Das Tattoo ist die neue Kuckucksuhr

Leovinus eröffnete die 149. Lesebühne am 28.9.2020 im Zimmer 16 in Pankow wie immer mit einem Jahrestag, diesmal dem 88. Jahrestag des brachtvollen Zwickelerlasses von 1932, der die Kleiderordnung in öffentlichen Badeanstalten regelte, so benannt nach dem Reichskommissar Franz Bracht, damaliger Innenminister der Weimarer Republik. Bei Männlein und Weiblein musste ein Zwickel sein, und ich lernte, dass ich immer eine falsche Vorstellung von einem solchen hatte. Von dort leitete Leovinus über zum Thema des Abends, nämlich der Quelle, weil man, mit oder ohne Zwickel, darin auch baden kann.

Themenbeauftragte war Katharina Körting. Sie begann mit der Feststellung, dass das Wort Quelle ein bisschen übermetaphiert ist, darum dachte sie sich, sie werde mal ein bisschen scheitern. Der Text balancierte zwischen Lyrik und Prosa. Ich rinne, plätschere, sprudele, ergieße mich, … wohne an einem See als hätte ich es zu etwas gebracht – und zahle für mein geliehenes Glück nun den Pfand. … Ach … könnte ich ruhen, nicht immer nur Quelle sein. Ich fand es sehr erbaulich. Scheitern geht anders, kommt aber natürlich ganz auf den Maßstab an.

Als zweiten Lesenden zog Leovinus mich aus seiner Schüssel, Frank Georg Schlosser und ich las über das Belauschen fremder Gespräche an Restauranttischen. Das Problem waren nicht die Dornen, das Problem war Dornröschen. Oder: Mussten sie da (im Swingerclub) jetzt mit Masken Einweghandschuhen und Kondomen vögeln? Der Text wurde lange diskutiert, u.a. kam daher der Vergleich der Tattoos mit den Kuckucksuhren, weil ich zwei voll tätowierte Jugendliche als cool bezeichnet habe. Ich habe gelernt: als alter weißer Mann soll man den Damen nicht aufs Doppelkinn schauen, sondern in die zauberhaft gütigen Augen. Ich danke für all die vielen Anregungen und freue mich aufs nächste Mal.

Wolfgang Weber brachte den Holzwürfelrapp. My name is Jack and I live in the back of the Greta-Garbo-home für gestrauchelte Jungs und Mädels. I rap the barbecue, rappe mit mir den Termin. Ich rappe und bleibe jung. Viel Erfolg dabei, lieber Wolfgang.

Nach ihm las Arved Wolff zwei Gedichte. Das erste hieß Herbstbeginn. September – im August war die Sonne noch anders. Das zweite hieß Morphin. Bin ich es, der da brennt? Tut irrsinnig weh. Ist es mein Kopf, der da über den Boden schrammt? Hart und unerbittlich hast du nach mir gegriffen, die große tätowierte Hand. Das gelesen mit seiner zauberhaften Stimme, die jemand aus dem Publikum als angenehm kriminalistisch bezeichnete.

Dann gab es die Pause. Es wurde der Themenbeauftragte gewählt für den Monat November. Klaus Kleinmann erklärte sich bereit und sein Thema wird Schlau! sein.

Außerdem wurden nach der Pause die Lesenden zum Thema Liebe mit Abstand zur 150. Offenen Lesebühne SoNochNie! am 26. Oktober ausgelost. Die Namen stehen fest, dazu gibt es Musik, improvisiert zu den jeweiligen Texten, mit Annette Wizisla. Wollen wir hoffen, dass die Texte genauso inspirierend sein werden wie ihre Musik.

Klaus Kleinmann las dann seinen Text, der eigentlich im März dran gewesen wäre, zum Thema „Faulheit“.  

