HÖRPROBE

Auch im Monat Juni hat sich die Lesebühne des Zimmer 16 wieder mal an Charme und Originalität selbst übertroffen – wer hier im Publikum saß, ist wohl allen Stadien des emotionalen Seelen-Haushalts irgendwo im Laufe der Stunden begegnet.

Obwohl es im Vergleich zu manch langen Sommernächten ein relativ kurzer Abend wurde, weil nur vier Autoren ihre Geschichten zum Besten gaben, waren diese doch so dicht und mit thematischer Fülle beladen, dass man manchmal den angehaltenen Atem der Zuhörenden ausmachen konnte.

Jeder schien seiner ganz eigenen Zeit anzugehören und wir alle wurden mitgerissen von den Sekundenzeigern der Worte, die innerhalb der einzelnen Geschichten einen Rhythmus aufbauten, dem wir uns nur hingeben konnten, fast andächtig. Und es war ein ganzes Leben in dem einen Abend verborgen, dessen Tempo wir regelrecht ausgesetzt waren.

Angefangen hat alles mit der Geschichte unserer Themenbeauftragten, Angela: “Hörprobe”. Hier ging die Zeit ganz langsam vor sich und konnte nur an dem gemessen werden, was das Gehör des Protagonisten mit der Außenwelt verband. Ein OP-Saal, der Geruch von Konzentration, eine Säge, die in die Schädeldecke dringt und einen Kreis heraus bohrt, als sei dies eine Routinehandlung. Ein Schmatzen im Gehirn, und immer wieder Worte, die selbst die Narkose durchdrangen – das Hören wurde zur lebensnotwendigen Grundlage dieser Geschichte und uns anderen war es, als könnten wir unser eigenes Blut rauschen hören, während Angela mit ihrer ruhigen und warmen Stimme bis zum bitteren Ende fortfuhr, und wir alle wurden erst in den seelischen, dann in den leiblichen Tod des Protagisten hinein geschleudert, gerade weil die Sprache so präzise, so treffend genau das beschrieb, was den entrückten Zustand zwischen Leben und Tod so einzigartig macht.

Danach wurde es bedeutend schneller, denn Hendrik las seine Geschichte “Liebe” vor, in der es um Berlin ging: Anka und Anja, Busfahrten mit vorbeifliegenden Augenblicken hinter Glas, Schauplätze, Dönerbuden und die Amerika-Gedenk-Bibliothek bildeten den äußeren Rahmen, in dessen Zentrum einem Gefühl Raum gegeben wurde, das nie wirklich benannt, aber immer präsent war. Man hat dem Lesestil Hendriks anmerken können, dass er sich die Kritik des viel zu schnellen Sprechens vom vergangenen Monat zu Herzen genommen hatte und diesen Text tatsächlich geübt zu haben schien. Wir haben ein wenig mehr verstanden als bei seinem Debut.

Dann war ich dran. Die Geschichte einer Kreuzigung im Löwenzahn, Beziehungsmuster, ein Ende, bevor überhaupt ein Anfang gesetzt war. Langes, anschließendes Schweigen, ich bin es inzwischen gewohnt…

Als letzter hat dann Frank gelesen. In seiner Geschichte ging es um einen kleinen Mann, ein Mini-Zwerg, dessen Fahrrad am wegesrand aufgefunden wird und der für ständige Verwirrung und eigenartige Gefühle sorgt. Und diese surreale Situation des Wichtels im Trikot eines normalwüchsigen Mannes, sein angstbegründeter Durchfall, seine zirpende unsichere Stimme, war so grandios geschildert, dass wir Zuhörer mehr als einmal laut auflachen mussten. Ich hatte sogar Lachtränen in den Augen. Wir sind alle gespannt, wie diese Geschichte weitergehen wird, denn sie hatte, wie uns schien, bisher nur ein provisorisches Ende.

Frank hat es dann auch getroffen bei der Verlosung des Themenbeauftragten für den Monat August. Sein Thema lautet: “Eis am Stil” – ursprünglich wohl als “Eis am Stiel” gemeint, darf Frank mit diesem gemeinen Rechtschreibfehler aber nun tatsächlich arbeiten und seiner Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, wenn es um den feinen und doch deutlichen Unterschied von Stil und Stiel geht, in Verbindung mit Eis und vielleicht roten, prallen Lippen… Wir dürfen gespannt sein!

 

Ulrike

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