Vegansexuell

Was für eine wunderbare Lesebühne diese 126. doch war. Zum einen freute mich natürlich der Zuspruch, den mein eigener Text erhielt, zum anderen freut mich der wachsende Zuspruch der Lesebühne selbst. Herzlichen Dank an dieser Stelle ans Zimmer 16 und all die Helfer, die diesen Abend erst möglich machen. Dank aber auch an all die Lesenden und Zuhörer. Zwölf Bewerber gab es für einen Platz am Tisch. Da inklusive Themenbeauftragtem aber nur acht lesen können, musste das Los entscheiden, und Eva, Petra, Steffen und Wolfgang hatten diesmal kein Glück bei unserer Lottofee, die Leovinus hieß und uns charmant durch den Abend geleitete, auch wenn er genderkonform eher ein Feenrich war. Da Micha im Urlaub weilte, übernahm ich auch die Fotografie. Bitte also um Verzeihung, habe nur mit dem Handy geknipst; auch wenn es ein gylaxa 8 ist, sind natürlich die Fotos niemals so schön wie Michas.
Der Abend begann mit der Themenbeauftragten Vera Fang zum Thema „Stoppschild“. Wir erfuhren, dass das Stoppschild in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert, jedenfalls in Deutschland. Vera begann mit der Art, wie sie sich dem Thema genähert hat, nämlich ungewöhnlicherweise über google, um uns am Ende eine kleine Geschichte vom Traum nach der Recherche zu präsentieren, in dem ein Stoppschild u.a. traurig darüber ist, dass kein Kind sich zu Halloween (oder war es Fasching) als solches verkleidet. Auf die Kritik, dass der Rechercheweg an sich nicht zur Geschichte gehört, reagierte Vera mit dem bis zu diesem Zeitpunkt vorenthaltenen Titel: „Wie eine Geschichte entsteht“.
Danach kam der Stefan und las seine poetischen Kleinodien. „muss irgendwer im Süden hocken mit meinem Schal und dicken Socken“ schaffte ich mir zu notieren „und ist das µ auf seine Weise Pantoffeltierchens größte Reise“. Ich kann zu Stefans Gedichten nicht allzu viel sagen außer, dass ich sie liebe. Sie geben den Kleinigkeiten einen gefälligen Rhythmus, der mir unwillkürlich ein freudiges Gefühl verschafft, mich ein bisschen glücklicher macht, meinen Wert auf der Glücksskala unmittelbar um ein bis zwei Punkte hebt. Was ein mehr oder weniger eleganter Übergang zum nächsten Lesenden,

