben zu wollen. Auch mit ihrem klaren, eindringlichen Lesen hinterlässt die promovierte Linguistin jedes Mal tiefen Eindruck beim Publikum.

Werden wir mal persönlich: Aus welcher Gegend stammst du überhaupt und würdest du unseren Lesern einen Wochenendtrip dorthin empfehlen?

Geboren und aufgewachsen bin ich in Erfurt. Obwohl ich in meiner Jugend dann nichts sehnlicher wollte, als von dort wegzukommen, verschlägt es mich heute wieder sehr gern und freiwillig dahin zurück. Nicht nur, weil meine Eltern dort noch ein schönes Haus mit Garten haben, sondern auch, weil ich die Stadt aus der Ferne heraus noch einmal ganz anders zu schätzen gelernt habe. Sie ist definitiv einen Wochenend-Trip wert.

Was hat dich ausgerechnet nach Berlin verschlagen?

Wie eben schon gesagt, wollte ich nach dem Abi nur noch so schnell und so weit wie möglich weg – dass ich nach Berlin gehen werde war mir irgendwie schon immer klar. Diese Stadt, nein, damals noch die IDEE dieser Stadt, hat mich angezogen wie kaum ein anderer Ort und ich wollte mir dort unbedingt Flügel wachsen lassen.

Wie bist du zum Schreiben gekommen, also außer dem Schreibenlernen in der Grundschule natürlich?

Ich habe schon „geschrieben“, da konnte ich noch gar nicht schreiben. Meine Mutter musste dann immer die Geschichten aufschreiben, die ich ihr diktiert habe. Meine erste Veröffentlichung war ein 5-strophiges Gedicht im Bummibildband, ich glaub, ich war damals noch gar nicht in der Schule. Das Gedicht hieß „Ich möcht‘ so gern ein Pferdchen haben“ und hat sich übrigens schon fast professionell gereimt 🙂

Wie würdest du dich als Autorin/Autor charakterisieren?

Hm … wie würde ich mich als Autorin charakterisieren … was ist eigentlich damit gemeint? Meine Charaktereigenschaften, die mich in Bezug zum Schreiben definieren, oder eine poetische Beschreibung meines Charakters allgemein?

Kannst du dich noch an deinen ersten SNN-Abend erinnern und wie du auf SNN aufmerksam geworden bist? Wenn ja: Gratuliere, du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis, denn das muss schon ein paar Jährchen her sein. Und jetzt: Bitte erzähl deine SNN-Geschichte.

Klar kann ich mich an meinen ersten SNN-Abend erinnern! Es war nach der Geburt meines ersten Kindes einer der raren freien Abende, an denen ich nicht hundemüde ins Bett gefallen bin, sondern tatsächlich um die Ecke in die Florastrasse einbog, zwei Zettel mit einem frischen Text in der Hand und meine Schwester im Schlepptau. Ich glaub, der Text – ein Prosabruchstück – kam damals einigermaßen gut an, aber es verstrichen Monate, bis ich mich dort wieder einmal blicken ließ, ab dem zweiten Mal dann aber regelmäßig! An einem warmen Sommerabend auf einer Wiese Nähe Potsdamer Platz hat mich das Kern-Team dann in den innersten Kreis aufgenommen; Hildegard-von-Bingen Sekt in der Hand, einen Fuchs im Gebüsch und große leuchtende Steine, die man mit einer Hand anheben konnte (insider).

Was unsere Leser ganz besonders interessiert: Hast du Lampenfieber, wenn du hinterm Lesetisch Platz nimmst???!!?

Lampenfieber ist das falsche Wort, aber ich bin aufgeregt und gespannt auf die Reaktionen, die meinen oft provozierenden Texten folgen.

Das Zimmer 16 ist …

… eben das Zimmer 16. Ein Ort, an dem das ICH beides darf: sowohl zur Ruhe kommen als auch in den Vordergrund treten. Und andere ICHs treffen, auf einer weniger alltäglichen Ebene.

