Hofbräuhaus und Volkes Wille und der sawOm

Die 161. Offene Lesebühne SoNochNie! begann mit einem Jahrestag zur Gründung des Hofbräuhauses vor hunderten von Jahren. Es wurden die Staatsausgaben des 30-jährigen Krieges damit finanziert, es gab 1844 eine Bierrevolution (weil die Preise um einen Pfennig angehoben worden sind – was würden die Revolutionäre von damals heute das Oktoberfest aufmischen!), Lenin verkehrte da, und Nadeshda Krupskaja amüsierte sich über das Kürzel, weil HB im Russischen auch народная воля, also Volkswille heißt, eine Bewegung, die 1881 die Ermordung des damaligen russischen Zaren bewerkstelligte. Außerdem wurde im Hofbräuhaus die NSdAP gegründet.

Da war also was LOS, wie Leovinus seinen wie immer launigen Einführungsvortrag abschloss, und damit zum Themenbeauftragten des Abends, Max Ludwig, überleitete, der zum Thema LOS etwas geschrieben hatte, was er uns zu Gehör brachte.

Leo erzählt uns etwas zur Bierrebellion von 1844

Der Text hieß „Himmel“, und der Ich-Erzähler beobachtet eine Berührung mit einem LOS, das offenbar eine Niete war, aber die Finger, die es berührten, die Pupillen, die es betrachteten und der Kopf, der zu Fingern und Pupillen gehörte, schuf aus der Niete ein Bild von etwas Schönem, etwas das zum Himmel fliegen konnte. Die Finger wussten offenbar, was sie taten, als sie aus dem Los einen Vogel falteten. Max gab zu, dass es eigentlich im wahren Leben ein Kassenbon gewesen ist, aber es sollte ja zum Thema LOS passen und die Moral von der Geschicht: mit ein bisschen Geschick kann man aus einer Niete einen Gewinn machen.

Leo übergibt an Max die wertvolle Urkunde

Danach zog Leovinus die Petra Schick aus dem Lostopf, die einen Text mit dem Titel „Spur“ las. Petras Texte sind eine Herausforderung – gleichzeitig Hören und Mitschreiben ist für mich nicht drin. Deshalb gehe ich hier in die Diskussion zum Text. Max merkte an, dass es vielleicht zu viele Bilder in zu kurzer Zeit wären, jedes Bild bräuchte mehr Raum. Martin meinte, es wären eher Lese- als Vorlesetexte, man müsse die Chance haben anzuhalten, wirken zu lassen. Katharina war aufgefallen, dass alles gleich wichtig ist, es gäbe keine Hierarchie der Bedeutung und kaum Prädikate. Andere sprachen von literarischem Free Jazz, es gefiele einem eben oder nicht.

Petra versucht, hinter den Scheinwerfern das Publikum zu erkennen

Petra selbst will die Texte so wie sie sind, abstrakt, aber fügte sie an, Abstraktion sei zugleich Kongretion. So habe ich das aufgeschrieben, weil ich gar nicht verstand, was sie meinte, und Leo neben mir nahm meinen Zettel und korrigierte zu Konkretion. Ah, dachte ich, von konkret. Voll konkret korrekt, Alta, sowas. Aber eine Recherche dort, wo wir heute alle recherchieren, ergab: Eine Konkretion ist ein unregelmäßiges, häufig auch rundlich gestaltetes Mineral-Aggregat, das in einem anders gearteten feinkörnigen Sediment aus einer wässrigen, zirkulierenden Lösung (Porenwasser) ausgesintert ist. Aha. Wahrscheinlich hat Petra genau das gemeint. 😉

Als dritte Lesende des Abends fischte Leo Katharina Körting aus seinem Amiga-Lostopf (hätte ich mich hier verschrieben und Amigo-Lostopf geschrieben, würde jeder denken, Leo schummelt beim Losen, aber es handelt sich tatsächlich um eine aus einer Amiga-Schallplatte gebogene Schüssel mit den besten Schlagern von 1983 oder in dem Dreh mit so wertvollen musikalischen Geniestreichen wie „Erna kommt“).

