Wann oder wie? oder: Der Tag des Tackers

Leovinus‘ Beitrag als Themenbeauftragter am 26. April 2021

Dies ist nichts für Dachgeschoss-Home-Offices mit Ledercouch und mit Globuli im Medizin-Schränkchen. Dies ist für dunkle Souterrain-Räume ohne Fenster, für Leute mit Blutdurst, die Chips­­­­tüte in Reichweite. Es wird was zu knabbern geben. Spannen wir niemanden länger auf die Folter. Außer Christopher-Torben.

CT, wie er selbst sich nannte, arbeitete in einer kleinen Pankower Behörde. Welche, spielt keine Rolle. Alle kleinen Behörden gleichen einander. Die großen auch.

An jenem Mittwoch-Vormittag spannte er, wie an jedem Monatsersten, ein neues Blatt in die fast hundert Jahre alte Schreibmaschine, die er vor Jahrzehnten seiner Mutter abgeschwatzt hatte. Die Maschine diente als Industrie-Nippes auf dem halbhohen Rollschrank mit Holzfurnier. Oberhalb der Walze prangte ihr Name: Cortina. Für CT Sinnbild der Moderne: Effektiv, genau, normgerecht.

Auf seinem Arbeitsplatz lag ein nagelneuer Laptop, daneben, ordentlich ausgedruckt, ein Stapel Online-Formulare. Es war Tacker-Tag. Diese Tage beruhigten Christopher-Torben. Sie hatten ihren eigenen Rhythmus. Einmal pro Stunde lieferte Cindy, die Sekretärin, einen Stapel Formulare. Er tackerte die zusammengehörenden Blätter, eine Stunde später holte sie den fertigen Stapel ab und brachte einen neuen. Zwischendurch löste Christopher-Torben Rätsel in seinem Lieblings-Handyspiel: World of Water – Die wundersame Welt der Gewässer.

Die Tür ging auf. Anstelle Cindys betrat Costa das Büro. Ja, er ähnelte dem jungen Costa Cordalis und bildete sich eine Menge auf die schwarzen Locken ein. Mehr wäre unberechtigt gewesen, fand Christopher. Seiner Meinung nach gab es gute Gründe, warum er sein eigenes Büro im zweiten Stock hatte und Costa in der Materialausgabe im Keller schuftete.

„Na, Kollege“, grüßte Costa und knallte einen Riesen-Karton auf Christophers Schreibtisch. „Alles gut in Beirut?“ Kollege – das ist vorbei, dachte Christopher-Torben. Du hast stattdessen lieber Fördergelder hinterzogen.

„Hallo“, erwiderte er kühl. „Was gibt’s?“

„Nicht so schüchtern, mein Lieber“, sagte Costa. „Andererseits: Lieber schüchtern als nüchtern, was?“ Sein bulliges Lachen erschütterte den Raum. „Ich nehm dir ja nicht mehr übel, dass du mich angeschwärzt hast.“

Warum auch? ging es Christopher durch den Kopf. Die Behörden-Strafe hatte lediglich Versetzung bedeutet und das Geld war unauffindbar geblieben.

„Es war meine Dienstpflicht. Vorschrift 26 vom 12.Februar …“

„Jajaja, lass gut sein, ‚CT‘“, unterbrach Costa. Das CT klang in Christophers Ohren ein wenig hämisch. „Ich hab was für dich. Stehste doch drauf.“ Er holte einen kleineren karierten Karton aus dem großen braunen und klappte ihn auf. Darin entdeckte Christopher einen altmodischen schwarzen Tacker, einen pinkfarbenen Locher, vier Kugelschreiber mit dem Behörden-Logo und einen Notizklotz, der zur Hälfte verbraucht war und bräunliche Spritzer an der Seite aufwies.

„Ich habe schon Büromaterialien. Und was sind das für Flecken da?“

„Haste die Mail nicht gelesen? Kam gestern rein. Neue Anweisung vom Chef.“

„Heute ist Mittwoch. Donnerstag ist E-Mail-Tag.“

„Wie auch immer. Fürs frische Denken wird einmal im Quartal das Büromaterial gewechselt. Deine Sachen gehen an Sigrid im fünften.“

„Aha. Und … von wem kommen die hier?“

„Alfred.“

„Etwa der …“

„Genau.“

Damit waren die Flecken erklärt. Christopher schluckte.