Nach dem Lesen wird bei uns über den Text diskutiert, manchmal ziemlich lebhaft. Ist dir dabei schon mal, innerlich oder äußerlich, der Kragen geplatzt – egal ob vor oder hinter dem Lesetisch? Warum, oder warum nicht? (Namen werden unkenntlich gemacht 😉 )

Ich glaube nicht, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Wir geben uns ja auch immer alle große Mühe, die Diskussionen konstruktiv zu gestalten. Noch schwerer, als eigenartige Kommentare zu ertragen, finde ich persönlich die Stille nach den Texten, die manchmal gefühlte 100 Stunden andauert und in der man sein eigenes Herz schlagen hört, während man gar nicht weiß, wo man eigentlich hinschauen soll.

Was wir unbedingt wissen wollen (Hosen runter!): Warum kommst du immer wieder zu SoNochNie?

siehe 7.

Zum Abschluss: Gibt es auch außerhalb des Zimmer 16 etwas von dir zu lesen/hören? Was? Wo? Wann?

Ja, manchmal. Ich lese beispielsweise auf der Tangonale in Berlin oder in verschiedenen Cafes, aber was Lesebühnen betrifft, bin ich monogam und SNN absolut treu!


Vor Ulrike Warmuth haben wir Angela Bernhardt, Clemens Franke, Heiko Heller, Leovinus, Petra Lohan, Frank Georg Schlosser und Michael Wäser vorgestellt. Damit ist die Vorstellungsrunde abgeschlossen, und wir alle, zusammen mit unserem Gastgeber und Moderator Stefan Greitzke, freuen uns, Sie am 27. Juni im Zimmer 16 zur 99. Lesebühne begrüßen zu dürfen!

SNN 99 – Wir stellen vor: Michael Wäser

Vor dem großen, 99. Jubiläumsabend am 27. Juni stellen wir jeden Montag und Donnerstag eine/n der acht AutorInnen hier mit einem Fragebogen vor, den wir sie zu beantworten gezwungen haben.


Michael Wäser kam als Autor Nr. 4 zum SNN-Kern. Er wandert gern weite Strecken zwischen Stilen und Themen, eine gewisse Neigung zu abgründigen und schwarzhumorigen Texten kann man ihm jedoch sicher attestieren. Im früheren Leben Theaterschauspieler, ist er schon länger Autor im Hauptberuf und hat bisher zwei Romane veröffentlicht.

Werden wir mal persönlich: Aus welcher Gegend stammst du überhaupt und würdest du unseren Lesern einen Wochenendtrip dorthin empfehlen?

Ich bin im Saarland aufgewachsen, war aber so lange nicht mehr dort, dass ich höchstens empfehlen kann, mal nachzusehen, ob es überhaupt noch da ist. So kleine Sachen gehen ja leicht verloren …

Was hat dich ausgerechnet nach Berlin verschlagen?

Das Schreiben und familiäre Gründe. Anfangs habe ich u.a. mit Angela Bernhardt Drehbücher für TV und Film entwickelt.

Wie bist du zum Schreiben gekommen, also außer dem Schreibenlernen in der Grundschule natürlich?

In der Grundschule! Ich habe tatsächlich dort meine ersten Geschichten geschrieben und eigentlich seitdem nie mit dem Schreiben aufgehört.

Wie würdest du dich als Autorin/Autor charakterisieren?

Was für eine scheiß schwere Frage (und ich hab sie mir auch noch selbst ausgedacht) … Ich beziehe das jetzt mal auf meine Romane, weil alles andere sowieso oft noch viel experimenteller für mich ist: Für jedes Thema, das ich irgendwann wähle, um mich jahrelang damit zu beschäftigen, versuche ich eine adäquate Form und Sprache zu finden. Daher ähneln sich die bisher drei Werke – davon eines noch unveröffentlicht – kaum. Einerseits reizt es mich immer, Neues zu versuchen, andererseits käme es mir seltsam vor, eine Geschichte nicht auch formal so konsequent wie möglich zu vermitteln. Das macht die Sache auch für Leser überraschend.

Kannst du dich noch an deinen ersten SNN-Abend erinnern und wie du auf SNN aufmerksam geworden bist? Wenn ja: Gratuliere, du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis, denn das muss schon ein paar Jährchen her sein. Und jetzt: Bitte erzähl deine SNN-Geschichte.

