Wenn ich dich nicht sehen will, komm zu mir!

Es ist sooooooo heiß … Dies wird evtl. ein kurzer Bericht über unsere Juni-Lesebühne –  Verzeihung.

Die Urlaubszeit war schuld, dass unsere Personaldecke dünner war als gewöhnlich, Angela und ich schmissen den SNN-Part (Moderation (Angela), Fotos (Angela, Anna, ich), Notizen für dies hier (ich)) zu zweit, das Team des Zimmer 16 war dagegen vollzählig, wir bedanken uns daher noch mehr als sonst für ihre Gastfreundschaft und Hilfe. Das Wichtigste aber war und bleibt: den Texten lauschen und sie diskutieren, Und davon gab’s reichlich – unsere 8 Listenplätze waren übererfüllt, der neunte Gelistete war irgendwann einfach nicht mehr da, so kamen alle anwesenden Lesewilligen dran. Und es gab dennoch drei Debüts!

Themenbeauftragter first! Wie immer. Diesmal war allerdingt ich selbst wieder derjenige welcher. „ZIGARRETE“ war das vor zwei Monaten geloste Thema. Mich regte das Wort bzw. seine Schreibweise zu einem Essay über das Denken in Worten an, das, so die These, vermutlich beim Menschen die einzige uns mögliche Art ist, einen Gedanken zu fassen, seit wir Worte und Sprache haben. Über den Text selbst konnte wohl wenig diskutiert werden, umso mehr um den Inhalt, und das machte das Publikum dann auch lebhaft – trotz der schon am Montagabend hohen Temperaturen. Merci!

SNN-Debüt Nr. 1: Micaela Daschek führte die Zuhörer*innen ins eisig kalte (DANKE!) Sankt Petersburg der frühen, chaotischen neunziger Jahre und bis zum Finale ihrer Geschichte hinters Licht. Denn wo wir dachten, eine Frau, Tonja, wartet auf ihren Gatten bzw. auf den Trolley-Bus, der sie zum Flughafen bringen soll, wo sie sich von ihm, Sergej, verabschieden will, bevor er nach Tel Aviv fliegt, hält Micaela in entscheidendes Detail so geschickt verborgen, das alles anders sein lässt, als  wir dachten. Als die Frau spät am Airport ankommt, wartet auf uns – nicht auf sie – eine traurige Überraschung.

Wolfgang Webers Texte zeihnen sich meistens sowieso durch eine gewisse Skurrilität aus (nicht nur!), aber diesmal besonders, weil „Alles Rhythmus“ schon einmal hier zu hören war und vom Besuch einer (anderen) Lesebühne berichtet. Das war wie Dr. Who begegnet sich selbst, wie er sich selbst begegnet, als er sich selbst begegnet … (Nicht wirklich nach unserem Motto „So Noch Nie!)

Irreal wurde es auch bei Matthias Rische, der in seiner Geschichte erzählte, wie ein Dreizehnjähriger unter „Retardin“ in seine neue Schulklasse kommt und, weil seine Psychologen-Eltern es besonders gut mit ihm meinen, die Pillen überdosieren und er munter halluziniert. Das führt zu erstaunlichen Wahrnehmungen seinerseits und seinem Sprung aus dem Fenster, welcher ihn ins Krankenhaus befördert. Die Eltern wiederum streiten alle Drogengaben ab und sind stolz auf sich.

Die zweite Hälfte des Abends eröfnete wieder traditionell die Themenbeauftragten-Wahl. Am 26. August dürfen wir uns demnach auf eine Auftrags-Geschichte zum Thema „Wurfgewicht“ von Petra Lohan freuen!

Barbara Schwittmann präsentierte drei Prosa-Miniaturen: „Selfie mit einer Nymphe“ beschrieb eine bunte Szene im Rosengarten des Humboldthain, „Küsse in der Tram“ in jugendliches Paar in der Straßenbahn, „Das Mädchen und der Hund“ eine junge Frau in auffälliger Kleidung mit „elegantem“ Hund. Prägnant und mit Blick für das wichtige Detail. Mein Lieblingssatz: „Er küsste sie  laut.“

SNN-Debüt Nr. 2: Mit Bernd Daschek – der nicht zum ersten Mal bei uns las – wurde aber nun das erste Ehepaar an einem Abend komplett. Das unaufgeregte multikulti-(West)-Berlin der 80er Jahre war sein Thema, und wie die „ethnische Vielfalt“ der Mauerstadt einer vermeintlich toleranten Landpflanze aus dem Westen doch ganz schön die Muffe gehen lässt – bis sie in einem politisch und genealogisch heillos ungeordneten Dönerladen eines Besseren belehrt wird.

SNN-Debüt Nr. 3: Arved Wolff. Der Lyrik-Part des Abends. Manche waren sich nicht so sicher, ob das Lyrik war, aber es war Lyrik. Drei Gedichte stellte er vor: „Frankfurter Bergpredigt“ als Sammlung mannigfaltiger Hoffnungen auf ein „Dereinst in einem fernen Land“ und auf ein geneigtes Urteil des/der Adressaten zum eigenen Schreiben. „Du weinst“ über die Konfrontation mit einer ausweglosen Diagnose deim „Du“, das sich und dem „Ich“ aber mit einem trotzig-mutigen „Leck mich“ weiterhilft. „Gleichgewicht“ über den labilen Zustand zwischen hartem Beton und Treibsand unter den Füßen: „Wenn ich dich nicht sehen will, (…) dann, bitte, komm zu mir!“ Wir wollen Arved ganz bestimmt wieder bei SNN sehen.

David Lode öffnete uns die Pforten zum „Paradies“, einem Garten hinterm Haus der Häuserzeile, in dem Hag sitzt, Pensionär und darauf wartend, dass sich endlich das paradiesische Gefühl einstelle, für das er diesen Garten, dieses Haus und sein Leben gebaut hat. Was sich stattdessen einstellt, sind imaginierte Kinder, die darin spielen, weil keine realen da sind, und Streit mit Nachbarn. Wenigstens fragt ihn „Simone“ aus dem Haus heraus „Alles gut?“. „Hoffnungsvoll ins Dunkel blicken“ ist wohl alles, was Hag in diesem Garten blüht.

Eine prallvolle, vielseitige, interessante Lesebühne ging damit zuende, die nächste erwartet uns und Euch am 22. Juli im Zimmer 16. Und jetzt: kaltes Wasser!!!

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