Björn ist ein schwäbischer Name

Am Montag war der Feind im Zimmer 16. Und es stellte sich wieder einmal heraus: Er ist gar nicht feindlich, man versteht bloß seine Sprache nicht.

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Eine Beauftragtengeschichte komplett auf Schwäbisch! Ja weiß denn dieser Björn Reich nicht, wo er ist? Pankow! Gut, Schwaben werden in Pankow, anders als in Prenzlauer Berg, von den nicht schwäbischen EinwohnerInnen nicht ganz so wie einst die Wehrmacht von den Holländern angesehen, aber trotzdem … Mut hat er also, sogar doppelt, immerhin gab er sein Beauftragtendebüt bei SoNochNie. Wir hatten schon Dänisch und andere wild-exotische Zungen auf der Lesebühne, aber so viel wurde über die (Un)Verständlichkeit einer Sprache noch nie diskutiert! Doch ein heimseliges Geschwärme wurde er nicht, sein Text zum Publikumsthema „Was ist Heimat“, sondern ein leise ironischer Erinnerungsspaziergang durch die Untiefen des Provinzlebens.
Warmbronn, Ort seiner Kindheit, lauschiges Plätzchen bei Leonberg, Heimat auch des Dichters Christian Wagner, welcher von den Warmbronnern erst posthum u.a. mit einem Brunnen geehrt wurde, weil er ihnen zu Lebzeiten wohl doch zu viel unnütz herumgesessen haben muss, statt „zu schaffe“ bloß gedichtet hat. Die 20 Pfennige pro Tag für den Schulweg, die für saure Schlangen „Schlotzer“ (Lutscher) draufgingen. Auf dem heimatlichen Hof ein Massenmord an sämtlichen 92 „Hase“ (bestimmt Kaninchen), weil eben dieser Hof vom Opa aufgegeben wurde und niemand weitermachen wollte, sondern lieber schnell, schnell raus mit dem eigenen Auto, das jeder haben musste. In der Rückschau auf die heute eher verwaisten Pfade zur alten Schule und durch das Dorf vorbei am Wagner-Brunnen erscheint das Leben nun trotzdem „oifach, aber doch schee“.
„Ich habe nur fünfzig Prozent verstanden!“ war die erste Reaktion aus dem Publikum, die zweite, sich darauf beziehende: „Glückwunsch!“ – welche aber nicht hieß, es sei gut, nur die Hälfte verstanden zu haben, sondern ehrliche Bewunderung für die Übersetzungsleistung ausdrückte. Ich war, ich gebe es zu, etwas stolz darauf, quasi alles von Björns Text verstanden zu haben, was an meiner südwestdeutschen Teilbiografie liegt, und was mir das Vergnügen an den hintergründigen Schilderungen aus dem Ländle nur noch vergrößert hat. Danke, Herr Themenbeauftragter, die Urkunde ist mehr als verdient.

SNN-Debütant Henrik Lode las Hochdeutsch. Einen Auszug aus seinem Buch (Roman?) „Laotse im Schlaraffenland“, in dem es um zwei Gewinner je eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“ geht. Eine Szene führte in ein Büro in einem Job-Center, in dem der eine Gewinner seinen Businessplan für Vollkorn-Döner anzubringen versucht – was nicht einfach ist, u. a. weil die Vermittlerin zu vielem eine Meinung, aber keine klare Vorstellung der eigenen Kompetenzen hat – was eine Entscheidung seitens des Job-Centers deutlich erschwert. Oder lag es doch an der Geschäftsidee, irgendeinen „Türkendaddy mit Plautze“ hinter den Tresen zu stellen und dies der türkischstämmigen Vermittlerin auch mit genau diesen Worten mitzuteilen? Im Publikum wollte man dann gerne mehr erfahren über die Geschichte und fand, einen Protagonisten zu schreiben, der nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, zeugt von einem gewissen Mut.

Hinaus aus Berlin zog es/uns dann wieder Octavia Wolle mit ihrem Essay über Erinnerungen an die Uckermark, für sie zweite Heimat nach oder neben Berlin-Mitte. Mehrere Jahre, noch vor dem Mauerfall, lebte sie dort, beobachtete Wildgänse auf dem See, hörte Hundekonzerte in den Dörfern, fing die Stimmen wachsamer Gänse ein, ließ sich von einem Fasan begrüßen, betrachtete Störche und Kraniche. Sie zitierte für uns aber auch Wikipedia, Bernhard Schlink und die Bibel, sodass es kein rein melancholisches Abtauchen wurde in eine Zeit und Gegend, die wirkte „als stünde die Erschaffung des Menschen noch bevor“. Und sie zitierte „Hänschen klein“: und zwar alle Strophen, unverkürzt/-verfälscht, denn in der Langfassung kehrt Hänschen nicht auf dem Absatz um, sondern erst nach sieben Jahren, als Hans, und wird nur von der Mutter noch erkannt. Was das nun zu bedeuten hat, darüber wurde kräftig diskutiert. Der geschliffene Text Octavias und die genauen Beobachtungen darin war manchen genug, auch ohne Wikipedia, und manche schätzten gerade die Mischung.