Ich hatte 2011 gerade meinen ersten Roman „Familie Fisch macht Urlaub“ veröffentlicht, als Angela mich zur Lesebühne einlud. Den Gedanken, die vorgelesenen Texte zu diskutieren, fand ich gleich spannend, aber außer Angela kannte ich niemanden dort, also war das erste Mal ziemlich aufregend. Ich konnte eine oder zwei Kurzgeschichten vorweisen, die meisten meiner späteren Kurzwerke sind jedoch mehr oder weniger erst für die Lesebühne entstanden.

Was unsere Leser ganz besonders interessiert: Hast du Lampenfieber, wenn du hinterm Lesetisch Platz nimmst???!!?

Nein. Aber Adrenalin- und Endorphinwerte sind bestimmt etwas höher als normalerweise. Richtig verlernt habe ich bei SNN die bei vielen Künstlern verbreitete bipolare Störung, in solchen Situationen zu denken: „Ich bin ein Vollversager!“ oder eben „Wow, bin ich großartig!“ Das rückt extrem in den Hintergrund, wenn man immer wieder an den Diskussionen teilnimmt, diesem erstaunlichen Geben und Nehmen.

Das Zimmer 16 ist …

Einer der letzten verbliebenen Kulturorte in Pankow! Danke an alle dort! Ein echtes Gewächshaus für Kunst jeglicher Art – mit Ausnahme von Tanz vielleicht, dafür ist die Bühne einfach zu klein!

Nach dem Lesen wird bei uns über den Text diskutiert, manchmal ziemlich lebhaft. Ist dir dabei schon mal, innerlich oder äußerlich, der Kragen geplatzt – egal ob vor oder hinter dem Lesetisch? Warum, oder warum nicht? (Namen werden unkenntlich gemacht 😉 )

In „Per Anhalter durch die Galaxis“ gibt es diese Stelle über vogonische Lyrik und ihre verheerenden gesundheitlichen Folgen für die Zuhörer. Es gibt Situationen im Zimmer 16, die mich daran erinnern. Doch dazu, in der anschließenden Diskussion unfair oder ausfallend zu werden, habe ich mich bisher nicht hinreißen lassen. Der Werkstattcharakter steht da wirklich im Vordergrund, niemand erwartet unbedingt hochklassige, ausgereifte Texte. Um so erstaunlicher, wie viele es davon immer wieder bei SoNochNie zu hören gibt. Außerdem: Ob es Anderen bei meinen Texten nicht genauso geht wie bei einer Vogonen-Lesung – wer weiß.

Was wir unbedingt wissen wollen (Hosen runter!): Warum kommst du immer wieder zu SoNochNie?

Es ist wirklich immer spannend und lehrreich, egal ob ich selbst etwas vorlese oder nur zuhöre und mitdiskutiere. Ein kreativ- Generator erster Güte und ein Labor, in dem ich ebenso experimentieren wie Feedback für meine aktuelle Arbeit abgreifen kann. Ich verpasse selten eine Lesebühne.

Zum Abschluss: Gibt es auch außerhalb des Zimmer 16 etwas von dir zu lesen/hören? Was? Wo? Wann?

Meine Romane. Der DDR-Fluchtroman „Familie Fisch macht Urlaub“ ist hier und da noch gebraucht erhältlich, die Kriegsgroteske „Warum der stille Salvatore eine Rede hielt“ seit Herbst 2015 als eBook und Paperback im Buchhandel. Weiteres ist in Arbeit.


Vor Michael Wäser haben wir Angela Bernhardt, Clemens Franke, Heiko Heller, Petra Lohan und Frank Georg Schlosser vorgestellt, zum Abschluss folgt am 23. Juni Ulrike Warmuth.

SNN 99 – Wir stellen vor: Frank Georg Schlosser

Vor dem großen, 99. Jubiläumsabend am 27. Juni stellen wir jeden Montag und Donnerstag eine/n der acht AutorInnen hier mit einem Fragebogen vor, den wir sie zu beantworten gezwungen haben.


Frank Georg Schlosser ist Vater Nr. 3 von SNN und bis heute Kernautor. Beruflich jongliert er mit harten Zahlen, als Autor ringt er mit Hingabe um den adäquaten Ausdruck und die schlüssige Erzählung seiner tiefgreifenden, aber humorvollen Geschichten. Und er lässt das SNN-Publikum an der Entstehung seines Romans teilhaben – zum beidersetigen Gewinn.

