Angstastopp

Unser geliebter Leovinus begleitete uns nicht, er stellte uns das Logo der Lesebühne SoNochNie! zur Verfügung, den Schriftzug senkrecht gestellt und zur Eieruhr verformt. Michael Wäser führte durch den Abend, der sehr gemütlich und zugewendet war, zweifellos ein Vorteil von wenig Publikum: es wird intimer.

Es begann mit einem Bildschirm-Sharing, weil Heidi aus der Normandie als Themenbeauftragte zum Thema „Entzauberung“ las, eine Geschichte von Jemandem, der Jemanden (die Eltern) besuchen wollte, dazu in den Zug nach Nantes stieg, aber immer wieder von Meisen aufgehalten wurde. Auch die Vögel hatten bemerkt, dass nach dem Lockdown die Luft wieder schlechter wurde. Sie demonstrierten: „Autos aus der Stadt, wir Vögel haben’s satt!“ Gott sei Dank gab es ein Medikament, das Angstastopp hieß, es sollte gegen Halluzinationen wirken. In der Diskussion ging es u.a. um die Frage, was das mit dem Thema „Entzauberung“ zu tun gehabt haben soll. Dafür hätte ja vor her was verzaubert sein müssen. Jemand kam auf die Idee, dass es um die Entzauberung der Geschichte durch ein Medikament ging. Das fand ich sehr überzeugend.

Danach las ich, Frank Georg Schlosser „Du musst dankbar sein“, eine Geschichte um einen uralten Konflikt, der wegen Corona nun ausbricht, wie das allgemein immer wieder mal passiert in solch intensiven Situationen. Am Ende sperrt sie ihn in ein finsteres Verlies und er muss sich daran erinnern, dass er dort schon mal gefangen war, um den Weg in die Freiheit zu finden. Die Geschichte wurde sehr freundlich besprochen und mit vielen Hinweisen versehen (danke dafür), die ich sicher einarbeiten werde, denn die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Dann wurde schon die Themenbeauftragte für den Monat August gekürt: es ist die Gudrun Sonnenberg und sie hat gleich das erste geloste Thema genommen, nämlich Hundstage. Herzlichen Glückwunsch und herzlichen Dank, liebe Gudrun, und viel Spaß beim Schreiben.

Gudrun las dann auch gleich als Nächste, eine Geschichte mit dem Arbeitstitel „In der Nacht“. Johannes und Johanna (deshalb nannte sie ihn Jo). Sie wäre vielleicht über Nacht bei ihm geblieben, wenn er nicht die Frage gestellt hätte, ob die kommende Woche anstrengend werden könnte. Sie, die Frage, zerstörte die Zweisamkeit, das zarte Pflänzchen Hingabe. Es entspann sich ein sehr stimmiges Bild von zwei nicht mehr so jungen Menschen, die auch an Beziehungen schon so ihre Enttäuschungen hinter sich haben, und nun verdammt und verflucht sind, am schmalen Grat zwischen Wir-gehören-zusammen und Am-besten-geht’s-mir-allein entlang zu leben. Meine beiden Lieblingssätze: Sie wollte Jo nicht zu einem Beistand zwingen, der nicht von Herzen kam … und: Der Wunsch, bei ihm zu bleiben, machte sich selbständig.

Der letzte Lesende des Abends war Matthias, der Werbung machte für seine Lesebühne am Donnerstag und den Zugangscode für die Online-Konferenz in den Chat schrieb. Matthias verband einen Originaltext eines Liedes mit einem Musical oder so ähnlich. Solo hieß sein Text. Es ging um Selbstbehauptung auf einer Bühne. Ich empfand es als coming of age Geschichte. Der Held oder die Heldin (denn es ging auch um eine Selbstbestimmung in der Geschlechterfrage) muss sich auf der Bühne durchsetzen und auch Erkenntnisse über ihren/seinen Vater verarbeiten („Ich bin der Sohn eines Zuhälters“) Das Ganze war verschränkt mit Liedzeilen aus einem Song von Elton John. And in the same time something makes you whole again. Oder: And suddenly I’m flying like a bird. Die Erkenntnis, dass die Geschichte seiner Mutter in völligem Kontrast zu dem Stück steht, dass er singen soll. Eine hoffnungsvoll traurige Geschichte.

Und das war sie dann, die 146. Lesebühne SoNochNie! vom 22.6.2020. Es war, wie ich fand, eine sehr schöne, intime Bühne.

Euer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s