Reife Liebe

An diesem vierten Februar-Montagabend im Zimmer 16 gab es bemerkenswerte Beginner-Zahlen: 1 Themenbeauftragten-Debütantin, 1 Moderations-Debütantin, 2 komplette SNN-Frischlinge, 1 Prosa-Beginnerin, außerdem wieder weit mehr als 8 Lesewillige im Lostopf und: volle, volle Stuhlreihen im Zuschauerraum. Und um es vorwegzunehmen: Vergesst die Zahlen, lauscht den Worten – es gab wieder vielfältigste Wortkunst zu vernehmen und ebenso engagierte Wortmeldungen.

Barbara Schwittmann hatte sich im November mutig zur Themenbeauftragten küren lassen und „Der Aufbruch“ als Thema gelost, „ein hartes Wort“, wie sie sagt. In ihrer charakteristischen schlanken, äußerst genauen Sprache beschrieb sie die letzten Minuten einer jahrzehntelangen Ehe, die eigentlich nicht anders verlaufen als beliebige andere Minuten zuvor – und was der Grund dafür ist, dass es der Protagonistin endgültig reicht. Sie vollzieht, hart und für ihren Gatten vollkommen überraschend, ihren Aufbruch in ein neues, selbstbestimmtes, eigenes Leben. Ihre hochverdiente Themenbeauftragten-Urkunde händigte ihr unsere erstmalige Moderatorin Angela Bernhardt mit großer Freude aus.

Marcel Kröhner liebt es noch kürzer als für gewöhnlich Barbara – er schreibt gedankentiefe, aber meist humorvolle Lyrik: „Rabenliebe“, in der man nicht zwischen symbiotischen Vogel- und Menschenbeziehungen unterscheiden kann, „Da komm ich her“, Preisung einer himmlischen Liebe, „Blaues Wunder“, wo Liebe unterscheidungslos macht, „Reife Liebe“, ein Aufruf, die Äpfel der Lust zu genießen, solange sie noch kein Fallobst sind, „Bildnisse der Geliebten“, aufgebaut aus modifizierten FAZ (!)-Kopfzeilen, „Abendlied“, Portrait einer sehr körperlichen amour fou – „du fällst zu oft vom Küchentisch“.

Jana Franke, zum zweiten Mal bei SNN, präsentierte ein Märchen, in dem Obst ebenfalls eine Rolle spielte, nämlich als Objekt der Begierde eines nahe dem Garten lebenden Regenten, der sich gern den ganzen Garten unter den Nagel gerissen hätte und dafür auch nicht vor der Zerstörung der ganzen zugehörigen Ortschaft zurückschreckt. Der Garten aber gehört der Mondkönigin, was der Regent nie erfährt, auch nicht nach dem Verlust selbst der zweiten Armee, die er zum Garten schickt. Der Text schien mehr ein sprachlicher Versuch mit Märchenmotiven zu sein denn eine runde Erzählung, im Publikum ließ er Fragen aufkommen zu Erzählperspektiven und Deutungen – und der Blutrunst!

Stefan Franken beehrte uns wieder mit ausgefeilten, urkomischen Gedichten. Er schreckt nicht vor den absurdesten Erfindungen zurück, kennt sich im wahren Leben aber genauso aus, was (bei ihm und vermutlich nicht nur bei ihm) oft ein und dasselbe ist: Das „Ömchen“, das vom eilfertigen Passanten über die Straße und weg von ihrer Bushaltestelle getragen wird, weshalb sie den Bus auch verpasst, die Nacherzählung der Krösus-Geschichte und seiner gierigen Nachkommenschaft in boshaft-witzigen Reimen, der Liebessänger, der wegen Dunkelheit die Falsche verführt und fortan lieber tagsüber singt, die Exzesse Berliner Hipster-Gastronomie, riskanter Blumen-Philosophie und musikalischen Lurchen mit Alkoholproblem … ja, ich schwör!

Nach der Pause bekamen wir einen neuen Themenbeauftragten: Matthias Rische hob mutig die Hand und senkte sie sodann in den Lostopf der Zuschauerthemen: „Bei mir“ lehnte er ab, musste daher „Sommerzeitumstellung“ nehmen. Am 22. April erfahren wir, was ihm dazu eingefallen ist.

