November: eight points, novembre: huit points

Wie schade, Leovinus hatte sein Gedicht vergessen – besser gesagt, das Blatt Papier mit dem Gedicht, an das Gedicht konnte er sich noch halbwegs erinnern, weshalb wir trotzdem in den Genuss seiner Jahrestageserklärung und besagten Gedicht-Fragments kamen. Der Friede von Stargard (oder die Schlacht? oder ein anderer Ort in Mecklenburg? MEIN Gedächtnis ist jedenfalls dahin …) jährte sich zum soundsovielhundertsten Mal an diesem Montag. (Das Gedicht kann, nein, muss mittlerweile jeder auf unserer Facebookseite nachlesen.) Und schon ging’s los mit dem November-Themenbeauftragten!

 

„Vorhang“ war Wolfgang Webers Thema, und ein bisschen sah er auch aus wie ein wandelnder offener Bühnen-Vorhang mit seiner offenen roten Strickweste. Seine Assoziationsketten schlangen sich diesmal vornehmlich um das Theater: Vorhang-Rekorde (89, Wiener Staatsoper), Vorhang-Verschollene, die abgemagert nach Tagen dahinter aufgefunden werden (Legende), Shakespeare in 15 Minuten, alle Königsdramen am Stück, sämtliche Shakespeare-Stücke am Stück, in ein paar Minuten/Stunden, alle Sonette am Stück auf vielen Bühnen weltweit. Angesprochen auf seine Auswahl: „Das, was ich ausgesucht habe, passt besser zueinander als das, was ich weggelassen habe.“

Wolfgang Nr. 2 folgte sogleich (Eubel) und trug seine satirischen Betrachtungen zum Weihnachtsfest/-brauch/-datum vor, verglich die Situation des besetzten Palästina im Jahr Null mit der besetzter Länder/Völker anderer Zeiten, die Zuschreibung der Jungfrauenempfängnis zu Maria einem Übersetzungsfehler, den andere Frauen, die sich mit Besatzern eingelassen haben, nicht für sich in Anspruch nehmen konnten/können und andere überraschend hergestellte Verbindungen. Diese trafen auf ein ausgesprochen geteiltes Echo im Publikum. Dass ich selbst ungewohnt scharf mit Text und Vortrag ins Gericht ging, hatte gute Gründe, aber auch manche/n vielleicht überrascht. Eine ehrliche Meinung darf bei SNN sehr euphorisch wie auch scharf kritisch geäußert werden, solange sie nicht persönlich verletzend und/oder abseits des Gegenstandes formuliert wird.

„Eine Rekrutierung“ ließ uns dann Frank Georg Schlosser miterleben, und zwar aus der Perspektive des Rekrutierers. Der rekrutierte, wie sich langsam herauskristallisierte, einfach irgendwelche Auffälligen im Alltag, Leute, die wütend sind und nicht klar kommen damit. Er spricht sie an, verwickelt sie vielleicht in eine Auseinandersetzung, in diesem Fall landen beide in einem Café, dort, wo der Rekrutierer sein Opfer haben will. Etwas Diabolisches hat er, dieser Rekrutierer, behauptet, viele Tausend rekrutiert zu haben für etwas, was noch kommt. Ein Text, der zur Prüfung und Vertiefung eines bereits geschriebenen anderen Textes diente und doch neugierig macht.

Catri, Catriona Fadke, debütierte gleich doppelt, und das auch noch mit Erkältungs-Handicap: Zum ersten Mal überhaupt las sie eigene Texte vor Publikum, und zum ersten Mal natürlich bei SNN. Es waren Miniaturen über Alltagssituationen, Mitzwanziger, die ihr Leben leben und genießen wollen, auch wenn es sich nicht so entwickelt, wie sie (und wir) es vielleicht erwarten oder sich wünschen. Poetische Vergößerung könnte man das Prinzip ihrer Miniaturen auch nennen, wo das Warten an der Ampel zum Lebensstil, die Freundschaft im Wirbel des Jungseins festzuhalten versucht wird, Film-Bohemiens auf dem Fahrrad nach Hause fahren und vielleicht nicht mal wissen: „Sie werden nie wieder so sehr Mitte Zwanzig sein“.

