Worte kann man nicht kotzen

Die erste Lesebühne SoNochNie im neuen Jahrzehnt enttäuscht – diejenigen, die wegen Überfüllung nicht mehr lesen konnten.

Catriona Fadke, erste Themenbeauftragte des Jahrzehnts, überließ es den beiden Hauptfiguren ihrer Geschichte ohne Titel, das Thema „Kotzbeutel“ anzusprechen. Kleiner Bruder und große Schwester, die schon allein wohnt, sind sich irgendwie nicht mehr grün, als sie im Museum vor impressionistischen Bildern sitzen, selbst ein Bild sich ausbreitender Entfremdung. Sie ringen um Worte mehr als um ihre Verbindung, scheint es – heißt es Kotzbeutel oder Kotzbrocken, das, was er sagen will? Egal, er ist schlecht drauf, bei ihr, wo sie ihn hingeschleppt hat, den Jugendlichen – ist zu vermuten. Die ganze Familie scheint nicht gerade Harmonie-vorzeigbar zu sein. Und sie, sie nimmt sein Wort, Worte könne man doch nicht kotzen, doch, sie fühlt sich wie der Kotzbeutel für die verdorbenen Gedanken ihrer Familie, und der ist jetzt endgültig voll. Ein Streit auf dem Heimweg in der S-Bahn, sie trennen sich. So vielschichtig aufmerksam kann selbst dieses Thema umgesetzt werden.

Bianca Ierullo debütierte bei SNN, präsentierte ebenfalls zwei Geschwister, junge Frauen Schmiedin die eine, Kräuterfrau die andere – wir sind im Mittelalter, womöglich ein Fantasy-Roman, dessen Prolog sie vorlas. Der Prolog jedoch klang mehr wie Kapitel 1, es wurden erste Handlungslinien ausgelegt und ein verletzter Wolfswelpe gefunden, der später im Roman von Bedeutung sein wird. Doch auch dies war manchen im Publikum noch zu wenig Handlung und/oder Konflikt, was ich nicht so sehe. Ihre Erzählweise und ihre Sprache wirkten noch etwas ungeübt, aber die Figuren wurden schon sichtbar, und die weitere Handlung ist noch nicht in Stein gemeißelt, weshalb sie auch hören wollte, was den Zuhörern zu ihren ersten Seiten einfällt. Hoffentlich hält sie uns auf dem Laufenden!

Wenn Arved Wolff neue Gedichte vorstellt, erinnert er mich immer an einen Juwelier. Nicht weil seine Gedichte teuer glitzernde Klunkern wären, sondern weil er sie, eins nach dem anderen, wie mit Samthandschuhen anfasst – was sie verdienen. Drei brachte er mit: Der „Frankfurter Selbersager“ sagt sich alles, was er von anderen zu hören vermisst, eben selbst. „Anders“ ist ihm sein Gegenüber, sein „Du“, so ganz anders als er selbst, und ob er es trotzdem oder gerade deswegen liebt, das weiß er wirklich nicht. Das „Winterlied“ besingt Christiane Köhler, exakt benamt, die den Wald liebt und sich dort hinein flieht, und ihr Name, obwohl nicht erfunden, passt doch so gut.

Wolfgang Eubel verkündet 13 Epigramme zu Ehren eines Verstorbenen, an dessen 20. Todestag, vielmehr lässt verkünden, die, welche sich im Roseneck des Botanischen Gartens zu diesem Zweck zusammengefunden haben. So entsteht ein Bild des Abwesenden, der nicht mehr so abwesend ist. Kein klares, eindeutiges, denn es sind dreizehn Hinterbliebene, jede und jeder mit eigenem Akzent. Und unvollständig bleibt es sowieso, weshalb sie alle ein „auch“ vor ihren Gedanken setzen: „auch war er einer, der …“

Der zweite Teil des Abends brachte uns den (über)nächsten Themenbeauftragten: Klaus, neu bei SNN, hob die Hand und obsiegte per Abzählreim über Leovinus, der seine Schreiblust hoffentlich trotzdem behält. „Leider immer allein“, das erste Themenlos, fiel durch bei Klaus, und so musste es eben das zweite sein: „Faulheit“. Hauptsache, es kommt trotz Faulheit ein Text dabei raus.

