Berliner Ironie verwandelt das Herz in einen angeschwemmten toten Fisch

Die 140. Lesebühne begann wie immer der Themenbeauftragte, in diesem Falle ich, Frank Georg Schlosser, mit dem Thema Kirsch. Die Geschichte hieß Die Kündigung und handelte davon, dass man sofort gekündigt werden kann, wenn man von den Kirschen des Baumes im Hinterhof isst. Adam hatte von den Kirschen nicht gegessen, aber er hatte sie in Wodka ersäuft und Kirsch daraus gemacht. Von dem seine Freundin Jenny nun trank, um den Schock mit der Kündigung zu lindern. Plötzlich sah sie alles ganz klar. Er hatte es getan, um sich auf diese Weise von ihr zu trennen. Aber der Kirsch macht sie nicht nur klug, sondern auch zu Superwoman, die den beiden Vollziehungsbeamten ordentlich eine auf die Nuss gibt. So dass nur Adam das Paradies verlassen muss. „Die Kündigung“ gibt es hier zum Nachlesen:

https://frankgeorgschlosser.de/geschriebenes/kurzgeschichten

Der zweite Lesende war Matthias Rische. Titel der Geschichte: Alberts Spinnerei. Ari bespricht seine sexuellen Jungs-Nöte mit dem in seinen Augen weisen Albert, der seiner Weisheit mit regelmäßigem Drogenkonsum nachhilft. Es geht um Lana mit den engen Tops. Um Ari weiterzuhelfen, spielen sie Robin Hood und Marian, was Ari gefällt, weil er schon immer gerne Kleider getragen hat. Er träumte, wenn meine Notizen mich nicht trügen, dass er Lana an einer Leine hinter sich herführt, und sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „please enter penis here!“. Als er Lanas allerdings ansichtig wird, rennt er doch zurück zu Albert. Man kann für ihn hoffen: wer Robin Hood und Marian im Wald spielt, ist nicht gefährdet, ein Nerd zu werden.

Der dritte Lesende, den Leovinus, der in gewohnt souveräner Art durch den Abend führte, aus dem Lostopf zog, war Arved Wolf, der das erste Mal Prosa las. Es ging um einen Mann, der neu in einer Stadt ist, und den es auf der Suche nach Orten, die Heimat werden könnten, ins Freibad zieht. Wärme der Steine – unruhige tanzende Helligkeit. Er schwimmt, hauptsächlich Brust, bis er müde wird. Und es scheint beim Blick aufs Wasser auch eine Todessehnsucht auf, eins zu werden mit dem Nass. Wütendes Schwimmen, müdes Wanken nach Hause. Aufschließen der neuen Wohnung. Das ist meine Wohnung, hier sind meine Sachen, bei ihnen will ich bleiben.

Der Vierte war Herr Metzger. Er kommt von der Comedy, ist 75 Jahre und las aus einem Stück. Es war sehr pointiert und bitterlustig. Woran merkt man, dass man älter wird? Man kann sich seine Freunde nicht mehr aussuchen. Früher ging man zum Fußball, heute zu Beerdigungen. Man hörte ihm hier und da seine südwestdeutsche Herkunft an, wenn er von zwei alten Freunden, von denen sich der eine Sorgen gemacht hatte, dass „er“ schon seit Wochen tot in dem anonymen Berlin in seiner Wohnung vermodern könnte, sagte: Eine Zeitlang haben wir uns die Gisela geteilt. Er schrieb von der uralten Kultur des Anstehens, während er mit einem Bratwurstzettelchen in der Sparkasse darauf wartete dranzukommen. Wir freuen uns mehr davon zu hören.

Dann war Pause. Und nach der Pause meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den 24. Februar 2020. Und Premiere für mich: mein Thema, gespeist aus der aufwühlende Lektüre von Edward Snowdens Autobiografie: Vollüberwachung wurde als Thema für den Februar auserkoren.

Die nächste Lesende war Silke aus Eberswalde. Sie begann mit kindlichen Erinnerungen an die Briketts ihrer Großeltern, auf denen Union stand, das war 1986, da war sie vier in Leverkusen … kann das stimmen? … da kam das große Unglück mit den kleinen Teilchen über uns. Es schloss sich ein Text an, der sich in eher protokollarischer Form mit den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst beschäftigte, um den NRWE-Filz, um Baumhäuser mit Fenstern aus den abgerissenen Häusern, um Höheninterventionsteams, die diese Baumhäuser räumen sollten. Es war ein Text, gespickt mit Fakten, schnell gelesen, damit möglichst viel Information in die fünfzehn Minuten passte. Es wurde viel darüber diskutiert – und die Quintessenz in meiner Wahrnehmung: für einen emotionalen Prosatext zu viel Sachinformation, für ein Sachbuch zu emotional. Ich musste an die aufwühlende Sachlichkeit in Edward Snowdens Autobiografie denken. Aber wem das Herz voll ist … dem geht der Mund über, so ist das nun einmal.