Cati war es auch, die sich mutig als Themenbeauftragte des Januar meldete, und mutig (und riskant) überließ sie es dem Publikum auszuwählen, welches Thema sie dazu bekommt – „Physalis und Eiskristall“ wollte es nämlich NICHT, das zweite Los musste es nun sein, und das lautete: „Kotzbeutel“. Good luck, Cati!

Matthias Rische folgte einer von der Sommerhitze gestressten Laborantin auf den Heimweg in die Trambahn, die vor der Schule des Laborantinnensohns Roa nicht mehr weiterkommt, weil dieser den Verkehr blockiert, indem er mit einer Pistole vor den angststarren Mitschülern und Lehrern fuchtelt – mitten auf der Straße. Die Mutter versucht den eigenen Schock zu überwinden und zum Sohn durchzudringen, doch vor ihr dringt ein Polizeigeschoss zum Sohn durch. Effektvoll bis effekthascherisch fanden das die Zuhörer und beides bestätigte Matthias umgehend. Ein paar Haken sahen manche in der Logik des Erzählens, die durch die Dramatik zwar überdeckt, aber nicht gelöst wurden.

Gabi Petrich kündigte einen Text zur Unterhaltung an und: lieferte. Aus der Perspektive der Rückschau eines Schuhes (!), genauer High-Heels und seines Gegenstücks, in einem Altkleidercontainer entfaltete sich nicht nur ein ganzes Schuh-Leben, sondern auch ein großer Teil des Trägerinnen-Lebens, von der Partyzeit über die Beziehung und Heirat zur Schwangerschaft und Familienzeit, bis die edlen Schuhe nur noch vom Nachwuchs zum Spielen aus dem Schrank geholt werden. Gefolgt von einem zweiten Leben im Second Hand. Das war stilsicher und wie angekündigt unterhaltsam – ein „Toy Story“ mit Schuhen, wie jemand treffend sagte.

SNN-Debüt Nummer 2 und nicht mal das letzte dieses Abends (!): Thon. Seinen Kurztrip von Bruchsal zu Berliner Lesebühnen nutzte der erfahrene Lesebühnenmatador, um auch bei SNN vorbeizuschauen – danke für die Ehre! „Sex ist Opfer, ey!“ drehte sich um die drei wichtigsten Nebensachen der Welt: 1. Handy, 2. WLAN, 3. Sex. Er erzählte von nicht enden wollenden Hindernissen im modernen Leben, die entweder von einem (oder mehereren) der Nebensachen her rühren oder sich auf diese auswirken. Die eigene Unfähigkeit, mit einer und oder allen dieser Nebensachen klarzukommen, spielt allerdings eine nicht unwesentliche Rolle dabei und sorgt dafür, dass man – Text 2: „Date mit Kaffee“ – Kaffe bekommt, wenn man Sex will oder umgekehrt.

Das Leser*innenpensum von 8 füllte SNN-Debütant Nummer drei (!): Maik Fagin. Sein dahineilender bis -taumelnder Text begann mit der unfreiwilligen Begegnung des Erzählers mit einem Pitbull in der Hauseinfahrt („Nachbarschaftsbestie“), um sehr schnell und hart auf dem Steinboden des Alexanderplatzes aufzuschlagen, wo der Erzähler nach einem Schwächeanfall (liegt es an den schlechten Augen? der schlechten Brille?) und heftigem Erbrechen über die eigene Kleidung von Herrn Fielmann höchstpersönlich aufgelesen, vollgequatscht und in die nahe Filiale geschleift wird. Das war kurios, krass, etwas durcheinander und nicht gerade stringent erzählt – „eigentlich zwei Geschichten“ sagten mehrere, aber auch interessant und von ehrlicher Härte.

Dieses prallvolle Leseerlebnis konnten nun alle mitnehmen, und es wird sicher helfen, die Wartezeit bis zur Dezember-Lesebühne zu überbrücken. Am 23. 12. um 19.30 Uhr erwarten uns und euch neue Überraschungen und Frank Georg Schlosser als Themenbeauftragter mit einem Text zum Zuschauerthema „Kirsch“.

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