Jahresendschwermut

Zoom-Konferenz am 28.12.2020 – wieder einmal. Zwei alte Bekannte erkannten sich (Annette und Uli Domchor vor 32 Jahren).

Diesmal war der Michael Wäser der Moderator des Abends und er bestimmte, dass außer der Themenbeauftragten alle Lesenden in der alphabetischen Reihenfolge des dritten Buchstabens ihrer Vornamen drankämen, was ohne Widerspruch hingenommen wurde.

Es begann die Themenbeauftragte Annette Wizisla mit einem sehr kurzen gedichthaften Text zum Thema Pianoforte. Sie fand eine Menge, nämlich zehn, dazu passende Reime wie verdorrte, Orte, Pforte, Torte, horte, und ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber auf Nachfrage kam in etwa heraus, dass sie weiß, was sie zu tun hat, wenn ER nicht kommt, ohne Schmollmund (bringt ja nichts): nämlich das Pianoforte spielen. Und das tat sie dann auch ganz selbstverständlich und zauberhaft. Es ist schade, dass über Zoom doch manchmal etwas vom Klangerlebnis sowohl rhythmisch als auch tonal verloren geht.

Der zweite Lesende war dann ich (FrAnk) mit einer Pankower Weihnachtselegie, die sich am Vaterunser entlang hangelte. Ein Mord in Sao Paolo führte zu Obdachlosigkeit in Pankow und am Ende ging es darum, dass man keine Angst vor dem Tod zu haben braucht, da er  wie ein eingeschlafener Arm ist, bloß eben ganzkörperlich.

Es schloss sich eine kleine Diskussion um die Verwendung des Imperfekts und des Plusquamperfekts an, auf die ich mangels theoretischer Sattelfestigkeit nicht weiter eingehen will.

Uli Eckard aus Berlin wird der Themenbeauftragte des Monats Februar 2021 sein, er wurde von Annette ein bisschen dahin gedrängt (vielleicht der alten Zeiten im Domchor wegen). Und er bekam das Thema „Elegie“ zugelost, was als Thema aus diesem Abend einfach entspringen MUSSTE, so traurig, wie die Texte alle waren.

Denn auch der MiCha als dritter Lesender versank in einer elegischen Reflektion – allerdings steckte eine Menge Wut in seiner Elegie, in der es u.a. darum ging, dass man als Mann nicht erwachsen werden darf, denn Männer sind schlecht. Ein Date … wenn die wüsste, dass ich zwölf geblieben war. Es ging um schuldige Eltern, die sich dem Tod entgegen saufen. Es ging um rücksichtsvolle und weniger rücksichtsvolle Selbstmorde … (Sack über den Kopf, den nur die Polizei öffnen darf ist rücksichtsvoll). Der Text war klar und nur wenig rücksichtsvoll.

Annette spielte uns zurück ins Leben.

Über den Text wurde viel gesprochen, über das harte Urteil Eltern gegenüber, die mit dem Leben nichts anzufangen wussten.

GuDrun las als vierte über das Lesen in der Zeit. Das Erleben entschleunigten Lesens oder Hörens von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, durchbrochen vom Liken, was Antirassisten dagegen hielten und vom Disliken einer Giftwolke über Santiago de Chile. Wie soll man da Worte nachklingen lassen. Zwischendurch sollen Muslime sich vom Islamismus distanzieren, während man selbst sich von schönen Sätzen niederringen lässt.

Auch in der Zeitlosigkeit vergeht die Zeit.

Von der Gleichzeitigkeit von Facebook, Musik und Proust – vom Versinken im Gegensatz zum Surfen – davon, dass tiefe Literatur  abhandenkommt und vom Glück, alte Literatur zu lesen war in der Diskussion zum Text die Rede.

Zum Schluss las KaTharina „Wie ich ein schlechter Buddhist wurde“. Sie stellte ihren Text unter ein Motto: „Das Leben hat kein Übel mehr für den, der recht begriffen hat, dass der Verlust des Lebens kein Übel ist.“

Uff. Was für eine Lesebühne! In diesem Falle verschwand die Zeit im Traum. Es schien um eine Operation zu gehen, die wie eine Nahtoderfahrung daherkam … plötzliches wieder sehen können ohne Brille; und die Feststellung, dass es der Körper sei, der einem im Tode fehlen würde, wenn da etwas fehlt. Aber ach: auch er fehlt nur im Leben wie alles was fehlt, nur im Leben fehlt – im Tode fehlt nichts. Aber Gott sei Dank kam das Leben zurück und mit ihm auch die Kurzsichtigkeit. Und mit ihr der Satz: wenn das alles nicht schlimm ist, ist vielleicht auch das Leben nicht schlimm.

Tja, bin allein vom Protokoll schreiben total schwermütig geworden. So viel Melancholie war selten an einem Abend.

Lag es an Weihnachten, das dieses Jahr mit so viel weniger Treffen und Familie auskommen musste. Hoffen wir, dass der Januar wieder frohsinniger wird, wenn dann am 25. Januar um 19.30 Uhr die 153. Lesebühne SoNochNie! wahrscheinlich wieder über Zoom mit dem Thema „Gute Mutter“ den virtuellen Vorhang öffnen wird.

Bis dahin viele frohe Momente wünscht Euch Euer

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