Der sechste Lesende des Abends war Michael Wiedorn. Ein brüchiger Text mit dem Titel Der kahle Schädel, mit vielen Ecken und Kanten, aber ergreifend. Junge – Weg – cremefarbener Trabant – regloser Kinderkörper in Blutlache. Erich, wie er mich anstarrte – Krankheiten lauern unauffällig, bis ihre Stunde schlägt. Der leichte Ekel, wenn man in einer fremden Wohnung in etwas Feuchtes greift. Kuss, der nach Bier schmeckt. Kessel Buntes – dem Wessi was von der reichhaltigen DDR-Kultur zeigen. Dann Hape Kerkeling und Loriot. Schnittwunden auf glattrasiertem Schädel. Logopädische Behandlung. Als Kind brüllte er eine Wand an. Der Bettnässer, der Stotterer, der Schwule, vom Funktionärsvater verachtet. Am Ende das gelb verfärbte Weiß der Augen. Selbst jetzt, da ich nur meine Notiz-Fetzen abschreibe, empfinde ich die Kraft des Textes.

Als siebente las Gabi Petrich eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2050. Kein gutes Wetter. Seit dem 1.1.2033 gibt es nur noch ein Jahresendfest, der Kühlschrank sucht selber aus, was er bestellen will (ob wir noch selber essen müssen, hat sie nicht erwähnt) – da tauscht er schon mal Fleisch gegen Sojafrikadellen aus. Jede Aktion lädt Akkus auf. Wahrscheinlich selbst das Schreiben dieses Textes. Für einen Tee muss man 30 Minuten auf einem Ergometer strampeln. Ich fühlte mich an solche Zukunftsnaivitäten aus den Siebzigern erinnert. Das Internet und das Smartphone hatten sie damals nicht auf dem Schirm – und für alle, die es erleben werden: mal sehen, was die Autorin nicht auf dem Schirm hatte.

Der letzte Lesende des Abends war David. Sein Text hieß In anderen Umständen. Es ging wieder um einen Mann, der sich fremd fühlt in dieser Welt. Weihnachtseinkäufe, weicher Boden – er versackt buchstäblich, steckt bis zum Hals im Modder, schaut den Leuten von Ferne zu, wie sie ihre Einkaufswagen holen und wieder zurückbringen. Wann hatte er das je so intensiv getan. Die Frau des Mannes heißt Hertha, das fand ich komisch. Er sollte Blumen fürs Grab der Mutter mitbringen. Ein Rabe hüpft auf ihn zu, ich denke schon an Game of thrones, wo die Krähen immer die Augäpfel rauspicken – der hier findet Gott sei Dank einen Regenwurm. Hoffnung keimt auf, als sein Handy klingelt, aber es steckt in der Arschtasche … Hast du etwas Zeit für mich …, aber er kommt da nicht ran. Liebe … Beischlaf … Einkaufen mit dem Zettel in der Fresse – das ist der Gesamtzusammenhang, den der Autor herstellt. Bald würde sich die to-do-Liste in ein Aquarell verwandelt haben.

Mit diesem schönen Satz schließt dieses „Protokoll“. Bis zum nächsten Mal. Euer

3 Kommentare zu “Berliner Ironie verwandelt das Herz in einen angeschwemmten toten Fisch

  1. Georg hatte mir geschrieben, er werden den Beitrag löschen, sobald ich bestätige, dass ich tatsächlich „Silke aus Eberswalde bin“. Hält man bei euch nicht sein Wort??

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  2. Silke hat sich gegen meine „unqualifizierte Beurteilung“ ihres Textes gewendet und verlangt, dass ich den Passus entferne. Nach einigen Diskussionen haben wir uns (die Betreiber der Website) entschlossen, das nicht zu tun, obwohl ich es versprochen habe. Der Bericht über die Lesebühne erhebt nicht den Anspruch, eine qualifizierte Beurteilung von Texten abzugeben. Dann würde das ganz anders langgehen. Die Zusammenfassung ist eine mehr oder weniger launige Erinnerung an das, was gewesen ist, aus der subjektiven Sicht dessen, der sie verfasst. Nicht mehr und nicht weniger.

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