Ebenfalls erinnern mochte sich Elmar Grüber, allerdings an seine Heimat, die Eifel. Den Text hatte er, so sagte Elmar, noch niemals vor Publikum gelesen, obwohl er aus den Neunzigern stammt (der Text, nicht Elmar). „Der erste Kuss“ hieß seine absurd-hochkomische Episode, die, na? vom allerersten Kuss handelte, wie es dazu kam, was davor und dabei und danach schiefging (so einiges – wir sind in der stockkatholischen EIFEL!) und wer da noch mit zu tun hatte (dito). Das Ganze erzählte er mit immer wieder verblüffenden und wunderhübschen Verdrehungen, Wortumstellungen, Neuwendungen, die mehr sagten und witziger waren als plumpes Deutsch: „Ich verliebte dich in mich“ – noch Fragen?

Die Rückkehr aus der PAUSE brachte uns ein weiteres Debüt: Octavia Wolle erklärte sich bereit, am 22. Oktober unsere übernächste Themenbeauftragte zu werden, und loste  aus den Publikumsvorschlägen ihr Thema: „Die Erzählbarkeit der Welt“ – Wir werden alle da sein und lauschen!

Matthias Rische reimte. Und wer Matthias kennt, der kann sich denken, dass es keine süßen Reime waren. Er reimte von einem Schul-Amokläufer und von einem psychisch Kranken, der erst zum Mörder und dann zum Selbstmörder wird. Wir diskutierten, ob es mehr Wilhelm Busch oder Struwwelpeter-Reime waren. Das ist gruselig, oder?!? Das IST gruselig! Aber echt spannend. Der dritte seiner Texte war nicht einfach zu verstehen, denn es sprachen – wie er hinterher enthüllte – mehrere innere Stimmen einer gefährdeten Person, genauer gesagt, eines Missbrauchsopfers. Letzteres haben wir kapiert, ersteres eher nicht, vermuteten WG-GenossInnen oder Therapeuten, was dem Text aber kaum schadete.

Nun folgte mit Wolfgang Eubel eher eine Art Performance: „Movens!“ rief er noch aus dem Zuschauerraum, rezitierte sich bis zum Tisch vor und ließ an Wort – und Klangspieler denken wie Jandl. Doch das setzte er nicht ganz so fort, blieb jedoch beim humoristisch-wortspielerischen Vortrag – erst über Vampire, dann über die „Wende“, endend mit dem Ausruf: „Duck – mäu – ser!“ An die „Erzählbarkeit der Welt“ mag er ja nicht glauben (von ihm stammte das Thema, gab er zu), an ihre Eignung als Darstellungs- und Echoraum muss er glauben, sonst hätte er nicht diese gestische, rhythmische Art des Vortrags gewählt.

Mit rhythmischem Vortrag kennt sich Wolfgang Weber auch aus – auf seine unverwechselbare, etwas anarchische Art allerdings. Die „intergalaktische Schönheit“ hatte es ihm angetan, und mit der „Augenbrauenrakete“ zischte er durch Beauty-Slogans, Popmusikgeschichte und freie Wortassoziationen, dass ich hier und da sogar den Maulwurf zu hören glaubte („Tschüssn!“), der irgendwo zwischen Wolfgangs mitgebrachten Utensilien (Mini-Schultüte, Kinder-Mikrofon, Beauty-Prospekt, Rhythmus-Döschen) versteckt sein musste, aber nicht war. Wozu braucht Wolfgang auch einen Maulwurf!

Ein weiteres SNN-Debüt schloss den Abend ab: Dschamilja schreibt (auch im eigenen Blog) „a Nonsens, b Lyrik, c deep stuff“. Aus der ersten Rubrik trug sie „Gestern Nacht“ vor, welche nur wegen falsch gedrehter Bettdecke eine schlaflose geworden war. Aus der zweiten „1 Tag, 2 Gesichter“, eine Art gereimter Selbstzweifel, und aus der dritten „Wenn dich der Tango küsst“, ein emotionales Transkript, entstanden während eines Konzertbesuches. Ihre Texte riefen gemischte Reaktionen hervor, auf jeden Fall kurze, was wohl auch der fortgeschrittenen Zeit zuzurechnen war, denn wieder einmal war unsere Leseliste voll bis auf den letzten, ihren, den achten Platz geworden und auch die Reihen der Zuschauer/Mitreder/Selbstleser/Schreiber noch gefüllt zu dieser späten Stunde. Eine hochinteressante Offene Lesebühne, diese 125. von allen. Zur 126. am 24. September erwarten wir Sie wieder im Zimmer 16!

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Ein Kommentar zu “Björn ist ein schwäbischer Name

  1. Pingback: Laotse in Pankow | Henrik Lode

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