Netto-Service-Center

Der 22. Juli 1711 war der Geburtstag von Georg Wilhelm Richmann, der zu Blitzableitern forschte und deshalb von einem Blitz getötet wurde. Er starb, damit wir heute entspannt auf unseren Balkonen den häufiger werdenden Unwettern zusehen und uns wohlig gruseln können.

308 Jahre später findet die 135. Lesebühne SoNochNie! im Zimmer 16 in Pankow statt. Diesen Zusammenhang stellte der Moderator des Abends, bewährt und lecker, unser Leovinus her. Bevor er selbst zur Tat schritt und sich als Themenbeauftragter auf den gefährlichen Stuhl setzte (dazu später mehr).

Sein Thema lautete „Wundheilung“, und die Moral von der Geschicht war, dass jeder Penner dein Wundheiler sein kann. Man muss ihm nur eine Chance geben. Wenn er, wie im vorliegenden Fall aus dem Ostblock stammend, nach der Wende vom System ausgespuckt, früher mal ein erfolgreicher Wissenschaftler war, der statt einer Wunderwaffe (Giftgas), wie eigentlich sein Auftrag lautete, eine Wundermedizin erfand, die jedes Wehwehchen im Handumdrehen heilt. Die Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit, zumindest was die Begegnung mit dem Penner betrifft. Mein Lieblingssatz war: alles streng geheim, schließlich könnte man jeden verwundeten Soldaten heilen, wenn das in die Hände des Feindes fällt! Der Penner suchte nach einem Netto-Servicecenter. Kennen Netto? Netto-Servicecenter? Es stellte sich heraus, dass Netto ein früherer Kollege des Penners war, der die Restbestände der Wundermedizin mitgehen lassen hatte, und der ihn nun heilen sollte. Was er am Ende (gut, alles gut) auch tat.

Nach Leovinus führte uns Ute Danielzick in die Welt der albanischen Märchen ein. „Märchen aus Omas Truhe“ heißt die Sammlung, die sie damit bewarb. „Das magische Becherlein“ brachte sie zu Gehör. Ein Junge, der mit fünf Franken böse Jungs davon abbrachte, Tiere zu quälen, diese stattdessen mit nach Hause nahm, eine Katze, einen Hund und eine Schlange. Zur Belohnung geriet er an ein magisches Becherlein, das er unter der Zunge halten musste oder so, jedenfalls hatte er dann immer genug Gold. Das Becherlein wurde ihm gestohlen, mithilfe der Tiere findet er es wieder, muss zum König, der ihn um seine Paläste beneidet. Die Königstochter wird schwanger, der König schmeißt sie in einer Truhe in den Fluss, in der Truhe (das hat mich sehr beeindruckt) gebärt sie das Kind, der König lädt den erwachsen gewordenen Jungen und die Tochter doch wieder ein, der Hauptheld verpasst ihm mit einem glühenden Hufeisen einen Denkzettel. An Wendepunkten hat es der Geschichte nicht gemangelt. Is aber allet noch ma jod jejange, wie der Albaner sagt.

Anschließend las Wolfgang Weber einen Text von 2013 „Feiertaxi oder Wasser trinken in Pankow“ – es ging um ein Festival im Bürgerpark, das heißt Fayatak oder hieß so und gehörte zu dem schon eingeführten Festival Rakatak. Jedenfalls durfte Wolfgang seine Wasserflasche nicht mit aufs Gelände nehmen. Oder ist sie doch noch mitgekommen? Habe mir notiert: Meine Wasserflasche ist doch noch mit aufs Gelände gekommen, wahrscheinlich hat er sie geschmuggelt. Jemand sollte drei Wasserflaschen in sieben Minuten leeren und gleichzeitig einen Text lesen, hat aber nur zweieinhalb Liter geschafft. Wolfgang machte sich Gedanken um den Einfluss der störenden Musik auf den Leserhythmus. Beim Rausgehen war der Wachposten, der ihm seine Wasserflasche nicht durchgehen lassen wollte, nicht mehr da. In der Diskussion wurde gewarnt, dass beim Karneval der Kulturen auch keine Wasserflasche mehr zulässig wären.

Dann gab es die Pause und der Themenbeauftragte für den Monat September wurde gekürt. Ich hatte wieder mal Lust und habe das Thema „Spätsommer-Sehnsucht“ gezogen. Eine Geschichte ist mir schon begegnet. Mitten im heißesten Berlin. Aber was im Juli passiert, kann für den Spätsommer erzählt werden. Da sollte ein Autor frei sein.

