Heute mal kein Fußball

Am 26.Juni 2017 gab es wieder ein kleines Jubiläum für unsere feine Offene Lesebühne, die diesmal gar nicht so klein war. Die „Hard Facts“: Etwa 30 Zuhörer besuchten die 111. Veranstaltung (helau!), sieben Lesewillige trugen sich in die Lostrommel ein, von denen vier erstmals auf unserem Podium saßen. Über Nachwuchsmangel können wir uns also nicht beklagen. Den Beginn machte Themenbeauftragte Cordula Warmuth, die ebenfalls ihre Premiere bei uns feierte.

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Februar grün und das Geheimnis der rosa Lose – die 107. Lesebühne

Dieser Rosenmontags-Abend begann mit geheimnisvollem Tun. Noch vor dem eigentlichen Beginn bekam jeder der knapp 20 (unverkleideten) Besucher ungefragt einen rosafarbenen Loszettel in die Hand gedrückt, verbunden  mit der Auflage, diesen ja nicht zu verlieren. Die Aufklärung der tieferen Bewandtnis lassen wir auch hier zunächst im Ungewissen.

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Den lesenden Einstieg machte unser Themenbeauftrage Maik. Er wurde im Dezember mit dem schönen Thema „Februar grün“ beglückt und präsentierte erwartungsgemäß feine Poesie. Das themen-betitelte Gedicht beleuchtete die verschiedensten Daseinsformen von Pilzen und den Wissensdurst seines vor sechs Jahren dreijährigen Sohnes, der nie müde geworden war, sich die nicht ganz unwesentlichen Unterschiede zwischen essbar aussehenden und tatsächlich essbaren Pilzen erklären zu lassen. Ein weiteres Gedicht eröffnete die für mich durchaus helle Erkenntnis, dass ein Akademiker nicht notgedrungen ein Intellektueller sein muss. (Auch wenn viele dies vielleicht denken.) Neben der obligatorischen Ehren-Urkunde aus biologisch-anthroposophischem Anbau erhielt Maik ein Extra-Lob für Engagement, weil er für das Publikum extra Exemplare zwecks Diskussions-Erleichterung ausgedruckt hatte.

Was es mit den rosa Losen auf sich hatte, blieb nach wie vor ungeklärt.

s0147874Wolfgang Webers Werk offerierte uns eine Gedanken-Melange aus Herbstzeitlosen, dem sterbenden Fidel Castro und einem auf Barack Obama eifersüchtigen Mick Jagger. „Baby, Baby, Baby, you’re out of time“. Im Publikum wurde hernach philosophiert, ob Castro – ähnlich der Herbstzeitlosen – giftig gewesen sein könnte und ob Mick Jagger nicht auch eine Art herrschender und never ending Fidel wäre.

Eine Erklärung für die rosa Lose? Fehlanzeige!

s0217942Nach über anderthalb Jahren (eigene Auskunft) durften wir endlich wieder einmal Max auf der Bühne begrüßen. Die lange Abwesenheit lässt sich durch seinen jetzigen Wohnsitz in Braunschweig fast entschuldigen. Vor einiger Zeit musste er einarmig durchs Leben gehen und machte sich derweil Gedanken über Türen und deren tieferen Sinn. „Man schließt die Türen ab wegen der Versicherung“. Die eigentliche Beschaffenheit der Tür ist für das Sicherheitsgefühl viel weniger relevant als die des Schlosses. Dies verleitete auch das Publikum zu nachdenklichen Diskussionen über Türen für drei Hände, leicht zu bedienende Fahrstuhltüren und eine „gehässige Tür“, die es einem kaum erlaubt, ohne furchtbare Verrenkungen mit vollen Einkaufstaschen zu passieren.

Es folgte die Pause, vom Publikum brav genutzt, ihren Brieftascheninhalt an der Bar abzuliefern. Noch immer wusste, bis auf wenige Eingeweihte, niemand wozu man diese rosa Lose in den verschwitzten Händen halten sollte.

