Ulla setzt ihre Taille instand

Die diesjährige Mai-Lesebühne darf von sich behaupten, ein (mutmaßlicher) Meilenstein gewesen zu sein. Wenn alles gut geht, war sie nämlich die letzte nur online veranstaltete Lesebühne SoNochNie in dieser Pandemie. Von den denkwürdigen Beiträgen unserer Autor*innen ganz zu schweigen.

„Spurwechsel“ lautete das Thema, das die freiwillige Themenbeauftragte Gudrun Sonnenberg im März aus den Vorschlägen der Teilnehmer*innen gelost hatte, und so hieß auch ihre Geschichte. Ulla, lockdown-gewichtsgeschädigt, beschließt, etwas für ihre Figur zu tun und statt des Aufzugs künftig die Treppe zu nehmen, um in ihre Wohnung im 5. Stock zu kommen. 0,1 verbrannte Kalorien pro Stufe hat sie recherchiert, und das soll sich nun statt der Pfunde ruhig summieren. Doch im Treppenhaus, das sie sonst ja nie benutzt, riecht es. Und zwar heftig. So heftig, dass sie der Sache auf den Grund gehen will. Eine alleinstehende Nachbarin ist bald als Verursacherin identifiziert und, uff, noch am Leben. Aber aus ihrer Bude mieft es gewaltig. Trotzdem lässt sich Ulla einladen und auf ein Gespräch mit der Nachbarin ein, die sich als Befreite herausstellt. Als Witwe und Rentnerin befreit von sozialen Zwängen hat sie beschlossen, nur noch zu machen, was ihr Spaß macht, und putzen gehört nicht dazu. „Ich lebe wieder wie mit 14!“, verkündet sie, und Ulla lässt sich mitreißen: Prost! Deutlich beschwippst besteigt sie später den Lift und beschließt, etwas für ihr Selbstbewusstsein zu tun: Die Treppe kann sie mal. Ein unterhaltsames Statement für den Genuss.

Arved Wolff folgte mit einem Kurzkrimi: „Fünf Stück Würfelzucker“. EIn Sozialarbeiter der Krisenhilfe Charlottenburg erlebt in der Beratung einen verzweifelten Mann: Ein gestandener Polizeibeamter bricht vor seinen Augen unter der Last von gezielten Schikanen seiner Kolleg*innen zusammen – „ein Meer aus Zweifeln und Entkopplung“. Mobbing, weil er bei deren rechtslastigen Aktivitäten nicht mitmachen will und als Störenfried empfunden wird. Doch kaum hat der Mann, nach erfolgter Erstberatung, das Haus verlassen, wird er direkt vor dem Büro Opfer eines Unfalls mit Fahrerflucht, den er nicht überlebt. Es sind nun verschiedene kleine, im Text verstreute Hinweise, die aus dem Vorfall einen Kriminalfall machen, einen, den man lösen möchte. Ein Stück Würfelzucker ist dabei von Bedeutung, aber für die Lösung des Falls muss man aufmerksam rekapitulieren und seine grauen Zellen anstrengen. Crime Short Story, sagt man dazu.

„Meisterwerk“ nannte Matthias Rische seine Geschichte ganz unbescheiden, denn so lautete nun einmal ihr Titel. Der Jugendliche Rafael (es folgen weitere aus der Kunst und Mythologie bekannte Namen, die ich mir nicht alle merken konnte) hat sich in die ältere Viola verliebt und will ihr ein Foto von sich schenken. Da sie, ganz anders als er, Bücher liest und liebt, fotografiert er sich per Selbstauslöser in der Bibliothek vor einem Bücherregal – nackt und eingeölt. Das sollte sie überzeugen, meint er. Doch da taucht ein Bote auf, Bruder der Angebeteten, und überreicht ihm einen Briefumschlag. Viola schickt selbst ein pikantes Foto, doch zusammen mit einer Absage. Das Bild soll nur als Erinnerung dienen. Irgendwie kann man Viola verstehen, irgendwie findet man sie aber auch fies. Rafael jedenfalls wäre jetzt lieber bei seinem Vater auf der Brent-Bohrinsel, weit, weit draußen auf dem Ozean. Auch verständlich. Das üppig-klassische Meisterwerk des „Jünglings mit Büchern“ ist Rafael jedenfalls gelungen, aber leider vergebens.

Frank Georg Schlosser schloss den Abend passgenau mit „Vorgerückte Stunde“ ab. Reiner entdeckt auf dem Heimweg kurz vor der Wohnung seine Vivian in der Schlange vor dem Eisladen mit einem anderen Mann. Sofort wird sein Organismus von Adrenalin geflutet, er kann sich kaum bändigen. Doch es gelingt ihm wenigstens so weit, dass er nicht gleich hinstürmt und eine Schlägerei anfängt, sondern die beiden aus der Entfernung weiter beobachtet – würde nicht immer irgedwas den klaren Blick stören. Doch irgendwann erkennt er immerhin, dass der Typ anscheinend von Vivian mit seinen, Reiners alten Klamotten versorgt wurde. Reiner schwant Schlimmes. Er beeilt sich, die Wohnung zu erreichen, um dort zu sein, bevor die beiden ihr Eis bekommen haben und schleckend eintreffen – aber warum beide? Reiner durchwühlt alte Fotodateien und löst das Rätsel: er ist es selbst, fünf Jahre früher. Die ganze Situation draußen in der Schlange vorm Eisladen war anscheinend eine Fata Morgana, doch real war sie auch. Er löscht die Fotos, auch die in der cloud, will die selbstständig gewordene Erinnerung vernichten, verkriecht sich am Ende in die Badewanne. Von dort „kann man nicht so schnell vertrieben werden“. Das kann nicht wirklich passieren? Zu vorgerückter Stunde …

Frank war es auch, der sich an- und abschließend als Themenbeauftragter für den Juli meldete und aus den Themenlosen der Teilnehmer*innen „Teufelskreis“ zog. Zwei Monate können wir uns jetzt darauf freuen. Die nächste Offene Lesebühne „So noch nie“ wird nun also tatsächlich und beinahe 100%ig sicher wieder zuhause im Zimmer 16 stattfinden: am 28. Juni um 19.30, Maske und Negativtest o.ä. nicht vergessen (auf der Zi16-Homepage stehen alle Hygieneinfos)!

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