Frank Georg Schlosser ließ in „Tusnelda oder: Eigentum verpflichtet“ drei Menschen auftreten, ein Ehepaar und „ihre“ Mutter, seine Schwiegermutter „Nelda“. Nach einem gemeinsamen Konzertbesuch will der Abend einfach nicht vorbeigehen, findet „er“. Man sitzt und redet über längst Bekanntes, d.h. er scheint eher die ganze Zeit nur zu schweigen und zu hören und sich genervte Gedanken zu machen, statt zu reden … das Haus, Wochenendhaus an der Ostsee, nur Tusnelda scheint es zu mögen, und sie will hingebracht werden, vielleicht ein letztes Mal – du musst nicht mitkommen, hört „er“ erleichtert. „Familie, das ist Diplomatie im Kleinformat.“ Also bleiben, hören, denken.

Barbara Schwittmann präsentierte einen Essay: „Ich möchte nicht Oma genannt werden“ nennt sie ihn und „ZeitOnline“ hat ihn schon veröffentlicht mit vielen hundert Kommentaren. Obwohl, worauf sie Wert legt, absolut subjektiv, führt sie auch Argumente an gegen ein allzu schnelles „Oma“ für quasi jede alte – ältere – Frau, die man nicht einfach als subjektiv beiseite legen kann. Die Diskussion im Zimmer 16 ist, es ist eben ein Essay und kein Prosatext, entsprechend inhaltlich gelagert, eigene Standpunkte werden lebhaft vorgetragen, und, das darf ich stolz berichten, anders als auf ZeitOnline, ohne eine einzige gallige Beschimpfung und üble Beleidigung. Irgendwas läuft anscheinend falsch bei SNN …

Klaus Kleinmann – der März-Themenbeauftragte – hatte noch einmal Losglück und bekam Gelegenheit, seine „Bilderzählung“ „Katz und Maus“ vorzutragen. Das Bild, wie oben zu sehen, zeigt einen belesenen? aristokratischen? Kater, die Geschichte erzählt von dessen Burg, seit Generationen auf Katzenfels und ebenfalls seit Generationen in schwieriger Nachbarschaft zu Burg Mausezahn. Weil der abgebildete „Graf Maunz“ ein Weiberheld und Kotzbeutel ist (ja, das hat Klaus noch rasch passend eingefügt), rächen sich die jungen Mäuse und hetzen ihm und seiner Burg die Feuerwehr auf den Hals, bis alles unter Wasser steht – für Katzen, wie man weiß, unerträglich. Klaus tritt am 27. Februar im Zimmer 16 mit einem Francois-Villon-Abend auf.

Wolfgang Weber beschloss – wieder einmal – den Leseabend. Der „Mozart der Lesebühne“ schleuderte den „Versäumnis-Rap“ über die Tischplatte, begleitete sich wie fast immer selbst, diesmal auf einer Handtrommel (oder wie man das nennt). „Versäumt nicht, zu versäumen“, ruft er, schlägt eine Bresche für „verpasste Gelegenheiten und Misserfolge“. Das ist gut. Das nimmt Druck raus. „Knallig und subtil. Pepperlepepp!“ Seine eigene Lesebühne „Kunstwelten“ geht auf Tour, am 22. Februar im Soleil du sud.

Das war sie, die141. Zur nächsten am 24. Februar haben alle wieder im Zimmer 16 zu erscheinen. Pepperlepepp!

2 Kommentare zu “Worte kann man nicht kotzen

  1. Lieber Michael, liebe So-noch-Nie’s,

    kleiner Korinthenkack: „es ist eben ein Essay und kein Prosatext“ – ein Essay ist auch ein Prosa-Text…

    Herzliche Grüße Kathairna

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    • Liebe Katharina, du hast Recht. Ist der Verkürzung zum Opfer gefallen. Kein ERZÄHLENDER Prosatext sollte es besser heißen. Als Essay betrifft er eine These, welche den Inhalt, das Thema in den Mittelpunkt rückt, die Debatte. Was am Abend auch geschehen ist. Herzliche Grüße zurück!

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