Auch nach der erneuten Begrüßung durfte ich als Moderator zunächst nur einen Teil des Geheimnisses lüften.

s0257985Am 24.April nämlich feiert die Offene Lesebühne ihren 50. Themenbeauftragten. Aber dabei belassen wir es nicht, denn wir werden sage und schreibe SIEBEN (in Zahlen: 7) fünfzigste Themenbeauftragte haben. Dies sind natürlich die Kernmitglieder Angela, Ulrike, Michael, Frank und ich. Da Ulrike nach wie vor im fernen Sachsen weilt, war sie per Telefon live ins Zimmer 16 geschaltet und entschied dich für das Thema „Fluch und Flucht“. Angela hingegen darf sich mit dem „Wunderwerk der Technik“ auseinandersetzen, was für Michael eine „Leerstelle“ (sic) bedeutet und für Frank „leerreich“ (doppel-sic!) ist. Ich schließlich schnappte mir das von Ulrike abgelehnte „Hallelujah“. Amen.

Wer brav mitgezählt hat bemerkt, dass noch zwei Themenbeauftragten fehlen, ehe es sieben sind. Hier nun kamen endlich die rosa Lose ins Spiel. Die glücklichen Gewinner und damit Anwärter auf a) eine Ehrenurkunde, b) ein Freigetränk und c) Aufnahme in den ewigen Pantheon der Themenbeauftragten sind: Maik und Max. Ersterer darf sich bis zum April mit dem „Kärcher“ beschäftigen und Max wird uns – voraussichtlich via Skype – sagen „Ich habe dich im Bus gesehen“.

s0028014Nach diesem Höhepunkt präsentierte uns unser lieber Frank einen Text, der volle vier Frauengenerationen umspannte. „Marta“ soll das noch ungeborene Kind Yolandas mit drittem Vornamen heißen, was dem Ich-Erzähler so ganz unverständlich ist, da Marta auch der Name von Yolandas – sagen wir: charakterlich schwierigen – Großmutter gewesen ist. Im Mittelteil der Geschichte differenziert sich das Bild der Oma tatsächlich, wenn wir Genaueres über sie und Wilhelmina, also Yolandas Mutter (ich weiß, es ist kompliziert), erfahren. Am Ende aber setzt sich dann doch die Erkenntnis durch: Arschloch bleibt Arschloch, auch wenn es Gründe dafür gibt. Dem konnte und wollte das Publikum letztendlich nicht widersprechen.

s0108096Zum Abschluss des verhältnismäßig kurzen Abends las Matthias die Geschichte der neunjährigen Mira, die das Sterben ihrer Großmutter im Krankenhaus behütet. Dass ihr apokalyptischer Traum mit einem Meer voller Leichen am Ende von ihr als „Alles Leben kommt aus dem Wasser“ gedeutet wurde, wollte nicht jeden im Publikum überzeugen. Aber dies ist ja das Schöne an unserer Offenen Lesebühne: Sie ist für die unfertigen und diskussionswürdigen Texte gedacht und soll jedem helfen, der offen für faire und konstruktive Kritik ist.

In diesem Sinne kann ich nur jedem Lesenden danken und freue mich darauf, am 27.März erneut die Vereinigten Staaten von Sonochnien mit neuen Geheimnissen zu eröffnen. Make Literatur great again!

Friedliche Dezember-Revolution 2016

Die Jubiläen bei „So Noch Nie“ geben sich die Klinke in die Hand. Ziemlich in der Mitte zwischen zwei Monster-Ereignissen, nämlich der 99. Offenen Lesebühne im Juni und dem 50. Themenbeauftragten im kommenden April lag unsere Fünfte traditionelle Dezemberlesung in der Pankower Janusz-Korczak-Bibliothek.