Katharina zählt die Weingläser und Bierpullen im Publikum

Katharina las eine wie immer intelligentwitzigtraurige Geschichte mit dem Titel „Kontaktanzeige“. Eine Frau, Sandra, steht am falschen Bahnhof, kann also nicht rechtzeitig zu ihrem Auftrittsort im Westen Süddeutschlands kommen, was ich als alter weißer Ossimann (wäre das nicht eine schöne Steigerung zu „alter weißer Mann“? Am besten noch „sächsischer alter weißer Ossimann (sawOm)“, was ich ja bin. Sollte meinen Twitter-Account diesbezüglich umstellen, da werden die Algorithmen mir ganze andere Follower zuweisen), aber zurück zu Katharina: ich fand die Ortsbeschreibung bemerkenswert, weil für mich als sawOm natürlich alle süddeutschen Landesteile auch westdeutsch sind, aber es war wohl so eine Umschreibung für nicht Bayern. Schwaben. Die Fügsamen. Wer sich nicht fügte, wurde von den Eingefügten daran erinnert. Was in den Fugen wachsen könnte, daran wollen die Fügsamen nicht erinnert werden. (Wenn man Fügsamen oft genug schreibt, denkt man, es könne die Fügblume daraus wachsen.)

Bienen und Bäume und Regen und Mücken fügen sich nicht, nicht mal in Schwaben. Wenn man, sinnierte Sandra, etwas blöd findet, kann man damit nicht aufhören. Sandras Gedanken schweiften dann zu Hotelzimmern, die ihre sexuelle Phantasie beflügelten, in denen sie gerne von betrunkenen Männern altmodisch genommen werden wollte, wenn ich das jetzt korrekt zusammengefasst habe. 😉

Toll fand ich die Bezeichnung einer Kneipe, in der Sandra öfter abhing, das Immeruff. Sandra trank da nicht, aber sie fühlte sich wohl unter männlichen Trinkern. Trockene Trinker dagegen machten sie nervös. Die hatten alle Nachteile von Trinkern, aber nicht ihre Vorteile (welche sollten das sein? Dass sie sich am anderen Tag an nichts mehr erinnern können?) Und eine letzte Erkenntnis: Alkoholiker nuscheln auch, wenn sie keinen Pegel haben. OMG!!! Wollte ich das wissen? Ich war wie immer bei Katharina sehr angetan von diesem Text.

Danach las Matthias Rische einen Text mit dem Titel „Pimpf“.

Der hatte so wenigstens zwei Zeitebenen, wenn ich mich recht entsinne. Die Kommissarin hatte den Pimpf (den Psychologen?) zu mir geschickt, um herauszufinden, ob ich die Wahrheit sage. Der Ich-Erzähler hatte nämlich etwas mit Sylvia. Die wiederum mochte keine Haare am Mann, z.B. auf der Brust. Mit Rasierschaum und Ladyshaver nahm das Drama seinen Lauf. Zwischendurch mutmaßte das Ich, dass der Psychologe sich an seiner Geschichte aufgeilen könne, und für die ersten zwei bis drei Minuten dachte ich, dass mir das vielleicht auch gelänge. Und als Sylvia zu dem Ich sagte, sie mache es ihm heute brasilianisch, gab das meiner Ansicht nach zu den schönsten Hoffnungen Anlass. Aber es ist in jedem Film und jedem Buch so: wenn eine gut aussehende Frau einem Mann solche Avancen macht, endet es meist in einem Desaster. Keine Ahnung, wer da wessen Schuldgefühle aufarbeitet.

Matthias schaut, ob sein Schocker jemanden geschockt hat

So auch bei Sylvia. Über Beinhaarentfernung mittels Waxing (mit Honig? In der Diskussion wurde da eine technische Ungenauigkeit moniert) ging es schließlich zur Schamhaarentfernung mittels Kerzenflamme. Brandsalbe hatte Sylvia dabei wie andere Leute Nudeln oder Kondome. Beim Therapeuten (ohne Name – nur gelbes Haus, zweites Klingelschild von oben) öffnete das Ich das Band seiner Trainingshose (Jeans konnte er nicht mehr tragen) wo er auf der Innenseite seiner Oberschenkel „Love you forever“ mit einer Heißklebepistole eingraviert bekommen hatte. Es endete, wie es enden musste, weswegen das Ich wegen Feststellung der Schuldfähigkeit oder dergleichen nun auch zum Psychologen musste: Sylvia hat die Sache eines herumliegenden Hammers wegen nicht überlebt.

Dann war Pause und nach der Pause wurde Sebastian Dreisprung zum Themenbeauftragten für den Monat November gekürt – soweit ich das überblicke, ist das für ihn eine Premiere. Herzlichen Glückwunsch, Sebastian. Als Thema erloste er „Glück“, was er auch prompt annahm.

Als fünfter Lesender des Abends zog Leo dann mich, www.frankgeorschlosser.de aus der Lostrommel. Ich las eine erste Szene aus einem dystopischen Text. Ich liebe nämlich Dystopien.

Frank, der nicht versteht, warum er als einziger hochkant da sitzt.

