Die Welt ist eine Erzählbar

Sagen wir einfach mal, die unscharfe Notierung des diesmaligen Beauftragtenthemas vor zwei Monaten lag am stetig wachsenden Zuschauer- und Teilnehmerstrom von SoNochNie: Statt des angekündigten „Die Erzählbarkeit der Welt“ hatte Octavia Wolle eigentlich den Zuschauervorschlag „Ist die Welt erzählbar?“ gelost – und hernach auftragsgemäß zu einem Text wachsen lassen. Und auch heute stapelten sich die Namen der Lesewilligen geradezu auf der Liste des Moderators, sodass wieder ausgelost werden musste. Menge also wie immer auf acht begrenzt, Vielseitigkeit der Texte dagegen MEGA.

Themenbeauftragte Octavia ließ uns in ihrer gedanklich glasklaren und zugleich humorvoll-warmen Sprache in Form eines erzählerischen Essays am Schöpfungsprozess ihres Textes teilnehmen – wie die Frage sie umtreibt, wie sie sie mit ihrer Tochter am Telefon wieder und wieder bekakelt: Ist die Welt erzählbar? Wie sie Wikipedia befragt, das moderne Orakel, wie die Philosophie, Kant, Klopse, Chatwyn, daraus hinauslaufen, mit der Frage vor einem Ozean zu stehen, den man nun mit einem Kochlöffel auslöffeln soll. Wo doch eigentlich alles ganz einfach ist, wie die Aborigines wissen: Die Welt wird erzählt, erzählenderweise erschaffen, genauer gesagt, in Gesängen, welche, wie wir seit Homer wissen, auch Erzählungen sind. Für die Erschaffung aus der Erzählung gibt es weitere Beispiele: „Erzähl mich doch nichts“ heißt, mach mir doch keine Erfindung weis, Erzähltes wird mitunter wirklich Welt. Das war ein erhellender Gedankenausflug.

Wie um genau diese Macht der Erzählung zu bekräftigen, zog Petra Lohan uns mit ihrem Text „Pinakothek der Begegnungen“ in eine ganz eigene Welt. Eine Sammlerin von a) flüchtigen und b) folgenreichen Begegnungen hält vor genau einem Zuhörer einen Vortrag über ihre Sammlung und den Gegenstand derselben. Erstere hat sie tatsächlich, und zwar mittels eines Fotoapparates, festgehalten und eine Auswahl davon in der Ausstellung, letztere, tja, wie nur konserviert, verewigt, ausgestellt, da sie sich ja eben nicht auf einen Augenblick beschränken. Der Zuhörer erweist sich im Anschluss als eine jener folgenreicheren Begegnungen, die Geschichte als eine Art perpetuum mobile des Erzählens und des Lebens …

Wolfgang Weber erzählt so gut wie nie. Er wirbelt auf. Worte, Titel, Verkettungen, Verbindungen, sprachlich, bildlich, gestisch, musikalisch. „Animalisch“ hieß sein Text, und als er darin ein ums andere Mal die Zeile „I’m an animal“ von Eric Burdon zitierte, verschmolz er mit seinem wüsten Haar in seinen Perkussionsbewegungen mit Kalebasse tatsächlich in der Assoziationswelt zu dem Muppet-Schlagzeuger „Animal“ – was ich ausdrücklich als Kompliment gemeint haben will. Ich bin ein Tier! „Ich habe keine Fragen mehr an die Sache“, sagte eine Zuschauerin anschließend.

Der Notdienst-Arzt, der sich in meiner anschließenden Geschichte „Oeverdings Sammlung“ auf den nächtlichen Weg zu einem Patienten macht, betritt wiederum auch eine fremde Welt, in der ihn allerdings ein sehr, sehr alter Bekannter erwartet. (S)ein ehemaliger Professor von der Kunstakademie benötigt ärztliche Hilfe, der ehemalige abgebrochene Kunststudent und nachfolgende Mediziner eine gewaltige Portion Selbstbeherrschung, als er sieht, woraus die sagenumwobene Sammlung seines alten Profs besteht. Sehr berührt haben mich die mannigfaltigen Sichtweisen des Publikums auf die Geschichte, was sie in ihnen ausgelöst hat, woran sie dabei gedacht haben. Herzlichen Dank!