Man müsste Gott sein, dann verstünde man die Kunst nichts zu tun. Er spannte einen Bogen von der Faulheit des Embryos im Mutterleib (Je mehr ich wachse, desto mehr wächst meine Welt mit mir.) über den Verlust der Möglichkeit zur Faulheit im heutigen Arbeitsleben (gnadenlose Furien des Fortschritts) hin zum faulsten aller Zustände: Wir forschen nicht, wir wissen; wir fragen nicht, wir wissen … die Antwort; wir denken nicht, wir sind. Faulheit als Existenzform der dunklen Materie oder so ähnlich. Aus dem Publikum kam der schöne Satz: Wenn ich bin, dann nehme ich alles in den Mund, nur nicht das Wort Sein.

Als nächster las Matthias Rische „Wehrhafte Natur“, die Geschichte eines Kindes, das eine Wasserphobie hat, das mit Trockenseife abgerubbelt werden muss. Meine Eltern kamen mit mir klar, weil sie es mussten. Das einzige Kind verstoßen, welche Eltern können das schon. … Die Nähe zu Ahorn und Robinie rettete mich. … Die Natur half mir, mein Umfeld zu ertragen. … Und die Mitschüler: meine sehnlichste Phantasie: ihr Ableben. Und dann, oh Wunder, alle starben sie durch das Wasser. Mit jedem toten Ex-Schüler arbeitete ich mich näher an das Wasser heran…. Alle gemeuchelt durch meine Phantasie. … Keiner hat den ersten Geschlechtsverkehr erreicht. Tja. Überwindung einer Phobie durch Mord. Ein anderer hat mit dem Thema einen Bestseller geschrieben: „Achtsam morden“.

Dann las der Martin, dessen Nachnamen ich nicht weiß. Er las weniger als dass er vortrug. Da versammelten sich verschiedene Tiere … der Fuchs raunte mir zu … hier in der Wildnis ist die grausame Natur mit ihrem Geheimnis zuhause. Es ging um eine Begegnung. … innere Haltung eher präzise zwischen den Tieren, wie ich sie traf, dort auf der Lichtung. … Was ich zu sagen hatte, hatte ich zu sagen – im Allgemeinen war das Gefühl der Tiere ja definiert. Jetzt kam es mir klar, es wurde mir gewiss. Das sind meine Stichpunkte, aus denen ich nicht mehr so recht schlau werde. Einer aus dem Publikum verortete den Vortrag irgendwo zwischen Helge Schneider und Christian Morgenstern – und an einem solchen Ort mag es sich ja ganz gut leben lassen – als Autor.

Der letzte Vortragende war Wolfgang Eubel. Mit gewohntem Körper- und Stimmeinsatz sprach er zunächst vom gierenden Publikum und dem Autor, der sich nicht entscheiden kann. Sex sells – ausgelutschtes Thema. Aber „seine“ (des Haupthelden) Frau empfing ihn im Sari mit zitternder Unterlippe, … sie kauten, sie schluckten … dann riss sie ihm plötzlich den Umhang vom Leib … jedenfalls fielen sie übereinander her und sind seither auf dem Grund des Hafens von Pompeij begraben, weil halt der verdammte Vulkan ausgebrochen ist. Das Publikum reagierte verschnupft wegen der Flucht in die Vergangenheit und weil sie nicht verstehen, warum reifere Männer so gerne über Sexualität schreiben, aber da bin ich ganz bei Wolfgang. Man muss ja wenigstens noch drüber schreiben dürfen.

Das sollte sie dann gewesen sein, die 149. Lesebühne, aber in den allgemeinen Aufbruch (den er nicht unterbrechen wollte, wie er betonte) stahl sich der vom Losglück verschmähte Pawel doch noch auf die Bühne, um uns zu verkünden: Verwirrt und losgelassen lasse ich mich gleiten; die Geister die ich rief, werden mich begleiten. Meine Geister haben keine Meister.

Wurde ja auch Zeit, dass einer dem Goethe mal Bescheid stößt.

Euer

 

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