Die Ordnungsgruppen aus meinem letzten Roman haben sich weiter vermehrt und das Land überschwemmt. Richter Klaus Morgenthaler, auch schon Hauptheld beim letzten Mal, hat sich als Kommandeur für die eher tumben Ordnungsgruppenmänner beworben, um seine Söhne wiederzufinden, die sich da wohl gemeldet haben und gehirngewaschen wurden. Er sitzt in der gelesenen Szene einem Vater und seinem Kind gegenüber, die sich in einem sächsischen (da waren sie wieder, die Sachsen!) Ferienhaus versteckt hielten, was sie nicht durften. Klaus muss sich entscheiden, und er entscheidet sich für die Rettung des Kindes, was allerdings dazu führt, dass er nun selbst auf der Flucht ist.

Danach las Arved Wolff zwei Gedichte. Eins hieß Nebenan. Der Mann im Zimmer nebenan redet mit sich selbst, weint, war früher Leichtathlet, musste abgeholt werden mit dem Rettungsdienst, nun nimmt er Tabletten und muss in Gleichgewichtsgruppen wieder zu sich finden. Seit das lyrische Ich das weiß, stört es das nicht mehr, wenn der Mann nebenan mit sich redet, stört es ihn nicht mehr, dass die Wände so dünn sind.

Arved ist hier nicht drauf, ich war von Arveds Gedichten so geflasht, da habe ich das Ablichten des Künstlers glatt vergessen – hier dafür das konzentrierte Publikum

Das zweite Gedicht hieß „In Erwartung“ und sagte einem imaginierten Gegenüber, dass es gar nicht zu kommen brauche, wenn es dem lyrischen Ich mit seinen bedachten Worten nur sagen wolle, dass man mit ihm nicht leben könne. Da bliebe das lyrische Ich doch lieber allein mit der Wand.

Archivbild von Arved

Vorletzter war Wolfgang Eubel. „Pass doch auf“ hieß sein Text, wenn ich das richtig notiert habe, der sich zunächst damit beschäftigte, dass jeder Schlüssel an die geistige Beschränktheit des Menschen erinnere, eine Verschwendung von Zeit und Ingenieurskunst wäre. Dann ging es um eine Familie. Ich hatte den Eindruck am Ende, der Erzähler habe Menschen im Park beobachtet:

Wolfgang diskutiert mit dem Publikum über die Auktorialität (Wortschöpfung des Autors) des Erzählers

Papa hat keine Zeit für dich, muss mit seinem Handy spielen, dem Fremden gesichtswahrend eins aufs Maul geben. Töchterchen hatte gar nichts zu sagen. Jemand (war es noch derselbe?) entkettete sein Fahrrad (Mädchen sollen frühzeitig lernen, wem die Welt gehört) und dann wurde der Stehende belehrt, dass er hier aber nicht so schnell fahren dürfe. Es entstand schon ein Bild, ein Ort in mir (Nordweg im Schlosspark Pankow). Mir schien es keine Geschichte, sondern eher eine Reihe von Beobachtungen zu sein.

Zuletzt las Wolfgang Weber eines seiner Assoziationskettengedichte zum Thema „Wortschwall“. Talking loud, saying nothing, war das Ganze überschrieben, eine kleine Reminiszenz an James Brown. Es ging um den Rederer, Menschen, die reden aber nichts sagen. Du sprichst wie ein stumpfes Schwert, das nicht schneidet. Dull knife.

Sorry, Wolfgang, Dich habe ich auch zu fotografieren vergessen. Hier eine Archivaufnahme:

Da sieht man gleich, dass dieses Bild nicht, wie meine, mit dem Handy fotografiert sind.

Und damit endete die 161. Lesebühne, die gut besucht und für mein Empfinden von einer schönen Stimmung getragen war.

Leider musste vier Lesewillige unverrichteter Dinge wieder abziehen, was schade, aber nicht zu ändern ist, weil so sind unsere Regeln – acht Lesende – ein Gesetzter, nämlich der Themenbeauftragte – der Rest wird gelost, und in den Lostopf kommt, wer sich bis 19.30 Uhr beim Moderator anmeldet. Aber sie sollen nicht ungenannt bleiben:

Heiko Heller wollte lesen. Lieber Heiko, bitte komme wieder, es war immer ein Vergnügen, Dir zu lauschen.

Jonas Müller wollte lesen. Nicht aufgeben, Jonas.

Sebastian Dreisprung wollte lesen. Sebastian immerhin hat sich zum Themenbeauftragten für November küren lassen. Da gibt es also schon mal so etwas wie eine Lesegarantie.

Und last but not least wollte Marcel Kröner lesen. Nächstes Mal vielleicht, Marcel.

Ich bin nächstes Mal nicht dabei, dafür wieder im November, wenn es heißt: lies mit, schreib nicht ab, schreib besser.

Euer

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