Nach freundlichen einleitenden Worten durch die uns stets wohl gesonnne Frau Breuer von der Bibliothek, hatte ich wie immer die Ehre, das erfahrene Publikum auch im Namen der Lesebühne zu begrüßen. Der Abend stand diesmal unter dem Motto „Auf zu neuen Ufern“. Wir präsentierten eine friedliche Revolution mit starken Helden, emotionalen Überraschungen – aber fast ohne körperliche Gewalt.

s0136807Den literarischen Anfang stellte Frank Georg Schlosser mit einem Text aus dem Jahre 2012, der den despektierlichen Titel „Stinken wie eine Frau“ trug. Ob es am Entsetzen über diese Titelzeile lag, dass während des Vortrages ein Glas Rotwein im Publikum verschüttet wurde, bleibt Geheimnis des Abends. Die Geschichte, die das hohe Konfliktpotential zwischen drei Frauengenerationen während einer Aufstellung aufarbeitet, in die schließlich von unerwarteter Seite nicht ganz unblutig die Realität einbricht, fesselte trotz und dank einiger Verschlingungen dauerhaft die Aufmerksamkeit des Publikums.

s0236881Düsterer, und definitiv romantischer, setzte Angelas Geschichte aus diesem Jahr „Kein Unfall, meine Liebe“ den Abend fort. Was macht ein Geheimnis, das man buchstäblich mit ins Grab nimmt, das jedoch die große Liebe bewahrt, mit einem Menschen? „Kann man einen Krüppel lieben?“ – in diesem Text, für den Angela eine ungewöhnliche Perspektive gewählt hatte, wird diese Frage eindeutig beantwortet.

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Anschließend durfte ich ein fünf Jahre altes Fragment eines Fragments vortragen. Für die wortwörtlich stürmische Geschichte „Das Meer und der Zirkus“ wurde mir beim auf die Lesung folgenden fröhlichen Beisammensein bescheinigt, dass dieser Auszug mindestens eine Zuhörerin gepackt hatte, was für mich als „Schriftsteller im Stand-by“ eine große Auszeichnung darstellt.

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Michaels Geschichte stammte aus dem Dezember 2014. Als Themenbeauftragter hatte er sie unter dem griffigen Motto „Übergang vom Berufsleben zum Rentnerdasein“ verfasst. Neu-Rentner Ludwin erfährt nach einem Urlaub, dass ihn seine Frau nahezu sang- und klanglos verlassen hatte. Nahezu, weil sie ihm einen geharnischten Abschieds-Schmierzettel mit den lyrischen Worten „Die Drecksau hat es geschafft. Ich will meine Ruhe“ dann doch hinterlassen hatte. Die überaus drastischen Reaktionen seiner erwachsenen Kinder, in denen sich langjährig verborgen gebliebene  Vorwürfe, Wut und Abscheu Bahn brachen, ließen den Zuhörern so manches Mal das Lachen im Halse stecken bleiben.

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Ulrike schließlich, zwecks Komplettierung der Kerntruppe aus dem fernen Chemnitz per Flixbus angereist, ließ „Ramonas Rosen“ erblühen, um sie sogleich „technisch fehlerfrei“ unsanft wieder zu entsorgen. Zwar fehlt es sowohl der Protagonistin wie auch ihrem Mit-Helden im entscheidenden Moment am nötigen Gefühl, dennoch kam es in ihrer Geschichte zu einem ungewöhnlichen – wie ich finde – Happy End besonderer Sorte. Man sollte sich eine gute Freundschaft nicht durch Liebe kaputt machen lassen.

Schlussendlich bedachten wir unser Publikum nicht mit einer artigen Verbeugung, doch wünschten wir allen eine frohe Weihnachtszeit, zu welchselber wir sie ja am zweiten Feiertag in unserem „Wohn“-Zimmer 16 wieder werden begrüßen dürfen.

