Sei schlau, schau Kumpel-TV!

So habe ich das ja noch nie gesehen!

Nicht der 13. August ist der eigentliche Unglückstag (wieso eigentlich? Doch nicht wegen dieses einen Mäuerchens, an das sich in fünfzig Jahren niemand mehr erinnern wird?), sondern der 24. August!

Durch die Jahrtausende!

Erst verschüttete der Vesuv Pompeji vor fast 2000 Jahren; dann gab es die Bartholomäus-Nacht vor fast 500 Jahren; Herrn Vanderbilt waren vor 150 Jahren die Bratkartoffelscheiben zu dick, was den Koch im Hotel so sehr ärgerte, dass er sie in dünnstmögliche Scheiben schnitt, sogenannte Chips, die heute dazu führen, dass man beim abendlich Fernsehen oder Kinobesuch den Dialogen nicht folgen kann; vor dreißig Jahren wurde die Diddl-Maus erfunden; vor 25 Jahren sorgten wiederum die Chips für die Einführung von Windows 95 (Plage) und vor 4 Jahren wurde

Leovinus

dem Pluto der Planetenstatus aberkannt.

Aber:

Der 24. August 2020 riss alles wieder raus.

Erstens sorgte unser wunderbarer Therapeut Prof.Dr.Dr. Leovinus (hier ein älteres Bild)

dafür, dass wir all diese Traumata erneut durchleben konnten und so – das Leiden der Menschen auf uns nehmend – eine kollektive Menschheitskatharsis herbeiführten.

Zweitens schloss sich an dieses Erweckungserlebnis die 148. Lesebühne SoNochNie! an, die unsere Themenbeauftragte Gudrun Sonnenberg mit einer Geschichte zum Thema „Hundstage“ eröffnete. Sie nahm nach eigener Auskunft das erste Mal an der Lesebühne leibhaftig teil (also ohne die Vermittlung von „Zoom“) und ihre Protagonistin durchlebte die Hundstage als Hochschwangere. Sie fragte sich u.a., welches Problem sie mit einem Baby nochmal lösen wollte; was ein Spucktuch sei; ob Geologen in tausenden Jahren rätseln würden, welche Naturgewalt diese Mulde im Sand am Strand hervorgerufen habe, die ihr Leib jeden Tag dort hinterließ; wie dick sie noch werden müsse, damit ihr in der Bahn mal jemand einen Platz anbietet; ob man vor der Niederkunft alles einkaufen müsse oder das Kind in der Klinik lassen könne, bis man nach der Geburt alles beisammen hat; oder ob das Baby nicht insgesamt drinbleiben könne. Eine Rentnerin gibt ihr den guten Rat, den Bauch nicht so viel in die Sonne zu halten, dann würde das Baby nämlich kurzsichtig. (Ich hielt das für sehr weitsichtig. Meine Mutter war eine Sonnenanbeterin. Ich trage sieben Dioptrien.)

Eine sehr kurzweilige und amüsante Themenbeauftragtengeschichte, danke, Gudrun.

Danach las Arved Wolff, mittlerweile auch ein gern gesehener Stammgast unserer Bühne, zwei Gedichte und ein Lied. Mit seiner angenehm warmen Stimme dachte er über emotionale Guthaben nach. Du hast mich lange hintergangen, aber dein Guthaben bei mir war groß. … Ich habe eine Menge Fehler gemacht, du kannst dir noch ein paar leisten. So ging das ein paar Zeilen, am Ende war das Guthaben fast aufgebraucht – und der Protagonist war auch nicht mehr dafür es auszugleichen. Ich habe mir eine Ältere gemietet, das Restguthaben kann (stehen)bleiben.

Das zweite Gedicht handelte von der Beobachtung eines Bikers: In der Abendsonne … harte Maschinen, harte Kerle …, aber: niemand sieht dir zu … du und dein Eisenhaufen sind allen scheißegal … sie haben dich verarscht.

