Voll krasse Texte, Brudi

Sehr geehrte Damen und Herren draußen an den Bildschirmen,

herzlich willkommen zur völlig subjektiven und unvollständigen Zusammenfassung der 142. Offenen Lesebühne am 24.Februar 2020 im wie immer gut geheizten Zimmer 16.
Bei der Eröffnung hatte ich (Leovinus) die Ehre, das Publikum mit einer gereimten Zusammenfassung des von Goethe gelobten Schicksalsdramas „Der 24.Februar“ zu belästigen.

Der Abend begann hochklassig mit der Themenbeauftragten Barbara Schwittmann – „Vollüberwachung“. Überraschenderweise befasste sich ihr Text weniger mit digitaler Spionage via Facebook etc. als vielmehr mit der guten alten analogen, weil sozialen Kontrolle via Wecker, Ehemann, Kollegium, Wachmann im Supermarkt, Mutter und vielen anderen Menschen, die es vermeintlich oder tatsächlich gut mit uns meinen und manchmal einfach nur wissen wollen, wie unser Tag war. Beim Publikum stieß Barbara inhaltlich durchaus auf Zustimmung, in der Form gab es leichte Kritik an den etwas zu hölzern geratenen Dialogen.

Gleich drei Premieren auf einmal bescherte uns anschließend Maria T. Sie las nicht nur zum ersten Mal bei „So Noch Nie“, sondern überhaupt das erste Mal öffentlich und machte zudem direkt vor Ort offiziell von ihrem Foto-Veröffentlichungs-Veto Gebrauch. (Dabei kannte sie meine, mittlerweile gelöschten, Bilder nicht einmal.) Ihre Geschichte „Winter in Berlin“ entsprach – so versprach sie – voll und ganz der Wahrheit. So folgten wir unter anderem ihrer Schilderung eines original „türkisch-berlinerischen“ Telefonats in der Universitätsbibliothek. „Isch tue Uni, Brudi!“, versuchten mit ihr zu leiden, wenn sie ihr Mittagessen an die Pausenscheiben-Zeit anpassen muss und begleiteten sie bis an die Tür ihres Therapeuten Wilfried. Mit hinein durften wir allerdings nicht. Schade, das wäre spannend gewesen. Das Publikum beklagte „zu viele Situationen“, lobte aber das Lesen in der Bibliothek.

Als Nummer Drei beglückte Matthias Rische das Publikum mit dem Text „Gino/Gina“, einer berührenden Transgender-Geschichte, die wie so oft bei Matthias auch sehr beklemmend wirkte. Gino fühlte sich schon als kleines Kind mehr als wohl, wenn er beim Fasching als Ballerina mit Tutu, Schminke und Kajal verkleidet mitfeiern wollte.
Das SoNochNie-Publikum war beeindruckt und freute sich über das engagierte Statement. Da es aber wie immer auch konstruktiv-kritisch zuging, gab es zu bedenken, dass der hergestellte Zusammenhang einer Vergewaltigung als Teil des Wandels nicht ganz geglückt war.

Auch Michael Wiedorn las nicht zum ersten Mal bei unserer Offenen Lesebühne. „Die Sonne entzündet die Erde“ war in knappen Sätzen die surreale Geschichte eines Nachmittags in Berlin. Leider war das Publikum teilweise überfordert von den – wie ebenfalls gelobt wurde – „vielen starken Bildern“. Ein Schuh, der zum Herzen wird, gefressen von einem Hund – das funktionierte nicht bei jedem. Muss ja auch nicht – finde ich ganz subjektiv.

In der Pause tauschten viele der Gäste brav ihr Geld in Getränke um und legten ihre Themenvorschläge für den Monat April auf den Tisch.
Auf die Frage, wer denn Themenbeauftragter sein wolle, hob Matthias Rische behutsam den Arm (oder reckte er sich nur?) und nach Anwendung von nur sehr wenig körperlicher Gewalt erklärte er sich bereit, den ehrenvollen Dienst zu übernehmen. Er zog im zweiten Versuch sein eigenes Thema „Genderwahn“ und war darüber nicht einmal glücklich. Matthias – du schaffst das!

Der erste Lesende nach der Pause war Robin, ebenfalls ein Neuling auf unserer heiligen Bühne. Leider ist meine Notiz zu seinem ersten Gedicht selbst für mich unleserlich, es sei denn es handelte von „der Liebe Legenden mit Spaten“, aber immerhin kann ich meinen Aufzeichnungen entnehmen, dass sein zweites Gedicht den Titel „Zeit“ trug und zu der Quintessenz kommt: „Zeit ist das, was wir draus machen“. Dieses und weitere Bestandteile erschienen manchem im Publikum zu sehr als Allgemeinplatz. Es gab auch die Ansicht, die „Liebe“ hätte nur „Mittelfinger“ und „Zeit“ wäre demokratischer, was Matthias R. allerdings genau umgekehrt sah. So ist das in der Kunst – nicht einmal Goethe konnte es allen recht machen.

Arved Wolff präsentierte ebenfalls Gedichte, deren drittes, „Atme nur“, vom Publikum als „sehr sexy“ bezeichnet wurde. Einem Urteil, dem ich mich in aller Subjektivität durchaus anschließen mochte. Es wurde betont, dass oft ja auch wichtig wäre, was eben nicht gesagt werde – im Leben wie in der Literatur.

Den Abschluss des Abends gestaltete mit einem sehr dadaistischen rhythmischen Text Wolfgang Weber, diesmal unterstützt von zwei „Donnermachern“, die dem Werk „Dada Pastiche“, je nach Sichtweise, entweder Struktur gaben oder aber nahmen. Wir genossen ein sehr lautmalerisches Mosaik inspiriert von Cpt. Beefhart, Iron Butterfly („In A Gadda Da Vida“!), Loriot, 2RaumWohnung, Muddy Waters und vielen anderen von Wolfgangs Helden der Musik-Geschichte.

Alles in allem war es ein runder Abend, abwechslungsreich, jeder einzelne Beitrag auf eigene Weise spannend und unterhaltsam. So kann’s gern immer wieder weitergehen.
Zum Beispiel beim nächsten Mal am 23.März. Bis dahin wird Klaus das Thema „Faulheit“ recht fleißig bearbeiten.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Bitte bleiben Sie gesund!
Ihr Leovinus.

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