Die meisten Leute, die zu mir zum Warten kommen, kenne ich nicht.

Die 159. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 begann mit dem 837. Jahrestages des Erfurter Latrinensturzes, bei dem am 26. Juli 1184 sechzig Adlige durch morsche Deckenbalken in die Latrine stürzten, ertranken, erstickten oder von herabfallenden Balken erschlagen wurden, z.B. Graf Gozmar III. von Ziegenhain, dessen an dieser Stelle gedacht werden soll. Daher die Analfixierung der Deutschen. 😉

Im Zimmer 16 waren alle Balken an Ort und Stelle, die Toiletten sind an die Berliner Kanalisation angeschlossen,

die Technik funktionierte, Scheinwerfer schälten mich aus der Dunkelheit, ein Mikrofon und Lautsprecher übertrugen meine Stimme in den hintersten Winkel, die Stimme des Themenbeauftragten, und das Thema lautete „Teufelskreis“.

Dazu wären mir eine Menge eigener Geschichten eingefallen. Ich zog es jedoch vor, einen fremden Teufelskreis zu beschreiben. Sicher ist sicher.

Fabio, seines Zeichens Hauptabteilungsleiter und unkündbar, hat schon vor langer Zeit innerlich gekündigt. Die einzigen Kämpfe, die er noch ficht, sind die gegen die Zumutungen seiner Untergebenen, die nicht aufhören, ihn in mit Arbeit zu nerven. Der Teufelskreis ist nun der, dass er eigentlich gerne sich nur noch seinen künstlerischen und touristischen Vorlieben hingeben würden, aber sie hören nicht auf, ihm dieses Geld zu zahlen.

In der Diskussion wurde mir die Idee angetragen, doch einmal den Teufelskreis aus der Sicht der exemplarischen Untergebenen Frau Thissen zu schreiben, die das einfach nicht akzeptieren kann. Mal sehen, vielleicht mache ich das sogar.

Als zweiter las der Gerhard eine Geschichte, die er zum Thema „Liebe“ geschrieben hatte. Als erstes Stichwort habe ich mir „schwermütiger Trinker mit Bildern aus der Vergangenheit“ aufgeschrieben. Verstehe ich gar nicht. Meinte ich damit am Ende gar mich selbst.

Die Geschichte handelte von einem „hässlichen Entlein“ (ich schreibe das in Gänsefüßchen, weil ich mir nicht sicher bin, ob das heute unter den Bedingungen des wachsenden Orwellschen Neusprech noch straffrei sagbar ist), das sich in einen Mann verliebt, der sie fast klischeehaft herumkommandiert. Irgendwann habe ich aufgeschrieben: „Wieso himmelt sie ihn so an? Wie blöd ist sie?“ „Seine Beleidigungen schmerzten, aber ihrer Liebe tat das keinen Abbruch.“ In der Diskussion wies er darauf hin, dass es solche Frauen gäbe. Kann sein.

Dann las Katharina ein Essay über den deutschen Fernsehfilm. Mehrheitsfähig reaktionär. Mir juckt es in der Tastatur, mich an dieser Stelle gerne schon bei dem Begriff „reaktionär“ und seiner negativen Konnotation aufhalten, aber das würde wohl zu weit führen. Der Text war so unterhaltsam und klug, ich habe zwei Seiten mitgeschrieben. Sofort fiel mir wieder ein, wo man, neben dem Fußball, beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sparen könnte, nämlich beim Bergdoktor. Gestolpert bin ich über den Begriff „heteronormative Didaktik“, der nun haltlos durch mein Hirn kugelt. Meine Lieblingssätze:

„Aufrecht stehend zu Kreuze gekrochen gesteht sie ihm (21.40 Uhr) ihre defizitäre Liebe.“

Und zu der Frage, die sich mir schon gestellt hat, warum sie solche Filme überhaupt guckt, schrieb Katharina:

„Nicht Glück ist mein Ziel, sondern Pause vom Glücksstreben.“ „Im Bett liegen und anderen beim Lügen zuschauen. … Offenbar schmeckt mir das kulturell vergiftete Süppchen.“

Zu diesem Text gab es die längste Diskussion des Abends. Das deutsche Heile-Welt-Fernsehen regt selbst Literaten auf. Unter anderem habe ich erfahren, dass Adorno Filme gehasst hat, und war zutiefst erleichtert, dass mein Nachbar auch noch nichts von ihm gelesen hat.

Vor der Paus las noch der Arved. „Gleichzeitig“ hieß sein Text, so ganz anders als Katharinas. Es ging ums Verlaufen, ums Laufen, um die Straßen und Wege, und wie sie seinem Spaziergänger gesonnen sind.

„Keine Einwände gegen seine Anwesenheit, die Straße war einverstanden mit ihm.“ „Laufen, Gehen gab ihm eine Art Halt.“ Und: „Wo liegt die Grenze zwischen Gleichförmigkeit und dumpfen Wiederholungen. Essen, schlafen, Beeren sammeln zum Beispiel.“

Zarte Zäune, die sich wundern würden, wenn sie plötzlich Abwehraufgaben erfüllen müssten – und dann überraschte den Spaziergänger plötzlich eine Gleichzeitigkeit zwischen Gärten und Mädchen, Klavier übend. Zwei Welten, ohne Grenze, sie saßen „am selben Tisch wie Lehrkräfte einer Schule“, ein Vergleich, der mich überraschte.

Dann gab es die Pause und die Kür des Themenbeauftragten für den Monat September. Der frisch nach Berlin zurückgekehrte Max meldete sich und nahm gleich das erste gezogene Thema: „Los“.

Der fünfte Lesende war Matthias.

