Wenn Worte um Asyl bitten

So oft in einem Beauftragtentext wie diesem kam ein Thema bei So noch nie sicher noch nie vor. Das lag vor allem daran, dass das Thema für den Juli-Beauftragten Ralph Mönius aus einem einzelnen Wort – Stehlampe – bestand und dieses Wort selbst die Hauptfigur seiner Geschichte war, welche verzweifelt versucht, sich nach überstandener Flucht aus einer Wort-Diktatur unter ihrem Namen – Stehlampe – beim Meldeamt registrieren zu lassen. So fällt sowohl die Bezeichnung als auch der Name dieser Hauptfigur praktisch unentwegt. Das Meldeamt hat natürlich Probleme mit einem Namen ohne Vor- und Nachnamen, weshalb man sich bis zu Bundeskanzlerin und EU-Präsident durchtelefoniert und schließlich zur allerhöchsten Instanz – der IT. (Ralph siedelte seine Geschichte in seinem höchsteigenen „Grimmatorium„-Universum an, in dem noch eine ganze Reihe anderer humoristischer Geschichten zu Hause sind.) Eine skurrile, originelle Story, ein würdiger Empfänger der Themenbeauftragten-Ehrenurkunde von So noch nie!

Das Foto in diesem Bericht, das Joachim Wolter beim Vortrag seiner Geschichte „Ikarus“ zeigt, ist nicht zufällig etwas unscharf, bzw. auf eine Nebensächlichkeit fokussiert. Denn ebenso erschien sein Text allzu oft, in dem er den Blick auf Unwichtiges wie Hotelzimmer und Tischdecken lenkte und dem Eigentlichen dadurch zu wenig Raum – und Tiefe – überließ. Ein Mann reist auf eine griechische Insel und hadert dort mit einer vergangenen Liebe, die durch seinen eigenen Verrat ein Ende fand. Ein wahrhaftiger Alphornspieler reißt ihn aus seinem Verdruss und gibt seinen Gedanken eine neue, positive Richtung. Das intensive innere Erleben, die Not, Verzweiflung und Erleichterung des Protagonisten waren zwar zu erahnen, gestaltet hat Joachim sie aber nicht so konsequent wie es die Geschichte verdient gehabt hätte.

Japluap legte wieder einmal eine mehrminütige Windows-XP-Stromanschluss-und-Start-Performance mit seinem prähistorischen Laptop hin, bevor wir seinem durchaus gedankentiefen Text lauschen durften, was allerdings nicht wenigen der Anwesenden von seinem leisen und oft undeutlichen Vortrag erschwert wurde. Dass trotzdem die lyrischen und inhaltlichen Qualitäten des assoziativ-sprachspielerischen Gedichtes erkannt wurden, spricht ohne Zweifel für den Autor und sein Werk, das, Achtung: „trotzdem“ hieß und sich dem Trotz, bzw. dem „Leben im Trotz“ aus mehreren Richtungen näherte. (So wie der trotzige Laptop auch …)

Die Wahl des/der nächsten Themenbeauftragten folgte und konfrontierte uns alle mit einem seltenen Ereignis (dies schreibe ich am Abend der weniger seltenen Mondfinsternis!): ZWEI BERWERBERINNEN! GLEICHZEITIG! KAMPFKANDIDATUR! LOSENTSCHEID! Um es kurz zu machen: Vera Fang machte das Rennen und loste auch gleich ihr Thema aus den Publikumsvorschlägen: „Stoppschild“. Am 24. September wird sie es auf der Bühne im Zimmer 16 auf – bzw. – vorstellen. Wir sind flitzbogengespannt! (Es war – nicht nur für diesen drückend heißen Ferien-Sommerabend – pickepackevoll im Zimmer 16, und wenn das dann bedeutet, dass sich gleich mehrere als TB bewerben, dann soll das gern alles so bleiben!)

Als erster Leser nach der Pause durfte ich – endlich, nach einer langwierigen Verlagssuche – meinen soeben erschienenen neuen Roman „In uns ist Licht“ vorstellen, der schon während seiner Entstehung das eine oder andere Mal auf der Lesebühne zu hören gewesen war und den Bemerkungen der Kollegen und des Publikums auch etliche Anregungen verdankt – also danke auch hier nochmal von Herzen. Ich wählte drei Teile aus, die für den Inhalt exemplarisch stehen können, ein erzählender Prosatext des heutigen Protagonisten und zwei Briefe der beiden Charaktere aus dem 19. Jahrhundert. Zu meiner Freude schien die scheinbar unzusammenhängende Auswahl und die Themen (Asyl, Porzellan, Frauenrechte) die Zuhörer nicht zu irritieren, sondern eher neugierig auf mehr zu machen. Wer also mehr erfahren oder lesen will, findet das wunderschön gestaltete Buch überall im Buchhandel, ich empfehle diesen autorenfreudlichen Shop (same price, more money for the artist)

„Sommer mit Libellen“ nannte Matthias Rische seinen atmosphärisch und emotional außerordentlich dichten Text über einen Jugendlichen, der unter der allzu körperlichen und sexuell aufgeladenen Beziehung leidet, die seine – alleinstehende – Mutter zu ihm pflegt. Er sucht einen Ausweg, findet ihn erst im Zeichnen von Insekten, dann aber, aus der Hilflosigkeit heraus, im Versuch, den vielen einst in einem See verschwundenen Kindern zu folgen – der glücklicherweise scheitert. Dass die Diskussion, ausgehend von einem Publikumsbeitrag, zeitweise darum ging, sexuelle Beziehungen zwischen Müttern und ihren Kindern doch bitte positiver darzustellen als im vorliegenden Fall, verblüffte sicher nicht nur mich.

Wolfgang Weber improvisierte zu Notaten: „Blueprint – Blaupause“ hieß sein … Vortrag, den er, wie die meisten seiner anderen Werke, als „rhythmischen Text“ bezeichnet – was zweifellos eine treffende Wahl ist. Um das Album „Blueprint“ von Rory Gallagjher herum entrollte sich hier eine Wortspirale um Blaupausen, Schultüten, Schulpausen, Rockmusik, assoziativ und – rhythmisch. Ein echter Weber eben, notiert anlässlich eines Aufrufs im Internet zum Thema „Pause“. Hier war nun aber keine Pause, sondern SCHLUSS.

Wir sehen uns wieder am 27. August im Zimmer 16, wenn der Themenbeauftragte Björn Reich seinen Text zu „was ist heimat“ vorstellt!

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