SNN-Debütant Bernd Daschek erzählte in seinem Text, der Teil eines zukünftigen Romans ist, vom wilden West-Berlin der 80er Jahre-Hausbesetzerszene: Häuserkampf und Kalter Krieg! Zwei alte Hausbestzer-Recken treffen sich zufällig wieder und Erinnerungen kommen auf an die frühen Achtziger, an die schöne Freundin, das Moped und die Prügeleien mit den Bullen, an Liebe, Blut und achtundsechziger-Ärzte im Urban. Warum sich beide Kämpfer für Verräter halten, beantwortete der Ausschnitt nicht – warten wir auf weitere Besuche Bernds bei SNN oder den Roman. Auch hier wurde über Erzählperspektive diskutiert, über die in diesem Fall unterschiedliche Wahrnehmungen existierten.

SNN-Debütantin No. 2: Gabi Petrich. „Ich beobachte gerne“, sagte sie eingangs ihrer Lesung von „Handyman und weitere Unwegsamkeiten“, doch ihr atemloser Bericht ließ erst gar keine Beschaulichkeiten aufkommen. Auto „sehr, sehr krank“, also BVG. Die U-Bahn ist voll. Sehr voll. Ungeheuer voll! Sardinenbüchsenvoll. Fahrräder im Kreuz, Kinderwägen wie Dampframmen, lautstarke Beziehungsverhandlungen am Handy („Du Opfer! Du Tod!“), an denen irgendwann der halbe Waggon lebhaft teilnimmt, es bilden sich Fraktionen pro ER und pro SIE, dazu kommen Bettelmusikanten mit elektrischen Boxen in die Bahn – wie aussteigen? Nichts geht mehr, wenn nicht alle gehen. Zum Glück gehen alle, inklusive der Freundin des Handymannes, der jetzt wieder solo ist. Sie schreibt sonst wissenschaftliche Texte, versucht sich nun in Prosa, sagte Gabi. Bitte weitermachen.

Wolfgang Eubel befasste sich mit der Frage aller Fragen: Was ist es? Wie immer gestisch-philosophisch, machte er „es“ aus in der Ursache des ewigen Konfliktes zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, besser, dem Mann und der Frau. Welche er in ihrem Hormonhaushalt lokalisiert, besser dem Testosteron und dem Östrogen, dem m und w jeweils ausgesetzt, ja ausgeliefert seien wie Drogenabhängige ihrer Droge oder Fische ihrem Wasser – „Zwangschemikalisierung“ wie bei Steinzeitmenschen, oder wie man sie sich vielleicht vorstellen mag. Das trug er wieder sehr lebhaft und mit kräftigen Sprachfarben vor. Unterhaltsam fanden es etliche, manche zu holzschnittartig dem Gedanken des Geschlechterkampfs anhängend.

Matthias Rische tauchte ein weiteres Mal in menschliche Abgründe ein – ein junger Mann, Sproß einer Akademikerfamilie, hat wohl gerade einen Nebenbuhler umgebracht – zumindest aber zusammengeschlagen, man weiß es nicht genau, aber es ist bei weitem nicht sein erster Gewaltausbruch gewesen. Genug Unheil jedenfalls, um sein persönliches Fass zum Überlaufen zu bringen – und ähnlich wie die Ehefrau zu Beginn des Abends entschließt er sich zu einem „Aufbruch“, Ausbruch, aber Total-Exit aus seinem unerträglichen Leben: Er legt sich in den Schnee vor seinem Elternhaus und schließt die Augen. Jemand im Publikum rief da am Ende: „Ich hab alles verstanden!“ Na bitte! Wir wünschen Matthias, der mehrere eigene Lesebühnen leitet, für das fünfjährige Jubiläum der Lesbühne Für_Wort am 28. Februar viele gut gelaunte Zuschauer!

Damit sind wir beim Thema: Die März-Lesebühne SoNochNie wird eine Sonder-Lesebühne, denn wir werden zehn Jahre alt. Bitte lest dazu die Beiträge und das Programm hier und auf unserer facebookseite, einfach alles, was noch bis zum 25. März dazu erscheint! Danke Angela für deine wunderbare Moderation des Abends und wir sehen uns hoffentlich alle wieder zur „Geburtstagsparty“ am 25. März im Zimmer 16.

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