Von Bäumen und der Schwierigkeit, bei Regen in der Heimat freundschaftliche Sozialkontakte mit Veteranen zu pflegen

Schönen guten Abend,

ich freue mich, dass Sie so zahlreich vor den Bildschirmen erschienen sind. Auch die Gäste im Saal grüße ich auf das Herzlichste.

Die 95.Lesebühne offenbarte sich in voller Stärke, denn nicht nur waren Saal und Gläser gut gefüllt, sondern auch die Liste der Lesenden. Volle sieben Literaten (nicht sieben volle!) traten an, um sich der Meinung des zumeist wohlwollenden Publikums zu stellen.

Da ich wieder sowohl die Ehre als auch das Vergnügen der Moderation hatte, hielt ich mich nicht lang mit Vorreden auf, sondern bat flott Oliver auf die Bühne, der als Themenbeauftragter „Noch mal davon gekommen“ war.

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Sieben kleine Texte beleuchteten die Vorgabe, durchweg tragisch, zumeist mit Anspielungen auf Ereignisse aus der Zeit der Naziherrschaft. Mir persönlich gefiel der Satz „Flugzeuge fallen wie Klaviere vom Himmel“ sehr, auch wenn er ob der Wahrscheinlichkeit fliegender Klaviere bemängelt wurde. Entsprechende Kritik beantwortete Oliver trocken und wahrheitsgemäß mit „In der Literatur ist das so.“

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Zweiter in der Runde war Robert. „Es regnet“ – zwar ein etwas trockener Titel – befasste sich zunächst mit dem Problem, Fakten könnten verwirrend sein, um in eine Traumsequenz zu münden, in welcher der Ich-Erzähler Robert sich durch-Pfützen-hüpfend gemeinsam mit einer jungen braunäugigen Frau im strömenden Regen wiederfindet. Gelobt wurde die plastische Schilderung der Ereignisse, von mir leicht bemängelt die fehlende emotionale Spannung zwischen den beiden Traum-Protagonisten.

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Es folgte ein weiterer alter Bekannter der Offenen Lesebühne, Wolfgang. Auch er zeigte sich naturverbunden, „Baum“ hieß sein Text. 13 Blöcke, die sich dem Phänomen von verschiedenen Seiten assoziativ nähern, in seiner einmaligen Art rhythmisch, musikalisch „fast wie Jazz“ vorgetragen, hat Wolfgang auch diesmal wieder etwas sehr eigenes, als Gesamt-Kunstwerk Begreifbares geboten, auch wenn es nicht jedermanns Geschmack sein mag. Mir gefallen Wolfgangs Vorträge von Mal zu Mal mehr.

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Vor der Pause wurde das Los mit Heikos Namen aus der Schüssel gezogen. Er unterhielt uns diesmal mit zwei Texten. Vor dem ersten warnte er, es sei mit Gesang zu rechnen. Ein Versprechen, das er bei dem mit „Sozialkontakte“ betitelten Kurzstück durch das beliebte Arbeiterlied „Wann wir schreiten Seit an Seit“ einlöste. Mein Lieblingssatz der Schilderung einer Begebenheit am Grabe des Armeegenerals Heinz Hoffmann ist übrigens „Die Sozialisten sterben nicht mehr.“

Geradezu melancholisch war Heikos zweiter Text „Der Korbsammler“, in dem der Erzähler mehr oder weniger freiwillig sich einen Korb nach dem anderen einhandelt, mit dem Plan, all diese im Alter zu verkaufen – „Korbwaren von Frauenhand“.

Nach der wohlverdienten Pause kam es zur Wahl des Themenbeauftragten für den Monat April. Freundlicherweise enthob mich Martin der Last, auf der Florastraße nach Freiwilligen zu suchen und erklärte sich per Losverfahren bereit, das Thema „Wenn Störche husten“ zu bearbeiten, nachdem er „Sing mei Sachse, sing“ abgelehnt hatte.

