Liebe mit Abst … WAS FÜR EIN ARSCH!

Die 150. Ausgabe der (normalerweise) Offenen Lesebühne So noch nie beschenkte die coronabedingt limitierte Menge mit bemerkenswerten Darbietungen und Glücksgefühlen bis zum Schluss.

Da hat man mal kurz nicht aufgepasst und schwupps ist die 150. Lesebühne da! Und wie, kann ich nur sagen. Streng zuschauerbegrenzt, aber unbegrenzt kreativ, was die acht (!) Sonder-Themenbeauftragten da auftischten. Und nicht nur die. Ute Danielzick schmetterte unsere/ihre SNN-Hymne zur Eröffnung, dass einem warm ums Herz wurde. Danke! Annette Wizisla improvisierte nach jedem Vortrag über die gerade gehörte Geschichte auf dem Klavier – atemberaubend. Danke! Leovinus führte wieder charmant durch den Abend und verzieh dem PR-Beauftragten sogar, dass dieser coronabedingt nur ein Ersatz-Jubiläumslogo aus dem Internet ausgedruckt hatte (siehe Fotos).

Der Zufall des Lostopfs wollte es, dass alle 4 weiblichen Themenbeauftragten VOR, und alle 4 männlichen NACH der Pause ihre Texte zum Thema „Liebe mit Abstand“ vortrugen. Es begann: Katharina Körting mit „Kali nichta“. Da hatte sich jemand aber so was von verguckt in diesen coolen, singenden griechischen Kneipenwirt in der zerrissenen Jeans und ließ der erotischen Fantasie freien Lauf – alles auf Abstand und nur in Gedanken. Die sehnsuchtsvoll-ironische Sause gipfelte in dem ebenso inbrünstigen wie mehrdeutigen Ausruf: „Was für ein Arsch!“ Was für eine Eröffnung, Katharina! (Annette improvisierte darauf – klar – einen Sirtaki.)

„Weißt du eigentlich?“ hieß Gudrun Sonnenbergs Monolog. Zwei Pärchen, dick befreundet seit Jugendzeiten, treffen sich nach vielen Jahren wieder, und die heimliche Liebe der Erzählerin zum Freund der anderen flammt – heimlich – wieder auf. Erinnerungen an die damals geteilten Situationen, die ihr so viel bedeuteten, und ganz bestimmt, oder? auch dem Angebeteten – ziehen wieder vorbei und es scheint ihr, es sei kaum Zeit vergangen, seit sie Jugendliche waren. Jedenfalls in diesem Moment. Und wie schon damals bleibt alles komplett in ihrem Kopf. (Annette improvisierte eine sentimental journey in Jazz.)

Aus den Träumereien fielen wir nun hart auf das Linoleum einer Entbindungsstation. Angela Bernhardt beschrieb in „Schmetterlingsliebe“ die Qualen und Konflikte eines Paares, dessen Neugeborenes an einer entsetzlichen und lebensgefährlichen Hautkrankheit leidet – Schmetterlingshaut. Bis das Paar sich entschließt, mit dem Baby die – wenn auch schmerzvolle – Sicherheit des Krankenhauses zu verlassen und ein Familienleben zu beginnen, das sich niemand wünschen würde, vergehen unsichere, peinigende Stunden und Tage. (Annette spielt darauf suchend, perlend, fliegend, verloren.)

Das Märchen von Rapunzel erzählt von Liebe mit (vertikalem) Abstand. Ute Danielzicks Prinz räumte in ihrem dreist gereimten Gedicht diesen schon mal gleich weg, denn weder Rapunzel noch der Prinz haben Bock auf Abstand. Doch die Nähe wird auf die Dauer auch öde und von Bier und Migräne ersetzt. Na, immerhin haben die zwei was zusammen erlebt! (Annette spielt lautmalerische, luftige Kletteraffäre.)

Um die Pause herum überschlugen sich die Ereignisse. Leovinus teilte mit, dass die Dezember-Lesebühne (am 28.) keinesfalls im Zimmer 16 stattfinden wird, denn da wird dann renoviert. Wo und wie es dafür Ersatz gibt, werden wir vorerst abwarten, denn möglicherweise wird sowieso alles wieder online steigen müssen – wir werden rechtzeitig informieren. Annette eröffnete die zweite Halbzeit mit einem zauberhaften Chanson von Friedrich Holländer: „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“, und lässt sich gleich auch noch als Themenbeauftragte für Dezember verpflichten! Aus den gelosten Zuschauervorschlägen lehnt sie „Sympathieträger“ ab und muss dann „Pianoforte“ nehmen. Macht sie glatt, die Klavierspielerin.