Zum Abschluss gab es noch ein Volkslied: Fahrrad reparieren im Mai … Der Winter ist vergangen, ich seh des Maien Schein … natürlich ging es auch da um eine Beziehungskiste mit dem Epilog: die Kunst des Reparierens fängt bei Fahrrädern erst an.

Auch dieser Vortrag kurzweilig, amüsant und dankend angenommen.

Der nächste Lesende, Matthias Rische, rief heftigere Diskussionen hervor. Er las von der Erinnerung eines Mannes an junge Knaben: Towe, der mit zehn davon träumte, mit den Schafen über die Weide zu ziehen, und der mit sechzehn davonzog, aber nicht, um Schäfer zu werden; Klaus mit den zu großen Händen, der den jetzt alten Mann fragte, ob er nicht auch mal mit einer Frau was gehabt habe, er könne doch nicht immer Priester gewesen sein; und Kirin, der ihm von der Hummel als Ursymbol der Natur erzählte – wenn man von ihr träume, warne einen das vor Rufmord und übler Nachrede. Eine Kiste voller Erinnerungen von vor mehr als vierzig Jahren, zu der der alte Mann morgen befragte werden soll, von der Presse vorverurteilt.

Ich bin keine 73 geworden, um mich so von euch behandeln zu lassen.

Meine Sympathien waren bei dem namenlosen alten Mann, aber auch wir hatten Fragen: woher der Vorwurf denn gekommen sei, das habe die Geschichte nicht beantwortet.

Auch in der Pause hörten die Diskussionen zu dem Thema (Männer und (sexuelle) Gewalt gegen Kinder) nicht auf.

 

Nach der Pause wurde diesmal kein Themenbeauftragter für den Oktober gewählt.

Denn im Oktober gibt es die 150. Lesebühne SoNochNie!

unter dem Motto:

Noch älter als die Sozialdemokratie ist nur die Lesebühne SoNochNie!!!

Daher wird für alle, die sich beteiligen wollen, für ein zehnminütiges literarisches Kleinod das Thema „Liebe mit Abstand“ ausgelobt.

Wer zu unserem Jubiläumsabend eine kleine Geschichte, ein Gedicht, einen Songtext oder was auch immer sich aus Buchstaben und Worten zaubern lässt, beitragen will, der bewerbe sich bis zum Abend der 149. Lesebühne über die Emailadresse des Zimmer 16 oder unserer eigenen Website „sonochnie.wordpress.com“ oder persönlich bei Leovinus oder mir oder Angela oder Michael.

Er/sie kommt dann in den Lostopf und aus allen Bewerberinnen und Bewerbern werden die acht Glücklichen gezogen, die am 26.10.2020 lesen dürfen. Alle anderen, die zum Thema „Liebe mit Abstand“ etwas beitragen wollen, müssen es dann entweder schon im September oder im November versuchen. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.

 

Anschließend durfte ich lesen, und wo ich sonst immer zu tun habe, die fünfzehn Minuten nicht zu reißen, musste ich in diesem Falle nicht mal die Uhr umdrehen, eine echte Miniatur, geschrieben tatsächlich aus einem vollen leeren Herzen von 19 Uhr bis 19.15 Uhr, bevor ich zur Lesebühne aufbrach.

Es ging um einen Abschied von einer Sorge um einen Menschen, der mir viel bedeutet, dem ich aber nicht mehr helfen kann. Und auch nicht mehr muss. Denn, wie ich es sehe, sind ja auch meine Sorgen eine Last für ihn.

Die Reaktionen haben mich sehr froh gestimmt. Ich sah die Wortansammlung eher auf der lyrischen Seite. Jemand aus dem Publikum meinte, es habe nichts gefehlt, wäre vollständig gewesen. So habe ich das auch empfunden.

