Wieder daheim

Gemischte Gefühle bei der Rückkehr in unser Zuhause: Endlich wieder live, Auge in Auge lesen, diskutieren, fachsimpeln, das Team des Zimmer 16 schmeißt den Laden jenseits des Programms kundig und gastfreundlich, und dann doch noch Corona-Beschränkungen in Anzahl und Platz, Bemühung um eine Balance aus Social Distancing und Nähe, was wohl ewig mit einem Gefühl der Verunsicherung verbunden bleiben wird – während die Infektionszahlen bundesweit wieder unangenehm steigen. Doch genug der Ausnahmen, feiern wir das Gewohnte, stets Ungewöhnliche: Literatur.

Die Begrüßungsansprache lenkte Moderator Frank Georg Schlosser rasch auf ein wichtiges Datum: Am 26. Oktober findet die 150. Offene Lesebühne So noch nie statt. Also rot im Kalender anstreichen, wir werden uns dafür wieder was Besonderes einfallen lassen!

Diesmal war es an mir, den ersten live-Text seit dem Lockdown vorzustellen. Als Themenbeauftragter des Juli hatte ich „Regenmacher“ zugelost bekommen. Meine Geschichte hielt ich bis auf eine kurze Ausnahme in Stil und Wortwahl ganz orientiert an vergangenen Zeiten. Ich schätze, im mittleren bis späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert wäre er in dieser Hinsicht nicht aufgefallen. Es ging um ein Dorf, das unter jahrelanger Trockenheit leidet und von Auslöschung bedroht ist. Als letzten Ausweg schicken sie Abgesandte in ein fernes Land, die einen Regenmacher ausfindig machen und ins Dorf bringen sollen. Dass dies aber keine einfache, nostalgische Landnot-Geschichte ist, stellt sich im letzten Absatz erst heraus. Daher wohl fanden manche das Ende „abrupt“. Als „maskiert“ beschrieb jemand die Erzählung, was ich sehr treffend fand.

Was wäre ein Wiedersehen nach Monaten ohne Wolfgang Weber? Na eben! Wolfgang wirbelte wieder eine seiner musikalischen Wortkaskaden über unseren Köpfen herum. Das Zentrum dieses Wirbels war Sun Ra und die musikalischen Galaxien, die er gründete, sein „Astro-Gebräu“ bei Saturn Records, sein Archestra, in dem jeder auch Perkussion zu spielen hatte. Der Strudel bekam von Wolfgang auch einen Namen: Mighty Space Wolf Galaxy, und von Sun Ra sein Motto: „Wenn Realität einen bestimmten Punkt erreicht, entsteht daraus Mythos.“

Frank Georg Schlosser befasste sich in „Mannstopp“ mit Familienangelegenheiten. Die Frau eines EX-G.I.s ist in den USA verschwunden, wo sie mit ihm seit Jahren lebt und wo sie an einer berühmten Uni lehrt. Auf der Suche nach ihr kehrt der Ehemann nach Deutschland zurück und vermutet sie bei ihren Eltern – die Ehe scheint in keinem guten Zustand. Der Schwiegervater und er ähneln sich in einem Punkt: Sie reden nicht über Gefühle. Doch in dieser Situation ändert sich das zumindest auf „männliche Art“: Sie geraten aneinander, der Ältere bedroht den Besucher mit einer Pumpgun. Auch der Schwiegervater hat eine bewaffnete Vergangenheit, und beide haben belastende Erinnerungen an ihr „Berufsleben“. Da sich aber keine echte Lösung oder Antwort findet, zumindest nicht zum Aufenthaltsort der Frau und Tochter, eher noch zum Grund ihrer mutmaßlichen Flucht, beschließt man, stattdessen eine Runde Billard spielen zu gehen.

Corona fand nun doch wieder einen Weg ins Zimmer 16, nämlich im „Coronalied“ von Arved Wolff. Das Gedicht, das erst Gedicht, dann Lied, dann wieder Gedicht war, ist beides – es existiert auch als Lied, vorgetragen von Arved auf seinem Youtube-Channel. „Wenn’s schmerzt, weiß ich, dass ich das noch bin“, heißt es darin. Und: „Meine Mutter ist dran, fragt, wer ich sei.“ – Sein Gedicht beschreibt Zerrissenheit, Unbehagen, Entmutigung, denen man in der Corona-Situation einfach nicht entkommt – siehe oben (!) – auf einer sehr persönlichen Ebene. „Wir sind nicht alle Helden“, fasst es jemand zusammen. Müssen wir auch nicht sein.