nämlich
mir, ist. Frank Georg Schlosser (ich stelle mich mal neben mich) las die Geschichte „Glücksskala“ und sie ist, scheint mir, gut angekommen. Es gab eine lebhafte Diskussion und verschiedene Vorschläge, wie die unvollendete Geschichte enden könnte. Dafür dankt der Autor, weil wirklich bedenkenswerte Ideen darunter waren, wie er findet.
Der letzte Lesende vor der Pause war der Max. Er las aus seinem Werk „53 verdammt gute Tipps“, in dem er seine eigenen Probleme, wie er sagte, einer Lösung zuführte und es hätte geholfen, ihm ginge es schon viel besser. Zum Beispiel gab er sich den Rat, die verzweifelte Suche nach dem perfekten Platz im Kino aufzugeben und sich hinten an den Rand zu setzen, weil das der einzige Platz ist, wo ein Typ wie er (Perfektionist) den Film genießen kann. Oder noch besser: der ewige Kampf mit den Gästen, dass sie den Designerteppich nicht vollkrümeln, bekleckern, mit ihren Schuhen verhunzen, dadurch aufzulösen, dass er mit der Zigarette selbst ein Brandloch hineinzaubert, welchselbiges übrigens der schwarze Punkt auf der weißen Fläche des Jin und Jang-Symbols ist. Wusste ich nicht, fand ich aber sehr interessant und passend.
Dann gab es die Pause. Nach der Pause wurde der Themenbeauftragte für den Monat November gesucht und es meldete sich Steffen Meyer. Ein Tusch für Steffen. All unsere guten Wünsche begleiten dich für das Thema „Wie lernt man fliegen?“ Bin sehr gespannt, kann man bestimmt auch was googeln 😉
Dann las die Barbara kleine Miniaturen aus der täglichen Welt der U-Bahn, der Kaufhallen, der Taxis. Es war eine Eloge auf das aufmerksame tägliche Hinsehen, was um uns herum so geschieht. Sie setzt mit ihren Geschichtchen kleine Denkmäler für die Helden und Antihelden des Alltags: der MOZ-Verkäufer, der kein Geld will, sondern ein Lächeln und Beides bekommt; zwei kleine alte Damen, die sich an einem Einkaufswagen festhaltend durch den Supermarkt (wollte schon wieder Kaufhalle schreiben) schieben und in wortloser Einigkeit beschließen, was sie wollen und was sie sich leisten können; der Taxifahrer, der nichts gegen Flüchtlinge hat, sich aber schon wundert, wie die vierundzwanzig Euro für eine Taxifahrt ausgeben können; und eine Frau, die ihre Pflanze in der U-Bahn spazieren fährt und zu einem wildfremden Mann sagt: „Ich wusste schon immer, dass ich verloren bin.“ Ihre Geschichten kann man nachlesen in „b.geschichten.myblog.de“. Hoffe, ich habe das richtig aufgenommen.
Wolfgang Ebel „Sprache und Realität“ trug seine Geschichte sehr vehement vor, und ich muss gestehen, dass die Heftigkeit des Vortrages es mir schwer machte, inhaltlich bei ihm zu bleiben. Das tut mir leid, obwohl ich das Abschlussbild sehr schön fand, wie sie ohne Sauerstoffgerät den Achttausender bezwingt und am Gipfelkreuz ihrem Führer die Maske vom Gesicht reißt um ihn zu küssen, was dazu führt, dass er, plötzlich des Sauerstoffs beraubt, taumelt und über verschiedene Klippen und Spalten in die Tiefe stürzt. Sie streichelte das Kreuz der Realität, es lastet auf ihrer Seele, die achttausend Meter auf dem Grund des Ozeans liegt, was eine Entfernung von 16.000 Meter zwischen Körper und Seele schafft. In der Diskussion verwies der Wolfgang auf den Essay „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ von Kleist, was wohl die rasanten Sprünge in seinem Text erklären sollte.
Als siebter las der Matthias, der mich mit einer alten Geschichte wieder sehr froh machte. Es ging um den luziden Zustand zwischen Wachen und Schlafen und das Gefühl, neue Körperteile an Stellen zu haben, wo sie nicht hingehören. Es gab so sinnige Sätze wie „Ich hasse Kinder, schon gleich meine eigenen.“ Oder: „Ich schlafe nie nackt, dafür bin ich viel zu hässlich.“ Oder ähnlich: „Die Suche nach einem Spiegel gebe ich auf. Habe sie alle mit Rücksicht auf mein Wohlbefinden zugehängt.“ Irgendwer sagte in der Diskussion, der Matthias dürfe auch wieder traurig werden, meinetwegen, solange er nur jedes vierte bis siebte Mal so etwas drastisch Lustiges raushaut. U.a. gab es einen Baumstamm im Bett, was Leovinus in der Abmoderation zu dem Begriff „vegansexuell“ verführte. Siehste! Kennt er nicht. Macht er mir eine rote Kringellinie drunter. Aber „Siehste“ kennt er auch nicht, und das hat doch Pittiplatsch immer gesagt, oder?
Als Letzter des Abends wurde der Ralf gelost, der eine Geschichte aus seinem Grimmatorium las. Sie spielte in einem Plattenbau, der als Auffangstation für aus ihrer Heimat geflohene Wörter diente. Die Zeit des Brauchens ist vorbei, sagte einer der Protagonisten, der als Polizist auf den Namen Räuber hörte. Es gab die Richterin Eiserne Jungfrau, die einzige, die Sexist die Stirn bietet. In der Diskussion wurde viel darüber gesprochen, ob die Geschichte das Thema nicht ein bisschen verschenkt, weil sie zu sehr an der Oberfläche bleibt (was immer das ist), und nicht die Frage beantwortet, warum ausgerechnet diese Wörter da sind. Ich persönlich denke auch, dass die Idee Potenzial hat, die Protagonisten aber mehr Persönlichkeit bräuchten. Ich glaube, es steckt zu sehr im Wortwitz fest und nicht im Schicksal oder der Not der Mitwirkenden. Aber damit müssen wir den Ralf jetzt allein lassen, denn nur im Alleinsein kann der Autor die Wunder schaffen, von denen wir auf der nächsten offenen Lesebühne SoNochNie! viele neue zu hören hoffen. Am 22. Oktober ist es wieder soweit, wenn die einzige Lesebühne mit einer Hymne erneut an der Eieruhr dreht.
Bis dahin: gehabt euch wohl.
Euer

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