Der bunte Strauß der nicht gezogenen Alternativen „Oachkatzerlschweif / Still und leise / Scherzkeks / Dein Schön ist mein Schön / Haus der Sinne / Katzenvideos / Erziehung / Strandgut / Reisegenuss / Adlerohr / Nordpol“ möge anderen als Inspiration dienen.

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Petra war die nächste Lesende. Schlicht „Heimat“ betitelt und als Zwiegespräch mit dem Aleph  verarbeitet, setze Petra so unterschiedliche Akzente wie es das Thema nur hergeben kann. Am intensivsten diskutiert wurde hinterher ihre Unterscheidung in „Mammutbaum-Menschen“ und „Minze-Menschen“, die vor allem in der Art ihrer Verwurzelung mit der Heimat differieren. So schloss sich eine Verbindung zu Wolfgangs „Baum“-Text, um am Ende aber doch zu fragen, ob Heimat wirklich vor allem durch die Sprache definiert wird, die man von der Mutter gelernt hat.

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Gleich drei Generationen umfasste Franks Geschichte „Veteranentreffen“. Ein Großvater, sich vom Enkel verraten fühlend, weil dieser unliebsame Wahrheiten über ihn, seinen Militär-Beruf und seine Familie im Internet verbreitet hat, will sich fortan weigern, mit diesem zu sprechen. Eine etwas größere „Männer-Miniatur“, für deren präziser Charakter-Darstellung Frank vom Publikum sehr gelobt wurde. Zu Recht, wie ich finde.

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Den etwas ungewöhnlichen Abschluss bildete eine Kindergeschichte von Angela über Freundschaft und einiges mehr. Dem Erwachsenen mag es an Spannung gefehlt haben, für die avisierte Zielgruppe ist sie mit Sicherheit genau richtig abenteuerlich.

Gegen 23 Uhr endete die 95. Lesebühne. Das Publikum zerstreute sich in alle Winde. Entlassen wurde es mit einer Erinnerung: Am 27.Juni feiern wir mit Pomp und Posaunen unsere 99. Offene Lesebühne SoNochNie. 100 kann schließlich jeder. Wer sich aktiv daran beteiligen möchte, ist ab sofort dazu aufgerufen, die Zahl 99 entweder bildnerisch – bevorzugt per Foto – oder aber mittels eines 99 Worte umfassenden Literaturstück (zu beliebigem Thema) darzustellen. Die per Mail/Facebook/Brieftaube eingereichten Werke werden bei der Jubiläumsfeier gebührend präsentiert. Wir freuen uns über zahlreiche Kreationen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen noch einen schönen Abend und freu mich auf den 28.März, wenn es heißt: Bühne frei für den Themenbeauftragten Michael Wäser und „Die Begleitung des Rauchers“.

Leovinus.

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So war die 71. Offene Lesebühne!

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Das Thema beim nächsten Mal

Ein Abend der Premieren und Erstaufführungen war die 71. Offene Lesebühne am 24.Februar im Zimmer 16.
Natürlich eröffnete unser Themenbeauftragter den Abend. Michael Wäser hatte das schwere Päckchen „Valentinstag“ zu tragen, das ihm vor zwei Monaten zugelost worden war. Doch präsentierte er uns keine hollywoodreife Love-Story mit blumigem Happy End, sondern servierte vielmehr einen tarantino-haften Blick in das Herz einer bügelnden Mutter.Sie frisst ihre Antwort auf die ewig-alte Hurvinek-Frage lieber in sich hinein, anstatt ihr Kind mit ihrem bitteren Inneren auf das Leben vorzubereiten. (Wer Hurvinek nicht kennt, sei auf diese Seite verwiesen: http://youtu.be/0cyj5A1puJ0 )