Zu den wunderbarsten Gewohnheiten bei SNN gehört die Kür der Themenbeauftragten. Für die September-Lesebühne meldete sich mutig (wie jede/r Themenbeauftragte) Katharina Körting und loste ihr Thema aus den Zuschauervorschlägen: „Quelle“. Am 28. September erfahren wir, was aus ihrer Textquelle gesprudelt ist.

Viel zu selten auf der SNN-Bühne, nun endlich wieder: Ulrike Lynn, unsere SNN-EXPAT aus Sachsen stellte einen Text vor, der manchen unserer Besucher nicht unbekannt war, jedoch in einer neuen Fassung und mit neuem Titel: Grenzwertig. „In meiner Erinnerung bist du hellblau“ heißt es darin zu Beginn, und es deutet schon an, dass sich diese sympathische, hoffnungsfrohe Farbe in der Realität oder der Gegenwart nicht gehalten hat. Ein Brief ist angekommen, in dem um Wiederaufnahme der Verbindung, der Freundschaft, der Liebe (?) gebeten wird. Doch „Ich habe schon lange aufgehört, dich zu suchen“ und „Mein Bild von dir ist wie ein Scherenschnitt“ sind nur zwei von vielen Gedanken, die von dieser Bitte aufgewirbelt werden, sich schon abgesetzt hatten tief unten am Boden und dort auch wieder hin sollen, wenn man dem Text weiter folgt. Ein Ende ist ein Ende, in diesem Fall bestimmt, eine Überraschung wartet dennoch am Schluss des Textes, der tief und bildmächtig von jenseits der Grenze über die beendete Beziehung reflektiert – die wird hier natürlich nicht verraten.

Ein ganz anderes Terrain betrat Katharina Körting mit „Ravensbrück“, und das nicht bloß bildlich. Ein tatsächlicher Ausflug zur KZ-Gedenkstätte wird hier zum Anlass, Eindrücke zu beschreiben. Und diese Eindrücke sind nicht durchweg von der Art, die vielleicht an so einem Ort zu erwarten gewesen wären – die eigene Familiengeschichte, die Beziehung zur Mutter und zu den eigenen Kindern schiebt sich ins Sichtfeld, und Zusammenhänge kommen ans Licht. Kindererziehung und Folter schließen einander nicht aus, nicht in Ravensbrück, nicht in der Generation der Erbauer, Betreiber und Insassen, nicht bei deren direkten Nachkommen (so sie noch welche haben konnten), ja, nicht einmal bei unserer Generation. Inhaltliche Diskussion folgte und überwog die formelle, bei diesem Thema und dieser, wie es auch hieß, halb journalistischen Form kaum anders zu erwarten.

Matthias Rische trug „Intensivstation“ vor. Eine S-Bahn hält an einer Station, eine Mitfahrende entdeckt auf dem Bahnsteig draußen einen Mann, der exakt so aussieht wie eine Romanfigur in dem Buch, das sie gerade liest. Die Frau kann kaum fassen, was sie sieht, kämpft mit sich, steigt aus und spricht den Mann an. Und erlebt etwas sehr Überraschendes. Die Überraschung lag nicht nur bei der Erzählerin, sondern auch bei uns Zuhörenden, denn einerseits war dieser Mann genau, was die Frau dachte, andererseits aber war er etwas/jemand ganz anderes …

Am 24. August sehen wir uns hoffentlich wieder im Zimmer 16, wenn die Infektionszahlen nicht weiter steigen sondern zurückgehen, wobei wir alle mithelfen können. Dann heißt die Themenbeautragte Gudrun Sonnenberg und ihr persönliches Zuschauerthema „Hundstage“. Bis dann!

Ein Kommentar zu “Wieder daheim

  1. Vielen Dank für diesen wunderbaren Bericht. Sun Ra meldet sich zu Wort aus einer weit entfernten Galaxie. Sein aktuelles Arkestra ist das early morning breakfast space infinity Arkestra. Mitgeteilt von Wolfgang Weber aus der Mighty Space Wolf Galaxy. Space is the place

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