Der Aufbruch

Kurzgeschichte von Barbara Schwittmann, SNN-Themenbeauftragte im Monat Februar 2019

Sie saßen am Frühstückstisch. Er las die Tageszeitung und sie rührte in ihrem Kaffee. Wie schrecklich war diese Stille. Sie räusperte sich.

„Is was?“, fragte er hinter seiner Zeitung. Sie antwortete nicht.

Sie hasste dieses „Is was?“. Es klang so vulgär und rüpelhaft – schlechtes Deutsch. Wenn er wenigstens „ist etwas?“ sagte, aber da war er doch zu bequem, so wie in vielen Dingen. Aber es klang auch nicht besonders – so gestelzt.

Warum fragte er überhaupt? Hatte er ein schlechtes Gewissen? Immerhin saßen sie gemeinsam am Frühstückstisch. Es wäre möglich, sich zu unterhalten. Vielleicht über Politik oder über das Wetter? Oder über den Jüngsten, der schon wieder eine Ehe in den Sand gesetzt hatte. Oder über die Enkelkinder? Sie unterhielten sich schon lange nicht mehr. Nicht beim Frühstück und auch sonst nicht.

Er hing hinter der Zeitung, als müsse er sich vor etwas schützen. Spürte er ihre Gedanken? Ihre schweigenden Vorwürfe? Sie sah nur seine rechte Hand. Er hielt die Zeitung mit dem Daumen, dem Zeigefinger und dem Mittelfinger. Das sah so zimperlich aus. Die zwei anderen Finger spreizte er ab. Er hatte lange Finger und gut gepflegte Nägel. Sonst war es mit seiner Pflege nicht so weit her. Aber das war ihr egal.

Er gefiel ihr nicht mehr. Früher war er schlanker und sportlicher. Er war nicht so kahl auf dem Kopf wie jetzt. Aber das wäre nicht so schlimm, wenn er freundlicher wäre. Ein netter Blick, der sie wahrnahm, mit ihren Wünschen und Interessen. Aber sie gefiel ihm vermutlich auch nicht mehr. Schon deshalb zeigte er kein Verlangen nach einem Gespräch, einer Umarmung.

Sie rührte in ihrer Kaffeetasse, obwohl die Milch längst gut verteilt war.

Ihre Blicke wanderten durch die Küche. Sie frühstückten immer hier, an dem großen Tisch. Früher saßen sie über Eck. Aber seit einiger Zeit saß er oben und sie, weit entfernt, am unteren Ende.

Sie kannte jede Ecke, jeden Fleck, jede Ritze in dieser Küche. Hier könnte sie blind kochen, putzen und abwaschen.

Ihre Blicke glitten an den Kacheln mit den blauen Fischchen vorbei und blieb an dem großen Kühlschrank hängen. Der musste mal wieder mit Essigwasser ausgewaschen werden. Auf der Kühlschranktür hingen Kinderbilder, kraklig und unbeholfen. Ein Haus und eine Familie, nicht ganz vollständig. Was das wohl bedeutete?

An der Küchentür waren Buchstaben aufgeklebt. Das waren die ersten Leseversuche ihrer Enkelkinder. Wie sie sich gefreut hatte, als die kleine Emma das große F erkannte.

In dieser Küche kochte sie seit dreißig Jahren. Sie hätte gern eine neue gehabt. Aber er war dagegen. „Sie tuts doch noch“, war der Satz, den sie immer wieder hörte. Auch als sie um eine Spülmaschine bat, war seine Reaktion: „ Für zwei Personen eine Spülmaschine? Das ist Energieverschwendung. Wozu hat man zwei gesunde Hände.“

Er meinte natürlich ihre Hände.

„Aber wenn Gäste kommen. Dann wäre es doch praktisch.“

„Gäste, welche Gäste? Noch nicht mal die Kinder kommen.“

„Weil du sie mit deiner Besserwisserei vergrault hast.“ Das sagte sie besser nicht laut.

Und ein Wäschetrockner?

„Du kannst die Wäsche doch auf den Balkon hängen.“

„Unterhosen gehören nicht an die Öffentlichkeit, auch deine nicht“, wagte sie zu sagen.

„Dann hänge sie irgendwo hin. Du wirst schon eine Lösung finden.“

Immer musste sie Lösungen finden. Dazu hatte sie keine Lust mehr. Sie rührte in ihrem Kaffee und träumte.

In ihrem eigenen Bad würde ein Wäschetrockner stehen und in ihrer kleinen Küche eine Spülmaschine.

Hier würde sie sich feine Gemüseessen bereiten, nicht immer Fleisch. Auf dem kleinen Balkon würde sie Kräuter haben, von allen Sorten. In die Kästen kämen keine stinkigen Geranien, sondern zarte Petunien, Stiefmütterchen oder Buschröschen. Eine Tomate mit kleinen Früchten und winzigen Paprika würde sie pflanzen.

Sie träumte von einem Wohnzimmer mit eigenen Möbeln und einer Schlafcouch für Gäste, die sie wollte und in das Schlafzimmer käme ein großes französisches Bett.

Für einen Moment wich die drückende Unzufriedenheit, mit der sie schon lange kämpfte. Sie wollte sich jeden Morgen auf den Tag freuen dürfen, das Wetter begrüßen, ob Sonne oder Regen. Sie wollte laufen und das Grüne der Welt umarmen.

Der Gedanke an eine eigene Freiheit machte sie ganz kribblig. Sie fuhr sich durch die kurzen grauen Haare und trommelte mit den Fingern auf den Tisch.

„Was is?“ Er sah wieder über den Rand der Zeitung.

„Nichts, nichts, ich denke nur nach.“

Er schüttelte seinen kurzgeschorenen Kopf und widmete sich wieder der Zeitung.

Sie könnte ins Kino, ins Theater gehen, ohne zu fragen oder ohne seine Kommentare zu ihren Plänen anhören zu müssen.

„Was willst du denn mit Brecht? Willst du dir wieder den Schniedelwutz von Herrn Eidinger ansehen? Du hast es wohl nötig.“

Sie träumte. Aber etwas störte sie plötzlich.

„Hallo, Schlafmütze. Es hat geklingelt“, hörte sie, noch ganz versunken.

Langsam tauchte sie aus ihrem Tagtraum auf.

„Mach auf, es hat geklingelt. Es wird die Post sein.“

Was wollte er von ihr?

Da überkam sie ein Gefühl, wie sie es nie verspürt hatte. Es schlich sich über ihren Rücken bis zu ihrem Kopf. Hier explodierte es.

„Verflucht noch mal, dann mach du doch auf. Kannst du nicht laufen?“

Sprachlos sah er sie an. Er schmiss die Zeitung auf die Butter und ging zur Haustür. Dann verschwand er in seinem Zimmer.

Sie holte tief Luft.

„Jetzt!“, flüsterte sie, nahm die Zeitung von der Butter, legte sie auf seinen Stuhl und verließ mit schnellen Schritten die Küche.

Im Schlafzimmer wechselte sie hastig ihre Kleidung. Sie hatte wie immer im Morgenrock gefrühstückt. Dann zog sie einen großen Koffer unter ihrem Bett hervor. Leise öffnete sie die Schlafzimmertür und rollte den Koffer vorsichtig den langen Flur entlang. Aber er hörte es.

„Is was? Hast du dich wieder beruhigt?“, tönte es aus seinem Arbeitszimmer. Er öffnete die Tür.

„Ja, es ist etwas“, sie zögerte, „ich gehe.“

„Wieso das denn?“

„Du hörst von mir“, sie zog ihren Koffer durch die Wohnungstür und sah nicht mehr zurück.

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