„Weiß man inzwischen, wie … oder wann … also wann oder wie …?“

„Bloß, dass man ihn vorgestern blutüberströmt in seinem Büro gefunden hat. Man konnte ihn nur an der Raumnummer identifizieren.“ Wieder das bullige Lachen. „Ein einziges Chaos, überall Tackernadeln und Blut. Und gestunken hat es! Er lag wohl übers Wochenende da. Wer macht bei den Minusgraden schon das Fenster auf.“

„Tja“, seufzte Christopher. „Gib her. Ich muss weitermachen. Den Papierkorb auch?“

„Klar doch. Alles muss raus.“

Sie tauschten die Utensilien. Christopher beäugte den Tacker. Er schien einen hinterhältigen Ausdruck zu haben. Merkwürdig.

„Mach’s gut“, sagte Costa. „viel Freute mit der Beute.“

„Ja, danke … äh … danke. Und … tut mir leid wegen damals. Aber du weißt schon.“

„Hmhm“, machte Costa und schloss die Tür.

Christopher platzierte Tacker und Locher, packte die Kugelschreiber in die oberste und den Notizklotz in die unterste Schublade nach ganz hinten und atmete einmal tief durch. Das Zimmer kam ihm plötzlich eng vor und stickig. Er öffnete das Fenster. Christopher-Torben sog die Winterluft ein als hätte er noch nie in seinem Leben Sauerstoff bekommen.

Er griff die nächsten Blätter, schnappte sich den Tacker und haute mit Schwung drauf.

Ein höllischer Schmerz durchzuckte ihn. Verblüfft schaute Christopher-Torben seine linke Hand an und betrachtete den Mittelfinger. Das war ihm noch nie passiert. Eine Tackernadel steckte tief in der Fingerspitze. Hatte er sich derart ungeschickt angestellt? Der Schmerz war fies wie ein eisiger Bach. Christopher-Torben biss die Zähne zusammen. Mit der Hand zog er die Nadel heraus. Ein Pflaster fand er im Aktenschrank.

Ein neuer Formular-Satz war dran, es half ja nichts. Schwung holen, draufschlagen und schreien war eins. Als er die Hand blutig vors Gesicht hielt, waren in jedem Finger und dem Daumen Tackernadeln drei Millimeter tief versenkt. Das Schmerzlevel hatte den Bachstatus locker verlassen, die Panke mal eben übersprungen und jetzt Spree-Niveau. Bei Starkregen.

Ungeschicklichkeit? Christopher starrte von seiner Hand auf den Tacker. Der grinste. Unbestreitbar.

„Was soll das?“, flüsterte Christopher. Der Tacker antwortete nicht. Dafür hörte Christopher hinter sich das trockene Schlagen von Schreibmaschinen-Typen.

Er drehte sich um. Auf dem vormals weißen Blatt waren drei Zeichen gedruckt. Ein Doppelpunkt. Ein Bindestrich. Ein großes „D“. Cortina lachte ihn aus!

Stöhnend entfernte Christopher die Nadeln aus der Hand, verbrauchte die letzten vier Pflaster und umwickelte den Daumen mit Fetzen von Zellstoff-Taschentüchern. Er sah auf die Uhr. Erst Elf. Noch lange nicht Feierabend. Wie sollte er diese Stunden abrechnen?

Er dachte an die Handschuhe in seinem Mantel. Nicht bequem, aber machbar, dachte er verbissen. Durch das feste Leder würde der Tacker nicht … Irrtum.

Dabei hatte er nicht einmal selbst zugeschlagen, sondern der Tacker hatte ganz allein seine Hand – diesmal die rechte – angesprungen und nachhaltig den Handschuh am Daumen, Mittel- und kleinen Finger befestigt. Schmerzlevel Elbe.

Christopher krümmte sich auf dem Bürostuhl. Wie war das möglich? Er liebte doch alle Tacker. Cortina meldete sich. „Alles klar“, schrieb sie.

„Was willst du?“ schrie Christopher. Sie blieb stumm. Das normale Verhalten einer alten Schreibmaschine.