Daraufhin folgte der erste Debütant des Abends. Maik Lippert beschenkte uns mit Gedichten, die die ganze Spannbreite des menschlichen Daseins zwischen Paprika-Schneiden und dem Sinn der Raumfahrt abdeckten. Ein Beispiel seiner Texte kann hier bewundert werden: https://sonochnie.wordpress.com/2014/02/27/kleinkind-mit-weste-auf-dem-kanapee-von-maik-lippert/

Ebenfalls sein Debüt gab an diesem Abend Axel. Sein Prosatext befasste sich mit einem sehr irdischen Thema: Den Erfahrungen eines arbeitslosen Buchhalters im Job-Center. Das Publikum begrüßte im Allgemeinen die Genauigkeit der Beobachtung, kam allerdings auch zu dem Schluss, dass der Text deutlich mehr „Pfeffer“ in Form einer erhöhten Spur Sarkasmus oder Entwicklung der Charaktere bedürfe. Diese Hinweise nahm Axel dankend entgegen.

Für die dritte Premiere des Abends sorgte Frank Georg Schlosser. Er erreichte sie durch pure Abwesenheit und den zuvor geäußerten Wunsch, Leovinus möge seinen Text vortragen. Diesem Wunsch kam ich gern nach. Die „Männerminiaturen“ sind vier von Botho Strauß und der Weißenseer Wirklichkeit inspirierte Episoden, die uns diese merkwürdige Daseinsform „Männer“ ein Stück näherbringen. An Lob und kleineren Verbesserungsvorschlägen gab es keinen Mangel. Auch wurde mehrfach die Neugier geäußert, wie wohl der Verfasser selbst den Text gelesen hätte.

Den Abend beschloss dann die einzige weibliche Autorin. Angela Bernhardt ließ uns in das nahe Ende einer Ehe schauen, in der die Frau wohl nicht länger gewillt sein würde, die zweite Geige zu spielen. Obwohl die Geschichte erst am selben Tag das Licht der Welt erblickt hatte, war sie doch schon zu einem ansehnlichen Stück Literatur herangereift, was auch vom Publikum wohlwollend bestätigt wurde.

Bei der abschließenden Wahl des Themenbeauftragten lagen die Namen dreier Autoren in der Losschale: Angela, Leovinus und Michael erklärten sich bereit, das Risiko des Unbekannten zu wagen. Unsere Stammgästin Anita zog schließlich erneut Michael, der zunächst das Thema „Glück in Scherben“ abwählte und sich somit zur Zweitwahl „Zinnschrei“ verpflichtete.

Die werte Leserschaft ist nun aufgerufen, entweder selbst die einschlägigen lexikalischen Quellen zu diesem Begriff zu befragen sowie bis zur Offenen Lesebühne im April auf Michaels Interpretation auszuharren.
Zuvor jedoch werde ich als Themenbeauftragter des Monats am 24.März, meine etwas surrealistische Geschichte mit dem Titel „Traumfänger oder Wer hat Fedde“ präsentieren.

Die Lesebühne „So Noch Nie“ freut sich auf Sie als Gast oder als Leser!

Das war die 70. !