Werden wir mal persönlich: Aus welcher Gegend stammst du überhaupt und würdest du unseren Lesern einen Wochenendtrip dorthin empfehlen?

Unbedingt ist der Musikwinkel um Markneukirchen, wo ich herstamme, für einen Wochenendtrip, sogar für einen Urlaub zu empfehlen. Herrliche Landschaft, tolle Restaurants, das Musikinstrumentenmuseum, Berge und Wälder. Und die Sprache!

Was hat dich ausgerechnet nach Berlin verschlagen?

Der Wille von da wegzukommen. Ich wollte immer schon ausschließlich nach Berlin, auch als mir nur Ostberlin zur Verfügung stand. Es hatte damit zu tun, dass ich nicht mehr jeden grüßen müssen wollte.

Wie bist du zum Schreiben gekommen, also außer dem Schreibenlernen in der Grundschule natürlich?

Schreiben ist eine Flucht. Revierbegrenzungsverhalten und doch in riesigen Welten leben. Bücherwurm sein – Welt ausblenden und auf eine andere Art doch in ihr versinken. Sich bemerkbar machen ohne dass gleich jemand zuhört.

Wie würdest du dich als Autorin/Autor charakterisieren?

Ich suche im Samenkorn das Himmelreich, in einer Handbewegung, einer Stimmlage, im Hineinlauschen in mich selbst und andere das, was aus der Tiefe gesagt werden will. Ich suche nach den Geistern, die uns antreiben oder bremsen. Ich suche im Hass die Liebe und in der Liebe die Brutalität. „Gewalt und Zärtlichkeit“ ist für mich einer der gelungenen Buchtitel.

Kannst du dich noch an deinen ersten SNN-Abend erinnern und wie du auf SNN aufmerksam geworden bist? Wenn ja: Gratuliere, du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis, denn das muss schon ein paar Jährchen her sein. Und jetzt: Bitte erzähl deine SNN-Geschichte.

Angefangen hat es für mich mit Leovinus und der offenen Bühne, die es heute noch an jedem ersten Montag des Monats gibt. Das war 2008. Damals mussten die Geschichten witzig sein, fast kabaretthaft. Und es zählt zu meinen schönsten Erlebnissen, wenn während einer Lesung die Geräusche an der Bar erstarben. Dann hatte wahrscheinlich Stefan die Idee, eine eigene Lesebühne zu gründen. Da gab es das Studio 10 noch, und wir lasen zweimal im Monat, wenn ich mich recht erinnere. Im Studio 10 hatte ich meine erste Sololesung. Dann gab es den Autorentreff mit denen, die wir heute als Stammautoren der Lesebühne bezeichnen, mit Leovinus, der dem Schreiben leider abhanden gekommen ist, obwohl ich immer noch hoffe, dass sich das wieder ändert, Angela Bernhardt, Ulrike Lynn und Michael Wäser. Eine lange Zeit haben wir uns zum Schreiben getroffen und sind sogar zu einem Workshop an die Ostsee gefahren. Das war eine schöne Zeit. Und die Höhepunkte: „Vom Tresen gelesen“ gab es ein paarmal, Themenabende mit „Erotik“ im August 2012 oder „Mordgelüste“ im Januar 13, seitdem gibt es den Themenbeauftragten. Die Lesebühne SoNochNie! hat mir sehr geholfen, sie hat mich Disziplin gelehrt.

Was unsere Leser ganz besonders interessiert: Hast du Lampenfieber, wenn du hinterm Lesetisch Platz nimmst???!!?

Nein, nicht mehr. Was ein bisschen schade ist. Am Anfang bin ich nahezu neben mich getreten. Was immer noch passiert: ich versinke, während ich lese, in meiner Geschichte. Und ich leide, wenn ich spüre, dass eine Passage nicht funktioniert. Dann wird mir glühend heiß und ich nuschele mich drüber weg. Ich habe auch schon ganze Abschnitte weggelassen. Aber das ist lange her.

Das Zimmer 16 ist …

ein Kleinod in Pankow, ein Steinchen, ein Busch, eine zu kleine Lichtung, als dass all die Veränderungen um es herum vermocht hätten, es davon zu spülen. Auch wenn es harte Zeiten gegeben hat. Ich wünsche dem Zimmer 16 immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Ich ziehe den Hut vor all denen, die es in guten wie in schlechten Zeiten durch die Berliner Kulturlandschaft manövrieren, die sein Programm organisieren und gestalten. Ich bin dankbar, so viele Jahre ein kleiner Teil davon gewesen zu sein. Und mal sehen was noch geht.