Er überlegte und fasste einen Entschluss. War es nötig, so weit zu gehen? Ja, ihm blieb keine Wahl, er musste den Tacker entwaffnen. Schweren Herzens hielt er ihm wie einem bösen Hund die Schnauze zu, um sie dann vorsichtig mit beiden Händen zu öffnen. Der Mechanismus, der die Nadeln hielt, blockierte. Christopher drückte fester zu. Noch fester. Eine Feder sprang aus dem Gerät. Geschockt beobachtete er, wie sie auf sein Gesicht zu schoss, bis er nichts mehr sehen konnte. Zumindest nicht mit dem linken Auge. Über der Nordsee tobte ein Orkan.

Christopher ließ sich auf den Boden fallen und hielt sich das Auge. Wimmernd kroch er zur Tür. Egal, ob ihn jemand so sah. Die Feder fiel. Sie rollte los. Zum Tacker, der nun unter dem Schreibtisch lauerte. Geschmeidig fügte sie sich in den Mechanismus.

Christopher setzte sich aufs Linoleum. Schwer atmend stützte er sich ab und rutschte auf dem Hintern zur Tür. Dort wartete der eben noch scheinbar loyale Locher. Eine Sekunde später klaffte ein kleines Loch im Handschuh und in der Hautfalte zwischen Christophers Daumen und Zeigefinger.

Plötzlich Atlantik mit aufkommendem Sturm. Der Tacker arbeitete sich an seinen Schuhen und Füßen ab. Konnten diese Geräte ihre Klappen so weit öffnen? Der falsche Moment für Fragen.

Christopher zog sich an der Klinke hoch. Bevor er die Tür öffnete, traten Tacker und Locher überraschend den Rückzug an. Dafür klapperte die Schreibmaschine.

„Niemand mag Verräter“, entzifferte er, noch immer halbblind. „Ich weiß nicht, wovon du redest!“ keuchte er.

„Das hat Alfred auch behauptet.“ Ratlos blinzelte er die Maschine an. Sie ergänzte: „Lies seine letzte Mail.“

„Heute ist …“

„L I E S !!!“ fuhr Cortina ihn an. CT war fassungslos. Ausgerechnet sie verlangte die Abweichung vom Regelwerk.

Christopher wankte zum Laptop und rief das Mailprogramm auf. Er belog die Sicherheitsfrage, ob Donnerstag sei, mit einem mürrischen Klick auf „Ja“ und las Alfreds Mail vom Freitag.

„Lieber Christopher-Torben,

wir haben nicht miteinander gesprochen seit damals. Jetzt bin ich gezwungen, reinen Tisch zu machen. Ich wünschte, ich hätte eine schwerkranke Frau und teure Therapien, als Ausrede. Aber meiner Frau geht es gut, schön für sie. Nicht Costa, sondern ich habe damals die Fördergelder hinterzogen. Einfach nur stinkreich werden – wer das verurteilt, werfe den ersten Briefbeschwerer. Du warst so sehr auf Costa fixiert. Er ist und bleibt ein blöder Arsch: ein Kinderspiel, ihm das ganze Geflecht unterzuschieben. Du wolltest nicht so genau hinschauen. Freitag um halb Zwei – längst Feierabend-Zeit. Außer mir wissen nur mein Tacker und der Locher davon. Sie bestehen auf ihrem Anteil. Der Papierkorb könnte Wind bekommen haben. Bin ich froh, die Wahrheit los zu sein? Unfug. Schon nimmt mich der Tacker ins Visier und“ … 

Offenbar hatte Alfred mitten im Satz auf „Senden“ geklickt, ehe die Geräte über ihn hergefallen waren.

Christophers Blick wanderte zum Tacker. „Ich, ich wusste doch nichts. Ich bin unschuldig!“ Die letzten Worte kreischte er fast. Cortina antwortete: „Dein Feierabend war dir wichtiger als die Wahrheit.“

„Aber es war schon …“ Christopher konnte den Satz nicht beenden. Ein Wirbelsturm über dem Pazifik erfasste seinen Oberschenkel, wo die Hose nun in Fetzen hing und das bloße Fleisch hervorquoll. Er humpelte zur Tür. Der Papierkorb warf sich ihm in den Weg. Christopher stürzte und schaute dem Tacker ins Gesicht. Ihm blieb die Luft weg. Er fühlte nach seiner Nase. Zugetackert.

