Von wegen grau!

 

Der November kann diese Farbe traditionell für sich beanspruchen – die offene Lesebühne SoNochNie vom 26.11.2018 dagegen keineswegs. Leovinus, unser geschätzter Moderator, war leider verhindert, und so begann vertretungsweise Frank seine beherzte Moderation mit einer Überraschung: Steffen, der Themenbeauftragte des Monats, muss beim Fliegen Lernen entweder ins Straucheln gekommen oder weit übers Ziel hinaus geschossen sein, jedenfalls hat er uns versetzt. Dafür sprang – zweite Überraschung – Lucie ein, die Themenbeauftragte vom Juni, die uns ihrerzeit wegen einer Fußverletzung spontan abhanden gekommen war. Aber ich will nicht vorgreifen, den ersten Leseplatz am schlichten Holztisch besetzte nämlich Jane, die wiederum im Oktober infolge übermäßigen Autorenandrangs nicht mehr zum Zuge kam. So viel zum unterhaltsamen Bühnenreigen.

Jane also berichtete in ihrem Text „Der blinde Fleck“ von einem Autor, der sich an Thomas Mann misst und kein Wort aufs Papier bekommt, obwohl er unumstößlich weiß: „Ich muss schreiben!“ Nur um einen Schriftstellerkollegen zu beeindrucken, bringt er zum Jahresende dann doch ein Werk heraus, hinter dem er nicht steht, und hat sogar Erfolg damit. Als er stirbt, sagt man, er war ein schrecklicher Mensch. Die Diskussion entzündete sich an der Frage, warum Jane über so ein Arschloch geschrieben habe und ob ihr Text thematisch zu vollgestopft sei für eine Kurzgeschichte. Die einen sahen Ansatzpunkte zur Romantrilogie, die anderen plädierten für noch stärkere Verdichtung. Sprache und Vortrag des Textes fanden jedenfalls Anklang.

Dann bat Lucie das Publikum, die Augen zu schließen bevor sie – mehr assoziativ als analytisch – in eine veritable Feinstaubbelastung abtauchte. „Ich sehe nichts, höre nur das feine Rauschen der Stille …“, beginnt sie und fährt fort mit altem Dreck, der schwer lastet und einem Lichtstrahl, der an ihrer Fingerkuppe leckt, bevor erst sie im Text, dann auch wir im Publikum die Augen wieder öffnen. Der kurze, stimmungsvolle Vortrag hätte ein wenig kraftvoller und langsamer gesprochen noch stärker wirken können.

Marcel las Lyrik. In „Treibsand oder Alles ist gut“ (nach dem Film „Alles ist gut“) versucht eine Frau, sich nach einer Vergewaltigung nicht unterkriegen zu lassen. „Begegnung mit Sankt Dementia“ basiert auf einem realen Erlebnis des Autors mit seiner Tochter vor einem Seniorenheim. „Ich will nach Berlin, da, wo noch Weihnachten ist“, erklärt eine alte Dame melancholisch. Sein letztes Gedicht „Rabenliebe“ beruht auf Peter Wawerzineks gleichnamigem Roman und endet mit dem Satz des Erzählers an seine Mutter: „Ich bin dein Kind, ich dien‘ dir als Krücke, du brütest mich aus und lässt mich zurück.“ Die Lyrik kam an, nur über die Notwendigkeit der Vorgeschichte zum zweiten Text gingen die Meinungen auseinander.

Octavia hatte drei Kurzgeschichten dabei. Eine „Alte Frau am Fenster“ beobachtet eine junge Frau, die täglich am Meer auf den geheimnisvollen Geliebten wartet und enthüllt dessen Identität erst, als die junge Frau in weißem Kleid und mit Taucherbrille auf eine Delphinflosse zuschwimmt. „Die Prophezeiung“ erzählt von Tante Hermine, der ein früher Tod vorhergesagt wird, weshalb sie weder heiraten noch Kinder bekommen will. Doch zum Erstaunen der erst mitleidigen, später vorwurfsvollen Verwandtschaft sieht man sie selbst mit 84 Jahren noch auf einem Kamel in der Wüste. In „Fifty-fifty“ sorgt ein bärtiger junger Mann mit arabischen Zügen im Nahverkehr spätestens als sein Handy klingelt für latenten Generalverdacht. Doch nichts passiert. Mit ihren leisen, nachdenklichen Beobachtungen entließ uns Octavia fast in die Pause.

Zuvor meldete sich Barbara Schwittmann als Themenbeauftragte für den Monat Februar und wählte gleich das erste Losthema: Der Aufbruch.

Nach der Pause gab’s von mir, Angela, eine brandneue halbe Geschichte mit dem scheinbar eindeutigen Titel „G-Punkt“. Eine Frau, die gerade sämtliche Brücken hinter sich abbricht, wird von ihrer Vergangenheit in Gestalt eines älteren Mannes überraschend eingeholt und mit sanftem Nachdruck zur Änderung ihrer Pläne genötigt. Wer wissen will, wie es weitergeht, komme am 15. Dezember 2018 um 19 Uhr zur traditionellen ADVENTSLESUNG der KernautorInnen von SoNochNie unter dem Motto „ALTE BEKANNTE“ in den Jugendclub M24 in Berlin-Pankow (siehe Flyer in meiner Hand). Nur so viel sei noch gesagt: Es war wohl die längste und spekulativste Diskussion über einen halben Text in der Geschichte unserer Lesebühne.

Der unnachahmliche Wolfgang W. brachte uns mit seinem Text „Was ist eine Rhythmusmaschine?“ weniger zum Nachdenken als zum entspannten Mitschwingen und verwies in Sachen Antwort auf den amerikanischen Jazz-Saxophonisten Phil Woods, der die Rhythmusmaschine im Bandnamen trug, auf den Drummer Buddy Rich, mit dem Woods kurzzeitig spielte und auf Iggy Pop mit seinem Hit „The Passenger“ in einem neuen Werbespot der Deutschen Bahn.

Die dritte Überraschung des vielseitigen Abends gelang Richard, der seinen Vortrag gleich selbst mit Kamera und Mikro aufnahm, um ihn den Cohen-Brüdern nach Hollywood schicken zu können. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Tatsächlich gehörte seine alten Sagen entlehnte historisch-fantastische Geschichte um einen Kriegsheimkehrer, der in den Zwanziger Jahren die negative Masse von Basaltsplittern entdeckt und mittels ihrer Tragkraft und einer Fluggerätattrappe dem Streit mit seiner Frau in die Rhönberge entschwebt, vielleicht gerade wegen ihrer dokumentarischen Anmutung zu den schrägsten Beiträgen des Abends.

Den Abschluss bildete Wolfgang E. mit zwei Witzen aus dem semitischen Volksmund, die er zu erheiternden Geschichten ausgebaut und auf jeden Fall bühnenreif vorgetragen hat. In der ersten wird Gott seine Gesetzestafeln nach mehreren Fehlversuchen nur deshalb bei Moses los, weil sie nix kosten, im zweiten soll ausgerechnet „es Davidle“ mal was werden und hat‘s alles andere als leicht.

Beschwingt ging diese 128. SoNochNie-Lesebühne zu Ende. ACHTUNG: Der Dezembertermin fällt, weil auf den 24., leider aus. Wir sehen uns erst am 28. Januar 2019 wieder, wenn Wolfgang W. zu themenbeauftragten und garantiert rhythmischen Spekulationen ansetzt. Bis dahin kommt gut durch den Advent, die Festtage und ins neue Jahr!

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