Es las nach der Pause Ulrike Günt(h?)er eine Geschichte über Rebecca oder Rebekka, deren Ex-Mann zur Kindstaufe lud. Clown oder Seiltänzerin, das war hier die Frage, was sollte es als Taufgeschenk sein? Jens, der Verkäufer diskutiert mit der Protagonistin, ist aber eigentlich von der Frau genervt, die sich Gedanken darüber macht, warum es die Männer sind, für die es einen zweiten oder sogar auch einen dritten Frühling gibt. Wird es ein Junge, soll es der Clown sein, bei einem Mädchen die Seiltänzerin. Für Informationen diesbezüglich (als Ex erfährt sie ja nichts mehr, nicht mal von ihren Kindern) steht Doa, die Putzfrau, zur Verfügung, die für beide Haushalte zuständig ist und die gerne schwatzt und sich durch Berge von Blusen dabei bügelt. Rebekka denkt an ihre Kindheit, dass für ihren Traum, Ballettunterricht zu nehmen, kein Geld da war, nur für ein Karnevalskostüm hat es gereicht, ein Tutu, das ihre Mutter irgendwann einfach wegwarf. Sie erinnert sich an Pfefferminzküsse – jetzt sind es Ralfs Erdnussküsse. Es wird immer melancholischer, bis Doa am Ende die Puppe im Haus des Exmannes und seiner neuen Frau platziert und der Leser erfährt, dass die Seiltänzerin eine Spionin ist, die statt eines Glasauges nun eine Kamera hat. Zurück im kleinsten Kreis der Familie. Happy end geht anders, finde ich, aber das war wohl auch nicht beabsichtigt.

Dann durfte ich selbst lesen, but the freaking furniture attacked me und Leovinus reichte mir ein Tempo, womit ich meine rasant wachsende Blutblase unter Kontrolle halten und kühlen konnte, danke, Leo. Ich las eine Sage, ein Märchen, die/das ich für meinen Roman erfunden habe, um den phantastischen Geistergeschichten einen weit in die Vergangenheit reichenden Bezug zu verschaffen. Die Geschichte handelte von Hagir, dem Schrecklichen, der sich eine Armee aus von Geistern besessenen Krüppeln und Aussätzigen schafft, die sich alle an ihren Verderbern rächen bis sie zurück in den Geistersee müssen. Die Geschichte wurde sehr freundlich aufgenommen. Kritisch wurde angemerkt, dass ich in der Sprache nicht konsequent wäre, weil es mal nach altem Deutsch und mal nach neuem Deutsch klingt. Da werde ich nochmal rangehen und hoffentlich mit (m)einem Lektor eines Tages diskutieren.

Schlussendlich erfreute uns der Matthias Rische mit einer Geschichte über „Zwei Blatt Papier“. Es handelt sich um eine Lehrerin, Frau Herrschel, die wegzieht und Abschied nimmt von einer Klasse, die sie fünf Jahre lang unterrichtet hat und besonders von Ramon, von dem sie zwei Blätter Gedichte in die Hand bekommen hat. Freiheit, konterkariert von Schwertern in den Himmel. Ramon ist ärgerlich, sie hat nicht das Recht, diese Gedichte zu lesen. Sie fragt sich, was sie von ihm weiß. Er schimpft, dass sie nun die Wörter befreit hat. Sie sind persönlich, gingen niemanden etwas an. Schreiben wäre schließlich wie Splitter aus einem Körper ziehen – Körperverletzung an dir selbst – Wunden in Narben verwandeln. An der Stelle, fand ich, schloss sich thematisch der Kreis des Abends. Sie darf ihn nicht berühren, aber sie sagt ihm, dass sie erkennen kann, ob der Schreibende sich zeigt. Am Schluss berührt er sie, weil sie es nicht durfte. Eine sehr berührende Geschichte. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob eine solche Geschichte auch mit umgekehrter Geschlechterverteilung (Herr Herrschel und Ramona) hätte geschrieben werden können. Ich finde, das wäre für den Autor doch eine schöne Herausforderung. Vorzutragen auf der 136. Lesebühne am 26. August. 😉

Oder es könnte für den 23. September ein schöner Sidekick für die Spätsommer-Sehnsucht werden. Nun. #meetoo… immer schön vorsichtig sein. Nabokov ist nicht mehr. Heute ist Houellebeqc. Euer

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