Traumfänger

Ganze zwei Lesende konnten die Besucher der siebzigsten Offenen Lesebühne am 27.Januar bewundern. Den Anfang machte traditionell der Themenbeauftragte. In diesem Falle war dies Frank Georg Schlosser, welcher uns zwei Texte zum Thema „Eisregen“ zur Auswahl stellte. Wir entschieden uns zunächst für jenen ohne Happy End.
Also servierte Frank den klaustrophobesken Albtraum eines Abends im Swinger-Club, präsentiert von einem bemüht-heiteren Conferencier namens Luigi. Leider nimmt der geschilderte Abend zunehmend beängstigende Züge an, da sich die Gäste in einer stillgelegten Aldi-Filiale zunächst als Gefangene widriger Witterungserscheinungen, ihrer Triebe und schließlich der puren Schwerkraft einer eisbeladenen Dachkonstruktion wiederfinden. Ein Text, sich bewegend zwischen Stephen King und Michel Houellebecq, und dem Thema vollauf gerecht werdend.
Von einer Gefangennahme historischer Art berichtete uns Michael Wäser. Seine Reportage zeigte einen besonderen Moment im Leben nicht nur von Michael-Reiner Ernst. Dem Fotografen gelang es, am 13.August 1961 jene glücklichen Menschen abzubilden, die die letzte Gunst der Stunde nutzten, durch die noch unfertige Mauer in den Westen zu flüchten. Michael Wäser hingegen konnte uns nicht nur jenen Moment plastisch vor Augen führen, sondern auch einen Menschen nahe bringen, der auch in den Jahren zwischen Mauerbau und –fall vor allem den westlichen Teil Berlins fotografisch dokumentierte. Ich sage: Vielen Dank! Wieder was gelernt.
Um dem Abend noch einen dritten Programmpunkt zu gönnen, durfte Frank gern ein weiteres Mal auf dem roten Stuhl Platz nehmen, der diesmal nicht von ihm umgeworfen wurde. Frank hatte seine Pflicht als Themenbeauftragter übererfüllt und las uns eine weitere „Eisregen“-Geschichte vor. Diese sogar mit Happy End, was vom anwesenden Publikum wohlwollend honoriert wurde.
Zum Abschluss wurde diesmal der Themenbeauftragte erstmals nicht per Losverfahren ermittelt, da ich mich freiwillig meldete. Das mir zugeloste erste Thema „Wer hat Fedde“ lehnte ich verwirrt ab und darf nun dem „Traumfänger“ eine Geschichte widmen. Allerdings ist nicht ganz auszuschließen, dass auch die etwas rätselhafte Frage Eingang in diesen oder einen weiteren Text findet.
Außerdem fand sich der folgende Strauß bunter Ideen auf den Loszetteln aus dem Publikum: Zwei mal gefragt, Kapitulation, Gedanklichkeit, Krokus, Selbstkritik, Transparenz, der falsche Augenblick, Anlauf, Vier nicht, Alles wird gut, Ostkreuz.
Aber für den 24.Februar heißt es dann – etwas verspätet – „Valentinstag“. Wir sind gespannt, was Michael Wäser daraus macht – einen wortgewandten Werbespot für die Blumenindustrie?

Schuhe ohne Grenzen

bitte schuhe ausziehen

Was für ein erfolgreicher Abend!

Kann man eigentlich schon von einer Tradition sprechen, wenn etwas erst zum zweiten Mal stattfindet? Nach diesem Abend sind wir von „So noch nie“ und Frau Breuer von der Bibliothek uns jedenfalls einig, dass daraus eine solche werden könnte – wenn nicht gar ein vorweihnachtliches Ritual. Wie oft hat man sonst Gelegenheit, auf einer Bühne zu stehen, die mit den Worten „Schuhe bitte ausziehen“ beschriftet ist?

Fast fünfzig Gäste fanden sich am vergangenen Donnerstag in der Kinderbuchabteilung der Pankower Janusz-Korczak-Bibliothek ein, um unseren erwachsenen Texten zu lauschen.

„Grenzerfahrungen“ war das selbst gestellte Motto. Und wir loteten das Thema selbst bis an seine Grenzen aus. Von meerchenhaft-heiter (Leovinus) über wort-mordlustig-hintergündig (Ulrike – aus Chemnitz angereist!) und historisch-innerdeutsch (Michael) bis hin zu todessehnsüchtig (Angela) und schließlich kafkaesk-intrigant (Frank) reichten die Facetten. Das Sahnehäubchen setzte Anne Schmidt mit viel Gespür am Klavier diesem Abend auf.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

PS: Da es zum Glück keinem der Zuhörer die Schuhe auszog, haben übrigens auch wir die unseren einfach anbehalten. Soviel Grenzgängertum musste sein.