Der zweite Teil des Abends bescherte uns mit der Geburtshilfe unseres geschätzten Moderators Leovinus einen neuen Themenbeauftragten, und zwar für Januar 2019 – weil der Dezembertermin auf Heiligabend und damit aus – fällt. Wolfgang Weber wird das Thema „Spekulationen“ aufwirbeln. Wir warten gespannt!

Marcel Kröner – in seinem SNN-Debüt – las den zweiten Teil an und präsentierte einige lyrische Ausflüge – oder sagen wir Törns/Tauchgänge/Bahnen – um das Schwimmen und seine weiten Assoziationsfelder. „Freischwimmen“ – der Aufbruch zu neuen Ufern, „Stunde der Heimkehr“ – um den Ur-Helden des Homer, „Vom Schwimmen in der Blase“ – die, in der wir alle einmal schwammen, „Acheron“ – unter Verwendung „geliehener Zeilen“ und „Nichtschwimmerin Ophelia“ – zu der jemand anmerkte, es sei eine „literarische Charade“. Auf jeden Fall schwimmfähig und weit davon entfernt, abzusaufen, diese Lyrik, die wieder neue Türen aufmachte auf der Lesebühne.

Alltäglichstes, ja beinahe Nichtiges, so würden manche das nennen, worüber Barbara schreibt. Und sie hätten wohl Recht damit. ABER: Im Kleinsten, Unscheinbarsten das Besondere, das Auffällige und Bedeutsame zu erkennen, das ist eine echte Kunst. Und das dann so lakonisch, knapp und treffend erzählen zu können wie Barbara, das macht sie zu einer echten Künstlerin. Bei ihrem heutigen Besuch hatte sie von Begegnungen mit Berliner Taxifahrern zu erzählen – „Der Braune“ (Farbige), „Hodensack wie ein Bulle“ (genau das), „Die Leiden eines sportlichen Taxifahrers“ (wenn man sich die Schambeinentzündung mit einem Top-Sportler wie Reus zuteilen glaubt), „Der Pakistani“ (der ohne jede Orientierung arbeitet – was er wiederum mit vielen Berufstätigen gemeinsam hat) – höchst unterhaltsam und berührend.

Oliver – ein weiterer Wiederkehrer – legte uns mit seiner knappen, genauen Lyrik „Biografien von Idioten“ auf den Tisch. Vom Einstecker „Stefan Stamm“, von der „Morgenandacht“ in der Kneipe mit den Müllmännern, von Jugendfreund „Rolfi“ mit zu großen Schneidezähnen, von Bolt (hoffentlich richtg geschrieben), der irgendwo in Asien oder Osteuropa Brückenbauten betreut. Was manche (nicht alle!) als Spott ansahen, kam mir doch eher vor wie eine Würdigung von Menschen, die es eben nicht ganz auf die Reihe kriegen: eine kleine Galerie von pointierten Loser-Portraits.

Das zweite Debüt dieses Abends: Ava Sergeeva. Sie stellte uns einen Auszug aus ihrem ersten Roman „Ich bin Merkur“, der bei Periplaneta erschienen ist. (Irgendwo muss es einen unterirdischen Gang zwischen Periplaneta und dem Zimmer 16 geben, es tauchen immer wieder neue, interessante Autor*innen von dort auf.) Es war/ist wohl ein biografischer Roman, also eine Lebensgeschichte – ob fiktiv oder nicht, spielt keine große Rolle – erzählt aus der Perspektive eines männlichen Protagonisten (oder vielleicht auch nicht?) mit Vorliebe für multipersonale Rollenexistenzen, Pen & Paper und echte Fantasy-Rollenspiele. Worauf alles hinausläuft, war in diesem kurzen Ausschnitt naturgemäß nicht zu erfahren, aber beziehungsdynamisch scheint einiges Schwarzpulver drin zu stecken – also Amulette und Zauberschwerter bereithalten und auf in den Kampf.

Wir sehen uns am 26. November zur letzten Lesebühne 2018. Bis dahin: schreibt, was das Zeug hält!

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Ein Kommentar zu “Die Welt ist eine Erzählbar

  1. Pingback: Ava Sergeeva im monatlichen Fotobericht des Zimmer 16! | Ava Sergeeva

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