„60 mal in 25 Jahren“ wurde in Frank Schlossers Story laut Leihstempel ein Buch ausgeliehen, und zwar von 1964 bis 89. Das Buch ist ein Krimi von Harry Türk und gehört zum Bestand einer nun aufgelösten Buchhandlung in West-Berlin, also wohl eher eines Antiquariats. Der recht junge Besitzer räumt die letzten Bände zusammen, bevor sie entsorgt werden und er einen neuen Buchladen in Buch aufmacht, zusammen mit modernerem Bestand gekauft als Ersatz für diesen hier, dessen Miete explodiert ist. Der Buchhändler scheint keine besondere Verbindung zu Büchern zu haben, und seine Gefährtin muss ihm denn auch raten, den Türk nach Buch mitzunehmen, denn dort würde er bestimmt auf Interesse stoßen. (Annette spielte den Blues.)

Arved Wolff, „Anfassen“. Ein Strohwitwer, so hätte man das früher genannt, in Frankfurt am Main, getrennt von Jule durch 327km Abstand. Er vermisst ihre Berührung, kann ihre/seine Liebe nicht recht spüren ohne Anfassen. Gabelt in einem zweifelhaften Viertel eine Begleiterin auf für die Nacht. Doch er merkt, was die Liebe angeht, „mit Anfassen allein ist es auch nicht getan“, so wirklich nah kommen sich die beiden auch in seinem Bett nicht. Wie weit sie voneinander entfernt sind, begreift er, begreifen wir auch erst, als die neue Bekanntschaft mit einer Crackpfeife aus dem Badezimmer zurückkommt und nicht mal weiß, wo sie eigentlich ist. (Annette spielt taumelnd und kühl.)

Wolfgang Eubel, seine erste, Heinrich, und seine zweite Persönlichkeit, eine Fee, verhandeln gestenreich, welche Wünsche er sich wünschen soll, auch wenn er manchmal nicht will. Er wünscht sich – drei von sechs Wünschen – nur für seine „Duchesse“ etwas, nämlich dass sie sich ändert, dreifach. Er selbst, aus Furcht vor Spätfolgen möglicher Änderung, bleibt lieber, wie er ist und verzichtet auf die letzten drei Wünsche. Die Fee entschwebt kopfschüttelnd. (Annette spielt „Je t’aime, moi non plus“)

Leovinus, als kurzfristiger Ersatz für Ulrike Lynn eingesprungen, erzählte uns „Ein Meerchen“. Wieder ein Prinz, aber in einer Werbeagentur angestellt und mit Namen Dieter, gerät in abenteuerliche Liebesgeschichten mit verschiedenen Meerjungfrauen, welche ihn lieben, nicht mehr lieben sondern wahnsinnig machen wollen, vom Drachen entführt werden, von ihm aufgespürt und mit unbeabsichtigter List mittels Werbeflyern von ihm befreit werden. Die schönere der vielen dort gefangen gehaltenen Meerjungfrauen geht/schwimmt dann mit ihm und sie leben viele Jahre zusammen bis er stirbt. Geht es romantischer? (Annette spielt Polka und Kasatschok.)

Das Glück war nach diesen Darbietungen nun gleichmäßig im Raum verteilt, hüben und drüben, oben und unten, innen und außen, mit und ohne Urkunde. Wir danken allen an diesem Abend Anwesenden, Publikum, Schreibenden, Lesenden, Spielenden, Singenden, allen vom Team Zimmer 16, wir danken für 150 Lesebühnen in über zehn Jahren So noch nie, für die unfassbare Kreativität von hunderten Schreibenden, Mutigen, Diskutanten, Literaturliebhaber*innen, für Interesse, Versuche, Leidenschaft, Ehrlichkeit, Großzügigkeit und Kunst. (Die nächste Lesebühne: 23. November) Was für ein … Jubiläum!

3 Kommentare zu “Liebe mit Abst … WAS FÜR EIN ARSCH!

  1. Danke für die schönen Fotos und das Protokoll. Es war wirklich ein ganz bezaubernder Abend … und vielleicht geht ja der 28. Dezember doch. Schauen wir mal.

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