Nach dem Lesen wird bei uns über den Text diskutiert, manchmal ziemlich lebhaft. Ist dir dabei schon mal, innerlich oder äußerlich, der Kragen geplatzt – egal ob vor oder hinter dem Lesetisch? Warum, oder warum nicht? (Namen werden unkenntlich gemacht 😉 )

Ich halte es für möglich, kann mich aber nicht erinnern. Ich habe mich fremdgeschämt und versucht, bei mir zu schauen, warum das so ist. Wir haben auch gelästert. Und hin und wieder dabei sicher auch im Glashaus gesessen. Aber der Charakter des Lesebühne bringt es mit sich, dass auch wirklich schlechte Texte – und ich denke, das mittlerweile hier und da beurteilen zu können – zu Gehör gebracht werden. Das war auch der Grund, die Eieruhr einzuführen, denn wenn die dann noch länger als eine halbe Stunde gehen …

Was wir unbedingt wissen wollen (Hosen runter!): Warum kommst du immer wieder zu SoNochNie?

Gute Frage. Der ursprüngliche Grund, mich zu disziplinieren und regelmäßig zu schreiben, ist eigentlich entfallen. Einige Jahre habe ich monatlich für die Lesebühne geschrieben. Und es hat Jahre gegeben, da jeden Monat eine Kurzgeschichte, die in fünfzehn Minuten gelesen werden kann, entstanden ist. Es hat auch Jahre gegeben, da ich von Januar bis Juni sechs verschiedene Fassungen einer Geschichte gelesen habe. Aber so ist das eben. Mittlerweile schreibe ich nicht mehr speziell für die Lesebühne. Ich schreibe aber auch noch nicht für einen Verlag, der mir hungrig im Nacken sitzt und sehnsüchtig auf den nächsten Roman wartet.

Zum Abschluss: Gibt es auch außerhalb des Zimmer 16 etwas von dir zu lesen/hören? Was? Wo? Wann?

Nein, im Moment noch nicht. Ich hoffe sehr, dass sich das ändert. Aber dafür muss ich mich weiter ändern. Um die 35 vorzeigbare Kurzgeschichten sind entstanden, ein Roman, drei Drehbücher für Langfilme, bestimmt fünf für Kurzfilme und drei tatsächliche Kurzfilme. Das ist eine Menge Kunst. Aber was ich gelernt habe, besonders in der Filmproduktion, aber auch bei der Buchgestaltung: Kunst ist, wenn sie wirken soll, immer auch ein Produkt. Das meine ich nicht so sehr im kapitalistischen Sinne, obwohl der natürlich am Ende dazu gehört, sondern vielmehr in dem Sinn, dass mehr Menschen als man selbst beteiligt sind. Für einen Film ist das naheliegend. Da ist der Autor nur ein Glied in einer teuren ellenlangen Kette. Aber auch ein stinknormales Buch erfordert die Mitwirkung einer Menge Menschen, die von meiner Kunst überzeugt sein müssen. Selbst wenn es heute einfach ist, ein Buch in Kleinstauflagen herzustellen.

Aber auch das war schon immer so. Kunst und Produkt stecken in ihrer Synthese für mich persönlich noch in den Kinderschuhen. Was mit Mitte Fünfzig spät ist. Aber auch die Spätentwickler sollten auf ihre Chance gucken. Und sich nicht von David Foster Wallace, Stephen King oder wem auch immer beeindrucken lassen, dass es Millionen Bücher gibt und die Welt nicht so sehr auf das millionenundeinste wartet? Ich will mit einem Filmzitat schließen aus einer dieser amerikanischen Komödien, die ich so liebe:
Künstler: Okay, okay, pros and cons, pros and cons – was spricht dafür, dass wir mit ihr zusammen einen Song machen.
Agent: Wir profitieren von ihrem Ruhm, die Leute erinnern sich an dich und wir werden alle reich.
Künstler: Sehr schön, sehr schön. – Und was spricht dagegen?
Agent: Egal was wir tun, in vierzig Jahren sind wir alle tot. *)

In diesem Sinne: lieber Micha, Danke für das Interview. Ein Hoch auf die Kunst, auf all die geschriebenen und ungeschriebenen Texte. Ein Hoch auf das Zimmer 16 und ein Hoch auf die 99. Lesebühne SoNochNie!