Sein Text hieß „Raubtier“ und war eine düstere Allegorie auf das Thema Gefangenschaft. „Ich bleibe, wo man mich lässt.“ Das von der Mutter gefangengehaltene Kind, das Ritual des Anziehens durch die Mutter, er musste etwas trinken und wachte danach im Dunkeln auf. Zellenexistenz, auf zwei Zeitebenen erzählt. Wie das Kind wächst und der Käfig zu klein wird. Wie er sich später wieder so einen Käfig mietet. Man erfährt nicht, wie er dem ersten Käfig entkommt (um sich einen zweiten zu suchen), aber man erfährt, dass er seinen Bruder gehasst hat, das Lieblingskind der Mutter, der immer sein Ding gemacht hat, und den er, selbst noch kein Teenager, aus dem Fenster in den Tod stieß. Der Text fand viel Zuspruch. „Grauen aufziehen, ohne sich in Grässlichkeiten zu ergehen“, war einer der Kommentare.

Als nächstes las die Wolf-Gang. 😉

Erst Wolfgang Eubel. Wie immer mit viel schauspielerischem Engagement gab es „Sturm in Pankow“.

Der Text ist in einiger Rage wegen einer so empfundenen früheren Zurechtweisung entstanden, dass man als alter weißer Mann doch bitte nichts Erotisches dem jungen Publikum zumuten möge, was in der Diskussion als Missverständnis bezeichnet wurde. Wir reden übers Wie, nicht über das Was.

Jedenfalls erging sich Wolfgang in Betrachtungen darüber, dass ein zu 90% fertiger Text entweder in den Papierkorb gehöre oder auf den Schreibtisch zur Nachbearbeitung. Und dann folgte etwas, das mich ratlos zurückließ, und mich an Joseph Beuys erinnerte, weil ich es nicht verstehen konnte, die Worte schon, den Sinn nicht, weil mir wahrscheinlich ein Bezugspunkt fehlte. Steine, Kometen und Wüsten und Meere und Himmel und Geld, Bahnhöfe und Seidenfäden – und das mit einigen Wiederholungen. Aber das ist schon in Ordnung so. Man soll es dem Publikum auch nicht zu einfach machen. Am Ende empfand ich es als einen Text über das in Würde Altern, was nie leicht ist.

In der Diskussion sind allerdings die Literaturwissenschaftler aus ihren Löchern gekrochen und klärten mich auf: In einem solchen Text gibt es codierte Bereiche, die von Mauern aus Monotonie geschützt sind. Die Nachricht, die Message sozusagen erreicht nur den, der das durchschaut und geduldig ist. Es gibt einen Gedichtschreiber, der Vorbild für Wolfgangs Text war, Eugen Gomringer. Lyrik nach dem Aussehen des Gedichts. Wie im Barock die Blumengedichte, die ich auch nicht kenne. So bleibt mir nur die Erkenntnis, dass es Bereiche der Lyrik gibt, für die ich zu unruhig, zu hibbelig bin. Vielleicht hätte ich auch mal Literatur und nicht Ökonomie studieren sollen.

Der zweite Wolfgang war der Herr Weber, das muss ich jetzt googeln … Suutje, tatsächlich. Laangsaam. Zoomania. Nun wird wieder in die Hände gespuckt. Prokrastination over the nation. Mañana mañana. Oder wie der Bulgare sagt: ей сега ще тръгваме. Laid back.

In der Ruhe liegt die Kraft, die Texte schafft. Dreiwetterbetondame ohne Name. Happy go lucky local. Suutje getuutje. Sachte sachte. Suutje piano.

Percussion wäre ein Schüttelei gewesen, aber das hatte Wolfgang zuhause vergessen. Was soll ich dazu sagen. Keine Ahnung, ob Herr Gomringer auch dafür ein Vorbild war, aber das habe ich alles verstanden. Ich bin eben eher Gernhardt statt Gomringer.

Aber wer jetzt glaubt, das wäre der Höhepunkt des Abends gewesen, der hat nicht mit Max gerechnet.

Es ging ums Warten. Wenn der Ich-Erzähler früh aufsteht, wartet schon ein Herr im Trenchcoat am Kleiderschrank und neben der Dusche. In der Küche kommt eine Frau Anfang 40 dazu mit einer Gurke und auch im Mantel. Beim Losgehen kommen noch zwei Schulkinder dazu. Der Ich-Erzähler hat immerzu das Gefühl zu langsam zu sein. Aber Gott sei Dank hatte ich das Gefühl, dass er sich mit diesem Gefühl arrangiert hat, und eher verwundert als genervt auf all die Wartenden blickt.

„Immer mehr Menschen kommen dazu, seit das erste Mal auf mich gewartet wurde.“

Mein Lieblingssatz: „Die meisten Leute, die zu mir zum Warten kommen, kenne ich nicht.“

Der Herr im Trenchcoat ist der treueste Warter, bei den anderen wechselt es oft.

Die Mutter des Ich-Erzählers hat früher immer zu ihm gesagt: Die Leute warten nicht auf Dich.

Falsch.

Die Menschenmassen sammeln sich, das Warten gerät außer Kontrolle. Man muss Warteräume einrichten, Servierwagen mit Häppchen, Kaffeespender. Morgens warten eher ältere Frauen, nachmittags kommen welche Mitte 40 zum Warten vorbei. Auf dem Heimweg dünnt die Schar der Wartenden aus. Feierabend auch beim Warten?

Irgendwie saß ich völlig beseelt nach diesem Text auf meinem Stuhl und dachte: ach, wie schön. Der Beifall war lang und freundlich. Und Max hat geduldig gewartet, dass wir alle unsere Begeisterung über diesen Text an ihm auslassen.

Bis zum 23. August, wenn die 160. Lesebühne ihre Pforten öffnet. Euer

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