Wenn das Blut vom Tacker tropft

Die 156. Lesebühne, die zehnte online, am 35. Jahrestag des Atomunfalls in Tschernobyl, genau 156 Jahre nach der Erschießung von Abraham Lincolns Mörder J.W. Booth, wie uns Moderator Leovinus wissen ließ, leitete er zu sich selbst weiter, denn er war der Themenbeauftragte dieses Monats:

Ob’s an HomeOffice-CoronaFatigue lag, an unbewussten Amokgelüsten oder an Leovinus‚ legendärer abgedrehter Fantasie – piepegal! Wann oder wie? – Der Tag des Tackers (hier nachzulesen) riss uns aus unserer Bildschirm-Lethargie und stürzte uns in einen bluttriefenden Behörden-Alptraum, in dem die uncoolsten Gebrauchsgegenstände eines jeden Bürosklaven sich gegen ihn (uns?) wenden, und zwar auf die brutalstmögliche Weise. Das ganze verquickt mit einem schweren Fall von Unterschlagung öffentlicher Gelder, der aber von den ehemals brav ihren Dienst tuenden Geräten ausdrücklich nicht symbolisch gerächt wurde, stattdessen war denen das kriminelle Getue und die Bürointrigen vollkommen schnuppe, nur Blut, das musste fließen, und zwar das des unschuldigen Christopher-Torben. Der Bösewicht Costa (nicht der Tacker) landete am Ende als reicher Mann auf einem tropischen Sandstrand, und das finden wir zurzeit maximal ungerecht. Empörung! Und Danke, Themenbeauftragter Leo, dass du endlich wieder was geschrieben hast!

Katharina Körting stellte zwei eher lyrische Texte vor, die Früchte einer Schreibwerkstatt waren. Im ersten ging es um Fragen, die Schreibende sich stellen (sollen/können), aber zahlenmäßig mehr um Antworten oder Ratschläge, was Schreibende tun oder nicht tun sollen. „Übe dich in Unvollkkommenheit“ mag vermessen klingen, ist aber mein Lieblingsratschlag. Denn das Vollkommene ist der Feind des Entstehens selbst. „Unterschlage nichts“, „verführe dich“ gehörten auch zur verbalen Instrumentensammlung, „Bist du eine Maschine?“ zu den Fragen, welche ja ebenfalls notwendig für alle Schreibenden sind. Im Hintergrund glimmte als Form-Anlehnung ein Psalm.
Der zweite Text ließ die Erzählerin einer verflossenen Beinahe-Liebschaft hinterhergoogeln, was zugleich schmerzhaft wie verblüffend für sie war. Er, der „nicht mal aus Mitleid“ mit ihr geschlafen hat, ist er jetzt tatsächlich dieser gewöhnliche, unattraktive Büromensch auf dem Website-Foto aus Ungarn oder doch, gottseidank, der noch immer coole Kerl auf der nächsten Internetpräsenz? Was tun? „Da steht auch eine e-mail-Adresse.“

Lesebühnendebüt! Thomas Frick, aus Potsdam zugeschaltet, Autor, Fimregisseur, Literaturkollegium-Brandenburg-Repräsentant reiste einst zu Pfingsten (na gut, aber fast – im April vor einigen Jahren) nach Tschernobyl und Prypjat, um ein Foto zu schießen, das er vorher lang und breit mit Google Earth vorbereitet hatte: „Unterwegs mit Strahlemann“. Dazu musste er an ein ganz bestimmtes Fenster eines ganz bestimmten Ex-Wohnblocks der Geisterstadt. Doch der war vernagelt, klar. Macht nichts, man kommt mit einem furchtlosen Guide immer irgendwie rein, doch das Fenster war seit zig Jahren nicht mehr geputzt worden. Klar (besser gesagt unklar). Putzen, Staub aufwirbeln? besser nicht an diesem Ort. Macht nichts, man kann aufs Dach, und da gelingt das Bild. Aber wozu die Mühe? Das Risiko? Keine Veröffentlichung geplant, kein Verkauf, nichts, außer das Gefühl, es gemacht zu haben. Der Guide, der Strahlemann, eine Tarkowski-Stalker-Version mit guter Laune und strahlendem Lächeln, schlägt sich zum Abschluss im Dorf Tschernobyl am Buffet den Bauch voll – der Fotograf verzichtet. Ein reportageartiger Text, der Bilder heraufbeschwört, die wir alle gern vergessen würden, aber nicht sollten. Danke, bis zum nächsten Mal bei SNN!

Der Juni-Themenbeauftragte wird dankenswerterweise Matthias Rische! Als Thema loste er aus den Publikumsvorschlägen: „Blitzkurs“. Ja, echt.

Frank Georg Schlosser begann mit „Vermisst du deine Mutter?“, einer Frage, gestellt von der Schwiegermutter an den Erzähler, ein Jahr nach dem Tod der Fraglichen. Die einfache Frage ent-puppt sich als wahre Matrjoschka, und zwar die in der Mitte aller Puppen. Denn weder kommt die Frage aus dem Nichts, noch folgt ihr keine weitere. Ganz im Gegenteil. Was bringt die gute Frau zu der Frage? Warum gerade jetzt? Warum an ihn? Ist eine ehrliche Antwort die beste? Was will die Frau eigentlich hören? Wie steht sie zum Freitod? Zur Sterbehilfe? Wie will ich sterben? Und am Ende, da reichen keine Worte. Danke allerdings für diese.

Matthias Rische las den letzten Text: „Finden und verlieren“. Bei schlechter Internetverbindung nicht einfach zu verstehen, handelte es sich doch um ZWEI Geschichten, gegenläufig miteinander verschränkt. Beziehungsgeschichten – unglückliche. Beide veranlassen die/den jew. Protagonist*in, wegzugehen von zuhause, besser gesagt mit dem Auto wegzufahren, was bei der unerbittlichen Gegenläufigkeit, irgendwo im Hessischen, auf eins hinausläuft. Der Knall-Prall-Kracheffekt blieb jedoch unbeschrieben, es gibt also vielleicht eine Chance …

Eine höchst anregende, nachdenkliche, humorvolle Lesebühne ging zu Ende, danke an alle, die gelesen und zugehört/diskutiert haben, wir sehen uns wieder am 24. Mai – ob online oder endlich wieder im Zimmer 16, wird noch bekanntgegeben.

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