Hurra hurra hurra.

*) welcher Film? 😉


Vor Frank Georg Schlosser haben wir Angela Bernhardt, Clemens Franke, Heiko Heller, Leovinus und Petra Lohan vorgestellt, am 20. Juni folgt Michael Wäser.

SNN 99 – Wir stellen vor: Petra Lohan

Vor dem großen, 99. Jubiläumsabend am 27. Juni stellen wir jeden Montag und Donnerstag einen/n der acht AutorInnen hier mit einem Fragebogen vor, den wir sie zu beantworten gezwungen haben.


Petra Lohan kann einen Hang zum Absurden kaum leugnen. Die atmosphärisch dichten und meist irritierend knapp neben der „Realität“ angesiedelten Geschichten der Malerin und Shiatsu-Therapeutin haben schon in manchem Lesebühnen-Zuhörer den Verdacht erregt, SNN mische heimlich Halluzinogene ins Bier.

Werden wir mal persönlich: Aus welcher Gegend stammst du überhaupt und würdest du unseren Lesern einen Wochenendtrip dorthin empfehlen?

Aufgewachsen bin ich in Karlsruhe. Wenn man von Berlin aus einen Wochenendtrip dorthin unternehmen möchte, dann bitte im März, da ist dort nämlich schon voll der Frühling am Krachen, während wir hier noch auf Stufe 5 am Heizen sind.

Was hat dich ausgerechnet nach Berlin verschlagen?

Wien.

Wie bist du zum Schreiben gekommen, also außer dem Schreibenlernen in der Grundschule natürlich?

Ich habe bei einem workshop von Kathrin Möller, http://www.moellerscript.de, teilgenommen; eigentlich eher, weil ich meine Shiatsu-Werbetexte für meine Praxis dringend verändern wollte. Seitdem schreibe ich Kurzgeschichten. Die Shiatsu-Texte haben sich dagegen nicht wirklich verändert.

Wie würdest du dich als Autorin/Autor charakterisieren?

Und weil ich den Gedanken und bildern in meinem Kopf eine Richtung oder eine Gestalt geben möchte. (eigentlich schreibe ich um mein Leben)

Kannst du dich noch an deinen ersten SNN-Abend erinnern und wie du auf SNN aufmerksam geworden bist? Wenn ja: Gratuliere, du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis, denn das muss schon ein paar Jährchen her sein. Und jetzt: Bitte erzähl deine SNN-Geschichte.

Also: Auf den SNN aufmerksam gemacht haben mich Angela, Frank und Norbert, und zwar auf der Jahreslesung bei Kathrin Möller, wo ich das allererste Mal eine Geschichte öffentlich vorgelesen habe. Das war vor etwas mehr als zwei Jahren. Dann habe ich, wie es meiner Natur entspricht, noch ein paar Monate gebraucht, um mich zur Lesebühne zu trauen. Seitdem lese ich dort so regelmäßig, wie es geht.

Was unsere Leser ganz besonders interessiert: Hast du Lampenfieber, wenn du hinterm Lesetisch Platz nimmst???!!?

Ja. Natürlich. Zum Glück arbeite ich montags meistens tagsüber, so daß ich keine wirkliche Zeit habe, darüber nachzudenken. Aber: Ich gehe mit wackligen Knien hin, bin völlig durch den Wind, mein Blutdruck, der sowieso viel zu hoch ist, schießt nach oben, mein Adrenalinspiegel auch…und die Nacht danach kann ich nicht schlafen…überlebt hab ichs bis jetzt immer. Aber ob das wirklich unsere Leser interessiert?

Das Zimmer 16 ist …

Ein ziemlich guter und lebendiger Ort, an dem sich jede Menge netter und interessanter Leute treffen und an dem viel entsteht – ein Biotop für die Kunst.