Nach mir las Dr. Jörg Sader die „Sonntagsschwimmer“ – und jetzt muss ich mal kurz recherchieren … Tatsächlich: am 27.9.2017 schrieb Michael Wäser: „Sein SNN-Debüt gab Jörg Sader mit zwei Texten, die beide in der DDR angesiedelt waren. Der erste beschrieb am Beispiel des Schwimmbadbesuchs einer Provinzjugendclique am 13. August 1961, wie sich das Klima im Land mit dem Mauerbau schlagartig verändert. Die unbekannten, bekleideten Schwimmbadgäste auf einer Sitzbank in der Nähe werden auf einmal zu einer bedrohlichen Kraft, der man nun kaum noch ausweichen kann, wo es heißt, da sei eine Mauer gebaut worden im fernen Berlin.“

Das Internet vergisst nichts. Meine Bemerkung, ich müsste für den Nachweis, dass die Geschichte „Sonntagsschwimmer“ schon mal gelesen worden wäre, nur die Protokolle durchgehen, rief einige Erheiterung hervor, die ich natürlich hätte antizipieren können, da auch zwei dunkel gekleidete Herren in jenem Schwimmbad Protokoll zu führen suchten, was die Anwesenden zum Mauerbau wohl so sagten und dachten. Außerdem las Jörg noch einen Text über eine metaphorische Kraft, die einen Sturm hervorrief, dabei musste er von Leovinus allerdings unterbrochen werden, da die fünfzehn Minuten überschritten waren.

Es ist dies der Punkt, nochmal auf die Regeln hinzuweisen: max. 15 Minuten und max. einen Prosatext oder max. drei Gedichte.

Die Diskussion zu Jörgs Text wurde ein wenig dominiert von einem langen Vortrag, der im Nachhinein als voller Unterstellungen kritisiert wurde (nicht zu Unrecht, wie ich fand), über die Frage, ob man dem Text anmerke, dass hier (bildlich gesagt) ein Blinder über die Farben schreibe.

Den krönenden Abschluss gestaltete mit Sonnenbrille und Klanghölzern unser Wolfgang Weber.

Sei schlau, schau Kumpel-TV.

Klingt wie Werbung, sollte es wohl auch sein. Weil Kumpel für Kunsttempel stehen soll. Den der Wolfgang mit Gleichgesinnten errichtet hat unter https oder so ähnlich, Wolfgang verwendete backslash backslash, was Leovinus in der Diskussion korrigierte, es wären ganz normale Schrägstriche, www.kleine-welten-verlag.de, da würden die Percussions-Akzente gesetzt, live geschrieben, und wenn es nicht sarkastisch ist, dann sei es lakonisch – und am 19.9. um siebzehn Uhr auf dem Tempelhofer Feld gibt es da was, geht mal hin, werdet ihr bestimmt fündig. Ich bin da gerade im Urlaub auf dem grünen Band der Phantasie.

 

Das war dann sie 148. Lesebühne SoNochNie!

Bewerbt Euch also zahlreich für die 150. Lesebühne, wenn ihr euch zutraut, einen Text zum Thema „Liebe mit Abstand“ zu schreiben. Das kann auch durchaus mangamäßig erotische Züge annehmen mit schlangengleichen, oktopusartigen Gemächten, die das Objekt der Begierde gleichzeitig umschlingen und … äh … ihr wisst schon … impfen … können. Es darf aber auch zart und zurückhaltend philosophisch allein um die sensible Erörterung der Möglichkeiten der Entwicklung von, nun ja, Impfstoffen gehen, wie ihr wollt. Obviously muss es um die Liebe gehen. Und um den Abstand, den noch jede Liebe so oder so überwunden hat. Also, ran an den Speck. Schüttelt ihn, bis etwas, das in vernünftigem Tempo in zehn Minuten runtergelesen ist, herauspurzelt. Kann ja nicht so schwer sein. Man muss nur die falschen Wörter in den nicht so guten Reihenfolgen vermeiden.

Euer

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