Stinktiere am Ende des Universums

Es ist Handtuch-Tag, das schickte Leovinus voraus, denn erstens stimmte das und zweitens stammt der Name LEOVINUS aus demselben Jahrhundertwerk wie die Sache mit dem Handtuch, und so präsentierte sich unser Moderator vor einem virtuellen Delfin (!) – Handtuch. So muss es auch sein, wenn sich Literaturmenschen treffen, wenn auch wieder nur online, zum dritten (und vielleicht letzten?) Mal, per Anhalter durch die Literaturgalaxis, und ein Handtuch hat bestimmt jede/r dagehabt, man war ja jeweils zuhause oder ähnliches. Ein „richtiges“ Jubiläum hatte Leovinus dennoch zu bieten, denn genau vor 300 Jahren war in Marseille wegen mangelhafter Schiffsquarantaine die Beulenpest ausgebrochen, 100.000 Tote innerhalb von 2 Jahren, herzliche Grüße an D. Trump, auch hier ist er schon nach 3 Monaten greater. Der Kapitän, der die Pest damals verbockte, wurde auf die bei Literaturliebhabern bekannte Insel Monte Christo verbannt …

Frank Georg Schlosser sendete/las uns aus seiner Verbannung den Themenbeauftragtentext „Akzeleratoren“ zu seinem Publikumsthema „Stinktiere“. Darin will ein lange nicht gesehener Freund/Schuldner den Erzähler aufsuchen mit der Begründung, seine Schulden begleichen zu wollen. Das ist denn auch das einzige, was den Mann zu einem JA bewegen kann. Der alte Freund erweist sich als genauso unangenehm wie früher, wo er sich ständig Geld geliehen hat, aber er führt etwas im Schilde diesmal, das man nur mit großem Wohlwollen als Begleichung von Schulden bezeichnen könnte: Der Erzähler ist Finanzbeamter und hat als solcher Zugang zu einem höchst einflussreichen Computernetzwerk. Diesem möchte sich der verlorene Freund mittels des Erzählers und einer handfesten Erpressung bedienen, um das ganze System von Stinktieren zu sabotieren, und die Erpressung, sie wirkt … Eine doppelbödige Story, dennoch gab es nur ein (virtuelles) Exemplar der Mai-Urkunde des Themenbeauftragten.

Ich war nun an der Reihe und las einen Auszug aus dem aktuellen Romanprojekt. Da erzählt eine Mutter in einem Brief ihren Kindern, wie die Menschen, der Homo sapiens genauer gesagt, sich von einem Häuflein ostafrikanischer Jäger und Sammler zum heutigen Weltbeherrscher entwickelt haben. Mehr eigentlich nicht. Ein Text in Arbeit, manche fanden, er erzähle nichts, was man nicht schon wisse, andere mochten den großen Zusammenhang, die Raffung, die wieder neu auf uns selbst blicken ließe. Von wo aus schreibt jemand seinen Kindern so einen Brief und warum wissen die nichts darüber? Das war eine interessante Frage.

Nach der Pause ging es an die Wahl zum Themenbeauftragten des Juli. Ich hob die Hand und Leovinus zog als erstes meinen eigenen Themenvorschlag aus dem Becherchen – ich lehnte ab und freue mich nun über Thema Nr. 2: „Regenmacher„. Im Juli wissen wir alle, was draus geworden ist.

Dann las Heidi Varin aus/in der Normandie, ein Vorteil der online-Lesebühne, aus einem Text, der ein Jahr umfasst, eingeteilt in zwölf Monatskapitel, wir hörten Februar, März und Juli. An dieser Stelle muss ich mich entschuldigen, denn ich war rückenkrank und stand unter Medikamenten, die wirkten wie Alk. Vom Februar weiß ich daher nur noch, dass es regnete und Hut und Schirm wichtig wurden – ein Text in wenigen Zeilen, knapp und poetisch klar. Der März spielte in einer Kneipe, wo die Erzählerin eine Gruppe am Nebentisch dabei belauscht, wie sie auf einen verstorbenen Freund trinken – Tränen fallen ins Glas, und sogar sie weint auf dem Heimweg. Im Juli-Teil macht ein Trübseliger den Fehler, eine Konzertkarte zu kaufen und dieses Konzert (Regina Spektor) tatsächlich zu besuchen, denn durch den Kauf und erst recht durch das Konzert entwischt ihm sein Selbstbild des Trübseligen und muss der Freude weichen. Schön.

Matthias Rische erzählte uns ein neues Abenteuer eines alten Bekannten – ein lustlos-zynischer Kriminalpolizist, diesmal privat. Er findet sich ungewollt in einer Unterhaltung mit einem Jungen, der sich um Wörter und Namen sorgt. Das will dem Polizisten aber nicht in den Kram passen, doch dem Jungen scheint es ernst. Ein philosophischer Spaziergang sollte reichen, denkt sich der Mann, aber beim Spazieren erkennt er, es sind nicht philosophische Sorgen, sondern sehr persönliche, denn eine bevorstehende Adoption droht, dem Jungen seinen Namen wegzunehmen. Andere Leute, andere Sorgen, lieber Polizist.

Die nächste Offene Lesebühne findet am 22. Juni statt, und vielleicht ja endlich wieder im Zimmer 16 – wir werden es sehen. Das Beauftragtenthema wird dann „entzaubern“ lauten, und Themenbeauftragte des Juni ist Heidi Varin, die mit ziemlicher Sicherheit von der Normandie aus lesen wird.

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