Elegie 154

Am Jahrestag der bisher letzten Invasion auf der britischen Hauptinsel 1797 (Leovinus informierte uns zu Beginn darüber) stieg die 154. Offene Lesebühne wieder einmal online. Ob’s am Lockdown liegt, dass diesmal so wenige Lesende wie vielleicht noch nie einen Text vorstellten? Fatigue? Texte und Diskussonen waren dessen ungeachtet interessant und anregend, also will ich mich nicht beschweren oder gar eine Protestnote beim … bei wem eigentlich? einreichen.

Uli, erstmals Themenbeauftragter, präsentierte seine „Uligie“, also auftragsgemäß eine veritable Elegie, ein wehmütiges Gedicht namens „Klaviarische (Dis)Harmonien„. Wenn der Alltag, die Pflicht, die Aussicht wenig Grund zur Freude liefern, findet sie sich für das lyrische Ich an den Klaviertasten, befreit die „Vögel der Leidenschaft“ aus ihrem Käfig, bringt Musik das Selbst wieder in Einklang mit sich, lässt „Unsterblichkeitsdüfte“ um die Nase wehen. Das Werk hatte schon ein paar Jahre auf dem Buckel, stammt aus den letzten Monaten der DDR und war auch eine Reaktion auf das Massaker auf dem „Platz des himmlischen Friedens“, welches den Wunsch nach Unsterblichkeit sehr verständlich erscheinen lässt. Die elegische Stimmung und ihre Umsetzung konnten wohl alle Zuhörenden nachvollziehen, auch ohne Panzer-Massaker und DDR. Danke an den Debüt-TB!

Leovinus‘ Los fiel danach auf mich. Ich hatte ein Kapitel aus meinem demnächst erscheinenden Roman „Das Wunder von Runxendorf“ ausgesucht. Eine alkoholisierte Männerrunde im privaten Partykeller genießt ein Vorbereitungsspiel der WM 1974 auf dem neuen Farbfernseher und die Anwesenheit der jugendlichen Tochter des Gastgebers als Ausschank und Augenschmaus. „Westdeutsches Nachkriegsbiedermeier“, „Trash“, „Grusel, den wir zum Glück hinter uns gelassen haben“ waren Reaktionen auf den in einer Art Plauder-Slang geschriebenen Text, und damit ist er recht treffend charakterisiert. Diskutiert haben wir auch über Tempus-Sprünge in der durchgehenden Erzählung, welche manche irritierten, aber zum Stil des ganzen Romans gehören. Vermutlich Ende März ist er im Handel.

Auch ein Romankapitel las dann Frank vor, nämlich das neu verfasste erste seines neuen, noch nicht erschienenen Romans, in dem es um einen Berliner Richter geht, welcher verflucht wird, auf Barbie-und-Ken-Größe schrumpft und in diesem Zustand einen Putschversuch verhindern muss. Im ersten Kapitel sieht sich genannter Richter noch einer „überschaubaren Problemlage“ gegenüber, auch wenn er seine langjährige Beziehung wegen einer neuen Liebe beenden möchte – „alles soll wieder einfach werden“. Nun, soviel ahnt man bereits nach dem Anfangskapitel: Einfacher wird es sicher nicht. Es deuten sich zwar auch berufliche/politische Kalamitäten an, aber WIE SEHR das Richterleben auf den Kopf gestellt werden wird, das enthüllt erst der ganze Roman. Das neue erste Kapitel wurde diskutiert – kontrovers wäre etwas zu doll ausgedrückt – aber unterschiedlich bewertet. Zu erklärend, hieß es hier, andere sahen das nicht so. Tolle Szenen enthält es, aber insgesamt noch nicht klar genug, sagten manche. Noch nicht ganz auf dem Punkt, so lässt sich vielleicht das Echo auf den Punkt bringen.

Womit wir schon beim Schluss sind, denn da war schon Schluss. Ein echtes Ereignis ereignete sich allerdings noch: Leovinus ließ sich zum Themenbeauftragten des April aufstellen! Wir können uns also endlich wieder auf einen neuen Text unseres geschätzten Gründungsmitglieds freuen“ Sein Thema: „Wann oder wie?“ Vorher, am 22. März, sehen wir uns allerdings zur 155. wieder – vielleicht ja sogar endlich wieder in persona im ZIMMER 16!

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