Ein irrer Duft von frischen Zwiebeln

Die 144. Offene Lesebühne SoNochNie!, zugleich die 2. Lesebühne im Shutdown, Lockdown, die ich persönlich diesmal von meinem Hochbett aus verfolgte, hat der vorbildlich verhüllte Moderator Leovinus in den Kontext des hundertsten Jahrestages der Verabschiedung des Gesetzes, das Pankow zu einem Stadtteil Berlins machte, gestellt. Irgendwer warf die Frage in den Raum, ob auch Spandau … ja, auch Spandau seit 1920. Obwohl ich von Pankow aus nicht das Gefühl habe, dass mich mit Spandau was verbindet.

Themenbeauftragter war der Matthias Rische. Thema: Genderwahn. Eine grundsätzlich gut ausgehende Geschichte von Kim (gebürtig Emil), einem Menschen, der sich über die Erfindung des Unisexklos gefreut hat. (Ich habe bis heute keines gesehen, außer in so Kneipen, in denen sie eh nur eine Toilette haben). Es ging um einen Menschen, der es von früh auf blöd fand sich entscheiden zu müssen, ob er Emil heiße oder Sarah? Das ist wie gute und schlechte Laune haben. Whats the difference. Über die sexuelle Revolution hat diesem Menschen der Großvater berichtet, in die Welt seiner Eltern passte das alles eher nicht. Er/sie kam deshalb in ein Krankenhaus, aber er (der Vater) hatte darauf schon keinen Einfluss mehr und auch keine Ahnung, was da geschah. Er/sie wurde dort nämlich nicht „geheilt“ (im Sinne des Vaters), sondern gefestigt. Rache brauche ich nicht, die hat er nicht verdient. Es gab eine Phase des Kunst Machens mit vielen Geschlechtsmerkmalen. Riesige begehbare Schwänze und Brüste, eine weit offene Vulva als Eingangstor zu irgendwas, wahrscheinlich dem Paradies.

In der Diskussion fand Gudrun, dass es etwas glatt geht, alles viel zu gut läuft, während Katharina Klug meinte, eine solche Geschichte über Geschlechtsdysphorie könne auch zur Abwechslung einfach einen guten Ausgang haben. Jetzt habe ich das Wort Dysphorie nachgesehen, das bislang nicht zu meinem Sprachschatz gehörte, was mich eine Stunde gekostet hat, weil ich mich über Klick Klick Klick bei Youtube und dem Verschwörungssender KenFM wiederfand, … okay, Frank, komm zurück: Dysphorie kann man sich gut merken – ist einfach nur das Gegenteil von Euphorie.

Matthias bekam dann per Bildschirm die Urkunde überreicht. Leovinus verlieh der Hoffnung Ausdruck, das im analogen Leben eines Tages nachholen zu können.

Dann las Gudrun, das erste Mal, eher eine Kolumne, wie sie selbst sagte mit dem Titel Fallenlassen. Sie war einkaufen, es gab Hefe, sie machte den Vorschlag, Masken aus Unterhosen zu verwenden – verweise diesbezüglich auf meinen auch abgekupferten Vorschlag mit den String-Tangas – man sitzt zu Hause, es gibt nicht genug zu erzählen, so stellt sie sich Leben auf dem Dorf vor. Dann fällt Alexis Sorbas aus dem Fenster. Es handelte sich dabei um ein Buch, nicht um die Katze, wie Leovinus vermutete, mit dem sie das Fenster vor dem Zufallen schützte. Angst, dem Buch nachzuschauen, weil jemand sehen könnte, dass es aus ihrem Fenster gefallen ist, was ja zu Strafanzeigen u.ä. führen könnte, wenn es im ungünstigen Winkel einen Schädelknochen spaltete. Währenddessen spielte ihr Mitbewohner auf dem Computer ein Knallerballerspiel. Sie fragte sich, ob sie die Zeit nutzen solle, Marcel Proust zu lesen, oder zu hören (20 Stunden nur der erste Teil – und der ist nicht der längste), aber allein die Gedanken, ob sie es tun soll, dauerten länger als das Buch zu hören. Aber dann keimt Hoffnung. Der Computer spielende Mitbewohner fragte sie nach ihren Französischbüchern, er überlege, ob er französisch lernen solle (wahrscheinlich genauso lange wie sie überlegt, ob sie Marcel Proust lesen soll). Aber allein die Frage bringt in ihr Hoffnung auf, dass die Menschheit doch nicht untergehen muss, wenn Computerspieler französisch lernen wollen.