Christopher rappelte sich auf, als neuer Schmerz seinen Fuß durchfuhr. Wo sein rechter kleiner Zeh gewesen war, klaffte ein Loch im Schuh. Er musste hier raus, wenn er nicht enden wollte wie Alfred. Aber zur Tür zu kommen war unmöglich, wie er resigniert feststellte. Sein linker Fuß war unlösbar mit dem Boden verbunden. Es war ihm unerklärlich, wie es das Gerät geschafft hatte, aber das spielte keine Rolle mehr. Er würde hier bei lebendigem Leibe von einem alten Tacker und einem pinkfarbenen Locher zerfleischt werden. Hilflos stand er mitten im Büro. Die Tür unerreichbar, nur der Aktenschrank eine knappe Armlänge weg. Er war blutverschmiert, bewegungsunfähig, ausgeliefert.

Schreibmaschinengeräusche. „HdL“, verabschiedete sich Cortina.

Christopher wandte sich den Bürogeräten auf dem Boden zu. Sie näherten sich langsam von vorn als planten sie einen finalen Angriff. Noch wenige Zentimeter. Kosteten sie ihren Triumph aus?

CT’s letzte Chance für eine Verzweiflungstat. Im selben Moment, in dem der Tacker sein Maul öffnete und der Locher emporsprang, warf er sich herum, packte Cortina und schleuderte sie zu Boden. Sie traf seine Knie und zertrümmerte den Locher, der auf dem Rücken liegen blieb. Der Tacker raste schnaubend die Wade empor. Er zerriss die Haut auch dieses Oberschenkels und arbeitete sich weiter hoch. Christopher ging in die Knie. Mit letzter Kraft ergriff er die sterblichen Überreste der Schreibmaschine. Er rammte sie sich selbst in den Unterleib. Alle Weltmeere gleichzeitig wurden von einem Riesenmeteor getroffen und verdampften. Aber hatte er auch den Tacker erwischt?

Er blickte an sich herab, sah mit dem rechten Auge das offene Fleisch und die Blutlache auf dem Boden. Der Tacker steckte in seinem Bauchnabel fest. Dann zuckte das Gerät ein letztes Mal, fiel und zerschellte.

Christopher-Torben hockte sich hin und weinte. Cortina war Geschichte, die Bürogeräte hatten ihn verraten. Nichts würde je wieder sein wie es war. Aber wohin hatte ihn das gebracht?

„Was ist denn hier los?!“ Cindy ließ den Formular-Stapel fallen und kreischte. Christopher-Torben hörte, wie sich im ganzen Gang die Türen öffneten. In der Menge hinter der Sekretärin entdeckte Christopher Costas Gesicht. Der runzelte die Stirn, nickte ernst, ehe er verschwand.

Eine Woche und einen Tag später lutschte Christopher auf der Ledercouch in seiner Dachgeschoss-Wohnung Globuli und knabberte Chips. Die körperlichen Verletzungen waren, bis auf den verlorenen Zeh, weniger schlimm gewesen als vermutet. Die Oberschenkel-Schlagader knapp verfehlt. Er zog sein Laptop heran, um E-Mails zu checken.

„Hi CT – alles fit in Madrid? Danke nochmal für die Richtigstellung. Ich weiß, lieber die falsche Stellung als gar kein Sex. Ich hab mich trotzdem vom Acker gemacht. Die Materialausgabe war schon super, aber die Leute haben immer geglotzt als hätte ich ihre Tacker verhext. Also sitze ich auf einer Südseeinsel, mit Palmen und so. Vor mir das blaue Meer. Stehste doch drauf, da sind wir uns mal ähnlich. Die Abfindung war nicht ohne. Außerdem: So ganz unrecht hattest du ja damals nicht. Alfred war’s nicht alleine. Ist schon geil, stinkreich zu sein. Musst du mal probieren. Oder tackerst du echt lieber? Na dann, alles cool in Kabul. Wir sehen uns – wann oder wie? Keine Ahnung, schreib mal.“

CT klappte den Laptop zu. Am Montag würde er antworten.

(c) Leovinus

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