Nach dem Lesen wird bei uns über den Text diskutiert, manchmal ziemlich lebhaft. Ist dir dabei schon mal, innerlich oder äußerlich, der Kragen geplatzt – egal ob vor oder hinter dem Lesetisch? Warum, oder warum nicht? (Namen werden unkenntlich gemacht 😉 )

Was ich absolut überhaupt nicht leiden kann, ist allzugroße Selbstgefälligkeit und Manieriertheit – wenn sie zur Schau gestellt werden – wenn also der ganze Saal dazu gezwungen wird, sich das mit anzuhören; wenn ich nicht damit belangt werde, ist es mir egal.

Was wir unbedingt wissen wollen (Hosen runter!): Warum kommst du immer wieder zu SoNochNie?

(Abgesehen davon, daß ich niemals öffentlich die Hosen herunter lasse): Ich finde es spannend, nicht nur meine eigenen Geschichten zu hören, wenn ich sie mir selbst vorlese, außerdem weiß ich nicht, wo ich soviel über mein Schreiben lernen könnte, wie bei euch! Begleitetes Schreiben also, in einer für mich sehr schwierigen Zeit. Dafür bin ich euch sehr verbunden und dankbar.

Zum Abschluss: Gibt es auch außerhalb des Zimmer 16 etwas von dir zu lesen/hören? Was? Wo? Wann?

Hin und wieder werde ich für Veranstaltungen gefragt, ob ich etwas lesen würde… ein Text ist auf der website von Kathrin Möller veröffentlicht – das wars auch schon; Aber: kommt Zeit, kommt Veröffentlichung.


Vor Petra Lohan haben wir Angela Bernhardt, Clemens Franke, Heiko Heller und Leovinus vorgestellt, es folgt am 16. Juni Frank Georg Schlosser.

SNN 99 – Wir stellen vor: Leovinus

Vor dem großen, 99. Jubiläumsabend am 27. Juni stellen wir jeden Montag und Donnerstag eine/n der acht AutorInnen hier mit einem Fragebogen vor, den wir sie zu beantworten gezwungen haben.


Leovinus ist einer der drei „Väter“ der Lesebühne und seitdem einer unserer Kernautoren und zuweilen auch Moderator. Seine höchst skurril-poetischen Schriften, Humoresken, Short Stories und Gedichte müssen mit seiner Affinität für vollkommen unbegreifbare IT-Systeme zu tun haben, anders können wir uns das nicht erklären …

Werden wir mal persönlich: Aus welcher Gegend stammst du überhaupt und würdest du unseren Lesern einen Wochenendtrip dorthin empfehlen?

Aufgewachsen bin ich in Berlin-Treptow. Das Mietshaus, in dessen Erdgeschoss wir lebten, stand direkt am Mauerstreifen, nicht sehr weit vom Übergang Sonnenallee entfernt. Wenn bei uns was aus dem Fenster fiel, mussten wir warten, bis ein freundlicher Grenzer sich zwischen Stacheldrahtzaun und Hauswand wagte. Zu Weihnachten hat mein Vater den Grenzern Zigarettenschachteln rausgeworfen, worauf die armen Kerle immer erstmal extrem misstrauisch zurücksprangen.
Einen Trip nach Berlin würde ich natürlich jederzeit und jedem empfehlen. Es soll ein paar freundliche Menschen dort geben, gutes Wetter sowieso und (Geheimtipp) in Pankow eine hervorragende Offene Lesebühne!

Was hat dich ausgerechnet nach Berlin verschlagen?

Ich denke mal, das war der allseits bekannte Prozess der Zeugung neuen Lebens. Mir ist jedenfalls nichts anderes bekannt

Wie bist du zum Schreiben gekommen, also außer dem Schreibenlernen in der Grundschule natürlich?

Ich hab mir schon immer Geschichten ausgedacht und war froh, als ich sie endlich aufschreiben konnte. Es gibt zwar immer wieder Jahre, in denen ich nicht schreibe, aber letzten Endes muss das irgendwo in meiner DNS liegen.

Wie würdest du dich als Autorin/Autor charakterisieren?

Früher hab ich chaotisch wild aufgeschrieben, was mir in den Sinn kam. Haarsträubendes Zeug, das man keinem Psychiater zeigen sollte. Inzwischen gehe ich strukturierter ran. Die Lesebühne hat mir dabei sehr geholfen!
Meine Geschichten bezeichne ich gern als „subtil-seltsam“. Sie spielen schon irgendwo in der realen Welt, müssen aber unbedingt einen leicht leovinus-mystisch-schrägen Drall enthalten. Wenn sie lustig sind, schadet das auch nicht. Sorry, ich kann’s nicht besser beschreiben.