Dann war Pause. Wir tauschten uns über die unterschiedlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie aus (ich bin mal gespannt, was es für eine Steigerung zum Wort Pandemie geben wird, wenn es mal wirklich ernst wird, so „The Stand“-ernst)[1]. Heidi berichtete aus der Normandie, dass es (allerdings in Südfrankreich) Festnahmen wegen des Aufhängens kritischer Plakate gegeben haben soll; und dass sie, wenn sie rausgeht, einen selbst ausgestellten Passierschein mit sich führen muss, auf dem sie ihre Ausgehzeiten protokolliert.

Heidi stellte sich dann auch als Themenbeauftragte für den Monat Juni zur Verfügung – die am weitesten entfernte Themenbeauftragte, die wir je hatten. Vermutlich werden wir aber auch im Juni noch online konferieren. Sie nahm gleich das erste Thema, das Leovinus aus seiner Müslischüssel zog: „Entzaubern“. Da sind wir sehr gespannt, was Heidi dann entzaubern wird.

Heidi las auch als Nächste einen Text mit dem Titel „Leere Seite“. Es ging um einen Mann, der ein paar Wochen nach ihr (nicht Heidi, sondern der Partnerin des Protagonisten) auch mit dem Rauchen aufhörte. Der das erste Mal seit 23 Jahren weinte, keinen Kaffee mehr getrunken hat, sich mit Lakritz eindeckte, heftig zu träumen begann. Der einen Küchentisch baute, obwohl er kein Handwerker ist. Die leere Seite, die sich mit dem Rot des Blutes füllen wird.

Offenbar hatte ich die Quintessenz der Geschichte nicht erfasst, wie ich in der Diskussion merkte, was aber daran lag, dass mein Kugelschreiber nicht mehr schrieb, und ich von meinem Hochbett herunter ins Arbeitszimmer … und zurück. In der Diskussion merkte ich erst, dass die leere Seite für ein Leben stand, das noch gar nicht da ist. Es ging also um das Erleben eines Mannes, um Geburtsbeobachtung.

Als Letzte las Katharina Körting einen Text in Arbeit. Ein notorischer Einbrecher U in Coronazeiten. Zuhause hält er es nicht aus. Einbrechen ist seine Form der Kontaktaufnahme. Ist aber kein triftiger Grund rauszugehen. Im Gefängnis erholt er sich von der Strukturlosigkeit draußen. Er ist ein Profi darin Dilettant zu sein. Sein Arbeitgeber stellt ihn nach jeder Haftstrafe wieder ein. Die Beute ist nur hundertdreiundsechzig Euro. U bricht ein um aus sich auszubrechen. Nur im Gefängnis funktioniert er. Als er verurteilt wird zur Gnade von vierzehn Monaten, achtet er darauf, dass auf seinem Gesicht keine Regung zu sehen ist. In der Diskussion wurde die Vermutung geäußert, dass er sich seine Freude nicht anmerken lassen will. Ein Artikel im Tagesspiegel hat Katharina zu der Geschichte angeregt.

In der Diskussion habe ich dann auch noch gelernt, dass die Formulierung „der Geruch nach Zwiebeln“ bedeutet, der Geruch könne auch woanders herrühren, während es „der Geruch von Zwiebeln“ heißt, wenn Zwiebeln die Verursacher des Geruchs sind. Ich weiß aber nicht mehr, wo in Katharinas Text dieser Geruch aufgetaucht ist.

Ute Danielzick, die sich später dazu schaltete, dankte im Namen des Zimmers 16 für die Spenden. Wir (die Lesebühne) sind die Guten, sagte sie. Ich habe auch wieder gespendet. Mitglied des Fördervereins zu werden, sei aber auch eine Option, sagte sie.

Und das war sie, die 144. Lesebühne. Bis zum nächsten Mal, dann hoffentlich wieder in größerer Runde. Euer

[1] Schöne Leseempfehlung für Pandemiezeiten: Stephen King „Das letzte Gefecht“ – besonders der erste Teil.

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