Kannst du dich noch an deinen ersten SNN-Abend erinnern und wie du auf SNN aufmerksam geworden bist? Wenn ja: Gratuliere, du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis, denn das muss schon ein paar Jährchen her sein. Und jetzt: Bitte erzähl deine SNN-Geschichte.

Versuch 1: Ich weiß es noch wie heute: Wir wandelten selbdritt durch das nebelverhangene Müggeltal und sinnierten, wie wir die Welt durch Worte, noch wohlgeformter als unsere Körper, beglücken könnten. Und wären es nicht die Welt und nicht die Worte, so dann eben nur die weibliche Welt und halt doch nur die Körper.
Versuch 2: Okay: Ich lernte Stefan vor vierzehn Jahren kennen. Damals habe ich das erste Mal öffentlich gelesen – bei der Offenen Bühne im „Zimmer 16“. Die Idee zu einer Literatur-Werkstatt mäanderte in den Jahren immer wieder durch den Raum, bis Stefan mit dem Ableger „Studio 10“ die passende Lokation dafür aufgetan hat. So war der erste Abend der Offenen Lesebühne auch _mein erster Abend mit ihr. Stefan und ich saßen allein beieinander. Vielleicht war auch noch ein inzwischen verschollener Barmann dabei – ich weiß es nicht mehr. Es war gewiss ein schöner Abend voll melancholischer Hoffnung.
Der Leser möge entscheiden, welche Version ihm mehr behagt.

Was unsere Leser ganz besonders interessiert: Hast du Lampenfieber, wenn du hinterm Lesetisch platznimmst???!!?

Natürlich! Bei neuen, noch nie gelesenen Geschichten immer! Sie sind ein Abenteuer: Wer weiß schon, was das in meinem Hirn Entstandene in anderen Köpfen anrichtet!
Bei älteren Texten bin ich lockerer. Aber auch hier ist es immer spannend, ob sie bei einem neuen Publikum auch zünden.

Das Zimmer 16 ist …

… eine Muschel in Pankows Kulturlandschaft, in der immer wieder neue Perlen reifen. Für mich der Ort, wo ich immer wieder Gleichgesinnte treffe und – last but not least – zu gerne meinem Affen Zucker gebe.

Nach dem Lesen wird bei uns über den Text diskutiert, manchmal ziemlich lebhaft. Ist dir dabei schon mal, innerlich oder äußerlich, der Kragen geplatzt – egal ob vor oder hinter dem Lesetisch? Warum, oder warum nicht? (Namen werden unkenntlich gemacht 😉 )

Der Kragen geplatzt nur ein einziges Mal und das ist schon ewig her. Es gab mal einen K., der unüberzeugbar darauf bestand, Literatur müsse die Revolution voranbringen. (Ich fürchte, ich vereinfache das jetzt zu sehr.) Dieser Streit eskalierte ziemlich heftig und wurde auch laut, aber es gab keine Verletzten, soweit ich mich erinnere.
Vermutlich liegt es an unserer Ignoranz seiner Einstellung gegenüber, dass auch sechs Jahre nach Start der Offenen Lesebühne noch immer nicht das System gestürzt ist.
(Immerhin habe ich K. ein Gedicht gewidmet, das er leider nie gehört hat.)

Was wir unbedingt wissen wollen (Hosen runter!): Warum kommst du immer wieder zu SoNochNie?

Die Frage verstehe ich nicht.
Am vierten Montag ins Zimmer 16 zu kommen ist … äh … alternativlos.

Zum Abschluss: Gibt es auch außerhalb des Zimmer 16 etwas von dir zu lesen/hören? Was? Wo? Wann?

Nee. Jedenfalls nichts Öffentliches. Aber ihr könnt mich ja gern mal besuchen. Ich back auch Kuchen.
Und dann reiten wir durchs Müggeltal.


Vor Leovinus haben wir Angela Bernhardt, Clemens Franke und Heiko Heller vorgestellt, es folgt am 13. Juni Petra Lohan.